Aber Cethegus richtete sich rasch auf.
»Es ist mein Ernst. Still – höre mich. Kein gnädigeres Geschenk hat das
Schicksal, das die Barbaren verderben will, in unsren Weg legen können. Du
weißt, wie völlig ich die Regentin beherrsche.
Aber nicht weißt du, wie völlig machtlos ich bin über jenen eigensinnigen
Schwärmer. Es ist rätselhaft. Der kranke Jüngling ist im ganzen Gotenvolk
der einzige, der mich, wenn nicht durchschaut, doch ahnt. Und ich weiß
nicht, ob er mich mehr fürchtet oder mehr haßt. Das wäre mir ziemlich
gleichgültig, wenn der Verwegne mir nicht sehr entschieden und sehr
erfolgreich entgegenarbeitete. Sein Wort wiegt natürlich schwer bei seiner
Mutter. Oft schwerer als das meine. Und er wird immer älter, reifer,
gefährlicher. Sein Geist überflügelt mächtig seine Jahre. Er nimmt
ernstlichen Teil an den Beratungen der Regentschaft. Jedesmal spricht er
gegen mich. Oft siegt er. Erst neulich hat er es gegen mich durchgesetzt,
daß der schwarzgallige Teja den Befehl der gotischen Truppen in Rom
erhielt, in meinem Rom! Kurz, der junge König wird höchst gefährlich. Und
ich hatte bisher nicht einen Schatten von Gewalt über ihn. Zu seinem
Verderben liebt er Kamilla. Durch sie wollen wir den Unbeherrschbaren
beherrschen.«
»Nimmermehr!« rief Rusticiana. »Nie, so lang ich atme. Ich an den Hof des
Tyrannen! Mein Kind die Geliebte Athalarichs! des Boëthius Tochter! Sein
blutger Schatte würde –«
»Willst du diesen Schatten rächen? Ja! willst du die Goten verderben? Ja!
Also mußt du wollen, was dahin führt.« – »Nie, bei meinem Eide!« – »Weib,
reize mich nicht. Trotze mir nicht. Du kennst mich! Bei deinem Eide! Wie?
Hast du mir nicht Gehorsam geschworen, blinden, unbedingten, wie ich dir
Rache verheißen? Hast du’s nicht geschworen auf die Gebeine der Heiligen,
dich und deine Kinder verflucht für den Eidbruch? Man sieht sich vor bei
euch Weibern. Gehorche oder zittre für deine Seele.«
»Entsetzlicher! Soll ich all meinen Haß dir, deinen Plänen opfern?«
»Mir? Wer spricht von mir? _Deine_ Sache führ’ ich. _Deine_ Rache vollend’
ich: _Mir_ haben die Goten nichts zuleid gethan. _Du_ hast mich aufgestört
von meinen Büchern. Du hast mich aufgerufen, diese Amaler zu vernichten.
Willst du nicht mehr? Auch gut! Ich kehre zurück zu Horatius und der Stoa!
Leb wohl.«
»Bleib, bleibe. Aber soll denn Kamilla das Opfer werden?«
»Wahnsinn! Athalarich soll es werden. Sie soll ihn ja nicht lieben, sie
soll ihn nur beherrschen. Oder,« fügte er, sie scharf ansehend, hinzu,
»fürchtest du für ihr Herz?« – »Deine Zunge erlahme! Meine Tochter? _ihn_
lieben? eher erwürg’ ich sie mit diesen Händen.«
Aber Cethegus war nachdenklich geworden.
Es ist nicht um das Mädchen, sagte er zu sich selbst. Was liegt an ihr!
Aber wenn sie ihn liebt – und der Gote ist schön, geistvoll, schwärmerisch
.... »Wo ist deine Tochter?« fragte er laut.
»Im Frauengemach. Auch wenn ich wollte, sie würde nie einwilligen, nie.«
»Wir wollen’s versuchen. Ich gehe zu ihr.«
Und sie traten ins Haus. Rusticiana wollte mit ihm in das Gemach. Aber
Cethegus wies sie zurück.
»Allein muß ich sie haben!« sprach er und schritt durch den Vorhang. Bei
seinem Anblick erhob sich das schöne Mädchen von den Teppichen, auf denen
sie in ratlosem Sinnen geruht. Gewöhnt, in dem klugen, beherrschenden
Mann, dem Freund ihres Vaters, stets einen Berater und Helfer zu finden,
begrüßte sie ihn vertrauend wie die Kranke den Arzt.
»Du weißt, Cethegus?« – »Alles.« – »Und du bringst mir Hilfe.« – »Rache
bring ich dir, Kamilla!«
Das war ein neuer, ein mächtig ergreifender Gedanke! Nur Flucht, Rettung
aus dieser qualvollen Lage hatten ihr bisher vorgeschwebt. Höchstens eine
zornige Abweisung der königlichen Geschenke. Aber jetzt Rache! Vergeltung
für die Schmerzen dieser Stunden! Rache für die erlittene Schmach! Rache
an den Mördern ihres Vaters! Ihre Wunden waren frisch. Und in ihren Adern
kochte das heiße Blut des Südens. Ihr Herz frohlockte über Cethegus’ Wort!
»Rache? wer wird mich rächen? du?« – »Du dich selbst! Das ist süßer.«
Ihre Augen blitzten. »An wem?« – »An ihm. An seinem Haus. An allen unsern
Feinden.« – »Wie kann ich das? Ein schwaches Mädchen?« – »Höre auf mich,
Kamilla. Nur dir, nur des edeln Boëthius edler Tochter sag ich, was ich
sonst keinem Weib der Erde vertrauen würde. Es besteht ein starker Bund
von Patrioten, der die Herrschaft der Barbaren spurlos austilgen wird aus
diesem Lande: das Schwert der Rache hängt über den Häuptern der Tyrannen.
Das Vaterland, der Schatte deines Vaters beruft dich, es herabzustürzen.«
»Mich? ich – meinen Vater rächen? sprich!« rief hocherglühend das Mädchen,
die schwarzen Haare aus den Schläfen streichend. »Es gilt ein Opfer. Rom
fordert es.« – »Mein Blut, mein Leben! wie Virginia will ich sterben.« –
»Du sollst leben, den Sieg zu schauen. Der König liebt dich. Du mußt nach
Ravenna. An den Hof. Du mußt ihn verderben. Durch diese Liebe. Wir alle
haben keine Macht über ihn. Nur du hast Gewalt über seine Seele. Du sollst
dich rächen und ihn vernichten.«
»Ihn vernichten?!« – Seltsam bewegt klang die leise Frage; ihr Busen
wogte, ihre Stimme bebte in der Mischung ringender Gefühle, Thränen
brachen aus ihren Augen, sie verbarg das Gesicht in den Händen. – Cethegus
stand auf. »Vergieb,« sagte er. »Ich gehe. Ich wußte nicht, – – daß du den
König liebst.«
Ein Weheschrei des Zornes wie bei physischem Schmerz drang aus des
Mädchens Brust. Sie sprang auf und faßte ihn an der Schulter:
»Mann, wer sagt das? Ich hasse ihn! Hasse ihn, wie ich nie gewußt, daß ich
hassen kann.« – »So beweis’ es. Denn ich glaub’ es dir nicht.« – »Ich will
dir’s beweisen!« rief sie. »Sterben soll er! Er soll nicht leben!«
Sie warf das Haupt zurück, wild funkelten die blitzenden Augen, ihr
schwarzes Haar flog um die weißen Schultern.
Sie liebt ihn, dachte Cethegus. Aber es schadet nicht. Denn sie weiß es
noch nicht. Sie haßt ihn daneben. Und das allein weiß sie. Es wird gehn.
»Er soll nicht leben,« wiederholte sie. »Du sollst sehen,« lachte sie,
»wie ich ihn liebe! Was soll ich thun?« – »Mir folgen in allem.« – »Und
was versprichst du mir dafür? was soll er erleiden?« – »Verzehrende Liebe
bis zum Tod.« – »Liebe zu mir? ja, ja, das soll er!« – »Er, sein Haus,
sein Reich soll fallen.«
»Und er wird wissen, daß durch mich –?« – »Er soll es wissen. Wann reisen
wir nach Ravenna?«
»Morgen! Nein, heute noch.« Sie hielt inne und faßte seine Hand:
»Cethegus, sage, bin ich schön?«
»Der Schönsten eine.«
»Ha!« rief sie, die losgegangenen Locken schüttelnd. »Er soll mich lieben
und verderben! Fort nach Ravenna! Ich will ihn sehen, ich muß ihn sehen!«
Und sie stürmte aus dem Gemach. – Sie sehnte sich mit ganzer Seele, bei
Athalarich zu sein.
Siebentes Kapitel.
Noch am nämlichen Tage wurde die kleine Villa verlassen und der Weg nach
der Königsstadt angetreten.
Cethegus schickte einen Eilboten voraus mit einem Brief Rusticianas an die
Regentin. Die Witwe des Boëthius erklärte darin, daß sie die durch
Vermittelung des Präfekten von Rom wiederholt angebotene Rückberufung an
den Hof nunmehr anzunehmen bereit sei. Nicht als eine That der Gnade,
sondern der Sühne, als ein Zeichen, daß die Erben Theoderichs dessen
Unrecht an den Verblichenen gut machen wollten.
Diese stolze Sprache war wie aus Rusticianas tiefstem Herzen und Cethegus
wußte, daß solches Auftreten nicht schaden, nur alle verdächtige Auslegung
der raschen Umstimmung ausschließen werde. Unterwegs noch traf die
Reisenden die Antwort der Königin, die sie am Hof willkommen hieß. In
Ravenna angelangt wurden sie von der Fürstin aufs ehrenvollste empfangen,
mit Sklaven und Sklavinnen umgeben und in dieselben Räume des Palastes
eingeführt, die sie ehedem bewohnt. Freudig begrüßten sie die Römer.
Aber der Zorn der Goten, die in Boëthius und Symmachus undankbare Verräter
verabscheuten, wurde durch diese Maßregeln, die eine stillschweigende
Verurteilung Theoderichs zu enthalten schienen, schwer gereizt. Die
letzten Freunde des großen Königs verließen grollend den verwelschten
Hof. –
Einstweilen hatten die Zeit, die Zerstreuungen der Reise und der Ankunft
Kamillas Aufregung gemildert. Und ihr Zorn konnte sich um so eher
beschwichtigen als ihr viele Wochen zu Ravenna verstrichen, ehe sie
Athalarich begegnete. Denn der junge König war gefährlich erkrankt.
Am Hof erzählte man, er habe bei einem Aufenthalt zu Aretium, – er wollte
dort, mit geringer Begleitung, der Bergluft, der Bäder und der Jagd
genießen – in den Wäldern von Tifernum in der Hitze der Jagd einen kalten
Trunk aus einer Felsenquelle gethan und sich dadurch einen heftigen Anfall
seines alten Leidens zugezogen.
Thatsache war, daß ihn sein Gefolge an jener Quelle bewußtlos
niedergesunken gefunden hatte.
Die Wirkung dieser Erzählung auf Kamilla war seltsam. Zu dem Haß gegen
Athalarich trat jetzt ein Zug von leisem Bedauern. Ja eine Art von
Selbstanklage. Aber andrerseits dankte sie dem Himmel, daß durch diese
Krankheit eine Begegnung hinausgeschoben wurde, die sie jetzt in Ravenna
nicht minder fürchtete als sie dieselbe, da sie noch fern von ihm in
Tifernum war, lebhaft herbeigewünscht hatte. Und wenn sie jetzt in den
weiten Anlagen des herrlichen Schloßgartens einsam wandelte, hatte sie
immer und immer wieder zu bewundern, mit welcher Sorgfalt das kleine
Gütchen des Corbulo diesem Muster nachgebildet worden war.
Tage und Wochen vergingen.
Man vernahm nichts von dem Kranken, als daß er zwar auf dem Weg der
Besserung, aber noch streng an seine Gemächer gebunden sei. Ärzte und
Hofleute, die ihn umgaben, priesen ihr oft seine Geduld und Kraft in den
heftigsten Schmerzen, seine Dankbarkeit für jeden kleinen Liebesdienst,
seine edle Milde. Aber wenn sie ihr Herz ertappte, wie gern es diesen
Lobesworten lauschte, sagte sie heftig zu sich selbst:
»Und meines Vaters Ermordung hat er nicht gehindert!« und ihre Brauen
zogen sich zusammen und sie legte heimlich die geballte Faust auf das
pochende Herz.
In einer heißen Nacht war Kamilla nach langem friedlosen Wachen endlich
gegen Morgen in unruhigen Schlaf gesunken. Angstvolle Träume quälten sie.
Ihr war, als senke sich die Decke des Gemaches mit ihren Reliefgestalten
auf sie nieder. Gerade über ihrem Haupte war ein jugendlich schöner
Hypnos, der sanfte Gott des Schlafes, von hellenischer Hand gebildet,
angebracht.
Ihr träumte, der Schlafgott nehme die ernsteren, trauervollen Züge seines
bleichen Bruders Thanatos an.
Langsam und leise senkte der Gott des Todes sein Antlitz auf sie nieder. –
Immer näher rückte er. – Immer bestimmter wurden seine Züge. – Schon
fühlte sie den Hauch seines Atems auf ihrer Stirn. – Schon berührten fast
die feinen Lippen ihren Mund. – Da erkannte sie mit Entsetzen die bleichen
Züge, das dunkle Auge. – Es war Athalarich – dieser Todesgott. – Mit einem
Schrei fuhr sie empor.
Die zierliche Silberlampe war längst erloschen. Es dämmerte im Gemach.
Ein rotes Licht drang gedämpft durch das Fenster von Frauenglas. Sie erhob
sich und öffnete es; die Hähne krähten, die Sonne tauchte mit den ersten
Strahlenspitzen aus dem Meer, auf das sie, über den Schloßgarten hinweg,
freien Ausblick hatte. Es litt sie nicht mehr in dem schwülen Gemach.
Sie schlug den faltigen Mantel um die Schultern und eilte leise, leise aus
dem noch schlummernden Palast über die Marmorstufen in den Garten, aus dem
ihr erfrischender Morgenwind von der nahen See her entgegenwehte. Sie
eilte der Sonne und dem Meere zu. Denn im Osten stieß der Garten des
Kaiserpalastes mit seinen hohen Mauern unmittelbar an die blauen Wellen
der Adria. Ein vergoldetes Gitterthor und jenseit desselben zehn breite
Stufen von weißem hymettischem Marmor führten hinab zu dem kleinen Hafen
des Gartens, in welchem die schwanken Gondeln mit leichten Rudern und dem
dreieckigen lateinischen Segel von Purpurlinnen schaukelten, mit silbernen
Kettchen an den zierlichen Widderköpfen von Erz befestigt, die links und
rechts aus dem Marmorquai hervorragten. Diesseit des Gitterthors, nach dem
Garten zu, fanden die Anlagen ihren Abschluß in einer geräumigen Rundung,
die von weit schattenden Pinien dicht umfriedet war. Ihre Bodenfläche, von
üppigem, sorgfältig gezognem Graswuchs bedeckt, wurde von reinlichen Wegen
durchschnitten und von reichen Beten stark duftender Blumen unterbrochen.
Eine Quelle, zierlich gefaßt, rieselte den Abhang hinab in das Meer. Die
Mitte des Platzes bildete ein kleiner, altersgrauer Venustempel, den eine
einsame Palme hochwipflig überragte, indes brennendroter Steinbrech in den
leeren Halbnischen seiner Außenwände prangte. Vor seiner längst
geschlossenen Pforte stand zur Rechten ein eherner Äneas. Der Julius Cäsar
zur Linken war schon vor Jahrhunderten zusammengestürzt. Theoderich hatte
auf dem Postament ein Erzbild des Amala errichten lassen, des mythischen
Stammvaters seines Hauses. Hier, zwischen diesen Statuen, an den
Eingangsstufen des kleinen Fanum genoß man des herrlichsten Blickes durch
das Gitterthor auf das Meer mit seinen buschigen Laguneninseln und einer
Gruppe von scharfkantigen malerischen Felsklippen, »die Nadeln der
Amphitrite« genannt.
Es war ein alter Lieblingsort Kamillas.
Und hierher lenkte sie jetzt die leichten Schritte, den reichen Tau von
dem hohen Grase streifend, wie sie mit leis gehobnem Gewand durch die
schmalen Wieswege eilte. Sie wollte die Sonne über das Meer hin aufglühen
sehen. Sie kam von der Rückseite des Tempels, ging an dessen linker Seite
hin und trat eben auf die erste der Stufen, die von seiner Stirn zu dem
Gitter hinabführten, als sie rechts, auf der zweiten Stufe, halb sitzend,
halb liegend, eine weiße Gestalt erblickte, die, das Haupt an die Treppe
gelehnt, das Antlitz dem Meere zuwandte.
Aber sie erkannte das braune, das seidenglänzende Haar: es war der junge
König.
Die Begegnung war so plötzlich, daß an Ausweichen nicht zu denken. Wie
angewurzelt hielt das Mädchen auf der ersten Stufe. Athalarich sprang auf
und wandte sich rasch. Eine helle Röte flammte über sein marmorbleiches
Gesicht. Doch faßte er sich zuerst von beiden und sprach:
»Vergieb, Kamilla. Ich konnte dich nicht hier erwarten. Zu dieser Stunde.
Ich gehe. Und lasse dich allein mit der Sonne.« Und er schlug den weißen
Mantel über die linke Schulter. »Bleib, König der Goten. Ich habe nicht
das Recht, dich zu verscheuchen – und nicht die Absicht,« fügte sie bei.
Athalarich trat einen Schritt näher. »Ich danke dir. Aber ich bitte dich
um eins,« setzte er lächelnd hinzu, »verrate mich nicht an meine Ärzte, an
meine Mutter. Sie sperren mich den ganzen Tag über so sorgsam ein, daß ich
ihnen wohl vor Tag entschlüpfen muß. Denn die frische Luft, die Seeluft
thut mir gut. Ich fühl’s. Sie kühlt. Du wirst mich nicht verraten.« Er
sprach so ruhig. Er blickte so unbefangen.
Diese Unbefangenheit verwirrte Kamilla. Sie wäre viel mutiger gewesen,
wenn er bewegter. Sie sah diese Unbefangenheit mit Schmerz. Aber nicht um
der Pläne des Präfekten willen. So schüttelte sie nur schweigend das Haupt
zur Antwort. Und sie senkte die Augen.
Jetzt erreichten die Strahlen der Sonne die Höhe, auf der die beiden
standen. Der alte Tempel und das Erz der Statuen schimmerten im
Morgenlicht. Und eine breite Straße von zitterndem Gold bahnte sich von
Osten her über die spiegelglatte Flut. »Sieh, wie schön!« rief Athalarich,
fortgerissen von dem Eindruck. »Sieh die Brücke von Licht und Glanz.«
Sie blickte teilnehmend hinaus. »Weißt du noch, Kamilla?« fuhr er
langsamer fort, wie in Erinnerungen verloren und ohne sie anzusehen,
»weißt du noch, wie wir hier als Kinder spielten? Träumten? Wir sagten:
die goldne Straße, von Sonnenstrahlen auf die Flut gezeichnet, führe zu
den Inseln der Seligen.« –
»Zu den Inseln der Seligen!« wiederholte Kamilla. Im stillen bewunderte
sie, mit welcher Zartheit und edlen Leichtigkeit er, jeden Gedanken an
ihre letzte Begegnung fern haltend, mit ihr in einer Weise verkehrte, die
sie völlig entwaffnete. »Und schau, wie dort die Statuen glänzen: das
wundersame Paar, Äneas und – Amala! Höre, Kamilla, ich habe dir
abzubitten.« Lebhaft schlug ihr Herz. Jetzt wollte er der Ausschmückung
der Villa, der Quelle gedenken. Das Blut stieg ihr in die Wangen. Sie
schwieg in peinlicher Erwartung. Aber ruhig fuhr der Jüngling fort: »Du
weißt, wie oft wir, du die Römerin, ich der Gote, an diesem Ort in
Wettreden den Ruhm und den Glanz und die Art unserer Völker priesen. Dann
standest du unter dem Äneas und sprachst mir von Brutus und Camillus, von
Marcellus und den Scipionen. Ich aber, an meines Ahnherrn Amala Schild
gelehnt, rühmte Ermanarich und Alarich und Theoderich. Aber du sprachst
besser als ich. Und oft, wenn der Schimmer deiner Helden mich zu
überstrahlen drohte, lachte ich deiner Toten und rief: »das Heute und die
lebendige Zukunft ist meines Volkes!««
»Nun, und jetzt?« – »Ich spreche nicht mehr so. Du hast gesiegt, Kamilla!«
Aber indem er so sprach, schien er so stolz wie nie zuvor. Und dieser
überlegne Ausdruck empörte die Römerin. Sie war ohnehin gereizt durch die
unnahbare Ruhe, mit welcher der Fürst, auf dessen Leidenschaft man solche
Pläne gebaut, ihr gegenüberstand. Sie begriff diese Ruhe nicht. Sie hatte
ihn gehaßt, weil er es gewagt, ihr seine Liebe zu zeigen. Und jetzt lebte
dieser Haß auf, weil er es vermochte, diese Liebe zu verbergen. Mit der
Absicht, ihm weh zu thun, sagte sie langsam: »So räumst du ein, König der
Goten, daß deine Barbaren den Völkern der Menschlichkeit nachstehen?«
»Ja, Kamilla,« antwortete er ruhig, »aber nur in einem: im Glück! Im Glück
des Geschickes wie im Glück der Natur. Sieh dort die Gruppe von Fischern,
die ihre Netze aufhängen an den Olivenbäumen am Strande. Wie schön sind
diese Gestalten! In Bewegung und Ruhe, trotz ihrer Lumpen: lauter Statuen!
Hier das Mädchen mit der Amphora auf dem Haupt! dort der Alte, der, den
Kopf auf den linken Arm gestützt, im Sande liegt und hinaus träumt ins
Meer. Jeder Bettler unter ihnen sieht aus wie ein entthronter König. Wie
sie schön sind! Und in sich eins und glücklich! Ein Schimmer ungebrochenen
Glücks liegt über ihnen. Wie über Kindern! Oder edeln Tieren! Das fehlt
uns Barbaren!« – »Fehlt euch nur das?« – »Nein, uns fehlt auch Glück im
Schicksal.
Mein armes, herrliches Volk! Wir sind hier herein verschlagen in eine
fremde Welt, in der wir nicht gedeihen. Wir gleichen der Blume der hohen
Alpen, dem Edelweiß, die vom Sturmwind vertragen ward in den heißen Sand
der Niederung. Wir können nicht wurzeln hier. Wir welken und sterben.« –
Und mit edler Wehmut blickte er hinaus in die blaue Flut. Aber Kamilla
hatte nicht die Stimmung, diesen weissagerischen Worten eines Königs über
sein Volk nachzusinnen. »Warum seid ihr gekommen?« fragte sie mit Härte.
»Warum seid ihr über die Berge gedrungen, die ein Gott als ewige Marken
gesetzt hat zwischen euch und uns. Sprich, warum?« – »Weißt du,« sprach
Athalarich, ohne sie anzublicken, wie mit sich selber und für sich selber
fortdenkend, »weißt du, warum die dunkle Motte nach der hellen Flamme
fliegt? Wieder, immer wieder! Von keinem Schmerz gewarnt! bis sie verzehrt
ist von der schönen, lockenden Feindin? Aus welchem Grund! Aus einem süßen
Wahnsinn! Und solch’ ein süßer Wahnsinn ist es, ganz derselbe, der meine
Goten aus den Tannen und Eichen hinweggezogen hat zu Lorber und Olive. Sie
werden sich die Flügel verbrennen, die thörichten Helden. Und werden doch
nicht davon lassen. Wer will sie drum schelten? Sieh um dich her. Wie tief
blau der Himmel! wie tief blau das Meer! und darin spiegeln die Wipfel der
Pinien und die Säulentempel voll Marmorglanz! und fern da drüben ragen
schön gewölbte Berge und draußen in der Flut schwimmen grüne Inseln, wo
sich die Rebe um die Ulme schlingt. Und drüber hin die weiche, die warme,
die kosende Luft, die alles erhellt. Welche Wunder der Formen, der Farben
trinkt das Auge und atmen die entzückten Sinne! Das ist der Zauber, der
uns ewig locken und ewig verderben wird.«
Die tiefe und edle Erregung des jungen Königs blieb nicht ohne Eindruck
auf Kamilla. Die tragische Gewalt dieser Gedanken ergriff ihr Herz: aber
sie wollte nicht ergriffen sein. Sie wehrte sich gegen ihre weicher
werdende Empfindung. Sie sagte kalt: »Ein ganzes Volk gegen Verstand und
Einsicht vom Zauber angezogen?« und kalt und zweifelnd sah sie ihn an.
Aber sie erschrak: denn wie Blitze loderte es aus den dunkeln Augen des
Jünglings und die lang zurückgehaltne Glut brach plötzlich aus den Tiefen
seiner Seele: »Ja, sag’ ich dir, Mädchen!« rief er leidenschaftlich. »Ein
ganzes Volk kann eine thörichte Liebe, einen süßen, verderblichen
Wahnsinn, eine tödliche Sehnsucht pflegen so gut wie – so gut wie ein
einzelner. Ja, Kamilla, es giebt eine Gewalt im Herzen, die, stärker als
Verstand und Wille, uns sehenden Auges ins Verderben reißt. Aber du weißt
das nicht! Und mögest du’s nie erfahren. Niemals. Leb wohl!«
Und rasch wandte er sich und bog rechts vom Tempel in den dichten Laubgang
von rankendem Wein, der ihn sofort vor Kamilla wie vor den Fenstern des
Schlosses verbarg.
Sinnend blieb das Mädchen stehen.
Seine letzten Worte klangen seltsam fort in ihren Gedanken: lange sah sie
träumend ins offene Meer hinaus und mit wundersam gemischter Empfindung,
mit verwandelter Stimmung, kehrte sie endlich wieder dem Schlosse zu.
Achtes Kapitel.
Noch am nämlichen Tage fand sich Cethegus bei den Frauen ein. Er war in
wichtigen Geschäften von Rom herbeigeeilt und kam soeben aus dem
Regentschaftsrat, der in des kranken Königs Gemach gehalten wurde.
Verhaltner Zorn lagerte auf seinen herben Zügen.
»Ans Werk, Kamilla,« sprach er heftig. »Ihr säumt zu lang. Dieser vorlaute
Knabe wird immer herrischer. Er trotzt mir und Cassiodor und seiner
schwachen Mutter selbst. Er verkehrt mit gefährlichen Leuten. Mit dem
alten Hildebrand, mit Witichis und ihren Freunden. Er schickt Briefe und
empfängt Briefe hinter unsrem Rücken. Er hat es durchgesetzt, daß die
Königin nur noch in seiner Gegenwart den Rat der Regentschaft beruft. Und
in diesem Rat kreuzt er all’ unsre Pläne. Das muß aufhören. So oder so.« –
»Ich hoffe nicht mehr, Einfluß auf den König zu gewinnen,« sagte Kamilla
ernst. – »Weshalb? hast du ihn schon gesehen.« Das Mädchen überlegte, daß
sie Athalarich versprochen, seinen Ungehorsam nicht an die Ärzte gelangen
zu lassen. Aber auch sonst widerstrebte es ihrem Gefühl, die Begegnung
dieses Morgens zu entweihen, zu verraten.
Sie wich daher der Frage aus und sagte: »Wenn der König sich sogar seiner
Mutter, der Regentin, widersetzt, wird er sich nicht von einem jungen
Mädchen beherrschen lassen.« – »Goldne Einfalt!« lächelte Cethegus und
ließ das Gespräch ruhen, solang das Kind anwesend war. Aber insgeheim
trieb er Rusticianen, zu veranlassen, daß ihre Tochter den König fortan
häufig sehe und spreche.
Dies ward möglich, da sich dessen Befinden jetzt rasch besserte. Und wie
äußerlich, wurde er innerlich zusehends männlicher, fester und reifer: es
war, als ob das Widerstreben gegen Cethegus ihm Leib und Seele kräftige.
So verbrachte er bald wieder viele Stunden in den weiten Anlagen des
Gartens. Dort war es, wo ihn seine Mutter und die Familie des Boëthius in
den Abendstunden häufig trafen.
Und während Rusticiana die Huld der Regentin mit voller Freundschaft zu
erwidern schien und aufmerksam ihren vertrauenden Mitteilungen lauschte,
um sie wörtlich dem Präfekten wieder erzählen zu können, wandelten die
jungen Leute vor ihnen her durch die schattigen Gänge des Gartens.
Oft auch bestieg die kleine Gesellschaft eine der leichten Gondeln in
jenem Hafen und Athalarich steuerte wohl selbst eine Strecke ins blaue
Meer hinaus, nach einer der kleinen, grünbuschigen Inseln, die nicht weit
vor der Bucht lagen. Auf dem Heimweg aber spannte man die purpurnen Segel
auf und ließ sich von dem frischen Westwind, der sich bei Sonnenuntergang
zu erheben pflegte, langsam und mühelos zurücktragen. –
Oft waren es auch der König und Kamilla allein, die, nur von Daphnidion
begleitet, sich dieser Wanderungen im Grünen und auf den Wellen erfreuten.
Wohl sah Amalaswintha darin die Gefahr, dadurch die Neigung ihres Sohnes,
die ihr nicht entgangen war, zu steigern. Aber vor allen andern Erwägungen
segnete sie dankbar den günstigen Einfluß, den dieser Umgang
augenscheinlich auf ihren Sohn übte: er wurde in Kamillas Nähe ruhiger,
heiterer und war dann auch weicher gegen seine Mutter, der er sonst oft
heftig und schroff gegenüber trat.
Auch beherrschte er sein Gefühl mit einer Sicherheit, die bei dem
reizbaren Kranken doppelt befremdete: und endlich würde die Regentin, im
Fall sich diese Liebe ernster geltend machte, sogar einer Verbindung nicht
abgeneigt gewesen sein, die den römischen Adel völlig zu gewinnen und
jedes Andenken einer unseligen Blutthat auszulöschen versprach. –
In dem Mädchen aber ging eine wundersame Wandlung vor. Täglich mehr fühlte
sie ihren Groll und Haß schwinden, wie sie täglich klarer die edle
Zartheit der Seele, den schwungvollen Geist, das tiefe, poesiereiche Gemüt
des jungen Königs sich entfalten sah. Nur mit Anstrengung konnte sie gegen
diesen wachsenden Zauber sich immer wieder das Schicksal ihres Vaters als
Talisman ins Andenken zurückrufen: immer mehr kam sie dazu, unter den
Goten und Amalern, die jenes Schicksal herbeigeführt, mit Gerechtigkeit zu
unterscheiden: immer bestimmter sagte sie sich, wie unbillig es sei,
Athalarich um eines Unglücks willen zu hassen, das er nur nicht verhindert
hatte und wohl schwerlich hätte verhindern können. Längst hätte sie ihn am
liebsten völlig frei gesprochen: aber sie mißtraute dieser Milde: sie
scheute sie wie eine schwarze Sünde gegen Vater, Vaterland und eigne
Freiheit.
Mit Zittern nahm sie wahr, wie unentbehrlich dies edle Menschenbild ihr
wurde, wie mächtig sie sich sehnte, diese melodische Stimme zu hören und
in dies dunkle, sinnige Auge zu blicken. Sie fürchtete die frevelhafte
Liebe, die sie sich nur schwer noch verhehlen konnte, und die einzige
Waffe, mit der sie sich noch dagegen wehrte, der Vorwurf seiner Mitschuld
an des Vaters Untergang, wollte sie sich nicht entwinden lassen. So
schwankte sie in wogenden Gefühlen, desto unsichrer, je rätselhafter ihr
Athalarichs geschlossene Sicherheit blieb. Sie konnte ja nicht daran
zweifeln, daß er sie liebe, nach allem was geschehen – aber doch!
Nicht eine Silbe, nicht ein Blick verriet diese Liebe: jene Äußerung, mit
der er sie damals am Venustempel rasch verlassen, war das bedeutsamste, ja
das einzige bedeutsame Wort, das ihm entschlüpfte.
Sie ahnte nicht, was die hochwogende Seele des Jünglings durchgekämpft und
durchgelitten, bis seine Liebe zwar nicht erlosch, aber entsagte, und noch
weniger, in welch’ neuem Gefühl er die männliche Kraft solcher Entsagung
gefunden. Ihre Mutter, die ihn mit aller Schärfe des Hasses beobachtete
und darüber das eigne Kind zu überwachen vergaß, schien noch mehr erstaunt
über seine Kälte. »Aber Geduld,« sprach sie zu Cethegus, mit dem sie oft
hinter Kamillas Rücken Beratung pflog, »Geduld, bald, binnen drei Tagen,
wirst du ihn verwandelt sehen.« – »Es wäre Zeit,« meinte Cethegus; »aber
auf was vertraust du?« – »Auf ein Mittel, das noch nie getäuscht hat.«
»Du wirst ihm doch kein Liebestränklein brauen?« lächelte der Präfekt. –
»Allerdings, das werd’ ich thun; das hab’ ich schon gethan.« – Jener sah
sie spöttisch an: »Auch bei dir solcher Aberglaube, bei der Witwe des
großen Philosophen Boëthius! In Liebeswahn sind alle Weiber gleich!«
»Nicht Wahn und Aberglaube,« sagte Rusticiana ruhig. »Seit mehr als
hundert Jahren lebt das Geheimnis in unsrer Familie. Ein ägyptisch Weib
hat es dereinst am Nil meine Ureltermutter gelehrt. Und es hat sich
bewährt. Kein Weib unseres Hauses hat ohne Erhörung geliebt.« – »Dazu
braucht’s keinen Zauber,« meinte der Präfekt: »ihr seid ein schönes
Geschlecht.« – »Spare deinen Spott. Der Trank wirkt unfehlbar und wenn er
bis heute nicht wirkte –« – »So hast du wirklich – Unvorsichtige! wie
konntest du unvermerkt?« – »Am Abend, wann er vom Spaziergang oder von der
Gondelfahrt mit uns zurückkommt, nimmt er einen Becher gewürzten
Falerners. Der Arzt hat es ihm verordnet: es sind Tropfen arabischen
Balsams darin. Der Becher steht immer bereit auf dem Marmortisch vor dem
Venustempel. Dreimal schon gelang es, den Trank hineinzuschütten.« –
»Nun,« meinte Cethegus, »es hat bis jetzt nicht sonderlich gewirkt.« –
»Daran ist nur deine Ungeduld die Ursache. Die Kräuter müssen im Neumond
gebrochen werden – ich wußte das wohl. Aber, gedrängt von deinen
Mahnungen, versucht’ ich’s schon im Vollmond und du siehst, es wirkte
nicht.« – Cethegus zuckte die Achseln. – »Aber gestern Nacht trat Neumond
ein. Ich war nicht müßig mit meiner goldnen Schere und wenn er jetzt
trinkt –« »Eine zweite Locusta! Nun, mein Trost sind Kamillas schöne
Augen. Weiß sie von deinen Künsten?«
»Kein Wort zu ihr! Sie würde das nie dulden. Stille, sie kommt.« Das
Mädchen trat ein in lebhafter Erregung, die lieblichen Wangen gerötet,
eine Flechte des dunklen Haares war losgegangen und spielte um den feinen
Nacken.
»Saget mir, ihr, die ihr klug seid und menschenerfahren, sagt mir, was
soll ich denken? Ich komme aus dem Schiff. O, er hat mich nie geliebt! der
Hochmütige, er bemitleidet, er bedauert mich! Nein, das ist nicht das
rechte Wort. Ich kann es mir nicht deuten.« Und in Thränen ausbrechend,
barg sie das Haupt am Halse der Mutter. – »Was ist geschehen, Kamilla?«
fragte Cethegus. – »Schon oft,« begann sie tiefaufatmend, »spielte ein Zug
um seinen Mund, sprach eine Wehmut aus seinem Auge, als sei Er der tief
von mir Gekränkte, als habe Er uns edel zu vergeben, als habe er mir ein
großes Opfer gebracht –« – »Unreife Knaben bilden sich immer ein, es sei
ein Opfer, wenn sie lieben.« Da blitzte Kamillas Auge, sie warf den
schönen Kopf zurück und wandte sich heftig gegen Cethegus: »Athalarich ist
kein Knabe mehr und man soll ihn nicht verhöhnen.« Cethegus schwieg, ruhig
die Augen senkend. Aber Rusticiana fragte erstaunt: »Hassest du den König
nicht mehr?« – »Bis zum Tode. Man soll ihn verderben, nicht verhöhnen.«
»Was ist geschehen?« wiederholte Cethegus. – »Heute stand jener
rätselhafte, kalte, stolze Zug deutlicher als je auf seinem Antlitz. Ein
Zufall äußerte ihn in Worten. Wir waren eben gelandet. Ein Käfer war ins
Wasser gefallen: der König bückte sich und zog ihn heraus: das Tierchen
aber wehrte sich gegen die mildthätige Hand und biß mit den Zangen des
Kopfes in den Finger, der ihn hielt. »Der Undankbare,« sagte ich. – »Oh,«
sprach Athalarich, bitter lächelnd, und er setzte den Käfer auf ein Blatt:
»man verwundet die am meisten, die am meisten für uns gethan.« Und dabei
flog sein Blick mit stolzer Wehmut über mich dahin. Doch rasch, als ob er
zuviel gesagt, schritt er kalt grüßend hinweg. Ich aber« – und ihre Brust
wogte, ihre fein geschnittenen Lippen schlossen sich – »ich aber trage das
nicht mehr. Der Stolze! er soll mich lieben – oder sterben.« – »Das soll
er,« sagte Cethegus kaum hörbar, »eins von beiden.«
Neuntes Kapitel.
Wenige Tage darauf wurde der Hof durch einen neuen Schritt des jungen
Königs zur Selbständigkeit überrascht: er selbst berief den Rat der
Regentschaft, ein Recht, das bisher nur Amalaswintha geübt. Die Regentin
war nicht wenig erstaunt, als ein Bote ihres Sohnes sie in dessen Gemächer
beschied, wo der König bereits eine Auswahl der höchsten Beamten des
Reiches um sich versammelt habe, Goten und Römer, unter diesen Cassiodor
und Cethegus.
Dieser hatte zuerst beschlossen, auszubleiben, um nicht durch sein
Erscheinen das Recht anzuerkennen, das sich der Knabe herausnahm: ihm
ahnte nichts gutes. Aber ebendeshalb besann er sich bald eines andern.
»Ich darf der Gefahr nicht den Rücken, die Stirn muß ich ihr bieten,«
sprach er, als er sich zu dem verhaßten Gang anschickte. Er fand in dem
Gemach des Königs alle Geladenen bereits versammelt. Nur die Regentin
fehlte noch. Als sie eintrat, erhob sich Athalarich – er trug eine
langfaltige Abolla von Purpur, die Zackenkrone Theoderichs glänzte auf
seinem Haupt und unter dem Mantel klirrte das Schwert – von seinem
Thronsessel, der vor einer durch einen Vorhang geschlossenen Nische stand,
ging ihr entgegen und führte sie zu einem zweiten höheren Stuhl, der aber
zur Linken stand. Als sie sich niedergelassen, hob er an: »Meine
königliche Mutter, tapfre Goten, edle Römer! Wir haben euch hieher
beschieden, euch unsern Willen kund zu thun. Es drohten diesem Reiche
Gefahren, die nur wir, der König dieses Reiches, abwenden konnten.«
Solche Sprache hatte man aus diesem Munde noch nicht vernommen. Alle
schwiegen betroffen, Cethegus aus Klugheit: er wollte den rechten
Augenblick abwarten. Endlich begann Cassiodor: »Deine weise Mutter und
dein getreuer Diener Cassiodor« – – »Mein getreuer Diener Cassiodor
schweigt, bis sein Herr und König ihn um Rat befrägt. Wir sind schlecht
zufrieden, sehr schlecht, mit dem was die Räte unsrer königlichen Mutter
bisher gethan haben und nicht gethan. Es ist höchste Zeit, daß wir selbst
zum Rechten sehn.
Wir waren dazu bisher zu jung und zu krank. Wir fühlen uns nicht mehr zu
jung und nicht mehr zu krank. Wir künden euch an, daß wir demnächst die
Regentschaft aufheben und die Zügel dieses Reiches selbst ergreifen
werden.«
Er hielt inne. Alles schwieg. Niemand hatte Lust nach Cassiodors Beispiel
zu reden und dann zu verstummen.
Endlich fand Amalaswintha, die diese plötzliche Energie ihres Sohnes
gleichsam betäubt hatte, die Sprache wieder: »Mein Sohn, dies Alter der
Mündigkeit ist nach den Gesetzen der Kaiser« – – »Nach den Gesetzen der
Kaiser, Mutter, mögen die Römer sich richten. Wir sind Goten und leben
nach gotischem Recht. Germanische Jünglinge werden mündig, wann sie das
gesammelte Volksheer waffenreif erklärt.
Wir haben deshalb beschlossen, alle Heerführer und Grafen und alle freien
Männer unsres Volkes, so viele ihrer dem Rufe folgen wollen, aus allen
Provinzen des Reichs zur Heeresschau zu laden nach Ravenna. Mit dem
nächsten Sonnwendfest sollen sie eintreffen.«
Überrascht schwieg die Versammlung.
»Das sind nur noch vierzehn Tage,« sprach endlich Cassiodor. »Wird es
möglich sein, in so kurzer Frist noch die Ladungen zu besorgen?« – »Sie
sind besorgt. Hildebrand, mein alter Waffenmeister, und Graf Witichis
haben sie alle bestellt.« – »Wer hat die Dekrete unterschrieben?« fragte
Amalaswintha, sich ermannend. – »Ich allein, liebe Mutter. Ich mußte doch
den Geladnen zeigen, daß ich reif genug, allein zu handeln.«
»Und ohne mein Wissen!« sprach die Regentin. – »Und ohne dein Wissen
geschah es, weil es sonst gegen deinen Willen geschehen mußte.«
Er schwieg. Alle Römer waren ratlos und wie betäubt von der plötzlich
entfalteten Kraft des jungen Königs. Nur in Cethegus stand sogleich der
Entschluß fest, jene Versammlung zu verhindern, um jeden Preis. Er sah den
Grund all seiner Pläne wanken: gern wär’ er mit aller Wucht seines Wortes
der vor seinen Augen versinkenden Regentschaft zu Hilfe gekommen: gern
hätte er schon mehrere Male in dieser Verhandlung das kühne Aufstreben des
Jünglings mit seiner ruhigen Überlegenheit zu Boden gedrückt: – aber ihm
hielt ein seltsamer Zufall Gedanken und Zunge wie mit Zauberbanden
gefesselt.
Er hatte in der Nische hinter dem Vorhang Geräusch zu vernehmen geglaubt
und scharfe Blicke darauf geheftet: da bemerkte er unter dem Vorhang
durch, dessen Fransen nicht ganz bis zur Erde reichten, die Füße eines
Mannes.
Freilich nur bis an die Knöchel. Aber an diesen Knöcheln saßen
Beinschienen von Erz eigentümlicher Arbeit. Er kannte diese Beinschienen,
er wußte, daß sie zu einer vollen Rüstung gleicher Arbeit gehörten, er
wußte auch in unbestimmter Gedankenverbindung, daß der Träger dieser
Rüstung ihm verhaßt und gefährlich: aber es war ihm nicht möglich, sich zu
sagen, wer dieser Feind sei. Hätte er die Schienen nur bis ans Knie
verfolgen können! Gegen seinen Willen mußte er die Augen immer und immer
wieder auf jenen Vorhang richten und raten und raten. Und das bannte
seinen Geist jetzt, – jetzt, da alles auf dem Spiele stand. Er zürnte über
sich selbst, aber er konnte Gedanken und Blicke nicht von der Nische
losreißen. Der König jedoch fuhr, ohne Widerstand zu finden, fort: »Ferner
haben wir die edeln Herzoge Thulun, Ibbas und Pitza, die grollend diesen
Hof verlassen, aus Gallien und Spanien zurückgerufen. Wir finden, daß
allzuviele Römer, allzuwenig Goten uns umgeben. Jene drei tapfern Krieger
werden mit Graf Witichis die Wehrmacht unsres Reiches, die Festen und die
Schiffe untersuchen und alle Schäden aufdecken und heilen. Sie werden
nächstens eintreffen.« Sie müssen sogleich wieder fort, sagte Cethegus
rasch zu sich selbst. Aber seine Gedanken fuhren fort: Nicht ohne Grund
ist jener Mann dadrinnen versteckt.
»Weiter,« hob der königliche Jüngling wieder an, »haben wir Mataswinthen,
unsre schöne Schwester, zurückbeschieden an unsern Hof. Man hat sie nach
Tarent verbannt, weil sie sich geweigert, eines betagten Römers Weib zu
werden. Sie soll wiederkehren, die schönste Blume unseres Volkes, und
unsern Hof verherrlichen.«
»Unmöglich!« rief Amalaswintha: »Du greifst in das Recht der Mutter wie
der Königin.« – »Ich bin das Haupt der Sippe, sobald ich mündig bin.«
»Mein Sohn, du weißt, wie schwach du warst noch vor wenigen Wochen.
Glaubst du wirklich, die gotischen Heermänner werden dich waffenreif
erklären?«
Der König wurde rot wie sein Purpur, halb vor Scham, halb vor Zorn; eh’ er
Antwort fand rief eine rauhe Stimme an seiner Seite: »Sorge nicht darum,
Frau Königin. Ich bin sein Waffenmeister gewesen: ich sage dir, er kann
sich messen mit jedem Feind: und wen der alte Hildebrand wehrfähig
spricht, der gilt dafür bei allen Goten.« Lauter Beifall der anwesenden
Goten bestätigte sein Wort.
Wieder gedachte Cethegus einzugreifen, aber eine Bewegung hinter dem
Vorhang zog seine Gedanken ab: Einer meiner größten Feinde ist es, aber
wer?
»Noch eine wichtige Sache ist euch kund zu thun,« begann der König wieder,
mit einem flüchtigen Seitenblick nach der Nische, der dem Präfekten nicht
entging.
Etwa ein Anschlag gegen mich? dachte er. Man wollte mich überraschen? Das
soll nicht gelingen! –
Aber es überraschte ihn doch, als plötzlich der König mit lauter Stimme
rief: »Präfekt von Rom, Cethegus Cäsarius!« Er zuckte, aber rasch gefaßt,
neigte er das Haupt und sprach: »Mein Herr und König.« – »Hast du uns
nichts aus Rom zu melden? Wie ist die Stimmung der Quiriten? Was denkt man
dort von den Goten?«
»Man ehrt sie als das Volk Theoderichs!« – »Fürchtet man sie?« – »Man hat
nicht Ursach, sie zu fürchten.« – »Liebt man sie?« – Gern hätte Cethegus
geantwortet: Man hat nicht Ursach’, sie zu lieben. Aber der König selbst
fuhr fort:
»Also keine Spur von Unzufriedenheit? Kein Grund zur Sorge? Nichts
besonderes, das sich vorbereitet.«
»Ich habe nichts dir anzuzeigen.« – »Dann bist du schlecht unterrichtet,
Präfekt, – oder schlecht gesinnt. Muß ich, der in Ravenna kaum vom
Siechbett ersteht, dir sagen, was in deinem Rom unter deinen Augen
vorgeht? Die Arbeiter auf deinen Schanzen singen Spottlieder auf die
Goten, auf die Regentin, auf mich, deine Legionare führen bei ihren
Waffenübungen drohende Reden. Höchst wahrscheinlich besteht bereits eine
ausgebreitete Verschwörung, Senatoren, Priester, an der Spitze: sie
versammeln sich Nachts an unbekannten Orten. Ein Mitschuldiger des
Boëthius, ein Verbannter, Albinus, ist in Rom gesehen worden; und weißt du
wo? im Garten deines Hauses.« Der König stand auf. Die Augen aller
Anwesenden richteten sich, erstaunt, erzürnt, erschrocken auf Cethegus.
Amalaswintha bebte für den Mann ihres Vertrauens. Aber dieser war jetzt
wieder völlig er selbst. Ruhig, kalt, schweigend, sah er dem König ins
Auge.
»Rechtfertige dich!« rief ihm dieser entgegen.
»Rechtfertigen? gegen einen Schatten? ein Gerücht, eine Klage sonder
Kläger? Nie!« – »Man wird dich zu zwingen wissen.« Hohn zuckte um des
Präfekten schmale Lippen.
»Man kann mich ermorden auf bloßen Verdacht, ohne Zweifel, – wir haben das
erfahren, wir Italier! – nicht mich verurteilen. Gegen Gewalt giebt es
keine Rechtfertigung, nur gegen Gerechtigkeit.« – »Gerechtigkeit soll dir
werden, zweifle nicht. Wir übertragen den hier anwesenden Römern die
Untersuchung, dem Senat in Rom die Urteilsfällung. Wähle dir einen
Verteidiger.« – »Ich verteidige mich selbst,« sprach Cethegus kühl. »Wie
lautet die Anklage? Wer ist mein Ankläger? Wo ist er?« – »Hier,« rief der
König und schlug den Vorhang zurück.
Ein gotischer Krieger in ganz schwarzer Rüstung trat hervor.
Wir kennen ihn. Es war Teja.
Dem Präfekten drückte der Haß die Wimper nieder. Jener aber sprach: »Ich,
Teja, des Tagila Sohn, klage dich an, Cethegus Cäsarius, des Hochverrats
an diesem Reich der Goten. Ich klage dich an, den verbannten Verräter
Albinus in deinem Haus zu Rom zu bergen und zu hehlen. Es steht der Tod
darauf. Und du willst dies Land dem Kaiser in Byzanz unterwerfen.«
»Das will ich nicht,« sprach Cethegus ruhig; »beweise deine Klage.« – »Ich
habe Albinus vor vierzehn Nächten mit diesen Augen in deinen Garten treten
sehen,« fuhr Teja zu den Richtern gewendet fort. »Er kam von der Via sacra
her, in einen Mantel gehüllt, einen Schlapphut auf dem Kopf. Schon in zwei
Nächten war die Gestalt an mir vorbeigeschlüpft: diesmal erkannt ich ihn.
Als ich auf ihn zutrat, verschwand er, ehe ich ihn ergreifen konnte, an
der Thür, die sich von innen schloß.« – »Seit wann spielt mein Amtsgenoß,
der tapfre Kommandant von Rom, den nächtlichen Späher?« – »Seit er einen
Cethegus zur Seite hat. Aber ob mir auch der Flüchtling entkam, – diese
Rolle fiel ihm aus dem Mantel: sie enthält Namen von römischen Großen und
neben den Namen Zeichen einer unlösbaren Geheimschrift. Hier ist die
Rolle.« Er reichte sie dem König. Dieser las: »Die Namen sind: Silverius,
Cethegus, Licinius, Scävola, Calpurnius, Pomponius. – Kannst du
beschwören, daß der Vermummte Albinus war?«
»Ich will’s beschwören.« – »Wohlan, Präfekt. Graf Teja ist ein freier,
unbescholtener, eidwürdiger Mann. Kannst du das leugnen?«
»Ich leugne das. Er ist nicht unbescholten: seine Eltern lebten in
nichtiger, blutschänderischer Ehe: sie waren Geschwisterkinder, die Kirche
hat ihr Zusammensein verflucht und seine Frucht: er ist ein Bastard und
kann nicht zeugen gegen mich, einen edeln Römer senatorischen Ranges.« Ein
Murren des Zornes entrang sich den anwesenden Goten. Teja’s blasses
Antlitz aber wurde noch bleicher. Er zuckte. Seine Rechte fuhr ans
Schwert: »So vertret’ ich mein Wort mit dem Schwert,« sprach er mit
tonloser Stimme. »Ich fordere dich zum Kampf, zum Gottesgericht auf Tod
und Leben.« – »Ich bin Römer und lebe nicht nach eurem blutigen
Barbarenrecht. Aber auch als Gote: – ich würde dem Bastard den Kampf
versagen.« – »Geduld,« sprach Teja und stieß das halb gezückte Schwert
leise in die Scheide zurück. »Geduld, mein Schwert. Es kömmt dein Tag.«
Aber die Römer im Saale atmeten auf.
Der König nahm das Wort: »Wie dem sei, die Klage ist genug begründet, die
genannten Römer zu verhaften. Du, Cassiodor, wirst die Geheimschrift zu
entziffern suchen. Du, Graf Witichis, eilst nach Rom und bemächtigst dich
der fünf Verdächtigen, durchsuchst ihre Häuser und das des Präfekten.
Hildebrand, du verhafte den Verklagten, nimm ihm das Schwert ab.« –
»Halt,« sprach Cethegus, »ich leiste Bürgschaft mit all’ meinem Gut, daß
ich Ravenna nicht verlasse, bis dieser Streit zu Ende. Ich verlange
Untersuchung auf freiem Fuß: das ist des Senators Recht.«
»Kehr dich nicht dran, mein Sohn,« rief der alte Hildebrand vortretend,
»laß mich ihn fassen.« – »Laß,« sprach der König, »Recht soll ihm werden,
strenges Recht, doch nicht Gewalt. Laß ab von ihm. Auch hat ihn die Klage
überrascht. Er soll Zeit haben sich zu verteidigen. Morgen um diese Stunde
treffen wir uns wieder hier. Ich löse die Versammlung.«
Der König winkte mit dem Scepter: in höchster Aufregung eilte Amalaswintha
aus dem Gemach. Die Goten traten freudig zu Teja. Die Römer drückten sich
rasch an Cethegus vorbei, vermeidend, mit ihm zu sprechen. Nur Cassiodor
schritt fest auf ihn zu, legte die Hand auf seine Schulter, sah ihm
prüfend ins Auge und fragte dann: »Cethegus, kann ich dir helfen?« –
»Nein, ich helfe mir selbst,« sprach dieser, entzog sich ihm und schritt
allein und stolzen Ganges hinaus.
Zehntes Kapitel.
Der heftige Schlag, den der junge König so unerwartet gegen den ganzen
Grundbau der Regentschaft geführt hatte, erfüllte bald den Palast und die
Stadt mit Staunen, mit Schrecken oder Freude. Zu der Familie des Boëthius
brachte die erste bestimmte Kunde Cassiodor, der Rusticianen zum Trost der
erschütterten Regentin beschied. Mit Fragen bestürmt erzählte er den
ganzen Hergang ausführlich: und so bestürzt oder unwillig er darüber war,
auch aus seinem feindlichen Bericht leuchteten die Kraft, der Mut des
jungen Fürsten unverkennbar hervor. Mit Begierde lauschte Kamilla jedem
seiner Worte: Stolz, Stolz auf den Geliebten – der Liebe glücklichstes
Gefühl – erfüllte mächtig ihre ganze Seele.
»Es ist kein Zweifel,« schloß Cassiodor mit Seufzen, »Athalarich ist unser
entschiedenster Gegner: er steht ganz zu der gotischen Partei, zu
Hildebrand und seinen Freunden. Er wird den Präfekten verderben. Wer hätte
das von ihm geglaubt! Immer muß ich daran denken, Rusticiana, wie so ganz
anders er sich bei dem Prozeß deines Gatten benahm.«
Kamilla horchte hoch auf.
»Damals gewannen wir die Überzeugung, er werde zeitlebens der glühendste
Freund, der eifrigste Vertreter der Römer sein.« – »Ich weiß davon
nichts,« sagte Rusticiana. – »Es ward vertuscht. Das Todesurteil war
gesprochen über Boëthius und seine Söhne. Vergebens hatten wir alle,
Amalaswintha voran, die Gnade des Königs angerufen: sein Zorn war
unauslöschlich. Als ich wieder und wieder ihn bestürmte, fuhr er zornig
auf und schwur bei seiner Krone, der solle es im tiefsten Kerker büßen,
der ihm noch einmal mit einer Fürbitte für die Verräter nahe. Da
verstummten wir alle. Nur Einer nicht. Nur Athalarich, der Knabe, ließ
sich nicht schrecken, er weinte und flehte und hing sich an seines
Großvaters Knie.
Kamilla erbebte: der Atem stockte ihr.
»Und nicht ließ er ab, bis Theoderich in höchstem Zorn emporfuhr, ihn mit
einem Schlag in den Nacken von sich schleuderte und den Wachen übergab.
Der ergrimmte König hielt seinen Eid. Athalarich ward in den Kerker des
Schlosses geführt und Boëthius sofort getötet.«
Kamilla wankte und hielt sich an einer Säule des Saales.
»Aber nicht umsonst hatte Athalarich gesprochen und gelitten.
Tags darauf vermißte der König an der Tafel schwer den Liebling, den er
von sich gebannt. Er gedachte, mit welch edlem Mut er, der Knabe, für
seine Freunde gebeten, als die Männer in Furcht verstummten. Er stand
endlich auf von seinem Abendtrunk, bei dem er lange sinnend saß, stieg
selbst hinab in den Kerker, öffnete die Pforte, umarmte seinen Enkel und
schenkte auf seine Bitte deinen Söhnen, Rusticiana, das Leben.«
»Fort, fort zu ihm!« sprach Kamilla mit erstickter Stimme zu sich selbst
und eilte aus dem Saal.
»Damals,« fuhr Cassiodor fort, »damals mochten Römer und Römerfreunde in
dem künftigen König ihre beste Stütze sehen und jetzt – meine arme Herrin,
arme Mutter!« und klagend schritt er hinaus.
Rusticiana saß lange wie betäubt. Sie sah alles wanken, worauf sie ihre
Rachepläne gebaut: sie versank in dumpfes Brüten. Länger und länger schon
fielen die Schatten der hohen, starken Türme in den Schloßhof, auf welchen
sie hinausstarrte.
Da weckte sie der feste Schritt eines Mannes im Saal, erschrocken fuhr sie
auf: Cethegus stand vor ihr. Sein Antlitz war kalt und finster, aber eisig
ruhig.
»Cethegus!« rief die Bekümmerte und wollte seine Hand fassen, aber seine
Kälte schreckte sie zurück. »Alles verloren!« seufzte sie, stehen
bleibend. »Nichts ist verloren. Es gilt nur Ruhe. Und Raschheit,« setzte
er, umblickend im Gemach, hinzu. Als er sich allein mit ihr sah, griff er
in die Brustfalten seiner Toga. »Dein Liebestrank hat nicht geholfen,
Rusticiana. Hier ist ein andrer, – stärkrer. Nimm.« Und rasch drückte er
ihr eine Phiole von dunklem Lavastein in die Hand. Mit banger Ahnung sah
ihn die Freundin an: »Glaubst du auf einmal an Magie und Zaubertrank? Wer
hat ihn gebraut?« – »Ich,« sagte er, »und _meine_ Liebestränke wirken.« –
»Du!« – es durchlief sie ein eisiges Grauen. »Frage nicht, forsche nicht,
säume nicht,« sprach er herrisch. »Es muß noch heute geschehen. Hörst du?
Noch heute.«
Aber Rusticiana zögerte noch und sah zweifelnd auf das Fläschchen in ihrer
Hand. Da trat er heran, leise ihre Schulter berührend: »Du zauderst,«
sagte er langsam. »Weißt du, was auf dem Spiele steht? nicht nur unser
ganzer Plan! Nein, blinde Mutter. Noch mehr. Kamilla _liebt_, liebt den
König mit aller Kraft der jungen Seele. Soll die Tochter des Boëthius die
Buhle des Tyrannen werden?«
Laut aufschreiend fuhr Rusticiana zurück: was in den letzten Tagen wie
eine böse Ahnung in ihr aufgestiegen, ward ihr gewiß mit diesem Einen
Wort: noch einen Blick warf sie auf den Mann, der das Grausame gesprochen
und hinwegeilte sie, zornig die Faust um das Fläschchen geballt.
Ruhig sah ihr Cethegus nach. »Nun, Prinzlein, wollen wir sehen. Du warst
rasch, ich bin rascher. – Es ist eigen,« sagte er dann, die Falten seiner
Toga herabziehend, »ich glaubte längst nicht mehr, noch solche heftige
Regung empfinden zu können. Jetzt hat das Leben wieder einen Reiz. Ich
kann wieder streben, hoffen, fürchten. Sogar hassen. Ja, ich hasse diesen
Knaben, der sich unterfängt, mit der kindischen Hand in meine Kreise zu
tappen. Er will mir trotzen – meinen Gang aufhalten, er stellt sich kühn
in meinen Weg: Er – mir! wohlan, so trag’ er denn die Folgen.«
Und langsam schritt er aus dem Gemach und wandte sich nach dem Audienzsaal
der Regentin, wo er sich absichtlich der versammelten Menge zeigte und
durch die eigne Sicherheit den bestürzten Herzen der Hofleute einige Ruhe
wiedergab. Er sorgte dafür, zahlreicher Zeugen für all’ seine Schritte an
diesem verhängnisvollen Tag sich zu versichern. Beim Sinken der Sonne ging
er mit Cassiodor und einigen andern Römern, seine Verteidigung für den
nächsten Tag beratend, in den Garten, in dessen Laubgängen er sich umsonst
nach Kamilla umsah.
Diese war, sowie sie Cassiodors Bericht zu Ende gehört, in den Hof des
Palastes geeilt, wo sie zu dieser Stunde den König mit den andern jungen
Goten seines Hofes beim Waffenspiel zu treffen hoffte. Nur sehen wollte
sie ihn, noch nicht ihn sprechen und ihm zu Füßen ihr großes Unrecht
abbitten. Sie hatte ihn verabscheut, von sich gestoßen, ihn als mit dem
Blut ihres Vaters befleckt gehaßt – ihn, der sich für diesen Vater
geopfert, der ihre Brüder gerettet hatte!
Aber sie fand ihn nicht im Hof. Die wichtigen Ereignisse des Tages hielten
ihn in seinem Arbeitszimmer fest. Auch seine Waffengesellen fochten und
spielten heute nicht: in dichten Gruppen beisammenstehend, priesen sie
laut den Mut ihres jungen Königs.
Mit Wonne sog Kamilla dieses Lob ein: stolz errötend, selig träumend
wandelte sie in den Garten und suchte dort an allen seinen
Lieblingsstätten die Spuren des Geliebten. Ja, sie liebte ihn: kühn und
freudig gestand sie sich’s ein: er hatte es tausendfach um sie verdient.
Was Gote, was Barbar! Er war ein edler herrlicher Jüngling, ein König, der
König ihrer Seele. Wiederholt wies sie die begleitende Daphnidion aus
ihrer Nähe, daß diese nicht höre, wie sie wieder und wieder den geliebten
Namen selig vor sich hin sprach. Endlich am Venustempel angelangt versank
sie in süße Träume über die Zukunft, die unklar, aber golden dämmernd, vor
ihr lag. Vor allem beschloß sie, dem Präfekten und ihrer Mutter schon
morgen zu erklären, nicht mehr auf ihre Mithilfe gegen den König zählen zu
sollen. Dann wollte sie diesem selbst ihre Schuld abbitten mit innigen
Worten und dann – dann? sie wußte nicht was dann werden solle: aber sie
errötete in holden Träumen.
Rote, duftige Mandelblüten fielen aus den nickenden Büschen: in dem
dichten Oleander neben ihr sang die Nachtigall, eine klare Quelle glitt
rieselnd an ihr vorüber nach dem blauen Meer und die Wellen dieses Meeres
rollten leise wie ihrer Liebe huldigend zu ihren Füßen.
Elftes Kapitel.
Aus solchem Sinnen und Sehnen weckte sie ein nahender Schritt auf den
Sandwegen. Der Gang war so rasch und so bestimmt der Tritt, daß sie nicht
Athalarich vermutete. Aber es war der König: verändert in Haltung und
Erscheinen, männlicher, kräftiger, fester. Hoch trug er das sonst zur
Brust gebeugte Haupt und das Schwert Theoderichs klirrte an seiner Hüfte.
»Gegrüßt, gegrüßt, Kamilla,« rief er ihr laut und lebhaft entgegen. »Dein
Anblick ist der schönste Lohn für diesen heißen Tag.«
So hatte er noch nie zu ihr gesprochen.
»Mein König,« flüsterte sie erglühend: einen leuchtenden Blick noch warfen
die braunen Augen auf ihn: dann senkten sich die langen Wimpern. Mein
König! so hatte sie ihn nie genannt, solchen Blick ihm nie geschenkt.
»Dein König?« sagte er, sich neben ihr niederlassend, »ich fürchte, so
wirst du mich nicht mehr nennen, wenn du erfährst, was alles heute
geschehen.«
»Ich weiß alles.« – »Du weißt? Nun dann, Kamilla, sei gerecht: schilt
nicht, ich bin kein Tyrann.« Der Edle, dachte sie, er entschuldigt sich um
seine schönsten Thaten.
»Sieh, ich hasse die Römer nicht, der Himmel weiß es, – sie sind ja _dein_
Volk! – ich ehre sie und ihre alte Größe, ich achte ihre Rechte. Aber mein
Reich, den Bau Theoderichs, muß ich beschützen, streng und unerbittlich,
und weh der Hand, die sich dawider hebt. Vielleicht,« fuhr er langsamer
und feierlich fort, »vielleicht ist dies Reich schon verurteilt in den
Sternen – gleichviel, ich, sein König, muß mit ihm stehen und fallen.«
»Du sprichst wahr, Athalarich, und wie ein König.«
»Dank dir, Kamilla! wie du heut gerecht bist oder gut! Solcher Güte darf
ich wohl anvertrauen, welcher Segen, welche Heilung mir geworden. Sieh’,
ich war ein kranker, irrer Träumer, ohne Halt, ohne Freude, dem Tode gern
entgegenwankend. Da trat an meine Seele die Gefahr dieses Reichs, die
thätige Sorge um mein Volk: und mit der Sorge wuchs in meiner Brust die
Liebe, die mächtige Liebe zu meinen Goten, und diese stolze und bange und
wachsame Liebe für mein Volk, sie hat mein Herz gestärkt und getröstet für
... für andres bitter schmerzliches Entsagen. Was liegt an meinem Glück,
wenn nur dies Volk gedeiht: sieh, der Gedanke hat mich gesund gemacht und
stark und wahrlich! des Größten könnt’ ich jetzt mich unterwinden.«
Er sprang auf, beide Arme wiegend und schwingend.
»O, Kamilla, die Ruhe verzehrt mich! O, ging es zu Roß und in
waffenstarrende Feinde! Sieh, die Sonne sinkt. Es ladet die spiegelnde
Flut. Komm, komm mit in den Kahn.« Kamilla zögerte. Sie blickte um. »Die
Dienerin? Ach laß sie! Dort ruht sie unter der Palme an der Quelle, sie
schläft. Komm, komm rasch, eh’ die Sonne versinkt. Sieh die goldne Straße
auf der Flut. Sie winkt!« – »Zu den Inseln der Seligen?« fragte das
liebliche Mädchen mit einem holdseligen Blick und leicht errötend.
»Ja, komm zu den seligen Inseln!« antwortete er glücklich, hob sie rasch
in den Kahn, löste dessen Silberkette von den Widderköpfen des Quais,
sprang hinein, ergriff das zierliche Ruder und stieß ab. Dann legte er das
Ruder in die Öse zur Linken: und im hintern Gransen des Schiffes stehend
steuerte und ruderte er zugleich, eine schöne und malerische Bewegung, und
ein echt germanischer Fergenbrauch.
Kamilla saß vorn, nahe dem Schnabel des Kahns, auf einem Diphros, dem
griechischen zusammenlegbaren Feldstuhl, und sah ihm in das edle Antlitz,
das von der rotschimmernden Abendsonne beleuchtet war: sein dunkles Haar
flog im Winde und herrlich waren die raschen und kräftigen Bewegungen des
fein gebauten Ruderers zu schauen. Beide schwiegen. Pfeilschnell schoß die
leichte Barke durch die glatte Flut.
Flockige, rosige Abendwölklein zogen langsam über den Himmel, der leise
Wind führte von den Mandelgebüschen des Ufers Wolken von Wohlgeruch mit
sich, und rings war Schimmer, Ruhe, Harmonie. Endlich brach der König das
Schweigen und sprach, dem Bot einen kräftigen Druck gebend, daß es
gehorsam vorwärts schoß: »Weißt du, was ich denke? Wie schön muß es sein
ein Reich, ein Volk, viel tausend geliebte Leben mit der starken Hand
durch Wind und Wellen sicher vorwärts zu steuern zu Glück und Glanz. – Was
aber sannest du, Kamilla? Du sahst so mild, es sind gute Gedanken
gewesen.« Sie errötete und blickte seitab in die Flut.
»O sprich doch, sei offen in dieser schönen Stunde.«
»Ich dachte,« flüsterte sie vor sich hin, das feine Köpfchen noch immer
abgewendet, »wie schön muß es sein, von treuer, geliebter Hand, der man so
ganz vertraut, gesteuert werden durch die schwanke Flut des Lebens.« – »O,
Kamilla, glaub mir, auch dem Barbaren kann man sich vertraun« – – »Du bist
kein Barbar! Wer zart empfindet und edel denkt und sich hochherzig
überwindet und schweren Undank mit Huld vergilt, ist kein Barbar, er ist
ein edles Menschenbild, wie je ein Scipio gewesen.« Entzückt hielt der
König im Rudern inne, das Schiff stand: »Kamilla! träum ich? sprichst du
das? und zu mir?«
»Mehr noch, Athalarich, mehr! ich bitte dich, vergieb, daß ich dich so
grausam von mir gestoßen. Ach, es war nur Scham und Furcht.« – »Kamilla,
Perle meiner Seele« – Diese, welche das Gesicht dem Ufer zuwandte, rief
plötzlich: »was ist das? Man folgt uns. Der Hof, die Frauen, meine
Mutter.« So war es. Rusticiana hatte, von des Präfekten furchtbarem Wink
getrieben, ihre Tochter im Garten gesucht. Sie fand sie nicht. Sie eilte
nach dem Venustempel. Umsonst. Umherschauend sah sie plötzlich die beiden,
ihr Kind mit ihm allein, auf dem Schiff, fern im Meer. In höchstem Zorn
flog sie an den Marmortisch, an dem die Sklaven eben den Abendbecher des
Königs mischten, schickte sie die Stufen hinab, eine Gondel zu lösen,
gewann so einen unbelauschten Augenblick an dem Tisch und stieg gleich
darauf mit Daphnidion, die ihr zorniger Ausruf geweckt, die Stufen hinab
nach dem Schiff. Da bogen zur Rechten aus dem dichten Taxusgang der
Präfekt und seine Freunde, die ihr Lustwandeln ebenfalls an diese Stelle
führte. Cethegus folgte ihr die Stufen hinab und reichte ihr die Hand, in
den Kahn zu steigen. »Es ist geschehen,« flüsterte sie ihm dabei zu und
die Gondel stieß ab. In diesem Augenblick war es, daß das junge Paar auf
die Bewegung am Ufer aufmerksam wurde: Kamilla stand auf, sie mochte
erwarten, der König werde das Schiff wenden. Aber dieser rief: »Nein, sie
sollen mir diese Stunde nicht rauben, die schönste meines Lebens. Ich muß
noch mehr von diesen süßen Worten schlürfen. O, Kamilla, du mußt mir mehr,
du mußt mir alles sagen. Komm, wir landen auf der Insel dort, da mögen sie
uns finden.« Und mächtig ausgreifend drückte er mit aller Kraft auf das
Ruder, daß das Fahrzeug wie beflügelt dahinschoß.
»Willst du nicht weiter sprechen?«
»O, mein Freund, mein König – dringe nicht in mich.« Er sah nur ihr in das
liebliche Antlitz, in das leuchtende Auge, nicht mehr auf Weg und Ziel.
»Nun warte – dort auf der Insel – dort sollst du mir« – –
Ein neuer leidenschaftlicher Ruderschlag – da erdröhnte ein dumpfer Krach,
das Schiff war angeprallt und fuhr schütternd zurück.
»Himmel!« rief Kamilla aufspringend und nach dem Schnabel des Schiffes
sehend: ein ganzer Schwall von Wasser sprudelte herein ihr entgegen.
»Das Schiff ist geborsten – wir sinken,« sprach sie erbleichend. –
»Hierher zu mir, laß mich sehen,« rief Athalarich vorspringend. »Ah, das
sind die Nadeln der Amphitrite – wir sind verloren.« Die Nadeln der
Amphitrite – wir wissen, man konnte sie von der Terrasse des Venustempels
kaum erkennen – waren zwei schmale scharfzackige Klippen zwischen dem Ufer
und der nächsten der Laguneninseln: sie ragten kaum über den
Wasserspiegel, bei leisestem Wind gingen die Wellen über sie weg.
Athalarich kannte die Gefahr dieser Stelle und hatte sie immer leicht
vermieden: aber diesmal hatte er nur in der Geliebten Augen geblickt.
Mit einem Blick übersah er die Lage. Es gab keine Rettung.
Ein Bret im Boden des leicht gezimmerten Gefährts war durch den Anprall an
der Klippe zertrümmert, gewaltig drang das Wasser durch den Leck.
Das Schiff sank von Sekunde zu Sekunde.
Schwimmend mit Kamilla die nächste Insel oder das Ufer zu erreichen,
konnte er nicht hoffen und das Ruderschiff Rusticianens hatte kaum erst
abgestoßen. Mit Blitzesschnelle hatte er all’ das überschaut, erwogen,
eingesehen, und warf einen entsetzten Blick auf das Mädchen. »Geliebte, du
stirbst,« jammerte er verzweifelnd, »und ich, ich hab’s verschuldet.« Und
er umfaßte sie stürmisch. »Sterben?« rief sie, »o nein! nicht so jung,
nicht jetzt sterben! Leben, leben mit dir.« Und sie klammerte sich fest an
seinen Arm. Der Ton, die Worte durchschnitten sein Herz.
Er riß sich los, er sah nach Rettung ringsumher, umsonst, umsonst – immer
höher stieg das Wasser, immer rascher sank das Schiff. Er warf das Ruder
weg. »Es ist aus, alles aus, Geliebte. Laß uns Abschied nehmen.« – »Nein!
nicht mehr scheiden! Muß es gestorben sein: – o dann hinweg alle Scheu,
welche die Lebendigen bindet« – und glühend drückte sie das Haupt an seine
Brust – »o laß dir sagen, laß dir noch gestehn, wie ich dich liebe, wie
lange schon, seit – seit immer. All’ mein Haß war ja nur verschämte Liebe.
Gott, ich liebte dich schon, da ich wähnte, ich müsse dich verabscheuen.
Ja du sollst wissen, wie ich dich liebe.« Und sie bedeckte ihm Augen und
Wangen mit eiligen Küssen. »O, jetzt will ich auch sterben – lieber
sterben mit dir als leben ohne dich. Aber nein« – und sie riß sich von ihm
los – »du sollst nicht sterben – laß mich hier, springe, schwimme,
versuch’s, du allein erreichst die Insel wohl – versuch’s und laß mich.«
»Nein,« rief er selig, »lieber sterben mit dir als leben ohne dich. Nach
so langem, langem Sehnen endlich Erfüllung! Wir gehören einander auf ewig
von dieser Stunde. Komm, Kamilla, Geliebte, laß uns hinab.«
Schauer der Liebe und des Todes rieselten durcheinander. Er zog sie an
sich, umschlang sie mit dem linken Arm und stieg mit ihr auf den kaum noch
Hand breit über Wasser ragenden Steuergransen: schon schickte er sich zum
jähen Sprunge an, – da entrang sich beiden ein froher Schrei der Hoffnung.
Blitzschnell bog vor ihren Augen um die schmale Landspitze, die unfern von
ihnen ins Meer ragte, ein Schiff mit vollen Segeln, das gerade auf sie los
eilte.
Das Schiff vernahm ihren Schrei, es erkannte jedenfalls die Lage des
sinkenden Kahns, vielleicht die Person des Königs: vierzig Ruder, aus zwei
Stockwerken von Ruderbänken zugleich in die Flut getaucht, beförderten den
Flug des raschen Fahrzeugs, das brausend vor ganzem Wind mit allen Segeln
daherschoß. Die Leute auf dem Deck riefen ihnen zu, auszuharren und bald –
es war die höchste Zeit – lag der Bauch der Bireme neben der Gondel, die
augenblicklich versank, nachdem das Paar durch die Lukenpforte des untern
Ruderstockwerks an Bord gerettet war. Es war ein kleines gotisches
Wachtschiff, der goldene, steigende Löwe, das Wappen der Amalungen,
glänzte auf der blauen Flagge: Aligern, ein Vetter Tejas, befehligte es.
»Dank euch, wackre Freunde,« sprach Athalarich, da er wieder Worte
gefunden, »Dank! ihr habt nicht euren König nur, ihr habt eure Königin
gerettet.«
Staunend sammelten sich Krieger und Matrosen um den Glücklichen, der die
laut weinende Kamilla in seinen Armen hielt. »Heil unsrer schönen jungen
Königin!« jauchzte der rotblonde Aligern und die Mannschaft jubelte
donnernd nach: »Heil, Heil unsrer Königin!« In diesem Augenblick rauschte
der Segler an dem Kahn Rusticianens vorbei: der Schall dieses Jubelrufs
weckte die Unselige aus der Erstarrung von Entsetzen und Betäubung, die
sie ergriffen, da die beiden erschrocknen Rudersklaven die Gefahr des
jungen Paares auf dem sinkenden Boot entdeckt und zugleich erklärt hatten,
es sei ihnen unmöglich, sie rechtzeitig aus den Wellen zu retten. Da war
sie besinnungslos Daphnidion in die Arme gefallen.
Jetzt erwachte sie und warf einen irren Blick umher. Sie staunte: war es
ein Traumbild, was sie sah? oder war es wirklich ihre Tochter, die dort
auf dem Deck des Gotenschiffs, das stolz an ihr vorüberrauschte, an der
Brust des jungen Königs lag? und jauchzten wirklich dazu jubelnde Stimmen:
»Heil Kamilla, unsrer Königin?«
Sie starrte auf die vorübergleitende Erscheinung, sprachlos, lautlos. Aber
das rasch fliegende Segelschiff war schon an ihrem Kahn vorüber und dem
Lande nah. Es ankerte außerhalb der seichten Gartenbucht, eine Barke ward
herabgelassen, das gerettete Paar, Aligern und drei Matrosen sprangen
hinein und bald stiegen sie die Stufen der Hafentreppe hinan, wo, außer
Cethegus und seiner Begleitung, eine Menge von Leuten sich versammelt
hatte, die vom Palast oder vom Garten aus mit Schrecken die Gefahr des
kleinen Schiffes wahrgenommen und jetzt herbeieilten, die Geretteten zu
begrüßen. Unter Glückwünschen und Segensrufen stieg Athalarich die Stufen
hinan.
»Seht hier,« sprach er, vor dem Tempel angelangt, »sehet, Goten und Römer,
eure Königin, meine Braut. Uns hat der Gott des Todes zusammengeführt,
nicht wahr, Kamilla?« Sie sah zu ihm auf, aber heftig erschrak sie: die
Aufregung und der jähe Wechsel von Schrecken und Freude hatten den kaum
Genesenen übermächtig erschüttert: sein Antlitz war marmorblaß, er wankte
und griff wie Luft schöpfend krampfhaft an seine Brust.
»Um Gott,« rief Kamilla, einen Anfall des alten Leidens fürchtend, »dem
König ist nicht wohl. Rasch den Wein, die Arznei!« Sie flog an den Tisch,
ergriff den Silberbecher, der bereit stand, und drängte ihn in seine Hand.
Cethegus stand dicht dabei und folgte mit scharfem Blick jeder seiner
Bewegungen.
Schon setzte er den Becher an die Lippen, aber plötzlich ließ er ihn
nochmal sinken, er lächelte: »du mußt mir zutrinken, wie’s der gotischen
Königin ziemt an ihrem Hof,« und er reichte ihr den Pokal: sie nahm ihn
aus seiner Hand.
Einen Augenblick durchzuckte es den Präfekten siedend heiß. Er wollte
hinzustürzen, ihr den Trank aus der Hand reißen, ihn verschütten.
Aber er hielt sich zurück. That er’s, so war er unrettbar verloren. Nicht
nur morgen als Hochverräter, nein, sofort als Giftmörder angeklagt und
überführt.
Verloren mit ihm seine ganze Ideenwelt, die Zukunft Roms. Und um wen? – Um
ein verliebtes Mädchen, das treulos zu seinem Todfeind abgefallen. – Nein,
sagte er kalt zu sich, die Faust zusammendrückend, sie oder Rom: – also
sie! Und ruhig sah er zu, wie das Mädchen, hold errötend, einen leichten
Trunk aus dem Becher nahm, den der König darauf tief schlürfend bis zum
Grunde leerte. Er zuckte zusammen, da er ihn auf den Marmortisch
niedersetzte. »Kommt hinauf ins Palatium,« sprach er fröstelnd, den Mantel
über die linke Schulter schlagend, »mich friert.« Und er wandte sich.
Da traf sein Blick auf Cethegus: er stand einen Augenblick still und sah
dem Präfekten eindringend ins Auge.
»Du hier?« sagte er finster und trat einen Schritt auf ihn zu: da zuckte
er nochmal und stürzte mit einem jähen Schrei neben der Quelle aufs
Antlitz nieder.
»Athalarich!« rief Kamilla und warf sich taumelnd über ihn. Der alte
Corbulo sprang aus der Schar der Diener zuerst hinzu: »Hilfe,« rief er,
»sie stirbt – der König!«
»Wasser! rasch Wasser!« sprach Cethegus laut. Und entschlossen trat er an
den Tisch, ergriff den Silberbecher, bückte sich, spülte ihn schnell, aber
gründlich in der Quelle und neigte sich über den König, der in Cassiodors
Armen lag, indeß Corbulo das Haupt Kamillens auf seine Kniee legte.
Ratlos, entsetzt umstanden die Hofleute die beiden scheinbar leblosen
Gestalten.
»Was ist geschehen? Mein Kind!« mit diesem Schrei drängte sich Rusticiana,
die soeben gelandet, an der Tochter Seite. »Kamilla!« rief sie
verzweifelt, »was ist mit dir?«
»Nichts!« sagte Cethegus ruhig, sich prüfend über die beiden beugend. »Es
ist nur eine Ohnmacht. Aber den jungen König hat sein Herzkrampf
hingerafft. Er ist tot.«
Drittes Buch.