Der Prinz war ein schöner Mann, und das Försterkind liebte ihn.
Sie mußte ihn ja lieben!
Wie selten kamen Fremde in ihre Waldeinsamkeit; und wie begreiflich ist
es, daß ihr junges Herz dem ersten, der sich um sie bemühte, zuflog.
Wer will da von Schuld und Sünde sprechen?
Aber der rosenrote Traumhimmel des jungen Mädchens wurde gar rauh
zerstört, als die Folgen sich zeigten. Und Lisbeth mußte heiraten. Zwar
nicht den Prinzen, wohl aber seinen Büchsenspanner.
Alles Sträuben half nichts, der Vater war unerbittlich!
Hoheit wünschte es, so war es für ihn Befehl.
Der Büchsenspanner erhielt die Pachtung der Domäne Neuhof, und ich wurde
als Tochter des Herzoglichen Domänenpächters Georg Albrecht geboren. --
Ich beneide jeden, der auf eine frohe, ungetrübte Kindheit zurückblicken
kann.
Meine ersten Erinnerungen haften an einzelnen häßlichen Szenen im
Elternhause. Die weinende, betrübt einherschleichende Mutter, der zornig
scheltende Vater sind die am fernsten liegenden Bilder. Später entsinne
ich mich, daß die Mutter immer krank war. Häßliche Auftritte gab es auch
da noch. Ich fürchte, ich habe die Mutter nicht so geliebt, wie sie es
um mich verdient hat.
Ihr stilles Dulden lag meiner wilden, aufbrausenden Natur nicht. Am
liebsten wäre ich ihrem Peiniger an die Kehle gesprungen, wenn er ihr
harte Worte gab, wenn er mich Wechselbalg oder Kuckucksei nannte.
Obgleich ich die Bedeutung der Worte gar nicht verstand. --
Ich war noch nicht zwölf Jahre alt, als meine Mutter starb. Für die arme
Dulderin war es eine Erlösung -- für mich ein Unglück, dessen Tragweite
ich erst in späteren Jahren voll ermessen konnte. Erst viel später,
Jahrzehnte später, habe ich verstehen gelernt, was mir an jenem Tage
genommen worden war.
Die Jahre nach dem Tode meiner Mutter, bis zu meinem fünfzehnten Jahre
sind mir wie eine ununterbrochene Kette von Unannehmlichkeiten in
Erinnerung. Lichtblicke waren es, wenn ich zu den Großeltern durfte.
Bei ihnen war ich daheim.
Und als ich eines Tages von meinem Vater gezüchtigt worden war --
ungerecht, wie ich meinte -- da riß ich aus, und wanderte zu Fuß die
neun Stunden über den Wald zu den Großeltern.
Einige Tage durfte ich bei ihnen bleiben, dann kam mein Vater, und ich
mußte wieder mit nach Hause.
Liebe zu mir war es nicht, die ihn dazu trieb, mich wieder zu holen.
Erst viel später habe ich begriffen, daß, solange er mich bei sich
hatte, immer eine gewisse Nachsicht mit ihm geübt wurde, wenn er mit der
Pacht im Rückstande war. Und das war wohl meistens der Fall.
Das flotte Leben, das er führte, verschlang zu viel.
Oft hörte ich damals des Abends Gläserklingen und lustiges Frauenlachen
aus den unteren Räumen zu mir herauftönen.
Ich war neugierig -- sehr neugierig.
Aber die alte Rosine schalt mich aus, wenn ich sie fragte.
»Du hast geträumt, Kind! In der Nacht schläft man. Wo sollten hier denn
Damen herkommen?«
Ich hatte aber doch nicht geträumt. Ich weiß es jetzt.
Mein Tagebuch.
Ich habe mir ein Tagebuch gekauft, und heute will ich es einweihen,
heute am Todestage meiner lieben, toten Mutter.
Nun ich aber davorsitze, weiß ich gar nicht, was ich schreiben soll. Ich
erlebe so gar nichts. Soll ich schreiben, daß ich sehr unglücklich bin?
Das kann ich nicht! Ich bin mir selbst nicht recht klar über mein
Empfinden. Ich habe etwas sehr Böses getan und weiß nicht, was aus mir
werden wird, und darüber müßte ich doch traurig sein, aber ich bin es
nicht.
Die Großeltern werden schon für mich sorgen, sie haben es ja immer
getan. -- Und Rudolph? Wie kommt es, daß ich so wenig an ihn denke in
meiner Verbannung? Und wie kommt es, daß ich keine Nachricht von ihm
bekomme? Ist sein Vater noch immer nicht gesund? --
* * * * *
Den 4. Februar.
Ich sitze wieder vor meinem Tagebuch und weiß nicht, was ich schreiben
soll. Ich will deshalb eintragen, warum ich hier in E. bin und warum ich
eigentlich unglücklich sein sollte. -- --
Ich war im Frühjahr fünfzehn Jahre alt und sollte Ostern konfirmiert
werden. Unser Inspektor war zum 1. Januar gegangen, und Vater war immer
in einer fürchterlichen Laune.
Ich ging mit den andern Dorfkindern zu Pastor Eckebrecht in die
Konfirmandenstunde. Der Pastor war immer sehr gut zu mir, er fragte mich
oft nach den Großeltern und auch, wie es bei uns zu Hause ginge. Auch ob
Vater oft abends zur Stadt führe.
Am Palmsonntag kamen die Großeltern; das war mir das Liebste an der
ganzen Konfirmation. Die Großmutter backte immer so schönen
Rosinenkuchen.
Wir haben aber gar nicht viel gefeiert, denn der Vater fuhr nach dem
Kaffee gleich wieder in die Stadt, und darüber schien Großvater
ärgerlich zu sein. Ich freute mich, als er weg war. Mit den Großeltern
allein war es viel schöner.
Großmutter sagte mir, daß ich bis zum Herbst im Hause bleiben solle,
dann solle ich fort, um etwas zu lernen. Was, das wußte ich nicht, war
mir auch einerlei. Mir war die Hauptsache, daß ich fortkam. Auch über
das Wohin machte ich mir keine Sorgen, jedenfalls in eine schöne, große
Stadt, wo es Schaufenster gab, die man sich besehen konnte.
Anna Marie Walter war einmal in Dresden gewesen und hatte mir so viel
davon erzählt, daß ich ganz neugierig war. -- --