Wie sollte auch nach einem Zerstörungswerk sondergleichen die Welt

geheilt werden, wenn nicht sämtliche Länder der Erde sich dazu

entschliessen, gemeinschaftlich Abhilfe zu bringen. Durch ein

universelles Opfer der Welt und der leidenden Menschheit kann nur eine

leidende Welt geheilt werden. Niemals ist ein Wiederaufbau anders

gelungen als durch Aufwendung gewaltsamer neuer Mittel. Solche Mittel

werden nicht aufgebracht werden, solange ein jedes Glied der

Weltwirtschaft mit wenigen Ausnahmen überschuldet ist. Das erste Opfer

wird somit in dem allgemeinen Abbau des Verschuldungskreises zu suchen

sein. Das weitere Opfer besteht in der gemeinsamen Aufbringung grosser

neuer Mittel für den Wiederaufbau, sei es auf dem Wege allgemeiner und

wechselseitiger Kredite, sei es auf anderen Wegen, deren Erörterung zu

weit führen würde. Dass die Genueser Konferenz zur Erörterung dieser

Fragen geführt hat, ist eine Tatsache, die in der Geschichte Europas

unvergessen bleiben wird.

Ein weiteres historisches Ergebnis der Konferenz erblickt die deutsche

Delegation in der Annäherung des grossen, schwerbedrängten russischen

Volkes an den Kreis der besten Nationen. Durch manche Aussprachen hat

Deutschland sich bemüht, zu einer Annäherung der beiderseitigen

Gesichtspunkte beizutragen. Deutschland hofft, durch die Fortsetzung der

beiderseitigen Besprechungen das Werk des Friedens zwischen Ost und West

zu fördern.

Für den Schutz, den Italien diesem Werk des allgemeinen Friedens gewährt

hat, schuldet die Welt dieser hochherzigen Nation und ihren Führern den

tiefsten Dank. Die Geschichte Italiens ist älter als die der meisten

europäischen Nationen. Auf diesem Boden sind mehr als einmal grosse

Weltbewegungen entstanden. Abermals und hoffentlich nicht vergebens

haben die Völker der Erde ihre Augen und Herzen zu Italien erhoben in

der tiefen Empfindung, der Petrarca den unsterblichen Ausdruck verliehen

hat: Io vò gridando Pace, Pace, Pace!

ANHANG

REDE, GEHALTEN AM 9. JUNI 1922

IN STUTTGART, VOR EINEM

GELADENEN KREIS

ALLER PARTEIEN

Der Herr Reichskanzler hat mit seinen beredten Worten den Kreis eines

Jahres vor Ihnen entrollt. Er hat seine Ausführungen begonnen mit der

Schilderung der Lage, in der sich unser Volk an den Tagen der Ultimaten

des letzten Jahres befand. Uns allen ist in Erinnerung die Härte der

Worte, die damals gesprochen wurden, der unbelehrbare wirtschaftliche

Aberglaube, der aus diesen Worten sprach. Wir alle haben uns damals

gefragt, wie ist es möglich, von einem Volk zu verlangen, dass es 132

Milliarden als Kriegsentschädigung hingibt, mehr als die Hälfte seines

ganzen Vermögens, eine Zahlungsleistung in Gold, das dieses Land nicht

besitzt? Ist es möglich, dass jemals Vernunft über den Erdball kommt und

den Irrsinn dieser Gedanken zerstört? Wie lange wird es dauern, werden

Jahre oder Jahrzehnte vergehen bis zu dem Augenblick, wo die Erde

einsieht, dass es unmöglich ist, diese Forderungen zu erfüllen, auch

wenn Deutschland noch so gutwillig sich der Konvention der Historie

fügt, die besagt, dass der Besiegte zahlt. Nur schrittweise konnte die

Vernunft ihren Weg nehmen; kein Weg ist so lang, als der Weg der

Vernunft und der Weg der Wahrheit. Diesen Weg eines Jahres – denn ein

Jahr hat es gedauert, bis die Welt vor einer veränderten Einsicht

stand –, diesen Weg eines Jahres lassen Sie uns in kurzen Abschnitten in

Eile noch einmal durchlaufen. Der erste abergläubische Gedanke im

Augenblick der Unterzeichnung jenes unglücklichen Ultimatums, der

Gedanke der ehemaligen Gegner war: Zahlungen können in beliebiger Höhe

von einem Land in Gold geleistet werden, das kein Gold erzeugt, und das

kein Gold besitzt. Es bedurfte der Arbeit von Monaten, die von

Verhandlung zu Verhandlung geschritten ist, – der Name der Stadt

Wiesbaden ist mit diesen Verhandlungen verknüpft, – um zu erkennen,

dass, wenn Leistungen erheblichen Umfanges von einem Land an ein anderes

bewirkt werden sollen, nicht Gold das Zahlungsmittel sein kann, sondern

nur das Gut, die Ware. Der belehrende Charakter dieser Verhandlungen war

von Bedeutung. Noch heute sind die Verträge, die damals unterzeichnet

wurden, nicht ratifiziert. Bis heute haben sie keine Wirkung gehabt auf

wirtschaftlichem Gebiet, aber ihre Wirkung auf dem Gebiet

wirtschaftlicher Einsicht war von hohem Wert. Ein Volk kann, wenn es

sein muss, für ein anderes, für einen Kontinent arbeiten, aber es kann

nicht mit dem alchimistischen Zaubermittel des Steins der Weisen Gold

aus Nichts schaffen.

Die Erkenntnis ging weiter. Im Herbst, als ich aus dem

Wiederaufbauministerium ausgeschieden war, benutzte ich die Zeit der

Freiheit, um nach England zu gehen, dort die Stimmung zu erkunden und,

soweit es dem einzelnen möglich ist, dieser Stimmung Aufklärungen

zuzuführen, die wünschenswert erschienen. Damals war in England eine

Auffassung im Aufdämmern, die einen Fortschritt wirtschaftlicher

Erkenntnis bedeutete. Man hatte begriffen, dass, wenn ein Land im

Uebermass unter Zwang, unter erschwerten Bedingungen Arbeit leistet für

einen Kontinent, eine Arbeit, die man kaum zu hart mit dem Ausdruck der

Gefängnisarbeit bezeichnen könnte, dass dadurch nicht allein dieses Volk

geschädigt wird, sondern mit ihm die Gemeinschaft der wirtschaftenden

Völker der Erde. Diese Erkenntnis stieg auf in demjenigen Lande, das

zuerst und zumeist vom Schaden betroffen war, nämlich in England. Man

bemerkte, dass die Zerrüttung der Märkte dasjenige Land am schwersten

schädigen musste, das als Kaufmann, als Handwerker, als Fabrikant dieser

Märkte bedurfte, um seinen Beitrag zum Wirtschaftsleben der Welt zu

leisten. So entstand die Einsicht, dass nicht ein einziges Land imstande

sein würde, die Krankheit eines geschlagenen Kontinents zu heilen,

sondern dass eine wirtschaftliche Verflochtenheit bestand, eine

unlösbare Einheit, und dass jedes Glied, das aus dieser Einheit

ausfällt, sei es Rußland als Konsument, sei es Deutschland als

Produzent, dass jedes fehlende Glied die Weltgemeinschaft schädigt. Bei

den Führern der englischen Politik befestigte sich der Gedanke, eine

wirtschaftliche Weltkonferenz zusammenzuberufen.

Die Beschlussfassung über die Berufung war Sache des Obersten Rats der

Alliierten. Er versammelte sich in Cannes, und dort war es zum ersten

Male den deutschen Vertretern möglich, unsere Gesamtlage vor dem

Areopag der Welt zu entwickeln. In Cannes wurde es deutlich, dass das

deutsche Problem die europäische Wirtschaftslage beherrschte, und neben

diesem deutschen Problem, in fernere Zukunft weisend, trat das russische

Problem hervor. Kaum hatte man endgültig beschlossen, die

Wirtschaftskonferenz einzuberufen, da brach die Konferenz von Cannes ab,

denn ein Regierungswechsel hatte sich in Frankreich vollzogen, die

Regierung Briands wurde durch die Regierung Poincaré abgelöst.

Monatelang zweifelte man, ob es der auftretenden Opposition gelingen

würde, den Gedanken der Weltkonferenz zu zerstören oder zur

Unkenntlichkeit umzugestalten. Schliesslich kam sie zustande, doch unter

Erschwernissen. Denn es hatten Besprechungen stattgefunden in Boulogne,

und in diesen Besprechungen war von England dem französischen Wunsch

stattgegeben worden, dass die Konferenz, die einberufen war zur Heilung

des Leidens des Kontinents, dass diese Konferenz über eins nicht

sprechen durfte: nämlich über das Wesen und die Ursache dieses Leidens.

Es durfte nicht gesprochen werden über die Kernfrage, die deutsche

Frage, die Reparationsfrage. Der Herr Reichskanzler hat es Ihnen

dargelegt: strassauf, strassab in Genua war dennoch alles erfüllt von

dieser Frage. So kam es denn, dass neben der ungelösten russischen

Frage, die einer Sachverständigenkonferenz vorbehalten werden musste,

doch eine Reihe von Erkenntnissen sich klärte, die freilich in den

Kommissionssitzungen nur andeutungsweise besprochen werden durften. Doch

gab es eine Schlußsitzung, und in dieser konnte es den deutschen

Delegierten nicht verwehrt werden, die Kernprobleme ans Licht zu stellen

und die Nationen zu fragen: ja oder nein. Soweit eine Konferenz, ein

überfüllter Saal, ein Welttheater, eine Antwort auf solche Fragen geben

darf, wurde sie gegeben. So lauteten etwa unsere Fragen: Kann ein

Kontinent gesunden, wenn jede Nation der andern tief verschuldet ist?

Kann eine Nation sich regen, wenn sie gleichzeitig überlasteter

Gläubiger und hoffnungsloser Schuldner ist? Kann eine Kette von

Gläubigern und Schuldnern ein wirtschaftliches Dasein führen, wenn am

einen Ende der Kette ein grosses Reich, Amerika, steht, das niemandem

schuldet, und am anderen Ende unser armes Land, das von niemandem etwas

zu fordern hat? Die Antwort ist: Ein solcher Kreis der Weltverschuldung

muss zerschnitten werden. Und in diesem Kreis der Weltverschuldung ist

das deutsche Reparationsproblem nur ein Spezialfall der Verschuldung von

Volk zu Volk. Des weiteren konnte nicht geleugnet werden, dass dem

Schuldner, der zahlen soll, die Zahlung nicht unmöglich gemacht werden

darf. Da Zahlung nur in Waren geleistet werden kann, so ist diejenige

Politik widersinnig, die der Ware des Schuldnerlandes den Eingang ins

Gläubigerland verschliesst, es ist widersinnig, gleichzeitig die Mauer

des Antidumping, des Prohibitivzolls, zu erhöhen, und gleichzeitig zu

verlangen, dass die zu entrichtende Ware diese Dämme überschwemmen soll.

Auch diese Erkenntnisse tauchten in Genua auf: dass ein Wiederaufbau der

Welt, wenn man ihn ernst ins Auge fasst, wenn der Begriff nicht zum

Gemeinplatz zerfliessen soll, dass ein solcher Wiederaufbau nur möglich

ist durch Opfer. Dass er nicht möglich ist durch das Opfer des einen

oder des anderen Volkes, sondern dass sämtliche Völker beitragen müssen.

So wie sämtliche Völker sich durch diesen furchtbaren Krieg in Schuld

begeben haben, so müssen sämtliche Völker der Erde gemeinsam Opfer

bringen, um die Folgen dieses Krieges zu mildern. Deshalb war es nötig,

auszusprechen: nicht ein einzelnes Volk kann Europa heilen, sondern die

Völker müssen zusammentreten und gemeinschaftlich wirken, sie müssen

sich nicht damit begnügen, die Abbürdung dieser Weltschuld vorzunehmen,

sie müssen dafür sorgen, dass neue Mittel beschafft werden. Denn zu

jedem Aufbau gehören Mittel. Man kann nicht bauen aus Luft und Wolken.

Wer baut, braucht Materialien und muss diese Materialien in Werten

beschaffen. Werte aber freiwillig darbieten, heisst Opfer bringen.

Neben diesen wirtschaftlichen Problemen war die Atmosphäre Genuas

erfüllt von den Problemen Russlands. Die Wiederverbindung des Ostens und

Westens ist eine der grossen Aufgaben der künftigen europäischen

Politik. Es ist nötig, dass ein Kontinent wie Russland, ein Land von

solchem Umfang, solcher Menschenzahl, solchen ungehobenen Schätzen

wieder erschlossen wird. Es ist nötig, dass es dem wirtschaftlichen

Komplex des Westens wieder angegliedert wird. Den Mächten der Entente

ist das bisher nicht gelungen. Die Arbeit ist verschoben auf den Haag,

und wir werden im Haag nicht teilnehmen. Wir drängen uns nicht dazu, an

einer Arbeit teilzunehmen, die andere für sich leisten und in anderer

Art. Wir haben unserseits einen eigenen Weg beschritten, den Weg des

reinen, freien, vergebenden Friedens. Wir haben diesen Weg beschritten

zum Zwecke des Aufbaues einer neuen Zukunft mit einem Lande, das ebenso

schwere Schicksalsschläge erlitten hat, wie wir. Ob mit oder ohne eigene

Schuld, lasse ich dahingestellt. Mit einem solchen Land kann man nicht

abrechnen, wie mit einem schlechten Schuldner. Man kann und soll mit ihm

zusammenwirken in dem Augenblick, wo seine Not am grössten ist. Man hat

uns den Vorwurf gemacht, wir hätten Rapallo im unrichtigen Moment

abgeschlossen. Ja gewiss, wenn an einer Tatsache nicht zu mäkeln ist, so

bleibt wenigstens die Kritik: An sich gut, aber es hätte nicht am

Montag, sondern es hätte am Dienstag oder Mittwoch sein sollen. Wir

mussten den Vertrag abschliessen in dem Augenblick, wo wir erkannten,

dass die Westmächte unseren berechtigten Wünschen nicht gerecht wurden,

wo anderseits die vertraglichen Bestimmungen für uns sich fügten und

anderseits der Wunsch der Gegenpartei nach Verständigung lebendig wurde.

Wir rechnen nicht in der Politik mit Dankbarkeit. Frühere Politik, die

sich vielfach auf Dankbarkeit gegründet hat, ist stets enttäuscht

worden. Aber mit Realitäten und Tatsachen der Vergangenheit zu rechnen,

ist kein Fehler, und es ist eine Realität, wenn eine Verbindung

abgeschlossen wird von Völkern, die sich die Hände reichen, um in

Frieden und Freundschaft zu leben.

Im Haag werden wir nicht beteiligt sein. Denn wir haben unsere

Verhältnisse zum Osten geregelt. Wir werden die Arbeit der übrigen mit

aufrichtigem Wohlwollen verfolgen. Wir werden die Tätigkeit, die wir

schon in Genua ausgeübt haben, weiterhin ausüben, die Tätigkeit der

Vermittlung, aber nur dann, wenn es gewünscht wird. Denn wir drängen uns

niemand auf. In Genua hat man es gewünscht, und wir sind diesem Wunsch

gefolgt. Wird es im Haag nicht gewünscht, so bleiben wir abseits. Wir

wünschen von Herzen, dass die Staaten mit gutem Erfolg vom Haag

heimkehren. Wir neiden niemand eine Verbindung. Wir wollen keine

Monopole, kein Alleinrecht. Wir wollen nichts weiter, als dass die

Verbindung zwischen Osten und Westen wiederhergestellt wird. Wir wollen,

dass die Verbindung so hergestellt wird, dass auch wir dem östlichen

Volk die Hand reichen. Wenn ich von diesem Handreichen spreche, so

meine ich freilich nicht, dass wir uns einem Gedankenkreis verschreiben,

der nicht der unsere ist. Russland lebt unter einem Wirtschaftssystem,

das sich von dem unseren unterscheidet. Wir haben dieses

Wirtschaftssystem nicht zu kritisieren. Vielleicht wird Russland es

allmählich umgestalten. Wir glauben, dass es heute in voller

Umgestaltung begriffen ist. Wir haben unseren Frieden geschlossen nicht

mit einem System, sondern mit einem Volk, und wir haben ihn geschlossen

durch die Menschen, die in diesem Augenblick dieses Volk vertreten.

Welche Wirtschaft sie betreiben, bekümmert uns nicht. Wir werden ihnen,

soweit wir können, und soweit sie es wünschen, wirtschaftlich zur Seite

stehen, mit wirtschaftlicher Initiative, mit Erfahrung und Kenntnis des

Landes, mit den organisatorischen Fähigkeiten des deutschen

Wirtschaftsmanns, mit den Einsichten des deutschen Gelehrten. Wir werden

uns ihnen weder verschliessen, noch aufdrängen, sondern wir werden sie

nach ihrer Fasson selig werden lassen. Wir hoffen aufrichtig, dass sie

sich zu einem Wirtschaftssystem fügen, das sich mit dem europäischen

Wirtschaftssystem ergänzt. Wir selbst nehmen darauf einen Einfluss

nicht.

Das ist die Etappe von Genua. Die Etappe vom Haag liegt in der Zukunft.

Nun noch ein Wort von derjenigen Etappe, die sich in diesem Augenblick

abspielt: Die Etappe Paris. Die reifende Einsicht des Jahres 1921 haben

wir überblickt. Es ist die Einsicht, die unter Politikern entstand. Zum

erstenmal treten nunmehr in Paris Wirtschaftsmänner zusammen, Bankiers

aus den europäischen und amerikanischen Staaten, und beraten über Dinge

materieller Ordnung. Diese Dinge sind auf der einen Seite die

Kreditwürdigkeit unseres Landes, auf der anderen Seite die

Durchführbarkeit von Verträgen, auf der dritten Seite die Möglichkeit

der Unterbringung von Anleihen. Eine Spannung hält die Welt in Atem:

Welche Entscheidung wird getroffen werden? Ich glaube nicht, dass diese

Entscheidung das Wesentliche ist. Mag es eine grosse oder eine kleine,

oder mag es gar keine Anleihe sein. Gleichviel! Der Schritt, den dieses

Komitee getan hat, kann nicht rückgängig gemacht werden. Dieser Schritt

aber ist der bedeutendste in der wirtschaftlichen Einsicht der Welt seit

1½ Jahren, denn er führt zu der Tatsache: Dasjenige, was im Londoner

Ultimatum festgesetzt ist, ist undurchführbar, und damit ist der Kreis

der Erkenntnis geschlossen. Damit hat das Experiment dieser

schwierigsten aller europäischen Fragen, dieses gefahrvollste und

tragischste Experiment seinen intellektuellen Abschluss gefunden. Auf

die Frage des Ultimatums von 1921 erfolgt die Antwort der Kommission von

1922. Die Frage lautet: Sind 132 Milliarden von Deutschland erhältlich?

und die Antwort lautet: Nein. Ob nun diese Antwort sich besiegelt durch

das praktische Mittel der oder jener Massnahme, der oder jener Anleihe

scheint mir nicht entscheidend. In wenigen Tagen werden wir wissen, ob

nun das praktische Resultat sich anschliesst dem Resultat der

Erkenntnis. Das Resultat der Erkenntnis aber ist das entscheidende.

Ueberblicken wir den Lauf dieses Jahres, vergegenwärtigen wir uns, wie

auf die grosse Frage des Ultimatums immer klarer und deutlicher die

negative Antwort emporwächst, so dürfen wir auf der anderen Seite die

Kritik unseres Landes nicht unberücksichtigt lassen. Man ist nicht milde

umgegangen mit unserer Politik dieses Jahres; der Herr Reichskanzler

kann manches davon erzählen, und jeder einzelne von uns. Wir sind einer

jeden Kritik zugänglich, die uns sagt, nicht so müsst ihr es machen,

sondern anders. Aber niemand wird dem Staatsmann helfen und dem Lande

nützen durch eine Kritik, die lediglich sagt, ganz anders hättet ihr es

machen müssen, aber wie, das bleibt unser Geheimnis. Häufig ist uns

gesagt worden: Politik des Widerstandes! Der bedeutendste und

erfolgreichste Staatsmann Europas hat uns auf unsere Frage eine Antwort

gegeben, als wir ihm sagten: Wir haben es in diesem Jahr erleben müssen,

dass eine furchtbare Teuerungswelle über unser Land hereingebrochen ist,

wir haben es erleben müssen, dass der Mittelstand die schwersten Leiden

zu erdulden hat, wir haben es erleben müssen, dass die fremden

Zahlungsmittel auf das Vielfache ihres Werts gestiegen sind. Es ist uns

manchmal der Zweifel gekommen, ob wir unter diesen Umständen nicht

hätten sagen sollen: Widerstand, es koste, was es wolle. Ich will die

Worte nicht zitieren, die wir gehört haben, aber aufs Tiefste ist unsere

Ueberzeugung besiegelt worden, dass die Politik, die wir trieben, die

einzige gewesen ist, die es ermöglicht hat, während dieses schwersten

Jahres des neuen Friedens die Einheit des Reiches zu erhalten. Keine

andere Politik kann uns genannt werden, die das Gleiche ermöglicht

hätte: Erhaltung der Einheit und des Bestandes. Die Bestrebungen, die

uns bedrohten und bedrohen, beziehen sich nicht nur auf die Zerreissung

des Landes, sie beziehen sich auch auf seine weitere Schmälerung,

nachdem dieses Land durch den unglücklichsten aller Verträge schon so

viel von seinem Boden und seinen Menschen verloren hat. Unser Land

ungeschmälert zu erhalten, unser Land und Volk als Einheit zu erhalten,

ist das Ziel, das wir erkämpfen. Wenn gesagt worden ist, das kleinere

Uebel gegenüber gewissen Wirtschaftsgefährdungen sei die Neubesetzung

von rheinischem Land durch fremde Truppen, so sagen wir: Nein, der

Meinung sind wir nicht. Deutsches Land soll nicht hergegeben werden, die

deutsche Einheit soll nicht gefährdet werden. Der Kanzler hat es Ihnen

gesagt und ich möchte es wiederholen: Wehe uns, wenn wir die

Vergangenheit unseres Volkes vergessen, wehe uns, wenn wir seine grosse

Geschichte vergessen und das, was seine grosse Geschichte uns

hinterlassen hat. Das bedeutet nicht, dass wir jedes einzelne billigen,

was im Laufe der Generationen geschehen und geworden ist, aber es

bedeutet, dass wir an dem grossen Vermächtnis festhalten, das das

Endergebnis der modernen deutschen Geschichte bildet: die Vereinigung

Deutschlands in seinen Stämmen. Dieser Einheit werden wir nachleben und

ihr haben wir zu dienen. Vergessen wir nicht, was von vielen einzelnen

und manchmal von Parteien vergessen wird, die zu glauben meinen, wir

hätten den Krieg gewonnen. Nein, leider nicht. Diesen Krieg, den

grössten aller Kriege, haben wir verloren. Vergessen wir nicht, was das

bedeutet, und vergessen wir nicht aus unserer grossen Geschichte, was es

bedeutet hat, wenn in früheren Zeiten Kriege verloren wurden, die nicht

den zehnten Teil so schwer, so hart und gefahrvoll waren, als dieser

Weltkrieg. Vergessen wir nicht, vor welchen Gefahren wir gestanden haben

und vor welchen Gefahren wir stehen. Und wenn einmal in hundert Jahren

die Geschichte dieser Epoche geschrieben werden wird, dann wird man mit

Sorgfalt fragen: Wo wurden die ersten Fäden angeknüpft, wie war es

möglich in einer Welt, die vergiftet war von Hass, auf einem Planeten,

der zum Himmel flammte in gegenseitiger Rachsucht, wie war es möglich in

dieser Welt der Zerstörung und der Zwietracht, die ersten Fäden zu

fügen? Die Antwort wird sein: Das deutsche Volk hat sie gefügt durch

seine Geduld, durch seine Tatkraft, durch seinen positiven Willen, durch

seinen Idealismus, durch seinen Opfersinn. Das wird das Urteil der

Weltgeschichte über diese Epoche sein, die wir durchleben. Mag die

Kritik des Tages uns verlästern: wir glauben aus tiefster Ueberzeugung,

dass es keinen anderen Weg gibt, als den, den wir beschritten haben, um

die deutsche Einheit in die Zukunft zu retten und für alle Zeit zu

stabilisieren. Dass wir daneben nicht passiv gewesen sind während der

ganzen Dauer dieses Jahres, haben wir Ihnen dargelegt. Zweifellos ist

es, dass, wenn ein Volk leben soll, es nicht leben kann lediglich in

einer einzigen Eigenschaft, in der Eigenschaft als Schuldner. Es muss

sich wieder bewegen, es muss neue Kräfte sammeln, es muss seiner

Wirtschaft neue Anknüpfungen bieten, es muss den Geist auf neue Probleme

lenken. Deswegen glaube ich, dass unsere Politik darin nicht versagt

hat, wenn sie den Versuch gemacht hat, wieder zu einer Aktivität zu

kommen.

Cannes und Genua: Vier Reden zum Reparationsproblem · 第 4 / 6 段