»Wo wär’ die sel’ge Insel wohl zu finden?«
Schiller, Wilhelm Tell.
III. Aufzug. 2. Scene.
Erstes Kapitel.
Nicht ohne Grund fürchtete und hoffte Freund und Feind in diesem
Augenblick schwere Gefahren für das junge Gotenreich. Noch waren es nicht
vierzig Jahre, daß Theoderich im Auftrag des Kaisers von Byzanz mit seinem
Volk den Isonzo überschritten und dem tapfern Abenteurer Odovakar, den ein
Aufstand der germanischen Söldner auf den Thron des Abendlands erhoben,
Krone und Leben entrissen hatte. Alle Weisheit und Größe des Königs hatte
nicht die Unsicherheit beseitigen können, die in der Natur seiner mehr
kühnen als besonnenen Schöpfung lag. Trotz der Milde seiner Regierung
fühlten die Italier – und wir wollen uns hüten, solche Gesinnung zu
verdammen – aufs tiefste die Schmach der Fremdherrschaft. Und diese
Fremden waren als Barbaren und Ketzer doppelt verhaßt. Nach der Auffassung
jener Zeit galten das weströmische und das oströmische Reich als eine
unteilbare Einheit und, nachdem die Kaiserwürde im Occident erloschen,
erschien der oströmische Kaiser als der einzige rechtmäßige Herr des
Abendlands. Nach Byzanz also waren die Augen aller römischen Patrioten,
aller rechtgläubigen Katholiken von Italien gerichtet: von Byzanz
erhofften sie Befreiung aus dem Joche der Ketzer, der Barbaren, Tyrannen.
Und Byzanz hatte Macht und Neigung, diese Hoffnung zu erfüllen. Waren auch
die Unterthanen des Imperators nicht mehr die Römer Cäsars oder Trajans: –
noch gebot das Ostreich über eine sehr ansehnliche, den Goten durch alle
Mittel der Bildung und eines lang bestehenden Staatswesens unendlich
überlegene Macht.
An der Lust aber, diese Überlegenheit zur Vernichtung des Barbarenreiches
zu gebrauchen, konnte es nicht fehlen, da das Verhältnis beider Staaten
von vornherein auf Überlistung, Mißtrauen und geheimen Haß gegründet war.
Vor ihrem Abzug nach Italien hatte die Goten, in den Donauländern
angesiedelt, an Byzanz ein für beide Teile unerfreuliches Bundesverhältnis
geknüpft, das in Folge des Ehrgeizes ihrer Könige, mehr noch der
Treulosigkeit der Kaiser, fast alle paar Jahre in offnen Krieg zwischen
den ungleichartigen Verbündeten umschlug: wiederholt hatte Theoderich,
obwohl in Zeiten der Aussöhnung mit den höchsten Ehren des Reiches, mit
den Titeln Konsul, Patricius, Adoptivsohn des Kaisers ausgezeichnet, seine
Waffen bis vor die Thore der Kaiserstadt getragen.
Um diesen steten Reibungen ein Ende zu machen, hatte Kaiser Zeno, ein
feiner Diplomat, das echt byzantinische Auskunftsmittel getroffen, den
lästigen Gotenkönig mit seinem Volk dadurch aus der gefährlichen
Nachbarschaft zu entfernen, daß er ihm als ein Danaërgeschenk Italien
übertrug, das erst dem eisernen Arm des Helden Odovakar entrissen werden
mußte.
In der That, wie immer der Kampf zwischen den beiden deutschen Fürsten
enden mochte: Byzanz mußte immer gewinnen. Siegte Odovakar, so waren die
Goten und ihr furchtbarer König, denen man schöne Provinzen und schwere
Jahrgelder hatte überlassen müssen, für immer beseitigt. Siegte
Theoderich, nun, so war ein Anmaßer, den man zu Byzanz niemals anerkannt
hatte, gestürzt und gestraft: und da Theoderich im Namen und Auftrag des
Kaisers siegen und als Statthalter herrschen sollte, durch eine ruhmvolle
Eroberung das Abendland wieder mit dem Ostreich vereinigt.
Aber der Ausgang des feinen Planes war doch nicht der erwünschte. Denn als
Theoderich gesiegt und sein Reich in Italien gegründet hatte, entfaltete
sich alsbald die ganze Großartigkeit seines Geistes und erwarb ihm eine
Stellung, in der, bei aller Höflichkeit in den Formen, doch jede
Abhängigkeit von Byzanz völlig verschwand.
Nur wo es ihm diente, so, um die Abneigung der Italier zu schwächen,
berief er sich formell auf jenen Auftrag des Kaisers: in Wahrheit aber
herrschte er auch über die Italier wie über seine Goten nicht als
Statthalter und im Namen des Byzantiners, sondern kraft eignen Rechts,
kraft seines Sieges, als »König der Goten und Italier«. Dies führte
natürlich zu Mißhelligkeiten mit dem Kaiser, die wiederholt in offnen
Krieg zwischen den beiden Reichen aufloderten. Es war also kein Zweifel,
daß man zu Byzanz sehr bereit war, dem Seufzen Italiens nach Abwerfung des
Barbarenjoches ein Ende zu bringen, so wie man sich stark genug fühlte.
Und die Goten hatten keine Bundesgenossen gegen diese innern und äußern
Feinde. Denn Theoderichs Ruhm und Ansehen und seine Politik der
Verschwägerung mit allen Germanenfürsten hatten ihm doch nur eine Art
moralischen Protektorats, keine sichre Verstärkung seiner Macht
verschaffen können.
Es fehlte dem Gotenreich, das eine geniale Persönlichkeit allzuverwegen
und vertrausam mitten in das Herz der römischen Bildungswelt gepflanzt
hatte, der unmittelbare Zusammenhang mit noch nicht romanisierten
Volkskräften, es fehlte der Nachschub an frischen germanischen Elementen,
der das gleichzeitig entstehende Reich der Franken immer wieder verjüngt
und wenigstens dessen nordöstliche Teile vor der mit der Romanisierung
verbundenen Fäulnis bewahrt hatte, während die kleine gotische Insel, auf
allen Seiten von den feindlichen Wellen des römischen Lebens umspült und
benagt, diesen gegenüber von Jahr zu Jahr zusammenschmolz.
So lange Theoderich, der gewaltige Schöpfer dieses gewagten Werkes lebte,
blendete der Glanz seines Namens über die Gefahren und Blößen seiner
Schöpfung.
Aber mit Recht zitterte man vor dem Augenblick, da das Steuer dieses
gefährdeten Schiffes in die Hand eines Weibes oder eines kranken Jünglings
übergehen sollte: Aufstände der Italier, Einmischung des Kaisers, Abfall
der unterworfnen, Angriffe der feindlichen Barbarenstämme waren zu
besorgen. Wenn der gefährliche Augenblick gleichwohl ruhig vorüberging, so
war dies vor allem der unermüdlich eifrigen und vorsorglichen Thätigkeit
zu danken, die Cassiodor, des Königs Freund und lang bewährter Minister,
schon seit Wochen entfaltet hatte und jetzt, nach dem Tode Theoderichs,
verdoppelte. Um die Italier in Ruhe zu erhalten, ward sofort ein Manifest
erlassen, das die Thronbesteigung Athalarichs, unter Vormundschaft seiner
Mutter, als eine bereits vollendete und in aller Ruhe vollzogene Thatsache
Italien und den Provinzen verkündete. Sofort auch wurden in alle Teile des
Reiches Beamte entsendet, die den Huldigungseid der Bevölkerung
entgegennehmen, aber auch im Namen des jungen Königs eidlich geloben
sollten, daß die neue Regierung alle Rechte und Freiheiten der Italier und
Provinzialen achten und in allen Stücken die Milde, ja Vorliebe des großen
Toten für seine römischen Unterthanen zum Muster nehmen werde.
Gleichzeitig wurde aber auch dafür gesorgt, daß eine Furcht gebietende
Entfaltung der gotischen Heeresmacht an den Grenzen und in den wichtigsten
oder unruhigsten Städten des Reiches äußeren und inneren Gegnern die Lust
zu Feindseligkeiten vertreibe, während mit dem Kaiserhof das gute
Vernehmen durch Gesandtschaften und Briefe sehr verbindlicher Haltung
befestigt oder erneuert wurde.
Zweites Kapitel.
Neben Cassiodor war es nun aber vor allen Ein Mann, der in jenen Tagen des
Übergangs eine bedeutende und, wie es der Regentschaft schien,
hochverdienstliche Rolle spielte.
Das war kein andrer als Cethegus.
Er hatte das wichtige Amt eines Stadtpräfekten von Rom übernommen. Er war,
sowie der König die Augen geschlossen, spornstreichs aus dem Palast und
den Thoren von Ravenna nach der ihm anvertrauten Tiberstadt geeilt und
dort vor aller Kunde des Geschehenen eingetroffen.
Sofort, noch eh’ der Tag angebrochen, hatte er die Senatoren in dem
»Senatus«, d. h. dem geschaffenen Hallenbau Domitians nahe dem Janus
Geminus, rechtsab vom Severusbogen, versammelt, darauf das Gebäude mit
gotischen Truppen umstellt, die überraschten Senatoren – von denen er gar
manchen erst neuerlich in den Katakomben gesehen und zur Vertreibung der
Barbaren angefeuert hatte – von dem bereits vollzognen Thronwechsel
benachrichtigt und, (nicht ohne einige auf die von dem Saal aus deutlich
sichtbaren Speere der Gotentausendschaft gelinde hinweisende Worte,) mit
einer keinen Widerspruch duldenden Raschheit für Athalarich in Eid und
Pflicht genommen.
Dann verließ er den »Senatus«, wo er die Väter eingeschlossen hielt, bis
er in dem flavischen Amphitheater, wohin er eine Volksversammlung der
Römer berufen, diese unter Beiziehung der starken gotischen Besatzung
abgehalten und die leicht beweglichen »Quiriten« durch eine meisterhafte
Rede für den jungen König begeistert hatte. Er zählte die Wohlthaten
Theoderichs auf, verhieß gleiche Milde von dessen Enkel, der übrigens
bereits von ganz Italien, den Provinzen und den Vätern dieser Stadt
anerkannt sei, meldete eine allgemeine Speisung des römischen Volkes mit
Brot und Wein als den ersten Regierungsakt Amalaswinthens an und schloß
mit der Verkündung siebentägiger Cirkusspiele, – Wettfahrten mit
einundzwanzig spanischen Viergespannen – mit welchen er selbst die
Thronbesteigung Athalarichs und den Antritt seiner Präfektur feiern werde.
Da erhob tausendstimmiges Jubelgeschrei die Namen der Regentin und ihres
Sohnes, aber noch lauter den Namen Cethegus, das Volk verlief sich in
heller Freude, die eingesperrten Senatoren wurden nunmehr entlassen und
die ewige Stadt war für die Goten erhalten. Der Präfekt aber eilte nach
seinem Hause am Fuß des Kapitols, schloß sich ein und schrieb eifrig
seinen Bericht an die Regentin. –
Jedoch ungestüm pochte es alsbald an der ehernen Vorthür des Hauses. Es
war Lucius Licinius, der junge Römer, den wir in den Katakomben kennen
gelernt: er schlug mit dem Schwertknauf gegen die Pforte, daß das Haus
dröhnte. Ihm folgten Scävola, der Jurist, – er war unter den Eingesperrten
gewesen – mit schwer gefurchter Stirn und Silverius, der Priester, mit
zweifelnder Miene.
Vorsichtig lugte der Ostiarius an der Thüre durch eine verborgne Luke in
der Mauer und ließ, als er Licinius erkannte, die Männer ein. Heftig
stürmte der Jüngling den andern voraus den ihm wohlbekannten Weg durch das
Vestibulum, das Atrium und dessen Säulengang in das Studierzimmer des
Cethegus. Dieser, als er die hastig nahenden Schritte vernahm, erhob sich
von dem Lectus, auf den hingestreckt er schrieb, und verschloß seine
Briefe in einer Capsula mit silberner Kuppel. »Ah, die
Vaterlandsbefreier!« sagte er lächelnd und trat ihnen entgegen.
»Schändlicher Verräter!« schrie ihn Licinius an, die Hand am Schwert: –
der Zorn ließ ihn nicht weiter sprechen, er zückte halb das breite Eisen
aus der Scheide.
»Halt, erst laß ihn sich verteidigen, wenn er kann,« keuchte, dem
Stürmischen in den Arm fallend, Scävola, der jetzt nachgekommen war. »Es
ist unmöglich, daß er abgefallen von der Sache der heiligen Kirche,«
sprach Silverius im Eintreten.
»Unmöglich?« lachte Licinius, »wie? seid ihr toll oder bin ich’s? Hat er
nicht uns, die Ritter, in ihren Häusern festhalten lassen? Hat er nicht
die Thore gesperrt und den Pöbel für den Barbaren vereidigt?« – »Hat er
nicht,« sprach Cethegus fortfahrend, »die edeln Väter der Stadt,
dreihundert an der Zahl, in der Kurie wie soviel Mäuse in der Mausfalle
gefangen, dreihundert hochadlige Mäuse?« – »Er höhnt uns noch! Wollt ihr
das dulden?« rief Licinius. Und Scävola erbleichte vor Zorn. »Nun, und was
hättet ihr gethan, wenn man euch hätte handeln lassen?« fragte der Präfekt
ruhig, die Arme auf der breiten Brust kreuzend. »Was wir gethan hätten?«
antwortete Licinius, »was wir – was du mit uns hundertmal verabredet!
Sobald die Nachricht von dem Tod des Tyrannen eintraf, hätten wir die
Goten in der Stadt erschlagen, die Republik ausgerufen und zwei Konsuln
ernannt –« – »Namens Licinius und Scävola, das ist die Hauptsache. Nun,
und dann? was dann?« – »Was dann? die Freiheit hätte gesiegt!«
»Die Thorheit hätte gesiegt!« herrschte Cethegus losbrechend den
Erschrocknen an. »Wie gut, daß man euch die Hände band: ihr hättet alle
Hoffnung erwürgt, auf immer. Seht her und dankt mir auf den Knien!« Er
nahm Urkunden aus einer andern Papyruskapsel und gab sie den Erstaunten.
»Da, lest. Der Feind war gewarnt und hatte seine Schlinge meisterhaft um
den Nacken Roms geschürzt. Wenn ich nicht handelte, so stand in diesem
Augenblick Graf Witichis mit zehntausend Goten vor dem salarischen Thor im
Norden, morgen sperrte der junge Totila mit der Flotte von Neapel im Süden
die Tibermündung, und gegen das Grabmal Hadrians und das aurelische Thor
war Herzog Thulun mit zwanzigtausend Mann von Westen her im Anzug. Hättet
ihr heute früh einem Goten ein Haar gekrümmt, was wäre geschehen?«
Silverius atmete auf. Die beiden andern schwiegen beschämt. Doch faßte
sich Licinius: »Wir hätten den Barbaren getrotzt hinter unsern Mauern,«
sprach er, mutig das schöne Haupt aufwerfend. – »Ja. So wie ich diese
Mauern herstellen werde – eine Ewigkeit, mein Licinius: wie sie jetzt sind
– nicht einen Tag.« – »So wären wir gestorben als freie Bürger,« sprach
Scävola. »Das hättet ihr vor drei Stunden in der Kurie auch gekonnt,«
lachte Cethegus achselzuckend. Silverius trat mit offnen Armen, wie um ihn
zu küssen, auf ihn zu; vornehm entzog sich Cethegus: »Du hast uns alle, du
hast Kirche und Vaterland gerettet! Ich habe nie an dir gezweifelt!«
sprach der Priester. Da ergriff Licinius die Hand des Präfekten, die
dieser ihm willig ließ:
»Ich habe an dir gezweifelt,« rief er mit schöner Offenheit, »vergieb, du
großer Römer. Dies Schwert, das dich heute durchbohren sollte, dir ist es
fortan für ewig zu Dienst. Und bricht der Tag der Freiheit an, dann keine
Konsuln, dann _salve_, Diktator Cethegus!« Und mit leuchtenden Augen eilte
er hinaus. Der Präfekt warf ihm einen befriedigten Blick nach. »Diktator,
ja, doch nur bis zur vollen Sicherheit der Republik!« sprach der Jurist
und folgte ihm. »Jawohl,« lächelte Cethegus, »dann wecken wir Camillus und
Brutus wieder auf und führen die Republik da fort, wo sie diese vor
tausend Jahren gelassen. Nicht wahr, Silverius?« – »Präfekt von Rom,«
sprach der Priester, »du weißt, ich hatte den Ehrgeiz, die Sache des
Vaterlands wie der Heiligen zu leiten: ich hab’ ihn nicht mehr seit dieser
Stunde. Dein sei die Führung, ich folge. Gelobe nur das Eine: Freiheit der
römischen Kirche – freie Papstwahl.« – »Jawohl,« sagte Cethegus, »sowie
nur erst Silverius Papst geworden. Es gilt.« – Der Priester schied mit
einem Lächeln auf den Lippen, aber schwere Gedanken im Herzen. »Geht,«
sagte Cethegus nach einer Pause, den Dreien nachblickend, »ihr werdet
keinen Tyrannen stürzen: – ihr braucht einen Tyrannen!« Dieser Tag, diese
Stunde wurden entscheidend für Cethegus: fast ohne seinen Willen ward er
durch die Ereignisse fortgetrieben zu neuen Stimmungen und Anschauungen,
zu Zielen, die er sich bisher nie mit solcher Klarheit vorgesteckt, oder
doch nie als mehr denn Träume, die er sich als Ziele eingestanden hatte.
Er erkannte sich in diesem Augenblick als alleinigen Herrn der Lage: er
hatte die beiden großen Parteien der Zeit, die Gotenregierung und ihre
Feinde, die Verschwornen, völlig in seiner Hand. Und in der Brust dieses
gewaltigen Mannes wurde die Haupttriebfeder, die er seit Jahrzehnten für
gelähmt erachtet, plötzlich wieder in mächtigste Thätigkeit gesetzt: der
unbegrenzte Drang, ja das Bedürfnis, _zu herrschen_, machte sich mit einem
Male alle Kräfte dieses reichen Lebens dienstbar und trieb sie an zu
heftiger Bewegung.
Cornelius Cethegus Cäsarius war der Abkömmling eines alten und unermeßlich
reichen Geschlechts, dessen Ahnherr den Glanz seines Hauses als Feldherr
und Staatsmann Cäsars in den Bürgerkriegen gegründet: – man sagte, er sei
ein Sohn des großen Diktators gewesen. – Unser Cethegus hatte von der
Natur die vielseitigsten Anlagen und die gewaltigsten Leidenschaften und
durch seine gewaltigen Reichtümer die Mittel erhalten, jene aufs
großartigste zu entfalten, diese aufs großartigste zu befriedigen. Er
empfing die sorgfältigste Bildung, die damals einem jungen Adligen Roms
gegeben werden konnte.
Er übte sich bei den ersten Lehrern in den schönen Künsten. Er trieb zu
Berytus, zu Alexandrien, zu Athen in den besten Schulen mit glänzenden
Erfolgen das Studium des Rechts, der Geschichte, der Philosophie.
Aber all das befriedigte ihn nicht. Er fühlte den Hauch des Verfalls in
aller Kunst und Wissenschaft seiner Zeit. Die Philosophie insbesondre
vermochte nur die letzten Reste des Glaubens in ihm zu zerstören, ohne ihm
irgend welche Befriedigung in positiven Ergebnissen zu gewähren. Als er
von seinen Studien zurückkam, führte ihn sein Vater nach der Sitte der
Zeit in den Staatsdienst ein: rasch stieg der glänzend Begabte von Amt zu
Amt.
Aber plötzlich sprang er aus.
Nachdem er die Staatsgeschäfte zur Genüge kennen gelernt, mochte er nicht
länger ein Rad in der großen Maschine des Reiches sein, das die Freiheit
ausschloß und obenein dem Barbarenkönig diente. Da starb sein Vater und
Cethegus warf sich, nun Herr seiner selbst und eines ungeheuern Vermögens
geworden, mit der Gewalt, mit welcher er alles verfolgte, in die wildesten
Strudel des Lebens, des Genusses, der Lüste. Mit Rom war er bald fertig:
da machte er große Reisen nach Byzanz, nach Ägypten, bis nach Indien drang
er vor. Da war kein Luxus, kein unschuldiger und kein schuldiger Genuß,
den er nicht schlürfte. Nur ein stählerner Körper konnte die
Anstrengungen, die Entbehrungen, die Abenteuer, die Ausschweifungen dieser
Fahrten ertragen.
Nach zwölf Jahren kehrte er zurück nach Rom.
Es hieß, er werde großartige Bauten aufführen; man freute sich, das
üppigste Leben in seinen Häusern und Villen beginnen zu sehen, man
täuschte sich sehr.
Cethegus baute sich nur das kleine Haus am Fuß des Kapitols, bequem und
von feinstem Geschmack, und lebte mitten in dem volkreichen Rom wie ein
Einsiedler.
Er gab unvermutet eine Schilderung seiner Reisen heraus, eine
Charakterisierung der wenig bekannten Völker und Länder, die er besucht.
Das Buch hatte unerhörten Erfolg; Cassiodor und Boëthius warben um seine
Freundschaft, der große König wollte ihn an seinen Hof ziehen. Aber
plötzlich war er aus Rom verschwunden. Das Ereignis, das ihn in jenen
Tagen betroffen haben mußte, blieb allen Nachforschungen der Neugier, der
Teilnahme, der Schadenfreude verborgen.
Man erzählte sich damals, arme Fischer hätten ihn eines Morgens am Ufer
des Tibers vor den Thoren der Stadt, bewußtlos und dem Tode nah, gefunden.
Wenige Wochen später tauchte er wieder an der Nordostgrenze des Reiches in
den unwirtlichen Donauländern auf, wo der blutige Krieg mit Gepiden, mit
Avaren und Sclavenen raste. Dort schlug er sich mit todverachtender
Tapferkeit mit diesen wilden Barbaren herum, verfolgte sie mit erlesenen,
von ihm besoldeten Scharen freiwillig in alle Schlupfwinkel ihrer Felsen,
schlief alle Nächte auf der gefrornen Erde. Und als der gotische Feldherr
ihm eine kleine Schar zu einem Streifzug anvertraute, griff er statt
dessen Sirmium an, die feste Hauptstadt der Feinde, und eroberte sie mit
nicht geringerer Feldherrnkunst als Tapferkeit. Nach dem Friedensschluß
machte er abermals Reisen nach Gallien und Spanien und Byzanz, kehrte von
da nach Rom zurück und lebte dort jahrelang in einer verbitterten Muße und
Zurückgezogenheit, alle kriegerischen, bürgerlichen, wissenschaftlichen
Ämter und Ehren ausschlagend, die ihm Cassiodor aufdringen wollte. Er
schien für nichts mehr Interesse zu haben, als für seine Studien.
Vor einigen Jahren brachte er von einer Reise nach Gallien einen schönen
Jüngling oder Knaben mit, welchem er Rom und Italien zeigte und väterliche
Liebe und Sorgfalt erwies. Es hieß, er wolle ihn adoptieren: solange
dieser sein junger Gast um ihn war, trat er aus seiner Einsamkeit heraus,
lud die adlige Jugend Roms zu glänzenden Festen in seine Villen und war
bei den Gegeneinladungen, die er alle annahm, der liebenswürdigste
Gesellschafter. Aber sowie er den jungen Julius Montanus mit einem
stattlichen Gefolge von Pädagogen, Freigelassenen und Sklaven nach
Alexandrien in die gelehrten Schulen entsendet hatte, brach er plötzlich
wieder alle Verbindungen ab und zog sich in seine undurchdringliche
Abgeschlossenheit zurück, grollend wie es schien mit Gott und der ganzen
Welt. Mit schwerer Mühe gelang es dem Priester Silverius und Rusticianen,
ihn aus seiner ablehnenden Ruhe heraus und zur Teilnahme an der
Katakombenverschwörung fortzuziehen. Er wurde, wie er ihnen sagte, Patriot
aus eitel Langweile. Und in der That, bis zu dem Tod des Königs hatte er
das Unternehmen, dessen Leitung doch in seiner und des Diakons Hand lag,
fast mit Abneigung betrieben.
Dies wurde jetzt anders. Der tiefste Zug seines Wesens, der Drang in allen
möglichen Gebieten des Geistes sich zu versuchen, die Schwierigkeiten zu
überwinden, alle Nebenbuhler zu überflügeln, in jedem Lebenskreise, den er
betrat, zu herrschen, allein und ohne Widerstand und, sobald er den
Siegeskranz genommen, ihn gleichgültig wegzuwerfen und nach neuen Aufgaben
auszuschauen, hatte ihn bisher bei keinem Ziele volle Befriedigung finden
lassen. Kunst, Wissenschaft, Genuß, Amtsehre, Kriegsruhm: – alles hatte
ihn gereizt, alles hatte er wie kein andrer gewonnen und alles hatte ihn
leer gelassen. Herrschen, der erste sein, über widerstrebende Verhältnisse
mit allen Mitteln überlegner Kraft und Klugheit siegen und dann über
knirschende Menschen ein ehernes Regiment führen, das allein hatte er
unbewußt und bewußt von jeher erstrebt: nur darin fühlte er sich wohl.
In stolzen, vollen Atemzügen hob sich darum in dieser Stunde seine Brust:
er, der Eisigkalte, erglühte in dem Gedanken, daß er über die beiden
großen feindlichen Mächte der Zeit, Goten und Römer, heute mit einem
Zucken seiner Wimper gebot: und aus diesem Wonnegefühl der Herrschaft
stieg ihm mit dämonischer Gewalt die Überzeugung empor, daß es für ihn und
seinen Ehrgeiz nur noch Ein Ziel gab, welches das Leben der Mühe des
Lebens wert machen könne, nur noch Ein Ziel, ein sonnenfernes, jedem
andern unerreichbares: – er glaubte gern an seine Abkunft von Julius Cäsar
und er fühlte das Blut Cäsars aufwallen in seinen Adern bei dem Gedanken:
– Cäsar, Imperator des Abendlands, Kaiser der römischen Welt! – – – –
Als vor Monaten dieser Blitz zum erstenmal seine Seele durchzuckt hatte, –
kein Gedanke, – kein Wunsch, – nur ein Schatte, ein Traum, – erschrak er
und lächelte zugleich über seine unermeßliche Kühnheit. Er Kaiser und
Wiederaufrichter des römischen Weltreichs! Und Italien bebte unter dem
Schritt von dreimalhunderttausend gotischen Kriegern! Und der größte aller
Barbarenkönige, dessen Ruhm die Erde erfüllte, saß gewaltig herrschend zu
Ravenna. Und wenn die Macht der Goten gebrochen war, so streckten die
Franken über die Alpen, die Byzantiner übers Meer die gierigen Hände nach
der italienischen Beute, zwei große Reiche gegen ihn, den einzelnen
Mann! –
Denn wahrlich, einsam stand er in seinem Volk! Wie genau kannte, wie
bitter verachtete er seine Landsleute, die unwürdigen Enkel großer Ahnen!
Wie lachte er der Schwärmerei eines Licinius oder Scävola, die mit diesen
Römern die Tage der Republik erneuern wollten!
Er stand allein.
Aber gerade dies reizte seinen stolzen Ehrgeiz. Und gerade in diesem
Augenblick, da ihn die Verschworenen verlassen hatten, da seine
Überlegenheit gewaltiger als je ihnen und ihm selbst klar geworden war,
gerade jetzt schoß in seiner Brust was früher ein schmeichelnd Spiel
seiner träumenden Stunden gewesen mit Blitzesschnelle zum klaren Gedanken,
zum festen Entschluß empor.
Die Arme über der mächtigen Brust gekreuzt, mit starken Schritten, wie ein
Löwe seinen Käfig, das Gemach durchmessend, sprach er in abgerissenen
Sätzen zu sich selbst:
»Mit einem tüchtigen Volk hinter sich die Goten hinaustreiben, Griechen
und Franken nicht hereinlassen: – das wäre nicht schwer, das könnte ein
andrer auch. Aber allein, ganz allein, von diesen Männern ohne Mark und
Willen mehr gehemmt als getragen, das Ungeheure vollenden, und diese
Memmen erst wieder zu Helden, diese Sklaven zu Römern, diese Knechte der
Pfaffen und Barbaren wieder zu Herren der Erde machen: – das, das ist der
Mühe wert. Ein neues Volk, eine neue Zeit, eine neue Welt schaffen,
allein, ein einziger Mann, mit der Kraft seines Willens und der Macht
seines Geistes: – das hat noch kein Sterblicher vollbracht: – das ist
größer als Cäsar: er führte Legionen von Helden! Und doch, es kann gethan
werden, denn es kann gedacht werden. Und ich, der’s denken konnte, ich
kann’s auch thun. Ja, Cethegus, das ist ein Ziel, dafür verlohnt sich’s zu
denken, zu leben, zu sterben. Auf und ans Werk, und von nun an: – keinen
Gedanken mehr und kein Gefühl als für dies Eine.«
Er stand still vor der Kolossalstatue Cäsars aus weißem parischem Marmor,
die, das Meisterwerk des Arkesilaos und der edelste Schmuck, ja nach der
Familientradition von Julius Cäsar selbst dem Sohne geschenkt, das
Heiligtum dieses Hauses, gegenüber dem Schreibdivan stand:
»Hör’ es, göttlicher Julius, großer Ahnherr, es lüstet deinen Enkel, mit
dir zu ringen: es giebt noch ein Höheres als du erreicht: schon fliegen
nach einem höheren Ziel als du, ist unsterblich und fallen, fallen aus
solcher Höhe: – das ist der herrlichste Tod. Heil mir, daß ich wieder
weiß, warum ich lebe.«
Er schritt an der Bildsäule vorbei und warf einen Blick auf die auf dem
Tisch aufgerollte Militärkarte des römischen Weltreichs:
»Erst diese Barbaren zertreten –: Rom! – Dann den Norden wieder
unterwerfen –: Paris! – Dann zum alten Gehorsam unter die alte
Cäsarenstadt das abtrünnige Ostreich zurückheischen –: Byzanz! Und weiter,
immer weiter: an den Tigris, an den Indus, weiter als Alexandros – und
zurück nach Westen, durch Skythien und Germanien, an den Tiber – die Bahn,
welche dir, Cäsar, der Dolch des Brutus durchgeschnitten. – Und so größer
als du, größer als Alexander – o halt, Gedanke, halt ein!«
Und der eisige Cethegus loderte und glühte; mächtig pochten seine Adern an
den Schläfen: er drückte die brennende Stirn an die kalte Marmorbrust
Julius Cäsars, der majestätisch auf ihn niederschaute.
Drittes Kapitel.
Aber nicht nur für Cethegus wurde dieser Tag von entscheidender Bedeutung,
auch für die Verschwörung in den Katakomben, für Italien und das Reich der
Goten.
Hatten die Umtriebe der Patrioten, geleitet von mehreren Häuptern, die
über die Mittel, ja sogar über die Zwecke ihrer Pläne nicht immer einig
waren, bisher nur langsame und unsichre Fortschritte gemacht, so ward dies
anders von dem Augenblick an, da der weitaus begabteste Mann dieser
Partei, da Cethegus die Führung in die kräftige Hand nahm.
Unbedingt hatten sich die bisherigen Häupter des Bundes, – sogar, wie es
schien, Silverius – dem Präfekten untergeordnet, der seine Überlegenheit
so mächtig bewährt und das Leben ihrer Sache gerettet hatte.
Erst von jetzt an wurde der Geheimbund den Goten wahrhaft gefährlich.
Unermüdlich war Cethegus beschäftigt, die Macht und Sicherheit ihres
Reiches auf allen Seiten zu untergraben: mit seiner großen Kunst, die
Menschen zu durchschauen, zu gewinnen und zu beherrschen wußte er die Zahl
bedeutender Mitglieder und die Mittel der Partei von Tag zu Tag zu
vermehren.
Aber er wußte auch mit kluger Vorsicht einerseits jeden Verdacht der
gotischen Regierung zu vermeiden, andrerseits jede unzeitige Erhebung der
Verschwornen zu verhindern. Denn ein Leichtes wär’ es freilich gewesen,
plötzlich an Einem Tage in allen Städten der Halbinsel die Barbaren zu
überfallen, die Erhebung zu beginnen und die Byzantiner, die längst
hierauf lauerten, zur Vollendung des Sieges ins Land zu rufen. Aber damit
hätte der Präfekt seine geheimen Pläne nicht hinausgeführt. Er hätte nur
an die Stelle der gotischen Herrschaft die byzantinische Tyrannei gesetzt.
Und wir wissen, er verfolgte ein ganz andres Ziel.
Um dies zu erreichen, mußte er sich zuvor in Italien eine Machtstellung
schaffen, wie sie kein andrer besaß.
Er mußte, wenn auch nur im stillen, der mächtigste Mann im Lande sein, ehe
der Fuß eines Byzantiners es betrat, ehe der erste Gote fiel. Die Dinge
mußten soweit vorbereitet sein, daß die Barbaren von Italien, das hieß von
Cethegus, allein, mit möglichst geringer Nachhilfe von Byzanz, vertrieben
würden, so daß nach dem Siege der Kaiser gar nicht umhin konnte, die
Herrschaft über das befreite Land seinem Befreier, wenn auch zunächst nur
als Statthalter, zu überlassen. Alsdann hatte er Zeit und Anlaß gewonnen,
den Nationalstolz der Römer gegen die Herrschaft der »Griechlein«, wie man
die Byzantiner verächtlich nannte, aufzureizen.
Denn obwohl seit zweihundert Jahren, seit den Tagen des großen Konstantin,
der Glanz der Weltherrschaft von der verwitweten Roma hinweg nach der
goldnen Stadt am Hellespont verlegt und das Scepter von den Söhnen des
Romulus auf die Griechen übergegangen schien, obwohl das Ost- und das
Westreich zusammen der Barbarenwelt gegenüber Einen Staat der antiken
Bildung bilden sollten, so waren doch auch jetzt noch die Griechen den
Römern verhaßt und verächtlich, wie in den Tagen, da Flaminius das
gedemütigte Hellas für eine Freigelassene Roms erklärt hatte: der alte Haß
war jetzt durch Neid vermehrt. Deshalb war der Mann der Begeisterung und
der Hilfe ganz Italiens gewiß, der nach Vertreibung der Barbaren auch die
Byzantiner aus dem Lande weisen würde: die Krone von Rom, die Krone des
Abendlands war sein sichrer Lohn. Und wenn es gelang, das neugeweckte
Nationalgefühl wieder zum Angriffskrieg über die Alpen zu treiben, wenn
Cethegus auf den Trümmern des Frankenreichs zu Aurelianum und Paris die
Herrschaft des römischen Imperators über das Abendland wieder aufgerichtet
hatte, dann war der Versuch nicht mehr zu kühn, auch das losgerissene
Ostreich zurückzuzwingen zum Gehorsam unter das ewige Rom und die
Weltherrschaft am Strand des Tibers da fortzuführen, wo sie Trajan und
Hadrian gelassen. –
Doch um diese fernher leuchtenden Ziele zu erreichen, mußte jeder nächste
Schritt auf dem schwindelsteilen Pfad mit größter Vorsicht geschehen:
jedes Straucheln mußte für immer verderben. Um Italien zu beherrschen, als
Kaiser zu beherrschen, mußte Cethegus vor allem Rom haben: denn nur an Rom
ließen sich jene Gedanken knüpfen. Deshalb wandte der neue Präfekt höchste
Sorgfalt auf die ihm anvertraute Stadt: Rom sollte ihm moralisch und
physisch eine Burg der Herrschaft werden, ihm allein gehörig und
unentreißbar. Sein Amt bot ihm dazu die beste Gelegenheit: es war ja die
Pflicht des Präfectus Urbi, für das Wohl der Bevölkerung, für Erhaltung
und Sicherheit der Stadt zu sorgen. Cethegus verstand es meisterhaft, die
Rechte, die in dieser Pflicht lagen, für seine Zwecke auszubeuten: leicht
hatte er alle Stände für sich gewonnen: der Adel ehrte in ihm das Haupt
der Katakombenverschwörung, über die Geistlichkeit herrschte er durch
Silverius, der die rechte Hand und der von der öffentlichen Stimme
bezeichnete Nachfolger des greisen Papstes war und dem Präfekten eine
diesem selbst befremdliche Ergebenheit an den Tag legte. Das niedre Volk
aber fesselte er an seine Person nicht nur durch vorübergehende
Brotspenden und Cirkusspiele aus seiner Tasche, sondern durch großartige
Unternehmungen, die vielen Tausenden auf Jahre hinaus Arbeit und Unterhalt
– auf Kosten der gotischen Regierung – verschafften.
Er setzte bei Amalaswintha den Befehl durch, die Befestigungen Roms, die
seit den Tagen des Honorius durch die Zeit und durch den Eigennutz
römischer Bauherren vielmehr als durch westgotische und vandalische
Eroberer gelitten hatten, vollständig und rasch wieder herzustellen, »zur
Ehre der ewigen Stadt und, – wie sie wähnte, – zum Schutz gegen die
Byzantiner«.
Cethegus selbst hatte – und zwar, wie die alsbald folgenden vergeblichen
Belagerungen durch Goten und Byzantiner bewiesen, mit genialem
Feldherrnblick, – den Plan der großartigen Werke entworfen. Und er betrieb
nun mit größtem Eifer das Riesenwerk, die ungeheure Stadt in ihrem weiten
Umfang von vielen Meilen zu einer Festung ersten Ranges umzuschaffen. Die
Tausende von Arbeitern, die wohl wußten, wem sie diese reich bezahlte
Beschäftigung verdankten, jubelten dem Präfekten zu, wenn er auf den
Schanzen sich zeigte, prüfte, antrieb, besserte und wohl selbst mit Hand
anlegte. Und die getäuschte Fürstin wies eine Million Solidi nach der
andern an für einen Bau, an dem alsbald die ganze Streitmacht ihres Volkes
zerschellen und verbluten sollte.
Der wichtigste Punkt dieser Befestigungen war das heute unter dem Namen
der Engelsburg bekannte Grabmal Hadrians. Dies Prachtgebäude, von Hadrian
aus parischen Marmorquadern, die ohne anderes Bindungsmittel
zusammengefügt waren, aufgeführt, lag damals einen Steinwurf vor dem
aurelischen Thor, dessen Mauerseiten es weit überragte. Mit scharfem Auge
hatte Cethegus erkannt, daß das unvergleichlich feste Gebäude, in seiner
bisherigen Lage ein Festungswerk _gegen_ die Stadt, sich durch ein
einfaches Mittel in ein Hauptbollwerk _für_ die Stadt verwandeln ließ: er
führte vom aurelischen Thor zwei Mauern gegen und um das Grabmal. Und nun
bildete die turmhohe Marmorburg eine sturmfreie Schanze für das aurelische
Thor, um so mehr als der Tiber knapp davor einen natürlichen
Festungsgraben zog. Oben auf der Mauer des Mausoleums aber standen, zum
Teil noch von Hadrian und seinem Nachfolger hier aufgestellt, gegen
dreihundert der schönsten Statuen aus Marmor, Bronze und Erz: darunter der
Divus Hadrianus selbst, sein schöner Liebling Antinous, ein Zeus Soter,
die Pallas »Städtebeschirmerin«, ein schlafender Faun und viele andere.
Cethegus freute sich seines Gedankens und liebte diese Stätte, wo er
allabendlich zu wandeln pflegte, sein Rom mit dem Blick beherrschend und
den Fortschritt der Schanzarbeiten prüfend: und er hatte deshalb eine
reiche Zahl von schönen Statuen aus seinem Privatbesitz hier noch
aufstellen lassen.
Viertes Kapitel.
Vorsichtiger mußte Cethegus bei Ausführung einer zweiten, für seine Ziele
nicht minder unerläßlichen Vorbereitung sein. Um selbständig in Rom, in
_seinem_ Rom, wie er es, als Stadtpräfekt, zu nennen liebte, den Goten und
nötigenfalls den Griechen trotzen zu können, bedurfte er nicht bloß der
Wälle, sondern auch der Verteidiger auf denselben. Er dachte zunächst an
Söldner, an eine Leibwache, wie sie in jenen Zeiten hohe Beamte,
Staatsmänner und Feldherren häufig gehalten hatten, wie sie jetzt Belisar
und dessen Gegner Narses in Byzanz hielten. Nun gelang es ihm zwar, durch
früher auf seinen Reisen in Asien angeknüpfte Verbindungen und bei seinen
reichen Schätzen tapfre Scharen der wilden isaurischen Bergvölker, die in
jenen Zeiten die Rolle der Schweizer des sechzehnten Jahrhunderts
spielten, in seinen Sold zu ziehen. Indessen hatte dies Verfahren doch
zwei sehr eng gezogne Schranken.
Einmal konnte er auf diesem Wege, ohne seine für andre Zwecke
unentbehrlichen Mittel zu erschöpfen, doch immer nur verhältnismäßig
kleine Massen aufbringen, den Kern eines Heeres, nicht ein Heer. Und
ferner war es unmöglich, diese Söldner, ohne den Verdacht der Goten zu
wecken, in größerer Anzahl nach Italien, nach Rom zu bringen. Einzeln,
paarweise, in kleinen Gruppen schmuggelte er sie mit vieler List und
vieler Gefahr als seine Sklaven, Freigelassenen, Klienten, Gastfreunde in
seine durch die ganze Halbinsel zerstreuten Villen oder beschäftigte sie
als Matrosen und Schiffsleute im Hafen von Ostia oder als Arbeiter in Rom.
Schließlich mußten doch die Römer Rom erretten und beschützen und all
seine ferneren Pläne drängten ihn, seine Landsleute wieder an die Waffen
zu gewöhnen.
Nun hatte aber Theoderich wohlweislich die Italier von dem Heer
ausgeschlossen – nur Ausnahmen bei einzelnen als besonders zuverlässig
Erachteten wurden gemacht – und in den unruhigen letzten Zeiten seines
Regiments während des Prozesses gegen Boëthius ein Gebot allgemeiner
Entwaffnung der Römer erlassen.
Letzteres war freilich nie streng durchgeführt worden: aber Cethegus
konnte doch nicht hoffen, die Regentin werde ihm erlauben, gegen den
entschiednen Willen ihres großen Vaters und gegen das offenbare Interesse
der Goten eine irgendwie bedeutende Streitmacht aus Italien zu bilden.
Er begnügte sich, ihr vorzustellen, daß sie durch ein ganz unschädliches
Zugeständnis sich das Verdienst erwirken könne, jene gehässige Maßregel
Theoderichs in edlem Vertrauen aufgehoben zu haben und schlug ihr vor, ihm
zu gestatten, nur zweitausend Mann aus der römischen Bürgerschaft als
Schutzwache Roms rüsten, einüben und immer unter den Waffen gegenwärtig
halten zu dürfen: die Römer würden ihr schon für diesen Schein, daß die
ewige Stadt nicht von Barbaren allein gehütet werde, unendlich dankbar
sein. Amalaswintha, begeistert für Rom und nach der Liebe der Römer als
ihrem schönsten Ziele trachtend, gab ihre Einwilligung und Cethegus fing
an seine »Landwehr«, wie wir sagen würden, zu bilden. Er rief in einer wie
Trompetenschall klingenden Proklamation »die Söhne der Scipionen zu den
alten Waffen zurück,« er bestellte die jungen Adligen der Katakomben zu
»römischen Rittern« und »Kriegstribunen«: er verhieß jedem Römer, der sich
freiwillig meldete, aus seiner Tasche Verdoppelung des von der Fürstin
bestimmten Soldes: er hob aus den Tausenden, die sich daraus
herbeidrängten die Tauglichsten aus; er rüstete die Ärmeren aus, schenkte
denen, die sich besonders auszeichneten im Dienst, gallische Helme und
spanische Schwerter aus seinen eignen Sammlungen und – was das Wichtigste
– er entließ regelmäßig sobald als möglich die hinlänglich Eingeübten mit
Belassung ihrer Waffen und hob neue Mannschaften aus, so daß, obwohl in
jedem Augenblick nur die von Amalaswintha gestattete Zahl im Dienst stand,
doch in kurzer Frist viele Tausende bewaffnete und waffengeübte Römer zur
Verfügung ihres vergötterten Führers standen.
Während so Cethegus an seiner künftigen Residenz baute und seine künftigen
Prätorianer heranbildete, vertröstete er den Eifer seiner Mitverschwornen,
die unablässig zum Losschlagen drängten, auf den Zeitpunkt der Vollendung
jener Vorbereitungen, den er natürlich allein bestimmen konnte. Zugleich
unterhielt er eifrigen Verkehr mit Byzanz. Dort mußte er sich einer Hilfe
versichern, die einerseits in jedem Augenblick, da er sie rief, auf dem
Kampfplatz erscheinen könnte, die aber andrerseits auch nicht, ehe er sie
rief, auf eigne Faust oder mit einer Stärke erschiene, die nicht leicht
wieder zu entfernen wäre.
Er wünschte von Byzanz einen guten Feldherrn, der aber kein großer
Staatsmann sein durfte, mit einem Heere, stark genug, die Italier zu
unterstützen, nicht stark genug, ohne sie siegen oder gegen ihren Willen
im Lande bleiben zu können. Wir werden in der Folge sehen, wie in dieser
Hinsicht vieles nach Wunsch, aber auch ebenso vieles sehr gegen den Wunsch
des Präfekten sich gestaltete. Daneben war gegenüber den Goten, die zur
Zeit noch unangefochten im Besitz der Beute standen, um die Cethegus
bereits im Geiste mit dem Kaiser haderte, sein Streben dahin gerichtet,
sie in arglose Sicherheit zu wiegen, in Parteiungen zu spalten und eine
schwache Regierung an ihrer Spitze zu erhalten.
Das erste war nicht schwer. Denn die starken Germanen verachteten in
barbarischem Hochmut alle offenen und geheimen Feinde: wir haben gesehen,
wie schwer selbst der sonst scharfblickende, helle Kopf eines Jünglings
wie Totila von der Nähe einer Gefahr zu überzeugen war: und die trotzige
Sicherheit eines Hildebad drückte recht eigentlich die allgemeine Stimmung
der Goten aus. Auch an Parteiungen fehlte es nicht in diesem Volk.
Da waren die stolzen Adelsgeschlechter, die Balten mit ihren
weitverzweigten Sippen, an ihrer Spitze die drei Herzoge Thulun, Ibba und
Pitza: die reichbegüterten Wölsungen unter den Brüdern Herzog Guntharis
von Tuscien und Graf Arahad von Asta: und andre mehr, die alle den Amalern
an Glanz der Ahnen wenig nachgaben und eifersüchtig ihre Stellung dicht
neben dem Throne bewachten.
Da waren viele, welche die Vormundschaft eines Weibes, die Herrschaft
eines Knaben nur mit Unwillen trugen, die gern, nach dem alten Recht des
Volkes, das Königshaus umgangen und einen der erprobten Helden der Nation
auf den Schild erhoben hätten. Andrerseits zählten auch die Amaler blind
ergebene Anhänger, die solche Gesinnung als Treubruch verabscheuten.
Endlich teilte sich das ganze Volk in eine rauhere Partei, die, längst
unzufrieden mit der Milde, die Theoderich und seine Tochter den Welschen
bewiesen, gern nunmehr nachgeholt hätten, was, wie sie meinten, bei der
Eroberung des Landes versäumt worden, und die Italier für ihren heimlichen
Haß mit offener Gewalt zu strafen begehrten. Viel kleiner natürlich war
die Zahl der sanfter und edler Gesinnten, die, wie Theoderich selbst,
empfänglich für die höhere Bildung der Unterworfenen, sich und ihr Volk zu
dieser emporzuheben strebten. Das Haupt dieser Partei war die Königin.
Diese Frau nun suchte Cethegus im Besitz der Macht zu erhalten; denn sie,
diese weibliche, schwache, geteilte Herrschaft, verhieß, die Kraft des
Volkes zu lähmen, die Parteiung und Unzufriedenheit dauernd zu machen.
Ihre Richtung schloß jedes Erstarken des gotischen Nationalgefühls aus. Er
bebte vor dem Gedanken, einen gewaltigen Mann die Kraft dieses Volkes
gewaltig zusammenfassen zu sehen.
Und manchmal machten ihn schon die Züge von Hoheit, die sich in diesem
Weibe zeigten, mehr noch die feurigen Funken verhaltener Glut, die zu
Zeiten aus Athalarichs tiefer Seele aufsprühten, ernstlich besorgt.
Sollten Mutter und Sohn solche Spuren öfter verraten, dann freilich mußte
er beide ebenso eifrig stürzen wie er bisher ihre Regierung gehalten
hatte. Einstweilen aber freute er sich noch der unbedingten Herrschaft,
die er über die Seele Amalaswinthens gewonnen. Dies war ihm bald gelungen.
Nicht nur, weil er mit großer Feinheit ihre Neigung zu gelehrten
Gesprächen ausbeutete, in welchen er von dem, wie es schien, ihm überall
überlegenen Wissen der Fürstin so häufig überwunden wurde, daß Cassiodor,
der oft Zeuge ihrer Disputationen war, nicht umhin konnte, zu bedauern,
wie dies einst glänzende Ingenium durch Mangel an gelehrter Übung etwas
eingerostet sei.
Der vollendete Menschenerforscher hatte das stolze Weib noch viel tiefer
getroffen. Ihrem großen Vater war kein Sohn, war nur diese Tochter
beschieden: der Wunsch nach einem männlichen Erben seiner schweren Krone
war oft aus des Königs, oft aus des Volkes Munde schon in ihren
Kinderjahren an ihr Ohr gedrungen. Es empörte das hochbegabte Mädchen, daß
man es lediglich um ihres Geschlechtes willen zurücksetzte hinter einem
möglichen Bruder, der, wie selbstverständlich, der Herrschaft würdiger und
fähiger sein würde. So weinte sie als Kind oft bittere Thränen, daß sie
kein Knabe war.
Als sie herangewachsen, hörte sie natürlich nur noch von ihrem Vater jenen
kränkenden Wunsch: jeder andre Mund am Hofe pries die wunderbaren Anlagen,
den männlichen Geist, den männlichen Mut der glänzenden Fürstin. Und das
waren nicht Schmeicheleien: Amalaswintha war in der That in jeder Hinsicht
ein außergewöhnliches Geschöpf: die Kraft ihres Denkens und ihres Wollens,
aber auch ihre Herrschsucht und kalte Schroffheit überschritten weit die
Schranken, in welchen sich holde Weiblichkeit bewegt. Das Bewußtsein, daß
mit ihrer Hand zugleich die höchste Stellung im Reich, vielleicht die
Krone selbst, würde vergeben werden, machte sie eben auch nicht
bescheidener: und ihre tiefste, mächtigste Empfindung war jetzt nicht mehr
der Wunsch, Mann zu sein, sondern die Überzeugung, daß sie, das Weib,
allen Aufgaben des Lebens und des Regierens so gut wie der begabteste
Mann, besser als die meisten Männer, gewachsen, daß sie berufen sei, das
allgemeine Vorurteil von der geistigen Unebenbürtigkeit ihres Geschlechts
glänzend zu widerlegen.
Die Ehe des kalten Weibes mit Eutharich, einem Amaler aus andrer Linie,
einem Mann von hohen Anlagen des Geistes und reichem Gemüt, war kurz –:
Eutharich erlag nach wenigen Jahren einem tiefen Leiden – und wenig
glücklich. Nur mit Widerstreben hatte sie sich ihrem Gatten gebeugt. Als
Witwe atmete sie stolz auf. Sie brannte vor Ehrgeiz, dereinst als
Vormünderin ihres Knaben, als Regentin jene ihre Lieblingsidee zu
bewähren: sie wollte so regieren, daß die stolzesten Männer ihre
Überlegenheit sollten einräumen müssen. Wir haben gesehen, wie die
Erwartung der Herrschaft diese kalte Seele sogar den Tod ihres großen
Vaters ziemlich ruhig hatte ertragen lassen.
Sie übernahm das Regiment mit höchstem Eifer, mit unermüdlicher
Thätigkeit. Sie wollte alles selbst, alles allein thun.
Sie schob ungeduldig den greisen Cassiodor zur Seite, der ihrem Geist
nicht rasch und kräftig genug Schritt hielt. Keines Mannes Rat und Hilfe
wollte sie dulden.
Eifersüchtig wachte sie über ihre Alleinherrlichkeit. Und nur Einem ihrer
Beamten lieh sie gern und häufig das Ohr; demjenigen, der ihr oft und laut
die männliche Selbständigkeit ihres Geistes pries und noch öfter dieselbe
still zu bewundern, der den Gedanken, sie beherrschen zu wollen, gar nie
wagen zu können schien: sie traute nur Cethegus. Denn dieser zeigte ja nur
den Einen Ehrgeiz, alle Gedanken und Pläne der Königin mit eifriger Sorge
durchzuführen. Nie trat er, wie Cassiodor oder gar die Häupter der
gotischen Partei, ihren Lieblingsbestrebungen entgegen; er unterstützte
sie darin: er half ihr, sich mit Römern und Griechen umgeben, den jungen
König möglichst von der Teilnahme am Regiment ausschließen, die alten
gotischen Freunde ihres Vaters, die, im Bewußtsein ihrer Verdienste und
nach alter Gewohnheit, sich manches freie und derbe Wort des Tadels
erlaubten, als rohe Barbaren allmählich vom Hof entfernen, die Gelder, die
für Kriegsschiffe, Rosse, Ausrüstung der gotischen Heere bestimmt waren,
für Wissenschaften und Künste oder auch für die Verschönerung, Erhaltung
und Sicherung Roms verwenden: – kurz, er war ihr behilflich in allem, was
sie ihrem Volk entfremden, ihre Regierung verhaßt und ihr Reich wehrlos
machen konnte. Und hatte er selbst einen Plan, immer wußte er seine
Verhandlungen mit der Fürstin so zu wenden, daß sich diese für die
Urheberin ansehen mußte und ihn zu dem Vollzug seiner geheimsten Wünsche
als _ihrer_ Aufträge befehligte.
Fünftes Kapitel.
Begreiflicherweise bedurfte es, um solchen Einfluß zu gewinnen und zu
pflegen, häufigeren Aufenthalts am Hof, längerer Abwesenheit von Rom als
seine dortigen Interessen vertrugen. Deshalb strebte er danach, in die
Nähe der Königin Persönlichkeiten zu bringen, die ihm diese Mühe zum Teil
ersparen könnten, die ihn immer gut unterrichten und warm vertreten
sollten. Die Frauen von mehreren gotischen Edeln, welche grollend Ravenna
verließen, mußten in der Umgebung Amalaswinthens ersetzt werden und
Cethegus trug sich mit dem Gedanken, bei dieser Gelegenheit Rusticiana,
die Tochter des Symmachus, die Witwe des Boëthius an den Hof zu bringen.
Die Aufgabe war nicht leicht. Denn die Familie dieser als Hochverräter
hingerichteten Männer war in Ungnade aus der Königsstadt verbannt. Vor
allem mußte daher die Königin umgestimmt werden für sie.
Dies freilich gelang alsbald, indem die Großmut der edeln Frau gegen das
so tief gefallne Haus wachgerufen wurde. Dazu kam, daß sie an die niemals
vollbewiesene Schuld von zwei edeln Römern nie von Herzen hatte glauben
mögen, deren einen, den Gatten Rusticianas, sie als großen Gelehrten und
in manchen Gebieten als ihren Lehrer verehrte. Endlich wußte Cethegus zu
betonen, wie gerade diese That, sei es der Gerechtigkeit, sei es der
Gnade, die Herzen all’ ihrer römischen Unterthanen rühren müsse. So war
die Regentin leicht gewonnen, Gnade zu erteilen. Viel schwerer ward die
stolze und leidenschaftliche Witwe des Verurteilten bewogen, diese Gnade
anzunehmen. Denn Wut und Rachedurst gegen das Königshaus erfüllten ihre
ganze Seele und Cethegus mußte sogar fürchten, ihr unbeherrschbarer Haß
könnte sich in der steten Nähe der »Tyrannen« leicht verraten. Wiederholt
hatte Rusticiana trotz all’ seiner sonst so großen Gewalt über sie dieses
Ansinnen zurückgewiesen.
Da machten sie eines Tages eine sehr überraschende Entdeckung, die zur
Erfüllung der Wünsche des Präfekten führen sollte.
Rusticiana hatte eine kaum sechzehnjährige Tochter, Kamilla. Aus ihrem
echt römischen Gesicht mit den edeln Schläfen und den schön geschnittenen
Lippen leuchteten dunkle schwärmerische Augen: der eben erst vollendete
Wuchs zeigte feine, fast allzuzarte Formen, rasch und leicht und fein wie
einer Gazelle waren alle Bewegungen dieser schlanken Glieder. Eine reiche
Seele mit schwungvoller Phantasie lebte in dem lieblichen Mädchen. Mit
aller Inbrunst kindlicher Verehrung hatte sie ihren unglücklichen Vater
geliebt: der Streich, der sein teures Haupt getroffen, hatte tief in das
Leben des heranblühenden Mädchens geschlagen; ungestillte Trauer, heilige
Wehmut, mit der sich die leidenschaftliche Vergötterung seines Martyriums
für Italien mischte, erfüllten alle Träume ihres jungfräulichen
Entfaltens.
Vor dem Sturz ihres Hauses ein gern gesehener Gast am Königshof war sie
nach dem Schicksalsschlag mit ihrer Mutter über die Alpen nach Gallien
geflohen, wo ein alter Gastfreund den betrübten Frauen monatelang eine
Zufluchtstätte bot, während Anicius und Severinus, Kamillas Brüder,
anfänglich ebenfalls verhaftet und zum Tode verurteilt, dann zur
Verbannung aus dem Reich begnadigt, aus dem Kerker sofort nach Byzanz an
den Hof des Kaisers eilten, wo sie Himmel und Hölle gegen die Goten in
Bewegung setzten. Die Frauen waren, als sich der Sturm der Verfolgung
verzogen, nach Italien zurückgekehrt und lebten ihrem stillen Gram im
Häuschen eines treuen Freigelassenen zu Perusia, von wo aus freilich
Rusticiana, wie wir gesehen, den Weg zu den Verschworenen in Rom wohl zu
finden wußte.
Der Sommer war gekommen, die Jahreszeit, in der vornehme Römer noch immer,
wie zur Zeit des Horatius und Tibullus, die dumpfe Luft der Städte zu
fliehen und in seine kühlen Villen im Sabinergebirge oder an der
Meeresküste sich zu verstecken pflegten. Mit Beschwerde trugen die
verwöhnten Edelfrauen den Qualm und Staub in den heißen Straßen des engen
Perusia, mit Seufzen der herrlichen Landhäuser bei Florentia und Neapolis
gedenkend, die sie, wie all’ ihr Vermögen, an den gotischen Fiskus
verloren.
Da trat eines Tages der treue Corbulo mit seltsam verlegenem Gesicht vor
Rusticiana. Er habe längst bemerkt, wie die »Patrona« unter seinem
unwürdigen Dach zu leiden und mancherlei Ungemach schon durch seine
Hantierung – er war seines Zeichens Steinmetz – zu erdulden gehabt und so
habe er denn an den letzten Calenden ein kleines, freilich nur ein ganz
kleines, Gütchen mit einem noch kleineren Häuschen gekauft, droben im
Gebirge bei Tifernum. Freilich, an die Villa bei Florentia dürften sie
dabei nicht denken: aber es riesele doch auch dort ein selbst unter dem
Sirius nicht versiegender Waldquell, Eichen und Kornellen gäben breiten
Schatten, um den verfallnen Faunustempel wuchre üppig der Epheu und im
Garten habe er Rosen, Veilchen und Lilien pflanzen lassen, wie sie Domna
Kamilla liebe und so möchten sie denn Maultier und Sänfte besteigen und
wie andre Edelfrauen ihre Villa beziehen.
Die Frauen, von dieser Treue des Alten gerührt, nahmen dankbar seine Güte
an und Kamilla, die sich in kindlicher Genügsamkeit auf die kleine
Veränderung freute, war heiterer, belebter als je seit dem Tod ihres
Vaters.
Ungeduldig drängte sie zum Aufbruch und eilte noch am selben Tage mit
Corbulo und Daphnidion, dessen Tochter, voraus, Rusticiana sollte mit den
Sklaven und dem Gepäck so bald als möglich folgen.
Die Sonne sank schon hinter die Hügel von Tifernum, als Corbulo, Kamillens
Maultier am Zügel führend, aus den Waldhöhen auf die Lichtung gelangte,
von wo aus man das Gütchen zuerst wahrnehmen konnte. Längst hatte er sich
auf die Überraschung des Kindes gefreut, wenn er ihr von hier aus das
anmutig gelegene Haus zeigen würde.
Aber erstaunt blieb er stehen: – er hielt die Hand vor die Augen, ob ihn
die Abendsonne blende, er sah umher, ob er denn nicht an der rechten
Stelle: aber kein Zweifel! da stand ja an dem Rain, wo Wald und Wiese sich
berührten, der graue Markstein in Gestalt des alten Grenzgottes Terminus
mit seinem spitz zulaufenden Kopf: der rechte Ort war es, aber das
Häuschen nicht zu sehen: vielmehr an seiner Stelle eine dichte Gruppe von
Pinien und Platanen: und auch sonst war die ganze Umgebung verändert: da
standen grüne Hecken und Blumenbeete, wo sonst Kohl und Rüben, und ein
zierlicher Pavillon prangte, wo bisher Sandgruben und die Landstraße sein
bescheidnes Gebiet begrenzt hatten.
»Die Mutter Gottes steh’ mir bei und alle obern Götter!« rief der
Steinmetz, »bin ich verzaubert oder die Gegend? Aber Zauber ist los!«
Seine Tochter reichte ihm eifrig das Amulet, das sie am Gürtel trug: aber
Aufschluß konnte sie nicht geben, da sie zum erstenmal das neue Besitztum
betrat und so blieb nichts übrig, als das Maultier zur größten Eile zu
treiben und springend und rufend begleiteten Vater und Tochter den Trab
des Grauchens die Wiesenhänge hinunter.
Als sie nun näher kamen, fand Corbulo allerdings hinter der Baumgruppe das
Haus, das er gekauft: aber so verjüngt, erneuert, verschönt, daß er es
kaum erkannte.
Sein Staunen über die Umwandlung der ganzen Gegend stieg aufs neue zu
abergläubischer Furcht: offnen Mundes blieb er zuletzt stehen, ließ die
Zügel fallen und begann eine wieder seltsam gemischte Reihe von
christlichen und heidnischen Ausrufen, als plötzlich Kamilla ebenso
überrascht ausrief: »Aber das ist ja der Garten, wo wir gewohnt, das
Viridarium des Honorius zu Ravenna, dieselben Bäume, dieselben
Blumenbeete, und auch an jenem Teich, wie zu Ravenna am Meeresufer, der
Tempel der Venus! o wie schön, welche Erinnerung! Corbulo, wie hast du das
angefangen?« Und Thränen freudiger Rührung traten in ihre Augen. – »So
sollen mich alle Teufel peinigen und Lemuren, wenn ich das angefangen
habe. Doch da kommt Cappadox mit seinem Klumpfuß, der ist also nicht mit
verhext. Rede, du Cyklope, was ist hier geschehen?«
Der riesige Cappadox, ein breitschultriger Sklave, humpelte mit
ungeschlachtem Lächeln heran und erzählte nach vielen Fragen und
Unterbrechungen des Staunens eine rätselhafte Geschichte. Vor drei Wochen
etwa, wenige Tage nachdem Cappadox auf das Gut geschickt war, es für
seinen Herrn, der auf längere Zeit in die Marmorbrüche von Luna verreist
war, zu verwalten, kam von Tifernum her ein vornehmer Römer mit einem Troß
von Sklaven und Arbeitern und mit hochbepackten Lastwagen an. Er fragte,
ob dies die Besitzung sei, welche der Steinmetz Corbulo von Perusia für
die Witwe des Boëthius gekauft. Und als dies bejaht wurde, gab er sich als
den Hortulanus Prinzeps d. h. als Oberintendanten der Gärten zu Ravenna zu
erkennen. Ein alter Freund des Boëthius, der aus Furcht vor den gotischen
Tyrannen seinen Namen nicht zu nennen wage, wünsche, sich insgeheim der
Verfolgten anzunehmen und habe ihm den Auftrag gegeben, den Aufenthalt
derselben mit allen Mitteln seiner Kunst zu schmücken und zu verschönern.
Der Sklave dürfe die beabsichtigte Überraschung nicht verderben und halb
mit Güte, halb mit Gewalt hielt man den staunenden Cappadox auf der Villa
fest. Der Intendant aber entwarf sofort seinen Plan und seine Arbeiter
gingen unverzüglich ans Werk.
Viele benachbarte Grundstücke wurden zu hohen Preisen hinzugekauft und nun
hob an ein Niederreißen und Bauen, ein Pflanzen und Graben, ein Hämmern
und Klopfen, ein Putzen und Malen, daß dem guten Cappadox Hören und Sehen
verging. Wollte er fragen und drein reden, so lachten ihm die Arbeiter ins
Gesicht. Wollte er sich davon machen, so winkte der Intendant und ein halb
Dutzend Fäuste hielten ihn fest. »Und« – schloß der Erzähler – »so ging’s
bis vorgestern Morgen. Da waren sie fertig und zogen davon.
Anfangs war mir angst und bang, da ich die kostspieligen Herrlichkeiten
aus dem Boden wachsen sah. Ich dachte: am Ende, wenn Meister Corbulo das
alles bezahlen soll, dann weh über meinen Rücken! Und ich wollte dir’s
melden. Aber sie ließen mich nicht und obenein wußt’ ich dich fern von
Haus. Und wie ich nachgerade das unsinnig viele Geld des Intendanten
verspürte und wie der mit den Goldstücken um sich warf wie die Kinder mit
Kieseln, siehe, da beruhigte sich allmählich mein Gemüte und ich ließ
alles gehen wie es ging. Nun, o Herr, weiß ich wohl: du kannst mich
dennoch in den Block setzen und prügeln lassen. Mit der Rebe oder sogar
mit dem Skorpion. Du kannst es. Denn warum? du bist der Herr und Cappadox
der Knecht. Aber gerecht, Herr, wäre es kaum! bei allen Heiligen und allen
Göttern! Denn du hast mich gesetzt über ein Paar Kohlfelder und siehe, sie
sind geworden ein Kaisergarten unter meiner Hand.«
Kamilla war längst abgestiegen und davongeschlüpft, ehe der Sklave zu
Ende. Mit vor Freude hochklopfendem Herzen durcheilte sie den Garten, die
Lauben, das Haus: sie schwebte wie auf Flügeln, kaum konnte ihr die flinke
Daphnidion folgen. Ein Ausruf der Überraschung des freudigen Schreckens
jagte den andern: so oft sie um eine Ecke des Weges, um eine Baumgruppe,
bog, wieder und wieder stand ein Bild aus jenem Garten von Ravenna vor
ihrem entzückten Auge. Als sie aber ins Haus gelangte und ein kleines
Gemach desselben genau so bemalt, ausgerüstet, geschmückt fand wie jener
Raum im Kaiserschloß gewesen war, in dem sie die letzten Tage der Kindheit
verspielt und die ersten Träume des Mädchens geträumt, dieselben Bilder
auf den bastgeflochtnen Vorhängen, die gleichen Vasen und zierlichen
Citruskästchen und auf dem gleichen Schildpatttischchen ihre kleine
zierliche Lieblingsharfe mit den Schwanenflügeln, da, überwältigt von so
vielen Erinnerungen, und noch mehr von dem Gefühl des Dankes gegen so
zarte Freundschaft, sank sie schluchzend in freudiger Wehmut auf den
weichen Teppichen des Lectus zusammen. Kaum konnte sie Daphnidion
beruhigen. »Es giebt noch edle Herzen, noch Freunde für das Haus des
Boëthius,« rief sie wieder und wieder. Und sie sandte das innigste Gebet
des Dankes gegen Himmel. –
Als am Tage darauf die Mutter eintraf, war sie kaum weniger ergriffen von
der seltsamen Überraschung.
Sogleich schrieb sie nach Rom an Cethegus und fragte, welcher Freund ihres
Gatten wohl in diesem geheimnisvollen Wohlthäter zu suchen sei? Es war ihr
eine stille Hoffnung, an ihn selbst dabei zu denken. Aber der Präfekt
schüttelte nachdenklich den Kopf über ihren Brief und schrieb ihr zurück:
er kenne niemand, an den ihn diese zartfühlende Weise mahnen könne. Sie
möge scharf jede Spur beachten, die zur Lösung des Rätsels führen könne.