bezeichne sie um so mehr als eine vollkommene, als sie stattgefunden hat
in einem Europa, das von Waffen starrt. Die beabsichtigte Abrüstung der
Welt, wozu hat sie geführt? Sie hat dazu geführt, dass gegenwärtig in
Europa nicht 3,7 Millionen Soldaten unter Waffen stehen, wie vor dem
Kriege, sondern 4,7 Millionen. In dieser waffenstarrenden Welt kann man
von einem bewaffneten und kriegsbereiten Deutschland nicht sprechen,
wenn man ehrlich die Verhältnisse betrachtet.
Aber, meine Damen und Herren, es ist doch einmal nötig auszusprechen:
wenn Deutschland diese gewaltigen Leistungen getätigt hat, die
Leistungen seiner Zahlungen auf der einen Seite, die Leistungen seiner
Entwaffnung auf der anderen Seite, unter welchen physischen und
moralischen Verhältnissen Deutschland diese beiden grossen Taten
vollbracht hat. Halb verhungert ging das Land aus dem schwersten aller
Kriege hervor; aber nicht nur aus dem Kriege, sondern aus einer
Blockade, die sich noch nahezu ein Jahr über Kriegsende hinaus
verlängert hatte. In diesem Zustande durchschritt das Volk eine
Revolution und eine Reihe von wirtschaftlichen Krisen, die heute noch
nicht beendet ist. Eine Geldentwertung trat ein, die, wie es Herr
Stresemann mit beweglichen Worten ausgeführt hat, den Mittelstand
zerbrach, die eine Umschichtung der Stände herbeigeführt hat, wie sie
bedauerlicher nicht gedacht werden kann, die Elend und Entbehrungen in
alle Schichten des Volkes und fast in jede Familie gebracht hat. Die
Intelligenz des Landes, unsere kulturellen Werte sind in schwerster
Gefahr und Bedrängnis. Der Kanzler hat geschildert, wie es kaum mehr
möglich ist, die notwendigsten Institute der gesundheitlichen Pflege zu
erhalten. Die Wissenschaft ist in Gefahr. Tausende haben ihre Studien
unterbrechen müssen, haben sich anderen Berufen zugewandt. Der
Berufswechsel in Deutschland, die Verarmung der geistigen Schichten hat
die kulturelle Kraft unserer Bevölkerung um Jahre zurückgeworfen.
Gleichzeitig aber hat auf dem Lande, das die Leistungen vollbrachte, von
denen ich sprach, die Leistungen der Zahlung und der Abrüstung, ein
Druck gelastet, der bis zum heutigen Tage nicht behoben ist, der schwere
Druck des Gemütempfindens, der Schmerz um verlorene Heimat, der Druck
der Okkupationsheere im Osten und Westen, der Druck der Sanktionen, die
uns drei Städte im Frieden entrissen haben, der Druck der Kommissionen,
die im Lande herumreisen und in alle unsere Verhältnisse eingreifen.
Dieser schwere Druck hat auf dem Volke gelastet neben dem
wirtschaftlichen und neben dem sozialen, während es diejenigen
Leistungen vollbrachte, die ich erwähnt habe. Ich glaube nicht, dass es
ungerecht ist, zu fragen, ob je ein Volk in geschichtlichen Zeiten im
Frieden einer härteren Probe unterworfen worden ist. Wie aber hat sich
Deutschland den Verhältnissen gegenüber selbst verhalten? In dieser Zeit
der schwersten Not, der schwersten Sorge, der stärksten moralischen und
physischen Anspannung ist Deutschland dasjenige Land gewesen, das
Europas Zivilisation erhalten hat; denn hätte Deutschland in dieser Zeit
den Willen zur Ordnung und Disziplin sinken lassen, hätte sich
Deutschland in dieser Zeit in Umsturz gleiten lassen, so wäre für die
europäische Zivilisation eine Rettung nicht mehr erwachsen. Wir
verlangen für das, was wir geleistet haben, von aussen keine Anerkennung
und keinen Dank; aber wir dürfen erwarten und verlangen, dass sich die
Welt endlich entschliesst, die deutschen Verhältnisse so zu sehen, wie
sie sind. Es ist nötig, dass in die fremden Länder diejenigen Stimmen
hineindringen – und deshalb darf ich auch die meine erheben –, die
behaupten und beweisen, dass die Leistungen Deutschlands die Achtung der
Welt verdienen.
Da, wo unser schwerstes Unglück liegt, entspringen aber, wie ich glaube,
auch die Quellen unserer Hoffnung, die leider heute noch spärlich
fliessen. Denn, sind diese Dinge wahr, die ich ausgesprochen habe, und
sie sind es, so haben sie die Unaufhaltsamkeit der Wahrheit. Die
Wahrheit ist ein Strom, der sich nicht in Flaschen versiegeln lässt. Es
ist zweifellos, dass man die Wahrheit lange Zeit unterdrücken kann; aber
schliesslich macht sie ihren Weg um die Erde, und wenn die Wahrheit den
Weg um die Erde antritt, dann ist auch für uns der Augenblick des
Friedens gekommen, den wir ersehnen.
Ich kehre zur Reparationsnote zurück. Ihre Beantwortung hat der Kanzler
gestern deutlich umschrieben. Er hat ausgesprochen, dass die Tür der
Verhandlungen nicht geschlossen ist; denn dieser Verhandlungen bedürfen
wir schon deswegen, um zurückzukommen auf diejenigen Goldleistungen, die
von der Reparationskommission in Aussicht genommen worden sind. Wir
haben die Absicht, der Reparationskommission zu sagen, dass unter den
heutigen Verhältnissen der Geldentwertung wir einen anderen Zahlungsplan
für 1922 erwarten. Richtlinien für die Verhandlungen mit der
Reparationskommission aber bleiben die beiden vom Kanzler
ausgesprochenen: ein Neubau unseres Steuerkompromisses ist nicht möglich
und ebensowenig möglich ist ein Eingriff in unsere Staats- und
Finanzhoheit.
Herr Stresemann hat die Mahnung ausgesprochen, an die ich mich zu halten
beabsichtige, nicht auf diejenigen Punkte zurückzugreifen, die in der
Vergangenheit die Auffassungen innerhalb dieses Hauses getrennt haben.
Es sind gestern schwere Vorwürfe gegen die vergangene Politik des
Kabinetts erhoben worden. Ich gehe darauf nicht ein, weil auch ich den
Wunsch habe, dass wir gemeinschaftlich an der Zukunft und nicht getrennt
an der Vergangenheit arbeiten. Aber eins möchte ich nicht ungesagt
lassen: Ich glaube, dass das Kabinett es für sich beanspruchen darf,
dass es ihm möglich gewesen ist, im Jahre der stärksten Gefahr die
Einheit und Unversehrtheit des Reichs zu erhalten, und ich behaupte,
dass mit keiner anderen Politik die Unversehrtheit und Einheit des
Reiches gewahrt worden wäre.
Die Politik, die wir zu führen beabsichtigen, ist die Politik des
Friedens. Wir führen sie in der freien Ueberzeugung und in dem Glauben
an unsere gute und gerechte Sache.
Wir wollen die Erfüllung, soweit sie im Rahmen der Möglichkeit liegt,
nicht als Selbstzweck, sondern als Weg zum Frieden. Wir wollen den
Wiederaufbau der zerstörten Gebiete als Weg zum Frieden, und wir wollen
nach Kräften beitragen zur Entbürdung und zum Wiederaufbau der Welt.
Freilich, vom wahren Frieden sind wir noch weit entfernt. Noch immer
herrscht ein tiefes Misstrauen zwischen den Völkern, gesteigert oftmals
bis zur Feindseligkeit des Wortes und der Handlung. An Stelle
gemeinschaftlicher Arbeit verkettet den Erdkreis ein Ring
gemeinschaftlicher Verschuldung. Europa starrt von Waffen, und es findet
sich nicht der Staatsmann und nicht die Nation, die sich zum befreienden
Gedanken und zur befreienden Tat aufrafft. Nach dreijährigem Frieden ist
unser eigenes Land noch immer friedlos, zum Teil militärisch besetzt,
zum Teil militärisch kontrolliert.
Kann nun Genua dieser friedlosen Welt den ersehnten Frieden bringen? –
Amerika hat die Beteiligung an Genua abgelehnt mit der Begründung, Genua
sei eine politische Konferenz; Hauptfragen der wirtschaftlichen Probleme
werden in Genua nicht behandelt, und somit bleiben wir fern. In Boulogne
ist nochmals bekräftigt worden, dass die Probleme der Reparation, der
Grundlagen des Versailler Friedens, nicht der Beschlussfassung
unterliegen sollen. Dennoch hat der Kanzler gestern in seiner Rede die
hoffnungsvollere Seite von Genua erwähnt. Ich stimme seinen Ausführungen
bei und will das von ihm selbst beschränkte Mass von Hoffnungen nicht
herunterstimmen. Dennoch werden wir unsere Stellung zu Genua erneut zu
prüfen haben. Wir müssen erwägen, mit welchen Gedanken, aber auch mit
welchen Gefühlen wir uns einer Konferenz nähern, auf der das Schicksal
und der Aufbau einer Welt behandelt werden soll, aber nicht der unseren,
nicht unser Aufbau und nicht unser Schicksal. Lässt sich eine Brücke
finden, – gut! Lässt sie sich nicht finden, so wird Genua das Schicksal
von vielen anderen Konferenzen teilen.
In diesem Zusammenhang ein Wort in Anknüpfung an die Ausführungen des
Herrn Stresemann über Russland. Zweifellos wird Genua für Russland
manches Wesentliche bringen, und ich will nicht einen Augenblick die
Auffassung der Kabinettsregierung unausgesprochen lassen, die dahin
geht, dass wir nach Ausmass unserer Kräfte uns aufrichtig bemühen
werden, am Wiederaufbau Russlands mitzuwirken. Dabei ist der Weg von
Syndikaten nicht der entscheidende, Syndikate können nützlich sein, und
von solchen Syndikaten sollten wir uns nicht ausschliessen. Dagegen wird
das Wesentliche unserer Aufbauarbeit zwischen uns und Russland selbst zu
besprechen sein. Solche Besprechungen haben stattgefunden und finden
weiter statt, und ich werde sie mit allen Mitteln fördern. Es ist kein
Gedanke daran, dass Deutschland etwa die Absicht hätte, Russland
gegenüber die Rolle des kapitallüsternen Kolonisten zu spielen. Ich
freue mich ganz besonders, dass von seiten des Herrn Stresemann und
seiner Freunde heute eine solche Stellung Russland gegenüber gewünscht
wird, denn ich erinnere mich an eine Periode, in der ich mit meiner
Auffassung über die Notwendigkeit, Russland zu Hilfe zu kommen, bei
dieser Seite keine Gegenliebe gefunden habe.
Soll, meine Herren, aus dem Chaos der Welt ein Ausweg gefunden werden,
so ist es nötig, den Rahmen weiter zu spannen, als es durch die Note der
Reparationskommission geschehen ist. Es ist schlechterdings nicht
möglich, dass eine niedergebrochene Welt aufgerichtet werde lediglich
durch die Arbeit eines einzigen Landes, auch wenn dieses Land noch so
gutwillig an diesem Aufbau mitzuwirken gewillt ist. Alle Nationen der
Erde, nicht nur die ehemaligen Kämpfer, müssen erkennen, dass sie
sämtlich am Aufbau der Welt in gleichem Masse interessiert sind. Sie
müssen erkennen, dass sie einander wechselseitig bedürfen als
Produzenten und als Käufer, sie müssen erkennen, dass sie alle die
gleichen Rohstoffe dieser Erde nötig haben. Sie müssen sich vereinigen
zu einer Sanierungsaktion der Welt, von der sich niemand ausschliessen
darf, der aus den Vorräten der Welt schöpft. Deutschland aber bedarf, um
im Kreise der Völker die ihm gestellte Aufgabe des Aufbaus zu erfüllen,
einer Atempause, die nur durch äussere Anleihen beschafft werden kann.
Um aber sein Verhältnis zu seinen Gläubigern zu regeln, und zwar zu
regeln in loyaler und ehrlicher Weise, muss Deutschland das Recht haben,
sich mit seinen Gläubigern an einen Tisch zu setzen. Das bedeutet keine
Uebergehung der Reparationskommission, die immer noch genügend Aufgaben
zu erfüllen haben wird. Es kann aber dem Schuldner nicht verwehrt werden
und ist ihm zu keiner Zeit verwehrt worden, sich mit seinen Gläubigern
zusammenzusetzen und mit ihnen diejenigen Mittel zu beraten, wie
wechselseitig das Verhältnis geregelt werden kann, nicht nur auf dem
Gebiet des Geldes, sondern auf allen Gebieten, die Gläubiger und
Schuldner gemeinschaftlich berühren.
Ich kann es verstehen, dass man sich formal auf den Standpunkt gestellt
hat, das deutsche Reparationsverhältnis kann in Genua nicht verhandelt
werden, weil dort 40 Nationen vertreten sind, die, nur zum Teil an
Reparationsfragen beteiligt, nicht beschliessen können, wie
Deutschlands Verhältnis zu seinen Gläubigern sich gestalten soll. Ich
sage, ich kann es formal verstehen; sachlich hätte ich eine andere
Lösung gewünscht. Aber wenn man sich auf diesen Standpunkt stellt, dass
Genua für diese Kernfrage der gesamten Weltwirtschaft unzuständig ist,
so ist es umsomehr notwendig, dass eine Regelung zwischen Deutschland
und seinen Gläubigern durch gemeinschaftliche Verhandlungen gefunden
wird. Es ist gestern in der Debatte Erwähnung Amerikas geschehen. Ich
halte es für falsch, auf ein einzelnes Land, sei es das stärkste und
edelste der Welt, alle Hoffnung zu setzen. Es entspricht der Gewohnheit
verzweifelter Schuldner, alle Hoffnung an einen einzigen Anker zu
hängen. In der Regel werden solche Hoffnungen getäuscht. Ich kenne sehr
wohl die Abneigung Amerikas, sich auf die wirtschaftlichen Verhältnisse
Europas einzulassen. In erster Linie ist es eine schwere
Europamüdigkeit, die Amerika befallen hat nach den Erfahrungen des
Krieges und nach den Erfahrungen des beginnenden Friedens. Wer das Tun
und Treiben in Europa mit unbeteiligten Augen überblickt, dem liegt es
freilich nahe – und man kann es ihm nicht verdenken –, wenn er die Augen
abwendet.
Ein anderes Motiv Amerikas, sich nicht einzumischen, besteht darin, dass
die Auffassung in volkswirtschaftlichen amerikanischen Kreisen herrscht,
die amerikanische Ausfuhr bedeute nur einen kleinen Bruchteil, man
spricht von 7 Prozent, der amerikanischen Produktion. Diese Zahl hält
der Nachprüfung nicht stand, und ich glaube, dass man in kurzer Zeit in
Amerika erkennen wird, dass der Prozentsatz der Ausfuhr im Verhältnis
zur Produktion ein ganz bedeutend grösserer ist. Ich schätze das
Verhältnis der Ausfuhr zur amerikanischen Fertigproduktion auf
mindestens 20 bis 25 Prozent. Auf eine solche Ausfuhr aber wird Amerika
auf die Dauer nicht leicht verzichten.
Plausibel für die amerikanische Nichteinmischung ist aber noch ein
dritter Grund. Amerika sagt: warum sollen wir unser Geld Europa zur
Verfügung stellen, einem Kontinent, der es nur für seine Rüstungszwecke
verbraucht? Das ist ein Einwand, den man verstehen kann. Aber ich
glaube, Amerika wird empfinden, dass man einem Ertrinkenden keine
Bedingungen stellt. Es ist nicht möglich, zu warten, bis der Geist des
Friedens in Europa durchgedrungen ist, um Europa zu helfen.
Am 1. April wird der künftige amerikanische Botschafter Houghton sich zu
Schiff begeben, um nach Deutschland zu kommen und hier seinen Posten zu
übernehmen. Ich rufe ihm ein Willkommen entgegen und hoffe, dass seine
Mission in Deutschland für beide Länder fruchtbringend sein wird. Wir
selbst haben einen der stärksten Leiter unseres Wirtschaftslebens,
Geheimrat Wiedfeldt, bestimmt, uns in Washington zu vertreten. Ich
glaube, dass diese Wahl von Amerika gut aufgenommen werden wird. Denn
Amerika wünschte sich einen starken Mann der Wirtschaft, und ich hoffe,
dass Herr Wiedfeldt drüben ein gesegnetes Feld seiner Tätigkeit finden
wird. Noch nie hat eine Nation so unentrinnbar das Schicksal eines
Kontinents in der Hand gehalten wie Amerika im gegenwärtigen Augenblick.
Eine gewaltige Verantwortung ist mit dieser Machtstellung verbunden, zu
der diejenige des Krieges hinzutritt, den Amerika entschieden hat, und
des Friedens, den es gleichfalls bestimmte. Wir dürfen hoffen, dass
Amerika, das wir nicht lediglich als ein Land materieller Interessen
ansehen dürfen, sondern von dem wir anerkennen müssen, dass es ein Land
mit starken moralischen Impulsen ist, sich einer Beratung, die sich mit
der endgültigen Regelung der deutschen Schuldverhältnisse befasst, nicht
entziehen wird.
Der Osten Europas ist niedergebrochen; das unglücklichste aller Länder,
Oesterreich, dem wir heute die herzlichste brüderliche Teilnahme
entgegenbringen, ist diesem Niederbruch leider gefolgt. Deutschland
ringt mit allen seinen Kräften um seine Existenz, es ringt mit den
Kräften seines Willens und seiner Arbeit und kämpft gegen seinen
Niederbruch an. Der Niederbruch Deutschlands aber ist der Niederbruch
Europas. Deutschland verlangt von niemand in der Welt Mitleid, aber
Deutschland verlangt die Einsicht der Nationen in die Einheit und in die
Verflochtenheit der Weltinteressen. Deutschland verlangt von den
Nationen der Welt die Möglichkeit der Aufstellung eines Arbeitsplanes
und die Möglichkeit einer Mitwirkung zu gemeinsamem Wiederaufbau. Eine
solche Mitwirkung aber lässt sich nicht durch Diktate erzwingen, sie
lässt sich nur durch ein freiwilliges, ehrliches, gutgewolltes
Zusammenarbeiten der Nationen erreichen, von denen es keine gibt, die
heute nicht der Hilfe bedürfte.
Wir aber, die wir gemeinsam mit Ihnen und in Ihrem Auftrag die
Verantwortung für die Politik des Reichs tragen, wir kämpfen für
dreierlei. Wir kämpfen für die Existenz des Volkes, wir kämpfen für die
Unversehrtheit und Einheit des Reichs, wir kämpfen für den Frieden und
für den Aufbau. Dieses Ziel ist uns allen gemeinsam. Es gibt nicht eine
Seele in diesem Hause, die sich davon ausschliesst. Deshalb lassen Sie
uns auch dieses Ziel in Einigkeit verfolgen!
REDE
VOR DER VOLLVERSAMMLUNG
DER GENUESER KONFERENZ
VOM 19. MAI 1922
Der Abschluss der provisorischen Arbeiten der Konferenz gestattet uns
einen Ueberblick über die welthistorischen Leistungen der Konferenz, die
erst in den kommenden Jahren mehr und mehr hervortreten werden und für
die Europa der Genueser Konferenz Dank schuldet. Es wäre ein
unberechtigter Optimismus, zu hoffen, dass durch den Abschluss dieser
Arbeiten die Weltkrise sofort eine merkliche Linderung erfährt. Eine
solche Besserung der allgemeinen Weltlage wird erst dann eintreten, wenn
eine Reihe von Prinzipien erfüllt sind, die in den Beratungen der
Kommission mit immer wachsender Deutlichkeit hervortraten, wenn sie
vielleicht auch nicht ihren vollen Ausdruck in den niedergelegten
Leitsätzen gefunden haben.
Indem ich mich an die der Konferenz gezogenen Grenzen auf das strikteste
halten werde, will ich versuchen, die vier grossen und unausgesprochenen
Wahrheiten darzulegen, die mir aus den Beratungen hervorzugehen scheinen
und die, wie ich glaube, unbedingte Voraussetzungen für eine Gesundung
der Weltwirtschaft bilden. Die erste dieser Wahrheiten lautet: Die
gesamte Verschuldung der Länder ist zu gross im Verhältnis zu ihrer
Produktionskraft.
Alle hauptsächlichen Wirtschaftsländer sind in einen Verschuldungskreis
hineingezogen, der die meisten gleichzeitig zu Gläubigern und Schuldnern
macht. Durch ihre Eigenschaft als Gläubiger wissen die Staaten nicht,
wieviel sie von ihrem Guthaben erhalten werden, in ihrer Eigenschaft als
Schuldner wissen sie nicht, wieviel sie zahlen können und müssen.
Ueberhaupt kann kein Staat einen wirklichen Haushalt aufstellen, kein
Staat kann es wagen, sich in grosse umfangreiche Neueinrichtungen
einzulassen, die seine Wirtschaft verbessern und die dem Geldmarkt neue
Nahrung geben. Kein Staat kann auf eine gesicherte Stabilisierung seiner
Zahlungsbilanz und damit auf seine Wechselkurse vertrauen, mit Ausnahme
jenes einen grossen Reiches, das niemandem schuldet und Gläubiger aller
ist, nämlich Amerika, ohne dessen Beteiligung der Wiederaufbau Europas
unmöglich wird. Vor allem aber können den überschuldeten Ländern neue
Mittel, deren sie bedürfen, nicht zugeführt werden, denn die
Ueberschuldung liegt vor aller Augen zutage, und so wenig ein freier
Gläubiger bereit sein kann, Devisen zur Verfügung zu stellen, so wenig
darf ein überlasteter Schuldner es wagen, sie anzunehmen.
Auch in früheren Zeiten waren die Staaten untereinander verschuldet,
aber diese Schuld stand in einem Verhältnis zur Produktionskraft und
entsprach überdies werbenden Anlagen. Die heutige Verschuldung beläuft
sich auf mehr, als die Staaten in Jahrzehnten ersparen und abzahlen
können. Sie ist somit eine finanzielle Realität. Eine wirtschaftliche
Realität aber ist ihnen so fern, als sie den Produktionsprozess der Welt
hemmt.
Es bleibt somit nur derjenige Weg übrig, der von einzelnen
Wirtschaftsobjekten stets beschritten wurde, wenn ihre Verschuldung die
Produktionskraft überstieg, nämlich der Weg der Sanierung und des
Schuldabbaues.
Die zweite der ausgesprochenen Genueser Wahrheiten scheint mir zu liegen
in dem Satz, dass kein Gläubiger seine Schuldner am Bezahlen der
Schulden hindern sollte. Wenn ein einzelnes Individuum einem anderen
Geld schuldet, so kann verlangt werden, daß zur Auszahlung eine
vereinbarte Münze verwendet wird, und es ist Sache des Schuldners,
solche Münzen sich zu verschaffen, wie sie am Markte in jeglichem
Umfange stets erhältlich sind. Ein Land kann einem anderen auf die Dauer
seine Schulden nur in Gold bezahlen und, wenn es Gold nicht produziert
oder nicht in grösserem Umfange besitzt, in Gütern.
Eine Zahlung in Gütern aber ist dann nur möglich, wenn der Gläubiger sie
gestattet. Verbietet er sie, so tritt Zahlungsunfähigkeit ein, und
erschwert er sie durch Zölle oder durch andere hindernde Massnahmen, so
wird der Betrag der Schuld willkürlich vermehrt; denn wenn um so viel
mehr Waren geliefert werden, als erforderlich ist, um die auferlegten
Lasten zu bezahlen, dann wird das Zahlungsmittel entwertet und somit die
Schuldsumme erhöht.
Es sollte somit jedes Land, das Zahlungen zu empfangen wünscht, seinen
Schuldnern solche Erleichterungen der Einfuhr gewähren, die es ihm
ermöglichen, den verschuldeten Betrag ohne unwillkürliche Erhöhung zu
leisten.
Die dritte der Wahrheiten ist vielleicht am deutlichsten zum Ausdruck
gekommen und ausgesprochen in dem Satz, dass die Weltwirtschaft erst
dann wieder hergestellt werden kann, wenn ein imponderabiler Wert wieder
gewonnen ist, nämlich das wechselseitige Vertrauen. Dieses Vertrauen
kann aber nur wiederkehren, wenn die Welt im wahren Frieden lebt.
Der heutige Zustand der Welt ist nicht Frieden, sondern ein Zustand, der
dem Kriege ähnlich ist, jedenfalls ist es kein vollkommener Friede.
Leider ist in den einzelnen Ländern die öffentliche Meinung noch nicht
demobilisiert. Die Ueberreste der Kriegspropaganda zirkulieren noch
immer und belasten die Atmosphäre. Jeder, der seine Mittel und seine
Arbeit einem Lande anvertraut, hat daher mit der Gefahr zu rechnen, dass
dieses Land binnen kurzem durch Verhältnisse höherer Gewalt, die nicht
in Naturereignissen, sondern in politischen Ereignissen liegen,
gefährdet und verwandelt werden kann. Vor allem ist die Erkenntnis nicht
gesichert, dass ein Schuldner, zumal wenn er verarmt ist, der Schonung
bedarf, und dass er unfähig wird, zu leisten, wenn ihn die Mächte seiner
Möglichkeiten, namentlich seines Kredits, berauben. Dass dies
tatsächlich die Imponderabilien sind, die den ehemals so grossen
Austausch des Produktions- und Konsumptionsverkehrs hemmen, geht aus der
Tatsache hervor, dass die Produktionsmittel der Welt nahezu vollkommen
erhalten sind. Selbst wenn man alle tief bedauerlichen Zerstörungen des
Krieges und vor allem der Nachkriegszeit in Rechnung zieht, darf man
annehmen, dass im gesamten Produktions- und Verkehrsapparat selbst mehr
als 90 Prozent erhalten sind. Die gewaltigen und tief beklagenswerten
Zerstörungen innerhalb des russischen Reiches greifen in den Welthandel
nur mit etwa 3 Prozent ein.
Trotz der grossen Menschenverluste des Krieges sind aber die
menschlichen Produktionskräfte fast vollständig erhalten, denn sie
haben sich in starkem Umfange ergänzt. Wenn somit die Geldmaschinerie
nicht arbeitet, obgleich sowohl ihre Substanz wie ihre Triebkräfte fast
vollständig erhalten sind, wenn auf der einen Seite Millionen von Händen
feiern, auf der anderen Seite Millionen von Menschen hungern, wenn auf
der einen Seite unzählige Gütermengen unverkäuflich sich aufstapeln, auf
der anderen Seite an den gleichen Gütern der schwerste Mangel besteht,
so liegt das daran, dass die wechselseitige Verschuldung als
psychologisches Moment wirkt. Als weitere psychologische Momente sind
der mangelnde Friedenszustand und das mangelnde Weltvertrauen
bestimmend.
Wenn man sich nun fragt, ob es denn wirklich kein Mittel gibt, die
erschlafften Kräfte des Weltaustausches neu zu beleben, die Maschinerie
der Weltproduktion von neuem in Bewegung zu setzen, so ergibt sich die
vierte der unausgesprochenen Thesen, nämlich die, dass nicht durch
irgend einen oder zwei Käufer, sondern durch das Zusammenwirken aller in
den ökonomischen und Weltproblemen neue Bewegung zugeführt werden kann.