Drei Tage ließ ich mich nicht vor Rudolph sehen, dann hielt ich es nicht
mehr aus. Ich mußte ihn sehen, ich mußte wissen, was er von mir dachte.
War er auch in einer solch kläglichen Stimmung? Schämte er sich auch?
Ich mußte ihn sprechen, aber nicht am Tage. Ich würde ihm nicht in die
Augen sehen können. -- --
Gegen Abend, als es dunkel war, ging ich den gewohnten, ihm bekannten
Weg.
Meine Hoffnung trog mich nicht, schon nach kurzer Zeit kam er mir nach.
Ich konnte die Augen nicht aufschlagen, als er zu mir trat.
»Wo bist du gewesen, Lotte? Warum bist du die ganzen Tage nicht einmal
herausgekommen?« fragte er.
Ich hob die Augen und sah ihm ins Gesicht. Doch da stand nichts als ein
leichtes Verwundern über mein ihm unerklärliches Fernbleiben. War es
denn möglich! War das, was mich bis ins Innerste aufgerüttelt, für ihn
gar nichts?
Ich war eine andere seit jener Stunde, und er?
Ich wußte nicht, was ich sagen sollte und stammelte: »Ich -- ich schämte
mich.«
»Du bist mein kleines Schäfchen,« sagte er lachend und schloß mich in
die Arme. »Komm, laß uns noch ein wenig weitergehen.«
Wir trafen uns nun täglich und -- bald schämte ich mich nicht mehr.
-- --
Alles wird zur Gewohnheit, und Rudolph verstand es, meine Gewissensbisse
und Selbstvorwürfe einzuschläfern.
Liebten wir uns denn nicht?
Wen ging es etwas an, wenn wir die heimliche Süßigkeit der Liebe
auskosteten?
»Wenn ich noch einige Jahre älter bin, wenn ich ausgelernt habe und vom
Militär frei bin, dann wirst du ja doch meine Frau, meine süße, kleine
Frau!«
Ich war sehr jung, sehr verliebt, und die Sommernächte waren schwül und
voller Düfte. -- --
Der Sommer ist hin und mit ihm meine rosenrote, geheimnisvolle
Verliebtheit. -- --
In den ersten Oktobertagen kam eine Depesche an Rudolph, daß sein Vater
plötzlich sehr schwer erkrankt sei; er müsse sofort nach Hause kommen.
Wir konnten kaum Abschied nehmen, so rasch ging alles. Ich war ganz
unglücklich. Kam er wieder, ehe ich fortging? Würde ich ihn noch einmal
sehen, ehe ich in ein Pensionat kam?
Ich war überhaupt in einer ganz schrecklichen Stimmung. Schon seit
einigen Wochen fühlte ich mich gar nicht besonders wohl. Mir war oft so
übel des Morgens, daß ich kaum den Kopf erheben konnte.
Am liebsten wäre ich jetzt hier geblieben. So sehr ich mich Ostern auf
die Pension gefreut hatte, jetzt hatte ich gar kein Verlangen mehr
danach. Rosine war auch gar nicht gut zu mir, den ganzen Tag schalt sie
mit mir herum. Am liebsten wäre ich zur Großmutter gegangen.
Da, am zweiten Sonntag nach Rudolphs Abreise, kam plötzlich ganz
unerwartet die Großmutter.
Ich weiß nicht, mir war seltsam beklommen, als sie mir in die Augen sah.
Das gütige, alte Gesicht sah so kummervoll auf mich.
»Kind, Kind, was hast du getan,« sagte sie dann weinend.
Ich konnte nicht antworten, ich weinte mit; obgleich ich gar nicht wußte
worüber. Mir war nur plötzlich so bange, so seltsam ahnungsvoll zumute.
Und dann erfuhr ich den Grund von Großmutters Kommen.
Rosine hatte ihr geschrieben: Sie habe schon den ganzen Sommer bemerkt,
daß der Windhund, der Schönewald, hinter mir hergelaufen sei, und sie
habe längst bemerkt, daß nicht mehr alles mit mir in Ordnung sei. -- --
»Erzähle, Kind, alles Weinen hilft nun nichts mehr, und verheimlichen
läßt es sich auch nicht,« sagte die Großmutter.
Ich erzählte. Die Großmutter saß ganz still. Sie sah so gramvoll vor
sich nieder, daß ich hätte laut aufschreien können.
Als ich geendet, nickte sie einige Male still vor sich hin, dann löste
ein Seufzer die beklommene Stille, und Großmutter sagte:
»Du gehst heut' abend mit mir, Lottchen. Mach' einstweilen deine Sachen
fertig, ich werde mit dem Vater sprechen, was später wird, das müssen
wir noch sehen.«
Was dann da unten über mich verhandelt wurde, ich weiß es nicht. Oft
drang die scheltende Stimme des Vaters zu mir herauf, aber auch die
sonst so sanfte Stimme der Großmutter war seltsam hart und klar.
Am andern Tage war ich in der Försterei. Der tiefe Friede, der um das
liebe, alte Haus lag, tat mir wohl. Der Waldbach, der durch den Garten
rauschte, sang mir sein wundersames Lied. Ich fühlte mich geborgen.
Nach einigen Tagen erwartete ich, daß der Großvater oder die Großmutter
mit mir sprechen, vielleicht mit mir schelten würden. Doch nichts von
alledem geschah. Der Großvater sagte gar nichts. -- Nur schien mir, sein
Gang sei noch gebückter und sein Haar noch weißer geworden. -- --
Was würde aus mir werden?
Ich wollte an Rudolph schreiben und wurde zu meinem Schrecken gewahr,
daß ich nicht einmal seine Adresse wußte. Den Namen seines väterlichen
Gutes wußte ich, aber wo lag es?
Oder war Rudolph schon wieder in Neuhof?
Die Großeltern wagte ich gar nicht zu fragen. Hätten sie mich doch
gescholten, ich glaube, mir wäre wohler gewesen. Diese schweigende Güte
erdrückte mich.
Am Ende der Woche reiste der Großvater nach E. Großmutter sagte mir, daß
er eine Pension für mich suchen wolle; hier könne ich nicht bleiben,
weil die Försterei zu einsam im Walde liege. -- --
Eigentlich ist es gar keine Försterei, es ist ein Jagdhaus, das einst
ein Vorfahr des jetzigen Herzogs für seine Geliebte erbaut hat. Wenn der
Herzog im Sommer auf Schloß Ringhardt residierte, dann wollte er sie
immer in der Nähe haben. Nach Schloß Ringhardt durfte er sie nicht
bringen, dort wohnte seine Mutter, so baute er ihr mitten im Walde,
dreiviertel Stunden entfernt von Schloß Ringhardt, das Jagdschloß
Finsterberg.
Es ist ein zweistöckiges Gebäude mit weit vorspringendem Dach und
kleinen, bleigefaßten Fensterscheiben.
Im Untergeschoß wohnte jeweilig ein Förster, zu dessen Obliegenheiten es
gehörte, die oberen Räume in Ordnung zu halten. -- --
Jene Zeiten sind lange vorbei. Es wohnt keine geheimnisvolle Unbekannte
mehr da oben, und auf der schönen Chaussee, die damals angelegt wurde,
klingt selten der Hufschlag eines Vollblutes. -- -- --
Weihnachten durfte ich noch bei den Großeltern bleiben, doch es war ein
trauriges Fest; keines von uns dreien hatte Mut und Lust zur lauten
Freude. Lautlos, als läge ein Toter im Hause, gingen wir aneinander hin.