Aussenhandel Amerikas nach Europa bedeute ausserordentlich wenig, er
bedeute, sagten die einen 4 Prozent, die anderen 7 Prozent der
amerikanischen Produktion. Ich glaube, dass diese Zahl in Amerika sehr
ernstlich der Nachprüfung bedarf und dass sie auch eine Nachprüfung
finden wird. Wäre tatsächlich die Produktion Amerikas 15 mal grösser
gewesen als seine Weltausfuhr, so wäre diese Produktion so gewaltig,
dass sie sich mit der Arbeiterzahl, über die Amerika verfügt, nicht
entfernt hätte leisten lassen. Der Anteil der Ausfuhr an amerikanischer
Produktion ist tatsächlich erheblich grösser, und Amerika wird auch in
materiellem Sinne erkennen, dass es wünschenswert ist, einen so starken
Konsumenten, wie es Europa ist, gesund zu erhalten. Es besteht somit die
Hoffnung, dass auf amerikanischer Seite ideelle und materielle Momente
zusammenwirken werden, um die gewaltige Kraft dieses Landes den
europäischen Schicksalen wieder zuzuwenden, die von ihr abhängen.
Gleichviel, ob Amerika sich entschliesst, sich an Genua zu beteiligen
oder nicht, glaube und hoffe ich, dass Europa nicht ganz allein auf sich
selbst in der Regelung seiner überaus schwierigen Verschuldungsverhältnisse
und in der Ordnung, in der Wiederherstellung seiner tief erkrankten
wirtschaftlichen Gliederung angewiesen sein wird.
Wenn wir in einigen Wochen nach Genua gehen werden, so werden wir es
nach eingehender Vorbereitung aller derjenigen Probleme tun, die
Deutschland beherrschen, und vor allem derjenigen, die auf das Schicksal
Europas einen wirtschaftlichen Einfluss ausüben. Ich glaube, dass es uns
möglich sein wird, dort einen Boden zu finden, der für die Erörterung
wirtschaftlicher Grundfragen vorbereitet ist, und hoffe, dass die
Anbahnung eines künftigen wirklichen Friedenszustandes gelingt. Wir
leben freilich nicht mehr im Kriege, aber wir leben noch immer weit
entfernt vom wirklichen Frieden. Noch immer leben die Völker in
dauernder, sich verstärkender wirtschaftlicher Abschliessung, noch immer
leidet Deutschland unter einseitiger Behandlung, noch immer leben wir
unter der Regie von Noten, die unser politisches Leben erschweren und
beunruhigen, noch immer ist im Osten schlesisches Land besetzt und im
Westen die Städte, die unter dem Namen von Sanktionen okkupiert worden
sind. Das ist noch nicht der wahre Friede der Welt, das ist noch nicht
der wahre Friede Deutschlands! Ich habe die Hoffnung und den Glauben,
dass dieser wahre Frieden der Welt herannaht. Die Aufgabe unserer
Politik ist, mit allen Mitteln daran zu arbeiten, dem Frieden näher zu
kommen, Vertrauen im Kreise der Völker zu erwerben und zu erhalten, aber
auch gleichzeitig unsere Rechte zu wahren. In diesem Sinne gedenken wir
die Fahrt nach Genua anzutreten, in diesem Sinne hoffen wir, dass Genua
einen Markstein auf dem Wege zu wirklicher Befriedung der Erde bilden
wird!
REICHSTAGSREDE
VOM
29. MÄRZ 1922
Als ich vor nunmehr zwei Monaten im Auswärtigen Ausschuss des
Reichstages über Cannes berichtete, habe ich ausgesprochen, es könnten
Nachtfröste kommen und die junge Saat des Friedens schädigen. Das Klima
Europas schien mir damals noch nicht genügend erwärmt, um hoffen zu
dürfen, dass ein Vorfrühling des Friedens eintreten werde.
In Cannes war manches erreicht. Die Goldzahlung von fünf Milliarden, die
das Ultimatum uns auferlegte und die zum Teil bestanden in festen
Leistungen, zum andern Teil in den Abgaben des Index, zum dritten Teil
in den Goldleistungen für Besatzungskosten, war auf 720 Millionen
verringert worden. Es war den deutschen Vertretern Gelegenheit gegeben
worden, unsere wirtschaftliche Lage unumwunden der Entente darzulegen,
und es ist seitdem noch nicht eine autoritative Stimme aufgetreten, die
unsere Ausführungen widerlegt.
Des ferneren war zum ersten Male eine Weltkonferenz in Aussicht
genommen, an der Deutschland als gleichberechtigter Faktor teilnehmen
sollte.
Die Konferenz in Cannes fand kein natürliches Ende. Durch den Sturz des
französischen Ministerpräsidenten Briand war die Situation von Grund aus
geändert. Die endgültige Entscheidung, die von der Konferenz erwartet
wurde, ging auf die Reparationskommission über.
Uns wurde anheimgestellt, der Reparationskommission ein Anerbieten zu
machen. Für diese Offerte waren die Grundlinien vorgezeichnet; sie waren
vereinbart zwischen England und Frankreich, und es war uns davon
Kenntnis gegeben, dass das Moratorium, das wir verlangten, uns gewährt
werden würde, wenn wir die Bedingungen annähmen, die man uns vorschlug.
Das Moratorium mussten wir haben; denn die Goldzahlungen des Januar und
Februar waren nicht zu leisten. So wurde die Offerte so eingereicht, wie
sie vereinbart war.
Bis zur endgültigen Entscheidung aber wurde von der
Reparationskommission uns eine Dekadenzahlung im Betrage von 31
Millionen für alle zehn Tage auferlegt. Schon in Cannes habe ich die
Reparationskommission darauf aufmerksam gemacht, dass eine solche
Dekadenzahlung von Deutschland nur für ganz kurze Zeit geleistet werden
könne, wenn nicht die Gefahr entstehen sollte, dass die deutsche Valuta
aufs schwerste zerrüttet würde. Ich bin auf diese Aeusserungen der
Reparationskommission gegenüber zurückgekommen; ich habe mehrmals
mündlich und schriftlich darauf hingewiesen, dass die Zeit sich allzu
sehr verlängerte, dass die Zahlungen der Dekaden dieselbe Wirkung haben
müssten, die ich in Cannes vorausgesagt hätte. Tatsächlich ist auch die
Zerrüttung unserer Valuta eingetreten: der Aufstieg des Dollars von 160
bis auf über 300.
Die Verhandlungen mit der Reparationskommission zogen sich in die Länge,
nicht Verhandlungen zwischen uns und ihr, sondern Verhandlungen, die sie
selbst mit dem französischen Ministerpräsidenten zu führen hatte, dem
sie ihr Mandat zunächst in die Hände gelegt hatte und von dem sie es
zurückerhielt.
Während dieser Zeit haben wir, dem Wunsche der Reparationskommission
entsprechend, mit denjenigen Delegierten verhandelt, die uns gesandt
wurden, nämlich in erster Linie mit Herrn Bemelmans, in der Absicht, die
Sachleistungen für uns und auch für diejenigen Länder, die
anspruchsberechtigt waren, durchführbar zu machen, nämlich für England,
Belgien, Italien und Serbien. Ein Abkommen wurde präliminiert. Kurze
Zeit darauf erschien unangemeldet der französische Delegierte Herr
Gillet, abermals mit Zustimmung der Reparationskommission, um den
Versuch zu machen, auch hinsichtlich der französischen Sachleistungen
neue Modalitäten mit uns zu verabreden, die dann gleichfalls in
Vorbesprechungen geklärt wurden. Von unserer Seite also wurde nichts
versäumt während der langen Periode, innerhalb deren die
Reparationskommission mit ihrer Entscheidung zögerte. Wie Sie wissen,
ist diese Entscheidung erfolgt am 21. März und sie hat Deutschland auf
das schwerste enttäuscht. Sie hat nicht nur uns enttäuscht, sondern
einen jeden in der Welt, der eine Hoffnung auf wirklichen Frieden und
eine mögliche Regelung des Reparationsverhältnisses hegte.
Um die Entwicklung dieser Wochen zu verstehen – zwei Monate vergingen
während dieser Verhandlungen – müssen wir uns klar machen, welche
bedeutende Wandlung im politischen Weltgeschehen eingetreten war. In
Frankreich hatte ein Staatsmann die Zügel ergriffen von grosser
Erfahrung in internationalen Verhältnissen und von rückhaltsloser
Willenskraft. Poincaré nahm den Kampf gegen England auf, und Boulogne
hat uns gezeigt, dass dieser Kampf nicht ganz erfolglos gewesen ist.
Wenn auch in Boulogne neue Beschlüsse nicht gefasst wurden, wenn auch
nur das bestätigt wurde, was ursprünglich schon auf der Einladungskarte
für Genua gestanden hatte, so war doch diese Wiederholung eine
Bekräftigung desjenigen Willens, der uns verhindern sollte, die Frage
der Reparationen in Genua zur Sprache zu bringen, diejenige Beschränkung
der Konferenz aufzuerlegen, die ihr eigentlich das Herz ausbrach. Von
einer starken parlamentarischen Mehrheit getragen, begann Poincaré seine
Politik, und sie hat sich in kurzer Zeit auf allen Schauplätzen der Politik
ausgewirkt, nicht nur England gegenüber, sondern auch im näheren Osten, wo
die Zahl der Bündnisse, Verständigungen und Militärkonventionen fast von
Tag zu Tag wuchs, nicht nur in Kleinasien, wo die französisch-türkische
Politik vordrang gegenüber der englisch-griechischen. Die Auswirkung
erstreckte sich auch auf uns, und zwar zeigte sie sich zunächst in einem
Hagel von Noten, die seitens der interalliierten Militärkommissionen auf
uns herniederprasselten. Ich habe zählen lassen, dass wir etwa im Laufe
von zwei Monaten 100 Noten von diesen Kommissionen zur Beantwortung
bekamen. Sie können sich denken, dass es nahezu einer Lahmlegung der
Behörden gleichkommt, wenn sie gezwungen sind, täglich und nächtlich an
der Beantwortung dieser Schriftstücke zu arbeiten. Von dem letzten Herrn
Redner ist auf die sehr unerfreulichen Entwicklungen hingewiesen worden,
die die Abgrenzung am Weichselgebiet in der letzten Zeit erfahren hat.
Wir haben nicht unterlassen, nicht nur die Botschafterkonferenz, sondern
alle Mächte einzeln darauf hinzuweisen, dass hier ein schweres Unrecht
im Zuge ist, und es ist wenigstens erreicht worden, dass die
Botschafterkonferenz zunächst ihre Entscheidung zurückgestellt hat.
Etwas Tragisches liegt darin, dass die gegenwärtig stärkste
Militärmacht der Welt, dass Frankreich in seinem ganzen Tun und Handeln
bestimmt wird durch die Besorgnis vor einem deutschen Angriff, vor einem
Angriff eines vollkommen entwaffneten Landes, das kaum so viel Soldaten
aufbringt, um seine innere Ruhe zu erhalten. Es ist in hohem Masse
bedauerlich, dass durch diesen Gedanken Frankreichs jede Behandlung
europäischer Probleme eine politische Seite erhält.
Gerade auf einem derjenigen Gebiete, mit denen sich die Noten der
letzten Zeit besonders intensiv beschäftigen, trat diese politische
Tendenz in bedauerlicher Weise hervor. Ich spreche von denjenigen Noten,
die sich auf unsere Schutzpolizei beziehen. Es ist durchaus
verständlich, wenn in einem geordneten, mit starker Militärmacht
versehenen Lande, wenn in einem Lande mit ungeschwächter Staatsautorität
ein Gendarmeriesystem vertreten wird, das auf rein munizipaler,
örtlicher Organisation beruht. Für Deutschland ist eine solche Regelung
nicht tunlich. Wir leben in einer Zeit des Uebergangs, der schwersten
Zerrüttung unserer wirtschaftlichen Verhältnisse. Wir leben in einer
Zeit, in der schwer gebändigt unter der Oberfläche die Mächte der Unruhe
sich bewegen. Wir leben in einem Lande mit geschwächter Staatsgewalt,
und wir sind deshalb darauf angewiesen, für Ruhe im Lande zu sorgen. Das
ist nur dann möglich, wenn eine wirksame Polizeigewalt im Lande
existiert.
Unter solchen Auspizien der äusseren und der Gesamtpolitik ist die Note
der Reparationskommission erwachsen. Die Kritik an der Note hat gestern
der Herr Reichskanzler geübt, und ich habe dieser Kritik nicht ein Wort
hinzuzufügen. Um aber die Voraussetzungen und Tendenzen klarer zu
verstehen, auf die sich die Note gründet, ist es erforderlich, dass wir
uns in einen fremden Vorstellungskreis zu versetzen suchen und einige
Irrtümer dieses Vorstellungskreises beleuchten.
Der erste Irrtum, mit dem wir uns befassen müssen, ist die übertriebene
Vorstellung des Auslandes von dem Begriff der Inflation und ihren
Wirkungen. Immer wieder tritt uns die Vorstellung entgegen, dass, wenn
unser Geldwert zerrüttet ist, das nur auf den Notendruck zurückgeführt
werden kann. Das Rezept dagegen, das uns gegeben wird, ist: Stoppt eure
Notenpresse, bringt euer Budget in Einklang, und das Unglück ist
behoben! Ein schwerwiegender volkswirtschaftlicher Irrtum! Für ein Land
mit aktiver Zahlungsbilanz ist die Gesundung des Geldes dadurch möglich,
dass man deflationistische Politik betreibt, die Balance des Haushalts
herstellt und die Notenpresse stoppt. Anders liegt es aber für ein Land
mit passiver Zahlungsbilanz. Ich fordere jeden Kenner des
Wirtschaftslebens auf, mir einen Weg zu nennen, auf dem einem Land mit
passiver Zahlungsbilanz ermöglicht wird, dauernd Goldzahlungen zu
leisten ohne Hilfe fremder Anleihen und dabei seine Valuta intakt zu
halten. Niemals ist der Versuch gemacht worden, ein solches Rezept zu
geben, und es kann nicht gegeben werden. Denn ein Land, das Gold nicht
produziert, kann Gold nicht zahlen, es sei denn, dass es dieses Gold
durch Ausfuhrüberschüsse kauft oder dass ihm das Gold geliehen wird.
Der Kreislauf unserer Valutazerrüttung ist der folgende: passive
Zahlungsbilanz, infolgedessen die Notwendigkeit, unsere Zahlungsmittel
im Auslande zu verkaufen oder auszubieten; dadurch Entwertung der
ausgebotenen Ware, der verkauften Zahlungsmittel; dadurch Schädigung des
Geldwertes im Auslande, Schädigung der Valuta. Weitere Folge: Ansteigen
aller Preise im Inlande, Ansteigen aller Materialkosten und aller
Personalkosten. Weitere Folge: das Klaffen des Budgets; denn ein Budget
besteht aus keinen anderen Ausgaben als aus sachlichen und persönlichen,
und wenn diese beiden ohne Gegenwert steigen, so ist jedes Budget, und
mag es vorher noch so sehr im Einklang gewesen sein, zerrüttet.
Wer den Beweis für die Richtigkeit dieser Anschauung noch braucht, der
sei darauf hingewiesen, wie sich tatsächlich unser Geldwert im Ausland
während einer Zeit vollkommen stabilen Weiterganges der Inflation bewegt
hat. Wir haben bei diesem stabilen Gang im Herbst letzten Jahres einen
Dollarkurs von 300 erlebt, er hatte sich im Dezember auf etwa 160
ermässigt, er ist abermals gestiegen auf 350, und alles das stand nicht
im Zusammenhange weder mit dem Druck der Notenpresse noch mit dem
Fortgang der Inflation.
Einen zweiten Irrtum der ausländischen Auffassung von unserer
Zahlungsfähigkeit habe ich zu erwähnen. Er betrifft die Frage unserer
Steuerbelastung. Wir haben der Reparationskommission und der Konferenz
in Cannes das Material übergeben, das den Nachweis erbrachte, dass
Deutschland heute schwerer mit Steuern belastet ist als andere Länder.
Von keiner Seite ist der Versuch gemacht worden, unsere Rechnungen zu
entkräften. Anerkannt wurde, dass die Kalkulationen überaus schwierige
sind, dass es ernster theoretischer Auseinandersetzungen bedarf und
nicht mechanischer Vergleiche von Zahlen, die auf Dollars übersetzt
werden. Aber der Versuch einer Widerlegung ist nicht gemacht worden. Das
einfachste Beispiel kann ja nicht widerlegt werden. Wenn in Deutschland
das Einkommen der höchsten Staatsbeamten 300 oder 500 Dollars beträgt,
so kann dieser Staatsbeamte keinesfalls mehr als 300 oder 500 Dollars
Steuern zahlen. Das schliesst aber keineswegs aus, dass ein
Staatsbeamter eines anderen Landes, der 3000 oder 5000 Dollars verdient,
sehr wohl mehr Steuern zahlen kann, als die ganzen Einnahmen des
deutschen Staatsbeamten betragen.
Ein dritter Irrtum, der bereits von Herrn Abgeordneten Stresemann
erwähnt wurde, ist der, dass man uns vorhält: eure Wirtschaft ist voll
beschäftigt, ihr habt keine Arbeitslosen, bei euch raucht jeder
Schornstein, bei euch laufen alle Maschinen mit Volldampf; wo bleibt nun
das Produkt dieser Arbeit? Dieses Produkt muss doch vorhanden sein, es
muss dazu dienen, die deutsche Vermögenssubstanz anzureichern, und
dieses Produkt muss für Reparationen fassbar sein. Die Antwort auf diese
Frage habe ich in Cannes gegeben, und ich werde es hier noch einmal mit
grösserer Deutlichkeit tun.
Die Reparationen, die wir im letzten Jahre gezahlt haben, beliefen sich
auf anderthalb Milliarden Goldmark. Diese anderthalb Milliarden Goldmark
bedeuten nicht mehr und nicht weniger als die Jahresarbeit von einer
Million deutschen Arbeitern. Wir haben, wie Sie wissen, durch den
Niedergang unserer Landwirtschaft eine erhebliche Einfuhr von
Lebensmitteln nötig. Diese Einfuhr belief sich im letzten Jahre auf 2
Milliarden Goldmark, und sie bedeutet abermals die Arbeitskraft eines
ganzen Jahres von einer Million Deutschen. Unseren Auslandsbesitz haben
wir verloren, die Guthaben und Investitionen, den Ueberseebesitz. Die
Einnahmen aus diesen Besitztümern betragen weit über eine Milliarde
Gold, und diese Einnahmen verwandelten sich in einen Zustrom von
Rohstoffen und von Waren, für die wir Gegenwerte nicht zu leisten
brauchten. Wenn wir heute diese Rohstoffe und Güter uns durch Kauf
beschaffen müssen, so haben wir dafür Arbeit zu leisten, und es ist
abermals die Arbeit von einer Million Deutschen erforderlich, um den
Gegenwert zu bezahlen. Wir kommen also zu der Rechnung, dass drei
Millionen Deutsche gegenwärtig Jahr für Jahr zu arbeiten haben, um
denjenigen Stand einigermassen wiederherzustellen, der uns vor dem
Kriege ohne diese Arbeit beschieden war. Es wird also gleichsam von drei
Millionen Menschen die Arbeit kompensationslos verzehrt; das bedeutet
freilich einen Zustand von starker Beschäftigung des Landes, aber nicht
von produktiver Beschäftigung.
Einen vierten Irrtum hat Herr Stresemann erwähnt, auf den ich mit
wenigen Worten ergänzend eingehen möchte. Es wird uns vom Auslande
entgegengehalten: eure Industrie ist blühend; eure Gesellschaften zahlen
hohe Dividenden; sie emittieren neues Kapital; sie schaffen also grosse
neue innere Werte. Auch dieser Schluss ist falsch. Denn wenn wir das
Beispiel einer Gesellschaft von 100 Millionen Aktienkapital nehmen und
annehmen, dass diese Gesellschaft selbst 20 Prozent Dividende zahlt, so
hat sie auf die Goldwerte ihres Aktienkapitals nicht mehr als ¼ Prozent
gezahlt. Es bleibt dabei aber unberücksichtigt, dass sie mindestens, um
ihren Stand an Maschinen und Einrichtungen aufrechtzuerhalten, eine
jährliche Rücklage in Gold machen müsste, die, auf Papier umgerechnet,
ein Vielfaches des Aktienkapitals ausmacht. Wenn also eine solche
Gesellschaft selbst 20 Prozent Dividende zahlt, so fehlen ihr jedes Jahr
vielleicht 200, vielleicht 300, vielleicht 500 Prozent ihres
Aktienkapitals an den notwendigsten Rückstellungen.
Ich habe die volkswirtschaftlichen Trugschlüsse erwähnt, die eine
Erklärung für die Atmosphäre bilden, innerhalb deren die Reparationsnote
entstanden ist. Ich darf aber nicht an den erheblichen gefährlichen
Irrtümern vorübergehen, die sich in der politischen Mentalität des
Auslandes abspielen. Ich nenne von diesen Irrtümern nur zwei. Der eine
lautet: Deutschland hat nichts gezahlt und will nichts zahlen. Der
andere lautet: Deutschland hat nicht entwaffnet und will nicht
entwaffnen.
Meine Herren! Ich möchte Ihnen zwei Aufstellungen verlesen, die ich
gemacht habe, um diese Fragen zu beantworten. Zunächst: Deutschland hat
nichts gezahlt und will nichts zahlen. Es ist schwer, genaue
Schätzungen aufzustellen für alle diejenigen Leistungen, die Deutschland
in der Vergangenheit seit Beendigung des Krieges hingegeben hat. Aber
wenn auch die Schätzungen vielleicht nicht auf die letzten Dezimalen
genau zu sein brauchen, so geben sie doch ein deutliches und
unwiderlegliches globales Bild von der Gesamtheit der deutschen
Leistung.
Ich erwähne folgende Posten: Das deutsche liquidierte Eigentum im Auslande
hat einen Wert von 11,7 Milliarden, die übergebene Flotte hat einen Wert
von 5,7 Milliarden, das Reichseigentum in den abgetretenen Gebieten
beläuft sich auf 6,5 Milliarden Mark, übergebenes Eisenbahn- und
Verkehrsmaterial beläuft sich auf 2 Milliarden Goldmark (Zuruf rechts:
alles Goldmark?) – alles Goldmark! – Rücklassgüter nicht militärischen
Charakters 5,8 Milliarden Goldmark, der Verlust der deutschen Ansprüche
an seine Kriegsverbündeten beläuft sich auf 7 Milliarden Goldmark. Der
Wert der Saargruben wird von uns auf 1,1 Milliarden Goldmark beziffert.
Die Kohlenlieferungen, die wir getätigt haben, zum Weltmarktpreis
gerechnet, belaufen sich auf 1,3 Milliarden Goldmark. Barzahlungen für
Reparationen sind bekanntlich 1,3 Milliarden Goldmark gewesen. Eine
Reihe von kleineren Posten – kleiner, obwohl sie in die Milliarden
laufen – übergehe ich, sie betragen im ganzen 3,2 Milliarden Mark. Wir
kommen somit zu einer Gesamtsumme der deutschen Leistungen seit
Kriegsende von 45,6 Milliarden Goldmark. – Hierbei ist der Wert der
Kolonien und der reine Wirtschaftswert der abgetretenen oberschlesischen
und westpreussischen Gebiete nicht in Ansatz gebracht. Fügt man den nach
mittleren Schätzungen hinzu, so erhöht sich diese Summe auf weit über
100 Milliarden Goldmark.
Das habe ich dem Auslande zu sagen, das durch eine starke Propaganda
heute noch immer die Meinung zu hören bekommt, Deutschland habe nichts
gezahlt und Deutschland wolle nichts zahlen. Es ist die stärkste
Zahlungsleistung von Deutschland ausgegangen, die jemals von einem Volke
der Erde an andere Völker geleistet worden ist.
Die andere Behauptung lautet: Deutschland habe nicht entwaffnet und
wolle nicht entwaffnen. Auch hier werde ich Ihnen eine Reihe von Zahlen
geben und bitte dabei zu bedenken, dass sich in diesen Zahlen nicht die
ganze Entwaffnung Deutschlands ausdrückt, dass sie nicht die gewaltige
Heeresreduktion umfassen und dass sie den Verlust unserer Festungen
nicht enthalten. Es sind unter anderem abgeliefert worden an Gewehren
und Karabinern 5,8 Millionen, an Maschinengewehren 102 000, an
Minenwerfern und Granatwerfern 28 000, an Geschützen und Rohren 53 000,
an scharfen Artilleriegeschossen und Minen 31 Millionen, an scharfen
Hand-, Gewehr- und Wurfgranaten 14 Millionen, an Zündern 56 Millionen,
an Handwaffenmunition 390 Millionen und an Pulver 31 900 000 Kilo.
Demgegenüber ist die Behauptung eine vermessene, dass Deutschland zur
Abrüstung nichts getan habe. Die deutsche Abrüstung ist eine Leistung
von unerhörter Grösse, und es ist nicht wahr, wenn man behauptet, dass
einige Waffenfunde, die in Deutschland gemacht worden sind, an diesem
Bilde irgend etwas Wesentliches ändern. Noch in 100 Jahren wird man
vermutlich irgendwo in deutschem Boden vergrabene Waffen finden, gerade
so gut wie man heute noch römische Münzen oder longobardische Schwerter
im Boden findet. Eine 100 prozentige Leistung auf dem Gebiet einer
grossen Aktion gibt es nicht, und wenn hier Bruchteile eines Prozentes
zurückgeblieben sein mögen, so ist kein Grund dafür, diese Tatsachen in
Form von Entdeckungen aufzubauschen. Kein denkender Mensch in der Welt
kann annehmen, dass Deutschland mit dem, was ihm an Waffen oder an
Kriegern verblieben ist, einen Krieg führen kann. Jeder Mensch, der
heute vertraut ist mit dem technischen Wesen eines Krieges, weiss, dass
ein neuzeitlicher Krieg nicht zu führen ist mit Resten von Waffen, dass
er überhaupt nicht zu führen ist mit vorhandenem Material, sondern dass
er nur geführt werden kann durch Umstellungen der gesamten
Industrialität eines Landes. Diese Umstellung aber ist in Deutschland
nicht möglich, und somit sind alle Bemühungen vergeblich, die darauf
hinauslaufen, etwa den Beweis deutscher Wehrkraft dadurch zu bringen,
dass noch ein halbes oder ein viertel Prozent der deutschen Waffen nicht
abgeliefert sein möge.
Damit will ich den verborgenen Waffen aber nicht das Wort reden. Ich
halte es für tief bedauerlich, dass das Reich in Gefahr gebracht worden
ist durch solche Personen, die Waffen versteckt haben mit irgendwelchen
unklaren und verworrenen Absichten, ohne sich deutlich zu machen, dass
wir dadurch von neuem den Beschwerden von Kommissionen und schweren
politischen Verwirrungen ausgesetzt werden. Die Reichsregierung wird und
muss alles tun, um diejenigen Verpflichtungen, die sie übernommen hat,
durchzuführen, und es soll ihr dabei niemand in den Arm fallen.