»Darum,« fiel die Fürstin rasch ein, »muß, schon ehe jene Kunde zu Rom
eintrifft, alles geschehen sein. Ein entschlossener, mir treu ergebener
Mann muß die Besatzung für mich – ich meine für meinen Sohn – vereidigen,
die wichtigsten Thore und Plätze besetzen, Senat und Adel einschüchtern,
das Volk für mich gewinnen und meine Herrschaft unerschütterlich
aufrichten, ehe sie noch bedroht ist. Und für dies Geschäft hat Cassiodor
– dich vorgeschlagen. Sprich, willst du es übernehmen?«
Bei diesen Worten war der goldne Griffel aus ihrer Hand zur Erde gefallen.
Cethegus bückte sich, ihn aufzuheben. Er hatte nur diesen einen Augenblick
für die hundert Gedanken, die bei diesem Antrag sich in seinem Kopfe
kreuzten.
War die Verschwörung in den Katakomben, war vielleicht er selbst verraten?
Lag hier eine Schlinge des schlauen und herrschsüchtigen Weibes? Oder
waren die Thoren wirklich so blind, gerade ihm dies Amt aufzudringen? Und
wenn dem so war, was sollte er thun? Sollte er den Moment benutzen,
sogleich loszuschlagen, Rom zu gewinnen? Und für wen? für Byzanz? oder für
einen Kaiser im Abendlande? Und wer sollte das werden? Oder waren die
Dinge noch nicht reif? Sollte er für diesmal – aus Treulosigkeit – Treue
üben? Für all’ diese und manche andere Zweifel und Fragen hatte er, sie zu
stellen und zu lösen, nur den einen Moment, da er sich bückte: sein
rascher Geist brauchte nicht mehr: er hatte im Bücken das arglos
vertrauende Gesicht Cassiodors gesehen und entschlossen sprach er, den
Griffel überreichend: »Königin, ich übernehme das Geschäft.« – »Das ist
gut,« sagte die Fürstin. Cassiodor drückte seine Hand. – »Wenn Cassiodor,«
fuhr Cethegus fort, »mich zu diesem Amte vorgeschlagen, so hat er wieder
einmal seine tiefe Menschenkenntnis bewährt. Er hat durch meine Schale auf
meinen Kern gesehen.« – »Wie meinst du das?« fragte Amalaswintha. –
»Königin, der Schein konnte ihn trügen. Ich gestehe, daß ich die Barbaren
– verzeihe! – die Goten nicht gern in Italien herrschen sehe.« – »Dieser
Freimut ehrt dich und ich verzeih’ es dem Römer.« – »Dazu kommt, daß ich
seit Jahrzehnten dem Staat, dem öffentlichen Leben keine Teilnahme mehr
zuwandte. Nach vielen Leidenschaften leb’ ich – ohne alle Leidenschaft –
nur einer spielenden Muse und leichten Gelehrsamkeit, unbekümmert um die
Sorgen der Könige, auf meinen Villen.« – »_Beatus ille qui procul
negotiis_«, citierte seufzend die gelehrte Frau. – »Aber eben weil ich die
Wissenschaft verehre, weil ich, ein Schüler Platons, will, daß die Weisen
herrschen sollen, deshalb wünsche ich, daß eine Königin mein Vaterland
regiere, die nur der Geburt nach Gotin, der Seele nach Griechin, der
Tugend nach Römerin ist.
Ihr zu Liebe will ich meine Muße den verhaßten Geschäften opfern. Aber nur
unter der Bedingung, daß dies mein letztes Staatsamt sei. Ich übernehme
deinen Auftrag und stehe dir für Rom mit meinem Kopf.«
»Gut, hier findest du die Vollmachten, die Dokumente, deren du bedarfst.«
Cethegus durchflog die Urkunden. »Dies ist das Manifest des jungen Königs
an die Römer, mit deiner Unterschrift. Seine Unterschrift fehlt noch.«
Amalaswintha tauchte die gnidische Rohrfeder in das Gefäß mit Purpurtinte,
deren sich die Amaler, wie die römischen Imperatoren bedienten: »Komm,
schreibe deinen Namen, mein Sohn.« Athalarich hatte während der ganzen
Verhandlung stehend und mit beiden Armen vorgebeugt auf den Tisch
gestützt, Cethegus scharf beobachtet. Jetzt richtete er sich auf: er war
gewohnt, in seinen Formen die Rechte eines Kronfolgers und eines Kranken
zu gebrauchen: »Nein,« sagte er heftig, »ich schreibe nicht. Nicht bloß,
weil ich diesem kalten Römer nicht traue, – nein, ich traue dir gar nicht,
du stolzer Mann! – es ist empörend, daß ihr, während mein hoher Großvater
noch atmet, schon an seiner Krone herumtappt, ihr Zwerge nach der Krone
des Riesen. Schämt euch eurer Fühllosigkeit. Hinter jenen Vorhängen stirbt
der größte Held des Jahrhunderts – und ihr denkt nur an die Teilung seiner
Königsgewänder.«
Er wandte ihnen den Rücken und schritt langsam nach dem Fenster zu, wo er
den Arm um seine schöne Schwester schlang und ihr schimmervolles
glänzendes Haar streichelte.
Lange stand er so, sie achtete seiner nicht. Plötzlich fuhr sie auf aus
ihrem Sinnen: »Athalarich,« flüsterte sie, hastig seinen Arm fassend und
hinausdeutend auf die Marmorstufen, »wer ist der Mann dort? im blauen
Stahlhelm, der eben um die Säule biegt? Sprich, wer ist es?« »Laß sehn,«
sagte der Jüngling sich vorbeugend, »der dort? ei, das ist Graf Witichis,
der Besieger der Gepiden, ein wackrer Held.« Und er erzählte ihr von den
Thaten und Erfolgen des Grafen im letzten Kriege.
Indessen hatte Cethegus die Fürstin und den Minister fragend angesehen.
»Laß ihn!« seufzte Amalaswintha. »Wenn er nicht will, zwingt ihn keine
Macht der Erde.« Weiteres Fragen des Cethegus ward abgeschnitten, indem
sich der dreifache Vorhang aufthat, der das Schlafgemach des Königs von
allem Geräusch des Vorzimmers schied. Es war Elpidios, der griechische
Arzt, der, die schweren Falten aufhebend, berichtete, der Kranke, eben aus
langem Schlummer erwacht, habe ihn fortgeschickt, um mit dem alten
Hildebrand allein zu sein: dieser wich nie von seiner Seite.
Sechstes Kapitel.
Das Schlafgemach Theoderichs, schon von den Kaisern zu gleichem Zweck
benutzt, zeigte die düstre Pracht des späten römischen Stils. Die
überladenen Reliefs an den Wänden, die Goldornamentik der Decke schilderte
noch Siege und Triumphzüge der römischen Konsuln und Imperatoren:
heidnische Götter und Göttinnen schwebten stolz darüber hin: überall in
der Architektur und Dekoration waltete drückender Prunk.
Dazu bildete einen merkwürdigen Gegensatz das Lager des Gotenkönigs in
seiner schlichten Einfachheit. Kaum einen Fuß vom Marmorboden erhob sich
das ovale Gestell von rohem Eichenholz, das wenige Decken füllten. Nur der
köstliche Purpurteppich, der die Füße verhüllte, und das Löwenfell mit
goldnen Tatzen, ein Geschenk des Vandalenkönigs aus Afrika, das vor dem
Bette lag, bekundete die Königshoheit des Kranken. Alles Gerät, das sonst
das Gemach erfüllt, war prunklos, schlicht, fast barbarisch schwer.
An einer Säule im Hintergrund hing der eherne Schild und das breite
Schwert des Königs, seit vielen Jahren nicht mehr gebraucht. Am Kopfende
des Lagers stand, gebeugten Hauptes, der alte Waffenmeister, die Züge des
Kranken sorglich prüfend: dieser, auf den linken Arm gestützt, kehrte ihm
das gewaltige, das majestätische Antlitz zu. Sein Haar war spärlich und an
den Schläfen abgerieben durch den langjährigen Druck des schweren Helmes,
aber noch glänzend hellbraun, ohne irgend graue oder weiße Spuren. Die
mächtige Stirn, die blitzenden Augen, die stark gebogene Nase, die tiefen
Furchen der Wangen sprachen von großen Aufgaben und von großer Kraft, sie
zu lösen und machten den Eindruck des Gesichts königlich und hehr: aber
die wohlwollende Weichheit des Mundes bekundete, trotz dem grimmen und
leise ergrauenden Bart, jene Milde und friedliche Weisheit, mit welcher
der König ein Menschenalter lang für Italien eine goldne Zeit
zurückgeführt und sein Reich zu einer Blüte erhoben hatte, die damals
schon Sprichwort und Sage feierten.
Lang ließ er mit Huld und Liebe das goldbraune Adlerauge auf dem riesigen
Krankenwart ruhen. Dann reichte er ihm die magre, aber nervige Rechte.
»Alter Freund,« sagte er, »nun wollen wir Abschied nehmen.«
Der Greis sank in die Knie und drückte die Hand des Königs an die breite
Brust. »Komm, Alter, steh’ auf: muß _ich dich_ trösten?«
Aber Hildebrand blieb auf den Knieen und erhob nur das Haupt, daß er dem
König ins Auge sehen konnte. »Sieh,« sprach dieser, »ich weiß, daß du,
Hildungs Sohn, von deinen Ahnen, von deinem Vater her tiefere Geheimkunde
hast von der Menschen Siechtum und Heilung, als alle diese griechischen
Ärzte und lydischen Salbenkrämer. Und vor allem: du hast mehr
Wahrhaftigkeit. Darum frage ich dich, du sollst mir redlich bestätigen,
was ich selbst fühle: sprich, ich muß sterben? heute noch? noch vor
Nacht?«
Und er sah ihn an mit einem Auge, das nicht zu täuschen war. Aber der Alte
wollte gar nicht täuschen, er hatte jetzt seine zähe Kraft wieder. »Ja,
Gotenkönig, Amalungen Erbe, du mußt sterben,« sagte er: »die Hand des
Todes hat über dein Antlitz gestrichen. Du wirst die Sonne nicht mehr
sinken sehen.«
»Es ist gut,« sagte Theoderich, ohne mit der Wimper zu zucken. »Siehst du,
der Grieche, den ich fortgeschickt, hat mir noch von ganzen Tag
vorgelogen. Und ich brauche doch meine Zeit.«
»Willst du wieder die Priester rufen lassen?« fragte Hildebrand, nicht mit
Liebe. – »Nein, ich konnte sie nicht brauchen. Und ich brauche sie nicht
mehr.« – »Der Schlaf hat dich sehr gestärkt und den Schleier von deiner
Seele genommen, der sie so lang verdunkelt. Heil dir, Theoderich,
Theodemers Sohn, du wirst sterben wie ein Heldenkönig.«
»Ich weiß,« lächelte dieser, »die Priester waren dir nicht genehm an
diesem Lager. Du hast Recht. Sie konnten mir nicht helfen.« – »Nun aber,
wer hat dir geholfen?«
»Gott und ich selbst. Höre. Und diese Worte sollen unser Abschied sein!
Mein Dank für deine Treue von fünfzig Jahren sei es, daß ich dir allein,
nicht meiner Tochter, nicht Cassiodor, es vertraue, was mich gequält hat.
Sprich: was sagt man im Volk, was glaubst du, daß jene Schwermut war, die
mich plötzlich befallen und in dieses Siechtum gestürzt hat?« – »Die
Welschen sagen: Reue über den Tod des Boëthius und Symmachus.« – »Hast du
das geglaubt?« – »Nein, ich mochte nicht glauben, daß dich das Blut der
Verräter bekümmern kann.« – »Du hast wohlgethan. Sie waren vielleicht
nicht des Todes schuldig: nach dem Gesetz, nach ihren Thaten. Und Boëthius
habe ich sehr geliebt. Aber sie waren tausendfach Verräter! Verräter in
ihren Gedanken, Verräter an meinem Vertrauen, an meinem Herzen. Ich habe
sie, die Römer, höher gehalten als die Besten meines Volkes. Und sie
haben, zum Dank, meine Krone dem Kaiser gewünscht, dem Byzantiner
Schmeichelbriefe geschrieben: sie haben einen Justin und einen Justinian
der Freundschaft des Theoderich vorgezogen –: mich reut der Undankbaren
nicht. Ich verachte sie. Rate weiter! Du, was hast du geglaubt?« – »König:
dein Erbe ist ein Kind und du hast ringsum Feinde.« Der Kranke zog die
kühnen Brauen zusammen: »Du triffst näher ans Ziel. Ich habe stets gewußt,
was meines Reiches Schwäche. In bangen Nächten hab’ ich geseufzt um seine
innere Krankheit, wann ich am Abend beim Gastgelag den fremden Gesandten
den Stolz höchster Zuversicht gezeigt hatte. Alter, du hast, ich weiß,
mich für allzu sicher gehalten. Aber mich durfte niemand beben sehen.
Nicht Freund noch Feind. Sonst bebte mein Thron. Ich habe geseufzt, wann
ich einsam war und meine Sorge allein getragen.« – »Du bist die Weisheit,
mein König, und ich war ein Thor!« rief der Alte. »Sieh,« fuhr der König
fort, – mit der Hand über die des Alten streichend –, »ich weiß alles, was
dir nicht recht an mir gewesen. Auch deinen blinden Haß gegen diese
Welschen kenne ich. Glaube mir, er ist blind. Wie vielleicht meine Liebe
zu ihnen war.« Hier seufzte er und hielt inne. »Was quälst du dich.« –
»Nein, laß mich vollenden. Ich weiß es, mein Reich, das Werk meines
ruhmvollen, mühevollen Lebens kann fallen, leicht fallen. Und vielleicht
durch Schuld meiner Großmut gegen diese Römer. Sei es darum! Kein
Menschenbau ist ewig und die Schuld zu edler Güte – ich will sie tragen.«
»Mein großer König!« – »Aber, Hildebrand, in einer Nacht, da ich so
wachte, sorgte und seufzte über den Gefahren meines Reiches, – da stieg
mir vor der Seele auf das Bild einer andern Schuld! Nicht der Güte, nein,
der Ruhmsucht, der blutigen Gewalt. Und wehe, wehe mir, wenn das Volk der
Goten sollte untergehn zur Strafe für Theoderichs Frevel! – _Sein_, _sein_
Bild tauchte mir empor!«
Der Kranke sprach nun mit Anstrengung und zuckte einen Augenblick. »Wessen
Bild? Wen meinst du?« fragte der Alte leise, sich vorbeugend. »Odovakar!«
flüsterte der König. Hildebrand senkte das Haupt. Ein banges Schweigen
unterbrach endlich Theoderich: »Ja, Alter, diese Rechte, – du weißt es, –
hat den gewaltigen Helden durchstoßen, beim Mahl, meinen Gast. Heiß
spritzte sein Blut mir ins Gesicht und ein Haß ohne Ende sprühte auf mich
aus seinem brechenden Auge. Vor wenigen Monden, in jener Nacht, stieg sein
blutiges, bleiches, zürnendes Bild wie eines Rachegottes vor mir auf.
Fiebernd zuckte mein Herz zusammen. Und furchtbar sprach’s in mir: um
dieser Blutthat willen wird dein Reich zerfallen und dein Volk vergehn.«
Nach einer neuen Pause begann diesmal Hildebrand, trotzig aufblickend:
»König, was quälst du dich wie ein Weib? Hast du nicht Hunderte erschlagen
mit eigner Hand und dein Volk Tausende auf dein Gebot? Sind wir nicht von
den Bergen in dies Land herabgestiegen in mehr als dreißig Schlachten, im
Blute watend knöcheltief? Was ist dagegen das Blut des einen Mannes! Und
denk’: wie es stand. Vier Jahre hatte er dir widerstanden wie der
Auerstier dem Bären. Zweimal hatte er dich und dein Volk hart an den Rand
des Verderbens gedrängt. Hunger, Schwert und Seuche rafften deine Goten
dahin. Endlich, endlich fiel das trotzige Ravenna; ausgehungert, durch
Vertrag. Bezwungen lag der Todfeind dir zu Füßen. Da kömmt dir Warnung, er
sinnt Verrat, er will noch einmal den gräßlichen Kampf aufnehmen, er will
zur Nacht desselben Tages dich und die Deinen überfallen. Was solltest du
thun? Ihn offen zu Rede stellen? War er schuldig, so konnte das nicht
retten. Kühn kamst du ihm zuvor und thatest ihm Abends, was er dir Nachts
gethan hätte. Und wie hast du deinen Sieg benützt! Die Eine That hat all’
dein Volk gerettet, hat einen neuen Kampf der Verzweiflung erspart. Du
hast all’ die Seinen begnadigt, hast Goten und Welsche dreißig Jahre leben
lassen wie im Himmelreich. Und nun willst du um jene That dich quälen?
Zwei Völker danken sie dir in Ewigkeit. Ich – ich hätt’ ihn siebenmal
erschlagen.«
Der Alte hielt inne, sein Auge blitzte, er sah wie ein zorniger Riese.
Aber der König schüttelte das Haupt.
»Das ist nichts, alter Recke, alles nichts! Hundertmal hab ich mir
dasselbe gesagt, und verlockender, feiner als deine Wildheit es vermag.
Das hilft all’ nichts. Er war ein Held, – der einzige meinesgleichen! –
Und ich hab ihn ermordet, ohne Beweis seiner Schuld. Aus Argwohn, aus
Eifersucht, ja – es muß gesagt sein, aus Furcht, – aus Furcht, noch einmal
mit ihm ringen zu sollen. Das war und ist und bleibt ein Frevel. – Und ich
fand keine Ruhe hinter Ausreden. Düstre Schwermut fiel auf mich. Seine
Gestalt verfolgte mich seit jener Nacht unaufhörlich. Beim Schmaus und im
Rat, auf der Jagd, in der Kirche, im Wachen und im Schlafen. Da schickte
mir Cassiodor die Bischöfe, die Priester. Sie konnten mir nicht helfen.
Sie hörten meine Beichte, sahen meine Reue, meinen Glauben, und vergaben
mir alle Sünden. Aber Friede kam nicht über mich und ob _sie_ mir
verziehen, – _ich_ konnte mir nicht verzeihen. Ich weiß nicht, ist es der
alte Sinn meiner heidnischen Ahnen: – aber ich kann mich nicht hinter dem
Kreuz verstecken vor dem Schatten des Ermordeten. Ich kann mich nicht
gelöst glauben von meiner blutigen That durch das Blut eines unschuldigen
Gottes, der am Kreuze gestorben.« – –
Freude leuchtete über das Antlitz Hildebrands: »Du weißt,« raunte er ihm
zu, »ich habe niemals diesen Kreuzpriestern glauben können. Sprich, o
sprich, glaubst auch du noch an Thor und Odhin? Haben sie dir geholfen?«
Der König schüttelte lächelnd das Haupt: »Nein, du alter,
unverbesserlicher Heide. Dein Walhall ist nichts für mich. Höre, wie mir
geholfen ward. Ich schickte gestern die Bischöfe fort und kehrte tief in
mich selber ein. Und dachte und flehte und rang zu Gott. Und ich ward
ruhiger. Und sieh, in der Nacht kam über mich tiefer Schlummer, wie ich
ihn seit langen Monden nicht mehr gekannt. Und als ich erwachte, da
schauerte kein Fieber der Qual mehr in meinen Gliedern. Ruhig war ich und
klar. Und dachte dieses: »Ich habe es gethan und keine Gnade, kein Wunder
Gottes macht es ungeschehen. Wohlan, er strafe mich. Und wenn er der
zornige Gott des Moses, so räche er sich und strafe mit mir mein ganzes
Haus bis ins siebente Glied. Ich weihe mich und mein Geschlecht der Rache
des Herrn. Er mag _uns_ verderben: er ist gerecht. Aber weil er gerecht
ist, _kann_ er nicht strafen dieses edle Volk der Goten um fremde Schuld.
Er _kann_ es nicht verderben um des Frevels seines Königs willen. Nein,
das wird er nicht. Und muß dies Volk einst untergehen, – ich fühl’ es
klar, dann ist es nicht um meine That. Für diese weih’ ich mich und mein
Haus der Rache des Herrn. Und so kam Friede über mich und mutig mag ich
sterben.«
Er schwieg. Hildebrand aber neigte das Haupt und küßte die Rechte, welche
Odovakar erschlagen hatte. –
»Das war mein Abschied an dich. Und mein Vermächtnis, mein Dank für ein
ganzes Leben der Treue. – Jetzt laß uns den Rest der Zeit noch diesem Volk
der Goten zuwenden. Komm, hilf mir aufstehen, ich kann nicht in den Kissen
sterben. Dort hangen meine Waffen. Gieb sie mir! – Keine Widerrede –! Ich
will. Und ich kann.«
Hildebrand mußte gehorchen: rüstig erhob sich mit seiner Hilfe der Kranke
von dem Lager, schlug einen weiten Purpurmantel um die Schultern, gürtete
sich mit dem Schwert, setzte den niedern Helm mit der Zackenkrone auf das
Haupt und stützte sich auf den Schaft der schweren Lanze, den Rücken gegen
die breite dorische Mittelsäule des Gemaches gelehnt.
»So, jetzt rufe meine Tochter. Und Cassiodor. Und wer sonst da draußen.«
Siebentes Kapitel.
So stand er ruhig, während der Alte die Vorhänge an der Thür zu beiden
Seiten zurückschlug, so daß Schlafzimmer und Vorhalle nunmehr Einen
ungeschiedenen Raum bildeten. Alle draußen Versammelten – es hatten sich
inzwischen noch mehrere Römer und Goten eingefunden – näherten sich mit
Staunen und ehrfürchtigem Schweigen dem König.
»Meine Tochter,« sprach dieser, »sind die Briefe aufgesetzt, die meinen
Tod und meines Enkels Thronfolge nach Byzanz berichten sollen?«
»Hier sind sie,« sprach Amalaswintha.
Der König durchflog die Papyrusrollen.
»An Kaiser Justinus. Ein zweiter: an seinen Neffen Justinianus. Freilich,
der wird bald das Diadem tragen und ist schon jetzt der Herr seines Herrn!
Cassiodor hat sie verfaßt – ich sehe es an den schönen Gleichnissen. Aber
halt« – und die hohe klare Stirn verdüsterte sich – »eurem kaiserlichen
Schutze meine Jugend empfehlend.« Schutze? Das ist des Guten zu viel.
Wehe, wenn ihr auf Schutz von Byzanz gewiesen seid. _Freundschaft_ mich
empfehlend ist genug von dem Enkel Theoderichs.« Und er gab die Briefe
zurück. »Und hier ein drittes Schreiben nach Byzanz? An wen? An Theodora,
die edle Gattin Justinians? Wie! an die Tänzerin vom Cirkus? Des
Löwenwärters schamlose Tochter?« Und sein Auge funkelte. »Sie ist von
größtem Einfluß auf ihren Gemahl,« wandte Cassiodor ein. – »Nein, meine
Tochter schreibt an keine Dirne, die aller Weiber Ehre besudelt hat.« Und
er zerriß die Papyrusrolle und schritt über die Stücke zu den Goten im
Mittelgrund der Halle. »Witichis, tapferer Mann, was wird dein Amt sein
nach meinem Tod?«
»Ich werde unser Fußvolk mustern zu Tridentum.«
»Kein Bessrer könnte das. Du hast noch immer nicht den Wunsch gethan, den
ich dir damals freigestellt nach der Gepidenschlacht. Hast du noch immer
nichts zu wünschen?«
»Doch, mein König.«
»Endlich! Das freut mich, – sprich.« – »Heute soll ein armer Kerkerwart,
weil er sich weigerte, einen Angeklagten zu foltern und nach dem Liktor
schlug, selbst gefoltert werden. Herr König, gieb den Mann frei: das
Foltern ist schändlich und –«
»Der Kerkerwart ist frei und von Stund an wird die Folter nicht mehr
gebraucht im Reich der Goten. Sorg dafür, Cassiodorus. Wackrer Witichis,
gieb mir die Hand. Auf daß alle wissen, wie ich dich ehre, schenk ich dir
Wallada, mein lichtbraun Edelroß, zu Gedächtnis dieser Scheidestunde. Und
kommst du je auf seinen Rücken in Gefahr, oder« – hier sprach er ganz
leise zu ihm – »will es versagen, flüstre dem Roß meinen Namen ins Ohr. –
Wer wird Neapolis hüten? Der Herzog Thulun war zu rauh. – Das fröhliche
Volk dort muß durch fröhliche Mienen gewonnen werden.«
»Der junge Totila wird dort die Hafenwache übernehmen,« sprach Cassiodor.
»Totila! Ein sonniger Knabe! Ein Siegfried, ein Götterliebling! Ihm können
die Herzen nicht widerstehen. Aber freilich! Die Herzen dieser Welschen!«
Er seufzte und fuhr fort: Wer versichert uns Roms und des Senats?«
»Cethegus Cäsarius,« sagte Cassiodor mit einer Handbewegung, »dieser edle
Römer.« – »Cethegus? Ich kenne ihn wohl. Sieh mich an, Cethegus.« Ungern
erhob der Angeredete die Augen, die er vor dem großen Blick des Königs
rasch niedergeschlagen. Doch hielt er jetzt das Adlerauge, das seine Seele
durchdrang, ruhig aus, mit dem Aufgebot aller Kraft. »Es war krank,
Cethegus, daß ein Mann von deiner Art sich solang vom Staat fern gehalten.
Und von uns. Oder es war gefährlich. Vielleicht ist es noch gefährlicher,
daß du dich – jetzt – dem Staat zuwendest.« – »Nicht mein Wunsch, o
König.«
»Ich bürge für ihn,« rief Cassiodor. – »Still, Freund! Auf Erden mag
keiner für den andern bürgen! – Kaum für sich selbst! – Aber,« fuhr er
forschenden Blickes fort, »an die Griechlein wird dieser stolze Kopf –
dieser Cäsarkopf – Italien nicht verraten.«
Noch einen scharfen Blick aus den goldnen Adleraugen mußte Cethegus
tragen. Dann ergriff der König plötzlich den Arm des nur mit Mühe noch
fest in sich geschlossenen Mannes und flüsterte ihm zu: »Höre, was ich dir
warnend weissage. Es wird kein Römer mehr gedeihen auf dem Thron des
Abendlands. Still, kein Widerwort. Ich habe dich gewarnt. – – Was lärmt da
draußen?« fragte er, rasch sich wendend, seine Tochter, die einem
meldenden Römer leisen Bescheid erteilte. »Nichts, mein König, nichts von
Bedeutung, mein Vater!« – »Wie? Geheimnisse vor mir? Bei meiner Krone!
Wollt ihr schon herrschen, so lang ich noch atme? Ich vernahm den Laut
fremder Zungen da draußen. Auf die Thüren!« Die Pforte, welche die äußere
Halle mit dem Vorzimmer verband, öffnete sich.
Da zeigten sich unter zahlreichen Goten und Römern kleine fremd aussehende
Gestalten, in seltsamer Tracht, mit Wämsern aus Wolfsfell, mit spitz
zulaufenden Mützen und langen zottigen Schafspelzen, die über ihren Rücken
hingen. Überrascht und bewältigt von dem plötzlichen Anblick des Königs,
der hochaufgerichtet auf sie zuschritt, sanken die Fremden wie vom Blitz
getroffen auf die Kniee.
»Ah, Gesandte der Avaren. Das räuberische Grenzgesindel an unsern
Ostmarken! Habt ihr den schuldigen Jahrestribut?« – »Herr, wir bringen ihn
noch für diesmal – Pelzwerk, – wollne Teppiche, – Schwerter, – Schilde. –
Da hangen sie, – dort liegen sie. Aber wir hoffen, daß für nächstes Jahr –
wir wollten sehn« – »Ihr wolltet sehen, ob der greise Dieterich von Bern
nicht altersschwach geworden? Ihr hofftet, ich sei tot? Und meinem
Nachfolger könntet ihr die Schatzung weigern? Ihr irrt, Späher!« Und er
ergriff wie prüfend eines der Schwerter, welche die Gesandten vor ihm
ausgebreitet, samt der Scheide, nahm es mit zwei Händen fest an Griff und
Spitze: – ein Druck und in zwei Stücken warf er ihnen das Eisen vor die
Füße. »Schlechte Schwerter führen die Avaren,« sagte er ruhig. »Und nun
komm, Athalarich, meines Reiches Erbe. Sie wollen dir nicht glauben, daß
du meine Krone tragen kannst: zeig ihnen, wie du meinen Speer führest.«
Der Jüngling flog herbei. Die Gluthitze des Ehrgeizes zuckte über sein
bleiches Antlitz. Er ergriff den schweren Speer seines Großvaters und
schleuderte ihn mit solcher Kraft auf einen der Schilde, welche die
Gesandten an die Holzpfeiler der Halle gelehnt, daß er ihn sausend
durchbohrte und die Spitze noch tief in das Holzwerk drang. Stolz legte
der König die Linke auf das Haupt seines Enkels und rief den Gesandten zu:
»Jetzt geht, daheim zu melden was ihr hier gesehen.«
Er wandte sich, die Pforten fielen zu und schlossen die staunenden Avaren
aus. »Gebt mir einen Becher Wein. – Leicht den letzten! Nein,
ungemischten! Nach Germanen Art!« – und er wies den griechischen Arzt
zurück – »Dank, alter Hildebrand, für diesen Trunk, so treu gereicht. Ich
trinke der Goten Heil.« Er leerte langsam den Pokal. Und er setzte ihn
noch fest auf den Marmortisch.
Aber da kam es über ihn, plötzlich, blitzähnlich, was die Ärzte lang
erwartet: er wankte, griff an die Brust und stürzte rücklings in die Arme
Hildebrands, der langsam niederknieend ihn auf den Marmorestrich gleiten
ließ, und das Haupt mit dem Kronhelm auf den Armen hielt.
Einen Augenblick hielten alle lauschend den Atem an: aber der König regte
sich nicht und laut aufschreiend warf sich Athalarich über die Leiche.
Zweites Buch.