~k~) Die +Anakoluthie+ (d. i. Zusammenhangslosigkeit) besteht darin,

daß die Konstruktion eines Satzes nicht dem Anfange entsprechend

fortgeführt wird, so daß die Mitte oder das Ende des Satzes mit dem

Anfange grammatisch in Widerspruch tritt, z. B.:

Wie wenn auf einmal in die Kreise

Der Freude mit Gigantenschritt

Geheimnisvoll nach Geisterweise

Ein ungeheures Schicksal tritt;

+Da beugt sich jede Erdengröße

Dem Fremdling aus der andern Welt,

Des Jubels nichtiges Getöse

Verstummt, und jede Larve fällt,

Und vor der Wahrheit mächt’gem Siege

Verschwindet jedes Werk der Lüge+:

+So rafft+ von jeder eitlen Bürde,

Wenn des Gesanges Ruf erschallt,

Der Mensch sich auf zur Geisterwürde

Und tritt in heilige Gewalt.

Da die Anakoluthe gegen die strenge Sprachrichtigkeit verstoßen,

so sind sie nur mit Vorsicht zu gebrauchen. Tadelnswert sind in

prosaischer Rede namentlich Anakoluthe, die darin bestehen, daß ein

als Nebensatz begonnener Satz in der Form eines Hauptsatzes zu Ende

geführt wird, z. B.: „Sie wissen, +daß+, wenn die Vestalinnen im alten

Rom einem Verbrecher begegneten, +so hatten sie das Recht+, ihn zu

begnadigen“ (statt: daß sie das Recht hatten usw.). +Heine.+ -- In der

Poesie dagegen ist ein Anakoluth oft von sehr guter Wirkung, weil hier

große Innigkeit oder Leidenschaftlichkeit des Gefühls das Herausfallen

aus der Konstruktion, das Aufgeben des strafferen Satzbaues erklärlich

macht.

~l~) Die +Wiederholung+. Einzelne Wörter oder Satzabschnitte werden

wiederholt, um den Begriff hervorzuheben oder dem Ausdruck größere

Innigkeit zu verleihen. Das wiederholte Wort trägt immer den Hauptton,

z. B.: +lieber, lieber+ Freund! -- +Der Tod, der Tod+ ist mein Gewinn.

+Bürger.+ -- +Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit+ klingt ein Lied

mir immerdar. +Rückert.+ -- Nicht möcht’ ich deinen Geist in Sünden

+töten+, nein, Gott verhüt’s! nicht deine Seele +töten+. +Shakespeare.+

+Anmerkung.+ Gelehrte Spielerei hat hier nach der Stellung, die das

wiederholte Wort im Satze einnimmt, viele Arten der Wiederholung

unterschieden, und zwar folgende: 1. +Anaphora+, d. i. Wiederkehr

desselben Wortes oder derselben Wendung am Anfange mehrerer

aufeinanderfolgender Sätze, z. B.: +Sei mir gegrüßt+, mein Berg,

mit dem rötlich strahlenden Gipfel! +Sei mir+, Sonne, +gegrüßt+,

die ihn so lieblich bescheint! +Schiller.+ -- 2. +Epiphora+ (bei

Quintilian ~epistrophe~), d. i. Wiederholung am Schlusse mehrerer

aufeinanderfolgender Sätze, z. B.: Wie sollt’ es mich freuen,

Marquis, wenn der Freiheit endlich noch diese Zuflucht in Europa

+bliebe+! Wenn sie durch ihn es +bliebe+! +Schiller.+ -- 3.

+Epanalepsis+, d. i. Wiederholung der den Satz +beginnenden+ Wendung

am +Schlusse+, z. B.: +Weinet um mich+, ihr Kinder des Lichts!

er liebt mich nicht wieder, ewig nicht wieder, ach, +weinet um

mich+! +Klopstock.+ -- 4. +Anadiplosis+, d. i. Wiederholung eines

den Satz beendenden Wortes am Anfang des folgenden, z. B.: Nicht

der Frühling kann dir’s +geben+, +geben+ mußt dem Frühling du.

+Rückert.+ -- 5. +Epanodos+ (d. i. Rückweg). Die wiederholten Worte

stehen in umgekehrter Folge, z. B.: +Ihr seid müßig+, +müßig seid

ihr.+ +Luther.+ -- 6. +Epizeuxis+, die unmittelbare Wiederholung

desselben Wortes oder Satzes, z. B.: So steht auch mir der Sinn in

die +weite, weite+ Welt. +Geibel.+ +Ach wie liegt so weit, ach wie

liegt so weit+, was mein einst war. +Rückert.+ -- 7. +Symploke+, die

Verflechtung mehrerer Arten der Wiederholung, z. B.: Laß mich weinen,

an deinem Herzen heiße Tränen +weinen+ (Epiphora), du einz’ger

Freund. Ich habe +niemand, niemand+ (Epizeuxis), auf dieser großen

weiten Erde +niemand+ (Epiphora). +Schiller.+ -- 8. +Polyptōton+, die

Wiederholung eines Wortes in verschiedenen Flexionsformen, z. B.:

Aber der Hörenden floß die +schmelzende+ Trän’ auf die Wang’ hin;

So wie der Schnee +hinschmilzt+ auf hochgescheitelten Bergen,

Welchen der Ost +hinschmelzte+, nachdem ihn geschüttelt der Westwind,

Daß von +geschmolzener+ Nässe gedrängt abfließen die Bäche:

Also +schmolz+ in Tränen der Gattin liebliches Antlitz.[10]

+Voß+, Odyssee.

9. +Annominatio+, die Nebeneinanderstellung mehrerer Wörter, die zu

demselben Stamm gehören, z. B.: Gar schöne +Spiele spiel’+ ich mit

dir. +Goethe.+ +Schreibend schreibt+ er im +Schreiben geschriebene

Schriften der Schreiber+. +Voß.+ -- 10. +Antanaklasis+, Wiederholung

des Wortes in anderer Bedeutung, z. B.: Wer sich nicht selbst zum

+besten+ haben kann, der ist gewiß nicht von den +Besten+.

II. Sinnfiguren.

~a~) Das +schmückende Beiwort+ (~Epitheton ornans~) ist ein

adjektivisches Attribut, das in sinnlich anschaulicher Weise eine

Eigenschaft des substantivischen Begriffs hervorhebt, z. B.: Dich

begrüß’ ich in Ehrfurcht, +prangende Halle+, dich, meiner Herrscher

+fürstliche Wiege+, +säulengetragenes herrliches Dach+. +Schiller.+

-- Wir bewohnen ein glückliches Land, das die +himmelumwandelnde+

Sonne ansieht mit immer +freundlicher+ Helle. +Schiller.+ -- Sieh,

die +mondbestrahlte+ Fläche schlägt es mit den +leichten+ Füßen!

+Freiligrath.+ -- Die Epitheta müssen immer charakteristisch sein,

sonst sinken sie zu müßigen Attributen herab, die, statt die

Lebendigkeit der Darstellung zu erhöhen, den Stil unerträglich

platt und weitschweifig machen. Nichtssagend und daher unschön

sind namentlich die Beiwörter in den Alexandrinern der Dichter des

siebzehnten und der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, z. B.:

Dort fliegt ein +schwerer+ Stein nach dem +gesteckten+ Ziele,

Von +starker+ Hand beseelt, durch die +zertrennte+ Luft:

Dort fliegt ein +schnelles+ Blei in die +entfernte+ Weiße,

Hier rollt ein +runder+ Ball in dem +bestimmten+ Gleise

Nach dem +erwählten+ Zweck mit +langen+ Sätzen fort.

+Haller.+

~b~) Die +Steigerung+ (+Klimax+, +Gradation+) besteht darin, daß

die Begriffe so angeordnet werden, daß durch den nachfolgenden der

vorhergehende überragt wird, z. B.: Tapfer ist der Löwensieger, tapfer

ist der Weltbezwinger, tapfrer, wer sich selbst bezwang. +Herder.+ --

Eine schöne Menschenseele finden ist Gewinn, ein schönerer Gewinn ist

sie erhalten, und der schönst’ und schwerste, sie, die schon verloren

war, zu retten. +Herder.+

O lieber als dem Grafen mich vermählen

Heiß von den Zinnen jenes Turms mich springen,

Da gehn, wo Räuber streifen, Schlangen lauern,

Und kette mich an wilde Bären fest,

Birg bei der Nacht mich in ein Totenhaus

Voll rasselnder Gebeine, Moderknochen

Und gelber Schädel mit entzahnten Kiefern,

Heiß in ein frischgemachtes Grab mich gehn

Und in das Leichentuch des Toten hüllen.

+Shakespeare.+

~c~) Der +Gegensatz+ (+Antithese+) stellt Begriffe, die sich logisch

gegenüberstehen, in parallelen Satzgliedern einander entgegen, z. B.:

Ein +Gott+ bist du dem +Volke+ worden, ein +Feind+ kommst du zurück dem

+Orden+. +Schiller.+ -- Es bildet ein +Talent+ sich in der +Stille+,

sich ein +Charakter+ in dem +Strom der Welt+. +Goethe.+ -- Durch

glänzende Antithesen zeichnet sich namentlich Schillers Stil aus. --

Unterarten des +Gegensatzes+ sind das +Oxymoron+ und das +Paradoxon+.

Das +Oxymoron+ (ὀξύμωρον, von ὀξύς +gescheit+ und μωρός +dumm+) stellt

zwei einander widersprechende Begriffe in +einer+ Wortverbindung

zusammen, z. B.: +lebendige Leiche+ (+Gottschall+, Mazeppa), +süßer

Schmerz+, +bittre Freude+, +beredtes Schweigen+, +schmerzlicher Genuß+,

+erquickender Verdruß+ usw. Das +Paradoxon+ (d. i. das +Unerwartete+)

ist ein Gedanke, der mit dem, was nach dem Vorhergehenden erwartet

wird, oder mit dem, was die gewöhnliche Vorstellungsweise annimmt, in

Widerspruch steht, z. B.: Der Mensch ist +frei+ geschaffen, ist +frei+,

und würd’ er in +Ketten+ geboren. +Schiller.+ -- Den Kaiser will man

zum +Herrn+, um +keinen Herrn+ zu haben. +Schiller.+

~d~) Die +Ironie+ (d. i. +Verstellung+) sagt das Gegenteil von dem, was

sie meint, z. B.: Mit der Axt hab’ ich ihm’s Bad gesegnet. +Schiller.+

Ein Muster der Ironie ist die Rede des Antonius in Shakespeares +Julius

Cäsar+, 3. Akt. Als Meister der Ironie zeigen sich namentlich Rabener

(in seinen Satiren) und Jean Paul. -- Den mit Hohn verbundenen,

bitteren und tief verletzenden Spott nennt man +Sarkasmus+ (d. i.

Zerfleischung).

~e~) Der +Euphemismus+ setzt für etwas Anstößiges oder Gefürchtetes das

entgegengesetzte Gute. So nannten die Griechen die Erinyen +Eumeniden+,

d. h. die Gnädigen, die Römer nannten die Todesgöttinnen +Parzen+,

d. i. die Schonenden. Euphemismen sind auch die Umänderungen heiliger

und anderer Namen in Schwüren und Ausrufungen, wodurch der Mißbrauch

derselben verhüllt werden soll, z. B.: +Potz+ Blitz! (statt: +Gottes+

Blitz!) +Potz+ Wetter! (statt: +Gottes+ Wetter!) Der Tausend! (statt:

der +Teufel+!) +Potztausend!+ (statt: +Gottes Teufel!+) usw.

~f~) Die +Litotes+ (d. i. Kleinheit) oder +Verkleinerung+ besteht

darin, daß ein geringerer Ausdruck gesetzt wird, als der Gedanke in

Wahrheit verlangt, z. B.: Du hast deine Aufgabe +nicht übel+ (statt:

ausgezeichnet) gelöst. Du wirst nicht eben erfreut sein (statt: du

wirst in große Betrübnis versetzt werden) usw.

~g~) Die +Hyperbel+ (d. i. eig. +Überschwang+, +Übertreibung+)

vergrößert die Dinge über die sinnliche Wahrheit hinaus, z. B.: Mein

Herz ist heiß, +es könnt’ ein Dolch drin schmelzen+, wenn ich ihn

jetzt ins Herz mir stieße. +Hamerling.+ -- Denn alle Fürstenthrone,

aufeinandergestellt, bis zu den Sternen fortgebaut, erreichten nicht

die Höhe, wo +sie+ steht in ihrer Engelsmajestät. +Schiller.+ Jungfr.

v. Orl.

~h~) Die +Onomatopöie+. (Vgl. S. 18.)

17. Bedeutung der Tropen und Figuren für den Stil.

Hinsichtlich der Tropen und Figuren pflegt noch jetzt ein doppelter

Irrtum zu herrschen, der nicht entschieden genug bekämpft werden kann.

Einmal meint man nämlich, unsere deutsche Sprache habe die Tropen und

Figuren erst der griechischen und römischen Sprache entlehnt und habe

die Fähigkeit, Tropen und Figuren zu bilden, erst durch diese Sprachen

erhalten. Man verwechselt hier, wie so oft, die Namen mit der Sache.

Nur die Namen, die gelehrten Bezeichnungen haben wir zum Teil der

griechischen und römischen Sprache entlehnt; die Sache selbst, der

Drang, die Rede sinnlich anschaulich und lebendig zu gestalten, war

unserem Volke von jeher eigen und ist nicht erst von außen in dasselbe

verpflanzt worden. Man kann noch heute im Volke täglich Tropen und

Figuren hören, von denen niemand behaupten wird, daß sie erst von den

Alten entlehnt seien. Wenn eine Mutter zu dem Kinde sagt: „Du hast den

Wein halb verschüttet“ (wo doch nur einige Tropfen verschüttet worden

sind), oder: „Ich habe es dir schon hundertmal gesagt, aber du hörst

nicht“ (wo sie es vielleicht zwei- oder dreimal gesagt hat) usw., so

sind das Hyperbeln im eigentlichsten Sinne des Wortes, oder wenn

jemand sagt: „Diese Frau ist die leibhaftige Güte, die reine Güte;

dieser Mann ist die verkörperte Ehrlichkeit“ u. ähnl., so bedient er

sich der Form der Prosopopöie ebensogut wie der, welcher sagt: „Sie ist

die +personifizierte+ Güte.“[11]

Das andere Mal ist man der Meinung, daß die Tropen und Figuren zur

+Ausschmückung+ der Rede dienten. Auch das ist nicht richtig. Sie

dienen vielmehr dazu, der Rede sinnliche Kraft und Lebendigkeit zu

geben, und sie dürfen daher nicht äußerlich, wie Schmuckstücke,

zusammengesucht werden, sondern sie müssen mit Notwendigkeit aus der

Darstellung selbst erwachsen. Man mache es sich daher zum Gesetz,

niemals Tropen und Figuren anzuwenden, wo nicht innere Notwendigkeit

dazu drängt. Ebenso vermeide man die Nachbildung römischer und

griechischer Tropen und Figuren, vielmehr nehme man sie immer

möglichst aus seiner eigenen Beobachtung und Erfahrung oder entlehne

sie deutschen Vorbildern. Wer diese Vorschriften streng befolgt, der

wird bald bemerken, daß sein Stil an natürlicher Kraft und Schönheit

gewinnt, während er im entgegengesetzten Falle in widerwärtige

Künstelei und stelzbeinige Hohlheit verfällt.

~C.~ Stilistik des einfachen Satzes.

18. Wortbildung.

Die Lautgestalt der Worte erscheint im Zusammenhange der Rede oft

verändert; namentlich das tonlose =e= fällt oft am Ende, häufig auch

in der Mitte eines Wortes aus. Der Abfall eines Lautes am Ende eines

Wortes heißt +Apokope+, der Ausfall in der Mitte eines Wortes +Synkope+.

Die +Apokope+. Viele Wörter haben doppelte Formen, mit =e= und ohne

=e=, z. B.: +Gebirg+ und +Gebirge+, +Gebild+ und +Gebilde+, +Ochs+

und +Ochse+ usw. (vgl. hierüber I, 142). Man hat hier die Freiheit,

je nachdem der Rhythmus des Satzes oder der Wohllaut es erfordert,

von der einen oder anderen Form Gebrauch zu machen. Von den Wörtern

+Herr+, +Gesicht+, +Gerücht+, +Gewächs+, +Narr+ und einigen anderen

gelten in der Schriftsprache jedoch nur die kürzeren Formen, während

in der Mundart das auslautende =e= noch vorkommt. -- Oft fällt das =e=

im +Dativ Singularis+ ab, z. B.: dem König, dem Monat, dem Schicksal,

dem Reichtum, dem Jüngling u. a. Dieses Dativ-=e= ist jedoch möglichst

beizubehalten, nur die Nachsilben +el+, +er+, +en+, +chen+ und +lein+

dulden keine =e= hinter sich. Am häufigsten fällt es sonst ab, wenn

Substantiva ohne den Artikel mit Präpositionen verbunden sind, z. B.:

von Kind auf, mit Weib und Kind, von Tag zu Tag, von Haus und Hof u. a.

Auch vor einem Worte, das mit einem Vokal beginnt, fällt das Dativ-=e=

besser weg. -- Auch viele Adverbien dulden den Abfall des =e=; so

kann man sagen: +fern+ und +ferne+, +gern+ und +gerne+, +beinah+

und +beinahe+, +früh+ und +frühe+, +bang+ und +bange+, +behend+

und +behende+, +nah+ und +nahe+ usw., aber nur: +bald+ (nur noch

dichterisch: +balde+), +zurück+, +sehr+, +oft+, +schön+, +grün+ u. a.

Das Adverbium der Zeit +lange+ darf nicht gekürzt werden. Über +heut+

und +heute+ s. I, 240, Anm. 1. -- Der Imperativ der Verben kann mit =e=

oder ohne =e= gebildet werden, z. B.: schreib oder schreibe, geh oder

gehe, steh oder stehe usw. Die Verben jedoch, die in der 1. Pers. Sing.

Präs. =e= haben, ihren Imperativ aber mit =i= bilden, z. B.: sprich,

iß, nimm u. a., haben im Imperativ niemals das auslautende =e=.[12] Bei

den schwachen Verben erhält die Form auf =e= den Vorzug, z. B.: lobe,

rede, melde usw.; die Verben auf +el+ und +er+ haben nur die Form auf

=e=, z. B.: handle, wandle, wandre u. a.

Die Apokope wird namentlich in +poetischer+ Sprache angewendet, wo sie

besonders dazu dient, den +Hiatus+ zu beseitigen. Unter Hiatus versteht

man das Zusammentreffen zweier Vokale, von denen der eine als Auslaut,

der andere als Anlaut eines Wortes steht, z. B.: s=ei= =ei=frig, b=au=

=au=f usw. Im allgemeinen gilt hier die Regel, daß die Apokope nur dann

eintreten kann, wenn der nachfolgende Anlautsvokal +unbetont+ ist,

z. B.: +Gottes Gnad’ und+ Vatergüte, +Hab’ und+ Gut, laß deine +Klag’

erschallen+.[13] Dagegen sind Apokopen wie die folgenden unzulässig:

Er +erhalt’+ Antwort, der +gräßlich’+ Aufruhr usw. Doch kann zuweilen

nach unbetonten Verben die Apokope auch vor betonten Vokalen eintreten,

z. B.: Und ich mußt’ Andacht heucheln, konnt’ alles dort erschauen

usw. Die Flexionsendungen der Adjektive dürfen nicht durch Apokope

getilgt werden, also nicht: die schön’ Erscheinung, die neu’ Erfindung,

die bang’ Erwartung usw. Überhaupt darf die Apokope niemals hart und

unschön sein. Zeigt sich ein Hiatus, dessen Tilgung durch Apokope zu

einer Härte führen würde, so ist das noch kein Grund, den Hiatus in

diesem Falle gut zu heißen; man muß vielmehr eine ganz andere Wendung

suchen. Im allgemeinen sind die Deutschen in der Vermeidung des Hiatus

jedoch viel weniger streng als die Griechen und Römer.

Die +Synkope+ besteht in dem Ausfall eines tonlosen =e= oder =i=,

z. B.: Der Knecht hat erschlagen den +edeln+ Herrn; +heilge+ Ordnung,

die +Schillerschen+ Dramen usw. Vgl. hierüber I, 240, Anm. 1 und 2.

Bezüglich der Bildung der Worte ist namentlich folgendes zu beachten:

~a~) Man vermeide Neubildungen abstrakter Wörter auf +ung+, +heit+,

+keit+ und +tum+. Wörter auf +ung+ werden in der Regel nur von

abgeleiteten oder mit Vorsilben zusammengesetzten +transitiven+ Verben

gebildet, z. B.: +Führung+, +Verschwendung+, +Tränkung+, +Erfindung+

usw., aber nicht: +Fahrung+, +Verschwindung+, +Trinkung+, +Findung+

usw. Nur wenige Ausnahmen wie: +Sitzung+, +Neigung+ u. ähnl. haben sich

eingebürgert. Ganz besonders zu tadeln ist das Zusammenziehen ganzer

Redewendungen in ein Substantiv auf +ung+, z. B. +Zurannahmebringung+,

+Instandsetzung+, +Klagbarwerdung+, +Zurateziehung+ u. ähnl. -- Von

Partizipien dürfen im allgemeinen keine Substantive auf +heit+ gebildet

werden; tadelnswert sind daher Bildungen wie: +Unbegründetheit+,

+Verlorenheit+, +Unbeachtetheit+, +Treffendheit+ u. a. Nur von einigen

Partizipien, die ganz zu Adjektiven geworden sind, wie +bescheiden+,

+besonnen+, +verschwiegen+, +erhaben+, +gelassen+, sind Bildungen

auf +heit+ zulässig, z. B.: +Bescheidenheit+, +Besonnenheit+ usw. --

Unschön sind die Bildungen auf +keit+ von den Adjektiven auf +haft+,

namentlich wenn diese Adjektive von Personennamen abgeleitet sind,

z. B.: +Riesenhaftigkeit+, +Schülerhaftigkeit+, +Meisterhaftigkeit+,

+Rätselhaftigkeit+ usw. Ebenso anstößig sind solche Bildungen

von einigen Adjektiven auf +lich+, z. B.: +Gegensätzlichkeit+,

+Bezüglichkeit+, +Inhaltlichkeit+ u. ähnl.

~b~) Von vielen männlichen Personennamen lassen sich mit Hilfe der

Endung +in+ auch weibliche Personennamen bilden, z. B.: Freund,

Freundin usw. Von Partizipialsubstantiven sind solche Bildungen

nicht zulässig, man sage daher nicht: +Verwandtin+, +Beklagtin+,

+Abgesandtin+, +Bekanntin+, +Beamtin+ u. ähnl., sondern die

+Verwandte+, +Beklagte+ usw.

~c~) Werden von Verben zusammengesetzte Substantive gebildet, so werden

diese nicht mit dem vollen Infinitiv, sondern nur mit dem Stamme

zusammengesetzt (vgl. I, S. 248, 4), z. B.: +Trink+gefäß, +Reit+pferd

usw. Dem entsprechend muß man auch sagen: +Trockenplatz+ (nicht:

Trocknenplatz), Zeichenbuch, Zeichenlehrer, Rechenbuch, Rechenlehrer

(von ursprüngl. ~zeichen-en~, ~rechen-en~ usw.).

~d~) Man meide geschmacklose und sprachwidrige Zusammensetzungen. Vgl.

S. 11. -- Trennbar zusammengesetzte Verben müssen in den entsprechenden

Formen getrennt werden (vgl. I, S. 175). Man sage daher nicht: Ich

+anvertraue+ dir dieses Kleinod; ich +anerkenne+ deine Verdienste; ich

+anempfehle+ dir Ruhe usw.

~e~) Den +substantivischen Infinitiv+ wende man nur mit Vorsicht an. In

den meisten Fällen bietet sich ein entsprechendes anderes Substantiv

oder eine andere Wendung dar, durch welche die Härte oder die

Geschmacklosigkeit, zu der der Gebrauch des substantivischen Infinitivs

oft führt, vermieden wird. Er wird namentlich dann anstößig, wenn er

mit einem Attribut oder Objekt verbunden ist, z. B.: Das +Aufgehen+

der Sonne (statt: der +Aufgang+), das +Aufbrechen+ des Heeres (statt:

der +Aufbruch+), das +Ausbrechen+ einer Seuche (statt: der +Ausbruch+)

usw. Statt: „+Das Schwimmen gegen den Strom+ ist schwer“ sagt man

besser: „+Gegen den Strom zu schwimmen+ ist schwer“; statt: „Das

+ununterbrochene Arbeiten Tag und Nacht hindurch+ ist schädlich“

besser: „+Tag und Nacht hindurch ununterbrochen zu arbeiten+ ist

schädlich.“ -- Beim substantivischen Infinitiv eines reflexiven Verbums

wird das Reflexivpronomen weggelassen, z. B.: das +Erinnern+ (nicht:

das Sicherinnern), +das Freuen+, +das Verhalten+, +das Besinnen+, +das

Erbarmen+, +das Erfrechen+ usw.

19. Das Substantivum.

~a~) Die +Häufung attributiver Genitive+, namentlich wenn sie von

+gleichem Numerus+ und +Genus+ sind, ist zu vermeiden. Anstößig sind

Wendungen wie: „Das Verführerische +des Genusses der Frucht des Baumes

der Erkenntnis des Guten und des Bösen+ verleiteten Adam und Eva zum

ersten Sündenfall.“ -- „Die Schwierigkeit +der Erklärung des Ursprungs

des Übels+“ (statt: Die Schwierigkeit, den Ursprung des Übels zu

erklären). -- „+Meines Freundes+ Unterstützung +dieses Unternehmens+.“

-- „Es fanden sich nach und nach zwei Partien von Flecken in der Nähe

+der Mitte der Oberfläche der Sonne+.“ -- „Die Entdeckung +der Gesetze

der Bewegung der Planeten+.“

~b~) Fehlerhaft ist die +Umschreibung des possessiven+ oder +objektiven

Genitivs+ durch eine Wendung mit der Präposition +von+. Man sage nicht:

Der Freund +von meinem Vater+ (statt: meines Vaters), das Haus +von

unserem Nachbar+, der Giebel +von dem Hause+, die Wohnung +von meinem+

Bruder, die Erbauung +von der Stadt+, die Eroberung +von der Festung+,

der Erzieher +von den Kindern+ usw. -- Nur in folgenden Fällen ist eine

solche Umschreibung dieser Genitive gestattet:

1. Wenn das substantivische Attribut ein +Substantivum+ im +Plural+

ist, das +ohne Artikel+ steht, z. B.: „Man hat mich vor ein Gericht

+von Männern+ gefordert“ (Schiller). -- „Die Gründung +von Städten+

betrachtete er als die wichtigste Aufgabe eines Fürsten.“ -- „Er hat

das Glück +von Tausenden+ gegründet“ (Schiller). -- „Die teure Frucht

+von dreißig Kriegesjahren+“ (Schiller). -- 2. Wenn der +Urheber+ eines

Dinges von dem +Besitzer+ geschieden werden soll, z. B. ein Buch +von

meinem Vater+ (verfaßt), ein Buch +meines Vaters+ (das ihm gehört),

der Messias +von Klopstock+, der Spaziergang +von Schiller+ usw. --

3. Wenn das substantivische Attribut ein +Länder-+ oder +Ortsname+

ist, z. B. der Kaiser +von Deutschland+, der König +von Sachsen+, die

Straßen +von Paris+, die Besatzung +von Mainz+ usw. Vgl. I, 144. -- 4.

Ausnahmen sind noch: Das Ende +vom Liede+, die Frau +vom Hause+.

~c~) Man wende nicht +objektive Genitive+ (im Anschluß an das

Lateinische) an, wo der +deutsche+ Sprachgebrauch eine präpositionale

Wendung verlangt. Man sage also nicht: Die Hoffnung +des Sieges+

(statt: auf Sieg), der Haß +der Römer+ (statt: gegen die Römer), die

Freude +des Glückes+ (statt: über das Glück des Freundes) usw.

~d~) Ein substantivisches Attribut darf sich +nie auf das erste

Glied einer Zusammensetzung beziehen+. Falsch ist also: „Der +erste

Annäherungsversuch+ König Wenzels +an den+ schwäbisch-rheinischen

+Städtebund+.“ Ein +Reise+stipendium +nach Italien+, +Erkrankungs+fälle

+an den Blattern+, der +Vertrags+entwurf +mit Deutschland+, ein

+Beförderungsmittel guter Sitten+, +Pflicht+erfüllung +gegen das

Vaterland+, +Befreiungs+krieg +von der Franzosenherrschaft+,

+Verlängerungs+mittel +des menschlichen Lebens+ usw. -- Fehler dieser

Art sind sehr häufig und müssen daher ganz besonders nachdrücklich

bekämpft werden.

~e~) Der +Kasus eines Eigennamens+ darf nicht unklar bleiben. Man

sage also nicht: Klopstock schätzte Schiller höher als Wieland. --

Achilles zürnte Agamemnon (statt: dem Agamemnon). -- Man erreicht die

Klarheit entweder dadurch, daß man den Artikel setzt, wenn nötig mit

einem Beiworte (vgl. I, 144), oder daß man eine passivische Wendung

gebraucht, z. B. von Schiller wurde Klopstock höher geschätzt als

Wieland.

~f~) Die +Apposition+ muß mit dem Substantivum, zu dem sie gehört, +in

gleichem Kasus+ stehen. Man sage daher nicht: Man glaubte, es werde mir

mit der Gesellschaft +dieses Mannes+ gedient sein, +dem Freunde+ meiner

Mutter (statt: +des Freundes+). -- Wir erwarteten die Ankunft meines

Freundes, +Professor+ an der Universität N. (statt: Professors). -- Die

Gestalt des Dichters, +ein kleiner, unscheinbarer Mann+ (statt: eines

kleinen, unscheinbaren Mannes). -- Ich heiße dich +als mein Freund+

willkommen (statt: als meinen Freund). -- Ihr dürft diesem Manne,

+als ein erfahrener Führer+, unbedenklich folgen (statt: als einem

erfahrenen Führer).

Kurzgefaßte Deutsche Stilistik · 第 3 / 10 段