Kindheit.
Zum letzten Male liegst du vor mir, mein treuer Weggenoß. Zum letzten
Male, ehe ich dich hinausschicke in die Welt.
Sinnend ruhen meine Blicke auf den ersten Aufzeichnungen aus jener Zeit,
da die verschlossenen Türen des Lebens sich für mich öffneten.
Ein Kind war ich noch damals, und wie hart hat mich das Schicksal in die
Schmiede genommen, um einen Menschen aus mir zu machen, der Menschen und
menschliche Schwächen versteht.
Und war es nicht gut, daß ich noch so jung war? Wie wäre es mir sonst
möglich gewesen, die furchtbaren Erlebnisse meiner ersten Jugend so
vollständig verwinden zu können?
Die kindlich unfertigen Schriftzüge da vor mir, die noch so gar keine
Charakteristik zeigen, wecken nur eine leise, wehmütige Rührung in mir.
Von dem Schmerz, der Bitterkeit jener Tage spüre ich nichts, gar nichts
mehr.
Vielleicht, weil ich jetzt verstehe, wie alles kommen konnte, ja, wie
alles kommen mußte. Wie eine Schuld, die andere nach sich zog, und wie
auch an mir der uralte Fluch sich erfüllte, wie in mir das Vergehen der
Eltern seine Sühne fand.
Und war es denn überhaupt ein Vergehen? War es Sünde?
Meine arme Mutter, was wußte sie von Sünde in ihrer Waldeinsamkeit?
Ihre Eltern waren stille, wortkarge Menschen, und sie fühlte sich oft
sehr einsam in dem großen, alten Jagdhause oben im Gebirge. Und der
Erbprinz, der als leidenschaftlicher Jäger oft ganze Wochen dort oben
zubrachte, hatte nach den Pirschgängen am frühen Morgen Zeit und Muße
genug, sich mit der schönen Försterstochter zu beschäftigen.