geheilt werden, wenn nicht sämtliche Länder der Erde sich dazu
entschliessen, gemeinschaftlich Abhilfe zu bringen. Durch ein
universelles Opfer der Welt und der leidenden Menschheit kann nur eine
leidende Welt geheilt werden. Niemals ist ein Wiederaufbau anders
gelungen als durch Aufwendung gewaltsamer neuer Mittel. Solche Mittel
werden nicht aufgebracht werden, solange ein jedes Glied der
Weltwirtschaft mit wenigen Ausnahmen überschuldet ist. Das erste Opfer
wird somit in dem allgemeinen Abbau des Verschuldungskreises zu suchen
sein. Das weitere Opfer besteht in der gemeinsamen Aufbringung grosser
neuer Mittel für den Wiederaufbau, sei es auf dem Wege allgemeiner und
wechselseitiger Kredite, sei es auf anderen Wegen, deren Erörterung zu
weit führen würde. Dass die Genueser Konferenz zur Erörterung dieser
Fragen geführt hat, ist eine Tatsache, die in der Geschichte Europas
unvergessen bleiben wird.
Ein weiteres historisches Ergebnis der Konferenz erblickt die deutsche
Delegation in der Annäherung des grossen, schwerbedrängten russischen
Volkes an den Kreis der besten Nationen. Durch manche Aussprachen hat
Deutschland sich bemüht, zu einer Annäherung der beiderseitigen
Gesichtspunkte beizutragen. Deutschland hofft, durch die Fortsetzung der
beiderseitigen Besprechungen das Werk des Friedens zwischen Ost und West
zu fördern.
Für den Schutz, den Italien diesem Werk des allgemeinen Friedens gewährt
hat, schuldet die Welt dieser hochherzigen Nation und ihren Führern den
tiefsten Dank. Die Geschichte Italiens ist älter als die der meisten
europäischen Nationen. Auf diesem Boden sind mehr als einmal grosse
Weltbewegungen entstanden. Abermals und hoffentlich nicht vergebens
haben die Völker der Erde ihre Augen und Herzen zu Italien erhoben in
der tiefen Empfindung, der Petrarca den unsterblichen Ausdruck verliehen
hat: Io vò gridando Pace, Pace, Pace!
ANHANG
REDE, GEHALTEN AM 9. JUNI 1922
IN STUTTGART, VOR EINEM
GELADENEN KREIS
ALLER PARTEIEN
Der Herr Reichskanzler hat mit seinen beredten Worten den Kreis eines
Jahres vor Ihnen entrollt. Er hat seine Ausführungen begonnen mit der
Schilderung der Lage, in der sich unser Volk an den Tagen der Ultimaten
des letzten Jahres befand. Uns allen ist in Erinnerung die Härte der
Worte, die damals gesprochen wurden, der unbelehrbare wirtschaftliche
Aberglaube, der aus diesen Worten sprach. Wir alle haben uns damals
gefragt, wie ist es möglich, von einem Volk zu verlangen, dass es 132
Milliarden als Kriegsentschädigung hingibt, mehr als die Hälfte seines
ganzen Vermögens, eine Zahlungsleistung in Gold, das dieses Land nicht
besitzt? Ist es möglich, dass jemals Vernunft über den Erdball kommt und
den Irrsinn dieser Gedanken zerstört? Wie lange wird es dauern, werden
Jahre oder Jahrzehnte vergehen bis zu dem Augenblick, wo die Erde
einsieht, dass es unmöglich ist, diese Forderungen zu erfüllen, auch
wenn Deutschland noch so gutwillig sich der Konvention der Historie
fügt, die besagt, dass der Besiegte zahlt. Nur schrittweise konnte die
Vernunft ihren Weg nehmen; kein Weg ist so lang, als der Weg der
Vernunft und der Weg der Wahrheit. Diesen Weg eines Jahres – denn ein
Jahr hat es gedauert, bis die Welt vor einer veränderten Einsicht
stand –, diesen Weg eines Jahres lassen Sie uns in kurzen Abschnitten in
Eile noch einmal durchlaufen. Der erste abergläubische Gedanke im
Augenblick der Unterzeichnung jenes unglücklichen Ultimatums, der
Gedanke der ehemaligen Gegner war: Zahlungen können in beliebiger Höhe
von einem Land in Gold geleistet werden, das kein Gold erzeugt, und das
kein Gold besitzt. Es bedurfte der Arbeit von Monaten, die von
Verhandlung zu Verhandlung geschritten ist, – der Name der Stadt
Wiesbaden ist mit diesen Verhandlungen verknüpft, – um zu erkennen,
dass, wenn Leistungen erheblichen Umfanges von einem Land an ein anderes
bewirkt werden sollen, nicht Gold das Zahlungsmittel sein kann, sondern
nur das Gut, die Ware. Der belehrende Charakter dieser Verhandlungen war
von Bedeutung. Noch heute sind die Verträge, die damals unterzeichnet
wurden, nicht ratifiziert. Bis heute haben sie keine Wirkung gehabt auf
wirtschaftlichem Gebiet, aber ihre Wirkung auf dem Gebiet
wirtschaftlicher Einsicht war von hohem Wert. Ein Volk kann, wenn es
sein muss, für ein anderes, für einen Kontinent arbeiten, aber es kann
nicht mit dem alchimistischen Zaubermittel des Steins der Weisen Gold
aus Nichts schaffen.
Die Erkenntnis ging weiter. Im Herbst, als ich aus dem
Wiederaufbauministerium ausgeschieden war, benutzte ich die Zeit der
Freiheit, um nach England zu gehen, dort die Stimmung zu erkunden und,
soweit es dem einzelnen möglich ist, dieser Stimmung Aufklärungen
zuzuführen, die wünschenswert erschienen. Damals war in England eine
Auffassung im Aufdämmern, die einen Fortschritt wirtschaftlicher
Erkenntnis bedeutete. Man hatte begriffen, dass, wenn ein Land im
Uebermass unter Zwang, unter erschwerten Bedingungen Arbeit leistet für
einen Kontinent, eine Arbeit, die man kaum zu hart mit dem Ausdruck der
Gefängnisarbeit bezeichnen könnte, dass dadurch nicht allein dieses Volk
geschädigt wird, sondern mit ihm die Gemeinschaft der wirtschaftenden
Völker der Erde. Diese Erkenntnis stieg auf in demjenigen Lande, das
zuerst und zumeist vom Schaden betroffen war, nämlich in England. Man
bemerkte, dass die Zerrüttung der Märkte dasjenige Land am schwersten
schädigen musste, das als Kaufmann, als Handwerker, als Fabrikant dieser
Märkte bedurfte, um seinen Beitrag zum Wirtschaftsleben der Welt zu
leisten. So entstand die Einsicht, dass nicht ein einziges Land imstande
sein würde, die Krankheit eines geschlagenen Kontinents zu heilen,
sondern dass eine wirtschaftliche Verflochtenheit bestand, eine
unlösbare Einheit, und dass jedes Glied, das aus dieser Einheit
ausfällt, sei es Rußland als Konsument, sei es Deutschland als
Produzent, dass jedes fehlende Glied die Weltgemeinschaft schädigt. Bei
den Führern der englischen Politik befestigte sich der Gedanke, eine
wirtschaftliche Weltkonferenz zusammenzuberufen.
Die Beschlussfassung über die Berufung war Sache des Obersten Rats der
Alliierten. Er versammelte sich in Cannes, und dort war es zum ersten
Male den deutschen Vertretern möglich, unsere Gesamtlage vor dem
Areopag der Welt zu entwickeln. In Cannes wurde es deutlich, dass das
deutsche Problem die europäische Wirtschaftslage beherrschte, und neben
diesem deutschen Problem, in fernere Zukunft weisend, trat das russische
Problem hervor. Kaum hatte man endgültig beschlossen, die
Wirtschaftskonferenz einzuberufen, da brach die Konferenz von Cannes ab,
denn ein Regierungswechsel hatte sich in Frankreich vollzogen, die
Regierung Briands wurde durch die Regierung Poincaré abgelöst.
Monatelang zweifelte man, ob es der auftretenden Opposition gelingen
würde, den Gedanken der Weltkonferenz zu zerstören oder zur
Unkenntlichkeit umzugestalten. Schliesslich kam sie zustande, doch unter
Erschwernissen. Denn es hatten Besprechungen stattgefunden in Boulogne,
und in diesen Besprechungen war von England dem französischen Wunsch
stattgegeben worden, dass die Konferenz, die einberufen war zur Heilung
des Leidens des Kontinents, dass diese Konferenz über eins nicht
sprechen durfte: nämlich über das Wesen und die Ursache dieses Leidens.
Es durfte nicht gesprochen werden über die Kernfrage, die deutsche
Frage, die Reparationsfrage. Der Herr Reichskanzler hat es Ihnen
dargelegt: strassauf, strassab in Genua war dennoch alles erfüllt von
dieser Frage. So kam es denn, dass neben der ungelösten russischen
Frage, die einer Sachverständigenkonferenz vorbehalten werden musste,
doch eine Reihe von Erkenntnissen sich klärte, die freilich in den
Kommissionssitzungen nur andeutungsweise besprochen werden durften. Doch
gab es eine Schlußsitzung, und in dieser konnte es den deutschen
Delegierten nicht verwehrt werden, die Kernprobleme ans Licht zu stellen
und die Nationen zu fragen: ja oder nein. Soweit eine Konferenz, ein
überfüllter Saal, ein Welttheater, eine Antwort auf solche Fragen geben
darf, wurde sie gegeben. So lauteten etwa unsere Fragen: Kann ein
Kontinent gesunden, wenn jede Nation der andern tief verschuldet ist?
Kann eine Nation sich regen, wenn sie gleichzeitig überlasteter
Gläubiger und hoffnungsloser Schuldner ist? Kann eine Kette von
Gläubigern und Schuldnern ein wirtschaftliches Dasein führen, wenn am
einen Ende der Kette ein grosses Reich, Amerika, steht, das niemandem
schuldet, und am anderen Ende unser armes Land, das von niemandem etwas
zu fordern hat? Die Antwort ist: Ein solcher Kreis der Weltverschuldung
muss zerschnitten werden. Und in diesem Kreis der Weltverschuldung ist
das deutsche Reparationsproblem nur ein Spezialfall der Verschuldung von
Volk zu Volk. Des weiteren konnte nicht geleugnet werden, dass dem
Schuldner, der zahlen soll, die Zahlung nicht unmöglich gemacht werden
darf. Da Zahlung nur in Waren geleistet werden kann, so ist diejenige
Politik widersinnig, die der Ware des Schuldnerlandes den Eingang ins
Gläubigerland verschliesst, es ist widersinnig, gleichzeitig die Mauer
des Antidumping, des Prohibitivzolls, zu erhöhen, und gleichzeitig zu
verlangen, dass die zu entrichtende Ware diese Dämme überschwemmen soll.
Auch diese Erkenntnisse tauchten in Genua auf: dass ein Wiederaufbau der
Welt, wenn man ihn ernst ins Auge fasst, wenn der Begriff nicht zum
Gemeinplatz zerfliessen soll, dass ein solcher Wiederaufbau nur möglich
ist durch Opfer. Dass er nicht möglich ist durch das Opfer des einen
oder des anderen Volkes, sondern dass sämtliche Völker beitragen müssen.
So wie sämtliche Völker sich durch diesen furchtbaren Krieg in Schuld
begeben haben, so müssen sämtliche Völker der Erde gemeinsam Opfer
bringen, um die Folgen dieses Krieges zu mildern. Deshalb war es nötig,
auszusprechen: nicht ein einzelnes Volk kann Europa heilen, sondern die
Völker müssen zusammentreten und gemeinschaftlich wirken, sie müssen
sich nicht damit begnügen, die Abbürdung dieser Weltschuld vorzunehmen,
sie müssen dafür sorgen, dass neue Mittel beschafft werden. Denn zu
jedem Aufbau gehören Mittel. Man kann nicht bauen aus Luft und Wolken.
Wer baut, braucht Materialien und muss diese Materialien in Werten
beschaffen. Werte aber freiwillig darbieten, heisst Opfer bringen.
Neben diesen wirtschaftlichen Problemen war die Atmosphäre Genuas
erfüllt von den Problemen Russlands. Die Wiederverbindung des Ostens und
Westens ist eine der grossen Aufgaben der künftigen europäischen
Politik. Es ist nötig, dass ein Kontinent wie Russland, ein Land von
solchem Umfang, solcher Menschenzahl, solchen ungehobenen Schätzen
wieder erschlossen wird. Es ist nötig, dass es dem wirtschaftlichen
Komplex des Westens wieder angegliedert wird. Den Mächten der Entente
ist das bisher nicht gelungen. Die Arbeit ist verschoben auf den Haag,
und wir werden im Haag nicht teilnehmen. Wir drängen uns nicht dazu, an
einer Arbeit teilzunehmen, die andere für sich leisten und in anderer
Art. Wir haben unserseits einen eigenen Weg beschritten, den Weg des
reinen, freien, vergebenden Friedens. Wir haben diesen Weg beschritten
zum Zwecke des Aufbaues einer neuen Zukunft mit einem Lande, das ebenso
schwere Schicksalsschläge erlitten hat, wie wir. Ob mit oder ohne eigene
Schuld, lasse ich dahingestellt. Mit einem solchen Land kann man nicht
abrechnen, wie mit einem schlechten Schuldner. Man kann und soll mit ihm
zusammenwirken in dem Augenblick, wo seine Not am grössten ist. Man hat
uns den Vorwurf gemacht, wir hätten Rapallo im unrichtigen Moment
abgeschlossen. Ja gewiss, wenn an einer Tatsache nicht zu mäkeln ist, so
bleibt wenigstens die Kritik: An sich gut, aber es hätte nicht am
Montag, sondern es hätte am Dienstag oder Mittwoch sein sollen. Wir
mussten den Vertrag abschliessen in dem Augenblick, wo wir erkannten,
dass die Westmächte unseren berechtigten Wünschen nicht gerecht wurden,
wo anderseits die vertraglichen Bestimmungen für uns sich fügten und
anderseits der Wunsch der Gegenpartei nach Verständigung lebendig wurde.
Wir rechnen nicht in der Politik mit Dankbarkeit. Frühere Politik, die
sich vielfach auf Dankbarkeit gegründet hat, ist stets enttäuscht
worden. Aber mit Realitäten und Tatsachen der Vergangenheit zu rechnen,
ist kein Fehler, und es ist eine Realität, wenn eine Verbindung
abgeschlossen wird von Völkern, die sich die Hände reichen, um in
Frieden und Freundschaft zu leben.
Im Haag werden wir nicht beteiligt sein. Denn wir haben unsere
Verhältnisse zum Osten geregelt. Wir werden die Arbeit der übrigen mit
aufrichtigem Wohlwollen verfolgen. Wir werden die Tätigkeit, die wir
schon in Genua ausgeübt haben, weiterhin ausüben, die Tätigkeit der
Vermittlung, aber nur dann, wenn es gewünscht wird. Denn wir drängen uns
niemand auf. In Genua hat man es gewünscht, und wir sind diesem Wunsch
gefolgt. Wird es im Haag nicht gewünscht, so bleiben wir abseits. Wir
wünschen von Herzen, dass die Staaten mit gutem Erfolg vom Haag
heimkehren. Wir neiden niemand eine Verbindung. Wir wollen keine
Monopole, kein Alleinrecht. Wir wollen nichts weiter, als dass die
Verbindung zwischen Osten und Westen wiederhergestellt wird. Wir wollen,
dass die Verbindung so hergestellt wird, dass auch wir dem östlichen
Volk die Hand reichen. Wenn ich von diesem Handreichen spreche, so
meine ich freilich nicht, dass wir uns einem Gedankenkreis verschreiben,
der nicht der unsere ist. Russland lebt unter einem Wirtschaftssystem,
das sich von dem unseren unterscheidet. Wir haben dieses
Wirtschaftssystem nicht zu kritisieren. Vielleicht wird Russland es
allmählich umgestalten. Wir glauben, dass es heute in voller
Umgestaltung begriffen ist. Wir haben unseren Frieden geschlossen nicht
mit einem System, sondern mit einem Volk, und wir haben ihn geschlossen
durch die Menschen, die in diesem Augenblick dieses Volk vertreten.
Welche Wirtschaft sie betreiben, bekümmert uns nicht. Wir werden ihnen,
soweit wir können, und soweit sie es wünschen, wirtschaftlich zur Seite
stehen, mit wirtschaftlicher Initiative, mit Erfahrung und Kenntnis des
Landes, mit den organisatorischen Fähigkeiten des deutschen
Wirtschaftsmanns, mit den Einsichten des deutschen Gelehrten. Wir werden
uns ihnen weder verschliessen, noch aufdrängen, sondern wir werden sie
nach ihrer Fasson selig werden lassen. Wir hoffen aufrichtig, dass sie
sich zu einem Wirtschaftssystem fügen, das sich mit dem europäischen
Wirtschaftssystem ergänzt. Wir selbst nehmen darauf einen Einfluss
nicht.
Das ist die Etappe von Genua. Die Etappe vom Haag liegt in der Zukunft.
Nun noch ein Wort von derjenigen Etappe, die sich in diesem Augenblick
abspielt: Die Etappe Paris. Die reifende Einsicht des Jahres 1921 haben
wir überblickt. Es ist die Einsicht, die unter Politikern entstand. Zum
erstenmal treten nunmehr in Paris Wirtschaftsmänner zusammen, Bankiers
aus den europäischen und amerikanischen Staaten, und beraten über Dinge
materieller Ordnung. Diese Dinge sind auf der einen Seite die
Kreditwürdigkeit unseres Landes, auf der anderen Seite die
Durchführbarkeit von Verträgen, auf der dritten Seite die Möglichkeit
der Unterbringung von Anleihen. Eine Spannung hält die Welt in Atem:
Welche Entscheidung wird getroffen werden? Ich glaube nicht, dass diese
Entscheidung das Wesentliche ist. Mag es eine grosse oder eine kleine,
oder mag es gar keine Anleihe sein. Gleichviel! Der Schritt, den dieses
Komitee getan hat, kann nicht rückgängig gemacht werden. Dieser Schritt
aber ist der bedeutendste in der wirtschaftlichen Einsicht der Welt seit
1½ Jahren, denn er führt zu der Tatsache: Dasjenige, was im Londoner
Ultimatum festgesetzt ist, ist undurchführbar, und damit ist der Kreis
der Erkenntnis geschlossen. Damit hat das Experiment dieser
schwierigsten aller europäischen Fragen, dieses gefahrvollste und
tragischste Experiment seinen intellektuellen Abschluss gefunden. Auf
die Frage des Ultimatums von 1921 erfolgt die Antwort der Kommission von
1922. Die Frage lautet: Sind 132 Milliarden von Deutschland erhältlich?
und die Antwort lautet: Nein. Ob nun diese Antwort sich besiegelt durch
das praktische Mittel der oder jener Massnahme, der oder jener Anleihe
scheint mir nicht entscheidend. In wenigen Tagen werden wir wissen, ob
nun das praktische Resultat sich anschliesst dem Resultat der
Erkenntnis. Das Resultat der Erkenntnis aber ist das entscheidende.
Ueberblicken wir den Lauf dieses Jahres, vergegenwärtigen wir uns, wie
auf die grosse Frage des Ultimatums immer klarer und deutlicher die
negative Antwort emporwächst, so dürfen wir auf der anderen Seite die
Kritik unseres Landes nicht unberücksichtigt lassen. Man ist nicht milde
umgegangen mit unserer Politik dieses Jahres; der Herr Reichskanzler
kann manches davon erzählen, und jeder einzelne von uns. Wir sind einer
jeden Kritik zugänglich, die uns sagt, nicht so müsst ihr es machen,
sondern anders. Aber niemand wird dem Staatsmann helfen und dem Lande
nützen durch eine Kritik, die lediglich sagt, ganz anders hättet ihr es
machen müssen, aber wie, das bleibt unser Geheimnis. Häufig ist uns
gesagt worden: Politik des Widerstandes! Der bedeutendste und
erfolgreichste Staatsmann Europas hat uns auf unsere Frage eine Antwort
gegeben, als wir ihm sagten: Wir haben es in diesem Jahr erleben müssen,
dass eine furchtbare Teuerungswelle über unser Land hereingebrochen ist,
wir haben es erleben müssen, dass der Mittelstand die schwersten Leiden
zu erdulden hat, wir haben es erleben müssen, dass die fremden
Zahlungsmittel auf das Vielfache ihres Werts gestiegen sind. Es ist uns
manchmal der Zweifel gekommen, ob wir unter diesen Umständen nicht
hätten sagen sollen: Widerstand, es koste, was es wolle. Ich will die
Worte nicht zitieren, die wir gehört haben, aber aufs Tiefste ist unsere
Ueberzeugung besiegelt worden, dass die Politik, die wir trieben, die
einzige gewesen ist, die es ermöglicht hat, während dieses schwersten
Jahres des neuen Friedens die Einheit des Reiches zu erhalten. Keine
andere Politik kann uns genannt werden, die das Gleiche ermöglicht
hätte: Erhaltung der Einheit und des Bestandes. Die Bestrebungen, die
uns bedrohten und bedrohen, beziehen sich nicht nur auf die Zerreissung
des Landes, sie beziehen sich auch auf seine weitere Schmälerung,
nachdem dieses Land durch den unglücklichsten aller Verträge schon so
viel von seinem Boden und seinen Menschen verloren hat. Unser Land
ungeschmälert zu erhalten, unser Land und Volk als Einheit zu erhalten,
ist das Ziel, das wir erkämpfen. Wenn gesagt worden ist, das kleinere
Uebel gegenüber gewissen Wirtschaftsgefährdungen sei die Neubesetzung
von rheinischem Land durch fremde Truppen, so sagen wir: Nein, der
Meinung sind wir nicht. Deutsches Land soll nicht hergegeben werden, die
deutsche Einheit soll nicht gefährdet werden. Der Kanzler hat es Ihnen
gesagt und ich möchte es wiederholen: Wehe uns, wenn wir die
Vergangenheit unseres Volkes vergessen, wehe uns, wenn wir seine grosse
Geschichte vergessen und das, was seine grosse Geschichte uns
hinterlassen hat. Das bedeutet nicht, dass wir jedes einzelne billigen,
was im Laufe der Generationen geschehen und geworden ist, aber es
bedeutet, dass wir an dem grossen Vermächtnis festhalten, das das
Endergebnis der modernen deutschen Geschichte bildet: die Vereinigung
Deutschlands in seinen Stämmen. Dieser Einheit werden wir nachleben und
ihr haben wir zu dienen. Vergessen wir nicht, was von vielen einzelnen
und manchmal von Parteien vergessen wird, die zu glauben meinen, wir
hätten den Krieg gewonnen. Nein, leider nicht. Diesen Krieg, den
grössten aller Kriege, haben wir verloren. Vergessen wir nicht, was das
bedeutet, und vergessen wir nicht aus unserer grossen Geschichte, was es
bedeutet hat, wenn in früheren Zeiten Kriege verloren wurden, die nicht
den zehnten Teil so schwer, so hart und gefahrvoll waren, als dieser
Weltkrieg. Vergessen wir nicht, vor welchen Gefahren wir gestanden haben
und vor welchen Gefahren wir stehen. Und wenn einmal in hundert Jahren
die Geschichte dieser Epoche geschrieben werden wird, dann wird man mit
Sorgfalt fragen: Wo wurden die ersten Fäden angeknüpft, wie war es
möglich in einer Welt, die vergiftet war von Hass, auf einem Planeten,
der zum Himmel flammte in gegenseitiger Rachsucht, wie war es möglich in
dieser Welt der Zerstörung und der Zwietracht, die ersten Fäden zu
fügen? Die Antwort wird sein: Das deutsche Volk hat sie gefügt durch
seine Geduld, durch seine Tatkraft, durch seinen positiven Willen, durch
seinen Idealismus, durch seinen Opfersinn. Das wird das Urteil der
Weltgeschichte über diese Epoche sein, die wir durchleben. Mag die
Kritik des Tages uns verlästern: wir glauben aus tiefster Ueberzeugung,
dass es keinen anderen Weg gibt, als den, den wir beschritten haben, um
die deutsche Einheit in die Zukunft zu retten und für alle Zeit zu
stabilisieren. Dass wir daneben nicht passiv gewesen sind während der
ganzen Dauer dieses Jahres, haben wir Ihnen dargelegt. Zweifellos ist
es, dass, wenn ein Volk leben soll, es nicht leben kann lediglich in
einer einzigen Eigenschaft, in der Eigenschaft als Schuldner. Es muss
sich wieder bewegen, es muss neue Kräfte sammeln, es muss seiner
Wirtschaft neue Anknüpfungen bieten, es muss den Geist auf neue Probleme
lenken. Deswegen glaube ich, dass unsere Politik darin nicht versagt
hat, wenn sie den Versuch gemacht hat, wieder zu einer Aktivität zu
kommen.