Ich könnte ihn schon leiden, er ist ein rechter Mann. --

Ein offenes, schönes Auge, kurzes, starkes Haar und einen wunderhübschen

Mund, eigentlich viel zu schön für einen Mann.

Auch seine ganze Art und Weise gefällt mir.

Wie alt er wohl sein mag? Nicht mehr sehr jung. Fünf-, sechsunddreißig?

Viel zu alt für mich mit meinen achtzehn Jahren. -- Lotte, Lotte, wohin

verirrst du dich! Geh schlafen, dann vergehen dir die dummen Gedanken.

-- --

* * * * *

Der Steward hat mir die Tasche wiedergebracht, Mr. Siegel kenne sie

nicht; es sei wohl ein Irrtum. --

Nun liegt sie wieder in meiner Koje. Was mache ich damit? Ich kann das

hübsche Ding doch nicht einfach über Bord werfen! Der Mann zwingt mich

wirklich dazu, an ihn zu denken. --

* * * * *

Morgen kommen wir an. Mr. Siegel hat mich diese Tage nicht wieder

angesprochen, nur heute abend war er mir auf Deck gefolgt.

Er muß doch also gewußt haben, daß ich abends immer noch nach oben gehe.

Nett von ihm, daß er mich bis jetzt nicht gestört hat. Er will allen

Ernstes mit uns zurück und hofft, daß ich dann etwas liebenswürdiger zu

ihm bin.

Ich habe ihm gesagt, daß ich niemals anders zu ihm sein würde. Überhaupt

solle er mich in Ruhe lassen. Die Männer seien alle schlecht, er auch --

gewiß, er auch! --

»Liebes Kind, wer sagt Ihnen, daß die Männer so schlecht sind? Haben Sie

so früh schon böse Erfahrungen gemacht?«

Ich antwortete nicht. Ich wurde ganz verlegen -- -- wenn er wüßte -- --!

»Ich habe gehört, daß Ihnen Ihr Mann nach kurzer Ehe gestorben ist. War

er nicht gut zu Ihnen? Undenkbar!«

»Oh, mein Mann!« rief ich, und stockte, in diesem Ausruf lag schon viel

zu viel. --

»Ich will Ihnen jetzt Lebewohl sagen,« fuhr Mr. Siegel fort. »Lebewohl

und auf Wiedersehen. Denn ich werde Sie wiedersehen. Und versuchen Sie

einstweilen, ohne Vorurteil an mich zu denken. Ich war bis jetzt noch

nie schlecht gegen eine Frau. -- Ich hatte keine Zeit, mich mit ihnen zu

beschäftigen, weder im Guten noch im Bösen. Jetzt habe ich Zeit, da

dürfen Sie es mir nicht verdenken, wenn ich mich freue, daß mir ein

solches Prachtexemplar in die Hände läuft. Doch nun Adio. Auf

Wiedersehen in acht Wochen.«

Er gab mir nicht die Hand, er zog nur seinen Hut und blieb stehen, bis

ich die Treppe zum Bootsdeck hinauf war. --

* * * * *

Zwei Stunden später.

Ich kann wieder mal nicht schlafen. Ich liege und simuliere und grüble,

bis mir die Schläfen hämmern.

Diese Männer! Warum beunruhigt mich nur das alles? Was will er von mir?

Welche Frage! Was sie alle von uns wollen. Außer ihm, außer Werner.

Schütze du mich, Liebster, schütze mich vor mir selbst, vor meinen

eigenen, jungen, sehnsüchtigen Gedanken. --

* * * * *

Herrn Siegel habe ich nicht mehr gesehen bei der Ankunft. Es war solch

ein Trubel. Die Empfangs- und Zollhalle ist viel zu klein bei so vielen

Passagieren.

Ein prachtvoller Rosenstrauß wurde mir heute früh von einem

Gärtnerburschen gebracht.

Nur eine Karte war dabei. »C. W. Siegel« -- sonst nichts.

Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin · 第 120 / 209 题