Ich werde auf dieser Reise einmal zu den Pfarrersleuten gehen in der II.
Avenue; die sind lange im Lande, über dreißig Jahre, die werden mir
gewiß raten.
Bis jetzt war ich noch nicht ein einziges Mal in New York; es war mir
immer noch etwas unbehaglich bei dem Gedanken. Nur Hoboken und der
Kirchhof auf dem Berge, das waren meine Ausgehziele.
Nach Werners Grab mochte ich die letzte Zeit gar nicht. Ich hatte ein
schlechtes Gewissen. -- Ich habe immer das Gefühl, als ob Werner es
wissen müßte, daß ich ihm untreu war, wenn auch nur in Gedanken. Doch
wenn er es weiß und als verklärter Geist oder als Astralkörper um mich
ist, dann wird er auch mein Inneres kennen, wird die Leidenschaften und
Triebe verstehen, die die Natur in mich gelegt -- und mir verzeihen. --
* * * * *
Der Rechtsanwalt ist diese Reise wieder hier.
Er kam gleich auf mich zu, als die Passagiere ankamen, und schien sich
wirklich zu freuen.
Es kann ja sein, daß er ein ganz guter Mensch ist und absolut nichts
Böses mit mir im Sinne hat, aber nach meiner schlimmen Erfahrung von
damals sehe ich beinahe in jedem männlichen Wesen einen Schuft. --
Wir haben auch schon wieder allerlei Passagiere nach drüben zu, da die
Heimkehr der Vergnügungsreisenden bereits wieder einsetzt. --
* * * * *
Abends elf Uhr.
Ich habe wieder einmal ein Stündchen auf meinem Lieblingsplätzchen
gesessen. Wir haben so wunderbar schönes, klares Wetter, daß man meint,
die hellen, leichten Wölkchen, die da und dort eilend am Himmel
hinziehen, wären von der Hand eines gottbegnadeten Künstlers auf diesen
durchsichtigen Hintergrund gemalt.
Mit sehnsüchtigen Blicken folgen ihnen meine Augen.
Was drängt und treibt in meiner Brust? Wo liegt für mich die Zukunft?
Die Zukunft und das Glück?
Wenn ich nur nicht mehr so gar jung wäre! Wie ruhig und zufrieden ist
meine Kollegin, sie freut sich, wenn sie so viel verdient, daß sie gut
für ihre Kinder sorgen kann, weiter gehen ihre Wünsche nicht. Wäre ich
wenigstens vierzig Jahre alt. Vierzig Jahre! Eine lange Wegstrecke liegt
vor mir bis dahin. Werde ich sie allein zurücklegen oder --?
Die Luft ist klar und rein, ich aber stehe wie in einem dicken,
undurchdringlichen Nebel.