~b~) +Die Neuheit des Ausdrucks+ besteht, abgesehen von der Neubildung

der Wörter (s. hierüber 8, ~d~), hauptsächlich darin, daß verbrauchte

Redewendungen, Bilder und Modewörter gemieden werden. Solche Wendungen

sind z. B. +Anklang finden+, +aufs Tapet bringen+, +mit der Zeit

fortschreiten+, +ins Leben treten+, +von etwas Umgang nehmen+ (statt:

etwas umgehen), +voll und ganz+ u. a. Bilder wie: +der Zahn der Zeit+,

+die Milch der frommen Denkungsart+, +die Rosen der Wangen+, +die

Rosen und Dornen des Lebens+, +nach eines anderen Pfeife tanzen+, +der

Winter des Lebens+ u. a. sind völlig verbraucht und wirken daher im

edleren Stile nur störend. Unsere Zeit braucht ein Bild oft sehr rasch

ab; man prüfe daher jede Wendung und jedes Bild genau, ob sie für eine

geschmackvolle Darstellung sich noch eignen, und man suche selbst neue

Wendungen und Bilder, die man am besten aus seiner eigenen Beobachtung

und Erfahrung nimmt, und die sich oft ganz von selbst darbieten.

Zuweilen kann man auch abgebrauchten Worten und Wendungen dadurch

neues Leben einhauchen, daß man sie auf ihre sinnliche Grundbedeutung

zurückführt. Dadurch erscheinen sie oft in einem überraschend neuen

Lichte, wie z. B. das Wort +Nimbus+ bei Goethe, wenn er sagt: „Ein

Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande, weil bei einer näheren

Bekanntschaft mit dem Herrn der +Nimbus+ von Ehrwürdigkeit und

Heiligkeit wegschwindet, +den uns eine neblichte Ferne um sie herum

lügt, und dann sind sie ganz kleine Stümpfchen Unschlitt+.“ Er

verdeutlicht hier den Begriff Nimbus (d. i. eigentlich: Lichthof um den

Kopf eines Heiligen) dadurch, daß er ihn dem Lichthof einer Laterne

vergleicht.

In dem Streben nach Neuheit gehe man aber nicht zu weit; viele unserer

neueren Schriftsteller überschreiten hier das rechte Maß, und ihr Stil

wird dadurch unnatürlich und ungesund.

12. Anschaulichkeit und Lebendigkeit.

Die +Anschaulichkeit+ besteht darin, daß die Begriffe und Gedanken in

sinnlicher Faßlichkeit dargestellt werden. Um diese Sinnlichkeit des

Ausdrucks zu erreichen, bedient man sich folgender Mittel:

~a~) Man wählt Worte, die noch nicht allzu abgeschliffen und

verbraucht sind, sondern deren sinnliche Grundbedeutung noch von

allen gefühlt wird (vgl. 11, ~b~). Die Konkreta haben mehr sinnliche

Anschaulichkeit als die Abstrakta, namentlich der poetische Stil gibt

daher den ersteren den Vorzug. So ist das Wort +Zügel+ anschaulicher

als +Zug+ und +Zucht+; +Band+ anschaulicher als +Bündnis+ usw. Ebenso

ist der +einfache+ Ausdruck sinnlich kräftiger als +Ableitungen+

und +Zusammensetzungen+. Wörter wie +ziehen+, +Zucht+, +Zug+,

+Band+, +binden+, +Lust+, +Feind+, +Freund+, +Flucht+, +Schlaf+

usw. sind anschaulicher als: +erziehen+, +züchtig+, +vorzüglich+,

+unverzüglich+, +bändigen+, +ungebändigt+, +verbindlich+, +belustigen+,

+feindlich+, +anfeinden+, +freundlich+, +befreunden+, +Flüchtigkeit+,

+Schläfrigkeit+ usw. In den folgenden Versen von Haller ist daher

die Wahl der Worte wegen des Mangels an sinnlicher Anschaulichkeit

zu tadeln: „Der langen +Einsamkeit+ gibt alles +Überdruß+.“ „Ihr

allzustarker +Trieb+ nach der +Vollkommenheit+ ward endlich zum Gefühl

der eignen +Würdigkeit+.“ -- Besonders wird aber die Darstellung

dadurch anschaulich, daß man statt ganz allgemeiner Bezeichnungen,

wie: +sein+, +sich befinden+, +werden+, +geschehen+ u. a., bestimmtere

Ausdrücke wählt, welche die Art des +Seins+, +Sichbefindens+,

+Werdens+, +Geschehens+ usw. genauer angeben. Statt: „Der Vogel +ist+

auf dem Baume“ sage ich anschaulicher: „Er +sitzt+ auf dem Baume“;

statt: „Das Pferd +befindet+ sich in dem Stalle“ heißt es besser:

„Das Pferd +steht+ im Stalle“ usw. Solche Beispiele anschaulicher

Darstellung sind: „Ich singe, wie der Vogel singt, der +in den Zweigen

wohnet+.“ +Goethe.+ -- „Dort wo der Gießbach vom Gebirg +heruntertanzt+

mit hellem Ton, durch grüner Dämmerung Bezirk +schweift wandelnd+ just

des Waldes Sohn.“ +Otto Roquette.+ -- „Durch der Surennen furchtbares

Gebirg, auf weit verbreitet öden Eisesfeldern, wo nur der heisre

Lämmergeier +krächzt+, gelangt’ ich zu der Alpentrift, wo +sich+ aus

Uri und vom Engelberg die Hirten +anrufend grüßen+ und gemeinsam

+weiden+, den Durst mir stillend mit der Gletscher Milch, die in den

Runsen +schäumend niederquillt+.“ +Schiller.+ -- Selbst sinnlich

niedrige Ausdrücke sind durch die Anschaulichkeit, die sie gewähren,

im poetischen Stile zuweilen von guter Wirkung. So gebraucht Platen in

einem Gedichte, das mit einer Übertragung der Worte Vergils: ~Exoriare

aliquis nostris ex ossibus ultor~ schließt, das Wort +Knochen+ statt

des Ausdruckes +Gebeine+: „Aber einst aus meinen +Knochen+ wird ein

Rächer auferstehn.“ Vgl. S. 15.

~b~) Man wendet Wörter an, welche die Naturlaute nachahmen

(+Onomatopöie+ oder Schallnachahmung), z. B. sausen, platzen, prasseln,

rasseln, rollen, rauschen, heulen, murmeln, plätschern, rieseln,

stampfen usw. Bekannt ist der Vers Ovids, in dem er das Quaken der

Frösche nachahmt: „~Quamvis sint sub aqua, sub aqua maledicere

temptant.~“ Prächtige Lautmalereien enthalten die folgenden Stellen:

Näher und näher

Kam das Gekling und das Klatschen der Peitsch’ und der Pferde

Getrampel.

+Voß+, Siebzigster Geburtstag.

Und hohler und hohler hört man’s heulen.

+Schiller+, Taucher.

Höre, wie’s durch die Wälder kracht!

Aufgescheucht fliegen die Eulen.

Hör, es splittern die Säulen

Ewig grüner Paläste.

Girren und Brechen der Äste!

Der Stämme mächtiges Dröhnen!

Der Wurzeln Knarren und Gähnen!

Im fürchterlich verworrenen Falle

Übereinander krachen sie alle,

Und durch die übertrümmerten Klüfte

Zischen und heulen die Lüfte.

+Goethe+, Faust.

Wenn die Räder rasselten

Rad an Rad rasch ums Ziel weg,

Hoch flog

Siegdurchglühter

Jünglinge Peitschenknall.

+Goethe+, Sturmlied.

~c~) Man gebraucht statt der abstrakten Ausdrücke +bildliche Wendungen+

(s. hierüber: Bilder und Figuren).

Die +Lebendigkeit+ der Darstellung zeigt sich in der +Anordnung+ und

+Verbindung der Worte+. Zu gleichmäßige Bildung der Sätze und zu lange

Perioden machen den Stil eintönig und schleppend; mannigfacher Wechsel

im Bau der Sätze ist daher ein unbedingtes Erfordernis des guten

Stiles. Besondere Mittel zur Erhöhung der Lebendigkeit sind: +die

Inversion+, +das Asyndeton+, +das Polysyndeton+ und +die Ellipse+.

Unter +Inversion+ versteht man die Abweichung von der regelmäßigen

Wortfolge (vgl. I, S. 193 flg.). An Inversionen reich ist namentlich

der Stil Schillers.

Das +Asyndeton+ (vgl. I, 197) oder die +Unverbundenheit+ besteht

darin, daß die Konjunktionen zwischen einzelnen Wörtern oder Sätzen

ausgelassen werden, z. B.: „Alles rennet, rettet, flüchtet, taghell ist

die Nacht gelichtet.“ +Schiller.+

Das +Polysyndeton+ (von πολυσύνδετος, d. i. vielfach verbunden) oder

die +Vielverbundenheit+ besteht in der mehrmaligen Wiederholung

desselben Bindewortes, z. B. „Meine Töchter führen den nächtlichen

Reihn +und+ wiegen +und+ tanzen +und+ singen dich ein.“ +Goethe.+

Die +Ellipse+ (von gr. ἔλλειψις, d. i. Auslassung) besteht darin,

daß nur der Hauptbegriff ausgedrückt, die übrigen Satzglieder aber

weggelassen werden, z. B.: „Aus meinem Angesicht, Nichtswürdiger.“

+Schiller.+ -- „Verworrene Labyrinthe -- kein Ausgang -- kein leitendes

Gestirn.“ +Schiller.+

Schon aus der Wahl der Beispiele ergibt sich, daß Anschaulichkeit und

Lebendigkeit vor allem Erfordernisse des +poetischen+ Stiles sind, doch

auch der einfache Stil des Verstandes kann dieser Eigenschaften nicht

entbehren, obwohl bei ihm die Deutlichkeit in den Vordergrund tritt.

13. Natürlichkeit.

+Natürlichkeit+ des Ausdruckes ist eine Hauptforderung des guten

Stiles. Man erreicht sie dadurch, daß man sich bemüht, die Gedanken

immer so einfach und klar wie möglich darzustellen. Man vermeide

gesuchte und gezwungene Ausdrücke, geschraubte und gezierte Wendungen,

wie sie sich häufig in dem Stile unserer modernen Romandichter und

Unterhaltungsschriftsteller finden. Einen einfachen Begriff gebe man

durch einen einzigen Ausdruck, nicht durch wortreiche Umschreibungen

wieder. Bloßes rhetorisches Wortgepränge ist geschmacklos; man wende

Bilder und Redefiguren nur da an, wo sie sich von selbst darbieten

und wo ein gewisser Schwung der Rede es verlangt. Durch gesunde

Natürlichkeit des Ausdruckes ragen namentlich Luther, Lessing und

Goethe hervor.

Gegen die Natürlichkeit des Ausdruckes verstoßen z. B. Sätze wie die

folgenden: „Zwei Jahre ungetrübten Glückes waren seit der Jünglinge

Bekanntschaft von der flüchtigen Gegenwart der unermeßlichen

Vergangenheit überantwortet worden.“ „Der Frühling des Jahres 1763

brachte bei seiner monatlichen himmlischen Gesandtschaft in dem grünen

Kabinette der Erde nicht nur die himmlischen Geschenke mit, als da

sind die chinesische Blumenmalerei der Natur, die echten Gobelins der

lebendigen Hecken, die Jaspisteppiche der Fluren, die breiten Gnaden-

und Ordensbänder der lauteren Ströme, die Flötenuhren der Waldkehlen

usw., sondern er brachte zugleich in der kleinen Wiege Jean Pauls den

Dragoman aller dieser himmlischen Geschenke mit, und durch seine Zunge

wurde uns die Sendung aller Frühlinge heiliger, himmlischer.“

~B.~ Bilder und Figuren.

14. Der Gebrauch bildlicher Ausdrücke.

Für den Gebrauch bildlicher Wendungen gelten folgende Regeln:

~a~) Die Bilder müssen +wahr+ sein, d. h. sie müssen erstens mit dem

übereinstimmen, was wir von den als Bildern verwendeten Dingen wissen,

und sie dürfen zweitens nicht untereinander in Widerspruch stehen. Wenn

jemand schriebe: „Der Ruhm dieses Mannes +ging wie der Polarstern auf

und nieder+“ oder: „Die Parze +knickte den Stengel+ seines Lebens“,

so würden diese Bilder, da sie nicht mit dem übereinstimmen, was

wir von dem Polarstern und den Parzen wissen, einen unangenehmen

Eindruck hervorrufen. -- Den zweiten Fehler gegen die Wahrheit der

bildlichen Wendungen nennt man +Katachrese+ (d. i. Mißbrauch). Die

Katachrese besteht darin, daß ein Gedanke durch verschiedene Bilder

dargestellt wird, die einander widersprechen, z. B.: „Ich +sah+ die

Bronnen +rauschen+ der Ewigkeit um mich.“ +Rückert.+ „Mit leisem Tritte

schlüpfte +ein weiblicher Fuß+ ins Zimmer und +löschte mit eigener

Hand+ die Kerzen.“ +Phil. Galen.+ „Wir wollen diese +brennende+ Frage

nicht +erschöpfen+“ usw. Die Katachrese beleidigt sowohl den Verstand,

als auch die Anschauungskraft; man hüte sich daher, aus dem Bilde

herauszufallen.

+Anmerkung.+ In der höheren Sprache der Dichtung, namentlich wenn

Kühnheit und Schwung der Darstellung gefordert wird, ist der Übergang

aus einem Bilde in das andere nicht unbedingt zu verwerfen (vgl.

hierüber Vischer, Ästhetik III, Abschnitt 2, 1230). Vollkommen

tadellos ist z. B. der Bilderwechsel in Schillers Lied an die

Freude: „Freude, +schöner Götterfunken+, +Tochter aus Elysium+.“

Derselben Beurteilung unterliegen zahlreiche Stellen in Shakespeares

Dichtungen. Hier zeigen uns die wechselnden Bilder den Gegenstand von

verschiedenen Seiten.

~b~) Die Bilder müssen +leicht verständlich+ und +nicht zu weit

hergeholt+ sein. Wenn in orientalischen Dichtungen die Schlacht

+Lanzenmesse+, das Schwert +Lebensräuber+ genannt wird, so sind diese

Bilder nicht schön, weil sie schwer zu enträtseln sind. Zu gesucht ist

es, wenn Kleist die Dünste als „die Augenlider, die jetzo das Auge des

Weltkreises deckten“ bezeichnet, oder wenn Klopstock das stürmische

Meer ein „gebirgiges Meer“ nennt. Namentlich +Jean Paul+ hat sehr viele

schwerverständliche und gesuchte Bilder.

~c~) Die Bilder müssen +edel+, +neu+ und +angemessen+ sein. (Vgl.

hierüber S. 15. 16.)

~d~) Die Bilder müssen +treffend+ sein und +mehr sagen+, als der

gewöhnliche Ausdruck; z. B.: „Wenn der Stamm zum Himmel eilet,

sucht die Wurzel still die Nacht.“ +Schiller.+ -- „Nur +verstohlen+

durchdringt der Zweige laubiges +Gitter+ sparsames Licht, und es

+blickt lachend+ das Blaue herein. Aber plötzlich +zerreißt der Flor+.

Der geöffnete Wald gibt überraschend des Tages blendendem Glanz mich

zurück.“ +Schiller.+

~e~) Die Darstellung darf nicht mit Bildern +überladen+ werden. Durch

eine solche Überladung wird der Stil schwülstig und unnatürlich. (Vgl.

S. 13. 19.)

15. Die Bilder oder Tropen.

Die Alten unterschieden +Tropen+ und +Figuren+, und es soll der

Übersichtlichkeit wegen diese Einteilung hier beibehalten werden,

obwohl die schaffende Phantasie des Dichters einen solchen Unterschied

nicht kennt.

Der +Tropus+ oder die +Trope+ (d. i. +Wendung+, griech. τρόπος,

lat. ~tropus~, von griech. τρέπειν, wenden) bezeichnet die Wendung

des Ausdrucks vom Gewöhnlichen und Eigentlichen zum Bildlichen und

Uneigentlichen. Die Tropen verändern die Vorstellung und mit ihr den

Ausdruck, die Figuren dagegen nur den Ausdruck, nicht die Vorstellung;

die Tropen verleihen der Rede Anschaulichkeit, die Figuren erhöhen

die Lebendigkeit derselben. Wenn Calderon den Bach eine +silberne

Schlange+ nennt, so wird die gewöhnliche Vorstellung mit einer anderen,

ungewöhnlicheren vertauscht und mit der Vorstellung zugleich der

Ausdruck; diese Bezeichnung ist daher ein Tropus. Wenn dagegen Rückert

vom Wasserfall sagt: „Er +rauscht+ und +rauscht+ und +rauscht+, die

Gegend hört ihn +rauschen+“, so bleibt die Vorstellung unverändert, es

wird nur derselbe Begriff und derselbe Ausdruck mehrmals wiederholt,

wir haben es hier also mit einer Figur zu tun.

Man unterscheidet folgende Tropen:

~a~) die +Vergleichung+ veranschaulicht den Gegenstand durch ein Bild

und stellt Bild und Gegenstand nebeneinander. Das Bild besteht entweder

nur in +einem+ Worte oder Satze, z. B. er kämpfte wie +ein Löwe+; „+dem

dürren Laube gleich+ verwehten meine Träume“ (Freiligrath); oder es ist

weiter ausgeführt, z. B.:

Des Menschen Seele

Gleicht dem Wasser:

Vom Himmel kommt es,

Zum Himmel steigt es,

Und wieder nieder

Zur Erde muß es,

Ewig wechselnd.

+Goethe.+

~b~) Die +Metapher+ (d. i. Übertragung) setzt das Bild statt des

Gegenstandes, ist also gleichsam eine abgekürzte Vergleichung. Die

Vergleichung sagt: „Der Wein ist +wie flüssiges Gold+“, die Metapher:

„Der Wein ist +flüssiges Gold+.“ Die Metapher gibt dem Ausdruck

Adel, Würde und Neuheit, und die Sprachgewalt eines Dichters oder

Schriftstellers offenbart sich am deutlichsten in der Fähigkeit,

treffende Metaphern zu bilden. Beispiele: Hör’, es splittern die Säulen

+ewig grüner Paläste+. +Goethe.+ Des Lebens +Mai+ blüht einmal und

nicht wieder. +Schiller.+ Ein +Tropfen Haß, der in dem Freudenbecher

zurückbleibt+, macht den Segenstrank zu Gift. +Schiller.+ Nur der

verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie +erobern+ muß.

+Goethe.+ -- Man unterscheidet +substantivische+, +adjektivische+

und +verbale+ Metaphern. +Substantivische Metaphern+ sind: +Haupt

des Staates+, +Schiff der Wüste+, +Segler der Lüfte+ (Wolke),

+Kinder im Walde verirrt und bedeckt mit Blättern im Schlummer+ (die

Blumen), +schlafendes Sonnenlicht+ (der Mond), +Hefe des Volkes+ usw.

+Adjektivische Metaphern+: eine +schwarze+ Seele, der +blasse+ Neid,

der +süße+ Schlaf, die +goldenen+ Himmelsfrüchte, die +goldene+ Sonne,

ein +hartes+ Herz usw. +Verbale Metaphern+: die Sonne +blickt+ durch

der Zweige Grün; die Woge +bäumt sich+ am Gestade; die Täler +singen+

und die Höhen +schweigen+, die Tannen +schauern+ in der Felsenkluft usw.

Wie die Vergleichung kann auch die Metapher weiter ausgeführt werden,

sie wird dann zur +Allegorie+ (von ἀλληγορέω, d. h. etwas anders sagen,

als der eigentliche Sinn verlangt). Der Satz: „Die Dichtung war zu Rom

+eine ausländische Blume+“ enthält eine Metapher; fügt man hier zu dem

Bilde +Blume+ noch weitere sinnliche Beziehungen hinzu (z. B. Same,

Garten, Wachstum, Blüte usw.), so erhält man eine Allegorie. So sagt

+Herder+: „Die römische Dichtkunst war aus griechischem Samen in den

Garten eines Kaisers verpflanzt, wo sie als schöne Blume dastand und

blühte.“ Beispiele: Nacht muß es sein, wo Friedlands Sterne strahlen.

+Schiller.+ In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling,

still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis. +Schiller.+

~c~) Die +Metonymie+ (d. i. Umnennung, Vertauschung des Namens) setzt

wie die Metapher einen Gegenstand für den anderen, aber nicht wie die

Metapher wegen der +Ähnlichkeit+, sondern wegen der +natürlichen und

nahen+ Verbindung, in der die Gegenstände miteinander stehen. Die

Metonymie nimmt Rücksicht auf:

α) das +Raum-+ oder +Zeitverhältnis+. Man setzt den +Ort+ statt

dessen, was sich an demselben befindet, oder den +Zeitraum+ statt

derer, die in demselben leben, z. B.: „Ganz +Rom+ geriet in Erregung“

(statt: alle Römer); „bei Abendglockenläuten ging +die Natur+ zur

Ruh“ (statt: die Geschöpfe). „So fordr’ ich +mein Jahrhundert+ in die

Schranken“ (statt: die Menschen).

β) das +Kausalitätsverhältnis+. Man vertauscht +Ursache+ und

+Wirkung+, z. B.: „Wer nie sein Brot mit +Tränen+ aß“ (statt:

Kummer). „Aus der Wolke quillt der +Segen+“ (statt: Regen). „Hütten,

um die der Landmann stille +Schatten+ pflanzt“ (statt: Bäume). Oder

man setzt für die Verrichtung das Werkzeug, z. B. +Schwert+ (statt:

Krieg), +Pflug+ (statt: Ackerbau). „Der +Degen+ hat den Kaiser arm

gemacht, der +Pflug+ ist’s, der ihn wieder stärken muß.“ +Schiller.+

γ) das +Stoffverhältnis+. Man setzt den +Stoff+ statt der +Sache+,

die daraus verfertigt ist, z. B. +Eisen+ (statt: Schwert), +Stahl+

(statt: Dolch), +Blei+ (statt: Kugel), +Eisen+ (statt: Fessel) usw.

„Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein die schimmernde +Wolle+,

den schneeichten +Lein+.“ +Schiller.+

δ) das +Symbolverhältnis+.[9] Man setzt das +sinnliche Zeichen+

statt des abstrakten Begriffes, der dadurch bezeichnet wird, z. B.

+Lorbeer+ (für Sieg, Ruhm), +Zepter+, +Krone+ (statt: Herrschaft,

Regierung), +Ölzweig+ (statt: Frieden) usw. „Ist denn die +Krone+ ein

so einzig Gut?“ +Schiller.+

~d~) Die +Synekdoche+ (eigentlich: das Mitverstehen) ist genau genommen

nur eine Unterart der Metonymie. Sie setzt statt des Allgemeinen das

+Besondere+, z. B. den +Teil+ für das +Ganze+: +Dach+ (für Haus),

+Mast+ oder +Kiel+ (für Schiff), +Welle+ (für Meer), +Brot+ (für

Nahrung) usw.; oder das +einzelne+ statt der +Vielheit+: „Freiheit

liebt das +Tier+ der Wüste“ (+Schiller+); oder die +bestimmte Zahl+ für

die unbestimmte: „O daß ich +tausend+ Zungen hätte“ usw.

~e~) Die +Prosopopöie+ (d. i. Vermenschlichung) oder +Personifikation+

stellt leblose Dinge oder abstrakte Begriffe als lebende Wesen dar.

Viele Metaphern sind zugleich Prosopopöien, z. B.: Die Sonne +verbirgt

sich+, der Winter +kommt+, die Natur +schläft+, der Himmel +lacht+

herab, die Erde +dürstet+ nach Regen, der Sturm +heult+ oder +brüllt+,

die Wolken +fliehen+, der Strom +zürnt+ usw. Unter Prosopopöien im

engeren Sinne versteht man aber weiter ausgeführte Darstellungen dieser

Art, z. B.:

Da wacht die Erde grünend auf,

Weiß nicht, wie ihr geschehn,

Und lacht in den sonnigen Himmel hinauf

Und möchte vor Lust vergehn.

Sie flicht sich blühende Kränze ins Haar

Und schmückt sich mit Rosen und Ähren

Und läßt die Brünnlein rieseln klar,

Als wären es Freudenzähren.

+Geibel.+

Erzittre Welt, ich bin die Pest,

Ich komm’ in alle Lande,

Und richte mir ein großes Fest,

Mein Blick ist Fieber, feuerfest

Und schwarz ist mein Gewande.

Ich komme von Ägyptenland

In roten Nebelschleiern,

Am Nilusstrand im gelben Sand

Entsog ich Gift dem Wüstenbrand

Und Gift aus Dracheneiern.

+Hermann Lingg.+

~f~) Die +Allusion+ oder +Anspielung+ bringt einen Begriff dadurch

zu lebendiger Anschauung, daß sie auf bekannte Zustände, Tatsachen

und Begebenheiten hindeutet, z. B. er hat eine +Herkulesarbeit+

vollbracht, eine Sisyphusarbeit, Hiobsgeduld, ein salomonisches

Urteil, lakonische Kürze usw. „Ich werde hinter diesen +Wolf+ im

philosophischen +Schafspelz+ Hunde zu bringen wissen, die ihn zausen

sollen.“ +Lessing.+ -- Hierher gehört auch die Bezeichnung von

Personen durch Hinweis auf geschichtliche Ereignisse oder besondere

Eigentümlichkeiten, wenn man z. B. jemand einen Homer, einen Spartaner,

einen Epikuräer, einen schönen Ort ein Paradies oder Elysium, ein

reizendes Tal ein Tempe usw. nennt, oder wenn man statt Pindar sagt:

der +dirkäische Schwan+, statt Menelaus und Agamemnon: die beiden

+Atriden+, statt Dresden: +Elbflorenz+ usw. -- Die Allusion muß immer

verständlich sein, und es ist tadelnswert, wenn auf Vorgänge angespielt

wird, die nicht allgemeiner bekannt sind, wie das namentlich Jean Paul

tut, der viele seiner Anspielungen erst durch Anmerkungen erläutern muß.

~g~) Die +Periphrase+ oder +Umschreibung+ besteht darin, daß eine

Person oder Sache oder eine Tätigkeit nicht mit dem gewöhnlichen

einfachen Ausdrucke, sondern durch Aufzählung einzelner Merkmale oder

Wirkungen u. ähnl. bezeichnet wird, z. B.:

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,

Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn,

Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,

Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?

+Goethe.+

Von dem ich Ehre und irdisches Gut

Zu Lehen trage und Leib und Blut

Und Seele und Atem und Leben. (d. i. alles.)

+Schiller.+

Die Umschreibung ist nur mit Vorsicht anzuwenden, da sie leicht zu

Weitschweifigkeit und Undeutlichkeit führt. Völlig geschmacklos sind

namentlich Ramlers Periphrasen, der z. B. die +Schlittschuhe+ in

folgender Weise umschreibt: „Schuhe von Stahl, worin der Mann der

freundlichen Venus (Vulkan) der Blitze Geschwindigkeit barg“ u. ähnl.

16. Die Figuren.

Die Figuren dienen nicht, wie die Tropen, dazu, der Rede größere

Anschaulichkeit zu verleihen, sondern sie sind nur Wort- und

Gedankenstellungen, welche die Lebendigkeit der Darstellung erhöhen.

Man teilt die Figuren gewöhnlich in +grammatische+ und +rhetorische+

(Sinnfiguren). Die +grammatischen+ Figuren beziehen sich nur auf die

Stellung und Betonung der +Worte+ und auf die äußere Form der Sätze,

während die +rhetorischen+ Figuren die Verhältnisse der +Gedanken+

betreffen.

I. Grammatische Figuren.

~a~) Der +Ausruf+, als Ausbruch der Leidenschaft, z. B.: Furchtbares

Schicksal! +Schiller.+ -- Was für ein Anblick! Welch ein Wiedersehen!

+Schiller.+

~b~) Die +Frage+, als Ausdruck des Zweifels, der Verneinung oder einer

lebhaften Gemütsbewegung, z. B.: Gibt es keinen Gott? Was? Dürfen in

seiner Schöpfung Könige so hausen? +Schiller.+ -- Wann werdet ihr

Poeten des Dichtens einmal müd? +Anastasius Grün.+ -- Kann ich Armeen

aus der Erde stampfen? Wächst mir ein Kornfeld in der flachen Hand?

+Schiller.+

~c~) Die +Anrede+ oder +Apostrophe+ (d. i. +Wegwendung+, nämlich von

der Sache zur Person), z. B.: Darauf antwortetest du, ehrwürdiger

Pfarrer von Grünau. +Voß.+ -- Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten

Triften, ihr traulich stillen Täler, lebet wohl. +Schiller.+

~d~) Das +Asyndeton+. (Vgl. S. 19.)

~e~) Das +Polysyndeton+. (Vgl. S. 19.)

~f~) Die +Ellipse+. (Vgl. S. 19.)

~g~) Die +Aposiopese+ (d. i. Verschweigung). Während bei der Ellipse

nur das Wichtige genannt, das minder Wichtige weggelassen wird,

besteht die Aposiopese umgekehrt darin, daß nur das minder Wichtige

ausgesprochen, die Hauptsache aber verschwiegen wird, z. B.: „Dich

schützt dein Wappenrock, sonst solltest du --“ +Schiller.+ „Wer hier

wagt zu mucken --“ +Herder.+

~h~) Die +Inversion+. (Vgl. S. 19.)

~i~) Das +historische Präsens+. In lebendiger Erzählung bedient sich

der Schriftsteller zuweilen statt des Imperfekts des +Präsens+, z. B.:

Und schaudernd dacht’ ich’s, da kroch’s heran, regte hundert Gelenke

zugleich, +will schnappen+ nach mir; in des Schreckens Wahn +lass’+ ich

los der Koralle umklammerten Zweig; gleich +faßt+ mich der Strudel mit

rasendem Toben. +Schiller.+

Kurzgefaßte Deutsche Stilistik · 第 2 / 10 段