Mutter, hilf mir! -- -- -- --

* * * * *

Noch einmal habe ich versucht, zu schlafen, ich kann es nicht. Der

Morgen dämmert schon im Osten, und noch fand ich keinen Schlaf. -- Auch

mein kleiner Freund findet keine Ruhe. Oder ist es nur meine Aufregung,

die sich ihm mitteilt?

Sonst liegt er die ganze Nacht still in seinem Körbchen, und jetzt läuft

er ruhelos umher und heult zuweilen so seltsam schauerlich. Ich glaube,

ich fürchte mich.

Aber wovor?

Ich wünschte, ich wäre anders geartet; wäre gleichgültiger, dann könnte

ich ruhig schlafen und säße nicht um vier Uhr morgens am Fenster meines

Schlafzimmers und starrte mit brennenden, übernächtigen Augen in den

langsam heraufsteigenden Tag. --

Mein Traum, mein Traum; sollte das seine Lösung sein? Stehe ich jetzt

vielleicht vor der endlosen Wasserwüste, die mir mein Alles verschlungen

hat? --

Ich fürchte, ich bin krank, sonst würde ich mich nicht so entsetzlich

ängstigen -- um ein Nichts vielleicht.

Mein Mann ist wohl längst wieder gesund, und wenn ich ihm meine Sorgen

erzähle, wird er mich schelten, daß ich so wenig Seemannsfrau bin. Ich

werde versuchen, noch eine Stunde zu schlafen. -- --

* * * * *

Wenn ich oft noch im Zweifel war, ob ich Werner wirklich liebte, so wie

man sich Gattenliebe untereinander vorstellt, so sind diese Zweifel

jetzt geschwunden.

Wäre es nur Dankbarkeit gewesen, ich würde nicht so um sein Leben

zittern.

Werner, Werner, mein Lieb, mein Alles, wo bist du? Wie lange hörte ich

nichts von dir! Bist du noch krank? Rufe mich, und ich eile zu dir, um

dich zu pflegen, und wenn ich durch Welten von dir getrennt wäre. -- Ich

muß Gewißheit haben, ich ertrage keine Nacht mehr wie die vergangene. --

Und doch, was kann ein Weib tun in meiner Lage! Was kann sie tun? Ein

Telegramm wird mir Erlösung und Gewißheit bringen. --

* * * * *

Nun habe ich Gewißheit. Entsetzliche Gewißheit!

Nun liegt es wieder vor mir, das Leben, unnütz und von niemand gewollt.

Was soll ich damit?

Wem frommt es?

Nun er _tot_ ist!

Tot, der einzige Mensch, der mich geliebt, der an mich geglaubt, der

mich dem Schlamm entrissen hat.

Ach Mutter, Mutter, warum hast du mich geboren? Wo bist du, um dein Kind

zu schützen?

Gib ihn mir wieder, Gott, aus deinem Himmel oder nimm auch mich zu dir!

Ich kann nicht mehr -- würde ich doch krank -- könnte ich sterben --.

* * * * *

Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin · 第 103 / 209 题