[Anmerkung 33: Pope in Spence's +Anecdotes.+]
[Anmerkung 34: Man sehe die geschichtlichen Nachrichten von dem
ersten, oder königlichen Dragonerregimente. Die Ernennung
Churchhill's zum Befehlshaber dieses Regiments wurde als Beispiel
unsinniger Parteilichkeit verschrieen. Ein Spottgedicht jener
Zeit, das ich nicht gedruckt gesehen zu haben mich erinnere,
von dem aber ein Manuscript im britischen Museum sich befindet,
enthält folgende Zeilen:
Schneidet mit Löffeln ins Fleisch
So zeigt das mehr Verstand,
Als daß Churchhill sollte sein
Der Dragoner Commandant.]
[Anmerkung 35: Barillon, 16.(24.) Febr. 1685.]
[Anmerkung 36: Barillon, 6.(16.) April, Ludwig an Barillon,
14.(24.) April.]
[_Stimmung der Regierungen des Continents in Bezug auf England._] Sein
Regierungsantritt hatte an jedem Hofe des Festlandes Hoffnungen und
Befürchtungen hervorgerufen, und der Beginn seiner Regierung wurde von
Fremden mit nicht weniger Aufmerksamkeit beobachtet, als von seinen
eigenen Unterthanen. Eine einzige Regierung wünschte, daß die Unruhen,
welche England drei Menschenalter hindurch erschüttert hatten, niemals
aufhören möchten; alle übrigen Regierungen aber, republikanische wie
monarchische, protestantische wie katholische, hofften, daß diese
Zerwürfnisse bald ein glückliches Ende nehmen möchten.
Die Natur der langen Streitigkeiten zwischen den Stuarts und ihren
Parlamenten wurde freilich von den auswärtigen Diplomaten nur sehr
unvollkommen begriffen, aber keinem Staatsmanne konnte die Wirkung
verborgen bleiben, welche diese Streitigkeiten auf das Gleichgewicht der
europäischen Mächte ausübten. Nach dem gewöhnlichen Gange der Dinge
würden die Sympathien der Höfe von Wien und Madrid ohne Zweifel einem
Fürsten gehört haben, der gegen Unterthanen, und namentlich einem
katholischen Fürsten, der gegen ketzerische Unterthanen kämpfte, aber
alle diese Sympathien wurden jetzt durch ein mächtigeres Gefühl
beherrscht. Die Besorgniß und der Haß, welche durch die Macht, die
Ungerechtigkeit und den Stolz des französischen Königs hervorgerufen
worden waren, befanden sich auf dem Culminationspunkte. Seine Nachbarn
konnten wohl in Ungewißheit sein, ob es nachtheiliger sei, mit ihm in
Krieg oder in Frieden zu leben, denn im Frieden hörte er nicht auf, sie
zu berauben und zu verhöhnen, und Krieg hatten sie schon ohne allen
Erfolg mit ihm geführt. In dieser bedrängten Lage richteten sie ihren
Blick mit banger Erwartung auf England. Ließ sich annehmen, daß es nach
den Grundsätzen der Tripleallianz oder denen des Vertrages von Dover
handeln würde? Von dieser Entscheidung hing das Schicksal aller seiner
Nachbarn ab. Mit Englands Beistand war es noch möglich, Ludwig
Widerstand zu leisten, aber man konnte auf keine Hülfe von ihm rechnen,
so lange es nicht mit sich selbst einig war. Bevor der Kampf zwischen
dem Throne und dem Parlamente begann, war es eine Macht ersten Ranges;
von dem Tage an, wo die Streitigkeiten ausgeglichen wurden, trat es
wieder in die Reihe der Mächte höchsten Ranges, so lange aber der
Zwiespalt fortdauerte, war es zu Unthätigkeit und Abhängigkeit verdammt.
Zu den Zeiten der Plantagenets und Tudors war es groß gewesen, unter den
Fürsten, welche nach der Revolution auf dem Throne saßen, war es
wiederum groß, aber unter den Königen aus der Dynastie der Stuarts
zeigte es auf der Karte von Europa eine leere Stelle. Während eine
Gattung von Kräften versiegt war, hatte es eine andre noch nicht
gewonnen. Die Art von Macht, welche es ihm im vierzehnten Jahrhunderte
möglich machte, Frankreich und Spanien zu demüthigen, war verschwunden;
die Art von Macht, welche im achtzehnten Jahrhundert Frankreich und
Spanien wiederum niederwarf, noch nicht geschaffen. Die Regierung war
nicht mehr eine beschränkte Monarchie, wie im Mittelalter, sie war auch
noch nicht eine beschränkte nach der neueren Einrichtung geworden. Sie
besaß die Mängel zweier verschiedener Systeme, aber nicht die Kraft
eines derselben. Die Elemente dieser Staatseinrichtung, anstatt
vereinigt zu wirken, hinderten und vernichteten sich gegenseitig.
Überall herrschte Unschlüssigkeit, Hader und Unordnung. Das
hauptsächliche Streben des Souverains zielte dahin, die Prärogative des
gesetzgebenden Körpers zu beeinträchtigen, und das Streben des
gesetzgebenden Körpers ging nach Übergriffen in die Hoheitsrechte des
Souverains. Der König bediente sich unbedenklich auswärtiger
Unterstützung, welche ihn von dem Elend frei machte, von einem
aufrührerischen Parlamente abhängig zu sein. Das Parlament verweigerte
dem König die Mittel, die Ehre der Nation nach Außen hin kräftig zu
vertreten, weil es mit gutem Grunde befürchtete, diese Mittel möchten
benutzt werden, um im Inlande Despotismus zu erzeugen. Die Folge dieses
gegenseitigen Mißtrauens war, daß unser Vaterland trotz seiner
bedeutenden Hülfsquellen eine so untergeordnete Stellung in der
Christenheit einnahm wie das Herzogthum Savoyen, oder das Herzogthum
Lothringen, und gewiß noch weniger Geltung hatte, wie die kleine Provinz
Holland.
Frankreich hatte die begründetsten Ursachen, den Stand dieser
Verhältnisse so lange wie möglich zu erhalten,[37] während alle übrigen
Mächte dringend wünschen mußten, ihn beendigt zu sehen. Ganz Europa war
von dem Wunsche durchdrungen, daß Jakob im Einverständniß mit dem Gesetz
und der öffentlichen Meinung regieren möchte. Selbst vom Escurial
langten Zuschriften an, welche in ernster Weise die Hoffnung
aussprachen, daß der neue König in gutes Vernehmen mit seinem Volke und
seinem Parlamente treten werde.[38] Auch der Vatikan sandte Warnungen
gegen unweisen Eifer für den katholischen Glauben. Benedikt Odescalchi,
welcher unter dem Namen Innocenz XI. auf dem päpstlichen Stuhle saß,
empfand in seiner Stellung als weltlicher Souverain alle die
Befürchtungen, mit denen andere Fürsten die Überhandnahme der
französischen Macht betrachteten. Er hatte auch seine besonderen Gründe
zur Besorgniß. Es war ein wohlthätiger Umstand für den Protestantismus,
daß in dem Moment, wo der letzte katholische König von dem Throne
Englands Besitz nahm, die katholische Kirche durch Uneinigkeit
geschwächt und von einem Schisma bedroht war. Ein ähnlicher Kampf, wie
im elften Jahrhundert die Kaiser und Päpste mit einander führten, war
zwischen Innocenz und Ludwig ausgebrochen. Ludwig, dem Katholizismus bis
zur Bigotterie ergeben, aber mit eiserner Consequenz an seiner
königlichen Autorität haltend, beschuldigte den Papst der Eingriffe in
die weltlichen Rechte der französischen Krone, und erhielt wiederum vom
Papste den Vorwurf, daß er sich Eingriffe in das geistliche Amt der
Schlüssel erlaubt habe. Welchen Hochmuth der König auch immer besaß, er
fand hier einen noch entschlosseneren Geist, als den seinigen. Innocenz
war in seinem Privatleben ein höchst sanfter und gutmüthiger Mann, wenn
er aber amtlich vom Stuhle Petri sprach, so geschah es in einem Tone,
wie ihn Gregor VII. und Sixtus V. zu gebrauchen pflegten. Der Streit
wurde heftiger, Beauftragte des Königs wurden in den Bann gethan;
Anhänger des Papstes verwiesen. Der König erhob die Vertheidiger seiner
Autorität zu Bischöfen, der Papst versagte ihnen die Bestallung. Sie
bewohnten die bischöflichen Paläste und bezogen die Einkünfte, aber sie
waren nicht berechtigt, das bischöfliche Amt zu verrichten. Noch vor der
Beendigung des Streites befanden sich in Frankreich dreißig Prälaten,
welche nicht firmeln oder die Weihen ertheilen durften.[39]
Hätte zu damaliger Zeit ein andrer Fürst als Ludwig eine solche
Streitigkeit mit dem Vatikan gehabt, so hätte er darauf rechnen können,
daß alle protestantischen Regierungen für ihn Partei nehmen würden, aber
die Besorgniß und der Mißmuth, welche der Ehrgeiz und Übermuth des
Königs von Frankreich hervorgerufen hatte, waren so bedeutend, daß
Jeder, der muthig genug war, ihm mannhaften Widerstand entgegenzusetzen,
der allgemeinen Billigung gewiß sein durfte. Selbst Lutheraner und
Calvinisten, welche gegen den Papst den tiefsten Haß fühlten, konnten
nicht umhin, ihm gegen einen Tyrannen, der eine Universalmonarchie
herzustellen beabsichtigte, glücklichen Erfolg zu wünschen. Auf gleiche
Art billigten in unsrem Jahrhunderte Viele, welche in dem Papste den
Antichrist erblickten, den Widerstand, den derselbe der ungeheuren Macht
Napoleon's entgegenstellte.
Die Erbitterung Innocenz' gegen Frankreich veranlaßte ihn, die
englischen Angelegenheiten mit Milde und Unbefangenheit aufzufassen. Die
Rückkehr des englischen Volkes zur Heerde, die er hütete, würde ihn ohne
Zweifel sehr glücklich gemacht haben, er war aber ein zu einsichtsvoller
Mann, um zu erwarten, daß eine so kühne und trotzige Nation durch die
gewaltthätige und verfassungswidrige Handhabung der königlichen
Autorität in den Schooß der katholischen Kirche zurückgeleitet werden
könne. Es war leicht vorauszusehen, daß ein Versuch Jakob's, die
Interessen seiner Religion durch ungesetzliche und unpopuläre Mittel zu
unterstützen, mißlingen würde, daß der Haß, den die ketzerischen
Insulaner gegen den wahren Glauben hegten, heftiger und stärker als
jemals emporlodern und sich bei ihnen eine nicht zu trennende Verbindung
zwischen Protestantismus und bürgerlicher Freiheit, zwischen
Katholizismus und Willkürherrschaft bilden müsse. Zu gleicher Zeit würde
der König für sein Volk ein Gegenstand der Abneigung und des Verdachts
sein. Wie zur Zeit Jakob's I., Karl's I. und Karl's II. würde England
als eine Macht dritten Ranges dastehen, und Frankreich rücksichtslos
über die Alpen und den Rhein hinaus seine Herrschaft ausüben. In anderer
Hinsicht war es nicht unwahrscheinlich, daß Jakob bei klugem und
gemäßigtem Benehmen, bei strenger Achtung vor dem Gesetz und wenn er
sich bemühte, das Vertrauen des Parlaments zu erlangen, seinen
Glaubensgenossen bedeutende Erleichterungen verschaffen konnte.
Die Strafgesetze mußten sofort fallen, und die Gesetze, welche die
Unfähigkeit zu bürgerlichen Ämtern bestimmten, bald nachfolgen. Indessen
konnte der englische König und sein Volk an die Spitze der europäischen
Coalition treten und den Gelüsten Ludwig's einen unübersteiglichen Damm
entgegenstellen.
Innocenz wurde in seiner Ansicht durch die vornehmsten Engländer, welche
an seinem Hofe lebten, unterstützt. Der bedeutendste unter ihnen war
Philipp Howard, Abkömmling einer der edelsten Familien Britanniens, von
einer Seite Enkel des Earl von Arundel, von der anderen des Herzogs von
Lennox. Philipp war schon seit langer Zeit ein Mitglied des heiligen
Collegiums, wurde gewöhnlich als der Cardinal von England bezeichnet,
und war in Betreff aller Angelegenheiten, welche sein Vaterland
betrafen, der wichtigste Rathgeber des heiligen Stuhles. Das Geschrei
fanatischer Protestanten hatte ihn in die Verbannung getrieben, und ein
Mitglied seiner Familie, der unglückliche Stafford, war als ein Opfer
ihrer Wuth gefallen. Aber weder die eigenen Leiden des Cardinals, noch
die seines Hauses hatten sein Gemüth so erbittert, daß er unbesonnene
Rathschläge gegeben hätte, daher rieth jede Zuschrift, welche vom
Vatikan nach Whitehall gesandt wurde, zu Geduld, Mäßigung und Rücksicht
auf die Vorurtheile des englischen Volks.[40]
[Anmerkung 37: Es ließe sich die halbe Correspondenz Barillon's
als Beweis dieser Behauptung abschreiben, ich werde jedoch blos
eine Stelle angeben, worin die Absichten, welche die französische
Politik rücksichtlich Englands leiteten, kurz und mit völliger
Klarheit ausgesprochen sind. +»On peut tenir pour une maxime
indubitable, que l'accord du Roy d'Angleterre avec son Parlament,
en quelque manière qu'il se fasse, n'est pas conforme aux intérèts
de V. M. Je me contente de penser cela sans m'en ouvrir à
personne, et je cache avec soin mes sentiments à cet égard.«+ --
Barillon an Ludwig, 28. Febr. (10. März) 1687. Daß dieses das
wirkliche Geheimniß der ganzen Politik Ludwig's in Bezug auf unser
Vaterland war, wußte man in Wien recht gut. Kaiser Leopold schrieb
am 30. März (9. April) 1689 an Jakob: +Galli id unum agebant, ut,
perpetuas inter Serenitatem vestram et ejusdem populos fovendo
simultates, reliquae Christianae Europe tanto securius
insultarent.+]
[Anmerkung 38: +Que sea unido con su reyno, y en todo buena
intelligencia con el parlamento.+ Depesche des Königs von Spanien
an Don Pedro Ronquillo vom 16.(26.) März 1685. Diese Depesche ist
in den Archiven von Simancas aufbewahrt, welche eine Menge Papiere
enthalten, die sich auf englische Angelegenheiten beziehen.
Copieen der interessantesten derselben besitzt Herr Guizot, welche
er mir geliehen hat. Es macht mir ein besonderes Vergnügen, heute
diesen Beweis der Freundschaft eines so großen Mannes erwähnen zu
können.]
[Anmerkung 39: Wenige englische Leser werden ein tieferes Eingehen
in die Geschichte dieses Handels beanspruchen. Übersichten finden
sich in Cardinal Bausset's Leben, Bossuet's und in Voltaire's
Zeitalter Ludwig's XIV.]
[Anmerkung 40: +Burnet, I. 661+ und Brief von Rom; +Dodd's Church
History, part. VIII, book I, art. 1.+]
[_Innerer Kampf Jakob's II._] In Jakob's Seele fand ein heftiger Kampf
statt. Man würde ihm Unrecht thun, wollte man glauben, daß ein
Abhängigkeitszustand seiner Gemüthsart zugesagt hätte. Er liebte Ansehen
und Beschäftigung und besaß einen hohen Begriff von seiner persönlichen
Würde, ja es fehlte ihm nicht gänzlich eine Empfindung, welche
Ähnlichkeit mit Vaterlandsliebe hatte. Tief quälte ihn der Gedanke, daß
das von ihm beherrschte Königreich weit weniger Bedeutung in der Welt
habe, als viele Staaten, welche geringere natürliche Vortheile besaßen,
und er hörte mit Eifer auf die Rede der fremden Gesandten, wenn sie in
ihn drangen, die Würde seines Ranges zu behaupten, sich an die Spitze
eines großen Bündnisses zu stellen, der Schutzherr gekränkter Nationen
zu werden und den Stolz jener Macht zu demüthigen, welche der Schrecken
des Continents war. Solche Ermahnungen erregten in seiner Brust
Regungen, wie sie sein leichtfertiger und üppiger Bruder nie gefühlt
hatte. Jedoch wurden diese Regungen gar bald durch ein stärkeres Gefühl
verdrängt. Eine kräftige, auswärtige Politik setzte natürlich eine
versöhnliche innere voraus. Es war nicht denkbar, der Macht Frankreichs
entgegentreten und zugleich die Freiheiten Englands angreifen zu wollen.
Die ausübende Gewalt war nicht im Stande, ohne den Beistand der Gemeinen
etwas Wichtiges zu unternehmen, und dieser Beistand war nur dadurch zu
erreichen, daß sie in Übereinstimmung mit der Ansicht des Hauses
handelte. So fand Jakob, daß die zwei Dinge, nach denen er vorzugsweise
strebte, sich nicht zu gleicher Zeit besitzen ließen.
[_Schwankungen seiner Politik._] Sein andrer Wunsch war, im Auslande
gefürchtet und geachtet, sein erster aber im eigenen Lande
unumschränkter Gebieter zu sein. Zwischen den nicht zu vereinigten
Zielpunkten, nach denen sein Sinn strebte, schwankte er lange
unentschlossen hin und her. Der Kampf, der ihm am Herzen nagte,
gab seinen öffentlichen Handlungen einen seltsamen Anstrich von
Unentschlossenheit und Falschheit. Wer ohne nähere Kenntniß der Sache
die Irrgänge seiner Politik zu durchschauen versuchte, war nicht im
Stande, sich zu erklären, wie derselbe Mann in der nämlichen Woche so
hochmüthig und so erniedrigend sich betragen konnte. Selbst Ludwig wurde
durch das wunderliche Benehmen eines Bundesgenossen, der in wenigen
Stunden von Huldigungen zu Trotz und von Trotz zu Huldigungen überging,
aus der Fassung gebracht. Jetzt aber, wo das ganze Verfahren Jakob's
klar vor uns liegt, scheint diese Unschlüssigkeit eine ganz einfache
Deutung zuzulassen.
Als Jakob die Regierung antrat, war er in Ungewißheit, ob das Königreich
sich gutwillig seiner Gewalt fügen werde. Die Ausschließungsmänner,
welche vor kurzer Zeit noch so große Macht besaßen, konnten die Waffen
gegen ihn ergreifen, er konnte französisches Geld und französische
Truppen sehr nothwendig brauchen müssen, und so ließ er sich bestimmen,
einige Tage lang die Rolle eines Schmeichlers und Bettlers zu spielen.
Er bat demüthig um Verzeihung, daß er sich erlaubt habe, sein Parlament
ohne Genehmigung der französischen Regierung zusammen zu berufen. Er bat
dringend um französische Subsidiengelder, vergoß Freudenthränen über die
französischen Wechsel und schickte eine außerordentliche Gesandtschaft
nach Versailles, welche die Versicherung seiner Dankbarkeit, Ergebenheit
und Unterwerfung überbringen sollte. Die Gesandtschaft war jedoch kaum
abgegangen, als auch schon seine Gesinnungen sich änderten. Man hatte
ihn aller Orten ohne einen einzigen Aufstand, ohne jede aufrührerische
Kundgebung zum König ausgerufen, aus jedem Winkel der Insel kamen
Nachrichten, daß das Volk ruhig und gehorsam sei, und sein Muth nahm
überhand. Das unwürdige Verhältniß, in welchem er zu einer fremden Macht
stand, schien ihm jetzt unerträglich, er wurde anmaßend, rechthaberisch,
großprahlerisch und streitsüchtig. Er sprach in einem so hohen Tone über
die Würde seiner Krone und das Gleichgewicht der Macht, daß sein ganzer
Hof nichts Geringeres vermuthete, als eine vollständige Revolution in
der auswärtigen Politik des Königreichs. Er gab Churchhill Befehl, eine
genaue Darstellung des Ceremoniells in Versailles einzusenden, damit der
französische Gesandte zu Whitehall nur dieselben Ehren empfangen möchte,
welche der englischen Gesandtschaft am französischen Hofe zu Theil
geworden waren. Die Kunde von dieser Sinnesänderung wurde zu Madrid,
Wien und im Haag mit großer Freude aufgenommen.[41] Anfänglich fand
Ludwig die Sache nur spaßhaft. »Mein guter Bundesgenosse spricht stolz«,
sagte er, »aber er hat eben so große Liebe zu meinen Pistolen, wie sein
Bruder sie jemals hatte.« Bald jedoch erregte das veränderte Betragen
Jakob's, und die Erwartungen, welche daraus für die beiden Zweige des
Hauses Österreich hervorgingen, ernstere Aufmerksamkeit. Ein
interessanter Brief des französischen Königs ist auf unsre Zeiten
gekommen, worin derselbe den starken Verdacht ausspricht, daß er
betrogen sei, und daß die Summen, welche er nach Westminster gesandt,
gegen ihn benutzt werden könnten.[42]
Zu dieser Zeit hatte sich England von der Bestürzung und den
Befürchtungen erholt, welche durch den Tod des gutmüthigen Karl
hervorgerufen worden waren. Die Tories bekannten offen ihre
Anhänglichkeit an den neuen Herrscher und die Whigs wagten nicht, ihren
Haß zu zeigen. Die große Masse, welche nicht bleibend einer Partei
angehört, sondern heute dem Whiggismus, morgen dem Toryismus huldigt,
stand noch immer auf Seiten der Tories. Die Reaction, welche nach der
Auflösung des Oxfordparlaments eintrat, hatte ihre Kraft noch nicht
erschöpft.
[Anmerkung 41: Berathungen des spanischen Staatsraths am 2.(12.)
und 16.(26.) April 1685, in den Archiven von Simancas.]
[Anmerkung 42: Ludwig an Barillon vom 22. Mai (1. Juni) 1685;
+Burnet, I. 623.+]
[_Öffentliche Ausübung des katholischen Ritus in Jakob's Palaste._] Der
König unterwarf die Loyalität seiner protestantischen Freunde sehr bald
einer Prüfung. So lange er noch Unterthan war, hatte er die Gewohnheit,
die Messe bei verschlossenen Thüren in einer kleinen Kapelle zu hören,
welche für seine Gemahlin hergestellt worden; jetzt gab er Befehl, die
Thüren zu öffnen, damit Alle, welche in der Absicht ihm ihre Ehrfurcht
zu bezeigen nach Hofe kamen, die Ceremonie mit ansehen möchten. Bei der
Erhebung der Hostie entstand im Vorzimmer eine heillose Verwirrung. Die
Katholiken sanken auf die Knie, die Protestanten verließen das Zimmer.
Es wurde bald darauf im Palaste eine neue Kanzel hergestellt, und
während der Fastenzeit eine Reihe von Predigten durch katholische
Geistliche vorgetragen, zur größten Entrüstung der eifrigen Anhänger der
Landeskirche.[43]
Eine Neuerung ernsterer Art folgte. Die Charwoche kam heran, und der
König faßte den Entschluß, die Messe mit derselben Pracht zu hören,
welche seine Vorgänger zur Schau gestellt hatten, wenn sie sich in die
Gotteshäuser der Landeskirche verfügten. Er theilte seine Absicht den
drei Mitgliedern des inneren Kabinets mit und beanspruchte ihre
Begleitung. Sunderland, bei welchem alle Religionen gleiche Geltung
hatten, willigte ohne Weiteres ein; Godolphin als Kammerherr der Königin
war daran gewöhnt, derselben den Arm zu bieten wenn sie nach der Kapelle
ging, und deshalb trug er kein Bedenken von Amtswegen sich in dem Hause
Rimmon's zu demüthigen. Aber Rochester war in großer Verlegenheit. Sein
Einfluß im Lande gründete sich auf die vom Klerus und der Partei der
Tories gefaßte Meinung, daß er ein eifriger unbeugsamer Anhänger der
Landeskirche sei, und seine Rechtgläubigkeit galt als ein vollkommener
Ersatz für Fehler, welche ihn außerdem zum mißliebigsten Manne im Reiche
gemacht hätten: für grenzenlosen Hochmuth, übertriebene Heftigkeit und
Brutalität.[44] Er hegte die Besorgniß, daß durch Fügsamkeit in das
königliche Verlangen er die Achtung seiner Partei verlieren würde. Nach
einigen Debatten bekam er die Erlaubniß, die Festtage außerhalb der
Hauptstadt zu verleben; alle übrigen hohen Staatsbeamten erhielten die
Aufforderung, am Ostersonntag auf ihrem Posten zu sein. Die Gebräuche
der römischen Kirche wurden wiederum nach einem Zeitraum von einhundert
und siebenundzwanzig Jahren zu Westminster mit königlicher Pracht
ausgeübt. Die Garden standen in Parade, die Ritter des Hosenbandes
trugen die großen Bänder. Der Herzog von Somerset, unter den weltlichen
Großen des Reiches im Range der zweite, hielt das Staatsschwert. Ein
langer Zug hoher Lords geleitete den König nach seinem Sitze, doch
bemerkte man, daß Ormond und Halifax im Vorzimmer zurückblieben. Noch
vor wenigen Jahren hatten sie die Sache Jakob's muthig gegen einige von
Denen beschützt, welche sich jetzt an ihnen vorüberdrängten. Ormond
hatte sich bei den Hinopferungen der Katholiken nicht betheiligt,
Halifax hatte den Muth gehabt, Stafford für unschuldig zu erklären.
Während Diejenigen, welche den Mantel nach dem Winde hingen, einst
vorgaben, schon bei dem Gedanken an einen katholischen König sich zu
entsetzen, und unbarmherzig das unschuldige Blut eines katholischen
Peers vergossen, stießen sie jetzt einander zur Seite, um sich dem
katholischen Altar zu nähern. Wohl hatte der vollkommene Trimmer einiges
Recht, sich mit geheimem Stolze seines unpopulären Spottnamens zu
freuen.[45]
[Anmerkung 43: +Clarke's Life of James de Second, II. 5.+;
Barillon, 19. Febr. (1. März) 1685; +Evelyn's Diary, March 5.
1684--85.+]
[Anmerkung 44:
Und wird von ihm etwas begehrt
So schimpft und flucht er unerhört,
Als wärs ein Löffeldieb, der bei ihm eingekehrt.
+Lamentable Lory, a Ballad, 1684.+]
[Anmerkung 45: Barillon, April 20.(30.) 1685.]
[_Jakob's Krönung._] Eine Woche nach dieser Ceremonie brachte Jakob
seinen eigenen religiösen Vorurtheilen ein bedeutenderes Opfer, als er
jemals von einem seiner protestantischen Unterthanen beansprucht hatte.
Er wurde am 23. April, dem Tage des heiligen Schutzpatrons des Reiches
gekrönt. Die Abtei und die Halle waren prachtvoll geschmückt, und die
Anwesenheit der Königin, umgeben von den Damen der Peers, gab der
Festlichkeit einen Glanz, welcher bei der prachtvollen Inauguration des
vorigen Königs gefehlt hatte. Diejenigen aber, die sich derselben noch
erinnerten, meinten doch, daß der jetzigen Feierlichkeit etwas äußerst
Erhebliches mangle. Es war eine alte Sitte, daß der Souverain vor seiner
Krönung umgeben von den Herolden, Richtern, Geheimen Räthen, Lords und
Großwürdenträgern im glänzenden Zuge vom Tower nach Westminster ritt.
Die letzte und prachtvollste dieser Cavalcaden war die, welche sich
durch die Hauptstadt bewegte, als die durch die Restauration
hervorgerufenen Empfindungen noch in voller Kraft waren. Triumphbögen
überragten die Straßen, ganz Cornhill, Cheapside, der St. Paulskirchhof,
Fleet Street und der Strand waren mit Schaugerüsten umgeben, und die
ganze City eingeladen, das Königthum in der prachtvollsten und
feierlichsten Gestalt zu bewundern, in der es sich zeigen kann. Jakob
ließ die Kosten berechnen, welche eine solche Procession erfordern
würde, und da sich herausstellte, daß dieselben ungefähr die Hälfte der
Summe betragen würde, welche er zur Anschaffung von Schmuck für seine
Gemahlin bestimmt hatte, so faßte er den Entschluß, da verschwenderisch
zu sein, wo Sparsamkeit an ihrem Orte, und geizig, wo Verschwendung zu
entschuldigen gewesen wäre. Der Putz der Königin wurde mit
hunderttausend Pfund bezahlt, und der Festzug vom Tower unterblieb. Die
Thorheit dieses Verfahrens ist einleuchtend. Wenn Prunk im Staatsleben
von Vortheil ist, so kann er es nur als Mittel sein, um auf die
Phantasie der Menge einzuwirken. Es verräth einen hohen Grad von
Beschränktheit, das gemeine Volk von einem glänzenden Schauspiel
zurückzuweisen, dessen Zweck eben darin besteht, einen Eindruck auf den
großen Haufen zu machen. Jakob hätte eine weit vernünftigere
Freigebigkeit und weisere Sparsamkeit gezeigt, wenn er London mit der
gewohnten Pracht von Ost nach West durchzogen und die Staatskleider
seiner Gemahlin etwas weniger reich mit Perlen und Diamanten hätte
besetzen lassen. Seine Nachfolger ahmten übrigens sein Beispiel noch
lange Zeit nach, und Geldsummen, welche vernünftig angewendet einem
großen Theile des Volkes einen außerordentlichen Genuß verursacht haben
würden, verschwendete man zu Schaustellungen, welchen nur drei- bis
viertausend bevorzugte Personen beiwohnen durften. Schließlich trat der
altehrwürdige Gebrauch wieder ins Leben. An dem Tage, wo die Königin
Victoria gekrönt wurde, fand ein Festzug statt, bei welchem zwar nicht
wenig Mängel zu bemerken waren, der aber mit theilnehmender Freude von
einer halben Million ihrer Unterthanen betrachtet ward, und ohne Zweifel
weit größeres Vergnügen machte und höhere Begeisterung hervorrief, als
das kostbarere Schauspiel, dessen Zeuge ein auserwählter Kreis im Innern
der Abtei war.
Jakob hatte Sancroft den Auftrag ertheilt, das Ritual abzukürzen.
Öffentlich führte man als Ursache an, daß der Tag zur Durchführung alles
dessen, was zu thun sei, zu kurz wäre, aber wer die Abänderungen, welche
getroffen wurden, genauer prüft, wird finden, daß man die Beseitigung
einiger, die religiösen Gefühle eines Katholiken verletzenden Dinge
beabsichtigte. Der Dienst beim Abendmahl wurde nicht verlesen, die
Ceremonie, dem Souverain ein prachtvoll gebundenes Exemplar der
englischen Bibel zu überreichen, und ihn zu ermahnen, höher als alle
Reichthümer der Erde ein Buch zu schätzen, welches er, als von falschen
Lehren entstellt betrachten gelernt hatte -- kam in Wegfall. Was aber
alle diese Abkürzungen noch übrig ließen, hätte wohl in dem Herzen eines
Mannes, welcher überzeugt war, daß die englische Kirche eine ketzerische
Genossenschaft sei, in deren Schooße man auf keine Seligkeit zu hoffen
habe, Bedenklichkeiten erregen können. Der König legte ein Opfer auf dem
Altar nieder, schien in die Bitten der Litanei einzustimmen, welche die
Bischöfe absangen, erhielt von den falschen Propheten die eine göttliche
Ausgießung darstellende Salbung und sank mit dem Ausdruck der Demuth auf
die Knie, während sie den heiligen Geist auf ihn herabriefen, dessen
böse und hartnäckige Feinde sie nach seiner Meinung waren. So groß
zeigen sich die Widersprüche in der menschlichen Natur, daß dieser Mann,
der aus fanatischem Eifer für seinen Glauben drei Königreiche von sich
warf, lieber eine Handlung beging, die einer Apostasie sehr ähnlich sah,
als daß er das kindische Vergnügen entbehrte, mit dem symbolischen Tand
der königlichen Gewalt geschmückt zu werden.[46]
Franz Turner, Bischof von Ely, hielt die Predigt. Er gehörte zu jenen
Schriftstellern, welche noch immer den veralteten Styl des Erzbischofs
Williams und des Bischofs Andrews nachahmten. Die Predigt bestand aus
gezierten Künsteleien, wie sie siebzig Jahre früher Bewunderung
hervorgerufen haben würden, die aber den Spott einer Generation
erregten, welche an die reinere Beredtsamkeit eines Sprat, South und
Tillotson gewöhnt war. König Salomo war König Jakob, Adonia war
Monmouth. Joab war ein Roggenhaus-Verschwörer, Simei ein whiggistischer
Pasquillant, Ab Jathar ein redlicher, aber der Verführung erlegener
Kavalier. Eine Stelle in den Büchern der Chronik wurde dergestalt
interpretirt, daß der König über dem Parlament stehe, und eine andre als
Beweis citirt, daß blos der König das Recht habe, die Miliz zu
commandiren. Am Ende des Vortrags deutete der Prediger äußerst
schüchtern auf die neue und schwierige Situation hin, in der sich die
Kirche hinsichtlich des Souverains befand, und erinnerte seine Zuhörer,
daß Kaiser Constantius Chlorus, obgleich kein Christ, doch diejenigen
Christen hoch geachtet, welche ihrer Religion treu blieben, diejenigen
aber mit Verachtung behandelt habe, welche sein Wohlwollen durch Abfall
zu erwerben suchten. Nach dem Gottesdienste fand ein großes Banket in
der Halle statt, dem Banket folgte ein Feuerwerk, und dem Feuerwerke
eine Menge schlechte poetische Ergüsse.[47]
[Anmerkung 46: Aus Adda's Depesche vom 22. Jan. (1. Febr.) 1686
und aus den Worten des Paters d'Orleans (+Histoire des Revolutions
d'Angleterre liv. XI+) geht hervor, daß die strengen Katholiken
das Verfahren des Königs für unverantwortlich hielten.]
[Anmerkung 47: +London Gazette+; +Gazette de France+; +Clarke's
Life of James the Second, II. 10+; +History of the Coronation of
King James the Second and Queen Mary by Francis Sandford,
Lancaster Herald, fol. 1687+; +Evelyn's Diary, May 21. 1685.+
Depesche der holländischen Gesandten vom 10.(20.) April 1685;
+Burnet, I. 628+; +Eachard, III. 734+; +A Sermon, preached before
their Majesties King James the Second and Queen Mary at their
Coronation in Westminster Abbey, April 23. 1685 by Francis, Lord
Bishop of Ely and Lord Almoner.+ Ich habe einen italienischen
Bericht in der Hand gehabt, welcher in Modena veröffentlicht und
besonders wegen der Geschicklichkeit merkwürdig ist, womit der
Verfasser die Thatsache umgeht, daß die Gebete und Psalmen
englisch und die Bischöfe Ketzer waren.]
[_Enthusiastische Adressen der Tories._] Diesen Moment kann man als
denjenigen bezeichnen, wo die Begeisterung der Torypartei den
Culminationspunkt erreicht hatte. Seit dem Antritte seiner Regierung war
der neue König mit Adressen überschüttet worden, welche die tiefste
Verehrung für seine Person und sein Amt und den stärksten Abscheu gegen
die besiegten Whigs aussprachen. Die Magistratspersonen von Middlesex
dankten Gott, daß er die Anschläge jener Königsmörder und
Ausschließungsmänner zu Nichte gemacht, welche, nicht zufrieden, einen
vortrefflichen Fürsten gemordet zu haben, auch mit der Absicht
umgegangen seien, die Grundpfeiler der Monarchie umzustürzen. Die Stadt
Gloucester verdammte die blutgierigen Bösewichter, welche den Versuch
gewagt hätten, Se. Majestät um ihr Erbrecht zu bringen. Die Bürgerschaft
von Wigan versprach ihrem Herrscher, daß sie ihn gegen alle
verschwörungssüchtigen Ahitophels und rebellischen Absaloms vertheidigen
wollte. Die große Jury von Suffolk sprach die Hoffnung aus, daß das
Parlament alle Ausschließungsmänner in die Verbannung schicken werde.
Verschiedene Körperschaften verpflichteten sich, niemals Jemand in das
Parlament zu wählen, der seine Stimme für die Entziehung von Jakob's
Geburtsrecht gegeben habe. Selbst die Hauptstadt zeigte sich höchst
unterwürfig. Die Juristen und der Handelsstand wetteiferten zusammen in
der Dienstbeflissenheit. Die Collegien der Gerichtshöfe des gemeinen
Rechts und der Kanzlei übersandten bombastische Versicherungen der
Anhänglichkeit und Devotion, und die großen Handelsgesellschaften,
die Ostindische Compagnie, die Afrikanische, Türkische, Moskowitische,
Hudsonsbai-Compagnie, die Marylandkaufleute, die Jamaikakaufleute,
die abenteuernden Kaufleute, sie Alle erklärten, daß sie sich der
königlichen Verordnung, welche von ihnen die fernere Bezahlung des
Zolles beanspruchte, gern fügten. Bristol, die zweite Stadt Englands,
war das Echo von London, nirgends aber zeigte sich der Geist der
Loyalität bedeutender, als an den beiden Universitäten. Oxford
versicherte, daß es nimmer die religiösen Grundsätze aufgeben werde,
welche ihm die Verbindlichkeit auferlegten, dem König ohne jeden
Vorbehalt und jede Beschränkung Gehorsam zu leisten; Cambridge
mißbilligte in den heftigsten Ausdrücken die Eigenmächtigkeit und
Verrätherei jener unruhigen Männer, welche den böswilligen Versuch
gewagt hätten, den Gang der Thronfolge aus seiner alten Bahn zu
drängen.[48]
[Anmerkung 48: Siehe die London Gazette in den Monaten Februar,
März und April 1685.]
[_Die Wahlen._] Adressen, wie die angeführten, füllten lange Zeit die
Nummern der Londoner Zeitung, doch bewiesen die Tories nicht nur durch
Adressen ihren Eifer. Die Aufforderungen zur Wahl eines neuen Parlaments
waren erlassen worden und das Land durch die geräuschvolle Thätigkeit
der Wählenden in Aufregung versetzt. Noch nie hatte die Wahl unter
Verhältnissen stattgefunden, welche dem Hofe so günstig waren wie die
jetzigen. Hunderttausende, welche das papistische Complot zum Whiggismus
getrieben, waren durch das Ryehousecomplot wieder zum Toryismus
zurückgescheucht worden. In den Grafschaften konnte die Regierung auf
eine überwiegende Majorität der Gentlemen mit dreihundert Pfund und mehr
jährlichen Einkommens, so wie bei dem Klerus auf jedes Mitglied
desselben zählen. Jenen Burgflecken, einst die Festungen des Whiggismus,
hatte man kürzlich durch richterlichen Ausspruch ihre Freibriefe
entzogen, oder sie waren dem Urtheil durch freiwilliges Aufgeben
derselben zuvorgekommen. Sie waren jetzt in der Art umgestaltet, daß man
überzeugt sein konnte, sie würden bei der Wahl nur auf Männer
reflectiren, welche der Krone zugethan waren. Wo man den Stadtbewohnern
kein Vertrauen schenken konnte, wurde das Wahlrecht auf die benachbarten
Squires übertragen. In einigen kleinen Corporationen des Westens
bestanden die Wahlkörper hauptsächlich aus Hauptleuten und Leutnants der
Garde. Überall handelten die Wahlbeamten im Interesse des Hofes. Der
Lordlieutenant und seine Abgeordneten bildeten in jeder Grafschaft einen
mächtigen, thätigen und aufmerksamen Ausschuß, um die Freisassen zu
gewinnen und einzuschüchtern. Von tausend Kanzeln ertönten feierliche
Warnungen, für keinen Whigcandidaten zu stimmen, indem eine solche
Handlung vor Demjenigen zu verantworten sein werde, der die Obrigkeit
angeordnet und die Rebellion für eine eben so große Todsünde erklärt
habe, wie die Zauberei. Alle diese Vortheile benutzte die herrschende
Partei nicht nur aufs Äußerste, sondern trieb mit ihnen einen so
schamlosen Mißbrauch, daß ruhige und besonnene Männer, welche der
Monarchie in der Gefahr treu zur Seite gestanden und weder für
Republikaner, noch für Schismatiker eingenommen waren, erschraken und
aus solchem Beginnen das Herannahen schlimmer Zeiten weissagten.[49]
Die Whigs aber, obgleich sie die gerechte Vergeltung ihrer Irrthümer
erduldeten, obgleich sie besiegt, entmuthigt und zersprengt waren,
wichen nicht ohne Kampf. Noch immer waren sie eine bedeutende Anzahl,
namentlich aus den Handelsleuten und Handwerkern der Städte und den
Freisassen und Landleuten des flachen Landes bestehend. In einigen
Bezirken, wie in Dorsetshire und in Somersetshire bildeten sie die
Mehrzahl der Bevölkerung. Zwar konnten sie in den neuconstituirten
Burgflecken nichts ausrichten, aber in jeder Grafschaft, wo sich ihnen
irgend eine Aussicht bot, kämpften sie wie Verzweifelte. In
Bedfordshire, dessen letzter Vertreter der edle, tugendhafte Russel
gewesen war, siegten sie beim Händeaufheben, unterlagen aber bei der
Abstimmung.[50] In Essex hatten sie dreizehnhundert Stimmen gegen
achtzehnhundert.[51] Bei der Wahl für Northampton war der Pöbel in
seinem Hasse gegen den Candidaten des Hofes so heftig, daß Truppen auf
dem Marktplatze der Hauptstadt der Grafschaft aufgestellt wurden und
Befehl erhielten, scharf zu laden.[52] Die Geschichte des Wahlgefechts
um Buckinghamshire ist noch merkwürdiger. Der Candidat der Whigs, Thomas
Wharton, ältester Sohn von Lord Philipp Wharton, war ein durch
Gewandtheit und Kühnheit ausgezeichneter Mann, und bestimmt, eine
hervorragende, wenn auch nicht immer achtungswerthe Rolle in der Politik
verschiedener Regierungen zu spielen. Er gehörte zu den Mitgliedern des
Hauses der Gemeinen, welche damals die Ausschließungsbill vor die
Schranke des Hauses der Lords gebracht hatten. Der Hof bemühte sich
daher, ihn durch redliche oder unredliche Mittel zu beseitigen. Der Lord
Oberrichter Jeffreys verfügte sich selbst nach Buckinghamshire, um einem
Gentleman, mit Namen Hacket, beizustehen, welcher zu den Hochtories
gehörte. Es wurde eine Kriegslist ersonnen, von der man erwartete, daß
sie nicht mißglücken könne. Man verbreitete das Gerücht, die Wahl solle
zu Ailesbury vor sich gehen, und Wharton, der eine ungemeine
Geschicklichkeit in der Anwendung von Wahlkünsten besaß, entwarf auf
diese Voraussetzung hin seinen Plan; im letzten Augenblicke jedoch
verlegte der Sheriff die Wahlhandlung nach Newport Pagnell. Wharton
verfügte sich mit seinen Freunden schleunigst dorthin, fand aber,
daß Hacket, dem das Geheimniß bekannt war, dort alle Gasthäuser und
sonstigen Herbergen in Beschlag genommen hatte. Die whiggistischen
Freisassen sahen sich gezwungen, ihre Pferde an die Hecken zu binden und
auf den Wiesen, welche die kleine Stadt umgaben, zu übernachten. Es
machte außerordentliche Mühe, in so kurzer Zeit für eine so große Anzahl
von Menschen und Thieren die nothwendigen Nahrungsmittel
herbeizuschaffen, obgleich Wharton, der im Interesse seines Ehrgeizes
und Parteigeistes kein Geld schonte, an einem Tage fünfzehnhundert Pfund
ausgab, in damaliger Zeit eine sehr bedeutende Summe. Diese
Ungerechtigkeit mag übrigens auf den Muth der munteren Freisassen von
Bucks, der Söhne der Wähler John Hampden's, günstig eingewirkt haben,
denn Wharton erhielt nicht allein die meisten Stimmen, sondern er konnte
auch seine übrigen Stimmen auf einen Mann von gemäßigteren Ansichten
übertragen, wodurch der Candidat des Oberrichters durchfiel.[53]
In Cheshire währte der Kampf sechs Tage. Die Whigs hatten ungefähr
siebzehnhundert Stimmen, die Tories etwa zweitausend. Das niedere Volk
stand entschieden auf Seiten der Whigs, schrie: »Nieder mit den
Bischöfen!« beleidigte die Geistlichen auf den Straßen von Cheshire,
schlug einen Gentleman von den Tories zu Boden, zertrümmerte die Fenster
und prügelte die Constabler. Man rief die Miliz unter die Waffen, um dem
Tumult ein Ende zu machen, und ließ sie beisammen, um die Festlichkeiten
der siegreichen Partei zu schützen. Als die Abstimmung vorüber war,
verkündete eine Salve aus fünf schweren Geschützen vom Schlosse der
umliegenden Gegend den Sieg der Kirche und der Krone, die Glocken
ertönten und die neugewählten Abgeordneten zogen feierlich, begleitet
von einem Musikcorps und einem langen Zuge von Rittern und Squires zu
dem Stadtkreuz, Auf ihrem Wege sang die Prozession »Heil dem großen
Cäsar«, eine loyale Ode, die Durfey kürzlich gedichtet und die, wie alle
literarischen Erzeugnisse desselben, zwar sehr jämmerlich, aber trotzdem
damals nicht weniger beliebt war, als einige Jahre später das
Lillibullero.[54] Die Milizen standen in Parade um das Kreuz, ein
Freudenfeuer loderte empor, die Ausschließungsbill ward verbrannt und
unter lautem Jubelgeschrei auf das Wohl König Jakob's getrunken. Am
folgenden Tage, einem Sonntage, bildete am frühen Morgen die Miliz auf
den Straßen, welche nach der Kathedrale führten, ein Spalier. Die beiden
Abgeordneten der Grafschaft wurden von den Magistratspersonen der Stadt
mit großem Pomp nach dem Chor geführt, hörten eine Predigt des Dechanten
-- vermuthlich über die Pflicht des passiven Gehorsams -- mit an, und
wurden sodann von dem Mayor zu einem feierlichen Mahle gezogen.[55]
In Northumberland war der Sieg Sir Johann Fenwick's, eines Hofmanns,
dessen Name später eine traurige Berühmtheit erlangte, von Umständen
begleitet, welche in London Aufsehen erregten und für wichtig genug
gehalten wurden, in den Depeschen fremder Minister erwähnt zu werden.
Newcastle war durch brennende Holzstöße erleuchtet und von den Thürmen
schallte das fröhliche Geläute der Glocken. Eine Copie der
Ausschließungsbill und ein schwarzes Kästchen, ähnlich demjenigen,
welches nach der Volkssage den Heirathsvertrag zwischen Karl II.
und Lucie Walters umschließen sollte, wurde öffentlich unter lautem
Jubelrufe in die Flammen geworfen.[56]
Das allgemeine Resultat der Wahlen übertraf die kühnsten Erwartungen des
Hofes. Voller Freude entdeckte Jakob, daß es nicht nothwendig sei, auch
nur einen Heller zur Erkaufung von Stimmen zu zahlen; er sagte,
mit Ausnahme von etwa vierzig Personen wäre das Haus genau so
zusammengesetzt, wie er selbst es gewählt haben würde,[57] und nach
damaligem Gesetze stand es völlig in seiner Macht, dieses Haus der
Gemeinen für die ganze Dauer seiner Regierung zu behalten.
Des parlamentarischen Beistandes gewiß konnte er nun daran denken, sich
dem Rachegefühl hinzugeben. Er war nicht versöhnlicher Natur, und als er
noch Unterthan war, hatte er verschiedene Male Beleidigungen und
Beschimpfungen erduldet, welche selbst ein zur Versöhnung geneigtes
Gemüth zu heftiger und nachhaltiger Rachsucht aufregen konnten.
Namentlich hatte _eine_ Klasse von Menschen mit beispielloser und
unbeschreiblicher Niederträchtigkeit und Grausamkeit seine Ehre und sein
Leben bedroht: die Zeugen des Complots. Es war zu verzeihen, wenn er Haß
gegen sie fühlte, da noch heute die Erwähnung ihrer Namen den Abscheu
und das Grausen aller Secten und Parteien hervorruft.
Einige dieser Elenden waren bereits dem Arme menschlicher Gerechtigkeit
entrückt. Bedloe war in seiner Verruchtheit gestorben, ohne jedes
Zeichen von Reue oder Scham.[58] Auch Dugdale war ins Grab gesunken, zum
Wahnsinn getrieben, wie man sagte, durch die Qualen des bösen Gewissens,
und mit Jammergeschrei die Umstehenden anflehend, Lord Stafford von
seinem Sterbelager zu entfernen.[59] Auch Carstairs war gestorben. Er
endete mit Grauen und Verzweiflung, und in den letzten Augenblicken
seines Lebens hatte er den Wärtern geboten, man solle ihn, wie einen
Hund, in einen Graben werfen, denn er verdiene kein Grab auf einem
christlichen Friedhofe.[60]
[Anmerkung 49: Es ließe sich leicht ein Band füllen mit dem, was
Geschichtschreiber und Verfasser von Flugschriften über diesen
Gegenstand gesagt haben. Ich will nur einen Zeugen nennen, einen
Kirchenmann und Tory. Von den Wahlen, sagt Evelyn, behaupte man,
daß sie in den meisten Orten höchst unschicklich vor sich gingen.
Gott gebe einen bessern Erfolg, als Manche erwarten (10. Mai
1685). Dann sagt er: »Es ist die Wahrheit, daß unter den neuen
Mitgliedern sich viele befinden, deren Wahlen und Abordnungen
allgemein verdammt werden.« (22. Mai.)]
[Anmerkung 50: Aus einem Neuigkeitsbriefe in der Bibliothek des
königlichen Instituts. Citters erwähnt die Stärke der Whigpartei
in Bedfordshire.]
[Anmerkung 51: +Bramston's Memoirs.+]
[Anmerkung 52: +Reflexions on a Remonstrance and Protestation of
all the good Protestants of this Kingdom, 1689+; +Dialogue between
Two Friends 1689.+]
[Anmerkung 53: +Memoirs of the Life of Thomas Marquess of Wharton,
1715.+]
[Anmerkung 54: Man sehe den Guardian Nr. 67, ein treffliches
Probestück von Addison's eigenthümlicher Manier. Es würde nicht
leicht sein, bei einem andren Schriftsteller einen solchen Beweis
von Wohlwollen, mit Spott gewürzt, aufzufinden.]
[Anmerkung 55: +The Observator, April 4. 1685.+]
[Anmerkung 56: Depesche des holländischen Gesandten v. 10.(20.)
April 1685.]
[Anmerkung 57: +Burnet I. 626.+]
[Anmerkung 58: +A faithful account of the Sickness, Death and
Burial of Captain Bedlow, 1680+; +Narrative of Lord Chief Justice
North.+]
[Anmerkung 59: +Smith's Intrigues of the Popish Plot, 1685.+]
[Anmerkung 60: +Burnet I. 439.+]
[_Prozeß gegen Oates._] Oates und Dangerfield aber befanden sich noch im
Bereiche des strengen Fürsten, den sie beleidigt hatten. Kurz vor seinem
Regierungsantritte hatte Jakob eine Civilklage gegen Oates wegen
ehrverletzender Äußerungen erhoben und eine Jury hatte den Schadenersatz
auf den ungeheuren Betrag von hunderttausend Pfund festgestellt. Der
Beklagte war in Arrest genommen worden und befand sich jetzt ohne
Hoffnung auf Befreiung im Gefängniß. Einige Wochen vor Karl's Tode hatte
die große Jury von Middlesex ihn zweimal des Meineides schuldig
befunden, und bald nach dem Schlusse der Wahlen nahm der Prozeß seinen
Anfang.[61]
Oates war unter den höheren und mittleren Klassen kaum ein Freund
geblieben. Alle einsichtsvolleren Whigs hatten jetzt die Überzeugung,
daß, wenn auch seiner Erzählung einige Thatsachen zu Grunde lägen, er
doch auf diese Grundlage ein großes Gebäude romantischer Darstellungen
errichtet habe. Eine nicht unbedeutende Anzahl von Fanatikern aus der
niederen Volksklasse sahen in ihm jedoch noch immer einen öffentlichen
Wohlthäter. Diesen Leuten war es nicht unbekannt, daß sein Urtheil ein
höchst strenges sein würde, wenn es gelang, ihm seine Schuld zu
beweisen, und sie waren daher unermüdlich in ihren Versuchen, ihm zur
Flucht zu verhelfen. Obgleich er sich jetzt nur in Schuldhaft befand,
wurde er doch von den Beamten des Gefangenhauses in Eisen gelegt und
selbst auf diese Art nur mit großer Mühe in sicherem Gewahrsam erhalten.
Ein Bullenbeißer, welcher als Wächter vor seiner Thür lag, wurde
vergiftet und in der Nacht vor dem Beginn seines Prozesses eine
Strickleiter in seine Zelle gebracht.
An dem Tage, wo er vor Gericht gestellt wurde, war Westminsterhall
überfüllt von Zuschauern, worunter viele Katholiken, die begierig waren,
das Elend und die Erniedrigung ihres Verfolgers zu betrachten.[62] Vor
wenigen Jahren war sein kurzer Hals, seine krummen Dachsbeine, seine
Stirn, so zusammengedrückt wie die eines Pavians, seine dunkelrothen
Wangen und die seltsame Länge seines Kinnes Allen wohlbekannt, welche
die Gerichtshöfe betraten; damals war er der Abgott des Volkes, wo er
sich zeigte, hatte man vor ihm das Haupt entblößt, das Leben und die
Güter der ersten Männer des Reichs waren seiner Willkür preisgegeben;
jetzt war es anders geworden, und Viele, die früher in ihm den Befreier
des Vaterlandes erblickten, erfaßte jetzt ein Grausen, als sie die
scheußlichen Züge erblickten, auf welche die Hand Gottes den Stempel der
Schurkerei gedruckt zu haben schien.[63]
Es war bis zur größten Gewißheit erwiesen, daß dieser Mann durch falsche
Beschuldigungen mit Absicht mehrere unschuldige Personen um's Leben
gebracht hatte. Vergeblich bat er die bedeutendsten Mitglieder des
Parlaments, welche ihn belohnt und erhoben hatten, zu seinem Gunsten
Zeugniß abzulegen, einige von den Aufgeforderten verließen den Saal,
keiner aber machte den geringsten Versuch zu seiner Vertheidigung.
Einer, der Earl von Huntingdon, machte ihm die heftigsten Vorwürfe, daß
er die Häuser betrogen und die Schuld auf sie geladen habe, unschuldiges
Blut zu vergießen. Die Richter ließen den Angeklagten hart an und
schmähten ihn mit einer Leidenschaftlichkeit, welche selbst in den
scheußlichsten Fällen mit der richterlichen Würde sich nicht verträgt.
Er zeigte jedoch weder Furcht noch Scham und ertrug die Fluth von
Schmähungen, welche von den Schranken, der Richterbank und Zeugenloge
auf ihn losbrach, mit dem Trotze der Verzweiflung. Er wurde beider
Anklagen schuldig befunden. Sein Verbrechen war zwar, vom moralischen
Standpunkte angesehen, Mord der schwersten Art, nach dem Gesetz jedoch
noch kein peinliches Verbrechen. Es lag aber in der Absicht des
Tribunals, seine Strafe empfindlicher zu machen, als sie Verbrechern der
ersten und zweiten Klasse zu Theil wurde, und ihm nicht blos das Leben
zu rauben, sondern ihn auch unter entsetzlichen Qualen zu tödten. Es
wurde das Urtheil über ihn ausgesprochen, er solle, seiner geistlichen
Tracht entkleidet, im Palasthofe an den Pranger gestellt werden, alsdann
sollte man ihn -- mit einer Inschrift, welche seine Schandthaten
aussprach, über seinem Haupte -- um Westminsterhall führen, der
königlichen Börse gegenüber wieder an den Pranger stellen und alsdann
von Oldgate nach Newgate peitschen. Nach einer Pause von zwei Tagen
sollte er wieder von Newgate nach Tyburn gepeitscht werden. Wenn er
gegen alle Wahrscheinlichkeit nach dieser entsetzlichen Strafe noch
lebte, so sollte er lebenslänglich -- in enger Kerkerhaft bleiben, in
jedem Jahre aber fünfmal aus dem Gefängniß gebracht und in verschiedenen
Theilen der Hauptstadt an den Schandpfahl gestellt werden.[64]
Das schreckliche Urtheil wurde streng vollstreckt. An dem Tage, wo Oates
am Pranger stand, wurde er unbarmherzig gesteinigt und war in größter
Gefahr, zerrissen zu werden.[65] In der City erregten zwar seine
Anhänger, die sich in bedeutender Anzahl versammelt hatten, einen Tumult
und warfen den Pranger um; aber es gelang ihnen nicht, ihren Liebling zu
befreien.[66]
Man besorgte, er würde einen Versuch machen, dem schrecklichen
Schicksale, welches seiner harrte, sich durch Gift zu entziehen, deshalb
wurde Alles, was er genoß, einer sorgfältigen Prüfung unterworfen. Am
nächsten Morgen wurde er vorgeführt, um die erste Auspeitschung zu
empfangen, und schon in der frühesten Stunde wogten die Menschenmassen
in den Straßen zwischen Oldgate und der Old Bailey. Der Henker führte
die Peitsche mit solcher Erbarmungslosigkeit, daß man wohl sah, er habe
ganz besondere Befehle erhalten. Das Blut strömte an dem Verbrecher
herab. Eine Zeit lang zeigte er eine außerordentliche Standhaftigkeit,
bis endlich seine hartnäckige Ausdauer erlag. Sein Geheul war
fürchterlich, er fiel mehrere Male in Ohnmacht, aber die Peitsche hörte
nicht auf, ihn zu zerfleischen. Als er losgebunden wurde, schien er das
Äußerste ertragen zu haben, was ein menschlicher Körper bis zur
Auflösung auszuhalten vermag. Jakob wurde gebeten, die zweite
Auspeitschung zu unterlassen, aber seine Antwort war kurz und bündig:
»Man soll damit fortfahren, so lange er noch Athem im Leibe hat!« Ein
Versuch, die Verwendung der Königin für den Unglücklichen zu erlangen,
mißglückte gleichfalls, indem sie sich entrüstet weigerte, ein Wort zu
Gunsten eines solchen Elenden zu verlieren. Nach einer Pause von
achtundvierzig Stunden wurde Oates wiederum aus dem Gefängniß
herbeigeholt. Er war nicht mehr fähig, sich auf den Füßen zu erhalten,
so daß es nöthig wurde, ihn auf einer Schleife nach Tyburn zu schleppen.
Wie es schien, hatte er nicht die geringste Empfindung, und die Tories
versicherten, daß er sich durch den Genuß starker Getränke betäubt habe.
Eine Person, welche die Schläge, welche er am zweiten Tage empfing,
gezählt hat, versicherte, daß er deren siebzehnhundert erhalten. Der
elende Mensch kam mit dem Leben davon, jedoch mit so genauer Noth, daß
seine beschränkten und bigotten Anhänger seine Genesung für ein Wunder
hielten und dieselbe als einen Beweis seiner Schuldlosigkeit anführten.
Die Thür des Gefängnisses fiel hinter ihm ins Schloß und viele Monate
lang lag er gefesselt in dem finstersten Kerker von Newgate. Man
versicherte, daß er in seiner Zelle gänzlich der Schwermuth anheimfiel
und, tiefe Seufzer ausstoßend, die Arme verschlungen und den Hut über
die Augen gezogen, Tage lang vor sich hinbrütete. Nicht blos England
nahm an diesen Ereignissen regen Antheil. Millionen Katholiken, welche
weder von unseren Institutionen, noch unseren Parteien etwas wußten,
hatten erfahren, daß auf unsrer Insel die Bekenner des wahren Glaubens
einer unmenschlichen Verfolgung ausgesetzt gewesen wären, daß viele
fromme Männer den Märtyrertod erlitten und Titus Oates das Haupt der
Mörderbande gewesen sei; daher entstand großer Jubel in fernen Landen,
als man erfuhr, daß Gottes Gericht ihn getroffen habe. Kupferstiche,
welche ihn am Schandpfahl und auf der Schleife sich windend darstellten,
verbreiteten sich über das ganze Europa und Epigrammenschreiber machten
in allen Sprachen ihre Witze über den Doctortitel, welchen er von der
Universität zu Salamanca erlangt haben wollte, und bemerkten, da seine
Stirn nicht mehr des Erröthens fähig sei, so wäre es ganz in der
Ordnung, daß sein Rücken dazu gebracht werde.[67]
Obgleich die Leiden des Oates entsetzlich waren, so standen sie doch zu
seinen Verbrechen in keinem Verhältniß. Das alte englische Gesetz,
welches außer Gebrauch gekommen war, behandelte den falschen Zeugen, der
durch seinen Meineid den Tod eines Menschen verursachte, als Mörder.[68]
Es verrieth das eben so viel Weisheit wie Gerechtigkeit, denn ein
solcher Zeuge ist in der That ein höchst gefährlicher Mörder. Mit dem
Verbrechen, unschuldiges Blut zu vergießen, vereinigt er die schwere
Schuld, die heiligste Verpflichtung zu verletzen, welche der Mensch
seinem Mitmenschen gegenüber eingehen kann, und Gerichtsstellen, auf die
das Volk nothwendig mit Ehrerbietung und Vertrauen blicken muß, zu
Werkzeugen abscheulichen Unrechts und Gegenständen des allgemeinen
Mißtrauens zu machen. Das Unglück, welches durch einen gewöhnlichen
Meuchelmord herbeigeführt wird, steht in keinem Verhältniß zu dem
Unglück, welches ein Meuchelmord erzeugt, bei dessen Ausübung die
Gerichtshöfe als Helfershelfer mitgewirkt haben. Die bloße Vernichtung
des Menschenlebens ist der unbedeutendste Theil von dem, was eine
Hinrichtung entsetzlich macht. Die verlängerte Seelenangst des
Delinquenten, die Schande und das Unglück seiner Angehörigen, die bis
zur dritten und vierten Generation nachwirkende Schmach, das sind viel
schrecklichere Dinge, als der Tod selbst. Man kann mit Gewißheit
annehmen, daß der Vater einer zahlreichen Familie lieber alle seine
Kinder durch ein böses Geschick oder Krankheit verlieren würde, als ein
einziges durch die Hand des Henkers. Mord, durch falsches Zeugniß
herbeigeführt, ist daher die schwerste Art des Mordes, und Oates hatte
sich vieler solcher Morde schuldig gemacht; dennoch läßt sich die
Strafe, mit welcher er belegt wurde, nicht rechtfertigen. Indem ihn die
Richter verurtheilten, das geistliche Gewand abzulegen und auf
Lebenszeit im Kerker zu schmachten, scheinen sie über ihre gesetzliche
Berechtigung hinausgegangen zu sein. Sie waren ohne Zweifel befugt, ihn
zur Auspeitschung zu verurtheilen, auch hatte das Gesetz die Anzahl der
Hiebe nicht bestimmt; vollkommen verständlich war aber der Geist des
Gesetzes, daß kein peinliches _Vergehen_ strenger bestraft werden
dürfte, als ein scheußliches Verbrechen. Der schwerste Verbrecher konnte
blos zum Galgen verurtheilt werden, die Richter jedoch verurtheilten den
Oates -- wie sie wenigstens glaubten -- zum Tode durch die Peitsche.
Die Mangelhaftigkeit des Gesetzes bietet keine genügende Entschuldigung,
denn mangelhafte Gesetze müssen durch die gesetzgebende Gewalt geändert
und nicht von den Gerichtshöfen ausgedehnt werden, am wenigsten aber
sollte man ein Gesetz mißbrauchen, um Qualen zu verursachen und Leben zu
vernichten. Daß Oates ein Schurke war, entschuldigt nicht ausreichend,
denn in der Regel erdulden zuerst die Schuldigen solche Unbilden, welche
man nachher als Vorgänge benutzt, um die Unschuldigen zu unterdrücken.
So war es in diesem Falle. Die unbarmherzige Anwendung der Peitsche
wurde sehr bald eine Strafe für unbedeutende politische Vergehen. Man
verurtheilte wegen unüberlegter Äußerungen gegen die Regierung Menschen
zu solchen Martern, daß sie in vollem Ernste baten, man möchte sie
lieber eines Capitalverbrechens anklagen und an den Galgen schicken.
Glücklicherweise wurde diesem großen Übel sehr bald durch die Revolution
und durch den Artikel der »Bill der Rechte«, welche alle grausamen und
ungewöhnlichen Strafen verwirft, eine Ende gemacht.
[Anmerkung 61: Man sehe die Verhandlungen in der +Collection of
State Trials.+]
[Anmerkung 62: +Evelyn's Diary, May 7, 1685.+]
[Anmerkung 63: Es giebt noch verschiedene Portraits von Oates. Die
richtigsten Schilderungen seiner Person finden sich in +North's
Examen, 225+; in +Dryden's Absalom and Achitophel+ und in einem
Folioblatt unter dem Titel: +A Hue and Cry after T. O.+]
[Anmerkung 64: Die Verhandlungen sind ausführlich in der Sammlung
der Staatsprozesse zu finden.]
[Anmerkung 65: +Gazette de France, May 29. (Juni 9.) 1685.+]
[Anmerkung 66: Depesche des holländischen Gesandten, 19.(29.) Mai
1685.]
[Anmerkung 67: +Evelyn's Diary, May 22. 1685+; +Eachard III. 741+;
+Burnet, I. 637+; +Observator, May 27. 1685+; +Oates's #Eikôn
brotoloigou#, 1697+; +Commons' Journals, May, June and July, 1689+;
+Tom Brown's Advice to Dr. Oates.+ Einige interessante Umstände
werden auf einem Foliobogen im Verlag von A. Brooks, Charing Croß,
1685, erwähnt. Ebenso habe ich damals erschienene französische und
italienische Flugschriften gesehen, welche die Geschichte des
Prozesses und der Strafvollstreckung enthielten. Ein Kupferstich,
worauf Titus am Pranger abgebildet ist, erschien zu Mailand mit
folgender wunderlicher Inschrift: +Questo e il naturale ritratto
di Tito Otez o vero Oatz, Inglese, posto in berlina, uno de,
principali professori della religione protestante acerrimo
persecutore de Cattolici e gran spergiuro.+ Ebenso ist mir ein
holländischer Kupferstich mit seiner Bestrafung vorgekommen,
worauf einige lateinische Verse stehen, von denen ich hier eine
Probe gebe:
+»At Doctor Fictus non Fictos pertulit ictus,
A tortore datos haud molli in corpore gratos,
Disceret ut vere scelera ob commissa rubere.«+
Das Anagram seines Namens: +»Testis Ovat«+ ist auf vielen in den
verschiedenen Ländern erschienenen Stichen zu finden.]
[Anmerkung 68: +Blackstone's Commentaries, Chapter of Homicide.+]
[_Prozeß gegen Dangerfield._] Die Schurkerei des Dangerfield hatte nicht
wie die des Oates viele unschuldige Opfer vernichtet, indem Dangerfield
das Geschäft eines falschen Zeugen erst zu betreiben anfing, als das
Complot bereits seine Wichtigkeit verloren und die Geschwornen ungläubig
geworden waren.[69] Man stellte ihn nicht wegen Meineids, sondern wegen
des geringern Vergehens, eine Schmähschrift verfaßt zu haben, vor
Gericht. Während der Aufregung, welche die Ausschließungsbill
hervorrief, hatte er eine Erzählung in Umlauf gebracht, worin einige
unwahre und heimtückische Beschuldigungen gegen den vorigen und den
jetzigen König enthalten waren; in Folge dieser Veröffentlichung wurde
er jetzt, nach Ablauf von fünf Jahren, plötzlich verhaftet, vor den
Geheimen Rath gebracht, verhört, für schuldig erklärt und verurtheilt,
von Oldgate nach Newgate und von da nach Tyburn gepeitscht zu werden.
Der Unglückliche behauptete während der Verhandlungen eine große
Keckheit, als ihm aber sein Urtheil bekannt gemacht wurde, erfaßte ihn
die äußerste Verzweiflung, er betrachtete sein Leben als verloren und
wählte einen Text zu seiner Leichenpredigt. Er hatte richtig geahnet.
Wenn er auch nicht so ganz unmenschlich gepeitscht wurde wie Oates,
so besaß er auch nicht dessen körperliche und geistige Kraft. Nach
erlittener Strafe wurde Dangerfield in eine Miethkutsche gebracht und
nach dem Gefängniß zurücktransportirt. Als er an der Ecke von Hatton
Garden vorüberkam, hielt ein Tory von Gray's Inn, mit Namen Francis, den
Wagen an und rief mit brutaler Übermüthigkeit: »Nun Freund, ist es Euch
diesen Morgen nicht warm geworden?« Der blutbedeckte Gefangene, durch
diesen Hohn zur Wuth gebracht, antwortete mit einem Fluche; da schlug
ihn Francis sofort mit einem Rohrstocke über das Gesicht und verletzte
ihm das Auge. Dangerfield wurde mit dem Tode ringend nach Newgate
gebracht. Diese schändliche Gewaltthätigkeit empörte die Umstehenden
dermaßen, daß sie Francis ergriffen und nur mit größter Mühe
zurückgehalten wurden, ihn in Stücken zu reißen. Der Anblick von
Dangerfield's Körper, den die Peitsche entsetzlich zerfleischt hatte,
ließ Viele glauben, daß sein Tod vorzüglich, wenn auch nicht allein
durch die Peitschenhiebe verursacht worden sei; die Regierung aber und
der Oberrichter hielten es für gut, die ganze Schuld auf Francis zu
laden, dem man, obgleich er im schlimmsten Falle nur eines Todtschlags
unter erschwerenden Umständen schuldig gewesen zu sein scheint, wegen
Mordes den Prozeß machte und ihn hinrichten ließ. Seine letzte Rede ist
ein höchst merkwürdiges Denkmal der Sitten jener Zeit. Der wilde Geist,
der ihn an den Galgen brachte, blieb ihm bis zum letzten Augenblick.
Prahlerische Versicherungen seiner Loyalität und Schimpfreden auf die
Whigs wechselten ab mit Abschiedsseufzern, womit er seine Seele der
Gnade des Himmels empfahl. Es circulirte ein Gerücht, daß Dangerfield,
der ein schöner Mann war und im Rufe der Galanterie stand, von Francis'
Weibe geliebt worden sei, und man behauptete, die Eifersucht habe den
verhängnißvollen Schlag geführt. Der dem Tode geweihte Ehemann nahm mit
einem halb komischen, halb rührenden Eifer die Ehre seiner Gattin in
Schutz. »Sie ist ein tugendhaftes Weib aus einem loyalen Geschlecht«,
sagte er, »und wenn sie die Absicht gehabt hätte, ihr eheliches Gelübde
zu brechen, so würde sie wenigstens einen Tory und Anhänger der
Landeskirche zu ihrem Geliebten gewählt haben.«[70]
[Anmerkung 69: Nach Roger North entschieden die Richter, daß
Dangerfield, der früher des Meineids überführt wurden, der
Zeugenschaft in der Verschwörungsgeschichte unfähig sei. Das ist
aber eines der vielen Beispiele von Roger's Ungenauigkeit. Aus
einem Berichte über den Prozeß des Lord Castlemaine im Juli 1680
geht hervor, daß nach vielen Debatten unter den Sachwaltern und
langer Berathung unter den Richtern der verschiedenen Gerichtshöfe
in Westminsterhall Dangerfield vereidet wurde und seine Erzählung
vortragen durfte; die Jury aber schenkte ihm vernünftiger Weise
keinen Glauben.]
[Anmerkung 70: Über Dangerfield's Prozeß fehlen die offiziellen
Nachrichten, ich habe aber einen gedrängten Bericht darüber in
einer gleichzeitigen Flugschrift gefunden. Ein Auszug des Beweises
gegen Francis, so wie seine letzte Rede, befindet sich in der
+Collection of State Trials+. Man sehe +Eachard III. 741+.
Burnet's Erzählung enthält mehr Fehler als Zeilen. Auch sehe man
+North's Examen+, 256, den Abriß von Dangerfield's Leben in den
+Bloody Assizes+, den Observator vom 29. Juli 1685, und das
Gedicht mit der Überschrift: +Dangerfields Ghost to Jeffreys+.
In dem sehr seltenen Band, betitelt: +»Succinet Genealogies, by
Robert Halstead«+, erklärt Lord Peterborough, daß Dangerfield,
mit dem er einigen Umgang hatte, ein junger Mann war, dessen
anständiges Äußere, ernste Haltung und Rede mehr als gewöhnliche
Bildung verriethen.]
[_Prozeß gegen Baxter._] Zu derselben Zeit betrat ein Angeklagter ganz
andrer Art wie Oates und Dangerfield den Gerichtssaal der Kings Bench.
Kein hervorragender Parteiführer ist jemals durch lange Jahre
bürgerlicher und religiöser Unruhen schuldloser geblieben, als Richard
Baxter. Er gehörte der mildesten und gemäßigtsten Klasse der Puritaner
an und war noch ein junger Mann, als die Revolution ausbrach. Überzeugt,
daß das Recht auf Seiten der Häuser sich befinde, übernahm er
unbedenklich die Stelle eines Kaplans bei einem Regimente der
Parlamentsarmee, und sein heller und etwas skeptischer Verstand, sowie
sein starker Sinn für Gerechtigkeit schützten ihn vor allen Übergriffen.
Er ließ es sich angelegen sein, die fanatische Wildheit der Soldaten zu
zügeln, und mißbilligte die gewaltthätigen Handlungen des hohen
Gerichtshofs. Während der Republik war er verwegen genug, bei vielen
Gelegenheiten, und sogar einmal in Cromwell's Anwesenheit, Liebe und
Ehreehrbietung für die alten Staatseinrichtungen des Vaterlandes
auszusprechen. Während die königliche Familie in der Verbannung lebte,
hielt sich Baxter meistentheils zu Kidderminster auf und lag mit großem
Eifer seinen geistlichen Pflichten ob. Er betheiligte sich aufs
Angelegentlichste bei der Restauration und wünschte von ganzem Herzen
eine Einigung, zwischen den Episcopalen und den Presbyterianern
herbeizuführen. Mit einer, für die damalige Zeit seltenen Unbefangenheit
betrachtete er die Fragen über die kirchliche Verfassung als von
geringerer Bedeutung, als die großen Prinzipien des Christenthums, und
hatte selbst damals, als das Prälatenthum von den dominirenden Gewalten
am meisten gehaßt war, nicht in das Geschrei gegen die Bischöfe
eingestimmt. Der Versuch, die feindlichen Parteien zu versöhnen,
mißglückte. Baxter theilte freiwillig sein Schicksal mit dem seiner
verbannten Freunde, wies den Bischofshut von Hereford zurück, entsagte
der Pfarrei zu Kidderminster und beschäftigte sich nur mit seinen
Studien. Seine theologischen Werke, obgleich zu gemäßigt, um den
bigotten Anhängern einer der beiden Parteien zu gefallen, hatten einen
großen Ruf. Eifernde Männer der Hochkirche nannten ihn einen Rundkopf,
und viele Nichtconformisten schimpften ihn einen Erastinianer und
Arminianer. Sein redliches Herz aber, so wie die Unbescholtenheit seines
Lebens, die Stärke seiner Fähigkeiten und seine bedeutenden Kenntnisse
erkannten die rechtlichsten und weisesten Männer jeder Glaubensrichtung
an. Trotz der Unterdrückung, welche ihm und seinen Brüdern zu Theil
geworden, hatten seine politischen Meinungen die Grenzen der Mäßigung
nie überschritten. Er war ein Freund der kleinen Partei, welche die
Whigs und die Tories haßten, und versicherte, nicht in die Verdammung
der Trimmer einstimmen zu können, wenn er daran dächte, wer es gewesen
sei, der die Friedensstifter gesegnet habe.[71]
In einem Commentar zum neuen Testamente hatte er mit einiger Bitterkeit
über die Verfolgung geklagt, der die Dissenters ausgesetzt waren. Daß
Männer, die, weil sie das Gebetbuch nicht benutzten, aus ihren Häusern
vertrieben, ihres Eigenthums beraubt und in das Gefängniß gebracht
wurden, es wagten, ihre Unzufriedenheit darüber kundzugeben, wurde
damals als ein schweres Verbrechen gegen Staat und Kirche betrachtet.
Roger Lestrange, der Kämpfer für die Regierung und das Orakel der
Geistlichkeit, erhob im Observator den Kriegsruf, und es wurde eine
Anklage geschmiedet. Baxter bat um eine Frist, seine Vertheidigung
vorzubereiten. An demselben Tage, wo Oates im Palasthofe am Pranger
stand, kam das berühmte Haupt der Puritaner, niedergedrückt von Alter
und Kränklichkeit, nach Westminsterhall, um dieses Gesuch vorzutragen.
Jeffreys schäumte vor Wuth. »Nicht eine Minute«, brüllte er, »und
kostete es mein Leben. Ich werde mit Heiligen ebenso gut fertig, wie mit
Sündern. Dort steht Oates auf einer Seite des Prangers, wenn Baxter auf
der andren stände, so würden die zwei größten Halunken des Landes
nebeneinander stehen.«
Als der Prozeß in Guildhall begann, war der Gerichtshof angefüllt mit
Denen, welche Baxter Liebe und Verehrung zollten. Ihm zur Seite stand
Doctor William Bates, einer der vorzüglichsten nonconformistischen
Geistlichen. Zwei whiggistische Advokaten von bedeutendem Rufe,
Pollexfen und Wallop, erschienen für den Angeklagten. Eben hatte
Pollexfen seine Anrede an die Jury begonnen, als der Oberrichter
losdonnerte: »Pollexfen, ich kenne Euch sehr gut und will Euch ein
Zeichen anhängen, Ihr seid der Beschützer der Faction! Das ist ein alter
Schuft, ein schismatischer Halunke, ein heuchelnder Bube! Er ist ein
Feind der Liturgie und verlangt nichts als langgedehntes Gewinsel ohne
Buch.« Darauf verdrehte Seine Herrlichkeit die Augen, faltete die Hände
und begann in einer Art, welche er für eine Persiflage von Baxter's
Manier zu predigen hielt, durch die Nase zu singen: »Herr, wir sind dein
Volk, dein auserwähltes Volk, dein theures Volk!« Pollexfen machte den
Gerichtshof mit Bescheidenheit darauf aufmerksam, daß Seine Majestät,
der verstorbene König, Baxter eines Bisthums würdig gehalten habe. »Und
was kratzte denn den alten Dummkopf, daß er es nicht annahm?« schrie
Jeffreys. Seine Wuth erreichte jetzt den höchsten Grad, er schimpfte
Baxter einen Hund, und schrie, daß es nur ein Act der höchsten
Gerechtigkeit sein würde, solch einen Buben durch die Stadt peitschen zu
lassen. Jetzt nahm Wallop das Wort, es erging ihm aber nicht besser,
als seinem Vorgänger. »Ihr betheiligt Euch bei allen schmutzigen
Angelegenheiten, Mr. Wallop«, sagte der Richter, »Gentlemen in der Robe
der Rechtsgelehrten sollten sich schämen, solchen revolutionären
Schuften ihren Beistand zu gewähren.« Der Anwalt bemühte sich noch
einmal, Gehör zu erlangen, aber vergebens, »Wenn Euch Eure Pflicht
unbekannt ist«, rief Jeffreys, »so will ich sie Euch kennen lehren.«