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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1907 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber
dem Original unverändert; fremdsprachliche Passagen wurden nicht
korrigiert. Fußnoten wurden vom Bearbeiter an das Ende des
jeweiligen Abschnitts verschoben.
Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit
den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen=
gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: ~Tilden~
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Handbuch der deutschen Sprache für höhere Schulen.
Zweiter Teil: Für obere Klassen. Ausgabe B, in drei Abteilungen.
Kurzgefaßte Deutsche Stilistik.
Von
Professor ~Dr.~ Otto Lyon.
Siebente vermehrte und verbesserte Auflage.
[Illustration]
1907
Leipzig und Berlin,
Druck und Verlag von B. G. Teubner.
☛ Die Ausgabe A enthält die 3 Abteilungen in +einem+ Bande.
Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts, vorbehalten.
Vorwort zur ersten Auflage.
Eine kurze Darstellung der +Stilistik+, die das Notwendige und
Wesentliche enthält, dürfte sich für den Gebrauch in der Schule nicht
als nutzlos erweisen. Wenn der Schüler die stilistischen Regeln nur
bei der Lektüre oder bei der Rückgabe der Aufsätze, also vereinzelt
und zerstreut, gleichsam nur nebenbei kennen lernt, so vergißt er
sie nur allzuleicht und verfällt fast regelmäßig wieder in dieselben
Fehler; der Lehrer kämpft vergeblich dagegen an. Durch Einsicht in den
wissenschaftlichen Zusammenhang der stilistischen Regeln dagegen wird
jede einzelne Regel in dem Bewußtsein des Schülers weit mehr befestigt
werden, als wenn sie vereinzelt, bloß gedächtnismäßig ergriffen
worden ist. An die Stilistik schließt sich eine kurze Darstellung der
Rektionslehre an, die zur Behandlung in Untersekunda bestimmt ist. Auch
hier ist überall der Sprachgebrauch an der Hand der Sprachgeschichte
geprüft und bei Feststellung der Regeln so objektiv als möglich
verfahren worden.
Vorwort zur siebenten Auflage.
Bei der Durchsicht der siebenten Auflage sind die Verbesserungen und
Berichtigungen, die sich nötig machten, überall eingefügt worden.
Allen, die mich hierbei durch freundliche Mitteilung ihrer Wünsche und
Vorschläge unterstützten, sage ich meinen verbindlichsten Dank.
+Dresden+, 1. März 1907.
=Otto Lyon.=
Inhaltsverzeichnis.
I. Einleitung. Seite
1. Begriff des Stiles 1
2. Begriff der Stilistik 2
3. Einteilung der Stilistik 3
4. Schriftsprache und gesprochene Rede 3
II. Allgemeine Stilistik.
~A.~ Die Eigenschaften des guten Stiles im allgemeinen.
5. Der oberste Grundsatz des guten Stiles 4
6. Deutlichkeit 5
7. Sprachrichtigkeit 5
8. Sprachreinheit 5
9. Bestimmtheit und Kürze des Ausdrucks 11
10. Angemessenheit 14
11. Wohllaut und Neuheit des Ausdrucks 15
12. Anschaulichkeit und Lebendigkeit 17
13. Natürlichkeit 19
~B.~ Bilder und Figuren.
14. Der Gebrauch bildlicher Ausdrücke 20
15. Die Bilder oder Tropen 21
16. Die Figuren 25
17. Bedeutung der Tropen und Figuren für den Stil 29
~C.~ Stilistik des einfachen Satzes.
18. Wortbildung 30
19. Das Substantivum 33
20. Das Verbum 35
21. Die Partizipien 36
22. Das Adjektivum 38
23. Das Pronomen 39
24. Das Adverbium 41
25. Präpositionale Ausdrücke 41
26. Als und wie 43
27. Wortstellung 44
~D.~ Stilistik des zusammengesetzten Satzes.
28. Der Bau der Sätze im allgemeinen 45
29. Form der Sätze 44
30 Art der Verknüpfung 48
31. Stellung der Sätze 49
32. Rhythmus des Satzes 51
III. Besondere Stilistik.
~A.~ Die Arten des Stiles.
33. Prosaischer und poetischer Stil 53
34. Der Stil des Verstandes 53
35. Der Stil des Gemütes 55
~B.~ Die Mittel zur Ausbildung des Stiles.
36. Das Studium guter Muster 57
37. Der Aufsatz 58
38. Das Thema und die Arten der Aufsätze 58
39. Das Sammeln des Stoffes 59
40. Die Disposition 59
41. Dispositionsregeln 61
42. Die Chrie 64
43. Die Ausarbeitung 65
44. Über die Kunst, seine Gedanken gut auszusprechen 66
Anhang zur Stilistik.
I. Übungsbeispiele zur Wiederholung der Syntax 69
II. Rektionslehre.
~A.~ +Rektion der Verben.+
1. Verben, die den Akkusativ regieren 72
2. Verben, die den Dativ regieren 75
3. Verben, die den Genitiv regieren 77
4. Verben mit schwankender Rektion 80
~B.~ +Rektion der Verbalsubstantive+ 85
~C.~ +Rektion der Adjektive.+
1. Adjektive, die den Dativ regieren 86
2. Adjektive, die den Genitiv regieren 86
~D.~ +Rektion der Präpositionen+ 87
Erste Abteilung.
Deutsche Stilistik.
I. Einleitung.
1. Begriff des Stiles.
Das Wort +Stil+ wird in seiner weiteren Bedeutung auf alle Künste
angewendet und bezeichnet überhaupt die Art und Weise der Darstellung.
Man spricht daher z. B. von einem gotischen Stile in der Baukunst,
von dem Stile der Niederländer in der Malerei, von dem Stile Mozarts
in der Musik, von dem Stile Goethes in der Kunst der Sprache. Im
engeren Sinne versteht man jedoch unter Stil nur +die Art und Weise
der sprachlichen Darstellung+. Diese wird durch zweierlei bestimmt: 1.
durch den Inhalt und Zweck des darzustellenden Gegenstandes; 2. durch
die Persönlichkeit und geistige Eigenart des Darstellenden. Sofern
der Stil auf den Inhalt und Zweck des darzustellenden Gegenstandes
Rücksicht nimmt, nennt man ihn +objektiv+, sofern in ihm die Eigenart
des Darstellenden zum Ausdrucke kommt, +subjektiv+. So wird z. B. der
Stil in Schillers akademischer Antrittsrede: „Was heißt und zu welchem
Ende studiert man Universalgeschichte?“ +objektiv+ bestimmt zunächst
durch das Thema, dann durch die Reihe von Gedanken, die sich unter
dieses Thema ordnen lassen, ferner durch den Zweck, die Zuhörer, und
zwar solche, die akademischen Kreisen angehören, für diese Gedanken
zu gewinnen. Objektiv wird also für die ganze Darstellung der Stil
einer akademischen Rede über Begriff und Zweck des Studiums der
Universalgeschichte erfordert. Das +Subjektive+ an dieser Rede aber ist
das, was diese Rede von allen anderen ähnlicher Art unterscheidet und
sie zu einer Rede macht, wie sie nur gerade Schiller seiner geistigen
Eigenart und Bildung, sowie der Bildung seiner Zeit gemäß halten
konnte. Zahlreiche Lieblingsideen und Lieblingswendungen Schillers, die
wir darin finden, der stolze Schwung der Rede, der noch heute jeden
Leser unwiderstehlich mit sich fortreißt, die Anlehnung an die Gedanken
Kants u. ähnl. geben der Darstellung ihr subjektives Gepräge.
Die +objektive+ und +subjektive+ Seite des Stiles sind
selbstverständlich in der Wirklichkeit immer innig verbunden; es
wird aber je nach dem Inhalte des darzustellenden Gegenstandes bald
die eine, bald die andere Seite in den Vordergrund treten. Eine
wissenschaftliche Darstellung z. B. ist streng objektiv zu halten, eine
Rede, welche die Hörer anregen und begeistern soll, erfordert reiche
subjektive Färbung; ein episches Gedicht verlangt große Objektivität,
bei einem lyrischen Gedichte ist starke Subjektivität unbedingtes
Erfordernis. Im allgemeinen muß namentlich der poetische Stil sein
eigenartiges Gepräge durch die Persönlichkeit des Dichters erhalten,
während dem prosaischen Stile mehr objektive Ruhe günstig ist.
Das rechte Verhältnis zwischen Subjektivität und Objektivität zu
treffen, ist eine der schwierigsten Aufgaben des Stiles. Schließt
sich der Stil nur objektiv an fremde Muster an, so mangelt ihm das
eigenartige Gepräge, und dieser Mangel kann uns oft ganze Werke
ungenießbar machen; überwiegt aber die Subjektivität in der Weise,
daß Dinge in die Darstellung hineingetragen werden, die in dem
darzustellenden Gegenstande nicht begründet sind oder gar mit demselben
in Widerspruch stehen, so wird der Stil zur +Manier+. Gegenüber dem
wahrhaften Stile Goethes und Schillers zeigt z. B. der Stil Jean Pauls
und unter den neueren Erzählern der Wilhelm Raabes stellenweise Manier.
+Anmerkung 1.+ Das Wort Stil ist aus dem Lateinischen (aus lat.
~stilus~, d. i. Griffel) zu uns gekommen. Das lateinische ~stilus~
geht wieder auf griech. στῦλος zurück, was gleichfalls den metallenen
Griffel bezeichnete, mit dem der Grieche durch Einritzen in eine
Wachstafel schrieb. Einige Sprachforscher leiten auch unser
Wort „+Stiel+“ von lat. ~stilus~ ab, was den Lautgesetzen nicht
widerspricht. Doch ist hier wohl eher Urverwandtschaft anzunehmen.
+Anmerkung 2.+ Über den Einfluß der Persönlichkeit und Gesinnung des
Dichters auf seine Werke sagt Goethe: „Eigentlich kommt alles auf die
Gesinnungen an; wo diese sind, treten auch die Gedanken hervor, und
nach dem sie sind, sind auch die Gedanken.“ Sprüche in Prosa 542.
Hempelsche Ausgabe. -- Von Werken, die nur objektiven Stil haben,
sagt derselbe Dichter: „Es werden jetzt Produktionen möglich, die
Null sind, ohne schlecht zu sein: Null, weil sie keinen Gehalt haben;
nicht schlecht, weil eine allgemeine Form guter Muster den Verfassern
vorschwebt.“ Spr. i. Pr. 119.
2. Begriff der Stilistik.
Stilistik ist +die Wissenschaft des Stiles+. Sie sucht die Gesetze und
Regeln der sprachlichen Darstellung auf und stellt sie im Zusammenhange
dar. Man darf die Stilistik nicht verwechseln mit der +Poetik und
Rhetorik+. Die Poetik erörtert die Gesetze und Formen der Dichtung,
die Rhetorik behandelt die Kunst der Beredsamkeit und der prosaischen
Darstellung des Redners. Die Stilistik aber hat es mit der äußeren
sprachlichen Form der Darstellung überhaupt zu tun, sie umfaßt die
Gesetze über Deutlichkeit, Richtigkeit und Schönheit des Ausdruckes,
über Belebung durch bildliche Wendungen, über die Wahl der Worte,
den Bau der Sätze usw. Da die Sprache das Ausdrucksmittel sowohl
des Redners, als auch des Dichters ist, so gelten die allgemeinen
Sprachregeln der Stilistik für die Prosa wie für die Poesie. Der
Umstand, daß die Alten in ihre Darstellungen der Rhetorik auch
gewöhnlich die Regeln der Stilistik mit einschlossen (weil der Redner
auch die stilistischen Regeln kennen und anwenden muß), hat dazu
geführt, daß bis in die neueste Zeit Rhetorik und Stilistik vielfach
vermengt und in verworrener Weise durcheinandergemischt werden.[1]
Mit den +Stoffen+ und +Ideen+, die dargestellt werden, hat es die
Stilistik nur insoweit zu tun, als diese Einfluß auf die innere oder
äußere sprachliche Form üben. Die Stilistik stellt ferner nur die
Regeln des +objektiven+ Stiles dar; denn es ist nicht ihre Aufgabe, von
dem Stil eines bestimmten Schriftstellers oder eines Zeitalters oder
eines Volkes zu reden, sondern sie behandelt die allgemeinen Gesetze
des Stiles, die für die Schriftsteller aller Zeiten und Völker Geltung
haben. Die +deutsche+ Stilistik berücksichtigt dabei zugleich die
Eigenart der deutschen Sprache und des deutschen Volkes.
+Anmerkung.+ Eine klare Bestimmung der Begriffe +Rhetorik+ und
+Stilistik+ gab zuerst +Wilhelm Wackernagel+ in seinen Vorlesungen
über +Poetik+, +Rhetorik+ und +Stilistik+, herausgeg. v. Ludw.
Sieber, Halle 1873; eine selbständige, streng wissenschaftliche
Behandlung der deutschen Stilistik, losgelöst von der Rhetorik
der Alten, hat zuerst +Karl Ferdinand Becker+ in seinem Buche:
+Der deutsche Stil+ (neu bearb. v. O. Lyon, Prag und Leipzig 1883)
angebahnt. Sehr anregend ist die „Deutsche Stilistik“ von +Richard M.
Meyer+, München 1906.
3. Einteilung der Stilistik.
Die Stilistik zerfällt in die +allgemeine+ und in die +besondere+. Die
+allgemeine+ Stilistik handelt von den Eigenschaften des guten Stiles
überhaupt, von den Mitteln zur lebendigeren Gestaltung der Rede, von
dem stilgerechten Bau und der wohllautenden Gliederung des einfachen
und zusammengesetzten Satzes. In der +besonderen+ Stilistik dagegen
kommen die Arten des Stiles und die Mittel zur Ausbildung desselben zur
Darstellung.
4. Schriftsprache und gesprochene Rede.
Man bezieht das Wort +Stil+ gewöhnlich nur auf die Darstellung der
Gedanken in der +Schriftsprache+. Diese Auffassung ist aber einseitig
und irrtümlich. Dieselben Gesetze vielmehr, die für die Schriftsprache
gelten, liegen auch der mündlichen Rede zugrunde. Zwar fordert die
Schriftsprache, weil sie die Gedanken nicht bloß für den Augenblick
und für einzelne Personen darstellt, und weil sie nicht durch die
Betonung und das lebendige Gebärdenspiel des Sprechenden unterstützt
wird, in der Regel eine größere Sorgfalt, namentlich in bezug auf
die Wahl der Worte und die Wortstellung, aber es kann nicht dringend
genug darauf hingewiesen werden, daß der mündlichen Rede dieselbe
Sorgfalt zuzuwenden ist wie der geschriebenen. Vor allem aber darf die
Schriftsprache nicht in der Schärfe von der mündlichen Rede getrennt
werden, wie es jetzt leider gewöhnlich geschieht. Gerade die Zeiten der
höchsten Blüte unserer Sprache und gerade unsere größten Dichter sahen
in der Sprache in erster Linie etwas, +das gesprochen wird+, und gaben
der mündlichen Rede den Vorrang vor der Schriftsprache. Das Zeitalter
der Minnesinger, das Zeitalter Luthers, das Zeitalter Schillers und
Goethes bieten dafür ausreichende Beweise. Nur immer diejenigen
Zeiten, in denen sich unser Sprachleben im Rückgange befand, erhoben
die Schriftsprache zur stolzen Herrin und drückten die mündliche Rede
zur dienenden Magd herab. Hätten Klopstock, Goethe und Schiller nicht
unserer Sprache durch Worte und Wendungen, die sie der lebendigen
Sprache ihrer Heimat entnahmen, eine großartige Erweiterung gegeben,
so wären vielleicht heute noch die beschränkten Sprach- und Stilregeln
Gottscheds und Adelungs geltend.
+Anmerkung.+ Klopstock kämpfte sein ganzes Leben hindurch gegen
das bloße stille Lesen mit den Augen. Goethe sagt unter anderem in
Dichtung und Wahrheit (II, 10): „Schreiben ist ein Mißbrauch der
Sprache, stille für sich lesen ein trauriges Surrogat der Rede.“ An
der Adrastea (6, 187) sagt Herder: „Welche Nation hat ihre Sprache
wesentlich so verunstalten lassen, als die deutsche? Gehen Sie in die
Zeiten der Minnesinger zurück, hören Sie noch jetzt den lebendigen
Klang der verschiedenen, zumal west- und südlichen Dialekte
Deutschlands, und blicken in unsere Büchersprache. Jene sanften oder
raschen An- und Ausklänge der Worte, jene Modulation der Übergänge,
die den Sprechenden am stärksten charakterisieren -- da wir Deutsche
so wenig öffentlich und laut sprechen, sind sie in der Büchersprache
verwischt!“ Ganz besonders beherzigenswert ist Herders Schulrede:
„Von der Ausbildung der Rede und Sprache in Kindern und Jünglingen.“
II. Allgemeine Stilistik.
~A.~ Die Eigenschaften des guten Stiles im allgemeinen.
5. Der oberste Grundsatz des guten Stiles.
Der oberste Grundsatz des guten Stiles, aus dem sich alle übrigen
Eigenschaften ergeben, ist +die vollkommene Übereinstimmung des
Ausdruckes mit der Sache+. Sofern eine solche Übereinstimmung
in dem Hörer oder Leser volles Wohlgefallen und das Gefühl des
Befriedigtseins erweckt, kann man sie auch kurz als die +wahre
Schönheit der Darstellung+ bezeichnen. Um diese zu erreichen,
muß der Stil folgende Eigenschaften haben: 1. Deutlichkeit, 2.
Sprachrichtigkeit, 3. Sprachreinheit, 4. Bestimmtheit und Kürze
des Ausdruckes, 5. Angemessenheit, 6. Wohllaut und Neuheit des
Ausdruckes, 7. Anschaulichkeit und Lebendigkeit, 8. Natürlichkeit.
Je nach der Stilgattung wird natürlich bald die eine, bald die andere
Eigenschaft überwiegen; eine belehrende Abhandlung z. B. wird vor
allem nach Deutlichkeit und Klarheit, eine fesselnde Schilderung nach
Anschaulichkeit und Lebendigkeit zu streben haben usw., aber wenn
auch eine Eigenschaft in den Vordergrund tritt, so dürfen deshalb die
anderen nicht fehlen.
+Anmerkung.+ Die älteren Stilistiker stellten die +Zweckmäßigkeit+
als das oberste Gesetz des guten Stiles auf. Diesen Irrtum gründlich
widerlegt und hoffentlich für immer aus der Wissenschaft des Stiles
entfernt zu haben ist das Verdienst +Beckers+ (Der deutsche Stil, 3.
Aufl. S. 5 flg. 12 flg. 60 flg.).
6. Deutlichkeit.
Die erste Forderung, die an eine sprachliche Darstellung gestellt
werden muß, ist die der +Deutlichkeit+. Wenn jemand über einen
Gegenstand spricht oder schreibt, so muß in der ganzen Darstellung
überall zutage treten, daß der Sprechende oder Schreibende den
Gegenstand bis ins kleinste mit seinem Verstande beherrscht, und
ferner muß die Darstellung so beschaffen sein, daß durch sie auch der
Hörende oder Lesende den dargestellten Gegenstand mit seinem Verstande
vollkommen zu erfassen vermag. Eine solche Darstellung nennt man
+deutlich+. Die Deutlichkeit verlangt daher, daß der Darstellende den
Gegenstand, ehe er über ihn spricht oder schreibt, rein und scharf
aufgefaßt, nach allen Seiten hin durchdacht und eine der Wahrheit
und Wirklichkeit völlig entsprechende Anschauung über ihn gewonnen
habe. „Die größte Deutlichkeit war mir immer die größte Schönheit“,
sagt Lessing. Der Deutlichkeit dienen außerdem hauptsächlich die drei
folgenden Eigenschaften des guten Stiles: +die Sprachrichtigkeit+, +die
Sprachreinheit+, +die Bestimmtheit und Kürze des Ausdruckes+.
7. Sprachrichtigkeit.
Die +Sprachrichtigkeit oder Korrektheit+ besteht darin, daß die
Darstellung nicht gegen die Gesetze der Wortbildung und Wortbiegung,
sowie der Satzbildung und Satzfügung verstößt. Diese Gesetze stellt die
Grammatik dar, und man kann daher kurz sagen: die Sprachrichtigkeit
beruht auf der sorgfältigen Befolgung der grammatischen Regeln.
+Anmerkung.+ Einen Verstoß gegen die Sprachrichtigkeit nannten die
Alten +Solözismus+ (von Soli, einer Stadt in Cilicien, deren Bewohner
ein sehr fehlerhaftes Griechisch sprachen), einen Verstoß gegen die
Sprachreinheit dagegen +Barbarismus+.
8. Sprachreinheit.
Die +Sprachreinheit+ bezieht sich auf die Wahl der Worte. Sie
fordert, daß der Schreibende nur solche Worte und Redewendungen
gebrauche, die der deutschen Sprache eigentümlich, seinem Zeitalter
nicht unverständlich und in den gebildeten Kreisen unseres Volkes
üblich sind. Gegen die Reinheit des Ausdruckes verstößt daher
derjenige, der in seine Darstellung ~a~) +Fremdwörter und fremde
Redewendungen+, ~b~) +veraltete Wörter+ (den Gebrauch solcher Wörter
nennt man +Archaismus+), ~c~) +landschaftliche Ausdrücke+ (die
Verwendung derselben in der Schriftsprache heißt +Provinzialismus+),
~d~) willkürliche und dem Geiste unserer Sprache widerstrebende
+Neubildungen+ (+Neologismen+) einmischt.
~a~) +Fremdwörter und fremde Redewendungen.+ Die Forderung, die
Fremdwörter zu meiden, ist nicht so zu verstehen, als ob alle
Fremdwörter ohne Ausnahme aus Rede und Schrift verbannt werden
müßten, vielmehr ist hier mit großer Sorgfalt zu scheiden zwischen
entbehrlichen und unentbehrlichen Fremdwörtern. Im allgemeinen läßt
sich als Regel feststellen, +daß Fremdwörter niemals da gebraucht
werden dürfen, wo uns ein gleichbedeutendes und schön gebildetes
deutsches Wort als Ersatz zu Gebote steht+. Vor allem muß man zunächst
scheiden zwischen +Fremdwörtern+ und +Lehnwörtern+. Unter Lehnwörtern
versteht man solche Wörter, die bereits in einer früheren Periode in
unsere deutsche Sprache aufgenommen worden sind und völlig deutsche
Form angenommen haben, z. B. Anker (lat. ~ancora~), Brief (lat.
~breve~), predigen (lat. ~praedicare~), Pforte (lat. ~porta~), Regel
(lat. ~regula~), Schule (lat. ~schola~), Spiegel (lat. ~speculum~),
Tafel (lat. ~tabula~), Ziegel (lat. ~tegula~) u. a. Diese Wörter
werden von uns gar nicht mehr als Fremdwörter empfunden, und es wäre
lächerlich, auch diese durch rein deutsche Ausdrücke wiedergeben zu
wollen, wie es Philipp von Zesen u. a. getan haben, die +Person+ durch
+Selbstand+, +Fenster+ durch +Tageleuchter+, ja sogar das Wort +Nase+,
das gar kein Lehnwort, sondern wie andere Benennungen von Teilen des
Körpers, z. B. Herz, Fuß, Ohr, Zahn, urverwandt mit der griech.-lat.
Bezeichnung ist, durch +Löschhorn+ usw. übersetzten. Aber auch von
den eigentlichen Fremdwörtern, d. h. von denjenigen, die wir wirklich
als solche empfinden, erweisen sich viele als unentbehrlich, und wer
diese durch selbstgemachte Verdeutschungen ersetzen wollte, der würde
in Gefahr kommen, seinen Hörern und Lesern unverständlich zu werden.
Die meisten dieser Wörter sind technische Ausdrücke der Wissenschaften
und Künste. Neben diesen unentbehrlichen Fremdwörtern ist aber leider
in unsere deutsche Sprache eine ganz außerordentlich große Zahl völlig
entbehrlicher Fremdwörter eingedrungen, und diese sind es, welche die
Reinheit und Schönheit unserer Sprache so schwer schädigen. Mit größter
Strenge fordert die Reinheit des Ausdruckes, daß diese Fremdwörter, für
die genau zutreffende, oft weit bessere einheimische Ausdrücke sich
darbieten, in allen Stilgattungen vermieden werden, und der Gebrauch
eines solchen Fremdwortes sollte billig als ein ebenso arger Verstoß
gegen den guten Stil gelten wie der Gebrauch eines falschen Kasus
oder einer falschen Verbalform. Denn die lexikalische Seite unserer
Sprache verlangt dieselbe Berücksichtigung wie die grammatische Seite.
Meist leidet durch die Fremdwörter auch der Wohlklang der Rede, die
vielen Wörter auf +-tät+ und +-ieren+ z. B. sind fast ausnahmslos
unschön, und ihr Klang beleidigt das Ohr (z. B. Authentizität,
Reziprozität, Kredulität, Probabilität, Monstrosität, Intelligibilität,
Idealität, Souveränität, Spezialität, identifizieren, rehabilitieren,
inventarisieren, rekonstruieren, spezifizieren, spezialisieren,
stigmatisieren, sympathisieren, usw.). Das deutsche Wort hat gewöhnlich
edleren und höheren Klang als das Fremdwort, man vergleiche z. B.
+Mut+ und +Courage+, +Unglück+ und +Malheur+, +Gnade+ und +Pardon+,
+Vergnügen+ und +Pläsier+, +edle Leidenschaften+ und +noble Passionen+,
+dunkel+ und +obskur+, +Geschenk+ und +Präsent+, +unsicher+ und
+prekär+, +gewinnen+ und +profitieren+ usw. Durch die Einmischung von
Fremdwörtern wird daher der Ausdruck leicht unedel und niedrig.
Gute Verdeutschungen sind: +Beförderung+ (Avancement), +Widerstreit+
(Antagonismus), +Dienstalter+ (Anciennität), +Ruhegehalt+ (Pension),
+Verwaltung+ (Administration), +Anzeige+ (Annonce), +Zerrbild+
(Karikatur), +Versteigerung+ (Auktion), +Einleitung+ (Exordium),
+Feldzug+ (Kampagne), +Mehrheit+ (Majorität), +Minderheit+ (Minorität),
+Antrieb+ (Impuls), +Naturtrieb+ (Instinkt), +Eilbote+ (Kurier),
+Zeitungsschriftsteller+ (Journalist), +Streitschrift+ (Pamphlet),
+Duldsamkeit+ (Toleranz), +Spaziergang+ (Promenade), +Reifeprüfung+
(Maturitätsexamen), +folgetreu+ (konsequent), +zuständig+ (kompetent),
+rechtmäßig+ (legitim), +amtlich+ (offiziell), +lautlich+ (phonetisch),
+geeignet+ (qualifiziert), +reißend schnell+ (rapid), +festsetzen+
(stipulieren), +Vertauschung+ (~quid pro quo~) u. v. a.[2]
Ebenso wie die Fremdwörter sind +fremde, aus anderen Sprachen
herübergenommene Wendungen+ und +undeutsche Übertragungen fremder
Ausdrücke+ zu meiden. Durch solche undeutsche Wendungen wird die
Reinheit des Stiles in hohem Grade verletzt. Die meisten derselben
entstammen der französischen (Gallizismen) und der lateinischen Sprache
(Latinismen). Ein Gallizismus ist z. B. die Wendung: „+gegenüber
von dieser Meinung+“ (~vis-à-vis de~...) statt: „+dieser Meinung
gegenüber+“; ferner der Gebrauch des hinweisenden Fürworts +jener+
statt des dem Französischen fehlenden +der+ in Sätzen wie: „Die kühne
Tat des Horatius Cocles und +jene+ (~celle~, statt: die) des Mucius
Scävola“ usw. Man sagt deutsch: „Ich bin +mit+ etwas zufrieden, +mit+
etwas beschäftigt“ u. ähnl. Falsch ist es daher, mit Anlehnung an das
Französische zu sagen: „Ich bin +von+ etwas zufrieden (~content de~),
+von+ etwas beschäftigt (~occupé de~)“ usw., was sich bei einigen
Schriftstellern findet. Man kann im Deutschen +fühlen+ nicht mit
dem bloßen Dativ verbinden, sondern bedient sich zur Anknüpfung der
Präposition +in+, z. B.: Ich fühle Kraft +in mir+ (nicht: Ich fühle
+mir+ Kraft, wie Schiller und Goethe einigemal geschrieben haben). Die
Wendungen: +sich durchdringen+ (statt: +durchdrungen sein+), +sich
verkaufen+ (statt: +verkauft werden+) u. ähnl. sind Gallizismen, z. B.
Das Volk +durchdringt sich+ (~se pénètre~, statt: ist durchdrungen)
von Begeisterung für seine große, weltgeschichtliche Aufgabe; die Ware
+verkaufte sich+ zu sehr billigen Preisen (deutsch: wurde verkauft).
Ausdrücke wie: „Er +geht+, seine Arbeit zu beginnen“; „jemand +auf
dem laufenden+ halten (~tenir au courant des affaires~), +auf dem
laufenden+ bleiben“; „die Freunde, es +ist wahr+, haben mich betrogen“;
„+in diesem+ Lande ist es, wo die Freiheit wohnt“; „es brauchte diesen
tränenvollen Krieg“ (Schiller, statt: es bedurfte dieses Krieges);
„unter die Nase lachen“ (Schiller, statt: jemand ins Gesicht lachen)
u. a. verraten sofort ihren französischen Ursprung.[3] -- +Lateinisch+
sind Wendungen wie: +Cäsar, als er+ usw., +Hannibal, nachdem er+
usw. (deutsch: Als Cäsar usw. Nachdem Hannibal usw.); +ich scheine
mir+ (deutsch: ich glaube). Das lateinische ~qualis~ nach ~talis~,
~quantus~ nach ~tantus~ ist im Deutschen durch „wie“ wiederzugeben.
Wendungen wie: „Die Schlacht, als welche es keine berühmtere gibt“ sind
im Deutschen durchaus zu meiden; wir sagen: „Das ist die berühmteste
Schlacht, die jemals geliefert worden ist.“ Ganz besonders stammt aus
dem Lateinischen die Unsitte der Häufung von partizipialen Wendungen
und der Einschachtelung von Nebensätzen (s. hierüber die Stilistik des
zusammengesetzten Satzes).
b) +Veraltete Wörter.+ Altertümliche Ausdrücke wie: +kreucht+,
+zeucht+, +zween+, +zwo+, +sintemal+, +alldieweil+, +dieweil+, +maßen+,
+jetzo+, +itzt+, +gelahrt+, +dermaleins+, +dahero+, +hinfüro+, +von
wegen+, +derselbige+, +männiglich+, +spützen+, +Stümmel+ (statt:
Stummel), +das Trumm+ (statt: Stück, Trümmer), +Gelück+, +gelücken+,
+bestahn+, +empfahen+, ein Gebot +übergehen+ (statt: übertreten),
der +Übergeher+, +beiten+ (für verweilen) u. a. geben dem Stil etwas
Gespreiztes und Unnatürliches und sind zu meiden. Doch sind auch hier
Ausnahmen zulässig. Die Erforschung des Alt- und Mittelhochdeutschen
hat gezeigt, daß mancher schöne Ausdruck, den die ältere Sprache
kannte, verloren gegangen ist. Solche Ausdrücke wieder zu beleben und
in unsere Schriftsprache einzuführen, ist nicht nur zulässig, sondern
sogar wünschenswert, ja Ludwig Uhland hat das sogar als eine notwendige
Forderung für die weitere Entwickelung unserer Sprache hingestellt.
Dieser Dichter hat auch mit großem Glück zahlreiche alte Ausdrücke und
Wendungen unserer Sprache zurückerobert, ebenso wie das +Jakob Grimm+,
+Gustav Freytag+ und +Viktor Scheffel+ getan haben.
~c~) +Landschaftliche Ausdrücke.+ Unter landschaftlichen Ausdrücken
versteht man solche, die nur gewissen Mundarten angehören und dem
allgemeinen Sprachgebrauche fremd sind. Sie stören nicht nur die
Verständlichkeit einer sprachlichen Darstellung, sondern klingen
oft auch unedel und niedrig; zuweilen verstoßen sie auch gegen
die Sprachrichtigkeit. Solche tadelnswerte landschaftliche Wörter
und Wendungen sind z. B. +zuverläßlich+ (statt: zuverlässig), +so
ein+ (statt: ein solcher), +gemeinnützlich+ (statt: gemeinnützig),
+verzählen+ (statt: erzählen), +zu Hause gehen+ (statt: nach Hause),
+Verkältung+ (statt: Erkältung), ich +habe daran oder darauf vergessen+
(statt: ich habe es vergessen), sich mit einem +etwas erzählen+
(statt: unterhalten), +Hanke+ (statt: Hüfte), +losgehen+ (statt:
anfangen), +ferten+ (statt: voriges Jahr; fränkisch), +mitmachen+,
+mittun+ (statt: teilnehmen), +irritieren+ in der falschen Anwendung
als: +irre machen+ (z. B. er ließ sich durch die falsche Meldung
nicht +irritieren+; irritieren heißt vielmehr: erregen, reizen),
nach Berlin +machen+ oder +werden+ (statt: reisen) usw. -- Große
Dichter und Schriftsteller haben jedoch oft mit großem Glück
landschaftliche Ausdrücke verwendet und dadurch unsere Schriftsprache
dauernd bereichert. Wir gebrauchen jetzt z. B. die Wörter: +düster+,
+dröhnen+, +dreist+, +staunen+, +entsprechen+ (für: +gemäß sein+, z. B.
der Titel des Buches +entspricht+ dem Inhalte) u. a. im edelsten
Stile, und doch sind diese Wörter erst aus verschiedenen Mundarten
in die Schriftsprache vorgedrungen und wurden früher als unzulässige
Provinzialismen getadelt.[4] So wurden durch Goethe und Schiller
namentlich unserer Schriftsprache zahlreiche oberdeutsche Ausdrücke
zugeführt, während andere Schriftsteller wieder niederdeutsche
Wendungen zur Geltung brachten. Doch nur vollendete Meister der Sprache
vermögen auf solche Art unsere Schriftsprache zu bereichern. Das
Gesagte soll nur zeigen, wie fortwährend unsere Schriftsprache aus der
lebendigen Sprache der Mundarten sich erneuert und so vor Erstarrung
bewahrt. Man blicke deshalb nicht mit Verachtung auf die Mundarten
herab und beherzige die Worte Schleichers: „Die Mundarten sind die
natürlichen, nach den Gesetzen der sprachgeschichtlichen Veränderungen
gewordenen Formen im Gegensatze zu der mehr oder minder gemachten und
zugestutzten Sprache der Schrift.“ (Die deutsche Sprache, S. 111.)
~d~) +Fehlerhafte Neubildungen.+ Ebenso wie man den Gebrauch
veralteter Wörter zu meiden hat, muß man sich auch hüten, neue
Wörter zu bilden und zu verwenden, die entweder mit den Gesetzen der
Sprache in Widerspruch stehen oder gegen den Wohlklang verstoßen.
Selbstverständlich bedarf eine Sprache, die nicht der Erstarrung
anheimfallen will, immer eines frischen Nachwuchses neuer Ausdrücke;
aber diese neuen Wörter, durch welche die Sprache wirklich bereichert
wird, können nicht willkürlich gemacht werden, sondern sie wachsen
mit Naturnotwendigkeit aus den gesunden Keimen der Sprache heraus. In
glücklichen Stunden finden schöpferische Geister solche Ausdrücke, und
diese Neubildungen erweisen sich schon dadurch als gesund, daß sie
dauernd in den Wortschatz der Sprache übergehen. Solche Neubildungen
sind natürlich keine Neologismen. Klopstock, Lessing, Wieland, Goethe,
Schiller und Rückert haben unserer Sprache viele neue Wörter zugeführt.
Im Simplicissimus findet sich zum erstenmal das Wort „unaussprechlich“,
das aber erst durch Klopstock eine dauernde Stellung in unserer Sprache
erhalten hat. +Urbild+ für Original tadelt schon Gottsched (Beyträge
II, 244) im Jahre 1733, doch wird das Wort später von Lessing für
Ideal verwendet. Das Wort „+empfindsam+“ findet sich zum erstenmal im
Jahre 1768 bei Bode, dem Übersetzer von ~Yorick’s sentimental journey~
(empfindsamer Reise) von Lorenz Sterne, der es auf Lessings Rat hin
anwendet. Lessing gebraucht zuerst +Zartgefühl+ für Delikatesse,
Goethe +Zweigesang+ für Duett, +ausgesprochen+ für prononciert,
Haller +Sternwarte+ für Observatorium usw. Simon Dach führte das Wort
+furchtlos+ in unsere Sprache ein, das noch Gottsched hart tadelte.
Das Wort +Sommerfrische+ stammt erst von Ludwig Steub; früher schrieb
man dafür Villeggiatur. Adelung verwarf die Worte +Sterblichkeit+
(für Mortalität)[5], +Gemeinplatz+ (für ~locus communis~)[6], die
Entwickelung der Sprache hat ihm unrecht gegeben. Im 16. Jahrhundert
haben namentlich +Luther+ und +Fischart+ die Sprache mit neuen Worten
bereichert.
Fehlerhaft sind dagegen viele Neubildungen der Puristen, z. B.
+Zeitblick+ für Minute, +Obstinne+ für Pomona, +Kluginne+ für
Pallas, +Reimband+ für Vers, +Geschichtdichtung+ für Roman u. v.
a., und die Sprache hat diese rasch wieder ausgeschieden oder gar
nicht aufgenommen. Tadelnswert sind namentlich auch zahlreiche
Zusammensetzungen, die ohne Rücksicht auf Wohlklang und ohne
Beachtung der Sprachgesetze gebildet werden, z. B. +Vorwärtsmarsch+
(statt: +Vormarsch+), +Rückwärtsmarsch+, +Beeinflußbarkeit+,
+Außerachtlassung+, +Ansichreißung+, +Nichtbeleidiger+,
+Helligkeitszunahme+, +Geltendmachung+, das +Nichtzustandekommen+
des Planes, +Anbringung+, +Offenlassung+, das +Vonsichwerfen+,
+Verächtlichmachung+, +Graunjammerüberwältigung+ (Voß),
+Vorzeitsfamilienmordgemälde+ (Platen), +Feindesburgenkampferstürmer+
(Rückert) u. v. a. Solche und ähnliche Bildungen sind zu meiden.
Schlechte Neubildungen sind auch die von Adverbien gebildeten
Adjektive: +hinterherig+, +dasig+, +immerfortig+, +schlechthinnig+
(Schleiermacher), +jederzeitig+, +allerortig+, +solchergestaltig+,
+letzthinnig+ u. a.
9. Bestimmtheit und Kürze des Ausdrucks.
~a~) Die +Bestimmtheit+ des Ausdrucks besteht darin, daß durch das Wort
oder den Satz scharf und genau der Begriff oder Gedanke wiedergegeben
wird, der dargestellt werden soll. Die Unbestimmtheit in der Rede
entspringt gewöhnlich aus dem Mangel an Klarheit und Schärfe des
Denkens. Das Wort muß den Begriff genau nach Inhalt und Umfang zum
Ausdrucke bringen; so darf man da, wo es auf genauen Wortsinn ankommt,
nicht sagen: +Gegner+ statt +Feind+, +Obst+ statt +Äpfel, Totschlag+
statt +Mord+, +ganz+ statt +alle+, +manche+ statt +viele+, +Laub+ statt
+Blatt+, +Tugend+ statt +Nächstenliebe+, +mäßigen+ statt +bändigen+,
+matt+ statt +müde+, +Kälte+ statt +Frost+ usw. Auch hüte man sich vor
überflüssigen Zusätzen, wie +gleichsam+, +gewissermaßen+, +mögen+,
+können+, +dürfen+, +sollen+ u. ähnl., durch welche die Rede oft
unerträglich breit wird. Namentlich fordert die Bestimmtheit, daß man
alle Zweideutigkeit oder Vieldeutigkeit in der Rede meide, und daß
man die sinnverwandten Wörter sorgfältig in Bedeutung und Gebrauch
voneinander unterscheide.
Die +Zweideutigkeit+ oder +Vieldeutigkeit+ des Ausdrucks (griech.
+Amphibolie+, lat. ~ambiguitas~ genannt) besteht darin, daß Wörter,
die verschiedene Bedeutungen oder Beziehungen haben können, angewendet
werden, ohne daß der Zusammenhang klar ergibt, welche Bedeutung oder
Beziehung in dem betreffenden Falle gemeint sei. Die Präposition
+von+ kann z. B. bald den +Urheber oder die Ursache+ (lat. ~a~), bald
+die Person oder Sache+, über welche gesprochen oder geschrieben
wird (lat. ~de~), bald ein partitives Verhältnis bezeichnen (z. B.
einer +von uns+). Zweideutig sind daher Wendungen wie: „Wir ließen
uns seltsame Dinge +von+ ihm erzählen“ (~a~ oder ~de~?), „Ich habe
mancherlei +von+ ihm erfahren“; „+von den Soldaten+ wurde +einer
getötet+“ (~a~ oder ~ex~?). +Verfolgen+ heißt entweder: +eifrig
nachstreben+ oder +feindlich nachstellen+; man sagt daher zweideutig:
„Er +verfolgt+ die Politik seines Vorgängers.“ +Übersehen+ kann
bedeuten: +beherrschen+ oder +vernachlässigen+; daher ist folgender
Satz zweideutig: „Der Geschäftsführer +übersah+ mehr, als man glaubte.“
-- Mehrdeutigkeiten in der Beziehung stellen sich namentlich leicht
beim Gebrauch der Pronomina ein, z. B. „Der Wirt ist mit dem Nachbar
und seinem Sohne fortgegangen“ (mit dem Sohne des Wirtes oder des
Nachbars?). Die Zweideutigkeit in diesem Satze kann entweder durch
Veränderung der Wortstellung oder durch Einführung von „+dessen+“
statt „+seinem+“ gehoben werden. Oft läßt sich eine Zweideutigkeit
durch Anwendung des Pronomens +derselbe+ (oder +dieser+) vermeiden.
Wenn ich sage: „Der Fremde wohnte lange bei diesem Seelsorger; er hat
ihm das Leben gerettet“, so bleibt unklar, wer der Retter und wer der
Gerettete ist. Der Satz ist jedoch sofort völlig klar, wenn ich sage:
„+derselbe+ (oder +dieser+) hat ihm das Leben gerettet“ oder: „er
hat +demselben+ (oder +diesem+) das Leben gerettet.“ Im ersten Falle
ist der Lebensretter der Seelsorger, im zweiten Falle der Fremde.
Man merke über den Gebrauch des Pronomens +derselbe+ hier die Regel:
Wenn das Pronomen +derselbe+ auf verschiedene Substantive bezogen
werden kann, so ist es niemals auf das Subjekt, sondern immer auf ein
anderes Satzglied zu beziehen. Demnach unterscheide man: „Mein Bruder
ist zu meinem Freunde gegangen; +derselbe+ soll mit ihm in die Stadt
gehen“ und „Mein Bruder ist zu meinem Freunde gegangen, er soll mit
+demselben+ in die Stadt gehen.“ Undeutlich sind auch die Beziehungen
in Sätzen wie: „+Als Politiker+ zolle ich ihm volle Anerkennung“, „+Der
Verlust des Freundes+ schmerzt uns“, „+Die Unterstützung der Mutter+
kam zu spät“ usw.
+Sinnverwandte Wörter+ richtig zu gebrauchen, erfordert große
Aufmerksamkeit, da die Unterschiede oft sehr fein sind. Wörter wie
+klug+ und +weise+, +Freude+, +Vergnügen+, +Wonne+ und +Lust+,
+entdecken+, +enthüllen+ und +entlarven+, +anstellig+, +geschickt+ und
+fähig+, +klettern+ und +klimmen+, +verachten+ und +verschmähen+ u. v.
a. dürfen nicht miteinander verwechselt oder vertauscht werden. Ein
feines Sprachgefühl wird durch solche Verwechselungen sehr verletzt.
Durch gründliches Studium der Synonymik der Wörter und Wortformen wird
diesem Stilfehler am besten vorgebeugt.[7]
~b~) +Die Kürze des Ausdrucks+ besteht darin, daß zur sprachlichen
Darstellung eines Gedankens nicht mehr Worte verwendet werden, als
nötig sind, um diesen deutlich und wohlgefällig wiederzugeben. Jedes
überflüssige Wort verletzt den gebildeten Geschmack. Als überflüssig
ist alles anzusehen, was weder den darzustellenden Gedanken
verständlicher macht, noch den besonderen Zweck der Darstellung
fördert. Weitschweifigkeit und Breite des Stiles ist ein Fehler, in
den namentlich die Jugend leicht verfällt. Man vermeide besonders die
+Tautologie+ und den +Pleonasmus+.
Die +Tautologie+ (d. i. die Wortnämlichkeit) besteht darin, daß
derselbe Begriff durch zwei gleichbedeutende Ausdrücke bezeichnet wird.
Solche überflüssige Wiederholungen des Gesagten sind z. B. Er +mußte
notwendig+ verreisen; sie haben +einander gegenseitig+ beleidigt;
+mein+ Buch, +das ich mir gekauft habe+; er +stammelte lallend+; ich
bin nicht +imstande+, kommen +zu können+; +er erlaubte+, daß ich
teilnehmen +dürfte+; +er befahl+, daß ich gehen +sollte+; daß du
+natürlich+ willkommen bist, +versteht sich von selbst+; er bezieht
ein +Jahrgehalt+ von +jährlich+ 3000 Mark; er ist +bereits schon+
abgereist; er ist nicht +nur allein+ eitel, sondern auch anmaßend; er
konnte +nur bloß+ raten, aber nicht helfen; die +Todesnachricht+ von
dem +Hinscheiden+ meines Freundes; die Lage +in der Nähe+ des Kanals
und der +unfernen+ Eisenbahn; er +wünscht+, daß du heute nicht kommen
+mögest+; das +kann+ nicht +möglich+ sein; die +Veröffentlichung+
eines Gesetzes +publizieren+; +Unantastbarkeit+ der +Integrität+ der
Türkei; etwas +ostentativ zur Schau tragen+ usw. Hierher gehören
auch Zusammensetzungen und Zusammenstellungen wie: +Schiffsflotte+,
+Hieranwesenheit+, +Examenprüfungen+, +Stadtpfarrprediger+,
+Grundprinzip+, +Guerillakrieg+ (spanisch ~guerra~ = Krieg, ~guerilla~
= kleiner Krieg), +vokaler Gesang+, +größere Majorität+, +mögliche
Eventualität+, +falsche Illusion+ u. v. ähnl. Auch die +Anhäufung von
Synonymen+ verstößt gegen die Kürze des Ausdrucks, z. B. Er ist ein
+wahrer+, +echter+ und +aufrichtiger+ Freund, der mir +lieb+, +wert+
und +teuer+ ist.
Der +Pleonasmus+ (d. i. Wortüberfluß) ist der +Tautologie+ eng
verwandt. Er besteht darin, daß die Rede mit überflüssigen Beiwörtern
überfüllt wird, oder daß Begriffe, die schon bezeichnet sind oder
aus dem Zusammenhange der Rede sich ergeben, noch einmal ausgedrückt
werden, z. B. ein armer Bettler, ein alter Greis, nasser Regen; er fuhr
+weiter fort+ zu reden; er hat das +noch einmal wiederholt+. Das Glück
wollte, daß das Feuer wegen eines anhaltenden Regens, +der vom Himmel
fiel+, nicht um sich griff (H. v. Kleist). Keine Spur verriet, daß
hier jemals ein menschliches Wesen gehaust, +daß dieser Boden jemals
von einem menschlichen Wesen betreten worden war+. +Infolge+ eines
+stattgefundenen+ Zwistes verließ er seinen Freund usw.
Die +Tautologie+ und der +Pleonasmus+ sind namentlich störend
in dem verstandesmäßigen Stile der Prosa, in Abhandlungen und
wissenschaftlichen Darstellungen. Der rednerische und poetische Stil
dagegen lassen recht wohl eine gewisse Wortfülle zu, doch sind auch
hier alle +müßigen+ Beiwörter und unnötigen Umschreibungen aufs
strengste zu meiden; nur dann ist die Wortfülle berechtigt, wenn durch
sie ein Begriff in lebendiger Weise veranschaulicht oder dem Gemüte
näher gebracht und so die Schönheit der Darstellung gefördert wird.
Namentlich gebraucht unsere ältere Sprache zahlreiche tautologische
Formeln, die noch heute üblich und wohlberechtigt sind, z. B. +Grund
und Boden+, +Schimpf und Schande+, +Art und Weise+, +Rast und Ruh+,
+Schutz und Schirm+, +Saus und Braus+, +Fug und Recht+, +Sang und
Klang+, +hinter Schloß und Riegel+, +in Ketten und Banden+, +hoffen und
harren+, +schalten und walten+, +weit und breit+, +still und stumm+
u. v. a.
Es sind jedoch nicht nur die +Tautologien+ und +Pleonasmen+
zu vermeiden, auch sonst ist mit Sorgfalt jedes unnötige Wort
auszuscheiden. In dem Satze: „Er teilt mir mit, daß er gestern
abgereist ist und heute in Berlin angekommen ist“ muß das Wort +ist+
das erstemal weggelassen werden. Statt: „+ohne+ Lust und +ohne+
Ausdauer“ ist zu sagen: „ohne Lust und Ausdauer“; statt: „+die+
Griechen, +die+ Römer und +die+ Phönizier“ heißt es besser: „+die+
Griechen, Römer und Phönizier“ usw. Unerträglich weitschweifig sind
Wendungen wie: „+Wenn wir die+ letzten Dichtungen Goethes +einer
Betrachtung unterwerfen, so werden wir finden+, daß sie vielfach den
Jugendgedanken Schillers sich nähern.“ „+Gehen wir nun zum zweiten
Teile unserer Betrachtung über, so sehen wir+ usw.“ „+Es dauerte nicht
lange, so+ usw.“ „Die Germanen kämpften +natürlich+ sehr tapfer und
hätten +jedenfalls+ gesiegt, wenn ihnen nicht das Heer des Germanicus
an Zahl so sehr überlegen gewesen wäre.“ Man beherzige immer Grimms
Worte: „Die Sprache ist ihrem innersten Wesen nach haushältig und
zieht, was sie mit geringen Mitteln erreichen kann, jederzeit größerem
Aufwande vor.“ Namentlich sage man nicht alles, was man über einen
Gegenstand sagen könnte; man sei nicht schwach gegen Lieblingsgedanken
und Lieblingswendungen, sondern man scheide sie unbarmherzig aus,
wenn die Einheit und Schönheit der Darstellung es fordert. „In der
Beschränkung zeigt sich erst der Meister“ sagt Goethe, und ähnlich
Schiller: „Was er weise verschweigt, zeigt mir den Meister des Stils.“
10. Angemessenheit.
Die +Angemessenheit+ fordert, daß die Stilart, der sprachliche
Ausdruck, die ganze Haltung der Darstellung der Art der Gedanken
und dem Zwecke der Darstellung genau entspreche. Erhabene und edle
Gedanken dürfen nicht durch unedle und niedrige Worte entweiht
werden, für eine Abhandlung oder einen einfachen Bericht darf nicht
der leidenschaftliche Stil des Gefühls gewählt werden; während
im rednerischen und poetischen Stile Bilder und Redefiguren von
guter Wirkung sind, stören sie im Geschäftsstil und sind auch im
didaktischen Stile möglichst zu meiden. Der Angemessenheit widerspricht
es namentlich, wenn unbedeutende Gedanken mit einem großen Aufwande
von Worten dargestellt werden; der Sprechende oder Schreibende gerät
dadurch in leeres Phrasengeklingel, das einen widerlichen Eindruck
macht, oder seine Darstellung wird schwülstig. Ein Schwall von
prächtigen Wörtern, ein übertriebener Aufwand von Bildern und Figuren
hat noch nie einen unbedeutenden Gedanken zu einem bedeutenden gemacht.
Der Meister in der Wahl des genau entsprechenden Ausdruckes ist Goethe,
und das Studium seiner Werke kann jedem, der im Ausdrucke das Rechte
treffen will, nicht dringend genug empfohlen werden.
Die Forderung, +unedle+ und +niedrige+ Ausdrücke zu meiden, schließt
man gewöhnlich in die Bezeichnung: +Würde des Stiles+ ein. Unedel und
niedrig nennt man namentlich solche Ausdrücke, die nur in den untersten
Schichten des Volkes üblich sind, z. B. +beschnüffeln+, +verrecken+,
+herunterschmeißen+, +in ein Hundeloch kriechen+ u. a. Solche Wörter
sind im guten Stile nicht anzuwenden. So sehr man sich aber auch vor
plebejischer Derbheit hüten soll, so ist doch umgekehrt die allzu große
Scheu vor Ausdrücken der Volkssprache nicht minder tadelnswert; denn
diese führt leicht zu einem +affektierten+ oder +gezierten+ Stile. Mit
großer Meisterschaft hat Goethe Ausdrücke der Volkssprache in seinen
Dichtungen verwendet und gerade dadurch seiner Sprache volkstümliche
Kraft und lebendige Anschaulichkeit gegeben, z. B. „Der kleine Gott
der Welt bleibt stets von gleichem Schlag..., +in jeden Quark begräbt
er seine Nase+“ (Faust). „+Wie kunterbunt die Wirtschaft tollert+, der
Ameishauf durcheinander +kollert+“ (Hans Sachsens poetische Sendung)
usw.
11. Wohllaut und Neuheit des Ausdrucks.
~a~) Der +Wohllaut+[8] beruht auf der rechten Mischung der Vokale und
Konsonanten, sowie auf dem Tonverhältnisse, der Wahl und Anordnung
der Worte und Sätze. Helle und dunkle, volle und weniger volle
Vokale und ebenso harte und weiche Konsonanten, Lippen-, Zungen- und
Gaumenlaute müssen einander ablösen, und derselbe Laut darf nicht zu
oft in unmittelbarer Folge auftreten. Unangenehm klingt z. B. die
Wiederholung des +ie+ in folgendem Satze: „Das Lied gebiert ein neues
Lied, das lieblich durch die Lüfte zieht“, oder die des +ei+ und +n+
in dem Satze: „+eine einer seiner Kreaturen zugefügte Beleidigung+.“
Hinsichtlich der Anordnung der Worte fordert der Wohllaut, daß Form-
und Begriffswörter, betonte und unbetonte, ein- und mehrsilbige,
einfache und zusammengesetzte Wörter wechseln. Gegen den Wohllaut
verstoßen Sätze wie die folgenden: „Manche Menschen möchten ihren
Freunden täglich lange Briefe schreiben“ (lauter zweisilbige Wörter).
„Denn wo das Unglück +wählt+, +wählt’s+ nicht den +schlechtsten+ Mann.“
(Rückert.) „Wer ist so schön, so klug, so treu, so fromm wie du?“
(Gellert.) Die unmittelbare oder zu häufige Wiederholung desselben
Wortes ist zu meiden; unschön klingt z. B. der Satz: „Hinter mir
stehen Tausende, +bereit+ mir zu folgen, die auf meinen Wink selbst in
den Tod zu gehen +bereit+ sind.“ Wenn mehrere Sätze zusammentreten,
verlangt der Wohllaut gleichfalls, daß in Bau, Tonverhältnis und
Stellung eintönige Gleichmäßigkeit vermieden werde (s. hierüber:
Rhythmus des Satzes). -- Besondere Mittel zur Hebung des Wohllautes,
von denen aber nur ein mäßiger Gebrauch gemacht werden darf, wenn
nicht das Gegenteil erzielt werden soll, sind die +Alliteration+ und
der +Reim+. Die Alliteration besteht darin, daß mehrere bedeutsame
Wörter gleichen Anlaut haben, z. B.: „=R=oland der =R=ies, am =R=athaus
zu Bremen =st=eht er ein =St=einbild =st=andhaft und wacht.“ In der
Prosa erscheint die Alliteration namentlich in alten zweigliedrigen
Redeformeln, z. B. Glück und Glas, Licht und Luft, Schirm und Schutz,
Wort und Weise, Roß und Reiter, still und stumm, gäng und gäbe, ganz
und gar, kurz und klein, hoffen und harren, zittern und zagen usw. Beim
+Reime+ dagegen sind die Anfangslaute verschieden, aber Mitte und Ende
der Worte sind gleich, z. B. Pracht: Macht. Der Reim kann in der Prosa
auch nur in bestimmten Redeformeln Verwendung finden, z. B. Gut und
Blut, Weg und Steg, Schritt und Tritt, Stein und Bein (d. i. Totes und
Lebendes), weit und breit, schalten und walten usw.