Ich war plötzlich so müde. --

Einen Augenblick nur solle ich ihn entschuldigen, er komme sofort

zurück, sagte er mir, und ging durch eine andere Tür hinaus.

Ich sah mich im Zimmer um. Die Wände waren mit einigen Bildern

geschmückt -- Dutzendware --, gegenüber der Tür stand eine Chaiselongue,

kein Tisch, nur noch einige Sessel. --

Aber was mir jetzt erst auffiel -- das Zimmer hatte ja gar kein Fenster!

Eine elektrische Krone erhellte es, es war aber doch Tag. Es konnte

höchstens zwölf Uhr sein! --

Noch immer kam Herbert nicht wieder.

Hinter mir rauschte ein Seidenkleid -- eine Tür hatte ich nicht gehen

hören. Ich drehte mich aufhorchend um, eine Dame stand vor mir und

lächelte mich an.

Es war eine große, kräftig gebaute Frau im Alter von ungefähr fünfzig

Jahren. Sie war sehr elegant gekleidet, sah aber trotzdem sehr

gewöhnlich aus, denn ihr Gesicht war unangenehm und brutal. --

»Sie müssen Herrn Smith einen Augenblick entschuldigen. Er hat erst noch

rasch etwas zu erledigen, wird aber sofort hier sein. Darf ich Ihnen

einstweilen eine kleine Erfrischung anbieten?«

Und ohne eine Erwiderung abzuwarten, trat sie an einen kleinen

Seitenschrank und goß zwei Gläser voll Wein, von denen sie mir das eine

anbot; das andere stellte sie auf ein kleines Ziertischchen, in dessen

Nähe sie sich niederließ. --

Ich hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen.

Ich saß da mit meinem Weinglas in der Hand und sah mich hilflos um. Ich

hätte es gern hingesetzt, aber ein Tisch schien in diesem Zimmer ein

überflüssiges Möbel zu sein. --

»Trinken Sie, liebes Kind, Sie werden erschöpft sein. Ich nehme Ihnen

dann das Glas wieder ab,« sagte meine liebenswürdige Wirtin -- die

Gattin des Pfarrers, wie ich damals annahm.

Ich war wirklich durstig, aber noch mehr hungrig. Ich hatte seit dem

Frühstück nichts mehr genossen, und auch da vor lauter Aufregung nur

wenig. Ich tat deshalb einen guten Zug aus meinem Glase, dann nahm sie

mir das Glas ab und setzte sich mir gegenüber.

Was sie zu mir gesprochen, weiß ich nicht; mich überfiel eine seltsame,

bleierne Müdigkeit, ich riß einige Male mit Gewalt die Augen auf, aber

dann konnte ich nicht mehr dagegen ankämpfen. Ich bin dann wohl

eingeschlafen. -- --

Als ich erwachte, war es Nacht. Ich lag ausgezogen auf einem Bett. Im

Zimmer war es ganz finster.

Ich versuchte mühsam, meine Gedanken zu sammeln. Wo war ich? Was war mit

mir geschehen? War ich krank gewesen? Mir war sonderbar benommen im

Kopf. Ich sann und sann und kam zu keiner Klarheit.

Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin · 第 45 / 209 题