Wallop setzte sich nieder, und jetzt machte Baxter einen Versuch, sich

zu vertheidigen, aber der Oberrichter ließ durch einen Strom von

schmutzigen und schmähenden Worten, vermischt mit Citaten aus Hudibras,

keine vernünftige Vorstellung aufkommen. »Mylord«, sagte der Greis, »die

Dissenters haben mir den Vorwurf gemacht, daß ich mit Achtung von den

Bischöfen gesprochen.« »Was?« schrie der Richter, »Baxter für die

Bischöfe? das ist in der That ein köstlicher Einfall! ich verstehe,

was Ihr unter Bischöfen versteht, Schufte, wie Ihr selbst,

Kidderminster-Bischöfe, revolutionäre, schnüffelnde Presbyterianer!«

Noch einmal bemühte sich Baxter, zu Worte zu kommen, und wiederum schrie

Jeffreys. »Richard, Richard, glaubst Du, wir werden Dir erlauben den Hof

zu vergiften? Du bist ein alter Schurke, Richard, hast so viel Bücher

geschrieben, daß man einen Wagen damit beladen könnte, und jedes Buch

ist mit revolutionären Ideen angefüllt, wie ein Ei mit Flüssigkeiten!

Bei der Gnade des Himmels, ich will mit Dir fertig werden. Wie ich

bemerke, harrt eine große Anzahl Eurer Brüderschaft auf den Ausgang, um

zu erfahren, welches Schicksal ihren Meister treffen wird. Und hier ist

ein Doctor der Partei an Eurer Seite«, fuhr er fort, indem er mit wilden

Blicken Bates betrachtete, »aber beim allmächtigen Gott, Ihr sollt alle

der Vernichtung anheimfallen!«

Baxter schwieg, aber einer der jüngeren Advocaten, welchem die

Vertheidigung zustand, machte einen letzten Versuch, um den Beweis zu

liefern, daß die Worte, auf welche die Anklage gegründet war, die

Auslegung nicht gestatteten, welche die Klagschrift angab. Zu diesem

Behuf begann er den Inhalt derselben vorzulesen, aber sofort wurde er

niebergebrüllt. »Ihr sollt den Gerichtshof in keinen Betsaal

verwandeln!« Als Baxter's Freunde in lautes Weinen ausbrachen, nannte

sie der Richter »blökende Kälber«.

Unter den Entlastungszeugen befanden sich auch mehrere Geistliche der

Landeskirche, der Oberrichter aber wollte nichts hören. »Glaubt Eure

Herrlichkeit«, fragte Baxter, »daß irgend eine Jury bei einem Verfahren

wie das gegenwärtige den Angeklagten für schuldig erklären kann?« »Das

versichere ich Euch, Mr. Baxter«, entgegnete Jeffreys, »tragt keine

Sorge darum!« Jeffreys hatte wahr gesprochen, die Sheriffs waren

Werkzeuge der Regierung, die Geschwornen von den Sheriffs aus den

eifrigsten Anhängern der Torypartei genommen, und so beriethen sich

diese nur wenige Augenblicke und sprachen dann das »Schuldig« aus. Als

Baxter den Gerichtshof verließ, sagte er: »Mylord, es gab einst einen

Oberrichter, der ganz anders mit mir umgegangen sein würde!« Er meinte

seinen gelehrten und redlichen Freund, Sir Matthäus Hale. Jeffreys

erwiderte: »Es giebt keinen anständigen Mann in England, der in Dir

nicht einen Schurken erblicken wird!«[72]

Das Urtheil war für damalige Zeiten sehr mild. Was bei der Berathung

unter den Richtern geschah, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Die

Nonconformisten glaubten, und wohl mit Recht, daß der Oberrichter von

seinen drei Kollegen überstimmt worden sei. Derselbe soll den Vorschlag

gemacht haben, Baxter durch London hin den Staupbesen geben zu lassen.

Die Majorität war der Ansicht, daß ein vorzüglicher Geistlicher, dem vor

einem Vierteljahrhundert eine Mitra geboten wurde und der jetzt siebzig

Jahre zählte, mit Geldbuße und persönlicher Haft hinreichend bestraft

sein würde.[73]

[Anmerkung 71: Baxter's Vorrede zu Sir Matthew Hale's +Judgment of

the Nature of True Religion, 1684.+]

[Anmerkung 72: Man sehe den Observator vom 25. Februar 1685, die

Klagschrift in der +Collection of State Trials+, den von Calamy im

14. Kap. von Baxter's Lebensbeschreibung gegebenen Bericht von den

Ereignissen im Gerichtshof und die sehr interessanten Excerpte aus

Baxter's Manuscripten in der von Orme 1830 herausgegebenen

Lebensbeschreibung.]

[Anmerkung 73: +Baxter M.S.+ angeführt von Orme.]

[_Zusammentritt des schottischen Parlaments._] Die Behandlung, welche

sich Baxter von einem Richter gefallen lassen mußte, der ein Mitglied

des Kabinets war und sich der Gunst des Monarchen erfreute, beweist in

nicht zu verkennender Art die Gesinnung, welche zu jener Zeit die

Regierung gegen die protestantischen Nonconformisten hegte. Diese

Stimmung aber hatte sich schon durch stärkere und entsetzlichere

Andeutungen bemerkbar gemacht. Das schottische Parlament war

zusammengetreten, Jakob hatte es sich angelegen sein lassen, die

Versammlung dieser Körperschaft nach Kräften zu beschleunigen und die

Sitzung der englischen Häuser in der Erwartung hinausgeschoben, daß das

zu Edinburg gegebene Beispiel in Westminster eine vortheilhafte Wirkung

äußern werde. Denn der gesetzgebende Körper im Norden seines Königreichs

war so gefügig wie jene bretagnischen und burgundischen Provinzalstände,

denen Ludwig XIV. noch immer mit einigen ihrer alten Rechte zu spielen

erlaubte. Nur Bischöfliche hatten das Recht, im schottischen Parlamente

zu sitzen oder auch nur hinein zu wählen, und in Schottland war ein

Bischöflicher immer ein Tory. Von einer derartig constituirten

Versammlung war für die Wünsche des Königs keine Opposition zu erwarten,

und selbst diese Versammlung konnte ohne vorhergegangene Genehmigung von

Seiten eines Ausschusses von Hofleuten kein Gesetz erlassen.

Jedes Verlangen der Regierung wurde ohne Widerspruch gewährt. In

finanzieller Beziehung hatte die Freigebigkeit der schottischen Stände

allerdings wenig Bedeutung, indeß gaben sie, was in ihren Kräften stand.

Sie vereinigten für immer mit der Krone die Zölle, welche dem vorigen

König zugestanden und damals auf vierzigtausend Pfund berechnet worden

waren. Dann gewährten sie Jakob auf die Dauer seines Lebens eine

Erhöhung seines Einkommens von zweihundertsechszehntausend schottischen

Pfunden oder so viel wie achtzehntausend Pfund Sterling. Die ganze

Summe, welche sie bewilligen konnten, bestand in jährlich etwa

sechzigtausend Pfund, nicht viel mehr, als die Einnahme der englischen

Schatzkammer in vierzehn Tagen betrug.[74]

Da wenig Geld zu ihrer Verfügung stand, so ersetzten die Stände diesen

Mangel durch loyale Versicherungen und unmenschliche Gesetze. Der König

verlangte in einem Schreiben, welches in heftiger Sprache verfaßt war

und ihnen bei der Eröffnung der Sitzung vorgelesen wurde, sie möchten

darauf bedacht sein, neue Strafgesetze gegen die widerspenstigen

Presbyterianer zu beschließen, und bedauerte, daß er durch Geschäfte

abgehalten sei, solche persönlich vom Throne aus in Vorschlag zu

bringen. Seinen Befehlen wurde gehorcht. Rasch wurde ein von den

Ministern der Krone entworfenes Gesetz angenommen, welches selbst unter

den Gesetzen des unglücklichen Landes in jener traurigen Zeit an

Abscheulichkeit nicht seines Gleichen hat. Es wurde in kurzen

nachdrücklichen Worten verordnet, daß Jeder, der bei einer

Betversammlung in einem Hause predigen, oder, gleichviel ob als Prediger

oder als Zuhörer, an einem Conventikel unter freiem Himmel theilnehmen

würde, mit Verlust seines Vermögens und dem Tode bestraft werden

solle.[75]

[Anmerkung 74: +Act. Parl. Car. II. March 29. 1661+; +Jac. VII.

April 28. 1685 & May 13. 1685.+]

[Anmerkung 75: +Act. Parl. Jac. VII., May 8. 1685+; +Observator,

June 20. 1685.+ Lestrange hegte offenbar den Wunsch, daß man

diesem Beispiele in England folgen möge.]

[_Gesinnungen Jakob's gegen die Puritaner._] Dieses Gesetz, welches auf

Verlangen des Königs von der, seinem Willen gehorsamen Versammlung

angenommen wurde, ist einer besonderen Beachtung werth. Unwissende

Schriftsteller haben ihn oft als einen zwar unüberlegten und in der Wahl

seiner Mittel rücksichtslosen Regenten, zugleich aber auch als einen

Fürsten dargestellt, der es sich angelegen sein ließ, den edelsten Zweck

eines solchen, die Begründung vollständiger religiöser Freiheit,

zu erreichen. Es kann nicht in Abrede gestellt werden, daß einige

Abschnitte in seinem Leben, wenn man sie von den anderen sondert und

oberflächlich betrachtet, diese vortheilhafte Meinung von seinem

Character zu bestätigen scheinen. Noch als Unterthan war er lange Jahre

der Verfolgung ausgesetzt gewesen, und diese hatte ihre gewöhnliche

Wirkung auf ihn nicht verfehlt; sein schwacher und beschränkter Geist

hatte durch diese harte Schule gewonnen. Als er vom Hofe, der

Admiralität und dem Geheimen Rathe ausgeschlossen war, als er sogar

Gefahr lief, das Recht der Thronfolge zu verlieren, nur deshalb, weil er

mit Überzeugung an die Transsubstantiation und an die Autorität des

päpstlichen Stuhles glaubte, machte er so schnelle Fortschritte in den

Lehren der Duldung, wie sie Milton und Locke nicht gekannt. Wie könne es

ein größeres Unrecht geben, pflegte er zu sagen, als _Absichten_ mit

Strafen zu belegen, die blos der _That_ gebührten, und wie unklug würde

es sein, tüchtige Kriegsleute, Seemänner, Juristen, Diplomaten und

Finanzmänner zurückzuweisen, blos weil sie eine falsche Meinung über die

Anzahl der Sakramente und mehrfache Gegenwart der Heiligen hätten.

Er wußte die Gemeinplätze auswendig, welche alle Sekten so geläufig

wiederholen, wenn sie Verfolgung erdulden, und sofort vergessen, wenn es

ihnen möglich wird, Vergeltung auszuüben. Und in der That wußte er seine

Lektion so vortrefflich herzusagen, daß Diejenigen, welche ihn zufällig

über diesen Gegenstand sprechen hörten, ihm viel mehr Einsicht und

Redefertigkeit zutrauten, als er besaß. Seine Versicherungen täuschten

einige gutherzige Personen und vielleicht sogar ihn selbst, aber sein

Eifer für die Gewissensfreiheit verschwand mit der Herrschaft der

Whigpartei. Als das Glück sich wendete und nicht länger zu besorgen war,

daß er der Verfolgung Anderer ausgesetzt sein würde, es aber in seiner

Macht stand, Andere zu verfolgen, machten sich seine wahren Neigungen

bemerklich. Der Haß, den er gegen die puritanischen Sekten hegte, war

mannigfaltig: theologisch und politisch, angeerbt und persönlich. Er sah

in ihnen Feinde des Himmels, Feinde aller legitimen Gewalt in Staat und

Kirche, Feinde seiner Urgroßmutter, seines Großvaters, seiner Eltern,

seines Bruders und seiner selbst; er, der sich so bitter über die

Gesetze gegen Papisten beklagte, behauptete jetzt, er begreife nicht,

wie man die Frechheit haben könne, auf Zurücknahme der den Puritanern

entgegenstehenden Verordnungen anzutragen.[76] Er, dessen Lieblingsthema

die Ungerechtigkeit gewesen war, von Staatsdienern Religionseide zu

verlangen, führte während seines Aufenthalts in Schottland dort den

strengsten Religionseid ein, den man jemals im Lande gekannt hatte;[77]

er, der seinen begründeten Unwillen aussprach, als man die Priester

seines eigenen Glaubens hängte und viertheilte, hatte, sein Vergnügen

daran, das Jammergeschrei der Covenanters zu hören und die schmerzlichen

Windungen ihres Körpers anzusehen, indem ihre Kniee in den spanischen

Stiefeln zerquetscht wurden.[78] In dieser Stimmung bestieg er den

Thron, und ohne Zögerung beanspruchte und erhielt er von den

unterwürfigen schottischen Ständen als überzeugendsten Beweis ihrer

Loyalität das blutigste Gesetz, welches jemals auf unseren Inseln gegen

protestantische Nonconformisten erlassen worden ist.

[Anmerkung 76: Seine eignen Worte, berichtet von ihm selbst.

+Clarke's Life of James the Second, I. 656. Orig. Mem.+]

[Anmerkung 77: +Act. Parl. Car. II. August 31. 1681.+]

[Anmerkung 78: +Burnet I. 583+; +Wodrow III. v. 2.+ Leider fehlen

die Acten des schottischen Geheimen Rathes während der ganzen

Verwaltung des Herzogs von York.]

[_Grausame Behandlung der schottischen Covenanters._] Mit diesem Gesetz

stand der Geist seiner Verwaltung in vollständigem Einklang. Die

grausame Verfolgung, welche während seiner Statthalterschaft in

Schottland wüthete, wurde von dem Tage seiner Thronbesteigung an noch

heftiger. Diejenigen Grafschaften, in denen die meisten Covenanters

lebten, wurden der Zügellosigkeit des Heeres preisgegeben. Unter der

Armee befand sich eine Miliz, welche aus den wildesten und verworfensten

Subjekten Derjenigen gebildet war, welche sich Episcopalen nannten.

Hervorragend unter den Banden, welche diese unglücklichen Distrikte

unterdrückten und verwüsteten, waren die Dragoner, welche unter dem

Befehle Jakob Graham's von Claverhouse standen. Man behauptete, daß

diese verworfenen Menschen bei ihren Zechgelagen um die Höllenstrafen

spielten, und sich unter einander mit den Namen von Teufeln und

verdammten Seelen zu benennen pflegten.[79] Der Anführer dieser Hölle

auf Erden, ein durch Muth und Geschicklichkeit in seinem Berufe

ausgezeichneter Soldat, jedoch räuberisch, ruchlos, von heftiger

Gemüthsart und Hartherzigkeit, hat einen Namen hinterlassen, der überall

auf Erden, wo der schottische Stamm sich angesiedelt hat, mit

untilgbarem Hasse genannt wird. Es würde eine nicht zu lösende Aufgabe

sein, wollte man alle die Unthaten aufzählen, durch welche dieser Mann

und seine Rotte die Landleute des westlichen Niederlandes zur

Verzweiflung trieb. Wenige Beispiele mögen hinreichen, und dieselben

sollen aus einem Zeitraume von nur zwei Wochen genommen werden, jenen

zwei Wochen, in denen auf Jakob's dringendes Ansuchen das schottische

Parlament ein neues Gesetz von unerhörter Strenge gegen die Dissenters

erließ.

Johann Brown, ein armer Fuhrmann in Lanarkshire, wurde wegen seiner

besonderen Frömmigkeit insgemein der christliche Fuhrmann genannt. Nach

vielen Jahren, als Ruhe, Wohlstand und religiöse Freiheit nach

Schottland zurückgekehrt waren, schilderten ihn hochbejahrte Leute, die

sich jener traurigen Zeit erinnerten, als einen in göttlichen Dingen

bewanderten Mann, unbescholten im Leben und so friedfertig, daß die

Tyrannen nichts Unrechtes an ihm auffinden konnten, außer daß er den

öffentlichen Gottesdienst der Episcopalen nicht besuchte. Am 1. Mai

arbeitete er in einer Torfgrube, als er von den Claverhouse'schen

Dragonern ergriffen, eilig verhört, der Nonconformität überführt und zum

Tode verurtheilt wurde. Selbst unter den Soldaten soll sich keiner zur

Vollstreckung des Urtheils haben entschließen können, denn die Frau des

unglücklichen Mannes war zugegen. Sie führte ein kleines Kind an der

Hand, und man sah, daß sie nahe daran war, ein andres zur Welt zu

bringen. Die wilden, herzlosen Menschen, die einander mit den Beinamen

Apollyon und Beelzebub belegten, schauderten vor der Ruchlosigkeit

zurück, den Mann vor den Augen der Gattin abzuschlachten. Der Gefangene,

durch die nahe Aussicht auf die Ewigkeit erhoben, betete laut und

inbrünstig wie in Begeisterung, bis Claverhouse in Wuth gerathend ihn

niederschoß. Glaubwürdige Zeugen berichteten, daß die Wittwe in ihrem

tiefen Schmerze ausrief: »Gut, Herr, gut, der Tag der Rechenschaft wird

kommen!« worauf der Mörder entgegnete: »Was ich gethan, kann ich vor

Menschen verantworten, mit Gott will ich schon fertig werden!« Doch ging

die Sage, daß selbst auf sein verhärtetes Gewissen und unmenschliches

Herz die Sterbegebete seines Opfers einen Eindruck machten, der sich

nimmer verwischen ließ.[80]

Am 5. Mai wurden zwei Handwerker, Peter Gillies und John Bryce in

Ayrshire durch ein Kriegsgericht verurtheilt, welches aus fünfzehn

Soldaten zusammengesetzt war. Die Anklage ist noch vorhanden. Man

beschuldigte die Gefangenen nicht etwa einer revolutionären Handlung,

sondern daß sie denselben verderblichen Lehren huldigten, welche Andere

zum Aufruhr veranlaßt hätten, und es nur an Gelegenheit gefehlt habe,

ihnen gemäß zu handeln. Das Verfahren war summarisch. Einige Stunden

später waren die beiden Angeklagten überführt, gehängt und ihre

Leichname in ein Loch unter dem Galgen geworfen.[81]

Der 11. Mai zeichnete sich durch mehr als ein großes Verbrechen aus.

Einige strenge Calvinisten hatten aus der Lehre von der Verwerfung den

Schluß gezogen, daß das Gebet für eine Person, welche zur Verdammniß

bestimmt wäre, eine Handlung der Auflehnung gegen die ewigen Beschlüsse

des Allmächtigen sei. Drei arme Arbeitsleute, welche von diesem

herzlosen Glauben tief überzeugt waren, wurden nahe bei Glasgow von

einem Offizier verhaftet, und gefragt, ob sie für König Jakob VII. beten

wollten. Sie weigerten sich dessen, es wäre denn, daß er zu den

Auserwählten gehöre. Eine Abtheilung Musketiere traten vor, die

Gefangenen knieten nieder, man verband ihnen die Augen, und eine Stunde

nach ihrer Festnehmung leckten die Hunde ihr Blut vom Boden.[82]

Während sich dieses in Clydesdale ereignete, wurde in Eskdale eine nicht

weniger abscheuliche That verübt. Ein geächteter Covenanter hatte, von

Krankheit heimgesucht, in dem Hause einer rechtlichen Wittwe Zuflucht

gefunden und war daselbst gestorben. Der Laird von Westerhall, ein

kleiner Tyrann, der in den Tagen der Covenanters den größten Eifer für

die presbyterianische Kirche gezeigt, seit der Restauration aber das

Wohlwollen der Regierung durch seinen Abfall erlangt hatte, und gegen

die von ihm aufgegebene Partei, wie jeder Abtrünnige, unversöhnlichen

Haß fühlte, entdeckte den Leichnam des Verstorbenen. Dieser Mensch ließ

das Wohnhaus des armen Weibes niederreißen, ihren Hausrath wegbringen,

und indem er sie und ihre Kinder hinaustrieb, um auf den Feldern

herumzuirren, schleppte er ihren Sohn Andreas, der fast noch ein Knabe

war, vor Claverhouse, welcher gerade damals durch diesen Theil des

Landes zog. Claverhouse war eben auffallend mild gesinnt, -- Einige

versicherten, seit dem vor zehn Tagen geschehenen Morde des christlichen

Fuhrmanns wäre er noch nicht wieder zu sich selbst gekommen -- aber

Westerhall wünschte sehnlichst, einen Beweis von seiner Loyalität zu

geben, und erzwang eine ungern gegebene Zustimmung. Die Musketen wurden

geladen, und der Jüngling aufgefordert, die Mütze über das Gesicht zu

ziehen. Er schlug es ab, und stand mit freiem Blick, die Bibel in der

Hand, seinen Mördern gegenüber. »Ich kann Euch offen ins Antlitz

blicken«, rief er, »denn ich habe nichts gethan, dessen ich mich schämen

müßte. Aber wie wollt Ihr an jenem Tage dreinsehen, wo Ihr nach dem

gerichtet werden sollt, was in diesem Buche steht?« -- Er stürzte todt

zu Boden und wurde im Moore eingescharrt.[83]

An demselben Tage wurden zwei Frauen, Margarethe Maclachlan und

Margarethe Wilson, erstere eine bejahrte Wittwe, letztere ein Mädchen

von achtzehn Jahren, für ihren Glauben in Wigtonshire ermordet. Sie

sollten ihr Leben geschenkt erhalten, wenn sie sich entschließen

könnten, die Sache der aufrührerischen Covenanters abzuschwören und dem

bischöflichen Gottesdienste beizuwohnen. Sie weigerten sich und wurden

zum Tode durch Ertränken verurtheilt. Man führte sie an einen Ort, wo

der Solway zweimal des Tages seine Ufer überschwemmt, und band sie

zwischen den Zeichen des hohen und niederen Wasserstandes an in dem

Sande befestigte Pfähle. Die ältere der beiden Dulderinnen wurde in der

Erwartung, daß ihre Todesqual die jüngere zum Abfall bewegen möchte, der

aufsteigenden Fluth näher gebracht. Der Anblick war grauenhaft, aber der

Muth der Überlebenden war von so hoher Begeisterung unterstützt, wie die

Geschichte der Märtyrer sie nur zu schildern vermag. Ohne jedes Zeichen

von Unruhe sah sie die See herankommen, sie betete und sang Verse aus

Psalmen, bis die Wogen ihre Stimme erstickten. Als sie die Bitterkeit

des Todes gefühlt, hatte man die grausame Barmherzigkeit, sie

loszubinden und wieder zum Leben zu bringen. Nachdem ihr Bewußtsein

zurückgekehrt war, flehten sie mitleidige Freunde und Nachbarn an, sich

zu fügen. »Liebe Margarethe, sage nur, Gott erhalte den König!« Das

unglückliche Mädchen, ihrem strengen Glauben getreu, wimmerte: »Mag ihn

Gott erhalten, wenn es Gottes Wille ist!« Ihre Freunde drängten sich um

den vorsitzenden Offizier. »Sie hat es gesagt, Herr, wahrhaftig, sie hat

es gesagt!« »Wird sie die Abschwörungsformel leisten?« erkundigte sich

der Offizier. »Nimmermehr,« rief sie aus, »ich bin Christi, laßt mich

gehen!«[84] -- Die Wogen schlugen zum letzten Male über ihr zusammen.

So regierte Schottland ein Fürst, den unwissende Menschen als einen

Freund religiöser Freiheit geschildert haben, dessen Unglück es gewesen,

zu weise und zu gütig für das Zeitalter zu sein, in welchem er lebte.

Ja sogar die Gesetze, welche ihm die Gewalt gaben, in solcher Weise zu

regieren, waren nach seiner Ansicht von einer tadelnswerthen Milde.

Indem seine Offiziere die Mordscenen verübten, welche eben geschildert

wurden, verlangte er von dem schottischen Parlament ein neues Gesetz,

mit welchem im Vergleich alle früheren Gesetze barmherzig genannt zu

werden verdienen.

So groß auch in England sein Ansehen war, unterlag dasselbe doch einer

Beschränkung durch alte, edle Gesetze, deren Übertretung selbst die

Tories von ihm nicht ruhig hingenommen haben würden. Hier durfte er

nicht Dissenters vor Kriegsgerichte treiben, oder im Rathe das Amüsement

haben, sie in den spanischen Stiefeln ohnmächtig niederstürzen zu sehen;

hier gab es keine Jungfrauen zu ersäufen, weil sie sich weigerten, die

Abschwörungsformel zu leisten, oder arme Landleute niederzuschießen,

weil sie in Zweifel waren, ob er einer der Auserwählten sei. Jedoch

unterließ er auch in England nicht, die Puritaner, soweit seine Macht

reichte, zu verfolgen, bis Ereignisse, welche später erzählt werden

sollen, ihn veranlaßten, den Plan zu fassen, Puritaner und Papisten zur

Entwürdigung und Beraubung der Landeskirche mit einander zu vereinigen.

[Anmerkung 79: +Wodrow III. 9, 6.+]

[Anmerkung 80: +Wodrow, III. 9. 6.+ Der Herausgeber der Oxforder

Ausgabe des Burnet macht einen Versuch, diese That zu

entschuldigen, indem er sagt, daß Claverhouse zu jener Zeit eben

bemüht war, alle Verbindung zwischen Argyle und Monmouth

abzuschneiden, und glaubt, Brown möge als Zwischenträger der

beiden Rebellenheere entdeckt worden sein. Zum Unglück für diese

Annahme wurde Brown am 1. Mai erschossen, wo Argyle und Monmouth

in Holland waren und kein Aufruhr in irgend einem Stelle unsrer

Insel stattfand.]

[Anmerkung 81: +Wodrow, III. 9. 6.+]

[Anmerkung 82: +Ibid.+]

[Anmerkung 83: +Wodrow, III. 9. 6. Cloud of Witnesses.+]

[Anmerkung 84: +Wodrow, III. 9. 6.+ Die Grabschrift der Margarethe

Wilson auf dem Friedhofe zu Wigton ist in dem Anhange zu +the

Cloud of Witnesses+ gedruckt:

Gemordet, blos weil sie geglaubt,

Daß Christus seiner Kirche Haupt;

Weil sie die Prälatur nicht ehrte,

Sich nicht von reiner Lehre kehrte,

Hat sie zu Christi Lob, gebunden

Im Meer ihr frühes Grab gefunden!]

[_Stimmung Jakob's gegen die Quäker._] Eine Sekte der protestantischen

Dissenters betrachtete er jedoch selbst in dieser frühen Periode seiner

Regierung mit einiger Zuneigung: die Gesellschaft der Freunde. Seine

Vorliebe für diese eigenthümliche Brüderschaft ist keinen religiösen

Sympathien zuzuschreiben, denn unter Allen, welche an die göttliche

Sendung Christi glauben, weichen der römische Katholik und der Quäker am

weitesten von einander ab. Es klingt widersinnig, zu behaupten, daß eben

dieser Umstand ein Band zwischen dem Katholiken und dem Quäker knüpfte,

und doch ist es so, denn sie entfernten sich in entgegengesetzten

Richtungen von dem, was die Mehrzahl des Volkes als wahr anerkannt, so

weit, daß selbst vorurtheilsfreie Männer in der Regel sie außerhalb der

Grenzen der ausgedehntesten Duldung betrachteten. So hatten die zwei

extremen Sekten eben dadurch, daß sie extrem waren, ein gemeinsames

Interesse, welches sich von dem der dazwischenliegenden Sekten

unterschied; auch trugen die Quäker durchaus keine Schuld an dem

Unrecht, das Jakob und seinem Hause angethan worden war. Sie bildeten

erst dann eine Gemeinschaft, als der Krieg zwischen seinem Vater und dem

Langen Parlamente sich zu Ende neigte, und von einigen der

revolutionären Regierungen hatten sie sogar grausame Verfolgung

ausstehen müssen. Seit der Restauration hatten sie trotz oftmaliger

übler Behandlung der königlichen Gewalt sich demüthig gefügt, denn --

obgleich aus Vordersätzen schließend, welche die anglikanischen

Gottesgelehrten als heterodox ansahen -- waren sie gleich diesen zu der

Überzeugung gekommen, daß keine übertriebene Tyrannei eines Fürsten den

thätigen Widerstand der mißhandelten Unterthanen rechtfertigen könne.

Niemals war ein Quäker als Verfasser einer Schmähschrift erfunden

worden,[85] und nie war ein solcher bei einer Verschwörung gegen die

Regierung betheiligt gewesen. Die Gesellschaft hatte sich nicht bei dem

Rufe nach der Ausschließungsbill betheiligt, und das Ryehousecomplot als

einen höllischen Anschlag und ein Satanswerk feierlich verdammt.[86] Die

Quäker betheiligten sich in damaliger Zeit wirklich sehr wenig bei

bürgerlichen Streitigkeiten, denn sie wohnten nicht, wie zu jetziger

Zeit, in großen Städten massenhaft zusammen, sondern trieben fast

durchgängig Landbau, aus welcher Beschäftigung sie nach und nach durch

die Bedrückungen vertrieben wurden, welche eine Folge ihres seltsamen

Bedenkens über die Entrichtung des Zehnten waren. Sie standen daher dem

Schauplatze der politischen Streitigkeiten ziemlich fern, auch vermieden

sie aus Grundsatz, selbst im häuslichen Leben, jede politische

Unterhaltung. Denn dergleichen Gespräche waren ihrer Ansicht nach nicht

zuträglich für ihre geistliche Stimmung und hatten störenden Einfluß auf

den strengen Gleichmuth ihres Benehmens. Die jährlichen Versammlungen

damaliger Zeit warnten die Brüder mehrere Male, Gespräche über

Staatsangelegenheiten zu führen.[87] Noch jetzt lebende Personen wissen

sich zu erinnern, daß jene ernsten Ältesten, welche die Sitten einer

vergangenen Generation festgehalten hatten, solche weltliche Reden

systematisch zu verhindern suchten.[88] Natürlich mußte Jakob einen

großen Unterschied machen zwischen diesen friedlichen Leuten und jenen

aufgeregten, eifrigen Sekten, welche den Kampf gegen Tyrannei für eine

Christenpflicht hielten, in Deutschland, Frankreich und Holland, gegen

legitime Fürsten die Waffen ergriffen und vier Generationen hindurch dem

Hause Stuart feindlich gegenüber gestanden hatten. Hierzu kam die

Möglichkeit, den Katholiken und den Quäkern eine bedeutende

Erleichterung zu gewähren, ohne die Bedrückung der puritanischen Sekten

zu mildern. Ein damaliges Gesetz belegte Jedermann mit Strafen, welcher

auf Verlangen die Ablegung des Supremateides verweigerte. Dieses Gesetz

konnte die Presbyterianer, Independenten oder Baptisten nicht berühren,

denn diese zeigten sich sämmtlich willig, Gott zum Zeugen aufzurufen,

daß sie aller geistlichen Verbindung mit auswärtigen Prälaten und

Potentaten sich enthielten; aber der römische Katholik wollte keinen Eid

schwören, daß der Papst in England keine Gerichtsbarkeit habe, und der

Quäker leistete überhaupt keinen Eid. Andrerseits wurden weder

Katholiken noch Quäker von der Fünfmeilen-Acte getroffen, welche unter

allen Gesetzen des Gesetzbuchs wohl das drückendste für die

puritanischen Nonconformisten war.[89]

[Anmerkung 85: Brief an König Karl II., der sich vor Barclay's

Apologie befindet.]

[Anmerkung 86: +Sewel's History of the Quakers, book X.+]

[Anmerkung 87: +Minutes of Yearly Meetings, 1689, 1690.+]

[Anmerkung 88: +Clarkson on Quakerism+; +Peculiar Customs, chapter

V.+]

[Anmerkung 89: Als ich diese Stelle geschrieben hatte, fand ich in

dem britischen Museum ein Manuscript (+Harl. Ms. 7506+) betitelt:

+»An account of the Seizures, Sequestrations, great Spoil and

Havock made upon the Estates of the several Protestant Dissenters

called Quakers, upon Prosecution of old Statutes made against

Papist and Popish Recusants.«+ Dieses Manuscript ist als früheres

Eigenthum Jakob's bezeichnet und scheint von seinem vertrauten

Diener, Oberst Graham, dem Lord Oxford eingehändigt worden zu

sein. Dieser Umstand bestärkt mich in der Meinung, die ich von dem

Verfahren des Königs gegen die Quäker gefaßt habe.]

[_Wilhelm Penn._] Die Quäker hatten einen mächtigen und eifrigen

Fürsprecher am Hofe. Obgleich sie als Gesellschaft betrachtet mit der

Welt wenig in Berührung kamen, und die Staatsangelegenheiten als eine

Sache vermieden, die ihre geistlichen Interessen gefährdete, so lebte

doch einer der Ihrigen, der sich von den Anderen durch Stellung und

Reichthum bedeutend unterschied, in den höchsten Kreisen, und fand bei

dem König stets bereitwilliges Gehör. Es war dies der gepriesene Wilhelm

Penn. Sein Vater hatte eine hohe Befehlshaberstelle bei der Flotte

bekleidet, war Commissar der Admiralität und Parlamentsmitglied gewesen

und hatte, nachdem er die Ehre des Ritterschlags empfangen, Aussicht auf

eine Peerschaft erlangt. Dem Sohne war eine liberale Erziehung zu Theil

geworden, er sollte in Kriegsdienste treten, als er, noch sehr jung,

seine Aussichten dadurch trübte und seinen Angehörigen dadurch Kummer

verursachte, daß er sich denen anschloß, die man zu jener Zeit allgemein

für eine Rotte unsinniger Ketzer hielt. Man hatte ihn bald in den Tower,

bald in Newgate eingesperrt, und ihm bei der Old Bailey den Prozeß

gemacht, weil er gegen den Willen des Gesetzes Predigten gehalten.

Nochmals schloß er jedoch mit seiner Familie Versöhnung, und hatte so

mächtigen Schutz zu erlangen gewußt, daß während alle Gefängnisse

Englands mit seinen Brüdern angefüllt waren, er es viele Jahre hindurch

wagen durfte, seine Meinungen ohne Belästigung auszusprechen. Gegen das

Ende der vorigen Regierung hatte man ihn zur Tilgung einer alten Schuld,

welche er von der Krone zu fordern hatte, mit ungeheuren Länderstrecken

in Nordamerika beliehen, und er forderte seine verfolgten Freunde auf,

sich in dieser, blos von indianischen Jägern bewohnten Gegend

niederzulassen. Als Jakob zur Regierung gelangte, war die Colonie noch

im Entstehen.

Jakob und Penn hatten schon seit langer Zeit eine vertraute

Bekanntschaft unterhalten. Der Quäker wurde jetzt ein Hofmann und

beinahe ein Günstling. Er wurde täglich aus dem Vorzimmer in das Kabinet

gerufen und hatte häufig lange Audienzen, während Peers im Vorzimmer

warten mußten, und man behauptete, daß er mehr wirkliche Gewalt zu

nützen und zu schaden habe, als viele mit hohen Ämtern beliehene

Edelleute. Bald sah er sich von Schmeichlern und Bittstellern umgeben,

und in seinem Hause zu Kensington fanden sich, wenn er Morgens das Bett

verließ, oft mehr als zweihundert Menschen ein, welche ihm ein Anliegen

vorzutragen hatten. Jedoch kam ihm dieses scheinbare Glück theuer zu

stehen, seine eigene Sekte behandelte ihn mit Kälte, und lohnte seine

Dienste mit Vorwürfen. Man beschuldigte ihn laut, Papist und Jesuit zu

sein, Einige behaupteten, er sei zu St. Omer erzogen, Andere er habe in

Rom die Ordination empfangen. Obgleich nun diese Verleumdungen nur bei

dem kurzsichtigen Haufen Glauben fanden, so waren dieselben doch mit

besser begründeten Beschuldigungen verbunden.[90]

Die volle Wahrheit über Penn auszusprechen ist ein Unternehmen, welches

einigen Muth erfordert, indem er mehr eine mythische als eine

historische Person ist. Eifersüchtige Nationen und feindliche Sekten

haben sich zu seiner Heiligsprechung geeinigt, England nennt mit Stolz

seinen Namen, eine mächtige Republik jenseit des atlantischen Ozeans

empfindet für ihn eine ähnliche Ehrfurcht, wie sie die Athenienser für

Theseus und die Römer für Quirinus füllten. Die ehrenwerthe

Gesellschaft, der er angehörte, erblickt in ihm einen Apostel, und

fromme Männer andren Glaubens haben ihn in der Regel als ein Muster

christlicher Tugenden aufgestellt. Dagegen ist sein Lob auch von

Verehrern ganz anderer Art ausgesprochen worden. Die französischen

Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts verziehen ihm das, was sie

seine abergläubischen Einbildungen nannten, in Betracht seiner

Verachtung der Priester und seines menschenfreundlichen Wohlwollens, das

sich ohne Unterschied über alle Stämme und Glaubensformen erstreckte.

Deshalb ist sein Name in allen civilisirten Ländern von gleicher

Bedeutung mit Redlichkeit und Menschenliebe.

Dieser hohe Ruf ist nicht ganz unverdient. Penn war ohne Zweifel ein

Mann von großen Tugenden. Er hatte ein starkes Gefühl für religiöse

Pflicht und einen heißen Trieb, das Glück der Menschen zu fördern. Über

einige Punkte von hoher Bedeutung besaß er richtigere Ansichten, als zu

damaliger Zeit selbst Männer von unbefangenem Geiste sie hegten, und als

Besitzer und Gesetzgeber einer Provinz, welche anfänglich fast unbewohnt

war und ein weites Feld für moralische Versuche darbot, hatte er das

seltene und vorzügliche Glück, seine Theorien ohne Rücksicht auf bereits

bestehende Einrichtungen in Ausführung bringen zu können. Er wird stets

als der Gründer einer Colonie, der das Übergewicht, welches die

Civilisation gewährt, bei seinem Verkehr mit einem wilden Volke, niemals

mißbrauchte, sowie als Gesetzgeber, der in einem Zeitalter der

Verfolgung religiöse Freiheit zum Grundstein der Staatsverfassung

machte, in hohen Ehren bleiben; seine Werke jedoch, wie auch sein Leben

beweisen hinreichend, daß er kein Mann von großem Geiste war. Er hatte

kein Geschick dazu, die Charactere zu erforschen, und sein Vertrauen zu

Leuten, die nicht so tugendhaft waren als er selbst, veranlaßte manchen

Irrthum und häufiges Mißgeschick. Sein Enthusiasmus für einen großen

Grundsatz ließ ihn oftmals anderen großen Grundsätzen zu nahe treten,

gegen die er hatte tiefe Ehrfurcht zeigen sollen, auch hielt seine

Rechtlichkeit nicht immer den Versuchungen Stand, denen er in jener

glänzenden, feingebildeten, aber völlig sittenlosen Gesellschaft, in der

er sich bewegte, ausgesetzt war. Intriguen der Galanterie und des

Ehrgeizes erhielten den Hof in beständiger Gährung, der Handel mit

Ehren, Ämtern und Begnadigungen wurde ohne Unterbrechung getrieben, es

war also natürlich, daß man einen Mann, der täglich im Palaste war und

von dem man wußte, daß er täglich Zutritt zum König hatte, häufig anlag,

seinen Einfluß für Zwecke geltend zu machen, die eine strenge Moral

verwerfen mußte. Die Biederkeit Penn's hatte der Verleumdung und

Verfolgung widerstanden, aber jetzt, angegriffen durch das Lächeln des

Königs, den Zauber weiblicher Liebenswürdigkeit, gewinnender

Überredungskunst und feiner Schmeichelei gewandter Diplomaten und

Hofleute fing seine Festigkeit an zu wanken. Titel und Redensarten,

welche er oft gemißbilligt hatte, flossen jetzt bei Gelegenheit von

seinen Lippen und aus seiner Feder. Es wäre gut, wenn man ihm nichts

Übleres vorwerfen könnte, als daß er sich den Gebräuchen der Welt fügte,

aber leider ist nicht in Abrede zu stellen, daß er bei einigen

Verhandlungen sehr stark betheiligt war, welche nicht nur von der

strengen Moral der Gesellschaft, der er angehörte, sondern überhaupt von

dem Rechtlichkeitsgefühl aller unverdorbenen Menschen mit Abscheu

betrachtet wurden. Er versicherte späterhin feierlich, daß er sich nie

durch unerlaubten Gewinn bereichert, und nie Belohnung von Denjenigen

angenommen habe, welche ihm verpflichtet waren, obgleich während der

Zeit seines Einflusses am Hofe es ihm leicht gewesen sein würde, sich

auf diese Weise hundertzwanzigtausend Pfund zu verschaffen.[91] Diese

Bereicherung ist nicht in Zweifel zu ziehen, aber Bestechungen lassen

sich sowohl der Habgier wie der Eitelkeit anbieten, und es kann nicht

geleugnet werden, daß Penn bestimmt wurde, sich bei einigen

unverantwortlichen Verhandlungen zu betheiligen, von denen Andere den

Gewinn zogen.

[Anmerkung 90: Die Besuche Penn's zu Whitehall und seine Levers zu

Kensington beschreibt -- wenn auch in schlechtem Latein -- Gerhard

Croese mit großer Lebendigkeit. Er sagt: +»Sumebat rex saepe

secretum, non horarium, vero horarum plurium, in quo de variis

rebus cum Penno serio sermonem conferebat, et interim differebat

audire praecipuorum nobilium ordinem, qui hoc interim Spatio in

procoetone, in proximo, regem conventum praesto erant.«+ Über den

Zudrang der Bittsteller nach Penn's Hause sagt Croese: +»Vidi

quandoque de hoc genere hominum non minus bis centum.« Historia

Quakeriana, lib. II. 1695.+]

[Anmerkung 91: »Zwanzigtausend in meinen Beutel und hunderttausend

in meine Provinz.« Penn's Brief an Popple.]

[_Besondere Bevorzugung der Katholiken und Quäker._] Der erste Gebrauch,

den er von seinem Einflusse machte, war sehr lobenswerth. Er schilderte

dem neuen König die Leiden der Quäker, und dieser erkannte mit

Vergnügen, daß man diesen friedlichen Sektirern und den römischen

Katholiken Nachsicht gewähren könne, ohne dieselbe den übrigen Parteien,

welche damals noch der Verfolgung ausgesetzt waren, zu Theil werden zu

lassen. Es wurde ein Verzeichniß der Personen angefertigt, welche

deshalb in Anklagezustand versetzt worden, weil sie die Eide verweigert,

oder die Kirche nicht besucht, über deren Loyalität aber die Regierung

gültige Zeugnisse empfangen hatte. Diese Leute wurden in Freiheit

gesetzt, und befohlen, daß kein ähnliches Verfahren eingeleitet werden

solle, bevor der König dazu Belieben tragen würde. Auf diese Art

erlangten etwa fünfzehnhundert Quäker und eine noch größere Anzahl

Katholiken ihre Freiheit.[92]

Jetzt war die Zeit herangerückt, wo das englische Parlament

zusammentreten mußte. Die Mitglieder des Hauses der Gemeinen, welche

nach der Hauptstadt gekommen waren, bildeten eine so große Anzahl, daß

man zweifelte, der Sitzungssaal in seiner damaligen Einrichtung würde

genügenden Raum zu ihrer Aufnahme darbieten. Sie benutzten die der

Eröffnung der Sitzung vorangehenden Tage zu Unterredungen über die

öffentlichen Angelegenheiten unter sich und mit den Beauftragten der

Regierung. Eine große Zusammenkunft der loyalen Partei fand in dem

Wirthshause zur Quelle am Strand statt, und Roger Lestrange, dem der

König kürzlich den Ritterschlag ertheilt, und den die Stadt Winchester

ins Parlament gewählt hatte, betheiligte sich bei der Leitung ihrer

Berathungen.[93]

Bald stellte es sich heraus, daß ein großer Theil der Gemeinen Absichten

hegte, welche mit den Wünschen des Hofes nicht ganz im Einklange

standen. Die toryistischen Landedelleute verlangten fast einstimmig die

Aufrechterhaltung der Testacte und der Habeas-Corpus-Acte, und einige

von ihnen waren der Ansicht, man solle das Einkommen nur auf eine

bestimmte Reihe von Jahren gewähren. Sie zeigten jedoch die größte

Bereitwilligkeit, strenge Gesetze gegen die Whigs zu erlassen, und sie

würden mit Vergnügen gesehen haben, daß man alle Diejenigen, welche die

Ausschließungsbill unterstützten, für unfähig erklärte, ein öffentliches

Amt zu versehen. Andrerseits wünschte der König vom Parlament ein

lebenslängliches Einkommen, die Zulassung der Katholiken zu Ämtern und

die Aufhebung der Habeas-Corpus-Acte zu erlangen. Auf diese drei Punkte

richtete sich seine Sehnsucht und er fühlte sich keineswegs geneigt, ein

Strafgesetz gegen die Ausschließungsmänner als Ersatz anzunehmen. Im

Gegentheile, es würde ihm ein derartiges Gesetz nicht angenehm gewesen

sein, indem eine Klasse der Ausschließungsmänner bei ihm in hoher Gunst

stand, die Klasse, welche Sunderland repräsentirte, und die während der

Tage des Complots nur deshalb mit den Whigs gemeinschaftliche Sache

machte, weil diese die Herrschaft führten, mit dem Umschwunge des Glücks

aber ihre Gesinnungen wechselte. Jakob sah mit Recht in diesen Renegaten

die nutzbarsten Werkzeuge, welche zu seiner Verfügung standen. Von den

tapferen Kavalieren, welche in trüber Zeit ihm treu zur Seite geblieben,

durfte er in seinem Glück keinen sklavischen, gewissenlosen Gehorsam

erwarten. Die Männer aber, welche nicht von dem Gefühl für Freiheit oder

Religion durchdrungen, sondern nur von selbstsüchtiger Gier und Furcht

getrieben, während seiner Machtlosigkeit zu seiner Unterdrückung

mitgewirkt hatten, waren die passenden Leute, um von derselben Gier und

Furcht geleitet, ihm jetzt, wo er Gewalt hatte, bei der Unterdrückung

des Volkes zur Hand zu gehen.[94] Obgleich rachsüchtig, machte er doch

in der Ausübung seiner Rache einen Unterschied. Es giebt kein einziges

Beispiel, wo er ein edelmüthiges Mitleid für Diejenigen an den Tag

gelegt hätte, die ihm offenherzig und aus politischen Beweggründen

entgegentraten; nicht selten aber verschonte und erhob er Andere, welche

aus niedrigen Ursachen ihn beleidigt hatten, denn die Schlechtigkeit,

welche sie zu brauchbaren Werkzeugen der Tyrannei stempelte, schätze er

hoch genug, daß er selbst dann, wenn sie auf seine eigenen Kosten sich

geltend machte, Nachsicht eintreten ließ.

Die Wünsche des Königs wurden auf verschiedenen Wegen den toryistischen

Mitgliedern des Unterhauses bekannt gemacht. Die Mehrzahl ließ sich

leicht bestimmen, jede Absicht auf ein Strafgesetz gegen die

Ausschließungsmänner aufzugeben, und einzuwilligen, daß Se. Majestät das

Einkommen auf die Dauer des Lebens erhielt. In Bezug auf die Testacte

und Habeas-Corpus-Acte konnten die Geschäftsträger des Hofes keine

zufriedenstellende Zusicherung erhalten.[95]

[Anmerkung 92: Diese Befehle, von Sunderland unterzeichnet, finden

sich in Sewel's Geschichte. Sie datiren vom 18. April 1685 und

sind in einem dunklen und verwickelten Style abgefaßt, doch glaube

ich den Sinn richtig wiedergegeben zu haben. Es ist mir nicht

gelungen, einen Beweis zu finden, daß eine Person, welche nicht

Quäker oder Katholik gewesen, auf diese Befehle hin in Freiheit

gesetzt worden wäre. Man sehe: +Neal's History of the Puritans,

vol. II. chap. II+; +Gerard Croese, lib. II.+ Croese schätzt die

Zahl der freigelassenen Quäker auf vierzehnhundertsechzig.]

[Anmerkung 93: Barillon, 28. Mai (7. Juni) 1685. +Observator,

May 27. 1685+; +Sir J. Reresby's Memoirs.+]

[Anmerkung 94: Ludwig schrieb über diese Klasse der

Ausschließungsmänner an Barillon: +»L'intérêt qu'ils auront á

effacer cette tâche par des services considérables les portera,

selon toutes les apparences, à le servir plus utilement que ne

pourraient faire ceux qui ont toujours été les plus attachés à sa

personne.«+ 15.(25.) Mai 1685.]

[Anmerkung 95: Barillon, 4.(14.) Mai 1685; +Sir John Reresby's

Memoirs.+]

[_Zusammenkunft des englischen Parlaments._] Am 19. Mai wurde die

Sitzung eröffnet. Die Bänke der Gemeinen gewährten einen seltsamen

Anblick. Jene mächtige Partei, welche in den drei letzten Parlamenten

die Oberhand gehabt, war jetzt zu einer kläglichen Minderzahl

zusammengeschmolzen und betrug in der That nicht viel mehr als den

fünfzehnten Theil des Hauses. Von den fünfhundertunddreizehn Rittern und

Bürgern hatten hundertfünfunddreißig früher diesen Platz eingenommen.

Es ist klar, daß eine Versammlung so unerfahrener Neulinge in einigen

wichtigen Beziehungen weit unter dem durchschnittlichen Werthe unserer

repräsentativen Corporationen stehen mußte.[96]

Die Leitung des Hauses hatte Jakob zwei Peers des Königreichs Schottland

übertragen. Der Eine, Carl Middleton, Earl von Middleton, hatte früher

ein hohes Amt in Edinburg bekleidet, war aber kurz vor dem Tode des

vorigen Königs im englischen Geheimen Rath vereidigt und zum

Staatssekretär ernannt worden; der Andre war Richard Graham, Viscount

Preston, welcher lange Zeit den Gesandtschaftsposten in Versailles

innegehabt hatte.

[Anmerkung 96: +Burnet, I. 626+; +Evelyn's Diary, May 22. 1685.+]

[_Trevor zum Sprecher gewählt._] Das erste Geschäft der Gemeinen bestand

in der Wahl eines Sprechers. Wer es werden sollte, war eine im Kabinet

schon vielfach verhandelte Frage. Guildford hatte Sir Thomas Meres

vorgeschlagen, der, wie er selbst, zu den Trimmern gehörte. Jeffreys,

der jede Veranlassung benutzte, dem Lord Siegelbewahrer

entgegenzutreten, unterstützte mit allen Kräften Sir Johann Trevor.

Trevor hatte eine Erziehung, halb als Rabulist, halb als Spieler

erhalten, und Gesinnungen und Grundsätze in das politische Leben mit

hinübergenommen, welche dieses doppelten Berufes würdig waren. Dabei war

er ein Schmarotzer des Oberrichters geworden, und verstand es,

gelegentlich den Strafredenstyl seines Gönners mit ziemlichem Glück

nachzuahmen. Jeffreys' Günstling wurde natürlich von Jakob bevorzugt,

von Middleton in Vorschlag gebracht und ohne Widerspruch gewählt.[97]

[Anmerkung 97: +Roger North's Life of Guildford, 218+; +Bramston's

Memoirs.+]

[_Seymour's Character._] So weit ging Alles gut, aber ein Widersacher

von bedeutendem Muthe wartete seine Zeit ab. Es war dies Eduard Seymour

von Berry Pomeroy Castle, Mitglied für die Stadt Exeter. Durch seine

Abkunft stand Seymour mit dem vornehmsten Adel Europa's auf gleicher

Stufe. Er war der directe männliche Leibeserbe jenes Herzogs von

Somerset, Schwagers Heinrich's VIII. und Protectors des englischen

Reiches. Nach der ursprünglichen Bestimmung der herzoglichen Familie

Somerset war der jüngere Sohn des Protectors dem älteren vorgezogen

worden, vom jüngeren stammten die Herzöge von Somerset, vom älteren die

Familie ab, welche zu Berry Pomeroy wohnte. Seymour besaß ein sehr

großes Vermögen und bedeutenden Einfluß im Westen Englands, auch war die

Bedeutung, welche ihm Geburt und Reichthum verliehen, nicht die einzige,

denn sowohl in der Debatte, wie in den Staatsgeschäften gehörte er zu

den vorzüglichsten Männern im Lande. In den vielen Jahren, welche er im

Hause der Gemeinen zugebracht, hatte er eine genaue Kenntniß aller

Regeln und Herkömmlichkeiten desselben erlangt, und kannte alle

Eigenthümlichkeiten desselben von Grund aus. Während der vorigen

Regierung hatte man ihn unter Umständen, welche diese Bevorzugung

besonders ehrenvoll erscheinen ließen, zum Sprecher erwählt, indem

mehrere Menschenalter hindurch nur Rechtsgelehrte auf den

Präsidentenstuhl berufen worden waren, und er als der erste

Landedelmann, dessen Kenntnisse und Geschick ihn dazu befähigten, diesem

alten Herkommen ein Ende machte. Er hatte später hohe Staatsämter

bekleidet und einen Sitz im Kabinet inne gehabt, aber sein stolzes und

unfügsames Wesen erweckte ihm soviel Widersacher, daß er sich

zurückziehen mußte. Als Tory und Hochkirchenmann, welcher zugleich der

Ausschließungsbill sich kräftig widersetzt, konnte er sich deshalb mit

aller Sicherheit in dem Hause eine Sprache erlauben, für welche jede im

Verdacht des Republikanismus stehende Person in den Tower geworfen

worden wäre. Lange Zeit war er der Führer einer starken

parlamentarischen Verbindung gewesen, welche die »Westliche Allianz«

genannt wurde und viele Gentlemen aus Devonshire, Somersetshire und

Cornwall in sich faßte.[98]

In jedem Hause der Gemeinen wird ein Mann, der neben Rednergabe,

Kenntnissen, Geschicklichkeit und Reichthum auch noch von vornehmer

Abkunft ist, ein hohes Ansehen genießen; aber in einem Hause der

Gemeinen, von welchem die vorzüglichsten Redner und parlamentarischen

Tactiker jener Zeit ausgeschlossen und das mit Männern angefüllt war,

die niemals eine Debatte angehört hatten, mußte der Einfluß eines

solchen Mannes furchtbarer Art sein. Sittlichen Werth besaß Eduard

Seymour allerdings nicht, er war liederlich, ruchlos, verdorben, zu

stolz, die gewöhnliche Höflichkeit zu zeigen, und doch nicht zu stolz,

um unredlichen Gewinn zu verschmähen; dabei aber ein nützlicher

Bundesgenosse und gefährlicher Widersacher, so daß ihm oft Diejenigen am

meisten schmeichelten, welche die gründlichste Abneigung gegen ihn

fühlten.[99]

Er befand sich jetzt in gereizter Stimmung gegen den Hof. Durch die neue

Organisirung der westlichen Burgflecken hatte sein Einfluß an einigen

Orten gelitten, durch die Erhebung Trevor's auf den Stuhl des

Präsidenten hatte man seinen Stolz verletzt, und er ergriff bald eine

Gelegenheit zur Rache.

[Anmerkung 98: +North's Life of Guildford 228+; +News from

Westminster.+]

[Anmerkung 99: +Burnet, I. 382+; +Rawdon Papers+; Lord Conway an

Sir Georg Rawdon vom 28. Dec. 1677.]

[_Rede des Königs an das Parlament._] Am 22. Mai wurden die Gemeinen vor

die Schranken des Oberhauses geladen, und der König, auf seinem Throne

sitzend, hielt an beide Häuser eine Rede. Er erklärte seinen Entschluß,

die bestehende Verfassung in Staat und Kirche aufrecht zu erhalten, aber

er beeinträchtigte den Eindruck dieser Erklärung, indem er eine

besondere Ermahnung an die Gemeinen erließ. Er hege die Besorgniß,

äußerte er, daß sie geneigt wären, ihm das Geld in Zwischenräumen

zuzutheilen, um ihn dadurch zu häufigerer Einberufung zu veranlassen;

aber er müsse ihnen ein für alle Mal erklären, daß er sich in dieser Art

nicht behandeln lassen würde, und daß sie nur bei einem angemessenen

Betragen hoffen dürften, häufiger einberufen zu werden. Da es offenbar

unmöglich war, daß die Regierung ohne die nothwendigen Geldmittel

fortgeführt werden konnte, so besagten diese Worte ganz einfach, daß,

wenn sie ihm weniger bewilligten, als sich mit seinen Wünschen

vereinigen ließ, er sich das Fehlende nehmen würde. Merkwürdigerweise

wurde diese Rede von den Gentlemen der Torypartei mit lauten

Acclamationen begrüßt, doch waren solche Zurufe damals nicht

ungewöhnlich. Seit langen Jahren hat jetzt das Parlament die ernste und

würdige Sitte angenommen, alle Äußerungen, angenehme wie unangenehme,

die vom Throne ausgehen, in ehrfurchtsvollem Schweigen anzuhören.[100]

Es herrschte damals der Gebrauch, daß, nachdem der König in gedrängter

Kürze seine Gründe für die Zusammenberufung des Parlaments angegeben

hatte, der Minister, dem das große Siegel anvertraut war, dem Hause den

Stand der Staatsangelegenheiten ausführlicher auseinandersetzte.

Guildford hatte, wie seine Vorgänger, Clarendon, Shaftesbury, Bridgeman

und Nottingham zu thun pflegten, eine ausgearbeitete Rede in

Bereitschaft, erfuhr jedoch zu seiner großen Demüthigung, daß man seiner

Dienste nicht bedurfte.

[Anmerkung 100: +London Gazette, May 25. 1685+; +Evelyn' Diary,

May 22. 1685.+]

[_Debatte bei den Gemeinen. -- Rede Seymour's._] Nachdem die Gemeinen in

ihr Sitzungslokal zurückgekehrt waren, wurde der Vorschlag gemacht, für

die Feststellung des königlichen Einkommens einen Ausschuß zu ernennen.

Jetzt erhob sich Seymour. Die Bilder, welche noch von ihm existiren,

geben uns eine Vorstellung, wie er dastand, er, das Haupt eines

ausschweifenden stolzen Adels, mit den künstlichen Locken, die in

modischer Fülle über seine Schultern wallten, und den Ausdruck von

Üppigkeit und Verachtung in den Augen und auf den Lippen. Er wünsche

nicht, sagte der stolze Kavalier, daß das Parlament der Krone die Mittel

zur Führung der Regierung verweigere, aber wäre denn wirklich ein

Parlament vorhanden? Befänden sich nicht hier auf diesen Sitzen eine

ziemliche Anzahl von Männern, die, wie allgemein bekannt, nicht

berechtigt wären, auf diesen Bänken einen Platz einzunehmen, viele

Männer, deren Wahl durch Bestechung befleckt. Viele, welche man durch

Einschüchterung den widerstrebenden Wählern aufgedrungen, und Viele,

deren Wahl von Corporationen vollzogen worden sei, die das Gesetz als

bestehend nicht anerkenne? Hatte man nicht Wahlkörper trotz königlicher

Freibriefe und uralter Verjährung neugestaltet? und wären nicht überall

Wahlbeamte die rücksichtslosen Geschäftsträger des Hofes gewesen? Da er

erkenne, daß die Grundlage der Volksvertretung so systematisch

angegriffen werde, könne er sich nicht entschließen, die ihn umgebende

Menge von Gentlemen mit dem ehrenwerthen Namen eines Hauses der Gemeinen

zu bezeichnen, und doch wäre es niemals nöthiger gewesen, als jetzt, wo

das öffentliche Wohl es erheischt hätte, daß das Parlament Würde und

Ansehen in sich vereinige. Die kirchliche und bürgerliche Verfassung des

Landes sei von großen Gefahren bedroht, es sei allgemein bekannt und

bedürfe keines Beweises, daß man die Testacte, den Schild der Religion,

und die Habeas-Corpus-Acte, den Schild der bürgerlichen Freiheit, der

Vernichtung anheim geben wolle. Ehe wir zur Verhandlung über Fragen von

so bedeutender Wichtigkeit übergehen, wollen wir uns wenigstens

Gewißheit verschaffen, ob wir in der That eine gesetzgebende Versammlung

sind. Beginnen wir daher mit der Untersuchung, in welcher Art und Weise

die Wahlen stattgefunden haben, und laßt uns aufmerksam sein, daß diese

Prüfung völlig unparteiisch bleibe. Denn wenn das Volk zu der

Überzeugung gelangt, daß keine Abhülfe auf friedlichem Wege erreicht

werden kann, dann dürfte vielleicht bald an uns die Gerechtigkeit

vollstreckt werden, welche gegen Andere auszuüben wir Bedenken tragen.

Er schloß mit dem Antrage, daß noch vor jeder Geldbewilligung das Haus

Petitionen gegen die Wahlen in Erwägung ziehen, und daß kein Mitglied,

dessen Wahl angefochten werde, stimmfähig sein solle.

Aber kein Zuruf ertönte, nicht ein Mitglied hatte die Kühnheit, den

Antrag zu unterstützen. Seymour hatte in der That viel gesagt, was kein

Andrer ungestraft hätte sagen dürfen. Der Antrag fiel durch und wurde

nicht einmal in das Protokoll aufgenommen, machte aber einen

außerordentlichen Eindruck. Barillon schrieb seinem Monarchen, daß

Viele, die es nicht gewagt, diese merkwürdige Rede zu unterstützen, sie

vollkommen gebilligt hätten, daß sie das Tagesgespräch in London bilde

und daß der Eindruck, die sie auf die öffentliche Meinung ausgeübt, ein

bleibender sein werde.[101]

[Anmerkung 101: +Burnet, I. 639+; +Evelyn's Diary, May 22. 1685+;

Barillon, 23. Mai (2. Juni) und 25. Mai (4. Juni) 1685. Das

Schweigen des Protokolls fiel Mr. Fox auf, es erklärt sich jedoch

dadurch, daß Seymour keine Unterstützung fand.]

[_Bewilligung des Einkommens._] Die Gemeinen bildeten unverzüglich einen

Ausschuß und bewilligten dem König auf die Dauer seines Lebens das ganze

Einkommen, welches sein Bruder genossen hatte.[102]

[Anmerkung 102: +Journals, May 22. Stat. Jac. II. I, 1.+]

[_Verhandlungen der Gemeinen hinsichtlich der Religion._] Die eifrigen

Hochkirchenmänner, aus denen die Majorität des Hauses bestand, scheinen

die Ansicht gehabt zu haben, daß die Schnelligkeit, mit der sie dem

Wunsche Jakob's hinsichtlich seines Einkommens nachkamen, ihnen

Berechtigung auf einige Zugeständnisse auch von seiner Seite gebe. Sie

sagten, es sei viel zu seiner Zufriedenstellung gethan worden, man müsse

nun auch etwas thun, um die Nation zu befriedigen. Das Haus verwandelte

sich daher in einen Ausschuß für Religionsangelegenheiten, um die besten

Mittel zur Sicherheit der Kirchenverfassung in Erwägung zu ziehen. In

diesem Ausschusse wurden einstimmig zwei Beschlüsse angenommen: der eine

sprach feurige Anhänglichkeit an die Kirche von England aus, der andre

forderte den König auf, die Strafgesetze gegen alle Personen, welche

nicht zu dieser Kirche gehörten, in Anwendung zu bringen.[103]

Die Whigs würden es gewiß am liebsten gesehen haben, wenn man die

protestantischen Dissenters duldete und nur die Katholiken der

Verfolgung aussetzte, aber die Whigs bildeten jetzt eine kleine,

entmuthigte Minderheit. Sie machten sich daher so wenig als möglich

bemerkbar, gaben ihren Parteinamen auf, hüteten sich, ihre besonderen

Ansichten einem feindseligen Zuhörerkreise aufzudrängen, und bemühten

sich, jeden Vorschlag zu unterstützen, der die Eintracht, welche bisher

noch zwischen dem Parlamente und dem Hofe bestand, zu stören geeignet

war.

Als der König die Verhandlungen des Religionsausschusses in Whitehall

erfuhr, gerieth er in heftigen Zorn, auch ist er mit Recht nicht zu

tadeln, daß ihn das Verhalten der Tories beleidigte. Hatten sie die

Absicht, an der strengen Ausführung der Strafgesetze festzuhalten, so

mußten sie unbedingt die Ausschließungsbill unterstützen, denn einen

Katholiken auf den Thron erheben und dann verlangen, daß er die Lehrer

des Glaubens, in welchem nach seiner Ansicht einzig das Heil der Seele

zu erstreben sei, auf den Tod verfolgen solle, wäre ein offenbarer

Unsinn gewesen. Milderte der König durch eine weniger strenge Verwaltung

die Härte der blutigen Gesetze Elisabeth's, so trat er keinem

verfassungsmäßigen Grundsatze zu nahe, sondern bediente sich nur einer

Gewalt, welche stets der Krone zugestanden war; ja er that nichts

weiter, als was späterhin eine Reihe von Souverainen, welche mit großem

Eifer den Lehren der Reformation huldigten, wie Wilhelm, Anna und die

Fürsten des Hauses Braunschweig, gethan haben. Hätte er gestattet, daß

katholische Geistliche, deren Leben er ohne Verletzung der Gesetze

retten konnte, gehängt, geschleift und geviertheilt wurden, weil ihre

Handlungen ihren geistlichen Pflichten entsprachen, so würden selbst

Diejenigen ihn mit Haß und Abscheu betrachtet haben, deren Vorurtheilen

er dieses verwerfliche Zugeständniß machte, und hätte es ihm genügt,

den Mitgliedern seiner eigenen Kirche eine ausgedehnte Duldung zu Theil

werden zu lassen, so würde die Nachwelt ihn deshalb einstimmig gepriesen

haben.

Die Gemeinen erkannten vermuthlich bei ruhigerem Nachdenken über die

Sache, daß sie sich eine widersinnige Handlungsweise hatten zu Schulden

kommen lassen, und es erregte ihre Besorgniß, als sie hörten, daß der

König, dem sie eine abergläubische Verehrung zollten, sehr erbittert

sei. Sie ließen es sich daher angelegen sein, ihre Fehler wieder gut zu

machen, verwarfen im Hause einstimmig den Antrag, den sie im Ausschuß

einstimmig angenommen hatten, und faßten einen Beschluß des Inhalts,

daß sie sich mit vollständigem Vertrauen auf Sr. Majestät Versprechen

verließen, die Religion in Schutz zu nehmen, welche ihnen theurer sei

als selbst das Leben.[104]

[Anmerkung 103: +Journals, May 26, 27. Sir J. Reresby's Memoirs.+]

[Anmerkung 104: +Commons' Journals, May 27. 1685.+]

[_Bewilligung nachträglicher Steuern._] Drei Tage nachher zeigte der

König dem Hause an, daß sein Bruder einige Schulden hinterlassen habe

und die Vorräthe der Flotte und der Artillerie ziemlich erschöpft seien.

Es wurde sofort der Entschluß gefaßt, neue Steuern aufzulegen. Die

Person, welcher der Auftrag wurde, Mittel und Wege ausfindig zu machen,

war Sir Dudley North, jüngerer Bruder des Lord Siegelbewahrers.

[_Sir Dudley North._] Dudley North war einer der befähigtsten Männer

seiner Zeit. In seiner Jugend hatte man ihn nach der Levante gesandt, wo

er sich lange mit kaufmännischen Unternehmungen beschäftigt hatte. Die

meisten Menschen würden in dieser Lage ihre Fähigkeiten haben einrosten

lassen, da es in Smyrna und Konstantinopel an Büchern und gebildetem

Umgange fehlte, aber der jugendliche Geschäftsführer besaß einen starken

Geist, der von äußeren Hülfsmitteln unabhängig war. In seiner Einsamkeit

gab er sich tiefem Nachsinnen über die Philosophie des Handels hin und

schuf sich nach und nach eine Theorie, im Allgemeinen derjenigen gleich,

welche hundert Jahre später Adam Smith entwickelte. Nach vieljähriger

Abwesenheit von der Heimath kehrte Dudley North mit großen Reichthümern

nach England zurück und gründete in der City von London ein

Handelsgeschäft nach der Türkei. Seine ausgedehnte theoretische wie

praktische Kenntniß des Handels und die klare, lebhafte

Auseinandersetzung seiner Ansichten lenkte bald die Aufmerksamkeit der

Staatsmänner auf seine Person. Die Regierung entdeckte in ihm einen

erleuchteten Rathgeber und gewissenlosen Diener, denn neben seinen

außerordentlichen geistigen Vorzügen besaß er weder Character noch ein

fühlendes Herz. Als die toryistische Reaction in vollem Gange war, ließ

er sich zum Sheriff ernennen, lediglich zu dem Zwecke, dem Hofe bei

seiner Rache behülflich zu sein. Seine Geschwornen verabsäumten niemals

das »Schuldig« auszusprechen, und an dem Tage einer gerichtlichen

Metzelei wurden zum Entsetzen seiner Gemahlin Karren, auf welchen die

Glieder geviertheilter Whigs lagen, vor seinen Palast in Basinghall

Street zu weiterer Bestimmung aufgefahren. Der Lohn für seine Dienste

bestand in der Ehre des Ritterschlags, einem Aldermans-Mantel und dem

Amte eines Zollcommissars. Er war als Abgeordneter für Banbury ins

Parlament getreten, und obgleich ein neues Mitglied, hatte doch auf ihn

der Lord Schatzmeister rücksichtlich der Leitung der Finanzgeschäfte im

Unterhause hauptsächlich sein Vertrauen gesetzt.[105]

Obgleich die Gemeinen den einmüthigen Entschluß gefaßt hatten, der Krone

weitere Geldmittel zu bewilligen, so waren sie doch noch durchaus nicht

über die Quellen einig, aus denen dieselben geschöpft werden sollten.

Man beschloß alsbald, daß ein Theil des nöthigen Geldes durch eine

Erhöhung des Zolles auf Wein und Essig, auf acht Jahre hinaus,

aufgebracht würde; das war aber nicht ausreichend. Verschiedene

unsinnige Vorschläge wurden gemacht. Viele Landedelleute empfahlen, eine

bedeutende Steuer auf alle Neubauten der Hauptstadt zu legen. Hierdurch

hoffte man der Vergrößerung einer Stadt hemmend entgegenzutreten, deren

Wachsthum schon seit längerer Zeit von der ländlichen Aristokratie mit

Eifersucht und Abneigung betrachtet wurde. Dudley North's Plan ging

dahin, daß man Zusatzzölle auf Zucker und Tabak acht Jahre hindurch

legen solle; darüber entstand aber ein großes Geschrei. Verkäufer von

Colonialwaaren, Zuckerbäcker und Tabakshändler richteten Bittgesuche an

das Haus und belagerten die Behörden. Die Bewohner Bristol's, welche mit

Jamaika und Virginien in ausgedehnten Handelsverbindungen standen,

sandten eine Deputation, welche an den Schranken der Gemeinen gehört

wurde. Rochester war einen Augenblick betroffen, aber North's rascher

Verstand und vollkommene Handelskenntniß beseitigten, im Schatzamt wie

im Parlament, jeden Widerspruch. Die alten Mitglieder sahen mit

Verwunderung, wie ein Mann, der kaum vierzehn Tage im Hause saß und sein

Leben größtentheils in fernen Ländern zugebracht, alle Verrichtungen

eines Kanzlers der Schatzkammer mit größter Zuversicht und

Geschicklichkeit übernahm und befolgte.[106]

Sein Plan ging durch und die Krone kam in Besitz eines aus

England allein hervorgehenden Einkommens von einer Million und

neunhunderttausend Pfund. Ein solches Einkommen genügte damals

vollkommen zur Bestreitung der Regierungskosten in Friedenszeit.[107]

[Anmerkung 105: +Roger North's Life of Sir Dudley North+; +Life of

Lord Guildford 166+; +M'Culloch's Literature of Political

Economy.+]

[Anmerkung 106: +Life of Dudley North, 176+; +Lonsdale's Memoirs+;

Van Citters 12.(22.) Juni 1685.]

[Anmerkung 107: +Commons' Journals, March 1, 1689.+]

[_Verhandlungen der Lords._] Während dem waren bei den Lords mehrere

wichtige Fragen zur Erörterung gekommen. Die Torypartei war unter den

Peers stets stark vertreten gewesen, zu ihr gehörte die Bank der

Bischöfe, und in den letzten vier Jahren nach der vorigen Auflösung

hatte sie durch einige neue Ernennungen bedeutende Verstärkung erlangt.

Von den neun Peers waren die hervorragendsten der Lord Schatzmeister

Rochester, der Lord Siegelbewahrer Guildford, der Lord Oberrichter

Jeffreys und Lord Churchill, der nach seiner Rückkehr von Versailles zum

englischen Baron ernannt worden war.

Die Peers zogen sehr bald die Sache von vier Mitgliedern ihrer

Körperschaft, welche unter der vorigen Regierung in Anklage versetzt,

niemals aber gerichtet und nach kurzer Haft von dem Gerichtshof der

Kings Bench gegen Bürgschaft freigelassen worden waren, zur Verhandlung.

Drei dieser angeklagten Peers, welche auf Verlangen sich dem Gerichtshof

zu stellen hatten, waren katholischen Glaubens, der vierte ein

Protestant von großem Ansehen und Einfluß, der Earl von Danby. Nach

seinem Falle und der Anklage der Gemeinen gegen ihn auf Hochverrath

waren vier Parlamente aufgelöst, er aber weder freigesprochen, noch

verurtheilt worden. 1679 hatten die Lords mit Rücksicht auf seine Lage

in Erwägung gezogen, ob eine Anklage durch Auflösung des Parlaments

erlösche oder nicht, und nach langer Debatte und genauer Prüfung der

Vorgänge entschieden, daß die Anklage noch anhängig sei. Diese

Entscheidung wurde jetzt verworfen, obgleich mehrere whiggistische

Mitglieder einen erfolglosen Versuch machten, dagegen zu protestiren.

Die Gemeinen beruhigten sich ohne Widerspruch bei der Entscheidung des

Oberhauses, Danby nahm seinen Sitz unter den Peers ein und wurde ein

thätiges und einflußreiches Mitglied der Torypartei.[108]

Die Verfassungsfrage, über welche die Lords in dem kurzen Zeitraume von

sechs Jahren zweimal in entgegengesetztem Sinne entschieden hatten,

ruhte länger als ein Jahrhundert und wurde zuletzt durch die

Parlamentsauflösung, welche während der Dauer des langen Prozesses von

Warren Hastings eintrat, wieder in Anregung gebracht. Es war damals

nöthig, zu entscheiden, ob die 1679 aufgestellte oder die im Jahre 1685

geschaffene, ersterer entgegenlaufende Regel als Gesetz des Lande zu

betrachten sei. Es wurde in beiden Häusern lange über diesen Punkt

debattirt, wobei sich die vorzüglichsten juristischen und

parlamentarischen Kräfte, an denen jenes Zeitalter überaus reich war,

betheiligten. Die Juristen waren nicht ungleich getheilt. Thurlow,

Kenyon, Scott und Erskine stellten die Behauptung auf, daß die Auflösung

die Anklage aufhebe; die entgegengesetzte Meinung vertheidigten

Mansfield, Camden, Loughborough und Grant. Unter denjenigen

Staatsmännern aber, welche ihre Beweisgründe nicht auf Vorgänge und

technische Analogien, sondern auf tiefe und klare verfassungsmäßige

Grundsätze stützten, bestand wenig Meinungsverschiedenheit. Pitt und

Grenville, sowie Burke und Fox waren der Ansicht, das die Anklage noch

immer gültig sei. Beide Häuser verwarfen mit großer Majorität die

Entscheidung von 1685 und erklärten die von 1679 für übereinstimmend mit

den Gesetzen des Parlaments.

[Anmerkung 108: +Lords' Journals, March 18. 19. 1679, May 22.

1685.+]

[_Bill zur Aufhebung der Verurtheilung Stafford's._] Von den

Nationalverbrechen, welche während der Herrschaft des panischen

Schreckens, hervorgerufen durch die Lügen des Oates, begangen worden

waren, nahm der Justizmord Stafford's die erste Stelle ein. Alle

unparteiischen Männer sahen jetzt in der Verurtheilung des unglücklichen

Edelmanns ein schweres Unrecht. Dem Hauptzeugen für seine Schuld hatte

man eine Reihe der niederträchtigsten Meineide nachgewiesen, und unter

solchen Verhältnissen war es die Pflicht der gesetzgebenden Versammlung,

dem Andenken eines schuldlos Hingeopferten Gerechtigkeit widerfahren zu

lassen, und einen unverdienten Flecken von einem Namen zu tilgen, der so

lange in den Jahrbüchern unsres Vaterlandes geglänzt hat. Eine Bill auf

Umstoßung der Verurtheilung Stafford's ging im Oberhause durch, trotz

des Murrens einiger Peers, denen es unangenehm war, zugestehen zu

müssen, daß sie unschuldiges Blut vergießen halfen. Im Unterhause wurde

die Bill zweimal ohne Abstimmung verlesen und dann an den Ausschuß

verwiesen, an dem Tage aber, welcher für diesen Ausschuß bestimmt war,

kam die Kunde, daß im Westen Englands ein furchtbarer Aufstand

ausgebrochen sei. Hieraus entstand die Nothwendigkeit, viele wichtige

Geschäfte zu verschieben. Die Genugthuung, welche man dem Andenken

Stafford's schuldig war, wurde, wie man glaubte, nur auf kurze Zeit

hinausgeschoben, aber die fehlerhafte Regierung Jakob's veränderte in

wenigen Monaten den Standpunkt der öffentlichen Stimmung vollkommen.

Mehrere Menschenalter hindurch waren die Katholiken nicht in der Lage,

Genugthuung für erlittene Ungerechtigkeiten zu verlangen, und waren

völlig zufrieden, wenn man sie unbeschwert in Schweigen und Dunkelheit

leben ließ. Endlich, unter der Regierung Georg's IV., mehr als

hundertvierzig Jahre nach dem Tage, wo Stafford's Blut den Boden von

Towerhill färbte, wurde die lang verschobene Sühne gewährt. Ein Gesetz,

welches die Verurtheilung für nichtig erklärte und die schwergekränkte

Familie in ihre alten Würden einsetzte, wurde von den Ministern der

Krone dem Parlamente vorgelegt, von den Männern aller Parteien freudig

begrüßt und ohne eine widersprechende Stimme angenommen.[109]

Es ist jetzt nothwendig, daß ich die Veranlassung und den Fortschritt

des Aufstandes verfolge, durch den die Berathung der Häuser plötzlich

unterbrochen wurde.

[Anmerkung 109: +Stat. V. Georg IV, Chap. 46.+]

Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig.

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Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zweiter Band · 第 7 / 11 题