»_Dietericus de Berne, de quo_
_cantant rustici usque hodie._«
Erstes Kapitel.
Es war eine schwüle Sommernacht des Jahres fünfhundertsechsundzwanzig nach
Christus.
Schwer lagerte dichtes Gewölk über der dunkeln Fläche der Adria, deren
Küsten und Gewässer zusammenflossen in unterscheidungslosem Dunkel: nur
ferne Blitze warfen hier und da ein zuckendes Licht über das schweigende
Ravenna. In ungleichen Pausen fegte der Wind durch die Steineichen und
Pinien auf dem Höhenzug, welcher sich eine gute Strecke westlich von der
Stadt erhebt, einst gekrönt von einem Tempel des Neptun, der, schon damals
halb zerfallen, heute bis auf dürftige Spuren verschwunden ist.
Es war still auf dieser Waldhöhe: nur ein vom Sturm losgerissenes
Felsstück polterte manchmal die steinigen Hänge hinunter, und schlug
zuletzt platschend in das sumpfige Wasser der Kanäle und Gräben, die den
ganzen Kreis der Seefestung umgürteten.
Oder in dem alten Tempel löste sich eine verwitterte Platte von dem
getäfelten Dach der Decke und fiel zerspringend auf die Marmorstufen, –
Vorboten von dem drohenden Einsturz des ganzen Gebäudes.
Aber dies unheimliche Geräusch schien nicht beachtet zu werden von einem
Mann, der unbeweglich auf der zweithöchsten Stufe der Tempeltreppe saß,
den Rücken an die höchste Stufe gelehnt, und schweigend und unverwandt in
Einer Richtung über die Höhe hinab nach der Stadt zu blickte.
Lange saß er so: regungslos, aber sehnsüchtig wartend: er achtete es
nicht, daß ihm der Wind die schweren Regentropfen, die einzeln zu fallen
begannen, ins Gesicht schlug, und ungestüm in dem mächtigen, bis an den
ehernen Gurt wallenden Bart wühlte, der fast die ganze breite Brust des
alten Mannes mit glänzendem Silberweiß bedeckte.
Endlich stand er auf und schritt einige der Marmorstufen nieder: »Sie
kommen,« sagte er.
Es wurde das Licht einer Fackel sichtbar, die sich rasch von der Stadt her
dem Tempel näherte: man hörte schnelle, kräftige Schritte und bald danach
stiegen drei Männer die Stufen der Treppe herauf.
»Heil, Meister Hildebrand, Hildungs Sohn!« rief der voranschreitende
Fackelträger, der jüngste von ihnen, in gotischer Sprache mit auffallend
melodischer Stimme, als er die lückenhafte Säulenreihe des Pronaos, der
Vorhalle, erreicht.
Er hob das Windlicht hoch empor – schöne, korinthische Erzarbeit am Stiel,
durchsichtiges Elfenbein bildete den vierseitigen Schirm, und den
gewölbten durchbrochnen Deckel – und steckte es in den Erzring, der die
geborstne Mittelsäule zusammenhielt.
Das weiße Licht fiel auf ein apollinisch schönes Antlitz mit lachenden,
hellblauen Augen; mitten auf seiner Stirn teilte sich das lichtblonde Haar
in zwei lang fließende Lockenwellen, die rechts und links bis auf seine
Schultern wallten; Mund und Nase, fein, fast weich geschnitten, waren von
vollendeter Form, ein leichter Anflug goldhellen Bartes deckte die
freundlichen Lippen und das leicht gespaltene Kinn; er trug nur weiße
Kleider: einen Kriegsmantel von feiner Wolle, durch eine goldne Spange in
Greifengestalt auf der rechten Schulter festgehalten, und eine römische
Tunika von weicher Seide, beide mit einem Goldstreif durchwirkt; weiße
Lederriemen festigten die Sandalen an den Füßen und reichten, kreuzweis
geflochten, bis an die Kniee; die nackten, glänzendweißen Arme umzirkten
zwei breite Goldreife: und wie er, die Rechte um eine hohe Lanze
geschlungen, die ihm zugleich als Stab und als Waffe diente, die Linke in
die Hüfte gestemmt, ausruhend von dem Gang, zu seinen langsameren
Weggenossen hinunterblickte, schien in den grauen Tempel eine jugendliche
Göttergestalt aus seinen schönsten Tagen wieder eingekehrt.
Der zweite der Ankömmlinge hatte, trotz einer allgemeinen
Familienähnlichkeit, doch einen von dem Fackelträger völlig verschiednen
Ausdruck.
Er war einige Jahre älter, sein Wuchs war derber und breiter, – tief in
den mächtigen Stiernacken hinab reichte das dicht und kurz gelockte braune
Haar, – und von fast riesenhafter Höhe und Stärke: in seinem Gesicht
fehlte jener sonnige Schimmer, jene vertrauende Freude und Lebenshoffnung,
welche die Züge des jüngern Bruders verklärten: statt dessen lag in seiner
ganzen Erscheinung der Ausdruck von bärenhafter Kraft und bärenhaftem Mut:
er trug eine zottige Wolfsschur, deren Rachen, wie eine Kapuze, sein Haupt
umhüllte, ein schlichtes Wollenwams darunter, und auf der rechten Schulter
eine kurze, wuchtige Keule aus dem harten Holz einer Eichenwurzel.
Bedächtigen Schrittes folgte der dritte, ein mittelgroßer Mann von
gemessen verständigem Ausdruck. Er trug den Stahlhelm, das Schwert und den
braunen Kriegsmantel des gotischen Fußvolks. Sein schlichtes, hellbraunes
Haar war über der Stirn geradlinig abgeschnitten: eine uralte germanische
Haartracht, die schon auf römischen Siegessäulen erscheint und sich bei
dem deutschen Bauer bis heut’ erhalten hat. Aus den regelmäßigen Zügen des
offnen Gesichts, aus dem grauen, sichern Auge sprach besonnene
Männlichkeit und nüchterne Ruhe.
Als auch er die Cella des Tempels erreicht und den Alten begrüßt hatte,
rief der Fackelträger mit lebhafter Stimme:
»Nun, Meister Hildebrand, ein schönes Abenteuer muß es sein, zu dem du uns
in solch’ unwirtlicher Nacht in diese Wildnis von Natur und Kunst geladen
hast! Sprich – was soll’s geben?«
Statt der Antwort fragte der Alte, sich zu dem Letztgekommnen wendend: »Wo
bleibt der Vierte, den ich lud?«
– »Er wollte allein gehen. Er wies uns alle ab. Du kennst ja seine Weise.«
»Da kömmt er!« rief der schöne Jüngling, nach einer andern Seite des
Hügels deutend.
Wirklich nahte dorther ein Mann von höchst eigenartiger Erscheinung.
Das volle Licht der Fackel beleuchtete ein geisterhaft bleiches Antlitz,
das fast blutleer schien; lange, glänzend schwarze Locken hingen von dem
unbedeckten Haupt wie dunkle Schlangen wirr bis auf die Schultern.
Hochgeschweifte, schwarze Brauen und lange Wimpern beschatteten die
großen, melancholischen dunkeln Augen voll verhaltner Glut, eine Adlernase
senkte sich sehr scharfgeschnitten gegen den feinen, glattgeschornen Mund,
den ein Zug resignierten Grames umfurchte.
Gestalt und Haltung waren so jugendlich: aber die Seele schien vor der
Zeit vom Schmerz gereift.
Er trug Ringpanzer und Beinschienen von schwarzem Erz und in seiner
Rechten blitzte ein Schlachtbeil an langem lanzengleichem Schaft. Nur mit
dem Haupte nickend begrüßte er die andern und stellte sich hinter den
Alten, der sie nun alle Vier dicht an die Säule, welche die Fackel trug,
treten hieß und mit gedämpfter Stimme begann:
»Ich habe euch hierher beschieden, weil ernste Worte müssen gesprochen
werden, unbelauscht, und zu treuen Männern, die da helfen mögen.
Ich sah umher im ganzen Volk, mondenlang: – euch hab’ ich gewählt, ihr
seid die Rechten. Wenn ihr mich angehört habt, so fühlt ihr von selbst,
daß ihr schweigen müßt von dieser Nacht.«
Der dritte, der mit dem Stahlhelm, sah den Alten mit ernsten Augen an:
»Rede,« sagte er ruhig, »wir hören und schweigen. Wovon willst du zu uns
sprechen?«
»Von unsrem Volk, von diesem Reich der Goten, das hart am Abgrund steht.«
»Am Abgrund?« rief lebhaft der blonde Jüngling. Sein riesiger Bruder
lächelte und erhob aufhorchend das Haupt.
»Ja, am Abgrund,« rief der Alte, »und ihr allein, ihr könnt es halten und
retten.«
»Verzeih’ dir der Himmel deine Worte!« – fiel der Blonde lebhaft ein –
»haben wir nicht unsern König Theoderich, den seine Feinde selbst den
Großen nennen, den herrlichsten Helden, den weisesten Fürsten der Welt?
Haben wir nicht dies lachende Land Italia mit all’ seinen Schätzen? Was
gleicht auf Erden dem Reich der Goten?«
Der Alte fuhr fort: »Hört mich an. König Theoderich, mein teurer Herre und
mein lieber Sohn, was der wert ist, wie groß er ist, – das weiß am besten
Hildebrand, Hildungs Sohn. Ich hab’ ihn vor mehr als fünfzig Jahren auf
diesen Armen seinem Vater als ein zappelnd Knäblein gebracht und gesagt:
»Das ist starke Zucht: – Du wirst Freude dran haben.«
Und wie er heranwuchs – ich habe ihm den ersten Bolz geschnitzt und ihm
die erste Wunde gewaschen! Ich habe ihn begleitet nach der goldnen Stadt
Byzanz und ihn dort gehütet, Leib und Seele. Und als er dieses schöne Land
erkämpfte, bin ich vor ihm hergeschritten, Fuß für Fuß, und habe den
Schild über ihn gehalten in dreißig Schlachten. Wohl hat er seither
gelehrtere Räte und Freunde gefunden als seinen alten Waffenmeister, aber
klügere schwerlich und treuere gewiß nicht. Wie stark sein Arm gewesen,
wie scharf sein Auge, wie klar sein Kopf, wie schrecklich er war unterm
Helm, wie freundlich beim Becher, wie überlegen selbst den Griechlein an
Klugheit, das hatte ich hundertmal erfahren, lange ehe dich, du junger
Nestfalk, die Sonne beschienen.
Aber der alte Adler ist flügellahm geworden!
Seine Kriegsjahre lasten auf ihm – denn er und ihr und euer Geschlecht,
ihr könnt die Jahre nicht mehr tragen wie ich und meine Spielgenossen –:
er liegt krank, rätselhaft krank an Seele und Leib in seinem goldnen Saal
dort unten in der Rabenstadt. Die Ärzte sagen, wie stark sein Arm noch
sei, jeder Schlag des Herzens mag ihn töten wie der Blitz und auf jeder
sinkenden Sonne mag er hinunterfahren zu den Toten. Und wer ist dann sein
Erbe, wer stützt dann dieses Reich? Amalaswintha, seine Tochter, und
Athalarich, sein Enkel: – ein Weib und ein Kind.«
»Die Fürstin ist weise,« sprach der dritte mit dem Helm und dem Schwert.
»Ja, sie schreibt griechisch an den Kaiser und redet römisch mit dem
frommen Cassiodor. Ich zweifle, ob sie gotisch denkt. Weh’ uns, wenn sie
im Sturm das Steuer halten soll.«
»Ich sehe aber nirgends Sturm, Alter,« – lachte der Fackelträger und
schüttelte die Locken. »Woher soll er blasen? Der Kaiser ist wieder
versöhnt, der Bischof von Rom ist vom König selbst eingesetzt, die
Frankenfürsten sind seine Neffen, die Italier haben es unter unsrem Schild
besser als je zuvor. Ich sehe keine Gefahr, nirgends.«
»Kaiser Justinus ist nur ein schwacher Greis,« sprach beistimmend der mit
dem Schwert, »ich kenne ihn.«
»Aber sein Neffe, bald sein Nachfolger, und jetzt schon sein rechter Arm,
– – kennst du auch den? Unergründlich wie die Nacht und falsch wie das
Meer ist Justinian: – ich kenne ihn und fürchte was er sinnt. Ich
begleitete die letzte Gesandtschaft nach Byzanz: er kam zu unsrem Gelag:
er hielt mich für berauscht: – der Narr, er weiß nicht, was Hildungs Kind
trinken mag! – und fragte mich um alles, genau um alles, was man wissen
muß, um – uns zu verderben. Nun, von mir hat er den rechten Bescheid
gekriegt! Aber ich weiß es so gewiß wie meinen Namen: dieser Mann will
dies Land, dies Italien wieder haben und nicht die Fußspur eines Goten
wird er darin übrig lassen.«
»Wenn er kann,« brummte des Blonden Bruder dazwischen.
»Recht, Freund Hildebad, wenn er kann. Und er kann viel. Byzanz kann
viel.«
Jener zuckte die Achseln.
»Weißt du’s, wie viel?« fragte der Alte zornig. »Zwölf Jahre lang hat
unser großer König mit Byzanz gerungen und hat nicht obgesiegt. Aber
damals warst du noch nicht geboren,« fügte er ruhig hinzu.
»Wohl!« – kam jenem der Bruder zu Hilfe. – »Aber damals standen die Goten
allein im fremden Land. Jetzt haben wir eine ganze zweite Hälfte gewonnen:
wir haben eine Heimat, Italien, wir haben Waffenbrüder, die Italier.«
»Italien unsre Heimat!« rief der Alte bitter, »ja, das ist der Wahn. Und
die Welschen unsre Helfer gegen Byzanz! Du junger Thor!«
»Das sind unsres Königs eigne Worte,« entgegnete der Gescholtene.
»Ja, ja, ich kenne sie wohl, die Wahnreden, die uns alle verderben werden.
Fremd sind wir hier, fremd, heute wie vor vierzig Jahren, da wir von
diesen Bergen niederstiegen und fremd werden wir sein in diesem Lande noch
nach tausend Jahren. Wir sind hier ewig die Barbaren!«
»Jawohl, aber warum bleiben wir Barbaren? Wessen Schuld ist das als die
unsre? Weshalb lernen wir nicht von ihnen?«
»Schweig still,« schrie der Alte, zuckend vor Grimm »schweig, Totila, mit
solchen Gedanken: sie sind der Fluch meines Hauses geworden.« Sich mühsam
beruhigend fuhr er fort:
»Unsre Todfeinde sind die Welschen, nicht unsre Brüder. Weh, wenn wir
ihnen trauen! O daß der König nach meinem Rat gethan und nach seinem Sieg
alles erschlagen hätte das Schwert und Schild führen konnte vom lallenden
Knäblein bis zum lallenden Greis! Sie werden uns ewig hassen. Und sie
haben Recht. Wir aber, wir sind die Thoren, sie zu bewundern.«
Eine Pause trat ein: ernst geworden fragte der Jüngling: »Und du hältst
keine Freundschaft für möglich zwischen uns und ihnen?«
»Kein Friede zwischen den Söhnen des Gaut und dem Südvolk! Ein Mann tritt
in die Goldhöhle des Drachen: er drückt das Haupt des Drachen nieder mit
eherner Faust: der bittet um sein Leben: der Mann erbarmt sich seiner
schillernden Schuppen und weidet sein Auge an den Schätzen der Höhle. Was
wird der Giftwurm thun? Hinterrücks, sobald er kann, wird er ihn stechen,
daß der Verschoner stirbt.«
»Wohlan, so laß sie kommen, die Griechlein,« schrie der riesige Hildebad,
»und laß dies Natterngezücht gegen uns aufzüngeln. Wir wollen sie
niederschlagen – so!« und er hob die Keule und ließ sie niederfallen, daß
die Marmorplatte in Splitter sprang und der alte Tempel in seinen
Grundfugen erdröhnte.
»Ja, sie sollen’s versuchen!« – rief Totila und aus seinen Augen leuchtete
ein kriegerisches Feuer, das ihn noch schöner machte. – »Wenn diese
undankbaren Römer uns verraten, wenn die falschen Byzantiner kommen –« er
blickte mit liebevollem Stolz auf seinen starken Bruder – »sieh, Alter,
wir haben Männer wie die Eichen.«
Wohlgefällig nickte der alte Waffenmeister: »Ja, Hildebad ist sehr stark;
obwohl nicht ganz so stark wie Winithar und Walamer und die andern waren,
die mit mir jung gewesen. Und gegen Nordmänner ist Stärke gut Ding. Aber
dieses Südvolk,« fuhr er ingrimmig fort – »kämpft von Türmen und
Mauerzinnen herunter. Sie führen den Krieg wie ein Rechenexempel und
rechnen dir zuletzt ein Heer von Helden in einen Winkel hinein, daß es
sich nicht mehr rühren noch regen kann. Ich kenne einen solchen
Rechenmeister in Byzanz, der ist kein Mann und besiegt die Männer. Du
kennst ihn auch, Witichis?« – so fragend wandte er sich an den Mann mit
dem Schwert.
»Ich kenne Narses,« sagte dieser, der sehr ernst geworden, nachdenklich.
»Was du gesprochen, Hildungs Sohn, ist leider wahr, sehr wahr. Ähnliches
ist mir oft schon durch die Seele gegangen, aber unklar, dunkel, mehr ein
Grauen als ein Denken. – Deine Worte sind unwiderleglich: der König am Tod
– die Fürstin ein halbgriechisch Weib – Justinian lauernd – die Welschen
schlangenfalsch – die Feldherrn von Byzanz Zauberer von Kunst, aber« –
hier holte er tief Atem – »wir stehen nicht allein, wir Goten. Unser
weiser König hat sich Freunde, Verbündete geschaffen in Überfluß. Der
König der Vandalen ist sein Schwestermann, der König der Westgoten sein
Enkel, die Könige der Burgunden, der Heruler, der Thüringe, der Franken
sind ihm verschwägert, alle Völker ehren ihn wie ihren Vater, die
Sarmaten, die fernen Esthen selbst an der Ostsee senden ihm huldigend
Pelzwerk und gelben Bernstein. Ist das alles« – –
»Nichts ist das alles, Schmeichelworte sind’s und bunte Lappen! Sollen uns
die Esthen helfen mit ihrem Bernstein wider Belisar und Narses? Weh uns,
wenn wir nicht allein siegen können. Diese Schwäger und Eidame
schmeicheln, so lang sie zittern, und wenn sie nicht mehr zittern, werden
sie drohen. Ich kenne die Treue der Könige! Wir haben Feinde ringsum,
offene und geheime, und keinen Freund als uns selbst.«
Ein Schweigen trat ein, in welchem alle die Worte des Alten besorgt
erwogen: heulend fuhr der Sturm um die verwitterten Säulen und rüttelte an
dem morschen Tempelbau.
Da sprach zuerst Witichis, vom Boden aufblickend, sicher und gefaßt: »Groß
ist die Gefahr, hoffentlich nicht unabwendbar. Gewiß hast du uns nicht
hierher beschieden, daß wir thatlos in die Verzweiflung schauen. Geholfen
muß werden: so sprich, wie meinst du, daß zu helfen sei.«
Der Alte trat einen Schritt auf ihn zu und faßte seine Hand: »Wacker,
Witichis, Waltaris Sohn. Ich kannte dich wohl und will dir’s treu
gedenken, daß vor allen du zuerst ein männlich Wort der Zuversicht
gefunden. Ja, ich denke wie du: noch ist Hilfe möglich, und um sie zu
finden habe ich euch hierher gerufen, wo uns kein Welscher hört. Saget nun
an und ratet: dann will ich sprechen.«
Da alle schwiegen, wandte er sich zu dem Schwarzgelockten: »Wenn du denkst
wie wir, so sprich auch du, Teja. Warum schwiegst du bisher?«
»Ich schweige, weil ich anders denke, denn ihr.«