Ich will noch bis Oktober fahren, dann bleibe ich drüben. --

Ich werde auf dieser Reise einmal zu den Pfarrersleuten gehen in der II.

Avenue; die sind lange im Lande, über dreißig Jahre, die werden mir

gewiß raten.

Bis jetzt war ich noch nicht ein einziges Mal in New York; es war mir

immer noch etwas unbehaglich bei dem Gedanken. Nur Hoboken und der

Kirchhof auf dem Berge, das waren meine Ausgehziele.

Nach Werners Grab mochte ich die letzte Zeit gar nicht. Ich hatte ein

schlechtes Gewissen. -- Ich habe immer das Gefühl, als ob Werner es

wissen müßte, daß ich ihm untreu war, wenn auch nur in Gedanken. Doch

wenn er es weiß und als verklärter Geist oder als Astralkörper um mich

ist, dann wird er auch mein Inneres kennen, wird die Leidenschaften und

Triebe verstehen, die die Natur in mich gelegt -- und mir verzeihen. --

* * * * *

Der Rechtsanwalt ist diese Reise wieder hier.

Er kam gleich auf mich zu, als die Passagiere ankamen, und schien sich

wirklich zu freuen.

Es kann ja sein, daß er ein ganz guter Mensch ist und absolut nichts

Böses mit mir im Sinne hat, aber nach meiner schlimmen Erfahrung von

damals sehe ich beinahe in jedem männlichen Wesen einen Schuft. --

Wir haben auch schon wieder allerlei Passagiere nach drüben zu, da die

Heimkehr der Vergnügungsreisenden bereits wieder einsetzt. --

* * * * *

Abends elf Uhr.

Ich habe wieder einmal ein Stündchen auf meinem Lieblingsplätzchen

gesessen. Wir haben so wunderbar schönes, klares Wetter, daß man meint,

die hellen, leichten Wölkchen, die da und dort eilend am Himmel

hinziehen, wären von der Hand eines gottbegnadeten Künstlers auf diesen

durchsichtigen Hintergrund gemalt.

Mit sehnsüchtigen Blicken folgen ihnen meine Augen.

Was drängt und treibt in meiner Brust? Wo liegt für mich die Zukunft?

Die Zukunft und das Glück?

Wenn ich nur nicht mehr so gar jung wäre! Wie ruhig und zufrieden ist

meine Kollegin, sie freut sich, wenn sie so viel verdient, daß sie gut

für ihre Kinder sorgen kann, weiter gehen ihre Wünsche nicht. Wäre ich

wenigstens vierzig Jahre alt. Vierzig Jahre! Eine lange Wegstrecke liegt

vor mir bis dahin. Werde ich sie allein zurücklegen oder --?

Die Luft ist klar und rein, ich aber stehe wie in einem dicken,

undurchdringlichen Nebel.

Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin · 第 124 / 209 题