zueinander wie +Hebung+ und +Senkung+. Der Ton steigt bis zum Ende
des Vordersatzes und sinkt dann allmählich bis zum Schlusse des
Nachsatzes. Wenn der Nachsatz zu lang ist, namentlich wenn er aus
mehreren beigeordneten Gliedern besteht, wird daher der Rhythmus leicht
schleppend. Deshalb ist folgende Periode nicht mustergültig: „Wenn
das Bücherlesen seinen eigentlichen Zweck erreichen, den Verstand
aufklären, den Geschmack bilden, das Herz veredeln, Kraft und Stoff
zum Denken, Handeln und Genießen geben, oder was ebensoviel heißt,
wenn es uns weiser, besser und froher machen soll: so ist es nicht
genug, gleich Irrenden in der Bücherwelt umherschwanken oder immer
in einem Meere fremder Gedanken zu schwimmen, indes die Quelle der
eigenen in uns vertrocknet; sondern wir müssen mit Wahl und Ordnung,
mit Muße und Selbsttätigkeit lesen und dürfen keines der wenigen, aber
guten Bücher aus der Hand legen, ehe wir uns über die Hauptgedanken
des Verfassers befriedigende Rechenschaft zu geben imstande sind.“
Meisterhaft gebaut ist dagegen folgende Periode Schillers: „Wenn von
der menschlichen Natur, solange sie menschliche Natur bleibt, nie
und nimmer zu erwarten ist, daß sie ohne Unterbrechung und Rückfall
gleichförmig und beharrlich als reine Vernunft handle und nie gegen die
sittliche Ordnung anstoße; wenn wir bei aller Überzeugung sowohl von
der Notwendigkeit, als von der Möglichkeit reiner Tugend uns gestehen
müssen, wie sehr zufällig ihre wirkliche Ausübung ist und wie wenig wir
auf die Unüberwindlichkeit unserer besseren Grundsätze bauen dürfen;
wenn wir uns bei diesem Bewußtsein unserer Unzuverlässigkeit erinnern,
daß das Gebäude der Natur durch jeden unserer moralischen Fehltritte
leidet; wenn wir uns alles dieses ins Gedächtnis rufen; so würde es
die frevelhafteste Verwegenheit sein, das Beste der Welt auf dieses
Ungefähr unserer Tugend ankommen zu lassen.“ In dieser Periode sind
nicht nur Vordersatz und Nachsatz zu einem rhythmisch schönen Ganzen
verbunden, sondern auch jedes Glied der Periode hat für sich wieder
einen wohlgefälligen Rhythmus.
III. Besondere Stilistik.
~A.~ +Die Arten des Stiles.+
33. Prosaischer und poetischer Stil.
Die Prosa ist mehr auf die Mitteilung der Gedanken gerichtet, die
Poesie dagegen strebt vor allem nach Schönheit der Darstellung. Der
Schöpfer der prosaischen Rede ist daher im allgemeinen der Verstand,
der Schöpfer der poetischen Rede die Phantasie. Während die prosaische
Rede vor allem Deutlichkeit und Übersichtlichkeit erfordert, verlangt
der poetische Stil in erster Linie Anschaulichkeit, Lebendigkeit
und Schönheit der Form. Selbstverständlich darf auch der prosaische
Stil nicht unschön und der poetische Ausdruck nicht unklar und ohne
Verstand sein, aber es handelt sich hier darum, was an erster Stelle
dem Stile das eigentümliche Gepräge gibt. Die höchste Stufe erreicht
der poetische Ausdruck, wenn er in genau abgemessenen Rhythmen,
in Versen und Strophen sich darstellt, und gewöhnlich nennt man
poetischen Stil nur den, der in diesen Formen zur Erscheinung kommt.
Doch spricht man auch von +poetischer Prosa+, und man sieht schon
hieraus, daß die Begriffe „+prosaischer+ und +poetischer Stil+“ sich
wegen ihrer Dehnbarkeit wenig zu einer wissenschaftlichen Bestimmung
der Stilgattungen eignen. Man teilt daher den Stil besser in folgende
Arten: ~a~) +Stil des Verstandes+; ~b~) +Stil des Gemütes+.[21] Der
Stil des Verstandes soll berichten und belehren, der Stil des Gemütes
rühren und bewegen.
+Anmerkung.+ Prosa, entstanden aus ~oratio prorsa~, d. i. die
vorwärts gerichtete, geradeaus gehende Rede (~proversa~), bei der
sich nicht wie bei der poetischen Rede (~oratio versa~) die gleiche
rhythmische Gliederung wiederholt; die poetische Rede kehrt gleichsam
immer wieder um, während die Prosa vorwärts schreitet.
34. Der Stil des Verstandes.
Der Stil des Verstandes zerfällt zunächst in den +berichtenden+ und
+belehrenden+ (didaktischen) Stil.
Zu dem +berichtenden+ Stile gehören:
~a~) Der +Geschäftsstil+. Hierher rechnet man alle Arten von
amtlichen Berichten, Verträgen, Vermächtnissen, Zeitungsanzeigen,
Geschäftsbriefen, Beschreibungen von Bauten, Maschinen usw. Der
Geschäftsstil fordert vor allem +Deutlichkeit+, +Sprachrichtigkeit+,
+Bestimmtheit+ und +Kürze+. Bilder, veraltete und neugebildete Wörter,
mehrdeutige Ausdrücke, müßige Attribute sind streng zu meiden. Die
+Uneigentlichkeit+ des Ausdruckes wird hier zum Fehler; man gebe
jedem Begriffe die gebräuchlichste Benennung und suche nicht etwa das
Abstrakte durch Bilder zu versinnlichen oder den einfachen Ausdruck
durch Redefiguren auszuschmücken.
~b~) +Der erzählende Stil.+ Hierher gehören alle Erzählungen
von Begebenheiten, alle Beschreibungen und Schilderungen von
Naturereignissen, Erlebnissen usw. In der Idylle, im Roman, in der
Novelle und im Märchen verbindet sich der erzählende Stil mit dem
Gemütsstil und erhebt sich zu poetischer Darstellung. Der erzählende
Stil verlangt vor allem +Anschaulichkeit+ und +Lebendigkeit+; +Bilder+
und +Figuren+ sind hier oft von guter Wirkung. Doch darf darüber
niemals einfache Deutlichkeit und Natürlichkeit der Rede verloren
gehen. Lange Perioden, Häufung von Attributen und präpositionalen
Ausdrücken, Überladung mit Nebensätzen sind ganz besonders zu meiden.
Die Sätze seien vor allem leicht zu überschauen und unmittelbar
verständlich.
~c~) +Der historische Stil.+ Da die Geschichte die Schicksale und Taten
einzelner Menschen und Völker darstellt und in diesen Schicksalen
zugleich die ewigen Gesetze einer göttlichen Weltordnung zeigt, so muß
in der Erzählung weltgeschichtlicher Ereignisse immer ein gewisser
feierlicher Ernst mit zum Ausdrucke kommen. Durch diesen sittlichen
Ernst unterscheidet sich der historische Stil vom erzählenden. Während
der erzählende Stil oft zum einfachen Volkston herabsteigt und gerade
dadurch seine schönsten Wirkungen erzielt, verlangt der historische
Stil vor allem geistige Durchdringung und völlige Beherrschung des
Stoffes und eine glänzende Form, die dem Gedanken genau entspricht.
Bestimmtheit und Kürze, vor allem aber Wahrheit und Sachlichkeit sind
die ersten Erfordernisse dieser Stilart. Der eigentliche Schöpfer eines
deutschen historischen Stiles ist Schiller.[22] -- Im +Epos+ wird der
historische Stil zum poetischen Stile.
Den +belehrenden+ Stil kann man in zwei Unterarten einteilen, nämlich
in:
~a~) Den eigentlichen +Lehrstil+. Diese Stilart wird hauptsächlich
in Lehrbüchern angewendet, also überall da, wo es sich nicht um die
Erörterung und Begründung eines einzelnen wissenschaftlichen Satzes
handelt, sondern wo eine ganze Summe von Lehrsätzen dargestellt wird,
die als hinlänglich anerkannt und feststehend gelten. Deutlichkeit,
Bestimmtheit und Kürze sind die unentbehrlichen Eigenschaften dieser
Stilart.
~b~) Den +abhandelnden Stil+. Dieser Stil wird angewendet, wenn
es sich um die Erörterung, Begründung oder Widerlegung eines
einzelnen wissenschaftlichen Satzes handelt. Schärfe und Strenge der
Untersuchung, Genauigkeit und Ausführlichkeit der Beweisführung sind
unerläßliche Forderungen, wenn die Abhandlung den Leser überzeugen
soll. Die größte Klarheit ist hier die größte Schönheit.
35. Der Stil des Gemüts.
Der Stil des Gemüts erwächst aus dem Gefühl des Sprechenden oder
Schreibenden und will zugleich das Gefühl des Hörenden oder Lesenden
ergreifen oder bewegen. Bewegung des Gefühls ist also das eigentliche
Kennzeichen dieser Stilart. Je nachdem nun mehr die Schilderung der
eigenen Gefühle oder das Streben, den Hörer oder Leser durch die
Darstellung zu bewegen, in den Vordergrund tritt, unterscheidet man den
+lyrischen Stil+ und den +rednerischen Stil+.
~a~) Der +lyrische Stil+ tritt am reinsten zutage in der lyrischen
Poesie. Er wird aber auch in prosaischen Darstellungen erfordert,
wenn in Erzählungen, Trauerreden, feierlichen Glückwünschen usw. die
Gefühle der beteiligten Personen zum Ausdruck gebracht werden sollen.
Der lyrische Stil erscheint jedoch in der Prosa gewöhnlich anderen
Stilarten untergeordnet. Die höchste Steigerung des lyrischen Stiles
nennt man den +erhabenen+ Stil, der auf überwältigender Größe der
Empfindung beruht. -- Der lyrische Stil fordert vor allem +Wahrheit+
der Empfindung und +Lebendigkeit+ der Darstellung. Krankhafte
Empfindelei ist ebenso zu meiden wie bloße trockene Beschreibung
der Gefühle. Bilder und Figuren sind dieser Stilart unentbehrlich.
Der erhabene Stil namentlich bedient sich edler, nicht in der
Alltagssprache gebrauchter Wörter, z. B.: Wange (für Backen), Zähre
(für Träne), kiesen (für wählen), walten (für herrschen), Gewand (für
Kleid) usw. Solche Wörter nennt man ~verba solemnia~ (d. i. feierliche
Wörter), weil sie nur in gehobener Rede gebräuchlich sind.
~b~) +Der Rednerstil.+ Der Redner strebt vor allem danach, dem Willen
der Hörer eine bestimmte Richtung zu geben, und sucht das namentlich
durch starke Erregung des Gefühls zu erreichen: er will begeistern
oder erbauen. Eine nachhaltige Begeisterung wird er freilich nur dann
erwecken können, wenn seine Rede die Hörer zugleich +überzeugt+ hat;
daher darf nicht bloß das Gefühl sprechen, sondern dem Verstande
gebührt ein gleicher Anteil an der Gestaltung der Darstellung. Aber
auf der verständigen Klarheit und Deutlichkeit der Rede baut sich
dann jene belebtere Form der Darstellung auf, die das Gefühl des
Hörers leidenschaftlich zu erregen und mächtig zu ergreifen sucht.
Dadurch erst erhält der Rednerstil sein eigenartiges Gepräge. --
+Eintönigkeit+ im Bau der Sätze ist vor allem zu meiden; der Redner
muß vielmehr nach reicher Gliederung der Perioden, nach einer
großen Fülle verschiedenartiger Satz- und Periodenglieder und nach
außerordentlicher Mannigfaltigkeit im Aufbau derselben streben. Schöner
Rhythmus der Sätze ist hier ein Haupterfordernis. -- Man unterscheidet
+geistliche+ und +weltliche+ Reden; die +weltlichen+ zerfallen wieder
in +Schulreden+, +politische Reden+ und +gerichtliche Reden+.
Wie die Rede für die Prosa, so ist das +Drama+ für die Poesie der
Gipfelpunkt, den die Darstellung erreichen kann. Auch im Drama ist, wie
bei der Rede, das letzte Ziel eine starke Einwirkung auf das Gefühl des
Hörers, und auch das Drama verlangt daher jenen höchsten Schwung des
Stiles, der den Hörer mächtig mit sich fortreißt.
+Anmerkung 1.+ Eine wohlgebaute Rede gliedert sich in der Regel in
drei Teile: in den +Eingang+, die +Ausführung+ und den +Schluß+.
-- ~a~) Der Eingang (~exordium~ oder ~expositio~) hat den Zweck,
Wohlwollen zu gewinnen, die Aufmerksamkeit zu erregen und die
Wißbegierde der Zuhörer in Anspruch zu nehmen. Man teilt daher
den Eingang gewöhnlich wieder in drei Teile: 1. die ~captatio
benevolentiae~, 2. die ~narratio facti~, d. i. Bericht über
den tatsächlichen Anlaß zu der Rede, 3. die ~expositio~. Die
~captatio benevolentiae~ besteht darin, daß der Redner einige
Worte voraufschickt, die seine Bescheidenheit und zugleich seine
Freundlichkeit gegen den Hörer bekunden. In der ~narratio facti~
gibt der Redner kurz an, was ihn zu seiner Rede veranlaßt hat.[23]
Die ~expositio~ legt den Hauptgedanken, das Thema der Rede, und
zuweilen auch die einzelnen Teile dar, in die es sich zerlegen läßt.
-- Der ganze Eingang muß klar und deutlich und vor allem +kurz+
sein. -- ~b~) Die Ausführung (~disputatio~) ist der eigentliche Kern
der ganzen Rede. Man nennt diesen Teil auch die +Beweisführung+;
denn hier wird der Hauptgedanke begründet und die entgegenstehenden
Meinungen werden bekämpft. Der Redner sucht alle nur möglichen
Einwendungen zu widerlegen, so daß zuletzt seine Gedanken als die
Sieger in dem Kampfe erscheinen. -- ~c~) Der Schluß (~conclusio~)
faßt noch einmal kurz die Hauptstücke der Ausführung zusammen
(~recapitulatio~), sucht dann namentlich auf das Gefühl der Zuhörer
nachdrücklich zu wirken (+pathetischer Teil+) und legt ihnen den
praktischen Zweck der Rede ans Herz (eigentlicher +Schluß+). Den Kern
der ~conclusio~ bildet der pathetische Teil, auf dessen Ausführung
daher auch ganz besonderer Fleiß zu verwenden ist. Hier kann sich
recht eigentlich das Talent des Redners zeigen.
+Anmerkung 2.+ Als besondere Stilart wird zuweilen noch der
+Briefstil+ unterschieden. Dieser bildet jedoch keine besondere
Stilgattung, sondern der Briefschreiber wird sich bald des
Geschäftsstiles, bald des erzählenden Stiles, bald des
didaktischen Stiles usw. bedienen, je nachdem er in dem Briefe
etwas Geschäftliches verhandeln oder etwas erzählen oder über etwas
belehren will. Der Unterschied besteht hier nur in dem Umstande, daß
der Brief immer eine schriftliche Mitteilung an eine einzelne Person
(selten an mehrere) ist. Dieser Unterschied kommt in der Anrede und
am Schlusse zum Ausdruck. Für vertrauliche Briefe gilt die Regel,
daß sie sich so eng als möglich an die Umgangssprache anzuschließen
haben. Vornehm klingende Phrasen und gesuchte Formen des Ausdrucks
sind geschmacklos und stören den Leser.
~B.~ Die Mittel zur Ausbildung des Stiles.
36. Das Studium guter Muster.
Der Ausbildung der Sprache und des Stiles dient genau genommen der
gesamte Unterricht, den jemand genießt, aber es sind doch auch
besondere Mittel für diesen Zweck vorhanden, deren Gebrauch die
Fähigkeit, seine Gedanken klar und in gefälliger Form darzustellen,
außerordentlich fördert. Diese Mittel sind: ~a~) +Das Studium guter
Muster+; ~b~) +eigene Versuche, seine Gedanken über irgendein Thema
zusammenhängend und wohlgeordnet darzustellen+ (+Aufsätze+).
Das Studium guter Muster ist die erste Bedingung, die erfüllt werden
muß, wenn jemand auch nur einige stilistische Gewandtheit sich erwerben
will. Die Hauptwerke unserer großen Dichter und Schriftsteller vor
allem sollten von jedem, der seine deutsche Sprache liebt und achtet,
immer und immer wieder nicht etwa bloß flüchtig gelesen, sondern
gründlich studiert werden. Man scheide beim Lesen die Hauptgedanken
von den Nebengedanken, mache sich immer die Anordnung der Gedanken
(Disposition) klar, lerne die vorzüglichsten Stellen auswendig und
präge sich gute und geschmackvolle Redewendungen ein; man lese nicht
vielerlei neben- und durcheinander, sondern bleibe bei einem, und zwar
so lange, bis man mit dem Inhalte völlig vertraut geworden ist. Die
Schule wählt zwar eine Anzahl unserer bedeutendsten Dichtungen für die
gemeinsame Lektüre in der Klasse aus, aber sie muß doch bei dem Mangel
an Zeit vieles der Privatlektüre überlassen. Man lese auch zu Hause
laut, das bloße stille Lesen mit den Augen fördert das eigentliche
Stilgefühl, das Gefühl für die Schönheit und den Wohllaut des Satzbaues
viel zu wenig.
+Anmerkung.+ Neben dem Lesen ist ganz besonders der Umgang mit
Gebildeten für die Entwickelung des sprachlichen Ausdrucks von großer
Wichtigkeit. Vgl. hierüber Herders Rede: „Von der Ausbildung der Rede
und Sprache in Kindern und Jünglingen.“
37. Der Aufsatz.
Jeder Aufsatz handelt über einen bestimmten Gegenstand, welchen das
+Thema+ nennt, das dem Aufsatze voraufgestellt wird. Ist das Thema
festgestellt, so wird zunächst der Stoff +gesammelt+, d. h. alles
aufgesucht und zusammengestellt, was sich über den Gegenstand sagen
läßt. Der gesammelte Stoff wird dann in eine bestimmte, zweckmäßige
Ordnung gebracht. Diese Ordnung der Gedanken nach Inhalt und
natürlicher Folge heißt +Disposition+. Hieran endlich schließt sich die
+Ausarbeitung+, die das, was in der Disposition getrennt erscheint, in
einen angemessenen Zusammenhang bringt, und das, was in der Disposition
bloß allgemein angedeutet werden konnte, im einzelnen ausführt. Demnach
lassen sich die Tätigkeiten, die sich bei der Abfassung eines Aufsatzes
nötig machen, in folgende vier Gruppen bringen:
1. +Aufstellung des Themas.+
2. +Stoffsammlung.+
3. +Disposition.+
4. +Ausarbeitung.+
38. Das Thema und die Arten der Aufsätze.
Das Thema muß +klar+, +in sich abgerundet+ und +fruchtbar+ sein.
+Klar+ nennen wir ein Thema dann, wenn es so gefaßt ist, daß eine
Mehrdeutigkeit des Sinnes ausgeschlossen und der Stoff, der behandelt
werden soll, genau bestimmt ist. +In sich abgerundet+ ist das Thema,
wenn sein Inhalt genau begrenzt und so einer Abschweifung auf
Seitengebiete vorgebeugt ist. +Fruchtbar+ endlich heißt ein solches
Thema, das ausreichenden Stoff zur Behandlung, seien es Tatsachen oder
Gedanken, in sich schließt.
In der Schule wird das Thema in der Regel vom Lehrer gegeben, und
die Aufgabe des Schreibenden besteht dann in bezug auf diesen Punkt
nur darin, sich den Sinn des Themas vollkommen +klar+ zu machen, der
+Abgrenzung+ des Stoffes, die in dem Thema gegeben ist, sich deutlich
bewußt zu werden und diese immer festzuhalten, sowie der Anregung
zur Auffindung von Stoff, die in dem Thema enthalten ist, sorgfältig
und mit Liebe nachzugehen. Im Leben hat man sich jedoch das Thema zu
Aufsätzen und umfangreicheren schriftlichen Arbeiten meist selbst zu
suchen, und man hat dann genau darauf zu achten, daß es den angeführten
drei Forderungen entspricht. Man versäume daher nicht, sich auch im
Aufstellen von Themen zu üben, was am besten dadurch geschieht, daß
man zu Abschnitten aus den Werken unserer großen Dichter, namentlich
Lessings, Goethes, Schillers, Herders u. a. nach sorgfältiger Lektüre
kurze und schlagende, d. h. genau bezeichnende Überschriften sucht.
Diese Übung ist fast ebenso wichtig als die Ausarbeitung eines
gegebenen Themas.
Das Thema kann den verschiedensten Stoffkreisen entlehnt sein. Die
wichtigsten Arten der Schulaufsätze sind:
~a~) +Die Erzählung.+ Eine Handlung wird in ihrem ununterbrochenen
Verlaufe dargestellt, so daß die einzelnen Teile derselben ein
zusammenhängendes Ganzes bilden.
~b~) +Die Beschreibung.+ Ein Gegenstand wird in bezug auf seine
+nebeneinanderliegenden+ Teile dargestellt. Eine gute Beschreibung
wird jedoch auch das im Raume Ruhende in einer gewissen zeitlichen
Aufeinanderfolge darzustellen wissen. So wird z. B. eine Pflanze
am besten in der Weise beschrieben, daß die einzelnen Teile in der
Reihenfolge aufgeführt werden, in welcher sie sich selbst entwickeln,
daß man also gleichsam die Pflanze vor sich entstehen sieht. Homer
erzählt, wie die Waffen nach und nach fertig werden oder wie ein
Kleidungsstück nach dem anderen angelegt wird. So ist immer das
Unbelebte und Unbewegte mit dem lebendigen Gang einer Handlung in
Verbindung zu setzen. Man vgl. hierüber Lessings Laokoon.
~c~) +Die Schilderung.+ Ein Gegenstand oder ein Ereignis wird in
besonders anschaulicher und lebendiger Weise dargestellt, z. B.: ein
Frühlingstag, ein Gewitter usw.
~d~) +Die Charakteristik.+ Die Eigenart einzelner Personen oder ganzer
Menschengattungen wird geschildert, z. B.: Gustav Adolf, Wallenstein,
der Geizige, der Jähzornige usw.
~e~) +Die Abhandlung.+ Die Abhandlung ist die höchste und schwierigste
Form des Aufsatzes, weil sie sich nicht mit konkreten Gegenständen,
sondern mit abstrakten Dingen, mit Begriffen, Sentenzen und
theoretischen Wahrheiten beschäftigt.
~f~) +Übersetzungen aus fremden Sprachen.+ Diese sind für die
Ausbildung des Stiles von großer Wichtigkeit, wenn sie mit Sorgfalt
ausgeführt werden, und wenn man streng darauf bedacht ist, jede
undeutsche Wendung zu meiden.
39. Das Sammeln des Stoffes.
Beim Sammeln des Stoffes schreibe man die Gedanken zunächst ohne
Rücksicht auf irgendwelche bestimmte Reihenfolge so nieder, wie sie
einem zufällig in den Sinn kommen. Gewöhnlich bilden sich aber dabei
von selbst schon gewisse Gesichtspunkte, nach denen der Stoff sich
ordnen läßt, mit heraus, die dann später willkommene Anhaltspunkte
für die Disposition bieten. Die Hauptmittel, um Stoff zur Behandlung
gegebener Themen zu finden, sind: Beobachtung der Natur und des Lebens,
sowie die Lektüre guter Werke.
40. Die Disposition.
Bevor man an die Darstellung selbst geht, muß der Gegenstand nach allen
Seiten durchdacht sein, und der Stoff, den man dabei gefunden hat, muß
geordnet werden. Es lassen sich oft sehr viele Teile und Unterteile
bilden, jeder Aufsatz hat aber in der Regel drei Hauptteile, nämlich:
~a~) den +Eingang+, ~b~) die +Ausführung+, ~c~) den +Schluß+.
~a~) Der +Eingang+ hat den Zweck, auf den darzustellenden Gegenstand
hinzuleiten. Er muß daher alles enthalten, was zum Verständnisse des
Folgenden notwendig ist, und muß das Interesse des Lesers erwecken.
Bei Erzählungen und Beschreibungen werden hauptsächlich Raum- und
Zeitverhältnisse (Lage, Ort, Jahreszeit u. ähnl.) den Inhalt bilden,
bei Abhandlungen wird von den Umständen zu reden sein, die den
Verfasser zum Schreiben veranlaßt haben, oder es werden allgemeine
Gedanken anzuführen sein, die zu dem besonderen Gedanken des Themas
hinführen, u. ähnl. Bei größeren Arbeiten muß die Einleitung immer das
Reifste und Vollendetste sein, man wird daher gut tun, sie zuletzt zu
schreiben.
~b~) Die +Ausführung+. Am Schlusse der Einleitung, namentlich bei
Abhandlungen, pflegt der Schreibende das Thema anzugeben, von dem
seine Darstellung handeln soll. Die Ausführung enthält nun die
eigentliche Darstellung; alles, was über den Gegenstand zu sagen ist,
muß klar, kurz und wohlgeordnet angeführt werden. Die Ausführung
gliedert sich daher wieder in eine Reihe von Haupt- und Unterteilen.
Die Hauptteile hebe man voneinander ab, leite aber durch geschickte
Wendungen von einem zum anderen über; die Unterteile dagegen müssen
ganz innig miteinander verbunden werden, so daß sie sich nicht so
stark voneinander abheben wie die Hauptteile. Bei der Erzählung,
Beschreibung und Schilderung ergeben sich die Teile gewöhnlich aus der
zeitlichen Folge oder der räumlichen Lage, bei der Abhandlung steigt
man im allgemeinen vom minder Wichtigen zum Wichtigeren auf. Ist bei
der Abhandlung das Thema allgemeiner Art, so wird es in der Ausführung
in seine Besonderheiten zerlegt, ist es dagegen ein besonderer Gedanke,
so wird es auf allgemeine Sätze zurückgeführt. Außerdem müssen
Beweisgründe für die Wahrheit, Widerlegungen der Einwürfe beigebracht
und die nötigen Folgerungen daraus gezogen werden.
~c~) Der +Schluß+ rundet den Aufsatz zu einem in sich geschlossenen
Ganzen ab. Bei der Erzählung, Beschreibung und Schilderung enthält
er gewöhnlich einen Hinweis auf die Folgen oder die Bedeutung eines
Vorganges oder auf den Gesamteindruck des beschriebenen Gegenstandes.
Der Schluß einer Abhandlung enthält in der Regel den Satz noch einmal,
der erörtert oder bewiesen werden sollte, indem das Ergebnis der
Beweisführung kurz zusammengefaßt wird. Der Schluß sei kurz, treffend
und bündig, er enthalte nichts Unnötiges und nichts, was sich nicht
zwanglos aus dem Vorhergehenden ergibt.
41. Dispositionsregeln.[24]
Die Anordnung und Gliederung des Stoffes, der in einem Aufsatze
dargestellt werden soll, ist eine Tätigkeit des Verstandes, sie muß
daher vor allen Dingen streng logisch sein. Das Wesen der Disposition
besteht darin, daß ein Ganzes in seine Teile zergliedert und die
Verhältnisse dargelegt werden, in denen die Teile zu dem Ganzen und
untereinander stehen. Man hat daher, wenn man irgendeine Teilung eines
Ganzen vornimmt, sich folgende drei Fragen zu beantworten:
~a~) Wie verhält sich das Ganze zu +den Teilen in ihrer Gesamtheit+?
~b~) Wie verhält sich +jeder einzelne Teil zum Ganzen+?
~c~) Wie verhalten sich +die einzelnen Teile untereinander+?