Aber ich will nicht sterben! Ich bin noch so jung. -- -- --

* * * * *

Den 28. April.

Acht Wochen sind es her, seit ich zuletzt in mein Büchlein geschrieben.

Nun ist alles vorüber. Ich mußte doch früher in die Anstalt, als

bestimmt war; die Niederkunft kam etwas zu früh.

Es war furchtbar! Zuletzt habe ich gar nichts mehr davon gewußt, ich war

besinnungslos. Und das war gut. Es wäre vielleicht auch besser gewesen,

wenn ich gar nicht wieder zu mir gekommen wäre, ist doch auch mein Kind

tot. Sie sagen wenigstens so. Aber ich glaub' es nicht, sie machen alle

so sonderbare Gesichter dabei. Als ich fragte, ob es schon totgeboren

sei, sagte die Schwester ja. Und als ich Frau Martin gestern fragte, wie

lange es gelebt habe, da sagte sie, sie wisse es nicht genau, einige

Stunden nur.

Das widerspricht sich doch!

Ein Knabe ist es gewesen. Mein Kind! Wie mir zumute ist bei dem

Gedanken. Ich habe früher wohl oft gedacht, es sei besser, wenn es tot

wäre, und nun möchte ich es doch so gerne haben. Ich würde es doch sehr

liebhaben.

Wenn ich nur die Wahrheit wüßte! Aber wer wird sie mir sagen?

Seit gestern bin ich nun wieder bei Frau Martin. Ich sehe jetzt wie ein

Junge aus, ganz kurze Haare habe ich. Das kommt von der Krankheit, sagt

Frau Martin, da gehen einem immer die Haare aus. Ich bin sehr krank

gewesen, Kindbettfieber! Es soll sehr schlimm sein, und manchmal haben

sie nicht gedacht, daß ich durchkommen würde. Großmutter ist lange bei

mir gewesen, ich hab's aber nicht gewußt.

Ich bin jetzt sehr mager und blaß, und Frau Martin sagt, ich sei noch

gewachsen. Das ist ja auch gut möglich, mit sechzehn Jahren kann man

noch lange wachsen.

Morgen will ich an Vater schreiben, damit er mir Rudolphs Adresse

schreibt. Ich hätte es schon früher tun sollen, denn Großmutter sagt's

mir doch nicht. Wir müssen doch nun bald heiraten.

Mir ist ganz sonderbar bei dem Gedanken. Ich weiß nicht -- das alles

liegt mir jetzt so weit ab -- so gar nicht mehr, als ob ich die wäre,

die in jenen schwülen, duftschweren Sommertagen heimliche Wege

gewandelt. Mein Blut ist so ruhig, und wenn ich an Rudolph denke, ist

mir gar nicht mehr sehnsüchtig zu Sinn. Es ist schrecklich! Ich glaube

zuweilen, er ist mir ganz gleichgültig. Ich verstehe mich selbst nicht.

Denn das ist doch unmöglich! Ich muß ihn doch heiraten! Oder muß ich

vielleicht gar nicht? Könnte ich doch einmal mit der Großmutter

sprechen! Lange bleibe ich nicht mehr hier; im Walde unter meinen

schönen Bäumen kann ich mich viel besser erholen. Gibt es ein schöneres

Plätzchen, als unter meinen geliebten Tannen? Ich könnte Ziegenmilch

trinken und weite Spaziergänge machen. Wo geht es sich schöner, als auf

den schmalen moosgepolsterten Pirschwegen, zwischen den schlanken

Stämmen der Kiefern, wo es so kühl und rein ist! Ich will schreiben, sie

sollen mich heimnehmen, sonst werde ich wieder krank. -- -- --

* * * * *

Ich habe viel zu schreiben diesmal. Ob ich noch alles genau weiß?

Schon acht Tage nach meiner Entlassung aus der Anstalt holte Großvater

mich nach Hause. Sie waren noch immer sehr gut zu mir, alle beide. Viel

zu gut, ich weiß es wohl. Aber Großmutter sagt, ich sei zu jung und

unerfahren gewesen, und Rudolph trüge ganz allein die Schuld.

»Muß ich ihn denn nicht heiraten, Großmutter?« fragte ich zagend.

»Ach Kind, das ist ja gerade das Schlimme. Er denkt nicht dran. Sein

Vater ist doch gestorben, er hat nun zum Großvater gesagt, er müsse

seine beiden Schwestern auszahlen, könne also nur eine reiche Frau

heiraten. Ein Landwirt, der kein Geld in den Händen habe, könne sich

nicht lange halten.«

Einen Augenblick saß ich ganz still, ich wußte nicht, sollte ich mich

freuen oder sollte ich betrübt sein. Was aber nun? Wieder zum Vater? Der

würde schön mit mir umspringen!

Aber das war noch nicht alles, was die Großmutter mir zu sagen hatte.

Vater ist gar nicht mehr auf Neuhof. Die ganze Geschichte ist bald nach

meiner Abreise zusammengebrochen.

Großmutter sagte: »Du bist zwar noch sehr jung, aber in Anbetracht aller

Umstände und weil ich annehme, daß dich das, was du jetzt hinter dir

hast, über deine Jahre hinaus gereift hat, so will ich dir erzählen, was

du, wenn alles anders gekommen wäre, nie hättest erfahren dürfen.«

Und so erfuhr ich alles. Es wurde mir jetzt klar, was ich schon oft

geahnt, wenn ich des Vaters Redensarten und Scheltworte hörte. --

Er ist gar nicht mein rechter Vater. Mein Vater ist ein ganz hoher Herr,

der mein Mütterchen nicht hat heiraten dürfen, weil sie nur ein armes

Bürgermädchen gewesen ist.

Damit ich aber nicht als uneheliches Kind geboren wurde, hat die Mutter

Georg Albrecht geheiratet. Dafür hat er die Pachtung der Domäne Neuhof

sehr billig bekommen. Für mich selbst ist eine Summe von 50 000 Mark

deponiert worden, von der er bis zu meiner Großjährigkeit die

Nutznießung gehabt hätte.

Und nun? Alles ist fort! Der Vater hat schon lange keine Pacht mehr

bezahlt, immer ist sie ihm wieder gestundet worden, und jetzt ist es

herausgekommen, daß er auch mein Geld durchgebracht hat. Alles mit

leichtsinnigen Weibern in Champagner umgesetzt. So geht es mir nun. Weil

der Vater mein Geld mit leichtsinnigen Weibern durchgebracht hat, kann

Rudolph mich nicht heiraten. Denn hätte ich die 50 000 Mark, dann wäre

ich eine reiche Frau.

Aber bin ich denn überhaupt traurig, daß Rudolph mich nicht haben will?

Eigentlich nicht! Wenn ich es mir recht überlege, dann fühle ich mich

eher erleichtert bei dem Gedanken. Wenn ich nur erst wüßte, was aus mir

werden soll! Ein anderer Mann wird mich auch nicht wollen, denn ich

glaube, die Leute hier wissen doch alles. Und überhaupt, ich will auch

gar keinen haben, die Männer sind alle schlecht! Alle! Nur Großvater ist

gut! --

Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin · 第 29 / 209 题