Ich bin einige Monate recht faul gewesen. --

Im Unglück und in der Einsamkeit habe ich mich immer zu dir geflüchtet,

jetzt, in meinem wohleingerichteten Leben vergesse ich dich oft, kleiner

Freund.

Eine Entschuldigung habe ich wenigstens: ich hatte keine Zeit.

Wir sind einige Monate auf Reisen gewesen. Drei Wochen in Ägypten und

drei Wochen in Italien, von wo aus wir einen kleinen Abstecher nach

Paris gemacht haben. --

Mein Mann ist zu gut, die ganze Welt möchte er mir zeigen, er weiß gar

nicht, was er mir alles Liebes erweisen soll. Und ich stehe so bettelarm

daneben und kann ihm gar nichts geben, nicht einmal ein ganzes volles

Herz. --

Ob er nie etwas vermißt? Glühende Küsse, stürmische Umarmungen?

Ich bin ihm sehr gut -- aber ich bin mir zuweilen selbst ein Rätsel.

Nichts treibt mich zum Manne.

Ich bin doch jung, sehr jung!

Aber nie mehr seit jenen heißen, schwülen Sommernächten auf dem

heimatlichen Gut fiebert mein Blut dem Manne entgegen. --

Auch bei aller Liebe zu Werner, es war nichts Stürmisches, kein

leidenschaftliches Begehren in meiner Liebe.

Ruhig und still wie ein linder Sommerabend.

Oft denke ich, ich habe zu früh vom Baume der Erkenntnis gegessen.

Vielleicht war mein Körper doch noch nicht entwickelt genug, um den

Anforderungen ohne Schaden gerecht zu werden, die das Mutterwerden an

das Weib stellt. -- --

Oder ist es das verdorbene, degenerierte Blut des Vaters, das dies

sonderbare Wesen aus mir gemacht hat?

Ich erzähle dir wieder allen möglichen Unsinn, du mein kleiner,

verschwiegener Freund; und ich wollte dir doch nur sagen, daß ich sehr,

sehr glücklich sein könnte, wenn --

* * * * *

Mein kleiner, süßer Pit. Ich hatte ihn zurückgelassen, nun war er wie

von Sinnen, als ich heimkam, und ging mir nicht vom Schoß. Ich werde ihn

jetzt immer mitnehmen, wenn ich auf Reisen gehe. --

* * * * *

Heute ist mein zwanzigster Geburtstag; ich wollte, es wäre der

vierzigste. Ich fühle mich auch viel eher wie vierzig. --

Ich weiß nicht, ich kann in der letzten Zeit gar nicht so recht von

Herzen froh sein. Ich bin im Gegenteil sonderbar trüb gestimmt.

Ich möchte schreiben und kann nicht. Ein geheimnisvolles Glücksgefühl

keimt leise, ganz leise in meinem Innern. --

* * * * *

Ich habe nie leicht geweint. Es war mir immer unsympathisch, wenn Frauen

um jede Kleinigkeit in Tränen zerflossen. Aber jetzt bin ich selbst die

reine Trauerweide. Um nichts muß ich weinen. --

Pit tröstet mich, er will mir immer die Tränen von den Wangen küssen.

Sonderbar, gerade als ob er wüßte, daß Tränen an den Wimpern etwas

Schmerzliches bedeuten. --

Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin · 第 143 / 209 题