Als die Frau merkte, was los war, mußte sie aus dem Hause. --

Als ein Glück betrachteten es beide, daß der Geselle, ein häßlicher,

pockennarbiger Ungar, der Lilly schon immer gern gesehen hatte, ihr aber

nicht hübsch genug gewesen war, nun aufs neue um sie warb. -- Lilly war

froh, mit seinem Namen ihre Schande zudecken zu können. -- Der Meister

gab eine gute Aussteuer und Lilly wurde Frau Allasch. Sie eröffneten

einen Laden, und alles wäre gut gewesen, wenn nicht der junge Ehemann so

eifersüchtig gewesen wäre. Er war sich wohl bewußt, daß er Lillys Besitz

nicht nur seiner Schönheit zu danken hatte. --

Es gab häßliche Szenen, und da zudem das Kind kurze Zeit nach der Geburt

gestorben war, ließ Lilly eines Tages ihren pockennarbigen Herrn Gemahl

sitzen und fuhr nach New York. --

Hier ist sie zuerst in einem deutschen Haushalt in Brooklyn in Stellung

gewesen, es hat ihr aber gar nicht gefallen.

»Die Deutschen wollen nichts bezahlen, aber arbeiten soll man wie ein

Pferd,« sagt sie. --

Dann war sie in einem Hotel in der 8. Straße Zimmermädchen, und da hat

sie so nach und nach Geschmack am leichten Leben gefunden.

Sie fühlt sich ganz wohl dabei und legt sich sogar noch Geld zurück.

Doch ich glaube, es gibt nicht viele Lillys. -- --

Ich muß oft darüber nachdenken, was zu tun ist, um solch armen Teufeln

zu helfen, die in diese Häuser verschleppt werden.

Das einzig Richtige würde sein, wenn diese Häuser gesetzlich nicht

geduldet würden. Es würde trotz alledem noch genug derartige Mädchen

geben, wie man an Lilly sehen kann.

Aber Leute wie die Rottmann, die sich von der Schande und dem Elend

anderer mästen, die dürfte es nicht geben. -- Und wenn es wirklich nicht

ohne diese Häuser geht, dann sollte der Staat sie bauen, genau wie er

Gefängnisse, Zuchthäuser und Idiotenanstalten baut. --

Doch ich phantasiere. Mit meinen siebzehn Jahren fange ich an und will

die Welt verbessern. --

Man hört so vieles in diesem Hause, so manches Schicksal geht an einem

vorüber, und immer, oder doch zum weitaus größten Teil, ist an dem

ersten Fall die Hauptschuld auf seiten des Mannes und des Alkohols.

Mag die Gefallene später werden wie sie will -- zuerst ist sie verführt

worden. --

* * * * *

Ich fühle mich seit einigen Tagen gar nicht wohl. Ist es die Unruhe

wegen Werner, die mich quält, oder steckt mir eine Krankheit in den

Gliedern? Das Essen will mir gar nicht schmecken, obgleich es im

allgemeinen ganz gut ist.

Auch Bronja meint, daß es in dieser Weise bei der Rottmann recht

anständig sei. Es gibt reichlich und gut zu essen und wenigstens einmal

am Tage -- abends um sechs Uhr -- eine gemeinsame Tafel.

Wie ich von den anderen schon gehört habe, gibt es Häuser, wo die

Mädchen noch nicht einmal ausreichend beköstigt werden und wo sie sich

noch zum Teil von ihrem eigenen Geld unterhalten müssen. -- --

* * * * *

Ich werde immer unruhiger. Wenn ich richtig rechne und sonst nichts

dazwischen kommt, muß das Schiff bald ankommen.

Ich bin förmlich wie im Fieber, es kann nicht allein die Sehnsucht nach

Freiheit sein.

Wenn ich an Werner denke, überläuft mich ein so sonderbares Gefühl, ein

traumhaftes Glücksempfinden überkommt mich, das ich aber immer rasch

wieder abschüttele. --

Ich bin abergläubisch geworden, ich fürchte, wenn ich schon zu fest an

mein Glück glaube, so zerrinnt es wie eine Fata Morgana vor meinem

sehnsüchtigen Blick. -- --

Die beiden zuletzt Angekommenen habe ich auch einmal unbeobachtet

gesprochen. Es sind ein paar Süddeutsche. Sie haben sich unterwegs

bereden lassen, als Kellnerinnen hierher zu kommen. Anfangs sind sie

ziemlich unglücklich gewesen, ergeben sich aber jetzt in ihr Schicksal.

Die eine, die Sepha, anscheinend die Schlauere, sagt: »Mir werden uns

halt a Geld sparen und hernach gehn m'r wieder ham, da waß ka Mensch

net, wo m'rs Geld her ham.« --

Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin · 第 80 / 209 题