Ob ich dann vor Erschöpfung ohnmächtig geworden bin oder ob ich wieder
eingeschlafen bin, ich weiß es nicht.
Nur daß ich, als das schreckliche Weib wieder zu mir kam und mich
fragte, ob ich gehorchen wolle, ganz apathisch zu allem ja gesagt habe.
Ich glaube, sie haben mich lange hungern lassen, denn ich bekam zuerst
ein wenig warmen Wein und dann ein rohes Ei. -- --
Zwei Tage danach war ich wieder im Salon. Der ekelhafte Kerl war wieder
da, und alles ging seinen Gang. -- --
Jetzt habe ich ein schönes Zimmer, und der Mensch kommt jeden Abend. Es
ist ein reicher Pelzhändler aus der 8. Straße.
Ich weiß jetzt auch, wo ich bin. -- Es ist ein Mädchen hier -- die
»schwarze Katze« sagen alle zu ihr -- sie ist vom ersten Tage an sehr
freundlich zu mir gewesen. Sie riet mir auch, als ich wieder in den
Salon kam, mich zu fügen. Ich sei doch machtlos.
»Jedenfalls bist du Mädchenhändlern in die Hände gefallen,« sagte sie.
Ich erzählte ihr alles. Von Frau Fröhlich, von Herbert Smith, von der
Heirat, alles!
»Es ist so! Das saubere Paar ist mit frischer Ladung von Europa
gekommen. Entweder, sie haben im Zwischendeck noch Mädchen gehabt, oder
aber sie haben auf einem anderen Dampfer, der langsamer fährt, die
Mädchen eingeschifft und sind dann selbst mit dem Schnelldampfer
gefahren, um die Ware hier in Empfang zu nehmen. Du bist ihnen als
Leckerbissen unterwegs noch in die Arme gelaufen.«
»Aber können wir denn nicht zur Polizei?«
»Die Polizei? Du kommst vorläufig überhaupt nicht an die Luft, eher
nicht, bis du erst richtig zahm bist. Und dann! Die Polizei! Da mach dir
nur nicht zu viel Hoffnung. Weißt du, ich könnte dir Sachen erzählen.
Die Policeleute hier im Viertel werden alle von »ihr« bezahlt. Denn die
versteht ihr Geschäft. -- Und uns glaubt man ja doch nicht. Aber trotz
alledem, wenn wir Geld hätten, und du bist nach einigen Monaten noch
derselben Ansicht, so will ich dir wohl helfen. Nur jetzt ist noch
nichts zu machen.« --
»Und warum gehst du nicht fort, wenn du doch kannst?« fragte ich sie.
»Gott, ich! Wo soll ich hin? Es ist immer noch besser als auf der
Straße, da laufen hier in New York sowieso genug herum. Ich bin ja mal
'ne Zeitlang 'raus gewesen; solange man ein festes Verhältnis hat, mag's
gehen. Hat man das nicht, dann gibt's Tage, da kann man hungern.«
Ich war ganz benommen. Das war ja schrecklich.
»Aber du kannst doch in Stellung gehen. Nicht immer so etwas,« sagte ich
beschwörend.
»Du bist ein kleines Schäfchen,« lachte sie mich aus. »Das ist bei mir
zu spät. Ich habe dies Leben schon zu lange gelebt. -- Und -- ich will
auch nichts anderes mehr. Wir werden ja sehen, vielleicht geht es dir
eines Tages ebenso.«
»Nein, o nein. Ich will hier nicht bleiben, lieber sterben,« rief ich
verzweifelt.
»Na, na, nur ruhig, Kleines. Ich gebe dir einen guten Rat: Lerne vor
allen Dingen Englisch, das ist die Hauptsache. Dann sauf' nicht zu viel,
das ist auch 'ne Hauptsache. Dann halte die Augen gut offen, möglich,
daß mal einer kommt, der so viel Gefallen an dir findet, daß er dich
auskauft. Alles schon dagewesen. Und hübsch bist du ja, das muß dir der
Neid lassen. Du hast so was Besonderes, so was Vornehmes an dir.
Vielleicht hast du Glück.«
Ich faßte wieder Hoffnung. Ich war dem Mädchen so dankbar für seine
Ratschläge und habe sie bisher getreulich befolgt. -- -- -- --
Bis jetzt gehöre ich noch immer dem alten, dicken Ekel. Er scheint
großes Gefallen an mir zu finden, denn er bezahlt alles, was sie
verlangt.
Ich hatte einige Tage die Hoffnung, daß er mich vielleicht herausnehmen
würde. Als er einmal sehr guter Laune war, bat ich ihn darum. Ich
versprach, bei ihm zu bleiben, so lange er mich haben wolle -- natürlich
sagte ich das nur, denn ich wäre sofort ausgerissen, wenn ich das Haus
hinter mir gehabt hätte. Aber er lachte mich nur aus.
»Nee, Kleine, auf den Leim kriech' ich nicht. Ich habe das hier viel
besser und bequemer. Solange ich nicht will, kriegt dich kein anderer.
In dieser Weise ist die Rottmann anständig, da betrügt sie nicht.« --
Bis jetzt habe ich also nur diesem einen gehört, aber wie lange wird es
dauern und ich gehöre jedem, der mich will!
Der Gedanke ist mir furchtbar!
Ich liebe das Leben so sehr. Ich bin jung, und jede Kreatur hängt am
Leben. Und doch -- wenn ich irgendein Mittel hätte, ich würde mich
töten. -- Aber hier ist auch auf solche Stimmungen Rücksicht genommen,
ich bin gewiß nicht die erste Anfängerin. --
Wenn ich jetzt einmal an die lieben, alten Großeltern denke, so könnte
ich laut aufweinen vor Qual.
Nie wieder werde ich sie sehen, nie wieder die lieben, alten Gesichter
küssen dürfen. --
Auch wenn ich Glück habe und wieder herauskomme, es soll kein bekanntes
Gesicht das meine wiedersehen. -- Ich will tot sein, tot für alle! -- --
Es ist eine furchtbare Einrichtung, daß es Menschen gibt, denen erlaubt
wird, andere Menschen gegen ihren Willen festzuhalten und Geld mit ihnen
zu verdienen. -- -- --
* * * * *
Es ist schrecklich! Ich fange an, mich vor mir selbst zu fürchten. Ich
habe oft den kaum zu unterdrückenden Wunsch, diesem Menschen die Hände
um den Hals zu krallen und ihn so lange zu würgen, bis er tot ist. Es
zuckt mir dann förmlich in den Fingern vor Begierde. --
Ob wohl einem Manne nie der Gedanke kommt, daß er eigentlich in
Lebensgefahr schwebt, wenn er sich so ein geknechtetes Wesen leibeigen
macht? Wäre es nicht möglich, daß in einem solchen Geschöpf einmal der
Rachedurst überschäumt?