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Walther Rathenau
CANNES UND GENUA
VIER REDEN ZUM
REPARATIONSPROBLEM
MIT EINEM ANHANG
1922
S. Fischer / Verlag / Berlin
Erste bis fünfte Auflage
Das letzte schriftliche Wort des Ministers
Rathenau an mich, das ich in der Aktenmappe im
Auto des Ermordeten fand und das als Stichwort
für eine Anweisung an mich dienen sollte,
lautete: »Der Weg der Vernunft«.
Eine wunderbare Fügung ließ meinen hochverehrten Minister und
unvergeßlichen lieben Freund am Tage vor seiner schändlichen Ermordung
die letzte Hand an die Herausgabe der vorliegenden vier großen Reden
legen. Sie werden in dieser Zusammenstellung als eine Erinnerung und
Mahnung der Mit- und Nachwelt noch einmal deutlich vor Augen führen, wie
der Verewigte mit der ganzen Kraft und Tiefe seines ungewöhnlichen
Intellekts bemüht gewesen ist, die Welt auf den »Weg der Vernunft«
zurückzuführen. Sie werden insbesondere für alle Zeit unvergessen
machen, wie tief er die Not seines über alles geliebten deutschen Volkes
empfunden hat und wie rückhaltlos er – unbeschadet aller ehrlichen
Ausgleichsabsichten für das zermürbte Europa – seinen Empfindungen über
die in der Weltgeschichte bisher unerhörte Knechtung eines so großen
Volkes Ausdruck verliehen hat.
Um gerade unter diesem Gesichtspunkt wohl verstandenen nationalen
Empfindens das Wirken Rathenaus erneut zu kennzeichnen und festzuhalten
und in der Absicht, die von ihm als Außenminister öffentlich gehaltenen
großen Ansprachen bei dieser Gelegenheit vollzählig zu bringen, sind
nachträglich in einem besonderen Anhang seine drei letzten Reden
angefügt, die nach Genua eine weitere Periode seiner Tätigkeit
einleiteten.
DR. H. F. SIMON
Vortragender Legationsrat
im Auswärtigen Amt und
Oberstleutnant a. D.
INHALT
Rede vor dem Obersten Rat der Alliierten in Cannes vom
12. Januar 1922 9
Rede vor dem Hauptausschuß des Reichstages vom
7. März 1922 19
Reichstagsrede vom 29. März 1922 31
Rede vor der Vollversammlung der Genueser Konferenz
vom 19. Mai 1922 48
Anhang 53
Rede, gehalten am 9. Juni 1922 in Stuttgart, vor einem
geladenen Kreis aller Parteien 55
Rede, gehalten am 13. Juni 1922 in Berlin, in der
Deutschen Gesellschaft von 1914 66
Rede vor dem Reichstage am 21. Juni 1922 69
REDE VOR DEM
OBERSTEN RAT DER ALLIIERTEN
IN CANNES VOM 12. JANUAR 1922
Namens der Deutschen Regierung danke ich Ihnen, daß Sie uns Gelegenheit
gegeben haben, vor Ihnen zu erscheinen. Wir erkennen an, dass diese
Konferenz neben ihren allgemeinen weltgeschichtlichen Aufgaben es sich
zur Aufgabe gestellt hat, zu prüfen, wie die deutschen Leistungen mit
der deutschen Leistungsfähigkeit in Einklang zu bringen sind. Die
Deutsche Delegation wird ernsthaft bemüht sein, alle gewünschten
Auskünfte rückhaltlos und wahrheitsgetreu zu geben. Sie ist darüber
hinaus bereit, in dem von ihr geforderten Mass an den Aufgaben, die sich
diese Konferenz gestellt hat, mitzuarbeiten. Auch der Französischen
Regierung danke ich für die freundliche Aufnahme in dieser Stadt, in der
wir ihre Gäste sind. Ich nehme an, dass es nützlich sein wird, wenn ich,
um zeitraubende Verdolmetschung zu ersparen, mich in den weiteren
Ausführungen anderer Sprachen als der deutschen bediene, ohne dass damit
für uns ein Präjudiz für den Gebrauch irgendeiner Sprache geschaffen
werden darf.
Es sind uns eine Reihe von Fragen gestellt worden. Die Fragen beziehen
sich einmal auf den Umfang der von Deutschland zu bewirkenden Sach- und
Geldleistungen, die möglich wären, ohne Deutschland zu »verkrüppeln«.
Sie beziehen sich weiter auf Massnahmen hinsichtlich der deutschen
Finanzen, sie beziehen sich ausserdem auf die Sicherheiten, die von
Deutschland für die Erfüllung dieser Massnahmen gegeben werden können,
und endlich auf die Teilnahme Deutschlands an dem Wiederaufbau Europas.
Deutschland ist entschlossen, mit seinen Leistungen bis zu den Grenzen
seiner Leistungsfähigkeit zu gehen. Deutschland ist immer ein Land der
Ordnung gewesen. Deutschland ist aber durch einen verlorenen Krieg,
durch schwere Verluste und durch eine Revolution hindurchgegangen. Die
anormalen Zustände seiner Lebensbedingungen und seiner Finanzen, die die
Folge dieser Ereignisse sind, empfindet Deutschland selbst am schwersten
und wünscht sie zu beseitigen. Es wünscht nicht, den Weltmarkt durch
Unterbietungen zu zerrütten.
Die beiden Aufgaben, äussere Leistung und innere finanzielle Sanierung,
vor die Deutschland dadurch gestellt ist, widersprechen einander. Um ein
Beispiel zu gebrauchen, möchte ich an die Lage eines Schiffskonstrukteurs
erinnern, der gleichzeitig für höchste Kraftleistung und geringsten
Kohlenverbrauch seines Schiffes sorgen soll.
Es ist daher schwer zu sagen, die und die Zahlung stellt eine
ausreichende und erträgliche Leistung dar. Es muss aber eine Summe
gefunden werden, deren Schwere erträglich ist und die zugleich der
wirtschaftlichen Lage der empfangsberechtigten Nationen entgegenkommt.
Wir wissen, dass in Ihrem Kreise Ziffern für 1922 genannt worden sind:
500 Millionen für die Leistungen in bar und 1450 Millionen für die
Sachleistungen einschliesslich der äusseren Besatzungskosten. Ich will
diese Ziffern als Basis meiner Berechnungen wählen. Sollte eine um 220
Millionen höhere Summe genannt werden, so wird das Problem noch weiter
erschwert und gefährdet.
Ich komme nun zur Lage der deutschen Zahlungen. Deutschland ist ein Land
der Lohnarbeit. Es empfängt Rohstoffe, verarbeitet sie und verkauft die
verarbeiteten Erzeugnisse. Die Deutschland nach dem Kriege verbleibenden
eigenen Rohstoffe sind mit Ausnahme der Kohle unerheblich. Das Kali, von
dem so viel die Rede ist, ist nicht so sehr bedeutend. Dazu kommen sehr
kleine Mengen von Kupfer und Zink. Von allem anderen, was Deutschland
braucht zur Behausung, zur Kleidung, zur Nahrung, muss es das meiste im
Auslande kaufen.
Deutschland hat daher für alles, was es kauft, in bar zu bezahlen. Es
kann nur zahlen durch seine Handarbeit. Es ist deshalb notwendig, dass
Deutschland eine aktive Handels- und Zahlungsbilanz hat. Unsere
Zahlungsbilanz aber ist vorbelastet mit einem Einfuhrbedarf von 2½
Milliarden Lebensmitteln und 2½ Milliarden Rohstoffen, und zwar ohne
verarbeitete Fabrikate und ohne Luxusartikel, die nicht sehr erheblich
sind und die es zum grossen Teil nicht aus freiem Entschluss, sondern
zur Aufrechterhaltung nachbarlicher Handelsbeziehungen erwirbt.
Ausserdem sind im Gegensatz gegen die frühere Lage, in der uns aus
Auslandsinvestitionen 1½ Milliarden jährliche Erträgnisse zuflossen,
jetzt ¾ Milliarden Goldmark jährlich an das in Deutschland Kapital
besitzende Ausland zu zahlen.
Die Passivseite der Zahlungsbilanz beträgt also etwa 5¾ Milliarden
Goldmark, denen eine Ausfuhr von nur 3½ bis 4 Milliarden gegenübersteht.
Es besteht somit eine Passivität der Zahlungsbilanz im Saldo 2
Milliarden schon vor Zahlung irgendwelcher Reparation.
(Auf Befragen Lloyd Georges:) Es ist ganz richtig, dass infolge des
Standes des Weltindexes auf 1,5 die deutsche Ausfuhr jetzt 14 bis 15
Milliarden Goldmark betragen müsste, wenn sie dem Vorkriegsstande
entspräche. Sie hat sich also auf etwa ein Viertel vermindert.
Um das Defizit der Zahlungsbilanz zu decken, bestehen nur drei
Möglichkeiten:
Verkauf der Substanz des Landes,
grosse auswärtige Anleihen oder
Verkauf der Landeswährung.
Den Ausverkauf von Landessubstanz konnten wir leider nicht hindern. Er
ist in grossem Umfange vor sich gegangen. Grundstücke, Unternehmungen,
Aktien, Obligationen, selbst Hausrat sind vom Auslande unter dem Werte
erworben worden.
Die Durchführung einer auswärtigen Anleihe haben wir versucht. Sie war
unmöglich, da nach Meinung der City die Deutschland auferlegten Lasten
zu schwer waren.
Unter diesen Umständen war es unmöglich, den Verkauf von Umlaufsmitteln
zu vermeiden, obwohl unser Geld hierdurch ein Gegenstand der
internationalen Spekulation wurde.
Der Prozess des Ausverkaufs des deutschen Geldes hat sich zunächst ohne
panikartige Folgen bis Mitte 1921 fortgesetzt. Er wurde nicht durch
Deutschland ermutigt, sondern durch das Ausland eingeleitet, das mit
Recht den inneren Wert der Mark höher einschätzte als den Auslandskurs.
Aber Mitte 1921 ereignete sich etwas, was vorauszusehen war: der Streik
der Käufer der Mark. In dem Augenblick, wo man sah, dass wir gezwungen
waren, in kurzer Frist eine Goldmilliarde zu beschaffen, mithin 30
Papiermilliarden zu verkaufen, steckten die Markkäufer die Hände in die
Tasche und warteten. So trat der Marksturz ein, und der Dollarkurs stieg
von 55 bis zeitweise auf 300.
Man hat bei uns und im Auslande gesagt, dieser Marksturz sei nur die
Folge der Inflation und des Gebrauchs der Notenpresse in Deutschland.
Das ist ein Irrtum. Sonst hätte dieser Sturz nicht so plötzlich und in
ganz kurzer Zeit eintreten können. Auch hat der Kurs sich sobald sich
wieder etwas Blau am Himmel zeigte, erheblich gebessert. Das Blau am
Himmel waren die Nachrichten über die ersten Besprechungen zwischen der
britischen und französischen Regierung über eine Regelung unserer
Verbindlichkeiten für 1922.
Jetzt komme ich zu einem äusserst wichtigen Punkt. Solange die Währung
eines Staates auf dem internationalen Markt aus dem Gleichgewicht
gekommen ist, ist es unmöglich, irgend ein Budget auf bestimmte Zeit mit
Sicherheit in Ordnung zu bringen. Denn jeder neue Sturz des Kurses hat
eine Erhöhung der Ausgaben für Gehälter, Löhne und Rohstoffe zur Folge.
Ein Staatsbudget aber setzt sich nur aus diesen drei Posten zusammen.
In diesem Augenblick ist unser Budget für 1922 in Ordnung. Es enthält
sogar gewisse Ueberschüsse, dabei ist aber von den Reparationen
abgesehen. Jeder neue Marksturz, jede neue innere Preiserhöhung aber
wird dieses Budget gefährden.
Wird damit gerechnet, dass die Reparationslasten erträglich werden, dann
kann die Mark steigen und das Mass der Staatsausgaben in Papiermark
sinken. Auf der anderen Seite wird die Konkurrenz der deutschen Ware
umso gefährlicher, je mehr die Mark sinkt.
Was gibt es nun für Mittel der Gesundung? Wie kann man je zu einer
Wiederherstellung der deutschen Valuta gelangen?
Als Abhilfsmittel könnte man zunächst an eine Reduktion des Verbrauchs
denken. Diese ist aber kaum erreichbar, da die Mittelklassen und die
Arbeiter weit unter dem Stande der Vorkriegszeit leben. Es kann sich
also nur um die Hebung der Produktion und um die Vermehrung der Ausfuhr
handeln. Eine derartige Vermehrung ist aber schwer, weil sich andere
Völker gegen die Vermehrung der deutschen Einfuhr wehren. Es bleibt das
Mittel, die landwirtschaftliche Produktion zu heben, aber das erfordert
Zeit bei den infolge des Krieges verschlechterten Bedingungen.
Ich will jetzt im einzelnen von den Lasten sprechen, die auf Deutschland
ruhen. Für 1922 beträgt das Budget 85 Milliarden ausschliesslich
Reparationen und sonstigen Friedensvertragsleistungen. Um diese Last zu
balanzieren, war es nötig, die Steuerlasten zu verdoppeln.
Ich will hier nicht über die sehr wichtige Frage der vergleichenden
Steuerbelastung sprechen. Wir haben Unterlagen vorbereitet und stellen
sie zur Verfügung. Ich stelle unter Beweis, dass der Deutsche fernerhin
eine schwerere Bürde trägt als der Bewohner irgend eines anderen Landes,
insbesondere der Engländer oder der Franzose. Um den Staatshaushalt zu
konsolidieren, wird es sich zunächst darum handeln, die Reichsbetriebe
zu balanzieren, Eisenbahnen, Post, Telegraphen. Die Massnahmen sind
ergriffen, um im Jahre 1922 diese Reichsbetriebe ins Gleichgewicht zu
bringen. Ferner handelt es sich um die Beseitigung der Subsidien, die
bisher zur Verbilligung der Lebensmittel und aus sozialen Gründen
gegeben werden mussten. Ich trete in die Einzelheiten nicht ein.
Massnahmen sind ergriffen, die dazu führen sollen, diese Subsidien
allmählich abzubauen.
Eine dritte Frage wegen des deutschen Budgets betrifft die Frage des
Kohlenpreises. Der Kohlenpreis nähert sich sehr rasch dem
Weltmarktpreis. Sobald der Preis des Dollars sich weiter ermässigt,
überschreiten die deutschen Kohlenpreise den Weltmarktpreis und zwar zu
verschiedenen Zeitpunkten, da die Preisverhältnisse der einzelnen Sorten
verschieden sind.
Bisher habe ich stets nur von einem Budget ohne Reparationen und ohne
die inneren Kosten des Friedensvertrages gesprochen. Wenn ich von den
bereits erwähnten 500 Millionen für 1922 ausgehe, wenn ich ferner
ausgehe von Sachleistungen von 1450 Millionen Goldmark und dann noch die
inneren Kosten des Friedensvertrages nehme, so komme ich zu folgenden
Ziffern:
500 Millionen Gmk. zum Kurse von 50 = 25 Milld. Ppmk.
1450 " " = 72,5 " "
Friedensvertragsausgaben = 38 " "
-------------------
135,5 " "
Diese Summen kämen also zusätzlich zu dem Budget von 1922 mit seinen 83
Milliarden Papiermark. Das Budget würde also etwa 150 Prozent neue
Belastung erfahren und sich damit auf 218,5 Milliarden Papiermark
belaufen. Um die Bilanz herzustellen, gibt es nur zwei Mittel:
eine Verdoppelung oder Verdreifachung der Steuern
oder eine Riesenanleihe.
Es wäre unmöglich, da das Land schwerer als seine Nachbarn belastet ist,
die Steuern nochmals zu verdoppeln. Es bleibt also die Frage einer sehr
grossen Anleihe. Ich glaube, dass man eine derartige Anleihe nicht im
Auslande wird machen können. Die City von London hat sich schon
geweigert, einen sehr viel kleineren Betrag für die Januar- und
Februarzahlungen durch eine Anleihe zu finanzieren. Die Frage einer
inneren Anleihe wird sehr ernsthaft erörtert werden. Aber in der
gegenwärtigen Situation wird es kaum möglich sein, die notwendigen
Reizmittel zu finden, um eine Anleihe auch nur annähernd des
erforderlichen Umfanges unterzubringen.
Ich lege Wert darauf, einen Vorwurf zu entkräften, der immer wieder
auftaucht und der dahin geht, Deutschland sei doch dasselbe Land, es
habe jetzt noch 60 Millionen Einwohner, darunter eine grosse
landwirtschaftliche und industrielle Bevölkerung und reichliche
Arbeitsmittel. Es habe keine Arbeitslosigkeit. Weshalb könne dieses
tätige und angeblich reiche Land keinerlei Zahlungen leisten?
Demgegenüber sage ich, wir haben keine Ersparnisse. Lassen Sie mich
einen Augenblick die Frage der Ersparnisse, der national savings,
prüfen.
Wenn ich das Deutschland von jetzt und früher vergleiche, so fehlen uns
zunächst die Reserven, die wir aus den Anlagen im Ausland hatten. Vor
dem Kriege waren wir aus diesen Quellen mit 1,5 Milliarden aktiv, jetzt
sind wir mit ¾ Milliarden passiv. Der zweite Faktor ist der Verlust an
Gebiet und Bevölkerung. Gegenüber der Zeit vor dem Kriege haben wir
daran mehr als 10 Prozent verloren.
Der dritte Faktor ist der bereits erläuterte Rückgang der Ausfuhr. Die
Ausfuhr hat sich von 10 Milliarden Goldmark auf 3,5 oder unter
Berücksichtigung des Weltindexes auf 2,5 Milliarden vermindert. Die
Gewinne daraus sind deshalb ebenfalls entsprechend zurückgegangen. Ein
vierter Faktor: Wir verloren einen grossen Teil unserer Rohstoffe, die
wir jetzt einführen und mit Goldmark oder Ausfuhr bezahlen müssen.
Der fünfte Faktor ist der, dass sich die landwirtschaftliche Bevölkerung
mehr vermindert hat als die Gesamtbevölkerung, und dass gerade
landwirtschaftliche Ueberschussgebiete verloren sind.
Auch der sechste Faktor ist sehr beträchtlich. Es handelt sich um die
Ermässigung der Dienste und ihres Ertrages, die Deutschland durch
Schiffahrt, Aussenhandel und Bankverkehr im Ausland leistete.
Auf Grund dieser Faktoren, wenn sie sich auch z. T. überdecken, besteht
meiner Schätzung nach anstelle eines Ueberschusses, einer nationalen
Ersparnis von 6 Milliarden Goldmark vor dem Kriege jetzt ein Defizit von
1 bis 2 Milliarden Goldmark jährlich. So zehrt das Land sich allmählich
auf; es lebt von seiner eigenen Substanz. Es hat weder die Mittel für
Erneuerungen noch für die wirtschaftliche Ausstattung seines
Bevölkerungszuwachses.
Es wird auch die Frage Deutschland gegenüber aufgeworfen, und der Herr
Vorsitzende hat sie mit Recht in Erörterung gestellt: Was tut Ihr mit
Euren Waren? Wenn Ihr sie nicht ausführt, so speichert Ihr sie auf und
investiert sie und schafft grosse neue innere Reichtümer. Es erscheint
sehr paradox, dass ein Land trotz Fehlens von Ersparnissen Waren
aufstapeln, bauen und investieren sollte. Ich bitte daher, von der Lage
der Arbeitsstundenzahl und ihrer Verwendung in Deutschland sprechen zu
dürfen. Ich komme damit auch auf die Frage, was Deutschland mit seinen
Arbeitslosen macht, und auf den Verlust an Arbeitsstunden unter der
gegenwärtigen Situation.
1. Die Einkünfte aus Kapitalanlagen im Auslande wurden früher bezahlt in
Waren, die somit einen fortlaufenden Tribut an Gütern bedeuteten, der in
breitem Strom uns zufloss. Schon um diese Güter, vor allem Rohstoffe, zu
erhalten, die wir früher als laufenden Ertrag erhielten, müssen wir jetzt
arbeiten und Arbeitsstunden aufwenden. Dieser Arbeitsstundenaufwand
lässt sich auf 3,75 Milliarden jährlich schätzen.
2. Aus dem Verlust an Gebieten ergibt sich ein Verlust an Ersparnissen,
der sich in einem Mehraufwand von einer Milliarde Arbeitsstunden
ausdrückt.
3. Man schätzt die Tatsache, dass für die Rohstoffe, die wir einst in
unseren Grenzen hatten und die wir jetzt mit der Ausfuhr oder mit
Arbeitsstunden bezahlen müssen, und den dadurch herbeigeführten Aufwand
von Arbeitsstunden auf 0,83 Milliarden.
4. Aus der ungünstigeren landwirtschaftlichen Flächengestaltung und der
Verschlechterung des Düngemittelbezuges ergibt sich ein weiterer
Mehraufwand von 1,82 Milliarden Arbeitsstunden.
5. Der Gegenwert der verlorenen Dienstleistungen (Schiffahrt,
Aussenhandel und Auslandsbankverkehr) dürfte 1,66 Milliarden
Arbeitsstunden betragen.
Der gesamte Mehraufwand an Arbeitsstunden, wie er durch die gegebenen
Verhältnisse erfordert wird, beträgt danach 9 bis 9,28 Milliarden.
Wenn ich von einer arbeitenden Bevölkerung von 21 Millionen ausgehe und
pro Kopf 2400 Arbeitsstunden im Jahre rechne, so beträgt der Gesamtwert
der von Deutschland aufgewandten Arbeitsstunden nicht mehr als 50
Milliarden. Hiervon sind mehr als 9 also für Arbeit aufgewandt, die wir
vor dem Kriege nicht aufzuwenden brauchten, d. h. fast 1/5 der gesamten
Arbeitsstunden. Wenn ich diese Summen mit der Zahl der männlichen
arbeitenden Bevölkerung in Beziehung setze, so ergibt sich bei uns eine
versteckte Arbeitslosigkeit von nahezu 4 Millionen Menschen, d. h. 4
Millionen Menschen müssen Arbeit leisten, die früher nicht notwendig
war. Wenn also bei anderen Nationen eine Arbeitslosigkeit erscheint, die
bei uns nicht sichtbar ist, so möchte ich im Gegensatz dazu von einer
unsichtbaren Arbeitslosigkeit sprechen, die darin besteht, dass 4
Millionen Menschen Arbeit leisten müssen, die früher nicht nötig war und
die das Arbeitsergebnis gegen früher nicht verbessert. Und zwar alles
dies vor irgendeiner Zahlung von Reparationen. Von einer Aufspeicherung
von Reichtümern kann mithin nicht die Rede sein.
Ich bitte nunmehr etwas sagen zu dürfen über die von Deutschland
erwarteten reinen Goldleistungen. Es mag sein, dass meine bisherigen
Ausführungen negativ klangen. Wo der Optimismus der Berechnung versagt,
wird Energie und Entschlossenheit zu Hilfe kommen müssen, aber auch hier
sind Grenzen gegeben.
Ich knüpfe wieder an die 500 Millionen an, von denen ich schon
gesprochen habe. Die reinen Goldlasten für Deutschland werden aber in
jedem Falle viel höher sein als dieser Betrag. Es handelt sich zunächst
daneben um den Gegenwert des clearing mit 360-400 Millionen Goldmark.
Dann aber handelt es sich um die in Gold zu beschaffende Bezahlung für
die Rohstoffe, deren wir zur Herstellung unserer Sachleistungen
bedürfen. Denn mit Ausnahme der Kohlenlieferungen, für die fremder Bezug
von Hilfsmaterialien nicht allzu schwer ins Gewicht fällt und die ich
daher ausser Ansatz lasse, müssen wir für alle anderen Sachlieferungen
etwa 25 Prozent des Wertes an Rohstoffen aus dem Auslande beziehen. So
komme ich zu weiteren 250 Millionen Goldmark. Wir würden also für 1922
auf eine Goldleistung von mehr als 1 Milliarde Goldmark kommen, wenn es
sich scheinbar nur um eine Goldzahlung von 500 Millionen handelt. Wenn
es notwendig erscheint, eine so gewaltige Summe von Deutschland zu
verlangen, so sollte man die Frage der Ermässigung des clearing und der
inneren Besatzungskosten eingehend prüfen.
In jedem Falle aber ist Deutschland durchaus bereit, auf den Weg der
Stabilisierung des Budgets zu treten, der ihm vorgeschlagen ist.
Die Erhebung der Zölle auf Goldbasis soll erfolgen.
Die Frage der Verkehrstarife wird 1922 geregelt werden, um das Defizit
dieser Wirtschaftszweige auszugleichen.
Der Abbau der Subsidien ist in die Wege geleitet.
Die Kohlenfrage ist schwieriger, weil die Preise sich dem
Weltmarktpreise immer mehr nähern.
Was die innere Anleihe anbelangt, so wird sie in ernsteste Erwägung
gezogen werden.
Die Frage der Kapitalflucht würde hier viel Zeit wegnehmen. Ich bitte
deshalb, sie heute zurückstellen zu dürfen, zumal ihre Regelung nur
unter Mitwirkung aller Auslandsbanken möglich sein würde.
Was die Garantien anlangt, so gibt es meines Erachtens Mittel, um der
Reichsbank eine grössere Autonomie zu geben. Die Reichsbank ist jetzt
dem Reichskanzler unterstellt, der aber im Laufe von 50 Jahren nur
einmal von seinem Eingriffsrecht Gebrauch gemacht hat. Eine
weitergehende Verständigung ist möglich. Es wäre aber sehr gefährlich,
wenn man anstelle der Verantwortung die Ueberwachung setzte. Das würde
das freie Verantwortungsgefühl erschüttern und als Präzedenzfall die
Zentralnotenbanken aller Staaten schädigen.
Man hat uns endlich gefragt, ob wir mitarbeiten wollen am Wiederaufbau
Europas. Deutschland würdigt die hohe Wichtigkeit dieser Aufgabe und
ihren Zusammenhang mit der Lage der Weltwirtschaft. Es ist zwar nicht
in der Lage, dem Kapitalmarkt der Welt Mittel im Ausmasse reicherer
Staaten zur Verfügung zu stellen, immerhin unter den beabsichtigten
Bedingungen ist Deutschland in der Lage, den ihm zugedachten Teil zu
übernehmen. Deutschland ist um so mehr geeignet, am Wiederaufbau
teilzunehmen, als es mit den technischen und wirtschaftlichen
Bedingungen und Gepflogenheiten des Ostens vertraut ist. Der Weg, auf
den man sich begeben will, erscheint mir richtig. Ein internationales
Syndikat, und zwar ein Privatsyndikat. Deutschland glaubt, dass man die
Frage des Wiederaufbaus beginnen sollte mit der Wiederherstellung des
Verkehrs und der Verkehrsmittel. Man muss sodann an die Quellen der
Produktion vordringen und vor allem die bestehenden Unternehmungen
wieder neu beleben. Deutschland glaubt, dass es an der Entwicklung des
Ostens und der Mitte Europas um so mehr Anteil zu nehmen berechtigt ist
wegen seiner Haltung der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung
gerade dieses östlichen Europas gegenüber. In dem Augenblick, als
Deutschland fast am Ende seiner Kräfte war nach Krieg, Niederbruch,
Revolution hat Deutschland doch der staatlichen und sozialen
Desorganisation widerstanden. Hätte diese Desorganisation in Deutschland
triumphiert, so wäre sie eine entscheidende Gefahr für die ganze Welt
geworden. Deshalb glaubt Deutschland, sich nicht nur nach Kräften der
Wiederherstellung zerstörter Gebiete des Westens, sondern auch mit
Rücksicht auf seine geographische Lage und Kenntnis nachbarlicher
Verhältnisse der Wiederherstellung von Ost- und Zentral-Europa widmen zu
sollen, und somit an der Aufgabe teilzunehmen, die die Grossmächte sich
im Einvernehmen mit diesen Gebieten gestellt haben.
REDE VOR DEM
HAUPTAUSSCHUSS DES REICHSTAGES
VOM 7. MÄRZ 1922
Im Mittelpunkt unserer gesamten Aussenpolitik steht nach wie vor das
Problem der Reparationen. In dem Augenblick, als im Frühjahr letzten
Jahres das Ultimatum von Deutschland unterzeichnet wurde und dadurch das
Reparationsproblem in sein gegenwärtig aktuelles Stadium trat, waren
drei Auffassungen in Deutschland gegenüber diesem Problem erkennbar.
Die eine Auffassung ging dahin, es müsse Festigkeit gezeigt und
Widerstand geleistet, es müsse, komme, was da wolle, die Leistung der
Reparationen überhaupt abgelehnt werden. Ich glaube nicht, dass diese
Anschauung eine verbreitete war, sie ist aber in der Oeffentlichkeit zum
Ausdruck gekommen. Niemand hat den Versuch gemacht, darzulegen, mit
welchen Mitteln eine solche Politik geführt werden könne, und zu welchen
Ergebnissen sie führen würde. Dieses Ergebnis wäre lediglich die
Katastrophe gewesen, die Versenkung Deutschlands in ein Chaos
auswärtiger Verwirrungen.
Die zweite Auffassung, die uns entgegentrat, fand Widerklang in diesem
hohen Hause. Es war die Auffassung, dass man zwar bis zu einem
bestimmten Masse sich dem Reparationsproblem nähern dürfe, dass aber die
erste Aufgabe der Reichsregierung darin bestehen müsse, wie man sich
ausdrückte, mit aller Offenheit zu erklären, die Leistungen seien
vollkommen unerfüllbar und es habe überhaupt keinen Zweck, sie in
irgendwelchem bedeutenderen Ausmasse in Erwägung zu ziehen. Diese
Politik wurde bezeichnet als die Politik der Offenheit, und es wurde der
Regierung der schwere Vorwurf gemacht, dass sie angeblich diese
Offenheit nicht aufbrächte. Diese Auffassung war unpsychologisch, denn
der andere hörte aus dem »Wir können nicht« nur das »Wir wollen nicht«
heraus.
Die dritte Auffassung des Versuches der Erfüllung war die Auffassung der
Reichsregierung, und sie ist im Laufe dieses Jahres in erheblichem Masse
gefördert worden. Die Reichsregierung ging davon aus, dass eine
Verpflichtung für das Reich geschaffen sei durch die Unterschrift seiner
massgebenden Stellen. Sie ging davon aus, dass unter allen Umständen der
Versuch gemacht werden müsse, den ehemaligen Gegnern zu zeigen, dass
Deutschland bereit sei, bis an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit zu
gehen. Ich glaube, dass diese Auffassung die psychologisch richtige war.
Sie rechnete mit der Mentalität der ehemals gegnerischen Länder und ging
davon aus, dass über kurz oder lang eine Erkenntnis des wirklichen
Sachverhalts eintreten würde durch eigene Einsicht der übrigen Nationen.
Ich bedaure, dass ein Wort, das ich bei Einleitung dieser sogenannten
Erfüllungspolitik gesprochen habe, erheblichen Missverständnissen
begegnet ist. Man hat aus Ausführungen, die ich im Reichstag tat,
geschlossen, ich wäre der Meinung, Deutschland könne bis zu jedem
beliebigen Masse seine Erfüllung treiben; es wäre lediglich eine Frage,
wie weit man es für wünschenswert hielte, das Volk in Not geraten zu
lassen. Ich würde eine solche Auffassung, wenn sie in meinen Worten
erkennbar wäre, auf das tiefste bedauern. Was ich gesagt habe, war aber
so ziemlich das Entgegengesetzte. Ich habe für die Möglichkeit der
Erfüllung die stärkste Grenze gezogen, die man überhaupt ziehen kann,
nämlich die sittliche. Ich habe erklärt, dass das Mass der Erfüllung
gegeben sei durch die Frage, wie weit man ein Volk in Not geraten lassen
dürfe. Dieses »dürfe« unterstreiche ich, denn darin war die sittliche
Verpflichtung enthalten, nur bis zu dem Punkte zu gehen, den der
Staatsmann verantworten kann. Diesem Grundsatz ist die Regierung treu
geblieben. Es hat sich im Laufe des Jahres dann auch gezeigt, dass die
Fragestellung »Möglichkeit oder Unmöglichkeit« der Erfüllung überhaupt
nicht diejenige geworden ist, die die Mentalität der übrigen Länder
ausschliesslich beschäftigt hat. In kurzer Zeit hat sich ergeben, dass
eine weitere Frage hervortrat, nämlich die: wie weit eine
Reparationsleistung Deutschlands überhaupt für die übrigen Völker
erträglich sei, denn die volkswirtschaftliche Verknüpfung der Länder
führte dazu, zu erkennen, dass die Zwangsarbeit eines Landes, auf den
Weltmarkt gebracht, nur dazu führen kann, den gesamten Markt der Erde
zu zerrütten, und damit, wenn auch auf einer Seite Zahlungen erlangt
werden, Nachteile für andere Länder zu schaffen, die so erheblich sind,
dass sie z. B. in England allein zu einer Arbeitslosigkeit von 2
Millionen Menschen führten. Psychologisch also hat sich das Vorgehen der
Regierung als richtig erwiesen. Es war vermieden worden, eine fruchtlose
Diskussion auf den Grad einer theoretischen Möglichkeit zu beschränken.
Es war die Möglichkeit dadurch geschaffen, lediglich die Tatsachen
sprechen zu lassen; und die Sprache der Tatsachen ist so stark gewesen,
dass heute fast in allen Ländern übereinstimmend die Auffassung
herrscht, dass das Reparationsproblem von neuem studiert werden muss. Es
ist kein Tag vergangen, an dem das Studium des Reparationsproblems in
der Welt geruht hätte. In energischer Weise ist die englische Auffassung
für erneute Prüfung eingetreten, die Reparationskommission hat sich der
Frage angenommen, und gerade in diesem Momente schweben die
Verhandlungen darüber, auf welches Mass die Reparationen für das Jahr
1922 begrenzt werden sollen.
Mit dieser allgemeinen Auffassung der Regierung im Zusammenhang stand
die praktische Politik, die sie im Laufe des Jahres verfolgt, und deren
erste Etappe nach Wiesbaden führte.
Die Aufgabe von Wiesbaden war eine doppelte. Es handelte sich zunächst
darum, überhaupt die Möglichkeit zu finden, wie erhebliche Zahlungen von
einem Lande an ein anderes geleistet werden könnten; denn es war
evident, dass es nicht möglich war, Goldleistungen von Deutschland ins
Ausland zu führen, soweit nicht eine erhebliche Aktivität der
Handelsbilanz vorhanden gewesen wäre, und diese war nicht vorhanden. Es
handelte sich also darum, Modalitäten zu finden, um überhaupt dem
Reparationsproblem eine Unterlage der Durchführbarkeit zu geben. Der
Begriff der Sachleistungen trat in den Vordergrund. Es wurde versucht,
zunächst mit Frankreich ein Abkommen der Sachleistungen zu schliessen
und dieses Abkommen so einzurichten, dass der Strom an Gütern, der zu
erwarten stand, in erster Linie dem Wiederaufbaugebiet zugeführt würde.
Daneben aber lag die zweite politische Aufgabe mit grösserer
Wichtigkeit. Die Anknüpfung der Reparationsbeziehungen zur übrigen Welt
war überhaupt nur denkbar, wenn zunächst diejenigen Gebiete
berücksichtigt wurden, die am schwersten unter den Zerstörungen des
Krieges gelitten hatten. Es ist eine europäische Notwendigkeit, dass die
zerstörten Gebiete Frankreichs wieder aufgebaut werden. Solange sie als
Wüsteneien zwischen Deutschland und Frankreich liegen, bleiben sie ein
Symbol der Spaltung zwischen den Völkern. Immer wieder wird den
Bewohnern dieser Gebiete Bitterkeit ins Gemüt geführt, und die Länder
der Erde sehen in den zerstörten Gebieten das Wahrzeichen eines noch
nicht wiederhergestellten Friedens. Ich halte es für dringend nötig,
dass der Wiederaufbau der zerstörten französischen Gebiete sobald als
möglich erfolgt, und ich glaube, dass das Zentralproblem der ganzen
Reparationen darin liegt, dass Deutschland sein möglichstes tut, um
diese Gebiete wiederherzustellen.
Die beiden Aufgaben wurden in Wiesbaden gestellt und gelöst. Es wurde
ein Abkommen zwischen Deutschland und Frankreich hergestellt, das auch
auf andere Staaten seine Anwendung finden konnte. Leider ist das
Ergebnis von Wiesbaden zwar nicht, wie es wünschenswert gewesen wäre,
ein Friedenswerk nach aussen und innen gewesen. Nach aussen mehr als
nach innen. Im Innern entfaltete sich eine heftige Agitation und
Kontroverse gerade gegen die Sachleistungen. Mit wechselnden Argumenten
ging man vor. Man behauptete, dass das Wiesbadener Abkommen das deutsche
Volk zugrunde richtete, man behauptete, wir hätten damit Frankreich eine
Option auf unsere Konjunktur gegeben. Man behauptete, wir wären weit
über unsere Verpflichtungen von Versailles hinausgegangen. Jede dieser
Behauptungen wurde widerlegt, aber sie wuchsen nach wie die Köpfe der
Hydra, und es wurde offenkundig, dass es weniger die wirtschaftlichen
als die politischen Bestrebungen waren, die die grosse Agitation gegen
Wiesbaden hervorriefen. Das wurde deutlich in dem Augenblick, als man
behauptete, das Wiesbadener Abkommen hätte eine so schwere Spaltung
zwischen Deutschland und England hervorgerufen, dass nunmehr England
endgültig sich von jedem Interesse Deutschland gegenüber losgesagt habe.
Dass dies nicht der Fall war, wurde mir von englischer Seite bestätigt;
Engländer hoher Stellung erklärten mir, dass sie in dem Wiesbadener
Abkommen unseren ersten politischen Schritt zur Verwirklichung des
Reparationsproblems erblickten. Sie gingen so weit, zu sagen, dass ohne
das Abkommen von Wiesbaden diejenigen weiteren Entwicklungen nicht
möglich gewesen wären, die uns im Verlauf der Zeit nach Cannes führten.
Die Konferenz in Cannes ist, meine Herren, wie Sie wissen, nicht bis zu
ihrem letzten Ende geführt worden. Sie wurde vorzeitig abgebrochen,
durch innerpolitische französische Verhältnisse, durch die
Amtsniederlegung des französischen Ministerpräsidenten. Wir können nicht
sagen, dass Cannes eine endgültige Regelung im Sinne einer gesamten
Ordnung der Zukunft uns gegeben hätte. Wir können aber auch nicht sagen,
dass das Ergebnis von Cannes ein negatives gewesen sei. Es ist möglich
geworden, durch die Verhandlungen, die dort und zuvor in London
stattgefunden haben, ein Abkommen zu präliminieren, wenigstens für das
Jahr 1922, das heute noch nicht ganz geregelt ist, aber das vermutlich
in den nächsten Wochen seine Regelung finden wird. Es ist möglich
geworden, in Cannes, den Vertretern der früher uns gegnerischen Nationen
die gesamte deutsche Situation darzulegen, und zwar in grösserer
Ausführlichkeit und Klarheit, als wir es vermocht hätten, wenn wir
lediglich uns auf den negativen Standpunkt der Ablehnung jedes
Erfüllungsversuches gestellt hätten. Es ist ferner in Cannes dazu
gekommen, dass eine Konferenz aller Nationen für Genua in Aussicht
genommen wurde, die nach wechselnden Schicksalen nun doch wahrscheinlich
im April stattfinden soll. Auf der einen Seite ist der Reflex in der
deutschen Oeffentlichkeit der gewesen, als Cannes beendet war, dass von
Genua sehr wenig zu erwarten sei, dass die Ergebnisse völlig
unbefriedigende seien, dass die Regierung dort nicht nur keinen Erfolg,
sondern eigentlich, genau betrachtet, eine schwere Niederlage erlitten
habe. Im merkwürdigen Kontrast dazu stand es, dass gerade von denselben
Stellen, die in Genua eine vollkommene Gleichgültigkeit erblickten, in
dem Augenblick, als die Boulogner Beschlüsse stattfanden, erklärt wurde,
dass nun die letzte Hoffnung geschwunden sei, die wir in Deutschland
hätten aufleuchten sehen. In einem der beiden Fälle müssen die Kritiker
sich geirrt haben, entweder war in Cannes doch etwas erreicht worden
oder der Verlust, der angeblich in Boulogne erlitten worden sein soll,
konnte kein so überaus schwerer sein.
Ich glaube, dass tatsächlich ein doppelter Irrtum vorlag. Auf der einen
Seite wurde die Genueser Konferenz unterschätzt in dem Augenblick, als
sie auftrat, auf der anderen Seite wurden die Boulogner Beschlüsse
überschätzt in dem Augenblick, als sie zur Wirklichkeit wurden.
Diejenigen, die der Entwicklung näher standen, haben niemals daran
gezweifelt, dass Genua nicht die Stelle sein konnte, an der von einem
Gremium aus mehr als 40 Nationen, von denen ein grosser Teil weder
Unterzeichner von Versailles noch Kriegsbeteiligte waren, dass von
diesen Nationen Beschlüsse nicht gefasst werden konnten über die
Versailler Grundlagen oder über die Grundlagen der Reparationen.
Boulogne hat die Bestätigung dafür erbracht, dass das Reparationsproblem
und der Versailler Vertrag diesem Gremium zur Beschlussfassung nicht
unterliegen kann. Eine Ueberschätzung von Genua kann indessen darin
liegen, dass man erwartet, es könne von dort aus sofort eine neue
Regelung der europäischen Verhältnisse ausgehen. Ich halte es für
bedenklich, zu glauben, dass eine Gemeinschaft von 40 Nationen mit
Vertretern, deren Zahl in die Hunderte geht, eine aktive Politik führen
kann, die mit einem Schlage uns in eine neue politische
Weltkonstellation führt, den Vertrag abändert und die Reparationen auf
ein normales Mass zurückführt. Wohl aber wird die Möglichkeit vorhanden
sein, dass in Genua die allgemeinen Ursachen der Welterkrankung erörtert
werden, und dass die Nationen gemeinschaftlich nach solchen Wegen
suchen, die zu einer Gesundung des ganzen Kontinents führten. Genua wird
voraussichtlich das erste Glied einer Serie von Konferenzen sein, die
vermutlich dieses und das nächste Jahr in Anspruch nehmen werden. Einen
anderen Weg als den Weg der Konferenzen gibt es unter den heutigen
Verhältnissen leider nicht. Begegnung der Staatsmänner findet statt auf
Seiten der Entente; dort ist die Möglichkeit der Aussprache
kontinuierlich gegeben. Für uns aber, die wir nicht in gleichem Masse in
Verbindung stehen mit unseren Nachbarvölkern, ist eine Konferenz schon
deswegen von Wichtigkeit, weil sie uns die Möglichkeit mündlicher
Aussprache, persönlichen Kontaktes gibt, der unter allen Umständen
vorzuziehen ist dem Wege der Noten und der diplomatischen Verhandlungen.
Wer also der Auffassung ist, dass von Genua eine neue Aera des
Geschehens ausgehen wird, der, fürchte ich, wird eine Enttäuschung
erleben. Ich habe den Eindruck, dass in wirtschaftlichen Kreisen trotz
aller Enttäuschung über Boulogne ein solcher Optimismus besteht, und ich
würde nicht wünschen, dass er sich befestigt. Wer aber der Meinung ist,
dass von dem gegenwärtigen schwerkranken Zustand des gesamten
europäischen und Weltwirtschaftskörpers ein Weg gefunden werden muss zu
einer Gesundung, und wer der Meinung ist, dass dieser Weg nur durch
gemeinschaftliche Aussprachen erreicht werden kann, dass dieser Weg zwar
lang, aber unter allen Umständen beschreitbar ist, der wird, glaube ich,
in Genua dasjenige finden, was er sucht.
Was die Entwicklung der Reparationen selbst betrifft, so wird ihr
Gremium voraussichtlich bis auf weiteres die Reparationskommission
bleiben, und hinter der Reparationskommission diejenigen Mächte, die in
erster Linie die Empfangsberechtigten sind. Ich glaube, dass die
Entwicklung des Reparationsproblems folgenden Gang nehmen wird: man wird
für das Jahr 1922, auch wohl für das Jahr 1923 zu Lösungen zu kommen
suchen, die zunächst nur provisorische Lösungen sein werden. Sie können
nur provisorisch sein, denn auf der einen Seite ist ein gewaltiges
Geldbedürfnis bei den empfangsberechtigten Staaten, auf der anderen
Seite ist die Zahlungskraft Deutschlands, insbesondere in Barmitteln,
eine begrenzte. Die Erkenntnis ist wohl heute so ziemlich in der ganzen
Welt verbreitet, dass ein Volk dem andern nur dauernd zahlen kann aus
dem Ueberschuss seiner Zahlungs- und Handelsbilanz. Unsere
Zahlungsbilanz ist schwer passiv, unsere Handelsbilanz ist in den
letzten Monaten um eine Kleinigkeit aktiv geworden. Zahlungsmittel in
bar sind somit nur in beschränktem Masse aufzubringen. Es kann daher für
1922 und 1923 wahrscheinlich nur ein Provisorium gefunden werden, das
auch nicht entfernt den Wünschen extremistischer Gegenseiter entspricht,
die im Anfang des vorigen Jahres noch die öffentliche Meinung
beherrschten. Wir sehen heute einen erkennbaren Massstab für
Barleistungen in der Tatsache, dass, sobald diese Leistungen eine
bestimmte Menge überschreiten, die Wechselkurse gegenüber Deutschland
ins Schwanken, in lebhafte Bewegung kommen. Die Dekadenzahlung von 31
Millionen, die als Vorprovisorium für die ersten Monate dieses Jahres
uns zugemutet worden ist, von der ich in Cannes den Beteiligten gesagt
habe, dass sie nur auf wenige Wochen beschränkt sein dürfe, hat bereits
den Wechselkurs gegen Deutschland in starkem Masse zu unseren Ungunsten
beeinflusst. Man darf sagen, dass die deutsche Leistungsfähigkeit in
Barzahlung direkt ihr Mass findet in der Bewertung des Dollars an der
Berliner Börse. Ich habe die Mitglieder der Reparationskommission, die
sich vor einiger Zeit in Berlin aufhielten, darauf aufmerksam gemacht,
wie unbedingt nötig es sei, schon jetzt, gleichviel ob die Regelung für
das Jahr 1922 sich noch etwas hinzieht, die Dekadenzahlungen zu
verringern, um den Dollarkurs nicht weiter in Bewegung zu setzen. Denn
was es bedeutet, wenn die deutsche Währung ihren scharfen Rückgang
fortsetzt, das wissen wir alle. Wir wissen, dass damit das Budget ins
Wanken kommt, dass alle Lasten sich erhöhen, dass alle Lohn- und
Gehaltsbemessungen von neuem in Frage gestellt werden, dass die ganze
Kette der Bewertungen im Lande sich in Bewegung setzt. Es ist möglich,
dass an den letzten Dollarbewegungen bis zu einem gewissen Grade
Spekulation beteiligt war. Wir dürfen nicht vergessen, dass grosse
Mengen deutschen Geldes im Besitz des Auslandes sind, und die Gefahr ist
gross, dass, wenn eine starke Bewegung in unseren Valuten stattfindet,
das Ausland erhebliche Beträge seiner Markbestände auf den Markt bringt.
Ich hoffe nicht, dass gleiches spekulativ von deutscher Seite geschieht.
Denn wenn man sich vorstellt, dass von deutscher Seite spekulative Käufe
in fremden Devisen stattfänden, so wäre es das traurigste Phänomen, das
man sich denken kann. Wir müssen im Auge behalten, dass jeder Deutsche,
der spekulativ fremde Valuten kauft, auf nichts anderes als das Unglück
unseres Landes spekuliert. Diese Kenntnis sollte sich soweit nur
irgendmöglich verbreiten. Ich hoffe, dass Deutsche an der spekulativen
Bewegung unserer Währung nicht beteiligt sind.
Wenn wir also für das Jahr 1922 und vielleicht auch für das Jahr 1923
nur zu provisorischen Regelungen kommen, so muss dafür gesorgt werden,
dass einmal die endgültige Regelung eintritt. Und sie kann nur dann
eintreten, wenn der grosse Kreis der wechselseitigen Verschuldung in
Europa sich lockert. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass das
Reparationsproblem nur ein Teilproblem innerhalb des allgemeinen
Weltverschuldungskreises bedeutet. Die Weltverschuldung umfasst Europa
und Amerika gemeinschaftlich. Die europäischen Staaten fast sämtlich
schulden direkt oder indirekt an Amerika, sie schulden ausserdem
untereinander. Die meisten sind Gläubiger und Schuldner zugleich;
diejenigen, die ausschliesslich Schuldner sind, sind wir. Schwerlich wird
sich das Reparationsproblem aus dem allgemeinen Weltverschuldungsproblem
herauslösen lassen. Dieses Weltverschuldungsproblem wird aber Gegenstand
der Erörterungen in der Politik aller Länder während der nächsten Jahre
sein müssen. Gelingt es, dieses Problem – und es wird nur gelingen unter
dem Hinzutritt von Amerika – einer erträglichen Lösung zuzuführen, so
ist damit auch die Lösung der deutschen Reparation ermöglicht.
In diesem Falle muss nämlich der Versuch gemacht werden, mit Hilfe aller
europäischen und aussereuropäischen Kapitalstaaten eine grosse Anleihe
zu Lasten Deutschlands aufzunehmen, sie den Empfangsberechtigten zu
übergeben und damit das Reparationsproblem endgültig zu beseitigen. Ob
unter den heutigen Verhältnissen Kapitalaufnahmen seitens Deutschlands
in erheblichem Masse möglich sind, ist zu bezweifeln, denn der
Versailler Vertrag steht der Kreditgewährung an Deutschland entgegen.
Darüber hat sich niemand deutlicher ausgesprochen als der Leiter der
Bank von England. In dem gleichen Masse, wie die Erkenntnis des
Gesamtverschuldungsproblems in den Mittelpunkt des öffentlichen und des
Weltinteresses tritt, wird man den Versuch machen müssen, der
Kreditwürdigkeit Deutschlands zu helfen und dadurch eine Finanzoperation
zu ermöglichen, die von ausserordentlich grossem Umfange sein kann und
sein muss, um das grosse Problem zu lösen. Schon aus dem Grunde möchte
ich wünschen, dass das Reparationsproblem seine Beendigung durch eine
grosse Weltanleihe fände, weil ich der Meinung bin, dass der Zustand auf
die Dauer schwer aufrechtzuerhalten ist, dass ein Volk Zahlungen direkt
an einen oder mehrere seiner Nachbarn leistet. Die Anonymisierung der
Schuld wird die Schuld erleichtern und wird sie dauernd tragbarer
machen. Die Schuld an Nachbarn nimmt die Form eines Tributes an, und ein
solcher Tribut ist nicht diejenige Form, unter der sich der Weltfrieden
am besten konsolidiert.
Ich habe von den Aussichten Genuas gesprochen und darauf hingewiesen,
dass auf der einen Seite vielleicht eine Enttäuschung für diejenigen
entsteht, die von Genua die endgültige Regelung der Reparationsfrage
erhoffen, dass aber auf der anderen Seite doch für uns die Erwartung
besteht, dass Genua einen Markstein in der allgemeinen Entwicklung zum
Weltfrieden darstellen wird. In hohem Masse wird das Ergebnis von Genua
davon abhängen, welche Stellung Amerika entschlossen ist, zu dem
Reparationsproblem, zum Friedensproblem überhaupt einzunehmen.
Amerikas Macht ist durch den Krieg gewaltiger gewachsen als die
irgendeines anderen Landes. Der Eingriff Amerikas in das Schicksal der
Welt ist keinem anderen Eingriff zu vergleichen, der seit Jahrhunderten
in das Leben der Völker stattgefunden hat. Durch sein Eintreten in den
Krieg hat Amerika den Krieg entschieden, durch sein Eintreten in den
Friedenskongress hat Amerika den Frieden entschieden und durch seinen
Eintritt in die Weltprobleme der Verschuldung und der Sanierung wird
Amerika in der Lage sein, die Weltentwicklung in wirtschaftlicher und
friedenbringender Richtung zu entscheiden.
Vielfach hat man bei uns die Vorstellung, Amerika sei ein Land, das
lediglich seinen grossen materiellen Aufgaben lebt, von der Natur
begünstigt und in grossartiger Isolation. Ich glaube, dass wenig Länder
so entschieden durch Erwägungen ideeller Art zu bewegen sind wie
Amerika. Ich glaube, dass die Motive, die Amerika zum Krieg und zur
Friedensschliessung getrieben haben, nicht so sehr auf materiellen
Wünschen beruhten, wie auf der Ueberzeugung einer Verantwortung, und ich
glaube deshalb, dass Amerika sich nicht derjenigen Verantwortung
entziehen wird, die ihm durch sein entscheidendes Eingreifen in die
europäischen Schicksale erwachsen ist. Ich weiss, dass in Amerika eine
starke Tendenz besteht, die dahin gerichtet ist, zu sagen, Europa ist
weit entfernt, mit den Händeln dieses alten Kontinents wollen wir nichts
zu tun haben. Es ist durchaus verständlich, wenn eine solche Auffassung
gehegt wird. Aber ich glaube, in Amerika werden Gegenkräfte wach und
stark sein, die die Auffassung vertreten, Europa darf nicht zugrunde
gehen, die Quellen der ältesten und stärksten Zivilisation dürfen nicht
erschüttert werden. Es darf nicht vergessen werden, dass derjenige, der
den Krieg bestimmt hat und den Frieden bestimmt hat, nun auch für das
Wohlergehen derjenigen Völker, deren Schicksal bestimmt wurde, eine
Verantwortung trägt. Ich glaube auch, dass diejenige Auffassung in
Amerika, die sagt, wir sind materiell am Geschick Europas so gut wie
uninteressiert, nicht das Richtige trifft.