»Hildebad und Totila sehen nicht die Gefahr, du und Witichis, ihr sehet
sie und hoffet, ich aber sah sie längst und hoffe nicht.«
»Du siehst zu schwarz, wer darf verzweifeln vor dem Kampf?« meinte
Witichis.
»Sollen wir, das Schwert in der Scheide, ohne Kampf, ohne Ruhm
untergehen?« rief Totila.
»Nicht ohne Kampf, mein Totila, und nicht ohne Ruhm, so weiß ich,«
antwortete Teja, leise die Streitaxt zuckend. »Kämpfen wollen wir, daß man
es nie vergessen soll in allen Tagen: kämpfen mit höchstem Ruhm, aber ohne
Sieg. Der Stern der Goten sinkt.«
»Mir deucht, er will erst recht hoch steigen,« rief Totila ungeduldig.
»Laßt uns vor den König treten, sprich du, Hildebrand, zu ihm wie du zu
uns gesprochen. Er ist weise: er wird Rat finden.«
Der Alte schüttelte den Kopf: »Zwanzigmal hab ich zu ihm gesprochen. Er
hört mich nicht mehr. Er ist müde und will sterben und seine Seele ist
verdunkelt, ich weiß nicht, durch welchen Schatten. – Was denkst du,
Hildebad?«
»Ich denke,« sprach dieser sich hoch aufrichtend, »sowie der alte Löwe die
müden Augen geschlossen, rüsten wir zwei Heere. Das eine führen Witichis
und Teja vor Byzanz und brennen es nieder, mit dem andern steigen ich und
mein Bruder über die Alpen und zerschlagen Paris, das Drachennest der
Merowinger, zu einem Steinhaufen für alle Zukunft. Dann wird Ruhe sein, im
Osten und im Norden.«
»Wir haben keine Schiffe gegen Byzanz,« sprach Witichis.
»Und die Franken sind sieben wider Einen gegen uns,« sagte Hildebrand.
»Aber wacker meinst du’s, Hildebad. Sage, was rätst du, Witichis?«
»Ich rate einen Bund, mit Schwüren beschwert, mit Geiseln gesichert aller
Nordstämme gegen die Griechen.«
»Du glaubst an Treue, weil du selber treu. Mein Freund, nur die Goten
können den Goten helfen. Man muß sie nur wieder daran erinnern, daß sie
Goten sind. Hört mich an. Ihr alle seid jung und liebt allerlei Dinge und
habt vielerlei Freuden. Der eine liebt ein Weib, der andre die Waffen, der
dritte irgend eine Hoffnung oder auch irgend einen Gram, der ihm ist wie
eine Geliebte. – Aber glaubt mir, es kömmt eine Zeit, – und die Not kann
sie euch noch in jungen Tagen bringen –, da all diese Freuden und selbst
Schmerzen wertlos werden wie welke Kränze vom Gelag von gestern.
Da werden denn viele weich und fromm und vergessen des was auf Erden und
trachten nach dem was hinter dem Grabe ist. Ich kann’s nicht und ihr,
mein’ ich, und viele von uns können’s auch nicht. Die Erde lieb’ ich mit
Berg und Wald und Weide und strudelndem Strom und das Leben darauf mit
heißem Haß und langer Liebe, mit zähem Zorn und stummem Stolz. Von jenem
Luftleben da droben in den Windwolken, wie’s die Christenpriester lehren,
weiß ich nichts und will ich nichts wissen. Eins aber bleibt dem Mann, dem
rechten, wenn alles andre dahin. Ein Gut, von dem er nimmer läßt. Seht
mich an. Ich bin ein entlaubter Stamm, alles hab’ ich verloren was mein
Leben erfreute: mein Weib ist tot seit vielen Jahren, meine Söhne sind
tot, meine Enkel sind tot: bis auf Einen, der ist schlimmer als tot: – der
ist ein Welscher worden. Dahin und lang vermodert sind sie alle, mit denen
ich ein kecker Knabe und ein markiger Mann gewesen, und schon steigt meine
erste Liebe und mein letzter Stolz, mein großer König, müde in sein Grab.
Nun seht, was hält mich noch im Leben? Was giebt mir Mut, Lust, Zwang zu
leben? Was treibt mich Alten wie einen Jüngling in dieser Sturmnacht auf
die Berge? Was lodert hier unter dem Eisbart heiß in lauter Liebe, in
störrigem Stolz und in trotziger Trauer? Was anders als der Drang, der
unaustilgbar in unsrem Blute liegt, der tiefe Drang und Zug zu meinem
Volk, die Liebe, die lodernde, die allgewaltige, zu dem Geschlechte, das
da Goten heißt, und das die süße, heimliche, herrliche Sprache redet
meiner Eltern, der Zug zu denen, die da sprechen, fühlen, leben wie ich.
Sie bleibt, sie allein, diese Volksliebe, ein Opferfeuer, in dem Herzen,
darinnen alle andre Glut erloschen, sie ist das teure, das mit Schmerzen
geliebte Heiligtum, das Höchste in jeder Mannesbrust, die stärkste Macht
in seiner Seele, treu bis zum Tod und unbezwingbar.«
Der Alte hatte sich in Begeisterung geredet – sein Haar flog im Winde – er
stand wie ein alter hünenhafter Priester unter den jungen Männern, welche
die Fäuste an ihren Waffen ballten.
Endlich sprach Teja: »Du hast Recht, diese Flamme lodert noch, wo alles
sonst erloschen. Aber sie brennt in dir, – in uns, – vielleicht noch in
hundert andern unsrer Brüder. Kann das ein ganzes Volk erretten? Nein! Und
kann diese Glut die Masse ergreifen, die Tausende, die Hunderttausende?«
»Sie kann es, mein Sohn, sie kann es. Dank allen Göttern, daß sie’s kann.
Höre mich an. Es sind jetzt fünfundvierzig Jahre, da waren wir Goten,
viele Hunderttausende, mit Weibern und Kindern, in den Schluchten der
Hämus-Berge eingeschlossen.
Wir lagen in höchster Not. Des Königs Bruder war von den Griechen in
treulosem Überfall geschlagen und getötet, und aller Mundvorrat, den er
uns zuführen sollte, verloren: wir saßen in den Felsschluchten und litten
so bittern Hunger, daß wir Gras und Leder kochten. Hinter uns die
unersteiglichen Felsen, vor uns und zur Linken das Meer, rechts in einem
Engpaß die Feinde in dreifacher Überzahl. Viele Tausende von uns waren dem
Hunger, dem Winter erlegen: zwanzigmal hatten wir vergebens versucht,
jenen Paß zu durchbrechen. Wir wollten verzweifeln. Da kam ein Gesandter
des Kaisers und bot uns Leben, Freiheit, Wein, Brot, Fleisch, – unter
einer einzigen Bedingung: wir sollten getrennt von einander, zu vier und
vier, über das ganze Weltreich Roms zerstreut werden, keiner von uns mehr
ein gotisch Weib freien, keiner sein Kind mehr unsre Sprache und Sitte
lehren dürfen, Name und Wesen der Goten sollte verschwinden, Römer sollten
wir werden. Da sprang der König auf, rief uns zusammen und trug’s uns vor
in flammender Rede und fragte zuletzt, ob wir lieber aufgeben wollten
Sprache, Sitte, Leben unsres Volkes oder lieber mit ihm sterben? Da fuhr
sein Wort in die Hunderte, die Tausende, die Hunderttausende wie der
Waldbrand in die dürren Stämme, aufschrieen sie, die wackern Männer, wie
ein tausendstimmiges, brüllendes Meer, die Schwerter schwangen sie, auf
den Engpaß stürzten sie und weggefegt waren die Griechen als hätten sie
nie gestanden, und wir waren Sieger und frei.«
Sein Auge glänzte in stolzer Erinnerung, nach einer Pause fuhr er fort:
»Dies allein ist, was uns heute retten kann wie dazumal: fühlen erst die
Goten, daß sie für jenes Höchste fechten, für den Schutz jenes
geheimnisvollen Kleinods, das in Sprache und Sitte eines Volkes liegt wie
ein Wunderborn, dann können sie lachen zu dem Haß der Griechen, zu der
Tücke der Welschen. Und das vor allem wollt’ ich euch fragen, fest und
feierlich: fühlt ihr es wie ich so klar, so ganz, so mächtig, daß diese
Liebe zu unsrem Volk unser Höchstes ist, unser schönster Schatz, unser
stärkster Schild? könnt ihr sprechen wie ich: mein Volk ist mir das
Höchste und alles, alles andre dagegen nichts, ihm will ich opfern was ich
bin und habe, wollt ihr das, könnt ihr das!«
»Ja, das will ich, ja, das kann ich!« sprachen die vier Männer.
»Wohl,« fuhr der Alte fort, »das ist gut. Aber Teja hat Recht: nicht alle
Goten fühlen das jetzt, heute schon, wie wir und doch müssen es alle
fühlen, wenn es helfen soll. Darum gelobet mir, von heut’ an unablässig
euch selbst und alle unsres Volkes, mit denen ihr lebt und handelt, zu
erfüllen mit dem Hauch dieser Stunde. Vielen, vielen hat der fremde Glanz
die Augen geblendet: viele haben griechische Kleider angethan und römische
Gedanken: sie schämen sich, Barbaren zu heißen: sie wollen vergessen und
vergessen machen, daß sie Goten sind – wehe über die Thoren!
Sie haben das Herz aus ihrer Brust gerissen und wollen leben, sie sind wie
Blätter, die sich stolz vom Stamme gelöst und der Wind wird kommen und
wird sie verwehen in Schlamm und Pfützen, daß sie verfaulen: aber der
Stamm wird stehen mitten im Sturm und wird lebendig erhalten, was treu an
ihm haftet. Darum sollt ihr euer Volk wecken und mahnen überall und immer.
Den Knaben erzählt die Sagen der Väter, von den Hunnenschlachten, von den
Römersiegen: den Männern zeigt die drohende Gefahr und wie nur das
Volkstum unser Schild: eure Schwestern ermahnt, daß sie keinen Römer
umarmen und keinen Römling: eure Bräute, eure Weiber lehrt, daß sie alles,
sich selbst und euch opfern dem Glück der guten Goten, auf daß, wenn die
Feinde kommen, sie finden ein starkes Volk, stolz, einig, fest, daran sie
zerschellen sollen wie die Wogen am Fels. Wollt ihr mir dazu helfen?«
»Ja,« sprachen sie, »das wollen wir.«
»Ich glaube euch,« fuhr der Alte fort, »glaube eurem bloßen Wort. Nicht um
euch fester zu binden, – denn was bände den Falschen? – sondern weil ich
treu hange an altem Brauch und weil besser gedeiht, was geschieht nach
Sitte der Väter – folget mir.«
Zweites Kapitel.
Mit diesen Worten nahm er die Fackel von der Säule und schritt quer durch
den Innenraum, die Cella des Tempels, vorüber an dem zerfallenen
Hauptaltar, vorbei an den Postamenten der lang herabgestürzten
Götterbilder nach der Hinterseite des Gebäudes, dem Posticum. Schweigend
folgten die Geladenen dem Alten, der sie über die Stufen hinunter ins
Freie führte.
Nach einigen Schritten standen sie unter einer uralten Steineiche, deren
mächtiges Geäst wie ein Dach Sturm und Regen abhielt. Unter diesem Baum
bot sich ihnen ein seltsamer Anblick, der aber die gotischen Männer sofort
an eine alte Sitte aus dem grauen Heidentum, aus der fernen nordischen
Heimat gemahnte. Unter der Eiche war ein Streifen des dichten Rasens
aufgeschlitzt, nur einen Fuß breit, aber mehrere Ellen lang, die beiden
Enden des Streifens hafteten noch locker am Grunde: in der Mitte war der
Rasengürtel auf drei ungleich in die Erde gerammte hohe Speere
emporgespreizt, in der Mitte von dem längsten Speer gestützt, so daß die
Vorrichtung ein Dreieck bildete, unter dessen Dach zwischen den
Speersäulen mehrere Männer bequem stehen konnten. In der so gewonnenen
Erdritze stand ein eherner Kessel, mit Wasser gefüllt, daneben lag ein
spitzes und scharfes Schlachtmesser, uralt: das Heft vom Horn des
Auerstiers, die Klinge von Feuerstein. Der Greis trat nun heran, stieß die
Fackel dicht neben dem Kessel in die Erde, stieg dann, mit dem rechten Fuß
vorauf, in die Grube, wandte sich gegen Osten und neigte das Haupt: dann
winkte er die Freunde zu sich, mit dem Finger am Mund ihnen Schweigen
bedeutend. Lautlos traten die Männer in die Rinne und stellten sich,
Witichis und Teja zu seiner Linken, die beiden Brüder zu seiner Rechten
und alle fünf reichten sich die Hände zu einer feierlichen Kette. Dann
ließ der Alte Witichis und Hildebad, die ihm zunächst standen, los und
kniete nieder. Zuerst raffte er eine Hand voll der schwarzen Walderde auf
und warf sie über die linke Schulter. Dann griff er mit der andern Hand in
den Kessel und sprengte das Wasser rechts hinter sich. Darauf blies er in
die wehende Nachtluft, die sausend in seinen langen Bart wehte. Endlich
schwang er die Fackel von der Rechten zur Linken über sein Haupt. Dann
steckte er sie wieder in die Erde und sprach murmelnd vor sich hin:
»Höre mich, alte Erde, wallendes Wasser, leichte Luft, flackernde Flamme!
Höret mich wohl und bewahret mein Wort: Hier stehen fünf Männer vom
Geschlechte des Gaut, Teja und Totila, Hildebad und Hildebrand und
Witichis, Waltaris Sohn.
Wir stehen hier in stiller Stunde,
Zu binden einen Bund von Blutsbrüdern,
Für immer und ewig und alle Tage.
Wir sollen uns sein wie Sippegesellen
In Frieden und Fehde, in Rache und Recht.
Ein Hoffen, Ein Hassen, Ein Lieben, Ein Leiden,
Wie wir träufen zu Einem Tropfen
Unser Blut als Blutsbrüder.«
Bei diesen Worten entblößte er den linken Arm, die andern thaten
desgleichen, eng aneinander streckten sich die fünf Arme über den Kessel,
der Alte hob das scharfe Steinmesser und ritzte mit Einem Schnitt sich und
den vier andern die Haut des Vorderarmes, daß das Blut aller in roten
Tropfen in den ehernen Kessel floß.
Dann nahmen sie wieder die frühere Stellung ein und murmelnd fuhr der Alte
fort:
»Und wir schwören den schweren Schwur,
Zu opfern all unser Eigen,
Haus, Hof und Habe,
Roß, Rüstung und Rind,
Sohn, Sippe und Gesinde,
Weib und Waffen und Leib und Leben
Dem Glanz und Glück des Geschlechtes von Gaut,
Den guten Goten.
Und wer von uns sich wollte weigern,
Den Eid zu ehren mit allen Opfern« –
Hier traten er, und auf seinen Wink auch die andern, aus der Grube und
unter dem Rasenstreifen hervor:
»Des rotes Blut soll rinnen ungerächet
Wie dies Wasser unterm Waldwasen« –
Er erhob den Kessel, goß sein blutiges Wasser in die Grube und nahm ihn
wie das andre Gerät heraus:
»Auf des Haupt sollen des Himmels Hallen
Dumpf niederdonnern und ihn erdrücken,
Wuchtig so wie dieser Wasen.«
Er schlug mit Einem Streich die drei spannenden Lanzenschäfte nieder und
dumpf fiel die schwere Rasendecke nieder in die Rinne. Die fünf Männer
stellten sich nun mit verschlungenen Händen auf die wieder von Rasen
gedeckte Stelle und in rascherem Ton fuhr der Alte fort: »Und wer von uns
nicht achtet dieses Eides und dieses Bundes und wer nicht die Blutsbrüder
als echte Brüder schützt im Leben und rächt im Tode und wer sich weigert,
sein Alles zu opfern dem Volk der Goten, wann die Not es begehrt und ein
Bruder ihn mahnt, der soll verfallen sein auf immer den untern, den
ewigen, den wüsten Gewalten, die da hausen unter dem grünen Gras des
Erdgrundes: gute Menschen sollen mit Füßen schreiten über des Neidings
Haupt und sein Name soll ehrlos sein soweit Christenleute Glocken läuten
und Heidenleute Opfer schlachten, soweit Mutter Kind koset, und der Wind
weht über die weite Welt. Sagt an, ihr Gesellen, soll’s ihm also geschehn,
dem niedrigen Neiding?«
»So soll ihm geschehen,« sprachen die vier Männer ihm nach.
Nach einer ernsten Pause löste Hildebrand die Kette der Hände und sprach:
»Und auf daß ihr’s wißt, welche Weihe diese Stätte hat für mich, – jetzt
auch für euch, – warum ich euch zu solchem Thun gerade hierher beschieden
und zu dieser Nacht – kommt und sehet.« Und also sprechend erhob er die
Fackel und schritt voran hinter den mächtigen Stamm der Eiche, vor der sie
geschworen. Schweigend folgten die Freunde, bis sie an der Kehrseite des
alten Baumes hielten und hier mit Staunen gerade gegenüber der Rasengrube,
in welcher sie gestanden, ein breites offenes Grab gähnen sahen, von
welchem die deckende Felsplatte hinweggewälzt war: da ruhten in der Tiefe,
im Licht der Fackel geisterhaft erglänzend, drei weiße lange Skelette,
einzelne verrostete Waffenstücke, Lanzenspitzen, Schildbuckel lagen
daneben. Die Männer blickten überrascht bald in die Grube, bald auf den
Greis. Dieser leuchtete lange schweigend in die Tiefe. Endlich sagte er
ruhig: »Meine drei Söhne. Sie liegen hier über dreißig Jahre. Sie fielen
auf diesem Berg, in dem letzten Kampf um die Stadt Ravenna. Sie fielen in
Einer Stunde, heute ist der Tag. Sie sprangen jubelnd in die Speere – –
für ihr Volk.«
Er hielt inne. Mit Rührung sahen die Männer vor sich hin. Endlich richtete
sich der Alte hoch auf und sah gen Himmel. »Es ist genug,« sagte er, »die
Sterne bleichen. Mitternacht ist längst vorüber. Geht, ihr andern, in die
Stadt zurück. Du, Teja, bleibst wohl bei mir: – dir ist ja vor andern, wie
des Liedes, der Trauer Gabe gegeben – und hältst mit mir die Ehrenwacht
bei diesen Toten.«
Teja nickte und setzte sich, ohne ein Wort, zu Füßen des Grabes, wo er
stand, nieder. Der Alte reichte Totila die Fackel und lehnte sich Teja
gegenüber auf die Felsplatte. Die andern Drei winkten ihm scheidend zu.
Und ernst und in schweigende Gedanken versunken stiegen sie hinunter zur
Stadt.
Drittes Kapitel.
Wenige Wochen nach jener nächtlichen Zusammenkunft bei Ravenna fand zu Rom
eine Vereinigung statt, ebenfalls heimlich, ebenfalls unter dem Schutze
der Nacht, aber von ganz andern Männern zu ganz andern Zwecken.
Das geschah an der appischen Straße nahe dem Cömeterium des heiligen
Kalixtus in einem halbverschütteten Gang der Katakomben, jener
rätselhaften unterirdischen Wege, die unter den Straßen und Plätzen Roms
fast eine zweite Stadt bildeten. Es sind diese geheimnisvollen Räume –
ursprünglich alte Begräbnisplätze, oft die Zuflucht der jungen
Christengemeinde – so vielfach verschlungen und ihre Kreuzungen,
Endpunkte, Aus- und Eingänge so schwierig zu finden, daß nur unter
ortvertrautester Führung ihre inneren Tiefen betreten werden können. Aber
die Männer, deren geheimen Verkehr wir diesmal belauschen, fürchteten
keine Gefahr. Sie waren gut geführt. Denn es war Silverius, der
katholische Archidiakonus der alten Kirche des heiligen Sebastian, der
unmittelbar von der Krypta seiner Basilika aus die Freunde auf steilen
Stufen in diesen Zweigarm der Gewölbe geführt hatte: und die römischen
Priester standen in dem Rufe, seit den Tagen der ersten Christen Kenntnis
jener Labyrinthe fortgepflanzt zu haben. Die Versammelten schienen auch
sich hier nicht zum erstenmal einzufinden: die Schauer des Ortes machten
wenig Eindruck auf sie. Gleichgültig lehnten sie an den Wänden des
unheimlichen Halbrunds, das, von einer bronzenen Hängelampe spärlich
beleuchtet, den Schluß des niedrigen Ganges bildete, gleichgültig hörten
sie die feuchten Tropfen von der Decke zur Erde fallen und, wenn ihr Fuß
hier und da an weiße, halbvermoderte Knochen stieß, schoben sie auch diese
gleichgültig auf die Seite.
Es waren außer Silverius noch einige andere rechtgläubige Priester und
eine Mehrzahl vornehmer Römer aus den Adelsgeschlechtern des westlichen
Kaiserreichs anwesend, die seit Jahrhunderten in fast erblichem Besitz der
höheren Würden des Staates und der Stadt geblieben.
Schweigend und aufmerksam beobachteten sie die Bewegungen des
Archidiakons, der sich, nachdem er die Erschienenen gemustert und in
einige der einmündenden Gänge, in deren Dunkel man junge Leute in
priesterlichen Kleidern Wache halten sah, prüfende Blicke geworfen hatte,
jetzt offenbar anschickte, die Versammlung in aller Form zu eröffnen.
Noch einmal trat er auf einen hochgewachsenen Mann zu, der ihm gegenüber
regungslos an der Mauer lehnte und mit dem er wiederholt Blicke getauscht
hatte: und nachdem dieser auf eine fragende Miene schweigend genickt,
wandte er sich gegen die übrigen und sprach:
»Geliebte im Namen des dreieinigen Gottes! Wieder einmal sind wir hier
versammelt zu heiligem Werk.
Das Schwert von Edom ist gezückt ob unsrem Haupt und König Pharao lechzt
nach dem Blut der Kinder Israel. Wir aber fürchten nicht jene, die den
Leib töten und der Seele nichts anhaben können, wir fürchten vielmehr
jenen, der da Leib und Seele verderben mag mit ewigem Feuer. Wir vertrauen
im Schauer der Nacht auf die Hilfe dessen, der sein Volk durch die Wüste
geführt hat, bei Tag in der Rauchwolke, bei Nacht in der Feuerwolke. Und
daran wollen wir halten und wollen es nie vergessen: was wir leiden, wir
leiden es um Gottes willen, was wir thun, wir thun’s zu seines Namens
Ehre. Dank ihm, denn er hat gesegnet unsern Eifer. Klein, wie des
Evangeliums, waren unsre Anfänge, aber schon sind wir gewachsen wie ein
Baum an frischen Wasserbächen. Mit Furcht und Zagen kamen wir anfangs hier
zusammen: groß war die Gefahr, schwach die Hoffnung: edles Blut der Besten
war geflossen: – heute, wenn wir fest bleiben im Glauben, dürfen wir es
kühnlich sagen: der Thron des Königs Pharao steht auf Füßen von Schilf und
die Tage der Ketzer sind gezählt in diesem Lande.«
»Zur Sache!« rief ein junger Römer dazwischen, mit kurzkrausem, schwarzem
Haar und blitzenden, schwarzen Augen; ungeduldig warf er das Sagum von der
linken Hüfte über die rechte Schulter zurück, daß das kurze Schwert
sichtbar wurde. »Zur Sache, Priester! was soll heut’ geschehn?«
Silverius warf auf den Jüngling einen Blick, der lebhaften Unwillen über
solch’ kecke Selbständigkeit nicht ganz mit salbungsvoller Ruhe zu
verdecken vermochte. Scharfen Tones fuhr er fort: »Auch die an die
Heiligkeit unsres Zweckes nicht zu glauben scheinen, sollten doch den
Glauben an diese Heiligkeit bei andern nicht stören, um ihrer eignen
weltlichen Ziele willen nicht. Heute aber, Licinius, mein rascher Freund,
soll ein neues hochwillkommnes Glied unsrem Bunde eingefügt werden: sein
Beitritt ist ein sichtbares Zeichen der Gnade Gottes.«
»Wen willst du einführen? Sind die Vorbedingungen erfüllt? Haftest du für
ihn? unbedingt? oder stellst du andre Bürgschaft?« so fragte ein andrer
der Versammelten, ein Mann in reifen Jahren, mit gleichmäßigen Zügen, der,
einen Stab zwischen den Füßen, ruhig auf einem Vorsprung der Mauer saß. –
»Ich hafte, mein Scävola; übrigens genügt seine Person –«
»Nichts dergleichen. Die Satzung unsres Bundes verlangt Verbürgung und ich
bestehe darauf,« sagte Scävola ruhig. – »Nun gut, gut, ich bürge, zähster
aller Juristen!« wiederholte der Priester mit Lächeln. Er winkte in einen
der Gänge zur Linken.
Zwei junge Ostiarii führten von da in die Mitte des Gewölbes einen Mann,
auf dessen verhülltes Haupt aller Augen gerichtet waren. Nach einer Pause
hob Silverius den Überwurf von Kopf und Schultern des Ankömmlings.
»Albinus!« riefen die andern in Überraschung, Entrüstung, Zorn.
Der junge Licinius fuhr ans Schwert, Scävola stand langsam auf, wild
durcheinander scholl es: »Wie? Albinus? der Verräter?« Scheuen Blickes sah
der Gescholtene um sich, seine schlaffen Züge bekundeten angeborne
Feigheit: wie Hilfe flehend haftete sein Auge auf dem Priester. »Ja,
Albinus!« sagte dieser ruhig. »Will einer der Verbündeten wider ihn
sprechen? Er rede.« – »Bei meinem Genius,« rief Licinius rasch vor allen,
»braucht es da der Rede? Wir wissen alle, wer Albinus ist, was er ist. Ein
feiger, schändlicher Verräter« – der Zorn erstickte seine Stimme. –
»Schmähungen sind keine Beweise,« nahm Scävola das Wort. »Aber ich frage
ihn selbst, er soll hier vor allen bekennen. Albinus, bist du es, oder
bist du es nicht, der, als die Anfänge des Bundes dem Tyrannen verraten
waren, als du noch allein von uns allen verklagt warst, es mit ansahst,
daß die edeln Männer, Boëthius und Symmachus, unsre Mitverbündeten, weil
sie dich mutig vor dem Wüterich verteidigten, verfolgt, gefangen, ihres
Vermögens beraubt, hingerichtet wurden, während du, der eigentliche
Angeklagte, durch einen schmählichen Eid, dich nie mehr um den Staat
kümmern zu wollen und durch urplötzliches Verschwinden dich gerettet hast?
Sprich, bist du es, um dessen Feigheit willen die Zierden des Vaterlandes
gefallen?«
Ein Murren des Unwillens ging durch die Versammlung. Der Angeschuldigte
blieb stumm und bebte, selbst Silverius verlor einen Augenblick die
Haltung. Da richtete sich jener Mann, der ihm gegenüber an der Felswand
lehnte, auf und trat einen Schritt herzu; seine Nähe schien den Priester
zu erkräftigen und er begann wieder: »Ihr Freunde, es ist geschehen was
ihr sagt, nicht wie ihr’s sagt. Vor allem wisset: Albinus ist an allem am
wenigsten schuldig. Was er gethan, er that’s auf meinen Rat.« – »Auf
deinen Rat?« – »Das wagst du zu bekennen?« – »Albinus war verklagt durch
den Verrat eines Sklaven, der die Geheimschrift in den Briefen nach Byzanz
entziffert hatte. Der ganze Argwohn des Tyrannen war geweckt: jeder Schein
von Widerstand, von Zusammenhang mußte die Gefahr vermehren. Der Ungestüm
von Boëthius und Symmachus, die ihn mutig verteidigten, war edel, aber
thöricht. Denn er zeigte den Barbaren die Gesinnung des ganzen Adels von
Rom, zeigte, daß Albinus nicht allein stehe. Sie handelten gegen meinen
Rat, leider haben sie es im Tode gebüßt. Aber ihr Eifer war auch
überflüssig: denn den verräterischen Sklaven raffte plötzlich vor weitern
Aussagen die Hand des Herrn hinweg und es war gelungen, die Geheimbriefe
des Albinus vor dessen Verhaftung zu vernichten. Jedoch glaubt ihr,
Albinus würde auf der Folter, würde unter Todesdrohungen geschwiegen
haben, geschwiegen, wenn ihn die Nennung der Mitverschwornen retten
konnte? Das glaubt ihr nicht, das glaubte Albinus selbst nicht. Deshalb
mußte vor allem Zeit gewonnen, die Folter abgewendet werden. Dies gelang
durch jenen Eid. Unterdessen freilich bluteten Boëthius und Symmachus: sie
waren nicht zu retten: doch _ihres_ Schweigens, auch unter der Folter,
waren wir sicher. Albinus aber ward durch ein Wunder aus seinem Kerker
befreit wie Sankt Paulus zu Philippi. Es hieß, er sei nach Athen entflohen
und der Tyrann begnügte sich, ihm die Rückkehr zu verbieten. Allein der
dreieinige Gott hat ihm hier in seinem Tempel eine Zufluchtstätte
bereitet, bis daß die Stunde der Freiheit naht. In der Einsamkeit seines
heiligen Asyles nun hat der Herr das Herz des Mannes wunderbar gerührt
und, ungeschreckt von der Todesgefahr, die schon einmal seine Locke
gestreift hat, tritt er wieder in unsern Kreis und bietet dem Dienste
Gottes und des Vaterlands sein ganzes unermeßliches Vermögen. Vernehmt: er
hat all sein Gut der Kirche Sanktä Mariä Majoris zu Bundeszwecken
vermacht. Wollt ihr ihn und seine Millionen verschmähen?«
Eine Pause des Staunens trat ein: endlich rief Licinius: »Priester, du
bist klug wie – wie ein Priester. Aber mir gefällt solche Klugheit nicht.«
– »Silverius,« sprach der Jurist, »du magst die Millionen nehmen. Das
steht dir an. Aber ich war der Freund des Boëthius: mir steht nicht an,
mit jenem Feigen Gemeinschaft zu halten. Ich kann ihm nicht vergeben.
Hinweg mit ihm!« – »Hinweg mit ihm!« scholl es von allen Seiten. Scävola
hatte der Empfindung aller das Wort geliehen. Albinus erblaßte, selbst
Silverius zuckte unter dieser allgemeinen Entrüstung. »Cethegus!«
flüsterte er leise, Beistand heischend.
Da trat der Mann in die Mitte, der bisher immer geschwiegen und nur mit
kühler Überlegenheit die Sprechenden gemustert hatte. Er war groß und
hager, aber kräftig, von breiter Brust und seine Muskeln von eitel Stahl.
Ein Purpursaum an der Toga und zierliche Sandalen verrieten Reichtum, Rang
und Geschmack, aber sonst verhüllte ein langer, brauner Soldatenmantel die
ganze Unterkleidung der Gestalt. Sein Kopf war von denen, die man, einmal
gesehen, nie mehr vergißt.
Das dichte, noch glänzend schwarze Haar war nach Römerart kurz und rund um
die gewölbte, etwas zu große Stirn und die edel geformten Schläfe
geschoren, tief unter den fein geschweiften Brauen waren die schmalen
Augen geborgen, in deren unbestimmtem Dunkelgrau ein ganzes Meer
versunkener Leidenschaften, aber noch bestimmter der Ausdruck kältester
Selbstbeherrschung lag. Um die scharf geschnittenen bartlosen Lippen
spielte ein Zug stolzer Verachtung gegen Gott und seine ganze Welt. Wie er
vortrat und mit ruhiger Vornehmheit den Blick über die Erregten streifen
ließ, wie seine nicht einschmeichelnde, aber beherrschende Redeweise
anhob, empfand jeder in der Versammlung den Eindruck bewußter
Überlegenheit und wenige Menschen mochten diese Nähe ohne das Gefühl der
Unterordnung tragen.
»Was hadert ihr,« sagte er kalt, »über Dinge, die geschehen müssen? Wer
den Zweck will, muß das Mittel wollen. Ihr wollt nicht vergeben? Immerhin!
Daran liegt nichts. Aber vergessen müßt ihr. Und das könnt ihr. Auch ich
war ein Freund der Verstorbenen, vielleicht ihr nächster. Und doch – ich
will vergessen. Ich thu’ es, eben weil ich ihr Freund war. Der liebt sie,
Scävola, der allein, der sie rächt. Um der Rache willen – Albinus, deine
Hand.« – Alle schwiegen, bewältigt mehr von der Persönlichkeit als von den
Gründen des Redners. Nur der Jurist bemerkte noch:
»Rusticiana, des Boëthius Witwe und des Symmachus Tochter, die
einflußreiche Frau, ist unsrem Bunde hold. Wird sie das bleiben, wenn
dieser eintritt? Kann sie je vergeben und vergessen? Niemals!«
»Sie kann es. Glaubt nicht mir, glaubt Euren Augen.« Mit diesen Worten
wandte sich rasch Cethegus und schritt in einen der Seitengänge, dessen
Mündung bisher sein Rücken verdeckt hatte. – Hart am Eingang stand
lauschend eine verschleierte Gestalt: er ergriff ihre Hand: »komm’,«
flüsterte er, »jetzt komm’.« – »Ich kann nicht! ich will nicht!« war die
leise Antwort der Widerstrebenden. »Ich verfluche ihn. Ich kann ihn nicht
sehen, den Elenden!« – »Es muß sein. Komm, du kannst und du willst es: –
denn ich will es.« Er schlug ihren Schleier zurück: noch ein Blick und sie
folgte wie willenlos. –
Sie bogen um die Ecke des Eingangs: »Rusticiana!« riefen alle. – »Ein Weib
in unserer Versammlung!« sprach der Jurist. »Das ist gegen die Satzungen,
die Gesetze.«
»Ja, Scävola, aber die Gesetze sind um des Bundes willen, nicht der Bund
um der Gesetze willen. Und geglaubt hättet ihr mir nie, was ihr hier sehet
mit Augen.«
Er legte die Hand der Witwe in die zitternde Rechte des Albinus.
»Seht, Rusticiana verzeiht: wer will jetzt noch widerstreben?« –
Überwunden und überwältigt verstummten alle. Für Cethegus schien das
weitere jedes Interesse verloren zu haben. Er trat mit der Frau an die
Wand im Hintergrund zurück. Der Priester aber sprach: »Albinus ist Glied
des Bundes.« – »Und sein Eid, den er dem Tyrannen geschworen?« fragte
schüchtern Scävola. – »War erzwungen und ist ihm gelöst von der heiligen
Kirche. Aber nun ist es Zeit, zu scheiden. Nur noch die eilendsten
Geschäfte, die neuesten Botschaften. Hier, Licinius, der Festungsplan von
Neapolis: du mußt ihn bis morgen nachgezeichnet haben, er geht an Belisar.
Hier, Scävola, Briefe aus Byzanz, von Theodora, der frommen Gattin
Justinians: du mußt sie beantworten. Da, Calpurnius, eine Anweisung auf
eine halbe Million Solidi von Albinus: du sendest sie an den fränkischen
Majordomus, er wirkt bei seinem König gegen die Goten. Hier, Pomponius,
eine Liste der Patrioten in Dalmatien: du kennst die Dinge dort und die
Menschen: sieh zu, ob bedeutende Namen fehlen. Euch allen aber sei gesagt,
daß, nach heute erhaltenen Briefen von Ravenna, die Hand des Herrn schwer
auf dem Tyrannen liegt: tiefe Schwermut, zu späte Reue über all’ seine
Sünden soll seine Seele niederdrücken und der Trost der wahren Kirche
bleibt ihm fern. Harret aus noch eine kleine Weile: bald wird ihn die
zornige Stimme des Richters abrufen: dann kömmt der Tag der Freiheit. An
den nächsten Iden, zur selben Stunde, treffen wir uns wieder. Der Segen
des Herrn sei mit euch.« Eine Handbewegung des Diakons verabschiedete die
Versammelten: die jungen Priester traten mit den Fackeln aus den
Seitengängen und geleiteten die Einzelnen in verschiedenen Richtungen nach
den nur ihnen bekannten Ausgängen der Katakomben.
Viertes Kapitel.
Silverius, Cethegus und Rusticiana stiegen miteinander die Stufen hinauf,
welche in die Krypta der Basilika des heiligen Sebastian führten. Von da
gingen sie durch die Kirche in das unmittelbar darangebaute Haus des
Diakonus. Dort angelangt überzeugte sich dieser, daß alle Hausgenossen
schliefen bis auf einen alten Sklaven, der im Atrium bei einer halb
herabgebrannten Ampel wachte. Auf den Wink seines Herrn zündete er die
neben ihm stehende silberfüßige Lampe an und drückte auf eine Fuge im
Marmorgetäfel. Die Marmorplatten drehten sich um ihre Achse und ließen den
Priester, der die Leuchte ergriffen, mit den beiden andern in ein kleines,
niedres Gemach treten, dessen Öffnung sich hinter ihnen rasch und
geräuschlos wieder schloß. Keine Ritze verriet nun wieder, daß hier eine
Thür.
Der kleine Raum, jetzt mit einem hohen Kreuz aus Holz, einem Betschemel
und einigen christlichen Symbolen auf Goldgrund einfach ausgestattet,
hatte in heidnischen Tagen offenbar, wie die an den Wänden hinlaufenden
Polstersimse bezeugten, dem Zweck jener kleinen Gelage von zwei oder drei
Gästen gedient, deren zwanglose Gemütlichkeit Horatius feiert. Zur Zeit
war hier das Asyl für die geheimsten geistlichen – oder weltlichen –
Gedanken des Diakonus. Schweigend setzte sich Cethegus, auf ein gegenüber
in die Wand eingelegtes Mosaikgemälde den flüchtigen Blick des verwöhnten
Kunstkenners werfend, auf den niederen Lectus. Während der Priester
beschäftigt war, aus einem Mischkrug mit hochgeschweiften Henkeln Wein in
die bereit stehenden Becher zu gießen und eine eherne Schale mit Früchten
auf den dreifüßigen Bronzetisch zu stellen, stand Rusticiana Cethegus
gegenüber, ihn mit unwillig staunenden Blicken messend. Kaum vierzig Jahre
alt, zeigte das Weib Spuren einer seltenen, etwas männlichen Schönheit,
die weniger durch das Alter als durch heftige Leidenschaften gelitten
hatte: schon war hier und da nicht graues, sondern weißes Haar in ihre
rabenschwarzen Flechten gemischt, das Auge hatte einen unsteten Blick und
starke Falten zogen sich gegen die immer bewegten Mundwinkel. Sie stützte
die Linke auf den Erztisch und strich mit der Rechten wie nachsinnend über
die Stirn, dabei fortwährend Cethegus anstarrend. Endlich sprach sie:
»Mensch, sage, sage, Mann, welche Gewalt du über mich hast? Ich liebe dich
nicht mehr. Ich sollte dich hassen. Ich hasse dich auch. Und doch muß ich
dir folgen willenlos. Wie der Vogel dem Auge der Schlange. Und du legst
meine Hand, _diese_ Hand, in die Hand jenes Schurken. Sage, du Frevler,
welches ist diese Macht?«
Cethegus schwieg unaufmerksam. Endlich sagte er, sich zurücklehnend:
»Gewohnheit, Rusticiana, Gewohnheit.«
»Jawohl, Gewohnheit! Gewohnheit einer Sklaverei, die besteht, seit ich
denken kann. Daß ich als Mädchen den schönen Nachbarssohn bewunderte, war
natürlich; daß ich glaubte, du liebtest mich, war verzeihlich: du küßtest
mich ja. Und wer konnte – damals! – wissen, daß du nicht lieben kannst.
Nichts: kaum dich selbst. Daß die Gattin des Boëthius diese wahnsinnige
Liebe nicht erstickte, die du wie spielend wieder anfachtest, war eine
Sünde, aber Gott und die Kirche haben sie mir verziehen. Doch, daß ich
jetzt noch, nachdem ich jahrzehntelang deine herzlose Tücke kenne, nachdem
die Glut der Leidenschaft erloschen in diesen Adern, daß ich jetzt noch
blindlings deinem dämonischen Willen folgen muß, – das ist eine Thorheit
zum Lautauflachen.«
Und sie lachte hell und fuhr mit der Rechten über die Stirn. Der Priester
hielt in seiner wirtlichen Beschäftigung inne, und sah verstohlen auf
Cethegus; er war gespannt. Cethegus lehnte das Haupt rückwärts an den
Marmorsims und umfaßte mit der Rechten den Pokal, der vor ihm stand:
»Du bist ungerecht, Rusticiana,« sagte er ruhig. »Und unklar. Du mischest
die Spiele des Eros in die Werke der Eris und der Erinnyen. Du weißt es,
daß ich der Freund des Boëthius war. Obwohl ich sein Weib küßte.
Vielleicht ebendeshalb. Ich sehe darin nichts Besonderes und du: – nun dir
haben es ja Silverius und die Heiligen vergeben. Du weißt ferner, daß ich
diese Goten hasse, wirklich hasse, daß ich den Willen und – vor andern –
die Fähigkeit habe, durchzusetzen, was dich jetzt ganz erfüllt: deinen
Vater, den du geliebt, deinen Gatten, den du geehrt hast, an diesen
Barbaren zu rächen. Du gehorchst daher meinen Winken. Und du thust daran
sehr klug. Denn du hast zwar ein sehr bedeutendes Talent, Ränke zu
schmieden. Aber deine Heftigkeit trübt oft deinen Blick. Sie verdirbt
deine feinsten Pläne. Also thust du wohl, kühlerer Leitung zu folgen. Das
ist alles. – Aber jetzt geh. Deine Sklavin kauert schlaftrunken im
Vestibulum. Sie glaubt dich in der Beichte, bei Freund Silverius. Die
Beichte darf nicht gar zu lange währen. Auch haben wir noch Geschäfte.
Grüße mir Kamilla, dein schönes Kind, und lebe wohl.« Er stand auf,
ergriff ihre Hand und führte sie sanft zur Thüre. Sie folgte
widerstrebend, nickte dem Priester zum Abschied zu, sah nochmal auf
Cethegus, der ihre innere Bewegung nicht zu sehen schien und ging mit
leisem Kopfschütteln hinaus.
Cethegus setzte sich wieder und trank den Pokal aus.
»Sonderbarer Kampf in diesem Weibe,« sagte Silverius und setzte sich mit
Griffel, Wachstafeln, Briefen und Dokumenten zu ihm. »Nicht sonderbar. Sie
will ihr Unrecht gegen ihren Gatten gut machen, indem sie ihn rächt. Und
daß sie diese Rache gerade durch ihren ehemaligen Geliebten findet, macht
die heilige Pflicht besonders süß. Freilich ist ihr dies alles unbewußt. –
Aber, was giebt’s zu thun?« Und nun begannen die beiden Männer ihre
Arbeit, solche Punkte der Verschwörung zu erledigen, die allen Gliedern
des Bundes mitzuteilen sie nicht für ratsam hielten. – »Diesmal,« hob der
Diakonus an, »gilt es vor allem, das Vermögen des Albinus festzustellen
und dessen nächste Verwendung zu beraten. Wir brauchten ganz unabweislich
Geld, viel Geld.« – »Geldsachen sind dein Gebiet,« sagte Cethegus
trinkend. »Ich verstehe sie wohl, aber sie langweilen mich.«
»Ferner müssen die einflußreichsten Männer auf Sicilien, in Neapolis und
Apulien gewonnen werden. Hier ist die Liste derselben mit Notizen über die
einzelnen. Es sind Menschen darunter, bei denen die gewöhnlichen Mittel
nicht verfangen.« »Gieb her,« sagte Cethegus, »_das_ will ich machen« und
zerlegte einen persischen Apfel. – –
Nach einer Stunde angestrengter Arbeit waren die dringendsten Geschäfte
bereinigt und der Hausherr legte die Dokumente wieder in ihr Geheimfach
hinter dem großen Kreuz in der Mauer. Der Priester war ermüdet und sah mit
Neid auf den Genossen, dessen stählernen Körper und unangreifbaren Geist
keine späte Stunde, keine Anspannung ermatten zu können schien. Er äußerte
etwas dergleichen, als sich Cethegus den silbernen Becher wieder füllte.
»Übung, Freund, starke Nerven und,« setzte er lächelnd hinzu, »ein gutes
Gewissen: das ist das ganze Rätsel.«
»Nein, im Ernst, Cethegus, du bist mir auch sonst ein Rätsel.« – »Das will
ich hoffen.« – »Nun, hältst du dich für ein mir so unerreichbar
überlegenes Wesen?« – »Ganz und gar nicht. Aber doch für gerade
hinreichend tief, um andern nicht minder ein Rätsel zu sein als – mir
selbst. Dein Stolz auf Menschenkenntnis mag sich beruhigen. Es geht mir
selbst mit mir nicht besser als dir. Nur die Tropfen sind durchsichtig.« –
»In der That,« fuhr der Priester ausholend fort, »der Schlüssel zu deinem
Wesen muß sehr tief liegen. Sieh zum Beispiel die Genossen unsres Bundes.
Von jedem läßt sich sagen, welcher Grund ihn dazu geführt hat. Der hitzige
Jugendmut einen Licinius: der verrannte, aber ehrliche Rechtssinn einen
Scävola: mich und die andern Priester – der Eifer für die Ehre Gottes.«
»Natürlich,« sagte Cethegus trinkend.
»Andere treibt der Ehrgeiz: oder die Hoffnung, bei einem Bürgerkrieg ihren
Gläubigern die Hälse abzuschneiden, oder auch die Langeweile über den
geordneten Zustand dieses Landes unter den Goten oder eine Beleidigung
durch einen der Fremden, die allermeisten der natürliche Widerwille gegen
die Barbaren und die Gewöhnung, nur im Kaiser den Herrn Italiens zu sehen.
Bei dir aber schlägt keiner dieser Beweggründe an und« –
»Und das ist sehr unbequem, nicht wahr? Denn mittels Kenntnis ihrer
Beweggründe beherrscht man die Menschen? Ja, ehrwürdiger Gottesfreund, ich
kann dir nicht helfen. Ich weiß es wirklich selbst nicht, was mein
Beweggrund ist. Ich bin selbst so neugierig darauf, daß ich es dir
herzlich gern sagen und mich – beherrschen lassen wollte, wenn ich es nur
entdecken könnte. Nur das Eine fühl’ ich: diese Goten sind mir zuwider.
Ich hasse diese vollblütigen Gesellen mit ihren breiten Flachsbärten.
Unausstehlich ist mir das Glück dieser brutalen Gutmütigkeit, dieser
naiven Jugendlichkeit, dieses alberne Heldentum, diese ungebrochnen
Naturen. Es ist eine Unverschämtheit des Zufalls, der die Welt regiert,
dieses Land, – nach einer solchen Geschichte, – mit Männern wie – wie du
und ich – von diesen Nord-Bären beherrschen zu lassen.« Unwillig warf er
das Haupt zurück, drückte die Augen zu und schlürfte einen kleinen Trunk
Weines. »Daß die Barbaren fort müssen,« sprach der andere, »darüber sind
wir einig. Und für mich ist damit alles erreicht. Denn ich will ja nur die
Befreiung der Kirche von diesen irrgläubigen Barbaren, welche die
Göttlichkeit Christi leugnen und nur einen Halbgott aus ihm machen. Ich
hoffe, daß alsdann der römischen Kirche der Primat im ganzen Gebiet der
Christenheit, der ihr gebührt, unbestritten zufallen wird. Aber solange
Rom in der Hand der Ketzer liegt, während der Bischof von Byzanz von dem
allein rechtgläubigen und rechtmäßigen Kaiser gestützt wird« –
»Solange ist der Bischof von Rom nicht der oberste Bischof der
Christenheit, solange nicht Herr Italiens: und deshalb der römische Stuhl,
selbst wenn ein Silverius ihn einnehmen wird, nicht das, was er werden
soll: das Höchste. Und das will doch Silverius.«
Überrascht sah der Priester auf.
»Beunruhige dich nicht, Freund Gottes. Ich weiß das längst und habe dein
Geheimnis bewahrt, obwohl du es mir nicht vertraut hast. Allein weiter.«
Er schenkte sich aufs neue ein: – »dein Falerner ist gut abgelagert, aber
er hat zu viel Süße. – Du kannst eigentlich nur wünschen, daß diese Goten
den Thron der Cäsaren räumen, nicht, daß die Byzantiner an ihre Stelle
treten: denn sonst hat der Bischof von Rom wieder zu Byzanz seinen
Oberbischof und einen Kaiser. Du mußt also an der Goten Stelle wünschen –
nicht einen Kaiser – Justinian, – sondern – etwa was?« – »Entweder« – fiel
Silverius eifrig ein – »einen eignen Kaiser des Westreichs« – »Der aber,«
vollendete Cethegus seinen Satz, »nur eine Puppe ist in der Hand des
heiligen Petrus –« – »Oder eine römische Republik, einen Staat der Kirche
–« – »In welchem der Bischof von Rom der Herr, Italien das Hauptland und
die Barbarenkönige in Gallien, Germanien, Spanien die gehorsamen Söhne der
Kirche sind. Schön, mein Freund. Nur müssen erst die Feinde vernichtet
sein, deren Spolien du bereits verteilst. Deshalb ein altrömischer
Trinkspruch: wehe den Barbaren!«
Er stand auf und trank dem Priester zu. »Aber die letzte Nachtwache
schleicht vorüber und meine Sklaven müssen mich am Morgen in meinem
Schlafgemach finden. Leb wohl.« Damit zog er den Cucullus des Mantels über
das Haupt und ging.
Der Wirt sah ihm nach: »Ein höchst bedeutendes Werkzeug!« sagte er zu
sich. »Gut, daß er nur ein Werkzeug ist. Möge er es immer bleiben.«
Cethegus aber schritt von der Via appia her, wo die Kirche des heiligen
Sebastian den Eingang in die Katakomben bedeckt, nach Nordwesten dem
Kapitole zu, an dessen Fuß am Nordende der Via sacra sein Haus gelegen
war, nordöstlich vom Forum Romanum.
Die kühle Morgenluft strich belebend um sein Haupt.
Er schlug den Mantel zurück und dehnte die breite, starke, gewaltige
Brust. »Ja, ein Rätsel bist du,« sprach er vor sich hin; »treibst
Verschwörung und nächtlichen Verkehr wie ein Republikaner oder ein
Verliebter von zwanzig Jahren. Und warum? – Ei, wer weiß warum er atmet?
Weil er muß. Und so muß ich thun was ich thue. Eins aber ist gewiß. Dieser
Priester mag Papst werden: er muß es vielleicht werden. Aber Eins darf er
nicht. Er darf es nicht lange bleiben. Sonst lebt wohl, ihr Gedanken, ihr
kaum eingestandenen, die ihr noch Träume seid und Wolkendünste: vielleicht
aber ballt sich daraus ein Gewitter, das Blitz und Donner führt und mein
Verhängnis wird. Sieh, es wetterleuchtet im Osten. Gut. Ich nehme das Omen
an.«
Mit diesen Worten schritt er in sein Haus. Im Schlafgemach fand er auf dem
Cederntisch vor seinem Lager einen verschnürten und mit dem königlichen
Siegel gepreßten Brief.
Er schnitt die Schnüre mit dem Dolch auf, schlug die doppelte Wachstafel
auseinander und las:
»An Cethegus Cäsarius, den Princeps Senatus, Marcus Aurelius Cassiodorus
Senator.
Unser Herr und König liegt im Sterben. Seine Tochter und Erbin
Amalaswintha wünscht dich noch vor seinem Ende zu sprechen. Du sollst das
wichtigste Reichsamt übernehmen. Eile sogleich nach Ravenna.«
Fünftes Kapitel.
Atembeklemmend lag bange Stimmung schwer und schwül über dem Königspalast
zu Ravenna mit seiner düstern Pracht, mit seiner unwirtlichen
Weiträumigkeit.
Die alte Burg der Cäsaren hatte im Lauf der Jahrhunderte schon so manche
stilwidrige Veränderung erfahren. Und seit an die Stelle der Imperatoren
der Gotenkönig mit seinem germanischen Hofgesinde getreten war, hatte sie
vollends ein wenig harmonisches Aussehen angenommen. Denn viele Räume, die
eigentümlichen Sitten des römischen Lebens gedient hatten, standen mit der
alten Pracht ihrer Einrichtung unbenutzt und vernachlässigt: Spinnweben
zogen sich über die Mosaiken der reichen, aber lang nicht mehr betretenen
Badgemächer des Honorius und in dem Toilettenzimmer der Placidia huschten
die Eidechsen über das Marmorgesims der Silberspiegel in den Mauern.
Dagegen hatten die Bedürfnisse eines mehr kriegerischen Hofhalts manche
Mauer niedergerissen, um die kleinen Gemächer des antiken Hauses zu den
weiteren Räumen von Waffensälen, Trinkhallen, Wachtzimmern auszudehnen.
Und man hatte anderseits durch neue Mauerführungen benachbarte Häuser mit
dem Palast verbunden, daraus eine Festung mitten in der Stadt zu schaffen.
Es trieben jetzt in der »_piscina maxima_«, dem ausgetrockneten Teich,
blonde Buben ihre wilden Spiele und in den Marmorsälen der Palästra
wieherten die Rosse der gotischen Wachen. So hatte der weitläufige Bau das
unheimliche Ansehen halb einer kaum noch erhaltnen Ruine, halb eines
unvollendeten Neubaus: und die Burg dieses Königs erschien so wie ein
Sinnbild seines römisch-gotischen Reiches, seiner ganzen politischen
halbunfertigen, halbverfallenden Schöpfung. –
An dem Tage aber, der Cethegus nach Jahren hier zuerst wieder eintreten
sah, lastete ein Gewölk von Spannung, Trauer und Düstre ganz besonders
schwer auf diesem Haus: denn seine königliche Seele sollte daraus
scheiden. –
Der große Mann, der von hier aus ein Menschenalter lang die Geschicke
Europas gelenkt, den Abendland und Morgenland in Liebe und Haß
bewunderten, der Heros seines Jahrhunderts, der gewaltige Dietrich von
Bern, dessen Namen schon bei seinen Lebzeiten die Sage sich ausschmückend
bemächtigt hatte, der große Amalungen-König Theoderich sollte sterben.
So hatten es die Ärzte, wenn nicht ihm selbst doch seinen Räten verkündet
und alsbald war es hinausgedrungen in die große volkreiche Stadt. Obwohl
man seit lange einen solchen Ausgang der geheimnisvollen Leiden des
greisen Fürsten für möglich gehalten, erfüllte doch jetzt die Kunde von
dem drohenden Eintritt des verhängnisvollen Schlages alle Herzen mit der
höchsten Aufregung.
Die treuen Goten trauerten und bangten: aber auch bei der römischen
Bevölkerung war eine dumpfe Spannung die vorherrschende Empfindung. Denn
hier in Ravenna, in der unmittelbaren Nähe des Königs hatten die Italier
die Milde und Hoheit dieses Mannes im allgemeinen zu bewundern und durch
besondere Wohlthaten zu erfahren am häufigsten Gelegenheit gehabt. Ferner
fürchtete man nach dem Tode dieses Königs, der während seiner ganzen
Regierung, mit einziger Ausnahme der jüngsten Kämpfe mit dem Kaiser und
dem Senat, in welchen Boëthius und Symmachus geblutet, die Italier vor der
Gewaltthätigkeit und Rauheit seines Volkes beschützt hatte, unter einem
neuen Regiment Härte und Druck von Seite der Goten zu befahren.
Endlich aber wirkte noch ein Anderes, Höheres: die Persönlichkeit dieses
Heldenkönigs war so großartig, so majestätisch gewesen, daß auch
diejenigen, die seinen und seines Reiches Untergang oft herbeigewünscht
hatten, doch in dem Augenblick, da nun diese Sonne erlöschen sollte, sich
niedriger Schadenfreude nicht hingeben und ernsterer Erschütterung nicht
erwehren konnten.
So war die Stadt schon seit grauendem Morgen – da man zuerst vom Palast
Boten nach allen Winden hatte jagen und einzelne Diener in die Häuser der
vornehmsten Goten und Römer hatte eilen sehen – in höchster Erregung. In
den Straßen, auf den Plätzen, in den Bädern standen die Männer paarweise
oder in Gruppen beisammen, fragten und teilten sich mit, was sie wußten,
suchten eines Vornehmen habhaft zu werden, der vom Palaste herkam und
sprachen über die ernsten Folgen des bevorstehenden Ereignisses. Weiber
und Kinder kauerten neugierig auf den Schwellen der Häuser. Mit den
wachsenden Stunden des Tages strömte sogar schon die Bevölkerung der
nächsten Dörfer und Städte, besonders trauernde Goten, forschend in die
Thore Ravennas. Die Räte des Königs, voraus der Präfectus Prätorio
Cassiodorus, der sich in diesen Tagen um Aufrechthaltung der Ordnung hohes
Verdienst erwarb, hatten solche Aufregung vorausgesehen, vielleicht
Schlimmeres erwartet.
Seit Mitternacht waren alle Zugänge zum Palast geschlossen und mit
gotischen Wachen besetzt. Auf dem Forum des Honorius, vor der Stirnseite
des Gebäudes, war ein Zug Reiter aufgestellt. Auf den breiten
Marmorstufen, die zu der stolzen Säulenreihe des Hauptportals
hinaufführten, waren starke Scharen gotischen Fußvolks, mit Schild und
Speer, in malerischen Gruppen gelagert.
Nur hier konnte man, nach Cassiodors Befehl, Eintritt in den Palast
erlangen und nur die beiden Anführer des Fußvolks, der Römer Cyprian und
der Gote Witichis, durften die Erlaubnis dazu erteilen. Ersterer war es,
der Cethegus einließ. Wie dieser den altbekannten Weg zum Gemach des
Königs verfolgte, fand er in den Hallen und Gängen der Burg die Goten und
Italier, denen ihr Rang und Ansehen Zutritt erwarben, in ungleichen
Gruppen verteilt.
Schweigend und traurig standen in der sonst so lauten Trinkhalle die
jungen Tausendführer und Hundertführer der Goten beisammen oder flüsterten
einzelne besorgte Fragen, während hier und da ein älterer Mann, ein
Waffengefährte des sterbenden Helden, in einer Nische der Bogenfenster
lehnte, seinen lauten Schmerz zu verbergen; in der Mitte des Saales stand,
laut weinend, das Haupt an einen Pfeiler drückend, ein reicher Kaufmann
von Ravenna: der König, der jetzt scheiden sollte, hatte ihm eine
Verschwörung verziehen und seine Warenhallen vor der Plünderung durch die
ergrimmten Goten gerettet.
Mit einem kalten Blick der Geringschätzung schritt Cethegus an dem allen
vorüber. Er ging weiter.
In dem nächsten Gemach, dem zum Empfang fremder Gesandten bestimmten Saal,
fand er eine Anzahl von vornehmen Goten, Herzogen, Grafen und Edeln
beisammen, die offenbar Beratung hielten über den Thronwechsel und den
drohenden Umschwung aller Verhältnisse.
Da waren die tapferen Herzoge Thulun von Provincia, der die Stadt Arles
heldenmütig gegen die Franken verteidigt hatte, Ibba von Liguria, der
Eroberer von Spanien, Pitza von Dalmatia, der Besieger der Bulgaren und
Gepiden, gewaltige, trotzige Herren, stolz auf ihren alten Adel, der dem
Königshaus der Amaler wenig nachgab – denn sie waren aus dem Geschlecht
der Balten, das bei den Westgoten durch Alarich die Krone gewonnen hatte
–, und auf ihre kriegerischen Verdienste, die das Reich beschirmt und
erweitert.
Auch Hildebad und Teja standen bei ihnen.
Das waren die Führer der Partei, die längst eine härtere Behandlung der
Italier, welche sie haßten und scheuten zugleich, begehrt und die nur
widerstrebend dem milden Sinn des Königs sich gefügt hatten. Wilde Blicke
des Hasses schossen aus ihrer Mitte auf den vornehmen Römer, der da Zeuge
der Sterbestunde des großen Gotenhelden sein wollte. Ruhig schritt
Cethegus an ihnen vorüber und hob den schweren Wollvorhang auf, der den
nächsten Raum abschied, das Vorzimmer des Krankengemaches. Eintretend
begrüßte er mit tiefer Verbeugung des Hauptes eine hohe königliche Frau,
die, in schwarze Trauerschleier gehüllt, ernst und schweigend, aber in
fester Fassung und ohne Thränen vor einem mit Urkunden bedeckten
Marmortische stand: das war Amalaswintha, die verwitwete Tochter
Theoderichs.
Eine Frau in der Mitte der Dreißiger war sie noch von außerordentlicher,
wenn auch kalter Schönheit. Sie trug das reiche dunkle Haar nach
griechischer Weise gescheitelt und gewellt. Die hohe Stirn, das große,
runde Auge, die geradlinige Nase, der Stolz ihrer fast männlichen Züge und
die Majestät ihrer vollen Gestalt verliehen ihr gebietende Würde und in
dem ganz nach hellenischem Stil gefalteten Trauergewand glich sie in der
That einer von ihrem Postament heruntergeschrittenen Hera des Polyklet.
An ihrem Arme hing, mehr gestützt als stützend, ein Knabe oder Jüngling
von etwa siebzehn Jahren, Athalarich, ihr Sohn, des Gotenreiches Erbe. Er
glich nicht der Mutter, sondern hatte die Natur seines unglücklichen
Vaters Eutharich, den eine zehrende Krankheit des Herzens in der Blüte
seiner Jahre in das Grab gezogen hatte. Mit Sorge sah deshalb Amalaswintha
ihren Sohn in allem ein Ebenbild des Vaters werden und es war kaum mehr
ein Geheimnis am Hofe von Ravenna, daß alle Spuren jener Krankheit sich
schon in dem Knaben zeigten. Athalarich war schön wie alle Glieder dieses
von den Göttern stammenden Hauses. Starke schwarze Brauen, lange Wimpern
beschatteten ein edles, dunkles Auge, das aber bald wie in unbestimmten
Träumen zerfloß, bald in geisterhaftem Glanz aufblitzte. Dunkelbraune
wirre Locken hingen in die bleichen Schläfe, in denen bei lebhafter
Erregung die feinen blauen Adern krampfhaft zuckten. Der edeln Stirn hatte
leiblicher Schmerz oder schwere Entsagung tiefe Furchen eingezeichnet,
befremdlich auf diesem jugendlichen Antlitz. Rasch wechselten Marmorblässe
und heißes Rot auf den durchsichtigen Wangen. Die hoch aufgeschossene,
aber geknickte Gestalt schien meistens wie müde in ihren Fugen zu hangen
und schoß nur manchmal mit erschreckender Raschheit in die Höhe. Er sah
den eintretenden Cethegus nicht, denn er hatte, an der Mutter Brust
gelehnt, den griechischen Mantel klagend um das junge Haupt geschlagen,
das bald eine schwere Krone tragen sollte. –
Fern von diesen beiden an dem offenen Bogen des Gemaches, der den Blick
auf die von den Gotenkriegern besetzten Marmorstufen gewährte, stand, in
träumerisches Sinnen verloren, ein Weib – oder war es eine Jungfrau? – von
überraschender, blendender, überwältigender Schönheit: das war
Mataswintha, Athalarichs Schwester. Sie glich der Mutter an Adel und Höhe
der Gestalt, aber ihre schärferen Züge hatten ein feuriges
leidenschaftliches Leben, das sich nur wenig unter angenommener Kälte
barg. Ihre Gestalt, ein reizvolles Ebenmaß von blühender Fülle und feiner
Schlankheit, mahnte an jene bezwungene Artemis in den Armen des Endymion
in der Gruppe des Agesander, die, nach der Sage, der Rat von Rhodos hatte
aus der Stadt verbannen müssen, weil diese marmorne höchste Einheit
schönster Jungfräulichkeit und schönster Sinnlichkeit die Jünglinge des
Eilands zu Wahnsinn und Selbstmord getrieben hatte. Der Zauber höchster
reifer Mädchenschönheit zitterte über diesem Wesen. Ihr reichwallendes
Haar war dunkelrot mit einem schillernden Metallglanz und von so
außerordentlicher Wirkung, daß er der Fürstin, selbst bei diesem durch die
prächtigen Goldlocken seiner Weiber berühmten Volk, den Namen »Schönhaar«
verschafft hatte. Ihre Augenbrauen aber und die langen Wimpern waren
glänzend schwarz und hoben die blendend weiße Stirn, die alabasternen
Wangen leuchtend hervor. Die fein gebogene Nase mit den zartgeschnittenen
manchmal leise zuckenden Flügeln senkte sich auf einen üppig schwellenden
Mund. Aber das Auffallendste an dieser auffallenden Schönheit war das
graue Auge, nicht so fast durch die ziemlich unbestimmte Farbe, wie durch
den wunderbaren Ausdruck, mit dem es, meist in träumerisches Sinnen
verloren, manchmal in versengender Leidenschaft aufleuchten konnte. In der
That, wie sie da an dem Fenster lehnte, in der halb hellenischen, halb
gotischen von ihrer Phantasie erfinderisch zusammengewählten Tracht, den
weißen, hochgewölbten Arm um die dunkle Porphyrsäule geschlungen und
hinaus träumend in die Abendluft, glich ihre verführerische Schönheit
jenen unwiderstehlichen Waldfrauen oder Wellenmädchen, deren
allverstrickende Liebesgewalt von jeher die germanische Sage gefeiert hat.
Und so groß war die Macht dieser Schönheit, daß selbst die ausgebrannte
Brust des Cethegus, der die Fürstin längst kannte, bei seinem Eintritt von
neuem Staunen berührt wurde. –
Doch wurde er sogleich in Anspruch genommen von dem letzten der im Gemach
Anwesenden, von Cassiodor, dem gelehrten und treuen Minister des Königs,
dem ersten Vertreter jener wohlwollenden, aber hoffnungslosen
Versöhnungspolitik, die seit einem Menschenalter im Gotenreich geübt
wurde. Der alte Mann, dessen ehrwürdige und milde Züge der Schmerz um den
Verlust seines königlichen Freundes nicht weniger bewegte als die Sorge um
die Zukunft des Reiches, stand auf und ging mit schwankenden Schritten dem
Eintretenden entgegen, der sich ehrfurchtvoll verneigte. In Thränen
schwimmend ruhte das Auge des Greises auf ihm, endlich sank er seufzend an
die kalte Brust des Cethegus, der ihn für diese Weichheit verachtete.
»Welch ein Tag!« klagte er. – »Ein verhängnisvoller Tag,« sprach Cethegus
ernst; »er fordert Kraft und Fassung.« – »Recht sprichst du, Patricius,
und wie ein Römer,« – sagte die Fürstin, sich von Athalarich losmachend, –
»sei gegrüßt.« Sie reichte ihm die Hand, die nicht bebte, ihr Auge war
klar. »Die Schülerin der Stoa bewährt an diesem Tage die Weisheit Zenos
und die eigne Kraft,« sprach Cethegus.
»Sagt lieber, die Gnade Gottes kräftigt ihre Seele wunderbar,« verbesserte
Cassiodor. – »Patricius,« begann Amalaswintha, »der Präfectus Prätorio hat
dich mir vorgeschlagen zu einem wichtigen Geschäft. Sein Wort würde
genügen, auch wenn ich dich nicht längst schon kennte. Du bist derselbe
Cethegus, der die ersten beiden Gesänge der Äneis in griechische Hexameter
übertragen hat!« – »_Infandum renovare jubes, regina, dolorem._ Eine
Jugendsünde, Königin,« lächelte Cethegus. »Ich habe alle Abschriften
aufgekauft und verbrannt an dem Tage, da die Übersetzung Tullias
erschien.« Tullia war das Pseudonym Amalaswinthas: Cethegus wußte das:
aber die Fürstin hatte von dieser seiner Kenntnis keine Ahnung. Sie war in
ihrer schwächsten Stelle geschmeichelt und fuhr fort: »Du weißt, wie es
hier steht. Die Atemzüge meines Vaters sind gezählt: nach dem Ausspruch
der Ärzte kann er, obwohl noch rüstig und stark, jeden Augenblick tot
zusammenbrechen. Athalarich hier ist der Erbe seiner Krone. Ich aber führe
an seiner Statt die Regentschaft und über ihn die Mundschaft bis er zu
seinen Tagen gekommen.« – »So ist der Wille des Königs, und Goten und
Römer haben dieser Weisheit längst schon zugestimmt,« sagte Cethegus. –
»So thaten sie. Aber die Menge ist wandelbar. Die rohen Männer verachten
die Herrschaft eines Weibes« – und sie zog bei diesem Gedanken die Stirn
in zornige Falten. »Es widerstreitet immerhin dem Staatsrecht der Goten
wie der Römer,« begütigte Cassiodor, »es ist ganz neu, daß ein Weib –« –
»Die undankbaren Rebellen!« murmelte Cethegus, gleichsam für sich. – »Wie
man darüber denken mag,« fuhr die Fürstin fort, »es ist so. Gleichwohl
baue ich auf die Treue der Barbaren im ganzen, mögen auch einzelne aus dem
Adel Gelüste nach der Krone tragen. Auch von den Italiern hier in Ravenna,
wie in den meisten Städten, fürchte ich nichts. Aber ich fürchte – Rom und
die Römer.« Cethegus horchte hoch auf: sein ganzes Wesen war in
plötzlicher Erregung: aber sein Antlitz blieb eisig kalt.
»Rom wird sich niemals an die Herrschaft der Goten gewöhnen, es wird uns
ewig widerstreben – wie könnte es anders!« setzte sie seufzend hinzu. Es
war, als ob die Tochter Theoderichs eine römische Seele hätte.
»Wir fürchten deshalb,« – ergänzte Cassiodor, – »daß auf die Kunde von der
Erledigung des Throns zu Rom eine Bewegung gegen die Regentin ausbrechen
könnte, sei es für Anschluß an Byzanz, sei es für Erhebung eines eignen
Kaisers des Abendlandes.«