Teile, und daß daher sofort eine empfindliche Lücke entsteht, wenn ein
Teil fehlt, oder ein störender Überschuß, wenn etwas Überflüssiges zu
den Teilen hinzugetan worden ist. Wollte man z. B. das Pflanzenreich
behandeln und dieses einteilen in Bäume und Sträucher, so würde
diese Teilung falsch sein, weil die Summe der Teile, d. i. hier die
Bäume und Sträucher zusammengenommen, gar nicht das Ganze, d. i. das
Pflanzenreich, ergäbe, sondern ganze große Gruppen, z. B. Blumen,
Moose, Pilze, Farne u. a., fehlten. Eine richtige Teilung dagegen ist
es, wenn man die Pflanzen in Phanerogamen und Kryptogamen einteilt, da
diese Teile zusammengenommen alle Pflanzen einschließen. Falsch würde
die Teilung aber sofort wieder werden, wenn man eine Gruppierung in
Phanerogamen, Kryptogamen und Zellpflanzen vornähme, indem man hier
einen überflüssigen Teil hinzufügte, denn die Zellpflanzen gehören
zu den Kryptogamen. Solche überflüssige Teile entstehen gewöhnlich
dadurch, daß man den ursprünglichen Einteilungsgrund nicht festhält,
sondern unvermerkt einen neuen Einteilungsgrund unterschiebt. Will
man einen Teil der Pflanzen als +Zellpflanzen+ (d. i. solche, die
nur aus Zellen bestehen) aufführen, so muß man ihm den anderen
als +Gefäßpflanzen+ (d. i. solche, die aus Zellen und Gefäßen
bestehen) gegenüberstellen, dann hat man wieder eine richtige und
vollständige Einteilung des Pflanzenreiches. Hier hat man dann den
inneren anatomischen Bau der Pflanzen als Einteilungsgrund angenommen
und durchgeführt, während für die Einteilung in Phanerogamen und
Kryptogamen der Einteilungsgrund aus der Beobachtung der Blüte
hervorgegangen ist (Blüte und Samen; keine Blüte und Sporen). Es ergibt
sich also bei diesem Punkte die wichtige Regel: +Die Disposition muß
vollständig sein+, d. h. es darf kein Teil fehlen, sie darf aber auch
keinen überzähligen Teil enthalten.
~b~) Betrachtet man das Verhältnis jedes einzelnen Teiles zum Ganzen,
so ergibt sich die Tatsache, daß das Ganze und der Teil nie einander
beigeordnet sein können, sondern daß jeder Teil immer dem Ganzen
untergeordnet ist. Jeder Teil muß sich daher genau in den durch das
Ganze gezogenen Grenzen halten und darf nicht über diese Grenzen
hinausgreifen; zugleich muß er sich aber auch auf seinem besonderen
Gebiete bewegen und darf nicht auf das Gebiet des Ganzen überschweifen.
Hat man also z. B. das Pflanzenreich in Phanerogamen und Kryptogamen
geteilt, so darf man bei keinem der Teile auf ein anderes Naturreich,
etwa das Tierreich oder Mineralreich, überschweifen, und ebensowenig
darf man bei den einzelnen Teilen von den Pflanzen im allgemeinen
sprechen, sondern man hat von den Phanerogamen, bzw. Kryptogamen zu
reden. Hieraus ergibt sich als zweite Hauptregel für das Disponieren:
+Jeder Teil muß dem Ganzen untergeordnet sein und sich zugleich durch
seinen besonderen Inhalt von dem Ganzen unterscheiden.+
~c~) Die einzelnen Teile untereinander dagegen sind sich +beigeordnet+.
Der eine Teil darf daher nicht wieder den anderen als Ganzes
umschließen, sondern jeder Teil muß sich durch seinen besonderen Inhalt
von dem anderen unterscheiden. Wollte ich also z. B. das Pflanzenreich
in Phanerogamen, Kryptogamen und Zellpflanzen einteilen, so würde diese
Teilung falsch sein, weil die Zellpflanzen wieder eine Unterabteilung
der Kryptogamen bilden, die in Gefäßkryptogamen und Zellpflanzen
zerfallen. Hieraus ergibt sich die dritte Hauptregel: +Die einzelnen
Teile müssen sich gegenseitig ausschließen.+
Man erkennt aus diesen allgemeinen Regeln, daß das Wichtigste +die
Wahl des Einteilungsgrundes+ und die +einheitliche+ Durchführung
der Disposition +nach dem gewählten Einteilungsgrunde+ ist. Der
Einteilungsgrund muß so gewählt sein, daß er eine erschöpfende
Behandlung des Wesentlichen gestattet, d. h. alles dessen, was dazu
dient, den Gegenstand seinem Wesen nach darzulegen. Soll man z. B.
ein Land schildern, so zerlege man es nicht äußerlich in einen
nördlichen, südlichen, östlichen und westlichen Teil oder gar in
einzelne von der Regierung geschaffene Bezirke, sondern man gehe
seiner äußeren und inneren Beschaffenheit nach, so daß man etwa der
Reihe nach seine Lage, seine Gewässer, seine Bodenverhältnisse, sein
Klima, seine Erzeugnisse und seine Bewohner betrachtet. An dem einmal
gewählten Einteilungsgrunde ist unbedingt festzuhalten, und es ist
der gröbste Fehler, wenn sich in einer Disposition zwei verschiedene
Einteilungsgründe durchkreuzen.
Endlich ist noch zu beachten die +Art des Teilens+ selbst. Man
unterscheidet die +Einteilung+ (Division) von der +Zerteilung+
(Partition). Die +Zerteilung+ besteht darin, daß man ein +Einzelwesen+
in seine +Bestandteile+ zerlegt, die +Einteilung+ darin, daß man
eine +Gattung+ in ihre +Arten+ gliedert. Zerlege ich eine Pflanze in
Wurzel, Stengel und Blüte, so habe ich eine +Zerteilung+ vorgenommen;
ordne ich aber die Pflanzen in Phanerogamen und Kryptogamen, so ist
das eine +Einteilung+. In der Disposition werden nun +Einteilung+ und
+Zerteilung+ aufs innigste verbunden. Durch die Einteilung finden wir
die Arten, durch die Zerteilung die einzelnen Bestandteile, und die
Disposition weist Arten und Teilen ihre rechte Stelle an. Ich kann
die Hauptteile einer Disposition durch +Zerteilung+, die Unterteile
der Hauptteile durch +Einteilung+ finden oder umgekehrt, und ich kann
überhaupt jeden Gegenstand +zerteilen+ oder +einteilen+, da es mir frei
steht, ihn als Einzelwesen oder Gattungsbegriff aufzufassen.
Über den „Wert einer guten Disposition“ äußert sich Herder in
einem seiner Briefe an einen jungen Theologen in folgender Weise:
„Disposition ist das Hauptwerk der Rede, sie ist das Gebäude, ohne
welches alle äußere Bekleidung nichts ist. Deshalb habe ich Sie, mein
Freund, vor allem Auswendiglernen schöner Ausdrücke, bunter Floskeln
und Sentenzen so ernstlich gewarnt. Diese locken ungemein ab vom
Wege, und der Jüngling, der solchen Irrlichtern folgt, ist verloren.
Ein Mensch, der nach schönen Worten hascht, der halbe Seiten von
Modesentenzen ausschreibt, hat kaum mein Vertrauen mehr; er tut eine
kopflose, kindische Arbeit. Alle Blumen des Vortrages müssen aus der
Sache selbst, an diesem Orte, an dieser Stelle, wie Blumen aus dem
Schoße ihrer Mutter Erde, hervorgehen; die Kunst des Gärtners pflanzte
und wartete sie nur eben an der besten Stelle. Da muß kein Bild, kein
Satz, kein Komma sein, das nicht aus diesem Thema wie ein Ast und
sein Zweig oder wie eine Blüte und ein Blatt aus solcher Wurzel an
solchem Stamme notwendig erwüchse. Wenn’s hier nicht steht, so stehe es
nirgends; aber die Rede ist dann unvollständig, sie hat, wie man bei
Gemälden sagt, ein Loch, eine Lücke. Alle Fehler verzeihe ich gern,
nur die Fehler der Disposition nicht. Steht, was untereinander gehört,
neben-, was nebeneinander gehört, untereinander, wiederholen sich die
Teile auf die schnödeste Weise, so daß, wenn von der Gefangennahme
Christi geredet werden soll, gefragt wird: 1. Wer ihn gefangen
genommen hat, 2. von wem er gefangen genommen worden ist; weiß endlich
der Verfasser gar keine Sätze herauszuziehen, sie weder unter- noch
nebeneinander zu ordnen; weiß er durchaus nicht, was dieser, was jener
Teil der Rede sei oder sein soll -- o weh, weh! Gehe er hin und lerne
Logik!
Zur Gewöhnung an Disposition ist die frühe Erlernung einer oder der
anderen Wissenschaft, die es nämlich am füglichsten erträgt, in
wohlgefügten Tabellen das beste Verfahren. Dem Auge und der Seele gibt
sie unvermerkt einen logischen Anblick. Ich weiß es sehr wohl, daß
krause Köpfe auch durch tabellarische Form nicht glatt werden; ich
weiß es auch wohl, daß, wenn man in jeder Periode wieder unendlich
klein disponiert, man ein ~moleste sedulus~, ein ~improbe artificiosus~
werde, der vor lauter Deutlichkeit stockdunkel, vor lauter Ordnung
verworren wird und zuletzt das Ganze gar aus dem Gesicht verliert.
Mißbräuche einer Sache heben aber die Sache nicht immer auf; immer
bleiben Logik und Disposition die Grundlage des Vortrages.
Eine ganz andere Frage ist’s, ob man die Disposition wie ein nacktes
Gerippe hinstellen soll. Das tut die Natur nicht, und die arme
eingeschränkte Nachahmerin derselben, die Kunst, soll’s noch weit
minder. Die Natur hat’s nicht mangeln lassen an schönen Formen; feste
Formen aber, richtige und gerade Linien machte sie überall zum Wesen
der Sache, das sie mit Schlängelungen und Krümmen überkleidet. Wenn
Wolfs und insonderheit des Philosophen Baumgarten Schriften auch kein
Verdienst hätten, so wäre es das, daß sie Ordnung in den Begriffen und
die letzteren eine spartanische Kürze und Strenge in Worten lehren.
So sehr Bako den Witz liebte, so genau disponiert sind seine besten
Schriften. Aristoteles ist ein fester Knochenmann wie der Tod, ganz
Disposition, ganz Ordnung. Wenn Winckelmanns Geschichte der Kunst kein
ander Verdienst hätte, so wäre es das, daß man in ihr wie in einem
griechischen Tempel zwischen Säulen und schöngeordneten Aussichten
über Zeiten und Völker wandelt; sie ist das schöne Ideal einer
wohlausgeteilten, hochangelegten Kunstgeschichte. Solche Bücher lesen
Sie, mein Freund, exzerpieren Sie dieselben und lernen Sie danach Ihre
Gedanken ordnen. Wer nicht disponieren kann, kann weder lernen noch
behalten noch wiederholen; noch weniger werden die’s können, die ihn
hören. Es ist ~arena sine calce~; die geflügelten Worte versausen.“
42. Die Chrie.
Die Chrie (χρεία, d. i. Gebrauch, Nutzanwendung), eine von dem Rhetor
Aphthonius im vierten Jahrhundert erfundene Form, ist eine Abhandlung
über ein Sprichwort oder eine Sentenz nach bestimmten Gesichtspunkten.
Die Disposition der Chrie ist genau vorgeschrieben und ist für jede
beliebige Sentenz immer dieselbe:
~a~) +Eingang+ (~Exordium~). Gewöhnlich wird hier der Autor der
Sentenz gerühmt, oder es werden, wenn der Autor unbekannt ist,
allgemeine Gedanken angeführt, die zu dem speziellen Gedanken der
Sentenz hinleiten. Am Schlusse der Einleitung wird das Thema wörtlich
angeführt.
~b~) +Erläuterung+ des Themas (~Expositio~). Es wird eine genaue
Wort- und Sinnerklärung der Sentenz gegeben.
~c~) +Begründung+ (~Aetiologia~ oder ~Causa~). Die Wahrheit der
Sentenz wird durch Gründe erwiesen.
~d~) +Gegenteil+ (~Contrarium~). Die entgegenstehenden Meinungen
werden widerlegt.
~e~) +Gleichnis+ (~Simile~ oder ~Comparatio~). Das, was in der
Sentenz ausgesprochen ist, wird mit ähnlichen Erscheinungen aus der
Natur verglichen.
~f~) +Beispiel+ (~Exemplum~). Für die Wahrheit der Sentenz werden
Fälle aus dem täglichen Leben oder aus der Geschichte angeführt.
~g~) +Zeugnis+ (~Testimonium~). Es werden Aussprüche großer Männer,
Sprichwörter, Sitten, Gebräuche usw. angeführt, welche die Wahrheit
der Sentenz bestätigen.
~h~) +Schluß+ (~Conclusio~). Das Gesagte wird noch einmal kurz
zusammengefaßt (~Recapitulatio~) und eine Nutzanwendung daran
geknüpft.
Die Chrie steht in der Mitte zwischen Erzählung und Abhandlung. Sie
ist nur eine Schulform der Darstellung, die sich im Anfange, wenn dem
Schüler die Fähigkeit selbständig zu disponieren noch mangelt, mit
Vorteil anwenden läßt, die aber bald abgestreift werden muß, da im
Leben weder Redner noch Schriftsteller von dieser Form Gebrauch machen.
43. Die Ausarbeitung.
Hat man das Thema nach allen Seiten hin durchdacht, den Stoff gesammelt
und die Disposition entworfen, so geht man an die eigentliche
Ausarbeitung. Hierbei sind vor allem die stilistischen Gesetze zu
beobachten, die bereits in der allgemeinen Stilistik im einzelnen
dargelegt sind. Man sage nichts, was nicht zur Sache gehört, gehe über
Nebensächliches rasch hinweg und meide vor allem Weitschweifigkeit
und leere Redseligkeit, die alle Gedankenkraft ersticken und den
Aufsatz um jede Wirkung bringen. Besondere Aufmerksamkeit wende man
den Übergängen zu, die sich zwischen den einzelnen Teilen nötig
machen und dazu dienen, die Verbindung zwischen den einzelnen Teilen
herzustellen. Hauptregel ist hier, daß die Übergänge in den Gedanken,
nicht in bloßen Worten liegen müssen. Ein einziges Bindewort oder
Umstandswort, oftmals auch bloß die Wortstellung genügen in der Regel,
um sprachlich die Verknüpfung auszudrücken. Oftmals leitet eine Frage
geschickt zu dem nächsten Teile über. Je leichter und natürlicher die
Übergänge erscheinen, um so besser ist der ganze Aufsatz. Wortreichtum
in den Übergängen ist aufs sorgfältigste zu meiden. Unerträglich sind
Wendungen wie: „Nachdem wir nun die Phanerogamen betrachtet haben,
gehen wir zu den Kryptogamen über“ oder: „Sehen wir uns nun die
Kryptogamen näher an“ oder: „Es sind aber nicht nur die Phanerogamen
zu betrachten, sondern auch die Kryptogamen“ usw. Je genauer das ganze
Thema durchdacht worden ist, um so leichter und natürlicher werden sich
die Übergänge gestalten.
44. Über die Kunst, seine Gedanken gut auszusprechen.
+Justus Möser+ (1720-1794), der berühmte Verfasser der +Osnabrückischen
Geschichte+ und der +patriotischen Phantasien+, beantwortet in einem
Aufsatze, der dem letztgenannten Werke entnommen ist, die Frage:
„+Wie gelangt man zu einem guten Vortrage seiner Empfindungen?+“
„Ihre Klage, liebster Freund“, schreibt er, „daß Sie sich in Ausdruck
und Vorstellung selten ganz vollkommen genug tun können, wenn Sie
eine wichtig und mächtig empfundene Wahrheit anderen vortragen
wollen, mag leicht gegründet sein; aber daß dieses eben einen Mangel
der Sprache zur Ursache habe, davon bin ich noch nicht überzeugt.
Freilich sind alle Worte, besonders die toten auf dem Papiere,
welchen es wahrlich sehr an Physiognomie zum Ausdrucke fehlt, nur
sehr unvollkommene Zeichen unserer Empfindungen und Vorstellungen,
und man fühlt oft bei dem Schweigen eines Mannes mehr als bei den
schönsten niedergeschriebenen Reden. Allein auch jene Zeichen haben
ihre Begleitungen für den empfindenden und denkenden Leser, und wer
die Musik versteht, wird die Noten nicht sklavisch vortragen. Auch
der Leser, wenn er anders die gehörige Fähigkeit hat, kann an den ihm
vorgeschriebenen Worten sich zu dem Verfasser hinauf empfinden und aus
dessen Seele alles herausholen, was darin zurückblieb.
Eher möchte ich sagen, daß Sie Ihre Empfindungen und Gedanken selbst
nicht genug entwickelt hätten, wenn Sie solche vortragen wollen.
Die mehrsten unter den Schreibenden begnügen sich damit, ihren
Gegenstand mit aller Gelassenheit zu überdenken, sodann eine sogenannte
Disposition zu machen und ihren Satz danach auszuführen, oder sie
nützen die Heftigkeit des ersten Anfalles und geben uns aus ihrer
glühenden Einbildungskraft ein frisches Gemälde, was oft bunt und stark
genug ist und doch die Wirkung nicht tut, welche sie erwarteten. Aber
so nötig es auch ist, daß derjenige, der eine große Wahrheit mächtig
vortragen will, dieselbe vorher wohl überdenke, seinen Vortrag ordne,
und seinen Gegenstand, nachdem er ist, mit aller Wärme behandle, so
ist dieses doch noch der eigentliche Weg nicht, worauf man zu einer
kräftigen Darstellung seiner Empfindung gelangt.
Mir mag eine Wahrheit, nachdem ich mich davon aus Büchern und aus
eigenem Nachdenken unterrichtet habe, noch so sehr einleuchten, und
ich mag mich damit noch so bekannt dünken, so wage ich es doch nicht,
sogleich meine Disposition zu machen und sie danach zu behandeln;
vielmehr denke ich, sie habe noch unzählige Falten und Seiten, die
mir jetzt verborgen sind, und ich müßte erst suchen, solche soviel
möglich zu gewinnen, ehe ich an irgendeinen Vortrag oder Disposition
und Ausführung gedenken dürfe. Diesem nach werfe ich zuerst, sobald
ich mich von meinem Gegenstande begeistert und zum Vortragen geschickt
fühle, alles, was mir darüber beifällt, aufs Papier. Des anderen Tages
verfahre ich wieder so, wenn mich mein Gegenstand von neuem zu sich
reißt, und das wiederhole ich so lange, als das Feuer und die Begierde
zunimmt, immer tiefer in die Sache einzudringen. So wie ich eine
Lieferung auf das Papier gebracht und die Seele von ihrer ersten Last
entledigt habe, dehnt sie sich nach und nach weiter aus und gewinnt
neue Aussichten, die zuerst noch von näheren Bildern bedeckt wurden.
Je weiter sie eindringt und je mehr sie entdeckt, desto feuriger
und leidenschaftlicher wird sie für ihren geliebten Gegenstand. Sie
sieht immer schönere Verhältnisse, fühlt sich leichter und freier zum
Vergleichen, ist mit allen Teilen bekannt und vertraut, verweilet und
gefällt sich in deren Betrachtung, und hört nicht eher auf, als bis sie
gleichsam die letzte Gunst erhalten hat.
Und nun, wenn ich so weit bin, womit insgemein mehrere Tage und
Nächte, Morgen- und Abendstunden zugebracht sind, indem ich bei dem
geringsten Anscheine von Erschlaffung die Feder niederlege, fang’ ich
in der Stunde des Berufs an, mein Geschriebenes nachzulesen und zu
überdenken, wie ich meinen Vortrag einrichten wolle. Fast immer hat
sich während dieser Arbeit die beste Art und Weise, wie die Sache
vorgestellt sein will, von selbst entdeckt, oder wo ich hierüber noch
nicht mit mir einig werden kann, so lege ich mein Papier beiseite und
erwarte eine glücklichere Stunde, die durchaus von selbst kommen muß,
und leicht kommt, nachdem man einmal mit einer Wahrheit so vertraut
worden ist. Ist aber die beste Art der Vorstellung, die immer nur
einzig ist, während der Arbeit aus der Sache hervorgegangen, so fang’
ich allmählich an, alles, was ich auf diese Art meiner Seele abgewonnen
habe, danach zu ordnen, was sich nicht dazu paßt, wegzustreichen und
jedes auf seine Stelle zu bringen.
Insgemein fällt alles, was ich zuerst niedergeschrieben habe, ganz
weg, oder es sind zerstreute Einheiten, die ich jetzt nur mit der
herauskommenden Summe zu bemerken nötig habe. Desto mehr behalte
ich von den folgenden Operationen, worin sich alles schon mehr zur
Bestimmung geneigt hat, und der letzte Gewinn dient mehrenteils nur
zur Deutlichkeit und zur Erleichterung des Vortrages. Die Ordnung
oder Stellung der Gründe folgt nach dem Hauptplan von selbst, und
das Kolorit überlasse ich der Hand, die, was die erhitzte Einbildung
nunmehr mächtig fühlt, auch mächtig und feurig malt, ohne dabei einer
besonderen Leitung zu bedürfen.
Doch will ich nicht eben sagen, daß Sie sich sogleich hierin selbst
trauen sollen. Jeder Grund hat seine einzige Stelle, und er wirkt nicht
auf der einen, wie auf der anderen. Gesetzt, ich wollte Ihnen beweisen,
daß das frühere Disponieren sehr mißlich sei, und finge damit an, daß
ich Ihnen sagte: „Garrick bewunderte die Clairon als Frankreichs größte
Aktrice, aber er fand es doch klein, daß sie jeden Grad der Raserei,
worauf sie als Medea steigen wollte, vorher bei kaltem Blute und in
ihrem Zimmer bestimmen konnte“, so würden Sie freilich die Richtigkeit
der Vergleichung leicht finden, aber doch nicht alles dabei fühlen,
was ich wollte, daß Sie dabei fühlen sollten. Garrick disponierte
seine Rolle nie zum voraus, er arbeitete sich nur in die Situationen
der Personen hinein, welche er vorzustellen hatte, und überließ es
dann seiner mächtigen Seele, sich seiner ganzen Kunst nach ihren
augenblicklichen Empfindungen zu bedienen. Und das muß ein jeder tun,
der eine mächtige Empfindung mächtig ausdrücken will.
Das Kolorieren ist leichter, wenn man es von der Haltung trennt, aber
in Verbindung mit derselben schwer. Hierüber lassen sich nicht wohl
Regeln geben; man lernt es bloß durch eine aufmerksame Betrachtung
der Natur und viele Übung, was man entfernen oder vorrücken, stark
oder schwach ausdrücken soll. Das mehrste hängt jedoch hierbei von
der Unterordnung in der Gruppierung ab, und wenn Sie hierin glücklich
und richtig gewesen sind, so wird die Verschiedenheit des Standortes,
woraus die Leser, wofür Sie schreiben, Ihr Gemälde ansehen, nur eine
allgemeine Überlegung verdienen.
Unter Millionen Menschen ist vielleicht nur ein einziger, der seine
Seele so zu pressen weiß, daß sie alles hergibt, was sie hergeben kann.
Viele, sehr viele haben eine Menge von Eindrücken, sie mögen nun von
der Kunst oder von der Natur herrühren, bei sich verborgen, ohne daß
sie es selbst wissen; man muß die Seele in eine Situation versetzen, um
sich zu rühren; man muß sie erhitzen, um sich aufzuschließen, und zur
Schwärmerei bringen, um alles aufzuopfern. Horaz empfahl den Wein als
eine gelinde Tortur der Seele, andere halten die Liebe zum Gegenstande
für mächtiger, oder den Durst zu Entdeckungen; jeder muß hierin sich
selbst prüfen. Rousseau gab nie etwas von den ersten Aufwallungen
seiner Seele. Wer nur diese und nichts mehr gibt, der trägt nur
solche Wahrheiten vor, die dem Menschen insgemein auffallen und jedem
bekannt sind. Er hingegen arbeitete oft zehnmal auf die Art, wie ich
es Ihnen vorgeschlagen habe, und hörte nicht auf, solange noch etwas
zu gewinnen übrig war. Wenn dieses ein großer Mann tut, so kann man so
ziemlich sicher sein, daß er weiter vorgedrungen sei, als irgendein
anderer vor ihm. So oft Sie sich mächtiger in der Empfindung als im
Ausdrucke fühlen, so glauben Sie nur dreist, Ihre Seele sei faul, sie
wolle nicht alles hervorbringen. Greifen Sie dieselbe an, wenn Sie
fühlen, daß es Zeit ist, und lassen sie arbeiten. Alle Ideen, die ihr
jemals eingedrückt sind und die sie sich selbst aus den eingedrückten
unbemerkt gezogen hat, müssen in Bewegung und Glut gebracht werden; sie
muß vergleichen, schließen und empfinden, was sie auf andere Art ewig
nicht tun wird, sie muß verliebt und erhitzt werden gegen ihren großen
Gegenstand. -- Aber auch für die Liebe gibt es keine Disposition;
kaum weiß man es nachher zu erzählen, wie man von einer Situation zur
anderen gekommen ist.“[25]
Anhang zur Stilistik.
I. Übungsbeispiele zur Wiederholung der Syntax.