Mein Töchterchen wächst heran und verspricht körperlich und geistig das
Beste. Meinem Manne bin ich in den letzten Jahren immer unentbehrlicher
geworden bei seinen ausgedehnten Geschäften, und das erfüllt mich mit
ganz besonderem Stolz. Es zeigt mir, daß ein Weib doch auch zu etwas
anderem zu gebrauchen ist, als nur zu inhaltlosen Tändeleien.
Ich habe also in gewisser Weise erreicht, was ich erreichen wollte, und
könnte dich nun endgültig zur Seite legen, mein kleiner papierener
Freund.
Aber -- ich kann es doch nicht. Es ist mir wie ein Unrecht, das ich an
dir begehe. --
Und dann, ich möchte, falls ich früher sterbe als mein Mann, das Buch in
seine Hände legen, damit er sieht, wen er an sein Herz genommen hatte.
Stirbt mein Mann vor mir, so soll meine Tochter die Aufzeichnungen ihrer
Mutter lesen, sie wird daraus ersehen, wie viel ein Weib ertragen kann,
ohne daß es seelisch zugrunde geht. --
Der Vollständigkeit halber will ich noch erwähnen, daß Bronja wieder in
ihrer Heimat ist. Der Doktor hat ihr zweitausend Dollars gegeben, hat
ihr ein Billett besorgt und sie auch nach dem Dampfer gebracht. Sie hat
so große Sehnsucht nach ihrem Kinde gehabt.
Mögen die guten Wünsche, die sie für die unbekannte Wohltäterin
ausgesprochen, sich an ihr selbst erfüllen! --
* * * * *
Wir gehen in diesem Frühjahr nach Europa. Mein Mann ist gar nicht recht
wohl; ein Herzleiden, das er schon längere Jahre hat, macht ihm viel zu
schaffen.
Die Geschäfte bringen zuviel Aufregung, er muß deshalb einmal
vollständig ausspannen. --
In Bad Nauheim werde ich dafür sorgen, daß ihm jede Aufregung fern
bleibt.
Wir sind reich, sehr reich.
Daran, daß ich mir in keiner Weise Beschränkungen aufzulegen brauchte,
merkte ich schon früher, daß wir über reiche Mittel zu verfügen hatten.
In den letzten Jahren, wo ich mich um alle geschäftlichen
Angelegenheiten kümmere, weiß ich, daß wir nicht mehr zu arbeiten
brauchten. Aber es geht mir genau wie meinem Manne, ich könnte mich
nicht darein denken, daß alles, sein ganzes Lebenswerk, für andere
geschaffen sein sollte.
Und ist nicht die Arbeit eine herrliche Trösterin?
* * * * *
Lou freut sich furchtbar auf unsere Reise. Sie ist nun zehn Jahre alt
und hat schon einiges Verständnis dafür. --
Doch für mich gibt es nun wieder allerlei heikle Punkte.
Das Fragen nimmt kein Ende.
»Wo ist deine Heimat, Pa?«
»Bist du in einem Dorf zu Hause oder in einer Stadt, Ma?«
Was soll ich antworten? Ich fürchte auch, mein Mann denkt sich etwas
dabei, wenn ich zu sehr ausweiche.
Ich selbst fiebere förmlich bei dem Gedanken, daß ich von Bad Nauheim
aus in einigen Stunden da sein kann, wo das stille alte Haus der
Großeltern im dunkeln Tannenwald träumt.
Ob ich es einmal wage? Unerkannt könnte ich sie vielleicht sehen. --
Ach, ich glaube, ich würde mich verraten, wenn ich sie vor mir sähe. --
Und Prinz, der alte Hühnerhund! Er würde mich sofort erkennen, wenn er
noch lebt. -- --
* * * * *
Dienstag, den 28. Mai sind wir mit der »Spree« von New York abgefahren.
Mein Mann hat ein hübsches Pullmanset für uns belegt, und wir sind ganz
begeistert von der Bequemlichkeit und Eleganz der Einrichtung. Man merkt
kaum, daß man auf See ist.
Lou ist ganz und gar aus dem Häuschen. Ihr Vater erfreut sich, glaub'
ich, zum ersten Male vollkommen ohne irgendwelche Ablenkung an ihrer
frischen, kindlichen Heiterkeit.
Ich finde, er erholt sich schon jetzt von Tag zu Tag.
Mir selbst geht es sonderbar. Von der ersten Stunde an, da ich das
Schiff betrat, ist mir so sonderbar unruhig zu Sinn.