Was soll ich tun?
Soll ich diesen Menschen ungehindert seines Weges ziehen lassen?
Ist es nicht vielmehr meine Pflicht, ihn zu entlarven?
Alles in mir ist in Aufruhr. Wird man mir glauben?
Nein, man wird mir nicht glauben, oder doch nur dann, wenn ich mich
selbst preisgebe.
Und mein Mann! Wie würde er es ertragen?
Ach, und mein Kind, meine Lou!
Nein, ich kann es nicht, jetzt noch nicht!
Ich kann in den reinen Augen meines Kindes nicht als eine Verworfene
dastehen! --
Ein Vorfall kam mir ins Gedächtnis, den ich vor einigen Jahren erlebte.
Quälende Selbstvorwürfe peinigten mich; ich fühlte mich unsäglich elend
und unglücklich und weinte still in meinem Zimmer.
Da kam Lou zu mir herein, und als sie meine Tränen sah, war sie ganz
Mitleid. Stürmisch umschlang sie meinen Hals.
»Mama, süße Mama, warum weinst du?« rief sie zärtlich.
Ich schüttelte mit dem Kopfe, ich konnte kein Wort hervorbringen vor
lauter Schluchzen.
Als ich mich etwas gefaßt hatte, sagte ich:
»Laß mich, Kind, laß mich allein!«
»Mama, sei gut; sage mir, warum du weinst. Wer hat dir etwas zuleide
getan?«
»Niemand, Liebling. Mama muß an früher denken. Damals als sie noch nicht
ihren Liebling, ihre Lou, hatte.«
»Darüber brauchst du doch nicht zu weinen, süße Ma!«
»Aber Mama hat damals sehr viel Schweres durchgemacht, und darüber muß
sie weinen.«
»Aber du sollst nicht weinen, Ma. Wer hat dir etwas getan? Ich werde es
Pa sagen. Niemand darf dir etwas tun!«
»Aber die Mama war nicht gut gewesen und hatte Strafe verdient,
Liebling.«
»Aber Mama! Wenn das der Papa hörte! Du bist doch meine liebste, beste,
einzigste Mama.«
»Hast du mich denn so lieb, mein Engel?«
»So lieb!« jauchzte das kleine Geschöpf und umschlang mich mit ihren
Armen. -- --
Nein, ich kann es nicht von mir wälzen. Um des Kindes willen nicht.
Was sollte aus ihr werden, wenn sie den Glauben an die Mutter verlieren
müßte? -- -- --
* * * * *
Meinem Manne geht es schlecht. Er leidet stark an Atemnot.
Wären wir erst in Nauheim. Ich darf ihn nicht verlieren, jetzt noch
nicht. Ich würde wieder ganz einsam sein -- denn noch kann mir mein
Kind, meine Lou, den Gatten nicht ersetzen. --
Ich habe mich nie nach einer Freundin gesehnt, mein Gatte war mir alles.
Doch sollte er von mir gehen, und ich allein die Strecke wandern müssen,
die ich noch vor mir habe, so werde ich Trost in der Arbeit und bei
meinem Kinde suchen.