Nur ein Mädchen!
Ich habe mir immer gewünscht, ein Mann zu sein, nun will ich mein Bestes
tun, um ein kraftvolles, selbstbewußtes Weib zu werden. --
* * * * *
Er ist doch da. Und ich habe mich gefreut, als ich ihn das Fallreep
heraufkommen sah, als ob mir Gott weiß was widerfahren wäre. --
Wenn ich mir selbst Rechenschaft ablegen sollte, warum ich mich so
gefreut, so kann ich es nicht sagen, und doch ist es so; dich, mein
kleines Buch, brauche ich ja nicht zu belügen.
Es war mir, als würde ein Druck von meinem Herzen genommen.
Auch seine Augen leuchteten auf, ich sah es wohl, bin dann aber rasch
nach unten gegangen in mein Zimmer.
Mittags ein Uhr gingen wir in See, und jetzt ist es vier Uhr.
Ich habe eine abergläubische Furcht, aus der Kabine zu gehen, und doch
muß ich mich jetzt nach meinen Passagieren umsehen. Also geh' an die
Arbeit, Lotte, wovor fürchtest du dich? Fürchtest du dich vor etwas, das
du herbeigesehnt?
Das Herz ist ein sonderbares Ding, es will oft ganz etwas anderes als
-- als -- Lotte, Lotte -- sag' ruhig die Wahrheit. --
* * * * *
Mr. Siegel hat meine Gewohnheit nicht vergessen.
Nachdem ich ihn den ganzen Nachmittag nicht gesehen, stand er auf Deck,
als ich etwas nach neun Uhr nach oben ging. --
Um die Wahrheit zu sagen -- ich hatte es erwartet. Es wäre widersinnig
gewesen, wenn er mich nicht gesucht hätte. --
Die Rosengaben wären dann nur einer Laune entsprungen, und danach sieht
er mir nicht aus. --
Als ich die Treppe zum Bootsdeck heraufkam, war ich vom Licht noch etwas
geblendet und konnte die dunkle Gestalt an der Ecke des Skylights nicht
gleich entdecken. --
»Guten Abend, Frau Lotti,« scholl eine gedämpfte Stimme aus dem
Halbdunkel.
Ich war im Augenblick doch etwas erschrocken.
»Oh! Sie sind es, Mr. Siegel! Wie geht es Ihnen?«
»Ausgezeichnet! Und Ihnen? Haben Sie zuweilen an mich gedacht?«
»Dafür haben Sie ja gesorgt. Ich muß mich wohl bedanken für die schönen
Blumen -- aber -- warum haben Sie das getan? Warum --«.
»Warum? Das fragen Sie noch? Aber ich will es Ihnen erklären, wenn es
einer Erklärung bedarf, wenn Ihnen Ihr Herz nicht selbst die Antwort
gibt. Sagen Sie mir die Wahrheit, Frau Lotti, muß ich Ihnen wirklich
mein Tun mit dürren Worten erklären?«
Ich wurde über und über rot, es war gut, daß es dunkel war, so sah er
meine Verlegenheit nicht. Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte.
Es ist schrecklich! Vorläufig bin ich noch weit von meinem Ideal
entfernt. --
Mr. Siegel fuhr fort: »Sagen Sie mir nur das eine: Haben Sie zuweilen an
mich gedacht?«
»Das mußte ich schon. Ihre schönen Rosen sorgten dafür, daß ich den
Spender nicht vergaß.«
»Und haben sie Ihnen Freude gemacht?«
»Gewiß, das heißt bedingungsweise. Um die Wahrheit zu sagen, haben sie
mich mehr beunruhigt als erfreut. Kurz und gut -- Sie hätten es nicht
tun sollen, Mr. Siegel.« --
Ich hatte meine Verlegenheit überwunden und sprach nun ruhig und
sachlich.
Einen Augenblick schwieg er und sah mich forschend an, dann sagte er
kurz und ohne Umschweife: »Wollen Sie meine Frau werden?«
Das war kurz und bündig.
Einen Augenblick blieb es still zwischen uns, dann sagte ich langsam:
»Wissen Sie denn auch, wen Sie zu Ihrer Frau begehren?«
Einen Moment stutzte er, dann sagte er: »Ich frage nicht nach dem
Woher. Ich verlasse mich auf meine Augen und auf meinen Instinkt. Ich
habe mich bis jetzt noch nie geirrt, wenn ich mir jemand für eine
wichtige Sache ausgesucht habe. Ich nehme auch hier die Verantwortung
auf mich.«
»Und daß ich nach Woher und Wohin fragen könnte, daran denken Sie wohl
nicht? Leiden Sie auch an der allgemein verbreiteten Einbildung der
Herren, wonach ein Weib froh sein muß, wenn ein Mann es begehrt?«
»Aber, teure Frau, Sie tun mir unrecht. Im Gegenteil, ich würde es als
ein ganz unerhörtes Glück betrachten, wenn Sie mich nur ein wenig, ein
ganz klein wenig lieben könnten. Und alles, was Sie über meine Person
wissen müssen, das sollen Sie erfahren.
Ich bin kein Mann von vielen Worten, aber das muß ich Ihnen sagen: vom
ersten Sehen an stand es bei mir fest: Die soll es sein. -- Ich glaube,
Sie können ein guter Kamerad sein, Frau Lotti! Nicht wahr?«
Ich stand wortlos da.
Was sollte ich sagen? Hier war Erlösung aus dem jetzigen Verhältnis.
Aber -- noch liebte ich diesen Mann nicht, so sehr ich mich auch auf ihn
gefreut hatte. Noch liebte ich ihn nicht, das war mir klar. Er ist mir
sehr sympathisch, er hat ein schönes Organ, und überhaupt sein ganzes
Wesen ist mir überaus angenehm.
Er ist nicht hübsch, kein sogenannter schöner Mann. Aber das ist auch
nicht nötig; meist sind schöne Männer unausstehlich eitel. --
»Haben Sie keine Antwort für mich, Frau Lotti?« fragte die Stimme neben
mir.
»Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Geben Sie mir Zeit. Und dann -- Sie
wissen, daß mein Mann erst seit elf Monaten tot ist, ich habe ihn sehr
geliebt.«
»Ich weiß es. Ich bin nicht eifersüchtig auf den Toten. Ich gönne ihm
gern Ihr schmerzliches Gedenken. Sie selbst aber gehören dem Leben, dem
roten, leuchtenden, vollpulsierenden Leben.«
Er griff nach meiner schlaff herniederhängenden Hand und drückte einen
feurigen Kuß darauf.
Hastig zog ich sie zurück.
»Lassen Sie mich jetzt allein, Mr. Siegel. Ich muß noch ein Stündchen
allein mit dem Meere sein. Morgen, übermorgen, sprechen wir weiter
darüber.«
»Lassen Sie mich nicht zu lange warten, teure Frau. Ich warte, warte mit
Ungeduld.«
Als er gegangen, lehnte ich mich über die Reeling und sah in das
schäumende Wasser. Wie Myriaden kleiner Fünkchen brach es sich in den
Wellen am Bug des Schiffes. --
Auch das Meer hat seine Sterne! Oder sind es Sterne, die vom Himmel
gefallen sind?
Gefallene Sterne?
Gefallene Sterne -- und doch leuchten sie noch.
Könnte ich es als Sinnbild betrachten! Als Sinnbild meines
Lebens?.........
Was für eine Antwort werde ich diesem Manne geben? Was für eine Antwort
darf ich ihm geben?
Ist es Betrug, wenn ich sein Weib werde, ohne ihm zu sagen, was hinter
mir liegt?
Hat er ein Recht auf meine Vergangenheit?
-- -- Nein, er hat kein Recht darauf. -- --
Ich weiß, ich stehe im Widerspruch mit unseren herrschenden
Anschauungen, ich weiß, ich muß diesen Entschluß mit meiner Ruhe
erkaufen. --
Sei es drum!
Nie würde es dem Manne einfallen, dem Weibe, das er erwählt, vor der
Hochzeit alle dunklen Punkte seiner Vergangenheit aufzudecken. Er fühlt
sich viel zu wohl in der Rolle des Helden, zu dem man hinaufsieht, um
diesen Nimbus von selbst zu zerstören. --
Warum soll ein Weib nicht dieselben Rechte haben?
Gleiches Recht für alle!
Der Mann ist aus genau demselben Stoff wie die Frau. Das, was er als
Vorrecht für sich in Anspruch nimmt, hat er sich selbst angemaßt. Ich
will dieselben Rechte beanspruchen. --
Das Weib befindet sich dem Manne gegenüber sowieso in ständiger Notwehr
-- und da sind alle Mittel erlaubt. -- --
* * * * *
Liebe und Glück! Sind sie immer zusammen, diese beiden?
Oder kann ich auch ohne Liebe ein wenig Glück in der Ehe finden? Ich bin
schon jetzt entschlossen, den Antrag dieses Mannes anzunehmen. Ich bin
ihm zugetan und ich glaube, er ist ein Mann, den man achten muß. Daß ich
zu ihm aufsehe, wie zu einem Halbgott, wie man es so oft in
überschwenglichen Romanen liest, das verlangt er nicht von mir. -- Und
ich würde es auch nicht tun. --
* * * * *