30. 1685, Jan. 1. 1686.+]
[Anmerkung 113: +Postlethwaite's Dict., Roads.+ Geschichte von
Hawthurst in der +Bibliotheca Topographica Britannica.+]
[Anmerkung 114: +Annals of Queen Anne, 1703. Appendix No. 3.+]
[Anmerkung 115: +15, Car. II. c. 1.+]
[Anmerkung 116: Die Nachtheile des alten Systems sind in vielen
Petitionen, die sich in dem +Commons' Journal+ von 1725--26
finden, schlagend dargethan. Welche heftige Opposition das neue
System fand, kann man aus dem +Gentleman's Magazine+ von 1749
ersehen.]
[Anmerkung 117: +Postlethwaite's Dictionary, Roads.+]
[Anmerkung 118: +Loidis and Elmete. Marshall's Rural Economy of
England+. Roderich Random kam 1739 auf einem Packpferde aus
Schottland nach Newcastle.]
[_Die Diligencen._] Die öffentlichen Reisegelegenheiten waren neuerdings
sehr verbessert worden. Während der ersten Jahre nach der Restauration
war die Diligence zwischen London und Oxford zwei Tage unterwegs, und in
Beaconsfield wurde übernachtet. Im Frühjahr 1669 ward endlich eine
wichtige und kühne Neuerung versucht. Es wurde angekündigt, daß ein
Wagen, den man die »fliegende Kutsche« nannte, die ganze Reise zwischen
Aufgang und Untergang der Sonne machen werde. Das muthige Unternehmen
ward von den Häuptern der Universität feierlich berathen und genehmigt
und erregte damals das Interesse in gleichem Maße, wie heutzutage die
Eröffnung einer neuen Eisenbahn. Der Vicekanzler bestimmte in einer an
allen Straßenecken angeschlagenen Bekanntmachung Ort und Stunde der
Abfahrt. Der Versuch gelang vollkommen. Um sechs Uhr Morgens fuhr der
Wagen von dem Platze vor dem Allerseelen-Collegium in Oxford ab, und um
sieben Uhr Abends stiegen die muthigen Gentlemen, welche die gefährliche
Reise zuerst gewagt hatten, wohlbehalten am Thore ihres Gasthofes in
London aus.[119] Dadurch wurde der Wetteifer der Schwesteruniversität
rege gemacht, und bald war eine Diligence eingerichtet, welche die
Passagiere ebenfalls in einem Tage von Cambridge nach London brachte.
Zu Ende der Regierung Karl's II. fuhren dreimal wöchentlich solche
fliegende Kutschen von London nach den wichtigsten Provinzialstädten.
Aber keine Diligence und selbst kein Frachtwagen scheint weiter nach
Norden als bis York und weiter nach Westen als bis Exeter gefahren zu
sein. Eine Eilkutsche machte im Sommer gewöhnlich ungefähr funfzig
Meilen den Tag; im Winter aber, wo die Wege schlecht und die Nächte lang
waren, wenig mehr als dreißig. Die Diligencen von Chester, York und
Exeter erreichten während der schönen Jahreszeit London gewöhnlich in
vier Tagen, um Weihnachten aber nicht vor dem sechsten Tage. Die
Passagiere, sechs an der Zahl, saßen alle im Innern des Wagens, denn es
kamen so häufig Unfälle vor, daß es lebensgefährlich gewesen wäre, die
Imperiale zu besteigen. Das gewöhnliche Fahrgeld betrug im Sommer etwa
dritthalb Pence auf die Meile, im Winter etwas mehr.[120]
Diese Art zu reisen, welche der Engländer unserer Tage als unerträglich
langsam betrachtet haben würde, dünkte unseren Vorfahren wunderbar, ja
erschreckend schnell. In einem wenige Monate vor dem Tode Karl's II.
erschienen Werke werden die Eilkutschen als alle ähnlichen Fuhrwerke,
die die Welt je gesehen, weit übertreffend gepriesen. Ganz besonders
wird ihre Schnelligkeit gerühmt und triumphirend mit dem Schneckengange
der festländischen Posten verglichen. Mit diesen Lobeserhebungen
vermischten sich jedoch auch klagende und schmähende Stimmen. Die
Einführung der neuen Diligencen hatte in der That die Interessen einiger
Klassen beeinträchtigt, und außerdem erhoben, wie immer, Viele aus
bloßer Beschränktheit und zäher Anhänglichkeit an das Bestehende, ein
lautes Geschrei gegen diese Neuerung, lediglich deshalb, weil es eben
eine Neuerung war. Man behauptete mit Heftigkeit, daß eine solche
Beförderungsweise der Pferdezucht und der edlen Reitkunst verderblich
werden, daß die Themse, welche so lange eine wichtige Schule für
Seeleute gewesen sei, aufhören werde, die Hauptfahrstraße von London
nach Windsor hinauf und nach Gravesend hinunter zu sein, daß Hunderte
von Sattlern und Sporern ruinirt und zahlreiche Gasthöfe, in denen
Reisende mit eigenem Geschirr abzusteigen pflegten, veröden und keine
Abgaben mehr zahlen würden, daß es in den neuen Wagen im Sommer zu heiß,
im Winter zu kalt sei, daß die Passagiere durch Kranke und durch
schreiende Kinder arg belästigt würden, daß die Kutsche zuweilen so spät
an Ort und Stelle ankomme, daß man kein Abendessen mehr erhalten, und
zuweilen so frühzeitig abfahre, daß man noch kein Frühstück bekommen
könne. Aus allen diesen Gründen wurde ganz ernstlich darauf angetragen,
daß es keinem öffentlichen Wagen erlaubt sein solle, mehr als vier
Pferde vorzuspannen, öfter als ein Mal wöchentlich zu fahren und mehr
als dreißig Meilen den Tag zurückzulegen. Man hoffte, daß wenn dieses
Regulativ angenommen würde, Jedermann, mit Ausnahme von Kranken und
Gebrechlichen, zu der früheren Art des Reisens zurückkehren würde.
Petitionen in diesem Sinne von verschiedenen Corporationen der City, von
mehreren Provinzialstädten und von den Richtern mehrerer Grafschaften
wurden dem Könige im Ministerrathe überreicht. Wir lächeln jetzt über
dergleichen Dinge, aber es ist nicht unwahrscheinlich, daß unsere
Nachkommen, wenn sie die Geschichte der Opposition lesen, welche die
Verbesserungen des neunzehnten Jahrhunderts von Seiten der Habsucht und
des Vorurtheils erfahren haben, ebenfalls lächeln werden.[121]
Trotz der Vortheile, welche die Eilkutschen gewährten, pflegten gesunde
und kräftige Leute, die nicht viel Gepäck bei sich zu führen brauchten,
längere Reisen noch häufig zu Pferde zu machen. War dem Reisenden um
schnelles Fortkommen zu thun, so bediente er sich dazu der Postpferde.
Auf allen großen Hauptstraßen waren in gemessenen Entfernungen frische
Reitpferde und Führer zu bekommen. Jedes Pferd kostete für die Meile
drei Pence und vier Pence erhielt der Führer für die Station. Wenn die
Wege gut waren, konnte man auf diese Weise eine geraume Zeit so schnell
vorwärts kommen, wie durch irgend ein vor der Erfindung der Dampfkraft
in England bekanntes Transportmittel. Postchaisen gab es damals noch
nicht, auch konnten Diejenigen, welche mit eigener Equipage reisten, in
der Regel die Pferde nicht wechseln. Nur der König und die vornehmsten
Staatsbeamten konnten Relais bestellen. So reiste Karl gewöhnlich in
einem Tage von Whitehall nach Newmarket, ein etwa fünfundfünfzig Meilen
langer Weg in durchaus ebener Gegend, und dies galt bei seinen
Unterthanen für eine außerordentliche Geschwindigkeit. Evelyn machte
diese Reise einmal, in Gesellschaft des Lordschatzmeisters Clifford. Der
Wagen ward von sechs Pferden gezogen, welche zuerst in Bishop Stortford
und dann noch einmal in Chesterford gewechselt wurden. Die Reisenden
erreichten Newmarket in der Nacht. Eine solche Art zu reisen scheint
jedoch als ein nur Fürsten und Ministern zustehender Luxus betrachtet
worden zu sein.[122]
[Anmerkung 119: +Anthony à Wood's Life of himself.+]
[Anmerkung 120: +Chamberlayne's State of England, 1684.+ Man sehe
auch das Verzeichniß der öffentlichen Personen- und Frachtwagen am
Schlusse des Buches, betitelt +Angliae Metropolis, 1690.+]
[Anmerkung 121: +John Cresset's Reasens for suppressing Stage
Coaches, 1672.+ Diese Gründe wurden später in einer Abhandlung
betitelt: +The Grand Concern of England explained, 1673+,
aufgenommen. Cresset's Angriff gegen die Diligencen rief einige
Erwiderungen hervor, die mir vorgelegen haben.]
[Anmerkung 122: +Chamberlayne's State of England, 1684. North's
Examen, 105, Evelyn's Diary, Oct. 9, 10. 1871.+]
[_Straßenräuber._] Mochte man indeß reisen wie man wollte, stets war man
der Gefahr ausgesetzt, angefallen und beraubt zu werden, wenn man nicht
in zahlreicher und wohlbewaffneter Gesellschaft reiste. Der berittene
Straßenräuber, den unsre Generation nur noch aus Büchern kennt, war auf
jeder Hauptstraße zu finden, ganz besonders aber hausten diese Banditen
auf den öden Strecken, welche zur Seite der großen Chausseen unweit
London lagen. Am berüchtigtsten in dieser Beziehung waren vielleicht die
Hounslow-Haide an der großen Weststraße und der Finchley-Anger an der
großen Nordstraße. Die Studenten von Cambridge zitterten selbst am
hellen Tage, wenn sie sich dem Eppingwalde näherten. Seeleute, welche
eben in Chatham ihren Sold ausgezahlt bekommen hatten, mußten häufig
ihre Börsen bei Gadshill herausgeben, welcher Ort hundert Jahre früher
von dem größten aller Dichter als Schauplatz der Missethaten Poins' und
Fallstaff's gefeiert worden war. Die Behörden schienen oft nicht zu
wissen, wie sie die Räuber behandeln sollten. Einmal wurde in der
Gazette angekündigt, daß mehrere Personen, welche stark im Verdachte des
Straßenraubes ständen, gegen die aber keine genügenden Beweise vorlägen,
in Newgate in Reitkleidern zur Schau ausgestellt werden sollten; auch
sollten ihre Pferde gezeigt werden und alle Gentlemen, welche kürzlich
ausgeplündert worden, waren eingeladen, die sonderbare Ausstellung in
Augenschein zu nehmen. Ein andermal wurde einem Räuber öffentlich
Straflosigkeit zugesichert, wenn er einige ungeschliffene Diamanten von
ungeheurem Werthe herausgebe, die er bei einem Überfalle der Harwicher
Eilpost entwendet hatte. Kurze Zeit darauf erschien eine andre
Bekanntmachung, in der den Gasthaltern bedeutet wurde, daß die Regierung
ein wachsames Auge auf sie habe, indem ihr verbrecherisches
Einverständniß mit den Banditen es diesen möglich mache, die Heerstraßen
ungestraft zu beunruhigen. Daß dieser Verdacht nicht ungegründet war,
beweisen die letzten Geständnisse einiger reuiger Straßenräuber jener
Zeit, denen die Wirthe offenbar ähnliche Dienste geleistet hatten, wie
Farquhar's Bonifaz dem Gibbet leistete.[123]
Um das gefährliche Handwerk mit Erfolg und Sicherheit betreiben zu
können, mußte der Straßenräuber ein kühner und gewandter Reiter und sein
Äußeres und sein Benehmen von der Art sein, wie man es von dem Besitzer
eines schönen Pferdes erwartete. Er nahm daher in der Gemeinschaft der
Diebe einen hohen Rang ein, besuchte die elegantesten Kaffee- und
Spielhäuser und wettete auf der Rennbahn mit vornehmen Männern.[124]
Zuweilen war er auch wirklich von guter Herkunft und Bildung. Es knüpfte
sich daher und knüpft sich vielleicht jetzt noch ein romantisches
Interesse an die Namen der Freibeuter dieser Klasse. Der große Hause war
ganz versessen auf die Geschichtchen von ihrer Wildheit und
Verwegenheit, von gelegentlichen Acten der Großmuth und Gutherzigkeit,
von ihren Liebschaften, ihren wunderbaren Entweichungen, ihren
verzweifelten Kämpfen und ihrem männlichen Benehmen vor Gericht und auf
dem Karren. So wurde von Wilhelm Nevison, dem großen Räuber von
Yorkshire, erzählt, daß er von allen Viehhändlern des Nordens eine
bestimmte Abgabe erhob, wogegen er nicht allein selbst sie verschonte,
sondern sie auch gegen alle anderen Räuber schützte, daß er die Börsen
auf die höflichste Manier abforderte, von dem, was er den Reichen
genommen, den Armen reichlich gab, daß die königliche Gnade ihm einmal
das Leben schenkte, daß er aber dessenungeachtet wiederholt sein Glück
versuchte und endlich im Jahre 1685 in York am Galgen starb.[125] Es
wurde ferner erzählt, wie Claude Duval, der französische Page des
Herzogs von Richmond, daß Räuberhandwerk ergriff, der Hauptmann einer
gefürchteten Bande wurde und die Ehre hatte, in einem königlichen
Erlasse gegen berüchtigte Missethäter zuerst genannt zu werden; wie er
an der Spitze seiner Schaar den Wagen einer Dame anhielt, in welchem er
eine Beute von vierhundert Pfund fand, von denen er nur hundert nahm und
die übrigen dreihundert der schönen Eigenthümerin unter der Bedingung
ließ, daß sie dafür mit ihm einen Coranto auf der Haide tanzte; wie er
durch seine feurige Galanterie die Herzen aller Frauen gewann, wie seine
Geschicklichkeit im Gebrauche der Waffen ihn zum Schrecken aller Männer
machte und wie er endlich im Jahre 1670 im Weinrausch ergriffen ward;
wie vornehme Damen ihn im Gefängniß besuchten und sich mit Thränen für
sein Leben verwendeten; wie der König ihn auch begnadigt haben würde,
hätte der Richter Morton, der Schrecken aller Straßenräuber, nicht
Einsprache dagegen erhoben und gedroht, sein Amt niederzulegen, wenn man
dem Gesetze nicht seinen Lauf lasse, und wie nach der Hinrichtung der
Leichnam mit allem Gepränge von Wappenschildern, Wachskerzen,
Trauerbehängen und stummen Wächtern zur Parade ausgestellt wurde, bis
der nämliche herzlose Richter, der sich der Gnade des Königs widersetzt,
Beamte abschickte, um die Todtenfeier zu stören.[126] Gewiß hat die
Phantasie starken Antheil an diesen Anekdoten, aber sie verdienen
deshalb nicht minder erwähnt zu werden, denn es ist eine ebenso
authentische als bedeutungsvolle Thatsache, daß solche Erzählungen,
mochten sie nun wahr oder unwahr sein, bei unseren Vorfahren ein
bereitwilliges und gläubiges Ohr fanden.
[Anmerkung 123: Siehe die London Gazette vom 14. Mai 1677, vom 4.
Aug. 1687 und vom 5. Dec. 1687. Die letzte Beichte Augustin
King's, welcher der Sohn eines ausgezeichneten Theologen und in
Cambridge erzogen war, aber im März 1688 zu Colchester gehängt
wurde, ist höchst interessant.]
[Anmerkung 124:
_Aimwell._ Erlauben Sie, Sir, habe ich Sie nicht in Will's
Kaffeehause gesehen?
_Gibbet._ Ja, Sir, und auch bei White.
+Beaux' Stratagem+.]
[Anmerkung 125: +Gent's History of York.+ Ein andrer Straßenräuber
von derselben Art, Namens Biß, wurde 1695 in Salisbury gehängt.
In einer Ballade, die sich in der Pepys'schen Bibliothek befindet,
wird seine Vertheidigung vor dem Richter folgendermaßen
dargestellt:
Was sagt Ihr nun, mein edler Lord,
Was war so Böses d'ran?
Nur reiche Filze haßte Biß
Der tapfre, brave Mann.]
[Anmerkung 126: +Pope's Memoirs of Duval+, welche kurz nach der
Hinrichtung erschienen. Oates' #Eikôn basilikê#, Theil I.]
[_Die Gasthöfe._] Die mannichfachen Gefahren, denen der Reisende
ausgesetzt war, wurden durch die Dunkelheit noch bedeutend vergrößert,
und er wünschte daher für die Nacht ein schützendes Obdach, das nicht
schwer zu erlangen war. Die Gasthöfe Englands sind schon von Alters her
berühmt. Unser erster großer Dichter (Chaucer) hat schon die
vortrefflichen Bequemlichkeiten geschildert, die sie den Reisenden des
vierzehnten Jahrhunderts darboten. Neunundzwanzig Personen nebst ihren
Pferden fanden in den geräumigen Zimmern und Ställen des »Waffenrocks«
in Southwark Platz. Die Speisen waren vortrefflich und die Weine so,
daß sie die Tischgesellschaft zum reichlichen Genusse verleiteten.
Zweihundert Jahre später, unter der Regierung Elisabeth's, gab Wilhelm
Harrison eine anziehende Beschreibung von dem Überflusse und dem Comfort
der großen Gasthöfe. Er sagte, das ganze übrige Europa habe nichts
Ähnliches aufzuweisen. Es gab Gasthöfe, in denen zwei- bis dreihundert
Menschen mit ihren Pferden ohne Schwierigkeit Aufnahme und Unterhalt
finden konnten. Die Betten, die Teppiche und vor Allem die Fülle und
Sauberkeit des Leinzeugs setzten Jedermann in Erstaunen. Auf den Tafeln
sah man nicht selten kostbares Silbergeschirr und manche Schilder hatten
dreißig bis vierzig Pfund Sterling gekostet. Im siebzehnten Jahrhundert
hatte England schon Überfluß an vortrefflichen Gasthöfen jeden Ranges.
Oft fand der Reisende in einem kleinen Dorfe ein Gasthaus, wie Walton es
beschrieben hat, wo die steinernen Fußböden von Sauberkeit glänzten,
wo die Wände mit Balladen geschmückt waren, die Betten nach Lavendel
dufteten und ein behagliches Feuer, ein Krug guten Bieres und ein
Gericht Forellen, im nahen Bache frisch gefangen, für wenig Geld zu
haben waren. In den größeren Gasthöfen fand man Betten mit seidenen
Vorhängen, feine Küche und Claret, wie er in London nicht besser
getrunken wurde.[127] Auch die Wirthe, sagte man, seien ganz verschieden
von den Gastwirthen anderer Länder. Auf dem Festlande war der Wirth der
Tyrann Derer, die seine Schwelle überschritten, in England war er ihr
Diener. Der Engländer fühlte sich nie heimischer, als wenn er es sich in
seinem Gasthofe bequem machte. Selbst reiche Leute, die sich in ihrem
eigenen Hause jeden nur denkbaren Luxus erzeugen konnten, pflegten oft
ihre Abende im Gesellschaftszimmer eines nahen Gasthofes zuzubringen;
sie schienen der Meinung zu sein, daß sie Comfort und Freiheit nirgends
in gleicher Vollkommenheit genießen konnten. Diese Neigung war mehrere
Generationen hindurch ein characteristischer Zug der Nation. Die
Ungebundenheit und Fröhlichkeit des Gasthoflebens bot lange Zeit unseren
Roman- und Schauspieldichtern reichen Stoff. Johnson erklärte, ein Stuhl
im Gasthause sei der Thron des irdischen Glücks, und Shenstone beklagte
sich sanft darüber, daß kein auch noch so befreundetes Privathaus den
Wanderer so freundlich und zuvorkommend aufnehme, als das Dach eines
Gasthofes.
In den Hotels unsrer Zeit findet man manche Annehmlichkeiten, welche im
siebzehnten Jahrhundert in Hampton Court und Whitehall unbekannt waren.
Im Ganzen genommen aber ist soviel gewiß, daß die Verbesserung unserer
Gasthöfe mit den Verbesserungen unserer Straßen und unserer
Beförderungsmittel keineswegs gleichen Schritt gehalten hat. Dies kann
auch nicht auffallen, denn es liegt auf der Hand, daß unter übrigens
gleichen Verhältnissen die Gasthäuser da am besten sein werden, wo die
Beförderungsmittel am mangelhaftesten sind. Je schneller man reisen
kann, um so weniger bedarf es zahlreicher angenehmer Ruheplätze für den
Reisenden. Wer vor hundertsechzig Jahren aus einer entfernten Grafschaft
in die Hauptstadt kam, brauchte in der Regel unterwegs zwölf bis
fünfzehn Mahlzeiten und fünf bis sechs Nachtquartiere. War er ein
vornehmer Mann, so erwartete er überall eine wohlbesetzte Tafel und eine
bequeme, ja selbst elegante Wohnung. Gegenwärtig fliegen wir von York
oder Exeter nach London beim Sonnenschein eines einzigen Wintertages.
Der Reisende hält sich daher jetzt selten bloß der Ruhe und Erfrischung
halber unterwegs auf, und die Folge davon ist, daß Hunderte
vortrefflicher Gasthöfe gänzlich in Verfall gerathen sind. Binnen Kurzem
wird man gute Häuser dieser Art nur noch an solchen Orten finden, wo
sich beständig viel Fremde in Geschäften oder zum Vergnügen aufhalten.
[Anmerkung 127: Siehe den Prolog zu den +Canterbury Tales,
Harrison's Historical Description of the Island of Great Britain+
und Pepys' Beschreibung seiner Reise im Sommer 1668. Auch in den
Reisen des Großherzogs Cosmus wird die Vorzüglichkeit der
englischen Gasthöfe erwähnt.]
[_Die Briefposten._] Die Art und Weise der Briefbeförderung zwischen
entfernten Punkten mag der jetzigen Generation ein mitleidiges Lächeln
entlocken, aber sie würde die Bewunderung und den Neid der gebildetsten
Nationen des Alterthums sowie der Zeitgenossen Raleigh's und Cecil's
erregt haben. Bereits unter Karl I. war eine rohe und mangelhafte
Briefpost eingerichtet worden, der Bürgerkrieg aber hatte sie wieder
zerstört. Unter der Republik wurde der Plan von neuem aufgenommen. Nach
der Restauration ward der Ertrag der Postanstalt, nach Abzug aller
Kosten, dem Herzoge von York überwiesen. Auf den meisten Routen gingen
und kamen die Briefposten nur einen Tag um den andren; in Cornwall,
in den Sümpfen von Lincolnshire und zwischen den Bergen und Seen von
Cumberland erhielt man sogar nur einmal wöchentlich Briefe. Während
einer Reise des Königs wurde täglich eine Briefpost von London nach dem
Orte expedirt, wo der Hof sich eben aufhielt. Ebenso bestand eine
tägliche Postverbindung zwischen London und den Dünen, welcher Vorzug
zuweilen auch auf Tunbridge Wells und Bath ausgedehnt wurde, während der
Monate, wo diese Bäder von den Großen zahlreich besucht waren. Die
Postfelleisen wurden zu Pferde, am Tage wie bei Nacht, mit einer
Schnelligkeit von etwa fünf Meilen in der Stunde befördert.[128]
Das Briefporto war übrigens nicht die einzige Ertragsquelle dieser
Anstalt. Das Postamt war außerdem allein berechtigt, Postpferde zu
liefern, und die Zähigkeit, mit der man dieses Monopol aufrecht erhielt,
beweist am besten, daß es sehr einträglich war.[129] Hatte indessen ein
Reisender eine halbe Stunde gewartet, ohne das gewünschte Pferd erhalten
zu haben, so durfte er anderwärts eins miethen.
Die Erleichterung des Briefverkehrs zwischen den verschiedenen Theilen
von London gehörte ursprünglich nicht zu den Zwecken des Postamts. Unter
der Regierung Karl's II. aber errichtete ein unternehmender Bürger der
Hauptstadt, Namens Wilhelm Dockwray, mit großen Kosten eine Pennypost,
durch welche Briefe und Packete in den geschäftsreichen und belebten
Straßen zunächst der Börse täglich sechs- bis achtmal, in den
entfernteren Stadttheilen aber viermal besorgt wurden. Diese
Verbesserung stieß, wie jede andre, auf heftigen Widerstand. Die
Austräger beklagten sich, daß man ihren Verdienst schmälere und rissen
die Anschläge ab, in denen der Plan dem Publikum mitgetheilt wurde.
Die durch Godfrey's Ermordung und durch die Auffindung von Coleman's
Papieren hervorgerufene Erbitterung hatte damals gerade ihren Höhepunkt
erreicht und die Pennypost wurde daher allgemein als eine papistische
Erfindung ausgeschrieen. Man behauptete, der große Doctor Oates habe den
Verdacht geäußert, daß die Jesuiten hinter dem Plane steckten und daß
man die Briefbeutel bei näherer Untersuchung voll verrätherischer
Papiere finden werde.[130] Der Nutzen des Unternehmens war jedoch so
groß und in die Augen springend, daß aller Widerstand erfolglos blieb.
Sobald es sich zeigte, daß die Spekulation einträglich war, verklagte
der Herzog von York den Unternehmer wegen Eingriffs in sein Monopol und
die Gerichtshöfe sprachen sich zu Gunsten des Ersteren aus.[131]
Der Ertrag des Postamts steigerte sich von allem Anfang an fortwährend.
Im Jahre der Restauration hatte ein Ausschuß des Hauses der Gemeinen
nach sorgfältiger Prüfung den reinen Gewinn auf ungefähr zwanzigtausend
Pfund geschätzt; zu Ende der Regierung Karl's II. betrug derselbe schon
wenig unter funfzigtausend Pfund, und dies galt damals für eine
ungeheure Summe. Die Bruttoeinnahme belief sich auf etwa siebzigtausend
Pfund. Das Porto für einen einfachen Brief betrug bis zu achtzig Meilen
zwei Pence, für eine größere Entfernung drei Pence. Es stieg im
Verhältniß zu dem Gewicht des Packets.[132] Gegenwärtig wird ein
einfacher Brief bis ans äußerste Ende von Schottland oder Irland für
einen Penny befördert und das Postpferdmonopol besteht schon längst
nicht mehr. Trotzdem beläuft sich die jährliche Bruttoeinnahme dieses
Departements auf mehr als achtzehnhunderttausend Pfund und der
Nettoertrag auf siebenhunderttausend Pfund. Es ist daher kaum zu
bezweifeln, daß die Zahl der gegenwärtig durch die Post beförderten
Briefe siebzigmal so groß ist als sie zur Zeit der Thronbesteigung
Jakob's II. war.
[Anmerkung 128: +Stat. 12 Car. II. c. 35. Chamberlayne's State of
England, 1684. Angliae Metropolis, 1690. London Gazette, June 12.
1685, Aug. 15. 1687.+]
[Anmerkung 129: +London Gazette, Sept. 14. 1685.+]
[Anmerkung 130: +Smith's Current Intelligence, March 30. & April
3. 1680.+]
[Anmerkung 131: +Angliae Metropolis, 1690.+]
[Anmerkung 132: +Commons' Journals, Sept. 4, 1660, March 1.
1688--89. Chamberlayne, 1684. Davenant on the Public Revenue,
Discourse IV.+]
[_Zeitungen._] Der wichtigste Theil der Packereien, welche die alten
Posten beförderten, waren die Neuigkeitsbriefe. Im Jahre 1685 gab es
noch nichts, was der heutigen Londoner Tagespresse ähnlich sah, und es
konnte auch nichts Derartiges geben. Weder das nöthige Kapital, noch das
nöthige Geschick war dazu vorhanden; auch fehlte die Freiheit, ein nicht
minder wesentlicher Mangel als der des Kapitals und der
Geschicklichkeit. Allerdings stand die Presse damals noch nicht unter
einer allgemeinen Censur, denn das kurz nach der Restauration erlassene
Censurgesetz war schon 1679 nicht mehr in Kraft. Jedermann konnte daher
auf eigne Gefahr und ohne vorherige Genehmigung von Seiten irgend eines
öffentlichen Beamten eine Geschichte, eine Predigt oder ein Gedicht
drucken; aber die Richter waren einstimmig der Meinung, daß diese
Freiheit sich nicht auch auf Zeitungen erstrecke, und daß nach dem
gemeinen Rechte Englands Niemand ohne specielle Erlaubniß der Krone
berechtigt sei, politische Neuigkeiten zu veröffentlichen.[133] So lange
die Whigpartei noch mächtig war, hielt die Regierung es für gerathen,
eine Übertretung dieser Regel vorkommendenfalls nicht zu streng zu
nehmen. Während des großen Kampfes wegen der Ausschließungsbill durften
viele Zeitungen erscheinen, wie die +Protestant Intelligence+, die
+Current Intelligence+, die +Domestic Intelligence+, die +True News+,
der +London Mercury+.[134] Keine von diesen erschien jedoch öfter als
zweimal wöchentlich und keine überstieg in Umfang ein einfaches kleines
Blatt. Die Quantität des Stoffes, die der ganze Jahrgang einer dieser
Zeitungen enthielt, war nicht größer als man oft in zwei Nummern der
»Times« findet. Nach Besiegung der Whigs hatte der König nicht mehr
nöthig, bei der Ausübung des ihm nach dem Ausspruche aller seiner
Richter unzweifelhaft zustehenden Hoheitsrechts besondere Rücksichten zu
nehmen. So durfte denn auch gegen das Ende seiner Regierung keine
Zeitschrift mehr ohne seine Genehmigung erscheinen, und diese wurde
ausschließlich der »London Gazette« ertheilt. Auch die »London Gazette«
erschien nur Montags und Donnerstags. Der Inhalt einiger Nummern bestand
gewöhnlich in einer königlichen Proklamation, einigen toryistischen
Adressen, der Anzeige von einigen Beförderungen, einen Bericht von einem
Scharmützel zwischen den Kaiserlichen und den Janitscharen an der Donau,
das Signalement eines Straßenräubers, die Ankündigung eines von zwei
hochstehenden Personen veranstalteten Hahnenkampfes und eine Anzeige,
welche dem Wiederbringer eines entlaufenen Hundes eine Belohnung
zusicherte. Dies Alles füllte zwei Seiten von mäßig großem Format. Alle
Mittheilungen über Angelegenheiten von hoher Bedeutung waren in dem
hölzernsten und förmlichsten Style abgefaßt. Wenn es indessen der
Regierung zuweilen beliebte, die öffentliche Neugierde in Betreff eines
wichtigen Vorfalls zu befriedigen, so wurde ein großer Bogen ausgegeben,
der ausführlichere Mittheilungen enthielt, als die Gazette sie geben
konnte; aber weder diese noch irgend eine amtlich gedruckte Beilage
brachte je eine Nachricht, deren Veröffentlichung nicht den Zwecken des
Hofes diente. Die wichtigsten parlamentarischen Verhandlungen und
Staatsprozesse, von denen uns die Geschichte erzählt, wurden mit tiefem
Stillschweigen übergangen.[135] In der Hauptstadt ersetzten die
Kaffeehäuser einigermaßen die fehlenden Zeitungen; dahin strömten die
Londoner, wie einst die alten Athener nach dem Marktplatze, um zu hören,
ob etwas Neues geschehen sei. Dort konnte man erfahren, wie brutal ein
Whig am vorigen Tage in Westminsterhall behandelt worden war, welche
haarsträubenden Berichte von den Folterqualen der Covenanters die Briefe
aus Edinburg enthielten, wie gröblich die Admiralität die Krone bei der
Verproviantirung der Flotte betrogen und welche schweren Anschuldigungen
der Geheimsiegelbewahrer in Betreff des Heerdgeldes gegen das Schatzamt
erhoben habe.
[Anmerkung 133: London Gazette vom 5. und 17. Mai 1680.]
[Anmerkung 134: Eine höchst interessante und meines Wissens die
einzige Sammlung dieser Zeitungen befindet sich im Britischen
Museum.]
[Anmerkung 135: So wird zum Beispiel von den wichtigen
Parlamentsverhandlungen vom November 1685, wie von dem Prozesse
und der Freisprechung der sieben Bischöfe kein Wort erwähnt.]
[_Die Neuigkeitsbriefe._] Aber Diejenigen, welche von der großen
Schaubühne des politischen Kampfes entfernt waren, konnten von dem, was
daselbst vorging, nur durch die sogenannten Neuigkeitsbriefe regelmäßig
Nachricht erhalten. Das Schreiben derartiger Briefe wurde daher in
London ein Erwerbszweig, wie es dies jetzt bei den Eingeborenen Indiens
ist. Der Neuigkeitsschreiber wanderte von Kaffeehaus zu Kaffeehaus, um
Nachrichten zu sammeln, drängte sich in den Sitzungssaal der Old Bailey,
wenn daselbst ein interessanter Prozeß verhandelt wurde, und erlangte
sogar zuweilen Zutritt in die Galerien von Whitehall, wo er bemerken
konnte, wie der König und der Herzog aussahen. Auf diese Weise sammelte
er Materialien zu Wochenberichten, welche bestimmt waren, eine
Provinzialstadt oder einen ländlichen Magistrat zu erleuchten. Dies
waren die Quellen, aus denen die Bewohner der größeren Provinzialstädte
und die Gesammtheit der Landgentry und der Geistlichkeit fast allein
ihre ganze Kenntniß der Geschichte ihrer Zeit schöpften. Wir dürfen
annehmen, daß es in Cambridge eben so viele Leute gab, welche gern
erfahren wollten, was in der Welt vorging, als in irgend einer andren
Stadt des Königreichs, London ausgenommen. Dennoch hatten die Doctoren
des Rechts und die Magister der freien Künste in Cambridge während eines
großen Theils der Regierung Karl's II. keine andre regelmäßige
Neuigkeitsquelle als die Londoner Gazette, bis endlich die Dienste eines
der Nachrichtensammler in der Hauptstadt angenommen wurden. Es war ein
denkwürdiger Tag, an welchem die ersten Neuigkeitsbriefe aus London auf
einem Tische des einzigen Kaffeehauses von Cambridge ausgelegt
waren.[136] Auf dem Wohnsitze eines reichen Mannes auf dem Lande wurde
der Neuigkeitsbrief stets mit Ungeduld erwartet, und acht Tage nach
seiner Ankunft war er durch die Hände von zwanzig Familien gegangen.
Er lieferte den umwohnenden Squires den Stoff zu ihrer Unterhaltung an
Winterabenden und den benachbarten Pfarrern Themata zu heftigen
Predigten gegen Whiggismus oder Papismus. Bei genauer Nachsuchung in den
Archiven alter Familien würden sich ohne Zweifel noch viele von diesen
merkwürdigen Journalen finden. Einige werden in unseren öffentlichen
Bibliotheken aufbewahrt und eine Reihenfolge derselben, welche einen
werthvollen Theil der von Sir Jakob Mackintosh gesammelten literarischen
Schätze bildet, wird im Verlaufe dieses Werks noch dann und wann citirt
werden.[137]
Es bedarf kaum der Erwähnung, daß es damals keine Provinzialblätter
gab. Ja es gab sogar, außer in der Hauptstadt und in den beiden
Universitätsstädten, kaum noch einen Buchdrucker im Königreiche. Die
einzige Presse in England nördlich vom Trent scheint sich in York
befunden zu haben.[138]
[Anmerkung 136: +Roger North's Life of Dr. John North.+ Über die
Neuigkeitsbriefe sehe man das +Examen, 133.+]
[Anmerkung 137: Ich ergreife diese Gelegenheit, um der Familie
meines lieben und verehrten Freundes, Sir Jakob Mackintosh meinen
wärmsten Dank dafür auszusprechen, daß sie mir die Materialien zur
Benutzung überließ, die er zu einer Zeit gesammelt hatte, als er
ein ähnliches Werk wie das vorliegende zu schreiben gedachte. Ich
habe nie eine so werthvolle Sammlung von Auszügen aus öffentlichen
und Privatarchiven gesehen, und ich glaube nicht, daß irgendwo
noch eine zweite von gleichem Umfange existirt. Der richtige
Scharfblick, mit dem Sir Jakob aus großen Massen geschichtlichen
Stoffes das Werthvollste auswählte und das Werthlose unbeachtet
ließ, versteht nur Derjenige zu würdigen, der nach ihm das
nämliche Gebiet bearbeitet hat.]
[Anmerkung 138: +Life of Thomas Gent.+ Ein vollständiges
Verzeichniß aller im Jahre 1724 vorhanden gewesenen Druckereien
befindet sich in +Nichol's Literary Anecdotes of the eighteenth
century+. Obgleich sich binnen wenigen Jahren die Zahl der Pressen
bedeutend vermehrt hatte, gab es doch in vierunddreißig
Grafschaften, darunter Lancashire, noch keinen Buchdrucker.]
[_Der »Observator.«_] Die »London Gazette« war übrigens nicht das
einzige Organ, durch welches die Regierung dem Volke politische
Belehrung ertheilte. Dieses Journal enthielt nur spärliche Nachrichten
ohne Commentar; ein andres, ebenfalls unter dem Patronat des Hofes
erscheinendes Journal, brachte dagegen nur Commentare ohne Nachrichten.
Dieses Blatt, »der Observator« betitelt, wurde von einem alten
toryistischen Pamphletschreiber, Namens Roger Lestrange, herausgegeben.
Es fehlte diesem Lestrange durchaus nicht an schriftstellerischer
Gewandtheit und an Schlauheit; seine Diction war zwar gemein und durch
einen damals im Vorzimmer und im Wirthshause für witzig geltenden Jargon
verunziert, aber dennoch nicht ohne Schwung und Kraft. In jeder Zeile
aber, die aus seiner Feder floß, zeigte sich sein heftiger und unedler
Character. Als die ersten Nummern des »Observator« erschienen, gab es
allerdings einige Entschuldigungsgründe für seine Bitterkeit, denn die
Whigs waren damals mächtig und er hatte zahlreiche Gegner zu bekämpfen,
deren rücksichtslose Heftigkeit eine gleiche Sprache zu rechtfertigen
schien. Im Jahre 1685 aber war alle Opposition unterdrückt, und ein
edler Character würde es daher verschmäht haben, eine Partei, die nicht
antworten durfte, zu beschimpfen und die traurige Lage von Gefangenen,
Verbannten und beraubten Familien noch zu verschlimmern; aber dem
hämischen Lestrange war selbst das Grab und das Trauerhaus nicht heilig.
Im letzten Monate der Regierung Karl's II. starb Wilhelm Innkyn, ein
hochbetagter und angesehener Dissenterpfarrer, der wegen keines andren
Vergehens, als weil er Gott auf die Weise anbetete, welche damals von
dem ganzen protestantischen Europa allgemein angenommen war; grausame
Verfolgungen zu erdulden hatte, in Newgate an Gram und Entbehrungen. Dem
Ausdruck der innigen Theilnahme von Seiten des Volks konnte man nicht
Schweigen gebieten, und es folgte daher dem Sarge ein Zug von
hundertfunfzig Wagen. Selbst Höflinge betrauerten den Verstorbenen und
sogar der gedankenlose König zeigte einige Theilnahme. Lestrange allein
brach in ein rohes Freudengeheul aus, lachte über das weibische Mitleid
der Trimmer, erklärte laut, daß der lästerliche alte Heuchler seine
wohlverdiente Strafe erhalten, und gelobte alle Scheinheiligen und
falschen Märtyrer nicht nur bis zum Tode, sondern noch über das Grab
hinaus zu bekriegen.[139] Dies war der Geist des Blattes, welches damals
das Orakel der Torypartei und ganz besonders der Landgeistlichkeit war.
[Anmerkung 139: Observator vom 29. und 31. Januar 1685. +Calamy's
Life of Baxter. Nonconformist Memorial.+]
[_Seltenheit von Büchern auf dem Lande._] Die Literatur, welche durch
das Postfelleisen verbreitet werden konnte, bildete damals den größten
Theil der geistigen Nahrung, welche den Geistlichen und Richtern auf dem
Lande zu Gebote stand. Die Beförderung großer Packete von einem Orte zum
andren war mit solchen Schwierigkeiten und Kosten verknüpft, daß ein
umfangreiches Werk mehr Zeit brauchte, um von Paternoster Row nach
Devonshire oder Lancashire zu gelangen, als gegenwärtig nach Kentucky.
Wie spärlich eine Landpfarre damals selbst mit solchen Büchern versehen
war, die ein Theolog am nöthigsten braucht, ist schon bemerkt worden.
Die Häuser der Gentry waren nicht reichlicher versehen. Nur wenige
Landedelleute der Grafschaft hatten so gute Bibliotheken, wie man sie
jetzt in jedem Bedientenzimmer und in der Ladenstube jedes Krämers
findet. Ein Esquire, der auf seinem Fensterbrete zwischen Angeln und
Vogelflinten den +Hudibras+ und +Baker's Chronicle+, +Tarlton's Jests+
und die +Seven Champions of Christendom+ liegen hatte, galt bei seinen
Nachbarn für einen großen Gelehrten. Selbst in der Hauptstadt gab es
damals noch weder Leihbibliotheken noch Lesezirkel; aber diejenigen
Bücherfreunde, welche nicht viel kaufen konnten, hatten dort wenigstens
ein Aushülfsmittel. Die Läden der großen Buchhändler in der Umgebung der
Paulskirche waren den ganzen Tag mit Lesern gefüllt und ein bekannter
Kunde durfte oft auch ein Buch mit nach Hause nehmen. Auf dem Lande
fehlte diese Annehmlichkeit, was man lesen wollte, mußte man
kaufen.[140]
[Anmerkung 140: Cotton scheint, wie aus seinem +Angler+
hervorgeht, auf seinem Fensterbrete Platz genug für seine ganze
Bibliothek gehabt zu haben, und Cotton war ein wissenschaftlich
gebildeter Mann. Selbst als Franklin 1724 das erstemal nach London
kam, waren Leihbibliotheken daselbst noch unbekannt. Von dem
Zudrange zu den Buchläden im Stadtviertel Little Britain spricht
Roger North in der Lebensbeschreibung seines Bruders Johann.]
[_Weibliche Erziehung._] Die Literaturschätze der Gattin und Töchter des
Grundherrn bestanden gewöhnlich in einem Gebetbuche und einem
Receptbuche. Indessen verloren sie in der That wenig bei ihrer
ländlichen Abgeschiedenheit, denn selbst in den höchsten Ständen und
unter Verhältnissen, welche die geistige Ausbildung erleichterten,
genossen die Engländerinnen zur damaligen Zeit eine schlechtere
Erziehung als jemals seit dem Wiederaufblühen der Wissenschaften. In
früherer Zeit studirten sie die Meisterwerke des antiken Genius, in
unseren Tagen kümmern sie sich zwar wenig um die todten Sprachen, sind
aber dafür mit der Sprache Pascal's und Molière's, Dante's und Tasso's,
Göthe's und Schiller's vertraut, und es giebt kein reineres und
eleganteres Englisch als das, welches gebildete Frauen gegenwärtig
sprechen und schreiben. Während der zweiten Hälfte des siebzehnten
Jahrhunderts aber scheint die Bildung des weiblichen Geistes fast ganz
vernachlässigt worden zu sein. Eine junge Dame, die nur die
oberflächliche Kenntniß der Literatur besaß, galt für ein Wunder.
Hochgeborne, vornehm erzogene und mit guten natürlichen Anlagen
ausgestattete Ladies waren nicht im Stande eine Zeile in ihrer
Muttersprache ohne orthographische und stylistische Fehler zu schreiben,
deren sich jetzt eine Armenschülerin schämen würde.[141]
Die Erklärung liegt sehr nahe. Maßlose Ausschweifung, die natürliche
Wirkung übertriebener Strenge, war damals vorherrschend und die
Ausschweifung hatte ihre gewöhnliche Folge, die sittliche und geistige
Erniedrigung der Frauen, nach sich gezogen. Ihren körperlichen Reizen
pflegte man rohe und freche Huldigungen darzubringen, aber die
Bewunderung und das Verlangen, welche ihre Schönheit erregte, war selten
mit Achtung, wahrer Zuneigung und irgend einem ritterlichen Gefühl
gepaart. Die Eigenschaften, welche sie zu Lebensgefährtinnen,
Rathgeberinnen und vertrauten Freundinnen befähigten, stießen die
Wüstlinge von Whitehall eher ab, als daß sie sie anzogen. Ein
Ehrenfräulein, die sich so kleidete, daß ihrem Busen das vollste Recht
widerfuhr, die beständig liebäugelte, wollüstig tanzte, sich durch
vorlaute Keckheit auszeichnete, sich nicht entblödete, mit Kammerherren
und Offizieren zu kokettiren, schlüpfrige Lieder mit bezeichnendem
Ausdrucke zu singen, und sich zur Ausführung eines muthwilligen
Streiches als Page zu verkleiden, hatte an diesem Hofe mehr Aussicht,
gefeiert und bewundert zu werden, die Beachtung des Königs auf sich zu
ziehen und einen reichen und vornehmen Gatten zu erobern, als eine
Johanna Gray oder Lucie Hutchinson gehabt haben würden. Unter solchen
Umständen mußte das Maaß der weiblichen Bildung nothwendig sehr niedrig
sein, und es war gefährlicher, über diesem Maße zu stehen, als unter
demselben. Äußerste Unwissenheit und Leichtfertigkeit wurden bei einer
Dame viel eher entschuldigt, als der geringste Anflug von Pedanterie.
Von den nur zu berühmten Frauen, deren Portraits wir noch jetzt an den
Wänden von Hampton Court bewundern, pflegten wenige etwas Besseres zu
lesen als Akrosticha, Spottlieder und Übersetzungen der »Clelia« und des
»Großen Cyrus«.
[Anmerkung 141: Ein Beispiel mag genügen. Die Königin Marie hatte
gute natürliche Anlagen, war von einem Bischofe erzogen, eine
Freundin der Geschichte und Poesie und wurde von den
ausgezeichnetsten Männern als eine hochgebildete Frau betrachtet.
Zu der Bibliothek im Haag befindet sich eine prachtvolle Bibel,
die ihr bei der Krönung in der Westminsterabtei überreicht worden
war. Auf dem Titelblatte dieser Bibel stehen folgende von ihr
eigenhändig geschriebene Worte: +»This book was given the King
and I, at our crownation. Marie R.«+]
[_Literarische Bildung der Gentlemen._] Die literarischen Kenntnisse
selbst der vollendetsten Gentlemen jener Zeit scheinen bei weitem nicht
so solid und gründlich gewesen zu sein, als in früheren oder späteren
Zeiten. Griechische Gelehrsamkeit wenigstens blühte unter der Regierung
Karl's II. bei uns nicht, wie sie vor dem Bürgerkriege geblüht hatte und
lange nach der Revolution wieder blühte. Es gab wohl auch Gelehrte,
denen die ganze griechische Literatur von Homer bis Photius genau
bekannt war, aber solche Gelehrte fanden sich fast ausschließlich nur
unter den Geistlichen der Universitätsstädte, ja selbst dort waren ihrer
nur wenige, und diese wenigen nicht gebührend geschätzt. In Cambridge
wurde es durchaus nicht für nöthig gehalten, daß ein Theolog die Bibel
in der Ursprache lesen konnte.[142] Auch in Oxford stand die
Gelehrsamkeit auf keiner höheren Stufe. Als sich unter der Regierung
Wilhelm's III. das ganze Christchurch-Kollegium wie ein Mann erhob,
um die Ächtheit der Briefe des Phalaris zu vertheidigen, stand diesem
großen Kollegium, welches damals als der Hauptsitz der Philologie im
ganzen Lande betrachtet wurde, nicht soviel attische Gelehrsamkeit zu
Gebote, als sie heutzutage mancher Gymnasiast besitzt. Nach dem allen
wird man leicht denken können, daß eine todte Sprache, welche die
Universitäten vernachlässigten, von den Laien nicht viel studirt wurde.
Zu einer früheren Zeit hatten die Poesie und die Beredtsamkeit
Griechenlands einen Raleigh und Falkland entzückt, zu einer spätern
Periode entzückten sie einen Pitt und Fox, einen Windham und Grenville;
während der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts aber gab es in
England kaum einen bedeutenden Staatsmann, der eine Seite von Sophokles
oder Plato mit Genuß lesen konnte.
Gute Lateiner gab es dagegen in Menge. Allerdings hatte auch damals die
Sprache Roms ihren Character als Weltsprache noch nicht ganz verloren
und war in manchen Ländern Europa's dem Reisenden und Diplomaten noch
unentbehrlich. Die Fertigkeit, sie gut zu sprechen, war daher viel
häufiger als zu unsrer Zeit, und es fehlte weder Oxford noch Cambridge
an Dichtern welche bei einer feierlichen Gelegenheit glückliche
Nachahmungen der Verse, in denen Virgil und Ovid die Größe des Augustus
gepriesen hatten, am Fuße des Thrones niederlegen konnten.
[Anmerkung 142: Roger North erzählt uns, daß sein Bruder Johann,
welcher Professor der griechischen Sprache in Cambridge war, sich
über die allgemeine Vernachlässigung dieser Sprache unter der
Universitätsgeistlichkeit bitter beklagte.]
[_Einfluß der französischen Literatur._] Doch auch das Latein wurde
durch einen jüngeren Nebenbuhler verdrängt. Frankreich behauptete damals
fast in jeder Beziehung den Vorrang. Sein militairischer Ruhm hatte den
Höhepunkt erreicht, es hatte wichtige Coalitionen besiegt, Verträge
dictirt und große Städte und Provinzen unterworfen; es hatte den
kastilianischen Stolz gezwungen, ihm den Vorrang zuzugestehen, es hatte
italienische Fürsten sich unterthan gemacht, sein Verfahren war in allen
Angelegenheiten der feinen Lebensart, vom Zweikampfe bis zur Menuett
maßgebend; es bestimmte, welchen Schnitt der Rock eines Gentleman haben,
wie lang seine Perrücke, ob seine Absätze hoch oder niedrig und ob sein
Hutband breit oder schmal sein müsse. In der Literatur gab es der Welt
Gesetze, ganz Europa war des Ruhmes seiner Schriftsteller voll, kein
andres Land hatte einen tragischen Dichter wie Racine, einen komischen
wie Molière, einen so liebenswürdigen Tändler wie Lafontaine, einen so
gewandten Redner wie Bossuet aufzuweisen. Der literarische Ruhm Italiens
und Spaniens war untergegangen, der von Deutschland war noch nicht
aufgegangen. Das Genie der ausgezeichneten Männer, welche die Hauptstadt
Frankreichs zierten, strahlte daher in einem Glanze, welcher durch den
Contrast noch mehr hervorgehoben ward. In der That, Frankreich übte
damals eine Weltherrschaft aus, wie selbst die römische Republik sie nie
erreicht hatte, denn als Rom in politischer Beziehung herrschte, war es
in den Künsten und Wissenschaften Griechenlands demüthiger Schüler;
Frankreich hatte auf die benachbarten Länder zu gleicher Zeit den
Einfluß, den Rom auf Griechenland, und den, welchen Griechenland auf Rom
ausübte. Das Französische erhob sich rasch zur Weltsprache, zur Sprache
der feinen Gesellschaft und zur Sprache der Diplomatie. An mehreren
Höfen sprachen die Fürsten und der Adel sie besser und eleganter als
ihre Muttersprache. Auf unsrer Insel war jedoch diese sklavische
Unterordnung noch nicht so weit gediehen als auf dem Continent, weder
unsere guten noch unsere schlechten Eigenschaften waren fremden
Ursprungs. Doch auch bei uns huldigte man der literarischen
Überlegenheit unserer Nachbarn, wenn auch ungeschickt und ungern. Die
wohlklingende toskanische Sprache, die allen vornehmen Herren und Damen
am Hofe Elisabeth's so geläufig war, kam aus der Mode. Ein Gentleman,
der den Horaz oder Terenz citirte, galt in feiner Gesellschaft für einen
prahlerischen Pedanten; verzierte er aber seine Unterhaltung mit
französischen Brocken, so war dies der beste Beweis, den er von seinen
Talenten und seiner Bildung geben konnte.[143] Neue Regeln der Kritik,
neue Muster des Styls kamen in die Mode. Die gesuchte Gespreiztheit,
welche Donne's und Cowley's Verse verunziert hatte, verschwand aus
unsrer Poesie. Unsre Prosa verlor zwar an edlem Schwunge, an kunstvollem
Satzbau und an wohllautender Abwechselung im Vergleich mit der einer
früheren Periode, aber sie wurde klarer, gefälliger und besser geeignet
zur Polemik und zum Erzählen. Es ist unmöglich, in diesen Veränderungen
den Einfluß französischer Muster und französischen Beispiels zu
verkennen. Selbst große Meister unsrer Sprache verschmähten es nicht in
ihren werthvollsten Werken sich französischer Ausdrücke zu bedienen, wo
ebenso bezeichnende und wohlklingende englische ganz nahe lagen[144] und
aus Frankreich wurde die Tragödie in Versen bei uns eingeführt, eine
exotische Pflanze, welche in unsrem Boden siechte und bald einging.
[Anmerkung 143: Butler sagt in einer sehr beißenden Satire:
Citirst Du Griechen und Lateiner,
So bist Du der Pedanten einer;
Doch flechtest Du französ'sche Brocken ein
Gilt's für verdienstlich und für fein.]
[Anmerkung 144: Das gröbste Beispiel dieser Art, dessen ich mich
entsinne, kommt in einem Gedicht auf die Krönung Karl's II. von
Dryden vor, der es gewiß nicht durch Wortarmuth entschuldigen
konnte, daß er einer fremden Sprache Worte entlehnte:
+Hither in summer evenings you repair
To taste the _fraicheur_ of the cooler air+
(Hier bringst im Sommer Du die Abendstunden hin,
Um kühle, frische Luft mit Wonne einzuzieh'n.)]
[_Unsittlichkeit der schönen Literatur Englands._] Unsere Schriftsteller
würden wohl gethan haben, wenn sie auch den Anstand nachgeahmt hätten,
den ihre großen französischen Zeitgenossen mit wenigen Ausnahmen
beobachteten, denn die Unsittlichkeit der englischen Schauspiele,
Satiren, Lieder und Romane jener Zeit ist ein arger Flecken auf unsrem
Nationalruhm. Die Quelle des Übels ist leicht zu finden. Die
Schöngeister und die Puritaner standen nie auf freundlichem Fuße mit
einander, es fand keine Sympathie zwischen diesen beiden Klassen statt.
Sie betrachteten das ganze System des menschlichen Lebens aus
verschiedenen Gesichtspunkten und in verschiedenem Lichte. Der Ernst der
einen war der andern Spott, die Vergnügungen jeder von beiden waren der
andren ein Greuel. Dem finstren Rigoristen dünkte selbst das unschuldige
Spiel der Phantasie ein Verbrechen, und den leichteren und
lebenslustigeren Characteren bot das feierliche Wesen der eifernden
Brüder reichen Stoff zu Spötteleien. Von der Reformation bis zu dem
Bürgerkriege hatte fast jeder mit einem feinen Scharfblicke zur
Auffindung des Lächerlichen begabte Schriftsteller eine Gelegenheit
ergriffen, um den glatthaarigen, näselnden und weinerlichen Heiligen,
die ihre Kinder nach dem Buche Nehemia tauften, die beim Anblick des
Hans im Grünen[145] im Stillen seufzten und die es für gottlos hielten,
am Weihnachtstage Rosinensuppe zu essen, etwas anzuhaben. Es kam jedoch
eine Zeit, wo auch an die Lacher die Reihe kommen sollte, ein ernstes
Gesicht zu machen. Nachdem die strengen, abstoßenden Zeloten zwei
Generationen hindurch reichen Stoff zu Witzeleien geliefert hatten,
erhoben sie sich mit bewaffneter Hand, siegten, herrschten und traten
mit schadenfrohem Lächeln die ganze Schaar der Spötter unter die Füße.
Die Wunden, welche der heitere Muthwille geschlagen, wurden mit der
finstren, unerbittlichen Rachgier vergolten, welche Frömmlern eigen ist,
die ihren Groll für Tugend halten. Die Theater wurden geschlossen und
die Schauspieler gestäupt. Die Presse ward unter die Aufsicht strenger
Censoren gestellt, die Musen von ihren Lieblingssitzen, Cambridge und
Oxford vertrieben. Cowley, Crashaw und Cleveland wurden ihrer Lehrstühle
entsetzt, der junge Candidat für akademische Würden mußte nicht mehr
ovidische Briefe oder virgilische Hirtengedichte schreiben, sondern er
wurde von einer Synode finstrer Supralapsarier genau über Tag und Stunde
seiner Wiedergeburt befragt. Ein solches System mußte natürlich eine
Menge Heuchler hervorbringen. Unter dem schlichten Rocke und hinter der
Maske des strengen Ernstes verbarg sich viele Jahre lang das glühende
Verlangen nach zügelloser Freiheit und Rache. Dieses Verlangen wurde
endlich gestillt. Die Restauration befreiete Tausende von Geistern von
einem unerträglich gewordenen Joche. Der alte Kampf begann von neuem und
zwar mit nie gekannter Erbitterung; es war kein Kampf des Scherzes mehr,
sondern ein Krieg auf Tod und Leben. Der Rundkopf hatte von Denen, die
er verfolgt, keine bessere Behandlung zu erwarten, als ein grausamer
Sklaventreiber von aufständischen Sklaven, welche die Spuren seiner
Halseisen und seiner Peitschen noch an sich tragen.
Der Krieg zwischen Verstand und Puritanismus wurde bald ein Krieg
zwischen Verstand und Moralität. Die durch eine lächerliche Karrikirung
der Tugend hervorgerufene Erbitterung verschonte auch die wirkliche
Tugend nicht mehr. Alles was der näselnde Rundkopf mit Ehrfurcht
betrachtet hatte, wurde verhöhnt, und was er verdammt hatte, ward
begünstigt. Weil er gegen die geringfügigsten Kleinigkeiten Bedenken
erhoben hatte, würde jeder Gewissensskrupel ins Lächerliche gezogen.
Weil er seine Fehler mit der Maske der Frömmigkeit verhüllt hatte,
so wurde Jedermann dazu aufgemuntert, mit cynischer Frechheit die
abscheulichsten Laster dem Blicke des Publikums preiszugeben. Weil er
unerlaubte Liebe mit herzloser Strenge bestraft hatte, wurden
jungfräuliche Unschuld und eheliche Treue schamlos verspottet. Dem
scheinheiligen Jargon, der sein Schibboleth war, wurde ein anderer,
nicht minder widerlicher und häßlicher Jargon gegenübergestellt. Wie er
den Mund nicht öffnete, ohne sich biblischer Worte zu bedienen, so
öffnete die neue Brut von Schöngeistern und Gentlemen nie den Mund, ohne
Zoten hervorzubringen, deren sich jetzt ein Lastträger schämen würde,
und ohne den Schöpfer anzurufen, daß er die Heuchler verfluchen,
verderben, vernichten und verdammen möge.
Es ist daher kein Wunder, daß unsre schöne Literatur, als sie zugleich
mit der früheren bürgerlichen und kirchlichen Verfassung wieder
auflebte, eine beispiellose Unsittlichkeit zur Schau trug. Nur wenige
ausgezeichnete Männer, die einer früheren und besseren Periode
angehörten, blieben frei von der allgemeinen Ansteckung. Waller's
Poesien athmeten noch immer die Gefühle, welche ein ritterlicheres
Geschlecht beseelt hatten. Cowley, der sich als treuer Anhänger des
Thrones und als Gelehrter auszeichnete, erhob muthig seine Stimme gegen
die Unsittlichkeit, welche die Literatur wie die Loyalität schändete.
Ein noch größerer Dichter, durch Leiden, Gefahren, Armuth, Schmähungen
und Blindheit zu gleicher Zeit hart geprüft,[146] ließ, nicht achtend
des wüsten Lärms, der rings um ihn tobte, einen so erhabenen und
heiligen Gesang ertönen, daß er die Lippen der hehren Tugenden nicht
entweiht haben würde, die er mit seinem geistigen Blicke, den kein
Ungemach verdunkeln konnte, ihre amaranthnen und goldenen Kronen auf das
Jaspispflaster herabwerfen sah. Butler's starker und fruchtbarer Genius
entging zwar nicht ganz der herrschenden Ansteckung, nahm aber die
Seuche nur in milderer Form in sich auf. Aber dies waren Männer, deren
Geist in einer vergangenen Welt gebildet worden war. An ihre Stelle trat
bald eine jüngere Generation von Schöngeistern, und der vorherrschende
Character dieses Geschlechts, von Dryden bis herab zu Durfey, war eine
gefühl- und schamlose, prahlerische und dabei geschmacklose, inhumane
Unzüchtigkeit. Der Einfluß dieser Schriftsteller war ohne Zweifel
schädlich; aber er hätte noch weit schädlicher werden können, wenn sie
minder verderbt gewesen wären. Das Gift, welches sie gaben, war so
stark, daß es nach kurzer Zeit mit Ekel wieder ausgeworfen wurde. Keiner
von ihnen verstand die gefährliche Kunst, Bilder unerlaubter Lust in ein
anziehendes und edles Gewand zu kleiden, keiner von ihnen sah ein, daß
auch die Wollust ein gewisses Decorum verlangt, daß Verhüllung lockender
sein kann als Nacktheit, und daß die Phantasie durch leise Andeutungen,
die sie zu eigner Thätigkeit reizen, mächtiger erregt wird, als durch
plumpe Schilderungen, die sie gedankenlos in sich aufnimmt.
Der Geist der antipuritanischen Reaction weht fast durch die ganze
schöne Literatur der Regierungsepoche Karl's II. Die wahre Quintessenz
dieses Geistes aber findet sich im komischen Drama. Die
Schauspielhäuser, welche die rücksichtslosen Fanatiker in den Tagen
ihrer Herrschaft geschlossen hätten, waren wieder gefüllt und zu ihren
früheren Reizen hatten sich neue und mächtigere gesellt. Scenerien,
Kostüme und Dekorationen, die zwar heutzutage für dürftig und
geschmacklos gelten würden, die aber dem Blicke Derer, welche zu Anfang
des siebzehnten Jahrhunderts auf den schmutzigen Bänken der »Hoffnung«
oder unter dem Strohdache der »Rose« gesessen hatten, von unglaublicher
Pracht erschienen sein würden, entzückten die Augen der Menge. Der
Zauber des schönen Geschlechts wurde herbeigerufen, um den Zauber der
Kunst zu unterstützen, und der junge Schauspieler sah mit einer den
Zeitgenossen Shakespeare's und Jonson's unbekannten Gefühlserregung
liebende und muthige Heldinnen durch holde Damen dargestellt. Von dem
Augenblicke ihrer Wiedereröffnung an wurden die Theater Pflanzstätten
des Lasters, und das Übel griff immer weiter um sich. Die Unsittlichkeit
der Darstellungen verscheuchte bald die anständigen Leute, und die
Frivolen und Schamlosen, welche zurückblieben, verlangten mit jedem
Jahre stärkere Reizmittel. So verdarben die Künstler die Zuschauer und
umgekehrt die Zuschauer die Künstler, bis endlich die Unsittlichkeit der
Bühne einen Grad erreichte, der Jeden in Erstaunen setzen muß, welcher
nicht berücksichtigt, daß äußerste Erschlaffung die natürliche Folge
höchster Anspannung ist und daß nach dem regelmäßigen Laufe der Dinge
auf ein Zeitalter der Heuchelei ein Zeitalter der Schamlosigkeit folgen
mußte.
Nichts characterisirt jene Zeit besser als das angelegentliche Bestreben
der Dichter, ihre lockersten Verse Frauen in den Mund zu legen. Am
weitesten trieb man die Frechheit in den Epilogen, welche fast stets von
den beliebtesten Schauspielerinnen gesprochen wurden, und es war ein
Hochgenuß für das verderbte Publikum, die unanständigsten Zeilen aus dem
Munde eines schönen Mädchens zu hören, von der man annehmen kennte, daß
sie ihre Unschuld noch nicht verloren hatte.[147]
Unser damaliges Theater entlehnte viele seiner Intriguen und Charactere
den Spaniern, den Franzosen und den alten englischen Meistern; aber was
unsere dramatischen Dichter berührten, das beschmutzten sie auch. In
ihren Nachahmungen wurden die Häuser der ehrenwerthen und hochherzigen
kastilianischen Herren Calderon's Pfühle des Lasters, Shakespeare's
Viola eine Kupplerin, Molière's Menschenfeind ein Ehrenräuber, Molière's
Agnes eine Ehebrecherin. Nichts war so rein und heroisch, daß es bei der
Verarbeitung durch jene schmutzigen und gemeinen Hände nicht schmutzig
und gemein geworden wäre.
So stand es mit dem Schauspiel, und das Schauspiel war derjenige Zweig
der schönen Literatur, in welchem der Dichter die meiste Aussicht hatte,
sich mit der Feder seinen Unterhalt zu erwerben. Bücher wurden so wenig
gekauft, daß selbst ein Mann mit dem berühmtesten Namen für das
Verlagsrecht des besten Werkes nur ein geringes Honorar erwarten durfte.
Es giebt keinen sprechenderen Beleg für diese Behauptung, als das
Schicksal von Dryden's letztem Geistesproducte, seinen Fabeln. Dieser
Band erschien zu einer Zeit, wo Dryden allgemein als der erste lebende
Dichter Englands anerkannt war. Derselbe enthält ungefähr zwölftausend
Zeilen. Der Versbau ist wunderschön, die Erzählungen und Schilderungen
voll Leben. Noch heutzutage entzücken »Palamon und Arcite«, »Cymon und
Iphigenia«, »Theodora und Honoria« jeden Kritiker wie jeden Schulknaben.
Die Sammlung enthält auch das »Fest Alexanders«, die herrlichste Ode in
unsrer Sprache. Dryden erhielt für das Verlagsrecht funfzig Pfund
Sterling, das heißt weniger als heutzutage zuweilen für zwei Beiträge
für eine Zeitschrift bezahlt wird.[148] Dessenungeachtet scheint das
Honorar im Verhältniß nicht niedrig gewesen zu sein, denn das Buch ging
nur langsam und erst zehn Jahre nach dem Tode des Verfassers wurde eine
zweite Auflage nöthig. Wer für die Bühne schrieb, konnte mit weit
geringerer Anstrengung viel größere Summen erwerben. So erhielt Southern
für ein einziges Stück siebenhundert Pfund;[149] Otway schwang sich
durch den Erfolg seines »Don Carlos« aus tiefster Armuth zu
vorübergehendem Reichthum empor;[150] Shadwell bekam für eine einzige
Vorstellung seines »Squire of Alsatia« hundertdreißig Pfund,[151] Die
Folge davon war, daß Jedermann, der von dem Ertrage seiner
Geistesproducte leben mußte, Theaterstücke schrieb, gleichviel ob er
inneren Beruf dazu hatte oder nicht. So auch Dryden. Als Satyriker
wetteiferte er mit Juvenal, als didactischer Dichter hätte er, bei
Sorgfalt und Studium, vielleicht Lucretius an die Seite gestellt werden
können, und außerdem ist er unter den lyrischen Dichtern, wenn nicht der
erhabenste, doch der glänzendste und ergreifendste. Aber die Natur, die
ihn mit so vielen seltenen Gaben reich ausgestattet, hatte ihm das
dramatische Talent versagt. Dennoch vergeudete er die ganze Kraft seiner
besten Jahre an dramatische Werke. Er war zu einsichtsvoll, um nicht zu
erkennen, daß ihm die Fähigkeit mangelte, Charactere durch den Dialog zu
zeichnen, und er that sein Möglichstes, um diesen Mangel bald durch
überraschende und ergötzliche Wendungen, bald durch edle Deklamation,
bald durch wohllautende Verse; bald durch schlüpfrige Zweideutigkeiten,
zu verdecken, welche dem Geschmack eines profanen und sittenlosen
Publikums nur zu wohl entsprachen. Dennoch erlangte er nie einen
dramatischen Erfolg, ähnlich denen, welche die Anstrengungen einiger
Männer belohnten, die an Talent überhaupt tief unter ihm standen. Er
schätzte sich glücklich, wenn er hundert Guineen für ein Stück erhielt,
ein karger, aber jedenfalls höherer Lohn, als ihm jede andre
literarische Arbeit von gleichem Umfange eingebracht, haben wurde,[152]
Die Unterstützung, welche den Schöngeistern jener Zeit von Seiten des
Publikums zu Theil wurde, war so gering, daß sie sich gezwungen sahen,
ihr Einkommen zu erhöhen, indem sie die Börsen der Großen in
Contribution setzten. Jeder reiche und gutherzige Lord wurde daher von
den Autoren mit so zudringlicher Bettelei und so kriechender
Schmeichelei belästigt, wie sie unsrer Zeit unglaublich erscheinen
müssen. Von dem Gönner, dem ein Werk gewidmet wurde, erwartete der
Verfasser, daß er ihn mit einer goldgefüllten Börse belohnen werde. Das
für die Widmung eines Buches bewilligte Geschenk war oft bedeutender,
als die Summe, welche irgend ein Verleger für das Verlagsrecht bezahlt
haben würde. Es wurden daher oft Bücher lediglich um der Zuneigung
willen gedruckt. Dieser Handel mit Lob hatte die Wirkung, welche davon
zu erwarten war. Eine an Unsinn, ja zuweilen an Gottlosigkeit streifende
Schmeichelei war keine Schande für den Dichter, die Welt verlangte keine
Unabhängigkeit, Wahrhaftigkeit und Selbstachtung von ihm, kurz, er war
in moralischer Beziehung ein Mittelding zwischen einem Kuppler und einem
Bettler.
Zu den anderen Fehlern, welche den literarischen Character schändeten,
kam gegen das Ende der Regierung Karl's II. die maßloseste Heftigkeit
des Parteigeistes. Die Schöngeister als Stand waren durch ihren alten
Haß gegen den Puritanismus bewogen worden, auf die Seite des Hofes zu
treten, und hatten sich als nützliche Bundesgenossen erwiesen. Dryden
insbesondere hatte dem Hofe gute Dienste geleistet. Sein »Absalom und
Achitophel«, die größte Satire der neueren Zeit, hatte die Hauptstadt in
Erstaunen gesetzt, mit beispielloser Schnelligkeit selbst in ländliche
Bezirke den Weg gefunden und allenthalben, wo sie erschien, die
Exclusionisten tief gekränkt und den Muth der Tories gehoben. Wir dürfen
jedoch über die Bewunderung, die wir der edlen Diction und dem schönen
Versbau zollen, die wichtige Unterscheidung zwischen Gutem und Bösem
nicht außer Acht lassen. Der Geist, von welchem Dryden und viele seiner
Standesgenossen damals gegen die Whigs beseelt waren, verdient hämische
Bosheit genannt zu werden. Die servilen Richter und Sheriffs jener
schlimmen Zeit konnten das Blut nicht so schnell vergießen, als die
Dichter danach schrieen. Das Verlangen von mehr Opfern, abscheuliche
Späße über den Strang und bittere Verhöhnung Derjenigen, welche, nachdem
sie dem Könige in der Stunde der Gefahr treu zur Seite gestanden, ihm
jetzt zu einer nachsichtigen und großmüthigen Behandlung seiner
besiegten Feinde riethen, wurden auf offener Bühne ausgesprochen, und
zwar, damit das Maß der Schuld und Schande voll werde, von Frauen, in
denen man so jeden Funken von Mitgefühl zu ersticken suchte, nachdem sie
schon längst gelernt hatten, alle Sittlichkeit von sich zu werfen.[153]
[Anmerkung 145: +Jack in the Green+, ein Scherz der Essenkehrer,
den sie am 1. Mai vorzunehmen pflegen und welcher darin besteht,
daß sie den Längsten von ihnen in ein mit Blumen und grünen
Zweigen umgebenes taugliches Korbgeflecht stecken, so daß man fast
nichts von ihm sieht. D. Übers.]
[Anmerkung 146: Milton. Der Übers.]
[Anmerkung 147: Jeremias Collier hat diese schmachvolle Unsitte
mit gewohnter Kraft und Schärfe gegeißelt.]
[Anmerkung 148: Der Contract findet sich in Sir Walter Scott's
Ausgabe von Dryden's Werken.]
[Anmerkung 149: Siehe +Shiels's Life of Southern.+]
[Anmerkung 150: Siehe +Rochester's Trial of the Poets.+]
[Anmerkung 151: Aus einem Bericht über die englische Bühne.]
[Anmerkung 152: +Life of Southern by Shiels.+]
[Anmerkung 153: Sollte dieser oder jener Leser meine Ausdrücke zu
stark finden, so rathe ich ihm, Dryden's Epilog in seinem »Herzog
von Guise« zu lesen und dabei im Auge zu behalten, daß derselbe
von einer Dame gesprochen wurde.]
[_Zustand der Wissenschaft in England._] Es ist eine bemerkenswerthe
Thatsache, daß, während die leichtere Literatur Englands auf diese Art
ein wunder Fleck und eine Schmach der Nation wurde, der englische Genius
in der Wissenschaft eine Umwälzung bewirkte, die bis an's Ende aller
Zeiten zu den glänzendsten Leistungen des menschlichen Geistes gezählt
werden wird. Bacon hatte den guten Samen zu ungünstiger Zeit in einen
trägen Boden gesäet. Auch hatte er keine frühzeitige Ernte erwartet und
in seinem letzten Testamente seinen Ruhm feierlich dem nächsten
Zeitalter vermacht. Während einer ganzen Generation war seine
Philosophie trotz aller Unruhen, Kriege und Verbannungen in einigen
wenigen reich begabten Köpfen langsam gereift. Während Parteien um die
Herrschaft über einander kämpften, hatte sich eine kleine Schaar von
Weisen mit lobenswerther Verachtung von dem Kampfe zurückgezogen und
sich dem edleren Zwecke gewidmet, die Herrschaft des Menschen über die
Materie zu erweitern. Sobald die Ruhe wieder hergestellt war, fanden
diese Lehrer ohne Mühe aufmerksame Zuhörer, denn die Schule, durch
welche die Nation gegangen war, hatte den öffentlichen Geist in eine
Stimmung versetzt, die ihn zur Aufnahme der Verulamischen Lehren wohl
geeignet machte. Die bürgerlichen Unruhen hatten die Fähigkeiten der
gebildeten Klassen geweckt und eine rastlose Thätigkeit und eine
unersättliche Wißbegierde hervorgerufen, wie sie unter uns nie zuvor
gekannt war. Jene Unruhen hatten jedoch auch die Wirkung gehabt, daß
politische und religiöse Reformpläne in der Regel mit Argwohn und
Verachtung angesehen wurden. Zwanzig Jahre lang hatten sich rührige und
scharfsinnige Männer vorzugsweise damit beschäftigt, Verfassungen mit
und ohne höchste Beamten, mit erblichen Senaten, mit durch das Loos zu
wählenden Senaten, mit jährlich wechselnden Senaten oder mit bleibenden
Senaten zu entwerfen. Nichts war bei diesen Plänen vergessen. Alle
Einzelnheiten, die ganze Nomenclatur, das ganze Ceremonial der
imaginären Regierung war vollständig ausgeführt: Polemarchen und
Phylarchen, Tribus und Galaxien,[154] der Lord Archon und der Lord
Strategus, welche Wahlurnen grün und welche roth, welche Kugeln von Gold
und welche von Silber sein, welche Beamten Hüte und welche schwarze
Sammtkappen mit Troddeln tragen, wie das Scepter gehalten werden und
wann die Herolde sich entblößen sollten; alle diese und noch hundert
andere derartige Kleinigkeiten waren von Männern nicht gewöhnlicher
Fähigkeiten und wissenschaftlicher Bildung ernstlich erwogen und
festgestellt.[155] Aber die Zeit für solche Träume war vorüber, und wenn
wirklich noch hier und da ein zäher Republikaner sich damit
beschäftigte, so bewog ihn doch die Furcht, öffentlich ausgelacht und
des Hochverraths angeklagt zu werden, in der Regel zur sorgfältigsten
Geheimhaltung seiner Phantasiegebilde. Es war jetzt unpopulär und
gefährlich, nur ein Wort gegen die Grundgesetze der Monarchie laut
werden zu lassen, aber kühne und erfinderische Köpfe konnten sich dafür
entschädigen, indem sie auf die bisherigen Grundgesetze der Natur mit
mitleidiger Geringschätzung herabsahen. Der in dem einen Bette gedämmte
Strom suchte sich gewaltsam ein andres; der revolutionäre Geist konnte
in der Politik nicht mehr thätig sein und fing daher an, sich mit noch
nicht dagewesener Kraft und Regsamkeit in jedem Zweige der
Naturwissenschaften zu rühren. Das Jahr 1660, die Epoche der
Wiedereinsetzung der alten Verfassung, ist zugleich auch der Zeitpunkt,
mit dem der Einfluß der neuen Philosophie beginnt. In diesem Jahre wurde
die königliche Societät gegründet, welche das Hauptwerkzeug einer langen
Reihe von rühmlichen und heilsamen Reformen werden sollte.[156] Binnen
wenigen Monaten wurde die Experimentalwissenschaft allenthalben Mode.
Die Transfusion des Blutes, das Wägen der Luft und die Fixirung des
Quecksilbers nahmen im Geiste des Publikums die Stelle ein, welche bis
vor Kurzem die Controversen der Rota ausgefüllt hatten. Ideen über
vollkommenere Verfassungsformen machten Träumen von Flügeln, mit denen
man vom Tower bis zur Abtei fliegen konnte, und von doppelkieligen
Schiffen Platz, bei denen ein Scheitern, selbst im heftigsten Sturme,
nicht möglich sein sollte. Die herrschende Stimmung riß alle Klassen mit
sich fort, Kavalier und Rundkopf, Staats-, Kirchenmann und Puritaner
waren mit einem Male wieder einig. Theologen, Juristen, Staatsmänner,
Edelleute und Fürsten erhöhten den Sieg der Bacon'schen Philosophie. Die
Dichter verkündeten mit wetteiferndem Feuer das Herannahen des goldenen
Zeitalters. Cowley forderte in sinnvollen und glänzenden Versen die
Auserwählten auf, Besitz zu nehmen von dem gelobten Lande, wo Milch und
Honig flössen, von dem Lande, das ihr großer Befreier und Gesetzgeber
wie vom Gipfel des Pisgah herab gesehen, aber nicht habe betreten
dürfen.[157] Dryden stimmte mit mehr Begeisterung als Sachkenntniß in
den allgemeinen Jubel ein und weissagte Dinge, die er so wenig als
irgend Jemand verstand. Die Königliche Societät, prophezeiete er, werde
uns bald an den äußersten Rand des Erdballs führen und uns dort mit
einer besseren Ansicht des Mondes überraschen.[158] Zwei gebildete und
strebsame Prälaten, Ward, Bischof von Salisbury, und Wilkins, Bischof
von Chester, gehörten zu den Führern der Bewegung. Die Geschichte
derselben wurde in beredter Sprache von einem jüngern Theologen
geschrieben, der sich in seinem Berufe zu hoher Auszeichnung
emporschwang, von Thomas Sprat, nachmals Bischof von Rochester. Auch der
Oberrichter Hale und der Lordsiegelbewahrer Guildford stahlen ihren
richterlichen Geschäften einige Stunden ab, um Schriften über die
Hydrostatik zu schreiben. In der That waren die ersten Barometer, welche
in London zum Verkauf gestellt wurden, unter Guildford's unmittelbarer
Leitung verfertigt.[159] Die Chemie theilte auf kurze Zeit mit dem Wein
und der Liebe, mit der Bühne und dem Spieltische, mit den Hofintriguen
und den demagogischen Umtrieben die Aufmerksamkeit des ruhelosen
Buckingham. Dem Prinzen Ruprecht wurde die Erfindung der schwarzen Kunst
zugeschrieben, und nach ihm ist die seltsame Glasblase benannt, welche
so lange die Kinder unterhalten und die Philosophen in Verlegenheit
gesetzt hat.[160] Karl selbst hatte in Whitehall ein Laboratorium und
war dort viel thätiger und aufmerksamer als im Staatsrathe. Es gehörte
fast zu den Erfordernissen eines gebildeten Gentleman, daß er über
Luftpumpen und Teleskope zu sprechen verstand, und selbst seine Damen
hielten es zuweilen für passend, Neigung zu den Wissenschaften zur Schau
zu tragen, fuhren mit Sechsen nach den Greshamer Sehenswürdigkeiten und
stießen einen Freudenruf aus, wenn sie sahen, daß ein Magnet wirklich
eine Nadel anzog und daß eine Fliege unter dem Mikroskop so groß aussah
wie ein Sperling.[161]
Wie in jeder großen Bewegung des menschlichen Geistes, lag allerdings
auch in dieser etwas, das wohl ein Lächeln entlocken konnte. Es ist eine
allgemeine Regel, daß jede Lehre, jedes Studium, wenn es zur Modesache
wird, einen Theil der Würde verliert, die es besaß, während es noch auf
einen kleinen aber ernsten Kreis beschränkt war und nur um seiner selbst
willen geliebt wurde. Es ist wahr, die Thorheiten mancher Leute, die
ohne wirkliches Geschick für die Wissenschaft eine leidenschaftliche
Liebe zu derselben zur Schau trugen, lieferten einigen boshaften
Satirikern, die noch der vorhergehenden Generation angehörten und welche
das, was sie in der Jugend gelernt, nicht gern vergessen wollten, Stoff
zu verächtlichem Spott.[162] Nicht minder wahr aber ist es, daß das
große Werk der Erforschung der Natur von den Engländern jener Zeit in
einer Weise gefördert wurde, wie nie zuvor zu irgend einer Zeit und von
irgend einer Nation. Der Geist Franz Bacon's, dieser Geist, in welchem
Kühnheit und Besonnenheit zu einem wundervollen Ganzen verbunden waren,
schwebte über dem Volke. Man war fest überzeugt, daß die ganze Welt voll
von Geheimnissen von hoher Wichtigkeit für das Wohl des Menschen sei und
daß der Schöpfer ihm den Schlüssel in die Hand gelegt, der bei richtigem
Gebrauch ihm die Kenntniß derselben verschaffen konnte. Zu gleicher Zeit
aber war man auch überzeugt, daß man in den Naturwissenschaften nur
durch genaue Beobachtung einzelner Erscheinungen zur Kenntniß der
allgemeinen Gesetze gelangen konnte. Tief durchdrungen von diesen großen
Wahrheiten widmeten sich die Jünger der neuen Philosophie ihrer Aufgabe,
und noch vor Ablauf eines Vierteljahrhunderts hatten sie schon einen
großen Theil von den Schätzen zu Tage gefördert, welche später
vervollständigt worden sind. Schon hatte eine Reform des Landbaus
begonnen, neue Pflanzen wurden angebaut, neue landwirthschaftliche
Geräthe und neue Düngemittel wurden angewendet.[163] Evelyn hatte mit
ausdrücklicher Genehmigung der Königlichen Societät seinen Landsleuten
Unterricht im Anpflanzen gegeben. Temple hatte in seinen Mußestunden
allerhand Versuche im Gartenbau angestellt und den Beweis geliefert, daß
viele köstliche Früchte, die Erzeugnisse begünstigterer Himmelsstriche,
mit Hülfe der Kunst in englischem Boden gezogen werden konnten. Die
Arzneiwissenschaft, die sich in Frankreich noch in trauriger
Abhängigkeit befand und Molière unerschöpflichen Stoff zu gerechtem
Spott lieferte, war in England eine Experimentalwissenschaft geworden,
welche trotz Hippokrates und Galen mit jedem Tage einen neuen
Fortschritt machte. Zum ersten Male richtete sich die Aufmerksamkeit
denkender Männer auf die so wichtige Gesundheitspolizei. Die große Pest
von 1665 gab ihnen Veranlassung, die Mängel der Bauart, der Abzugskanäle
und der Lüftung der Hauptstadt sorgfältig zu untersuchen, und der große
Brand im darauffolgenden Jahre bot Gelegenheit zur Einführung
ausgedehnter Verbesserungen. Die Königliche Societät prüfte die Sache
mit größter Thätigkeit, und den Anregungen von Seiten dieser
Gesellschaft sind zum Theil die Veränderungen zuzuschreiben, welche
allerdings noch weit hinter dem zurückblieben, was die öffentliche
Wohlfahrt erheischte, aber doch einen großen Unterschied zwischen dem
alten und dem neuen London hervortreten ließen und den Verheerungen der
Pest in unsrem Vaterlande wahrscheinlich ein Ziel setzten.[164] Zu
gleicher Zeit schuf einer von den Gründern der Gesellschaft, Sir Wilhelm
Petty, die Wissenschaft der politischen Arithmetik, die bescheidene,
aber unentbehrliche Gehülfin der Staatsweisheit. Kein Naturreich blieb
unerforscht. Jener Zeit gehören die Entdeckungen Boyle's im Gebiete der
Chemie und Sloane's erste botanische Forschungen an. Damals stellte Ray
eine neue Classification der Vögel und Fische auf und Woodward begann
seine Aufmerksamkeit den Fossilien und Muscheln zuzuwenden. Die
Phantome, die während langer Jahrhunderte der Finsterniß die Welt
bethört hatten, flohen eines nach dem andren vor dem Lichte. Die
Astrologie und Alchymie wurden Gegenstände des Spotts. Bald gab es kaum
noch eine Grafschaft, wo nicht Einige auf der Richterbank verächtlich
gelächelt hätten, wenn eine alte Frau vor sie geführt wurde, weil sie
auf Besenstielen geritten sei oder es dem Viehe angethan habe. Die
wichtigsten Triumphe aber errang der englische Genius der damaligen Zeit
in den edelsten und schwierigsten Zweigen der Wissenschaft, in denen
Induction und mathematischer Beweis zur Entdeckung der Wahrheit
zusammenwirken. John Wallis gab dem ganzen System der Statik eine neue
Grundlage. Edmund Halley untersuchte die Eigenschaften der Atmosphäre,
die Ebbe und Fluth des Meeres, die Gesetze des Magnetismus und den Lauf
der Kometen; weder Mühen, noch Gefahren, noch die Verbannung konnten ihm
die Pflege der Wissenschaft verleiden. Während er auf dem Felsen von St.
Helena eine Karte von den Sternbildern der südlichen Hemisphäre entwarf,
ward unsre Nationalsternwarte in Greenwich erbaut, und John Flamsteed,
der erste königliche Astronom, begann die lange Reihe von Beobachtungen,
welche auf keinem Punkte der ganzen Erde ohne Achtung und Dankbarkeit
erwähnt werden. Doch wie groß auch der Ruhm dieser Männer ist, er wird
durch den Alles überstrahlenden Glanz eines unsterblichen Namens in den
Schatten gestellt. In Isaak Newton vereinigten sich wie in keinem Andren
vor ihm oder nach ihm zwei Arten von geistiger Kraft, welche wenig mit
einander gemein haben und nicht oft in einem hohen Grade der Vollendung
beisammen gefunden werden, die aber nichtsdestoweniger bei Erforschung
der höchsten Gebiete der Naturwissenschaft gleich nothwendig sind.
Es mag Geister gegeben haben, welche für den Anbau der reinen
mathematischen Wissenschaft eben so glücklich constituirt waren als der
seinige; es mag Geister gegeben haben, welche in der Pflege der reinen
Experimentalwissenschaft dem seinigen nicht nachstanden: in keinem
andren Geiste aber haben sich das demonstrative und das inductive Talent
in solch höchster Vollendung und in so unvergleichlicher Harmonie
vereinigt. In einem Zeitalter von Scotisten und Thomisten würde
vielleicht auch sein Geist verkümmert sein, wie mancher andre, der nur
dem seinigen nachstand. Glücklicherweise aber gab der Geist des
Zeitalters, das ihm zugefallen war, seinem Geiste die rechte Richtung,
und sein Genie wirkte wieder mit zehnfacher Kraft auf den Geist seiner
Zeit zurück. Im Jahre 1685 war sein Ruhm, obwohl schon glänzend, doch
erst im Entstehen, sein Genie aber hatte den Zenith erreicht. Sein
großes Werk, das Werk, das auf den wichtigsten Gebieten der
Naturwissenschaft eine Revolution herbeiführte, war vollendet, aber noch
nicht im Druck erschienen, und sollte eben der Beurtheilung der
Königlichen Societät unterbreitet werden.
[Anmerkung 154: +Galaxy+, Milchstraße, im bildlichen Sinne eine
glänzende Versammlung. D. Übers.]
[Anmerkung 155: Siehe besonders +Harrington's Oceana.+]
[Anmerkung 156: Siehe +Sprat's History of the Royal Society.+]
[Anmerkung 157: +Cowley's Ode to the Royal Society.+]
[Anmerkung 158:
»Dann geh'n wir an des Erdballs fernsten Rand,
Wo Meer und Himmel in einander fließen.
Um unsere Nachbarn in dem Sternenland,
Die ganze Mondwelt freundlich zu begrüßen.«
+Annus Mirabilis, 164.+]
[Anmerkung 159: +North's Life of Guildford.+]
[Anmerkung 160: Die Glasthränen oder Glastropfen heißen im
Englischen +Rupert's+ drops. D. Übers.]
[Anmerkung 161: +Pepys's Diary, May 30. 1667.+]
[Anmerkung 162: Butler war meines Wissens in der Zeit zwischen der
Restauration und der Revolution der einzige wirklich geistreiche
Mann, der gegen die neue Philosophie, wie sie damals genannt
wurde, eine heftige Feindschaft an den Tag legte. Siehe seine
Satire auf die Königliche Societät und »der Elephant im Monde«.]
[Anmerkung 163: Der Eifer, mit dem die Landwirthe der damaligen
Zeit Versuche anstellten und Verbesserungen einführten, wird von
Aubrey in seiner +Natural History of Wiltshire, 1685+, treffend
geschildert.]
[Anmerkung 164: +Sprat's History of the Royal Society.+]
[_Zustand der schönen Künste._] Es ist nicht ganz leicht zu erklären,
warum die Nation, die in den Wissenschaften ihren Nachbarn so weit
voraus war, in der Kunst ihnen allen weit nachstand. Dennoch war es so.
In der Baukunst, einer Kunst, die eine halbe Wissenschaft ist, einer
Kunst, in der sich nur ein Geometer auszeichnen kann, eine Kunst, welche
nur einen mittelbar oder unmittelbar vom Nutzen abhängigen Maßstab der
Schönheit hat und deren Schöpfungen wenigstens einen Theil ihrer
Majestät von der bloßen körperlichen Masse herleiten, konnte sich unser
Vaterland allerdings in Christoph Wren eines wahrhaft großen Mannes
rühmen, und das Feuer, welches London in Asche legte, hatte ihm eine in
der neueren Geschichte noch nicht dagewesene Gelegenheit gegeben, sein
Talent zu entfalten. Die ernste Schönheit der atheniensischen
Säulenhalle und die düstre Großartigkeit des gothischen Spitzbogens war
er, gleich allen seinen Zeitgenossen, unfähig zu erreichen, aber kein
diesseits der Alpen Geborener hat die Pracht der palastähnlichen Kirchen
Italiens mit so glücklichem Erfolge nachgeahmt. Selbst der
prachtliebende Ludwig hat der Nachwelt kein Werk hinterlassen, das mit
der Paulskirche einen Vergleich aushalten könnte. Aber zu Ende der
Regierung Karl's II. gab es nicht einen einzigen englischen Maler oder
Bildhauer, dessen Name noch jetzt genannt würde. Diese Unfruchtbarkeit
hat etwas Räthselhaftes, denn Maler und Bildhauer waren durchaus keine
verachtete oder kärglich bezahlte Klasse von Künstlern, sie nahmen
damals eine fast eben so hohe Stellung in der Gesellschaft ein als
jetzt, ja ihr Verdienst war im Verhältniß zu dem Nationalreichthum und
dem Lohne, welcher anderen Arten geistiger Arbeit gewährt wurde, sogar
größer als gegenwärtig. In der That zog die freigebige Gönnerschaft,
welche den Künstlern zu Theil ward, sie schaarenweise an unsere Küsten.
Lely, der uns die üppigen Locken, die vollen Lippen und die
schmachtenden Augen der von Hamilton gefeierten ätherischen Schönheiten
hinterlassen hat, war ein Westfale. Er starb 1680, nachdem er lange
glänzend gelebt, die Ritterwürde empfangen und sich von den Früchten
seiner Kunst ein ansehnliches Vermögen erspart hatte. Seine schöne
Sammlung von Zeichnungen und Gemälden wurde nach seinem Tode mit
Erlaubniß des Königs im Bankethause von Whitehall ausgestellt und dann
für die fast unglaubliche Summe von sechsundzwanzigtausend Pfund
Sterling versteigert, eine Summe, welche zu dem Vermögen der damaligen
Reichen in einem größeren Verhältnisse stand, als hunderttausend Pfund
zu dem Vermögen eines Reichen unserer Tage.[165] Auf Lely folgte sein
Landsmann Gottfried Kneller, der nacheinander zum Ritter und zum Baronet
erhoben wurde und der, obgleich er ein großes Haus geführt und in
unglücklichen Spekulationen viel Geld verloren hatte, seiner Familie
doch noch ein sehr bedeutendes Vermögen hinterlassen konnte. Die beiden
Vandevelde, geborene Holländer, waren durch die englische Freigebigkeit
bewogen worden, zu uns überzusiedeln, und malten für den König und den
hohen Adel einige der schönsten Seestücke, die es giebt. Ein andrer
Holländer, Simon Varelst, malte herrliche Sonnenblumen und Tulpen zu
Preisen, wie sie bis dahin noch nie bezahlt worden waren. Verrio, ein
Neapolitaner, schmückte Decken und Treppenhäuser mit Gorgonen und Musen,
mit Nymphen und Satyrn, mit Tugenden und Lastern, mit nektarschlürfenden
Göttern und lorbeerbekränzten, im Triumph einherziehenden Fürsten. Das
Einkommen, das ihm seine Arbeiten verschafften, setzte ihn in den Stand,
eine der üppigsten Tafeln in England zu führen. Für seine Malereien in
Windsor allein erhielt er siebentausend Pfund, eine Summe, welche damals
hinreichte, einem Gentleman von bescheidenen Ansprüchen für seine
Lebenszeit ein anständiges Auskommen zu sichern, eine Summe, welche
Dryden während einer vierzigjährigen literarischen Laufbahn von den
Buchhändlern noch bei weitem nicht erhalten hatte.[166] Verrio's erster
Gehülfe und Nachfolger, Ludwig Laguerre, stammte aus Frankreich. Auch
die zwei berühmtesten Bildhauer jener Zeit waren Ausländer. Cibber,
dessen ergreifende Statuen der Raserei und der Melancholie noch jetzt
eine Zierde von Bedlam sind, war ein Däne. Gibbons, dessen anmuthiger
Phantasie und zartem Pinsel viele unserer Paläste, Collegien und Kirchen
ihre schönsten inneren Ausschmückungen verdanken, war ein Holländer.
Selbst die Zeichnungen für die Münze wurden von französischen Künstlern
gefertigt. Erst unter der Regierung Georg's II. konnte sich unser
Vaterland eines großen Malers rühmen, und Georg III. saß auf dem Throne,
bevor es Ursache hatte, auf einen seiner Bildhauer stolz zu sein.
Es ist Zeit, daß ich mit der Betreibung des England, das Karl II.
regierte, zum Schluß eile. Ein Gegenstand von hoher Wichtigkeit ist
jedoch noch nicht berührt worden. Ich habe noch nichts von der großen
Masse des Volks gesagt, von Denen, die hinter dem Pfluge gingen, welche
die Ochsen pflegten, an den Webstühlen von Norwich arbeiteten und die
Portlandsteine für die St. Paulskirche herrichteten. Viel kann von ihnen
auch nicht gesagt werden. Gerade über die zahlreichste Klasse haben wir
die dürftigsten Nachrichten. Damals betrachteten es die Philantropen
noch nicht für eine heilige Pflicht und die Demagogen erkannten es noch
nicht als ein einträgliches Geschäft, sich über die Noth des Arbeiters
ausführlich zu verbreiten. Die Geschichte war zu sehr von Höfen und
Lagern in Anspruch genommen, als daß sie eine Zeile für die Hütte des
Landmanns oder für die Dachstube des Handwerkers hätte erübrigen können.
Die Presse liefert jetzt oft in einem Tage eine größere Menge von
Erörterungen und Schilderungen der Lage des Arbeiters, als in den
achtundzwanzig Jahren zwischen der Restauration und der Revolution
veröffentlicht wurden. Man würde jedoch sehr irren, wollte man aus der
Vermehrung der Klagen über diesen Gegenstand auf eine Zunahme des Elends
schließen.
[Anmerkung 165: +Walpole's Anecdotes of Painting+; +London
Gazette, Mai 31. 1683+; +North's Life of Guildford.+]
[Anmerkung 166: Die hohen Preise, welche Varelst und Verrio
bezahlt wurden, sind in Walpole's +Anecdotes of Painting+
erwähnt.]
[_Lage des niederen Volks._] Der wichtigste Maßstab für die Lage des
gemeinen Volks ist die Höhe der Arbeitslöhne, und da im siebzehnten
Jahrhundert vier Fünftel des gemeinen Volks beim Landbau beschäftigt
war, so ist die Feststellung der Löhne bei der landwirthschaftlichen
Industrie von ganz besonderer Wichtigkeit. Es stehen uns die Mittel zu
Gebote, um in Bezug auf diesen Gegenstand zu Ergebnissen zu gelangen,
die für unsren Zweck hinreichend genau sind.
[_Löhne der Feldarbeiter._] Sir Wilhelm Petty, dessen bloße Aussage
schon großes Gewicht hat, versichert uns, daß ein Feldarbeiter, der mit
Kost vier Pence und ohne Kost acht Pence Tagelohn erhielt, sich noch
nicht am schlechtesten stand. Vier Schillinge, war daher nach Petty's
Berechnung beim Landbau ein sehr guter Wochenlohn.[167]
Wir haben mehr als hinlängliche Beweise dafür, daß diese Berechnung
nicht weit von der Wirklichkeit abweicht. Zu Anfang des Jahres 1685
setzten die Richter von Warwickshire kraft einer ihnen durch einen Erlaß
der Königin Elisabeth ertheilten Vollmacht in ihrer Quartalsitzung eine
Lohntaxe für die Grafschaft fest und bestimmten, daß jeder Arbeitgeber,
der mehr als die festgesetzten Löhne bewilligte, sowie jeder Arbeiter,
der mehr annähme, bestraft werden solle. Der Lohn des gemeinen
Feldarbeiters wurde vom März bis zum September genau auf den von Petty
angegebenen Betrag festgesetzt, nämlich auf vier Schillinge wöchentlich,
ohne Kost. Vom September bis zum März sollte der Lohn nur drei
Schillinge 6 Pence betragen.[168]
Die Löhne des Landmanns waren jedoch damals, wie auch jetzt, in den
verschiedenen Theilen des Landes sehr verschieden. In Warwickshire
betrugen sie wahrscheinlich ungefähr die Durchschnittssumme, in den
Grafschaften zunächst der schottischen Grenze waren sie noch niedriger;
allein es gab auch begünstigtere Districte. In dem nämlichen Jahre --
1685 -- ließ ein Gentleman von Devonshire, Namens Richard Dunning, ein
kleines Schriftchen erscheinen, in welchem er die Lage der Armen dieser
Grafschaft beschrieb. Es kann nicht bezweifelt werden, daß er von seinem
Gegenstande die genaueste Kenntniß hatte, denn schon nach wenigen
Monaten erlebte die Schrift eine neue Auflage und wurde von den zur
Quartalsitzung in Exeter versammelten Magistratsbeamten der Beachtung
aller Gemeindevorstände dringend empfohlen. Nach ihm betrug der
Wochenlohn des Feldarbeiters in Devonshire ungefähr fünf Schillinge ohne
Kost.[169]
Noch besser standen sich die Arbeiter in der Umgegend von Bury St.
Edmund's. Die Magistratsbeamten von Suffolk versammelten sich dort im
Frühjahr 1682, um eine Lohntaxe festzustellen, und sie beschlossen, daß
der Arbeiter, wenn er nicht beköstigt würde, im Winter fünf und im
Sommer sechs Schillinge wöchentlich erhalten sollte.[170]
Im Jahre 1661 hatten die Richter von Chelmsford den Wochenlohn des
Arbeiters in Essex, wenn er nicht beköstigt wurde, auf sechs Schillinge
im Winter und sieben im Sommer festgesetzt. Dies scheint der höchste
Lohn zu sein, der zwischen der Restauration und der Revolution für
Feldarbeit im Königreiche bewilligt wurde, und es ist hierbei noch zu
bemerken, daß in dem Jahre, wo diese Bestimmungen getroffen wurden, die
Lebensmittel unmäßig theuer waren. Der Quarter Weizen kostete siebenzig
Schillinge, ein Preis, bei dem man selbst heutzutage von Hungersnoth
sprechen würde.[171]
Diese Thatsachen stehen im vollkommensten Einklange mit einem anderen
Factum, das Beachtung verdient. Es liegt auf der Hand, daß in einem
Lande, wo Niemand zum Militairdienst gezwungen werden kann, die Reihen
einer Armee sich nicht füllen werden, wenn die Regierung einen erheblich
geringeren Sold bietet, als der Lohn eines gewöhnlichen Landarbeiters
beträgt. Gegenwärtig beträgt die Löhnung eines Gemeinen, einschließlich
des Biergeldes, bei der Linie sieben Schillinge und sieben Pence die
Woche. Dieser Sold, verbunden mit der Aussicht auf eine Pension, zieht
jedoch die englische Jugend nicht in hinreichender Zahl an, und man
sieht sich genöthigt, den Ausfall durch ausgedehnte Werbungen unter der
ärmeren Bevölkerung von Munster und Connaught zu decken. Im Jahre 1685
betrug die Löhnung des gemeinen Infanteristen nur vier Schillinge acht
Pence die Woche, und dennoch ist es erwiesen, daß es der Regierung in
jenem Jahre nicht schwer wurde, binnen sehr kurzer Zeit viele Tausend
englische Rekruten zu erhalten. In der Armee der Republik hatte die
Löhnung des gemeinen Fußsoldaten sieben Schillinge betragen, das heißt
so viel, als unter Karl II. ein Korporal bekam,[172] und dieser Sold
erwies sich als hinreichend, um die Reihen des Heeres mit Männern zu
füllen, welche entschieden über der großen Masse des Volks standen. Im
Ganzen scheint man daher mit gutem Grunde annehmen zu können, daß unter
der Regierung Karl's II. der gewöhnliche Lohn des Bauern nicht über vier
Schillinge die Woche betrug, daß aber in einigen Gegenden des Landes
fünf Schillinge, sechs Schillinge, und während der Sommermonate selbst
sieben Schillinge bezahlt wurden. Gegenwärtig würde der Zustand eines
Districts, in welchem der Arbeitsmann nur sieben Schillinge wöchentlich
verdiente, für höchst traurig gelten. Der durchschnittliche Lohn ist
bedeutend höher, und in wohlhabenden Grafschaften steigt der Wochenlohn
des ländlichen Arbeiters auf zwölf, vierzehn und sogar sechzehn
Schillinge.
[Anmerkung 167: +Petty's Political Arithmetic.+]
[Anmerkung 168: +Stat. 5. Eliz. c. 4. Archaeologia vol. XI.+]
[Anmerkung 169: +Plain and easy Method showing how the Office of
Overseer of the Poor may be managed, by Richard Dunning; 1st
edition, 1685, 2d edition, 1686.+]
[Anmerkung 170: +Cullum's History of Hawsted.+]
[Anmerkung 171: +Ruggles on The Poor.+]
[Anmerkung 172: Siehe in +Thurloe's State Papers+ das Memorandum
der holländischen Deputirten, vom 2.(12.) August 1653.]
[_Löhne der Fabrikarbeiter._] Der Lohn der in den Fabriken beschäftigten
Arbeiter ist stets höher gewesen, als der der landwirthschaftlichen
Arbeiter. Im Jahre 1680 bemerkte ein Mitglied des Hauses der Gemeinen,
daß es wegen der hohen Arbeitslöhne, die in unsrem Lande bezahlt würden,
unseren Geweben unmöglich sei, mit den Erzeugnissen der indischen
Webstühle zu concurriren. Anstatt wie ein Eingeborner von Bengalen für
eine Kupfermünze zu arbeiten, verlange ein englischer Fabrikarbeiter
täglich einen Schilling.[173] Man hat noch andere Beweise dafür, daß der
englische Fabrikarbeiter damals auf einen Tagelohn von einem Schilling
Anspruch machen zu können glaubte, daß er aber oft gezwungen war, für
einen geringeren Lohn zu arbeiten. Das gemeine Volk jener Zeit pflegte
sich noch nicht zum Behuf öffentlicher Besprechungen zu versammeln,
Reden zu halten oder beim Parlament zu petitioniren. Keine Zeitung
vertrat seine Sache, nur in rohen Liedern sprach seine Liebe und sein
Haß, seine Freude und sein Kummer sich aus. Einen großen Theil seiner
Geschichte kann man nur aus seinen Balladen lernen. Eins der
merkwürdigsten von den Volksliedern, welche zur Zeit Karl's II. in den
Straßen von Norwich und Leeds gesungen wurden, kann man noch heute auf
dem ursprünglichen Druckbogen lesen. Es ist ein heftiger und bitterer
Wehschrei der Arbeit gegen das Kapital, es schildert die guten alten
Zeiten, als noch jeder Arbeiter in den Wollenmanufacturen so gut lebte
wie ein Pächter. Aber diese Zeiten waren vorbei. Sechs Pence den Tag
waren jetzt das Höchste, was bei angestrengter Arbeit am Webstuhle
verdient werden konnte. Wenn die Armen sich beklagten, daß sie von so
kargem Lohne nicht leben könnten, antwortete man ihnen, daß es ihnen
freistehe, denselben anzunehmen oder nicht. Für so jämmerlichen Lohn
mußten die Erzeuger des Reichthums vom frühen Morgen bis zum späten
Abend arbeiten, während der Meister Tuchmacher unter Essen, Schlafen und
Müßiggehen durch ihre Anstrengungen reich wurde. Ein Schilling den Tag,
erklärt der Dichter, sei der Lohn, der dem Weber von Rechtswegen
zukomme.[174] Wir können daraus schließen, daß unter der der Revolution
vorausgehenden Generation ein in der großen Hauptmanufactur Englands
beschäftigter Arbeiter sich für gut bezahlt hielt, wenn er sechs
Schillinge die Woche verdiente.
[Anmerkung 173: Der Redner war John Basset, Abgeordneter von
Barnstaple. Siehe +Smith's Memoirs of Wool, chap. 68.+]
[Anmerkung 174: Diese Ballade befindet sich im Britischen Museum.
Das Jahr ist nicht angegeben, aber das Imprimatur von Roger
Lestrange bezeichnet das Datum hinreichend genau für meinen Zweck.
Ich will einige Strophen hier anführen. Der Meister Tuchmacher
wird folgendermaßen redend eingeführt:
In früheren Zeiten zahlten wir einen Lohn,
Daß der Arbeiter lebte wie des Pächters Sohn,
Doch mögen sie wissen, daß sich ändert die Zeit.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Hart soll er arbeiten für sechs Pence den Tag,
Obwohl ihm ein Schilling zukommen mag.
Und murrt er und sagt, der Lohn sei zu klein,
So hat er die Wahl, ob ja oder nein.
So werden wir reich und pflegen uns gut
Von des Armen saurem Schweiß und Blut.
Das Tuchgeschäft hoch! Es geht ja ganz brav!
Doch wir denken nicht d'ran uns zu plagen wie 'n Sklav'.
Unser Arbeiter schwitzt, wir freu'n uns der Welt
Und gehen und kommen wie's uns gefällt.]
[_Arbeit der Kinder in den Fabriken._] Es mag hier erwähnt werden,
daß der Gebrauch, Kinder frühzeitig zur Arbeit zu verwenden, ein
Gebrauch, den der Staat als rechtmäßiger Beschützer Derer, die sich
selbst noch nicht beschützen können, in unsrer Zeit mit weiser
Menschenfreundlichkeit verboten hat, im siebzehnten Jahrhundert in einer
Ausdehnung herrschte, welche bei Vergleichung mit dem Umfange des
Fabrikwesens kaum glaublich erscheint. In Norwich, dem Hauptsitze der
Tuchmanufactur, wurde ein sechsjähriges Kind schon für arbeitsfähig
gehalten. Verschiedene Schriftsteller jener Zeit, darunter manche, die
für große Menschenfreunde galten, erwähnen rühmend, daß in dieser Stadt
allein Knaben und Mädchen von zartem Alter einen Reichthum erzeugten,
der das zu ihrem Lebensunterhalt Erforderliche um zwölftausend Pfund
Sterling jährlich übersteige.[175] Je sorgfältiger wir die Geschichte
der Vergangenheit prüfen, um so mehr Grund finden wir, von der Meinung
Derer abzuweichen, welche glauben, unsre Zeit sei fruchtbar an neuen
socialen Übeln gewesen. Die Wahrheit ist, daß diese Übel, mit kaum einer
Ausnahme, alt sind. Neu ist nur die Einsicht, welche dieselben erkennt,
und die Humanität, die sie beseitigt.
[Anmerkung 175: +Chamberlayne's State of England+; +Petty's
Political Arithmetic, chap. VIII+; +Dunning's Plain and Easy
Method+; +Firmin's Proposition for the Employing of the Poor.+ Es
muß bemerkt werden, daß Firmin ein ausgezeichneter Philantrop
war.]
[_Löhne verschiedener Klassen von Handwerkern._] Wenn wir von den
Tuchwebern zu einer andren Klasse von Arbeitern übergehen, so werden
unsere Untersuchungen zu den nämlichen Resultaten führen. Die Commissare
des Greenwich-Hospitals zeichneten mehrere Generationen hindurch die
Löhne auf, welche verschiedenen bei den Reparaturen des Gebäudes
beschäftigten Handwerkern bezahlt wurden. Aus diesen werthvollen
Aufzeichnungen ergiebt sich, daß im Laufe von hundertzwanzig Jahren der
Tagelohn des Ziegeldeckers von einer halben Krone auf vier Schillinge
zehn Pence, der des Maurers von einer halben Krone auf fünf Schillinge
drei Pence, der des Zimmermanns von einer halben Krone auf fünf
Schillinge fünf Pence, und der des Bleideckers von drei Schillingen auf
fünf Schillinge sechs Pence gestiegen ist.
Daraus geht klar hervor, daß die Arbeitslöhne, nach dem Geldbetrage, im
Jahre 1685 nur halb so hoch waren als gegenwärtig, und nur wenige für
den Arbeiter wichtige Artikel waren 1685 nur halb so theuer als jetzt.
Das Bier war allerdings damals viel wohlfeiler als jetzt. Auch das
Fleisch war wohlfeiler, aber immer noch so theuer, daß Tausende von
Familien kaum den Geschmack desselben kannten.[176] Der Preis des
Weizens hat sich wenig geändert. Während der zwölf letzten
Regierungsjahre Karl's II. war der Durchschnittspreis des Quarters
funfzig Schillinge. Daher war ein Brod, wie es gegenwärtig die Bewohner
eines Zuchthauses bekommen, damals selbst auf dem Tische eines
Freisassen oder eines Ladenkrämers eine Seltenheit. Die große Mehrzahl
der Nation lebte von Roggen, Gerste und Hafer.
Die Erzeugnisse der tropischen Gegenden, die Erzeugnisse des Bergbaues
und die Erzeugnisse des Maschinenwesens waren unzweifelhaft theurer als
gegenwärtig. Zu den Bedürfnissen, welche der Arbeiter 1685 theurer
bezahlen mußte als seine Nachkommen im Jahre 1848, gehörten unter
anderen Zucker, Salz, Kohlen, Lichter, Seife, Schuhe, Strümpfe und
überhaupt alle Bekleidungsstücke und alles Bettzeug. Man darf
hinzusetzen, daß die Kleider und Bettdecken in früherer Zeit nicht nur
theurer, sondern auch weniger haltbar waren als die neueren Fabrikate.
[Anmerkung 176: King veranschlagt in seinen +National and
Political Conclusions+ das gemeine Volk Englands auf ungefähr
achthundertachtzigtausend Familien. Nur die Hälfte von diesen
Familien genoß seiner Aussage nach zweimal wöchentlich animalische
Nahrung, die andre Hälfte gar keine, oder höchstens einmal die
Woche.]
[_Zahl der Armen._] Man darf nicht vergessen, daß diejenigen Arbeiter,
welche im Stande waren, sich und ihre Familien durch ihrer Hände Arbeit
zu ernähren, nicht die bedürftigsten Mitglieder des Gemeinwesens waren.
Unter ihnen stand noch eine zahlreiche Klasse, welche ohne fremde
Unterstützung nicht leben konnte. Es wird kaum einen besseren Maßstab
für die Lage des gemeinen Volks geben als das Verhältniß, in welchem die
erwähnte Klasse zu der Einwohnerzahl steht. Aus den amtlichen
Armenlisten geht hervor, daß gegenwärtig die Männer, Frauen und Kinder,
welche Unterstützung erhalten, in schlechten Jahren ein Zehntel und in
guten ein Dreizehntel der Bewohner Englands bilden. Gregor King schätzte
sie zu seiner Zeit auf mehr als ein Fünftel; und diese Schätzung, die
wir bei aller Achtung vor seiner Autorität kaum anders als übertrieben
nennen können, wurde von Davenant für höchst verständig erklärt.
Wir sind nicht ganz ohne die Mittel, um selbst eine Schätzung zu machen.
Die Armensteuer war unzweifelhaft die drückendste Abgabe, die zu jener
Zeit auf unseren Vorfahren lastete. Sie wurde unter Karl II. auf nahe an
siebenhunderttausend Pfund Sterling jährlich berechnet; das war weit
mehr als der Ertrag der Accise und Zölle und nicht viel weniger als die
Hälfte des Gesammteinkommens der Krone. Die Armensteuer nahm mit
reißender Schnelligkeit zu und stieg in kurzer Zeit auf acht- bis
neunhunderttausend Pfund, das heißt auf ein Sechstel ihres jetzigen
Betrags. Die Einwohnerzahl war damals nur ein Drittel so stark als
gegenwärtig. Das Minimum des Arbeitslohnes, in Gelde geschätzt, war die
Hälfte von dem was es jetzt ist, und wir dürfen daher kaum annehmen, daß
die einem Armen gewährte Unterstützung im Durchschnitt mehr als die
Hälfte von dem betrug, was ihm gegenwärtig zu Theil wird. Daraus scheint
zu folgen, daß damals ein größerer Theil des englischen Volks
Gemeindeunterstützung erhielt als jetzt. Man muß gegen solche
Schätzungen immer mißtrauisch sein, jedenfalls aber ist es noch durch
nichts bewiesen worden, daß der Pauperismus während des letzten Viertels
des siebzehnten Jahrhunderts eine minder drückende Last oder ein
kleineres sociales Übel war als er es in unsrer Zeit ist.[177]
In einem Punkte muß man indessen zugestehen, daß der Fortschritt der
Civilisation das physische Wohlsein eines Theils der ärmsten Klasse
vermindert hat. Es ist schon erwähnt worden, daß viele tausend
Quadratmeilen, die jetzt eingehegt und angebaut sind, damals Sumpf, Wald
und Heide waren. Von diesem wilden Land war ein großer Theil rechtliches
Gemeingut, und vieles von dem, was nicht Gemeingut war, hatte einen so
geringen Werth, daß die Eigenthümer es factisch Gemeingut sein ließen.
Auf solchen Landstrecken wurden unbefugte Ansiedler in einer jetzt nicht
gekannten Ausdehnung geduldet. Der dort wohnende Landmann konnte sich
mit wenig oder gar keinen Kosten zuweilen eine schmackhafte Zuspeise zu
seiner harten Kost verschaffen und sich für den Winter mit Brennholz
versorgen. Auf dem Platze, der gegenwärtig ein Obstgarten mit blühenden
Äpfelbäumen ist, hielt er eine Heerde Gänse. Er fing wildes Geflügel auf
dem Sumpfe, der jetzt schon längst ausgetrocknet und in Korn- und
Rübenfelder abgetheilt ist. Er stach Torf unter den Ginsterbüschen auf
dem Moore, der jetzt eine Wiese mit blühendem Klee ist, berühmt durch
ihre Butter und ihrem Käse.
[Anmerkung 177: Vierzehnter Bericht der Armengesetz-Commission,
Anhang +B+, Nr. 2, Anhang +C+, Nr. 1, 1848. Von den beiden oben
erwähnten Schätzungen war die eine von Arthur Moore, die andre,
einige Jahre später vorgenommene von Richard Dunning. Moore's
Schätzung findet man in Davenant's +Essay on Ways and Means+, die
Dunning'sche in Sir Friedrich Eden's werthvollem Werke über die
Armen. King und Davenant schätzen die Armen und Bettler im Jahre
1696 auf die unglaubliche Zahl von 1,330,000 bei einer Bevölkerung
von 5½ Millionen. Im Jahre 1846 belief sich nach den amtlichen
Listen die Zahl Derer, welche Unterstützung erhielten, nur auf
1,332,089 bei einer Bevölkerung von ungefähr 17 Millionen. Hierbei
ist auch zu bemerken, daß in den amtlichen Listen ein Armer sehr
leicht mehr als einmal gezählt wird. -- Ich möchte dem Leser
rathen, De Foe's Flugschrift, betitelt: +Giving Alms no Charity+,
zu lesen und die Listen von Greenwich in M'Culloch's +Commercial
Dictionary+ unter dem Artikel +Prices+ nachzusehen.]
[_Welchen Nutzen die Fortschritte der Civilisation dem gemeinen Volke
brachten._] Die Fortschritte des Landbaues und die Zunahme der
Bevölkerung mußten den Landmann dieser Vortheile nothwendig berauben;
dafür aber läßt sich eine lange Liste anderer Vortheile anführen. Ein
großer Theil der Segnungen, welche Civilisation und wissenschaftliche
Bildung in ihrem Gefolge haben, kommt allen Ständen zu Gute und würde im
Fall der Entziehung von dem Arbeiter eben so schmerzlich vermißt werden,
als von dem Peer. Der Marktort, den der Bauer mit seinem Karren jetzt in
einer Stunde erreichen kann, war vor hundertsechzig Jahren eine
Tagereise weit entfernt. Die Straße, die dem Handwerker jetzt die ganze
Nacht hindurch einen sicheren, bequemen und glänzend erleuchteten
Spaziergang darbietet, war vor hundertsechzig Jahren nach
Sonnenuntergang so dunkel, daß er die Hand nicht vor den Augen hätte
sehen können, so schlecht gepflastert, daß er beständig in Gefahr
geschwebt hätte, den Hals zu brechen, und so schlecht bewacht, daß er
keinen Augenblick sicher gewesen wäre, überfallen und seines kleinen
Verdienstes beraubt zu werden. Jeder Maurer, der von einem Gerüste
herabfällt, jeder Gassenkehrer, der von einem Wagen überfahren wird, hat
jetzt die Gewißheit, daß seine Wunden so zweckmäßig verbunden und seine
Glieder so geschickt eingerichtet werden, wie es vor hundertsechzig
Jahren ein vornehmer Lord wie Ormond, oder ein Handelsfürst wie Clayton
für all' seinen Reichthum nicht haben konnte. Manche schreckliche
Krankheiten sind durch die Wissenschaft ausgerottet, manche andere durch
polizeiliche Maßregeln beseitigt worden. Die Dauer des menschlichen
Lebens hat sich im ganzen Königreiche und namentlich in den Städten
verlängert. Das Jahr 1685 galt für kein ungesundes, und doch starb in
diesem Jahre mehr als einer von dreiundzwanzig Bewohnern der
Hauptstadt.[178] Gegenwärtig stirbt erst von vierzig Einwohnern der
Hauptstadt im Jahre einer. Der Unterschied in gesundheitlicher Beziehung
zwischen dem London des neunzehnten und dem London des siebzehnten
Jahrhunderts ist weit größer als der zwischen dem heutigen London in
gewöhnlicher Zeit und zur Cholerazeit.
Noch wichtiger sind die Vortheile, welche allen Klassen der
Gesellschaft, und namentlich den niederen durch den mildernden Einfluß
der Civilisation auf den Nationalcharacter erwachsen sind. Der Grundzug
desselben ist allerdings viele Menschenalter hindurch insofern der
nämliche geblieben, als man überhaupt sagen kann, daß der allgemeine
Character des Einzelnen, nachdem er ein gebildeter und verständiger Mann
geworden, noch derselbe ist als zu der Zeit, da er ein unerfahrener und
gedankenloser Schulknabe war. Es ist eine erfreuliche Erscheinung, daß
der englische Volksgeist, während er gereift ist, sich zugleich auch
gemildert hat und daß wir im Laufe der Zeit nicht nur ein weiseres,
sondern auch ein sanfteres Volk geworden sind. Es giebt kaum ein Blatt
der Geschichte oder der leichteren Literatur des siebzehnten
Jahrhunderts, welches nicht einen Beleg dafür enthielte, daß unsere
Vorfahren weniger human waren als ihre Nachkommen es sind. In den
Werkstätten, in den Schulen und in den Familien herrschte eine ungleich
strengere, obwohl keineswegs wirksamere Zucht als gegenwärtig.
Dienstherren von guter Herkunft und Erziehung pflegten ihre Untergebenen
zu schlagen; Lehrer und Erzieher kannten kein andres Mittel, um ihren
Zöglingen Kenntnisse beizubringen, als Schläge, und Ehemänner ganz
achtbaren Standes schämten sich nicht, ihre Gattinnen zu schlagen.
Die Erbitterung feindlicher Parteien war so heftig, daß wir es kaum
begreifen können. Whigs murrten darüber, daß man Stafford sterben ließ,
ohne vorher seine Eingeweide vor seinen Augen zu verbrennen. Tories
schmähten und insultirten Russell, als er vom Tower nach dem Richtplatze
in Lincoln's Inn Fields fuhr.[179] Eben so wenig Mitleid zeigte der
Pöbel gegen Verurtheilte niederen Standes. Ein Verbrecher, der an den
Pranger gestellt wurde, konnte von Glück sagen, wenn er unter dem Hagel
von Ziegel und Pflastersteinen mit dem Leben davon kam.[180] Wenn er an
den Karren angebunden wurde, um gestäupt zu werden, drängte sich der
Haufe um ihn und ermahnte den Henker, ihm tüchtig aufzuzählen, damit er
ordentlich heulte.[181] Gentlemen unternahmen an Gerichtstagen
Lustfahrten nach Bridgewell, um die unglücklichen Weiber auspeitschen zu
sehen, welche dort Hanf brechen mußten.[182] Ein Mann, der zu Tode
gepreßt wurde, weil er sich weigerte, vor Gericht zu antworten, oder
eine Frau, die wegen Falschmünzerei verbrannt wurde, erregten weniger
Theilnahme als jetzt ein wundgeriebenes Pferd oder ein übermäßig
angestrengter Ochse; Kämpfe, im Vergleich mit denen ein Boxerkampf ein
edles und humanes Schauspiel ist, gehörten zu den Lieblingsbelustigungen
eines großen Theiles der Bewohner. Massen von Zuschauern versammelten
sich, um Gladiatoren einander mit tödtlichen Waffen in Stücke hauen zu
sehen und brachen in Jubelgeschrei aus, wenn einer der Kämpfer einen
Finger oder ein Auge verlor. Die Gefängnisse waren irdische Höllen,
Herde aller nur denkbaren Laster und Krankheiten. Bei den Assisen
brachten die abgezehrten und leichenhaft aussehenden Angeklagten aus
ihren Kerkern einen Pestgestank mit in das Gerichtszimmer, der sie
zuweilen an den Richtern, Anwälten und Geschwornen empfindlich rächte.
Aber gegen all' dieses Elend blieb die Gesellschaft vollkommen
gleichgültig. Nirgends fand man die mitleidige, nie ruhende Theilnahme,
welche in unsrer Zeit dem Kinde in den Fabriken, wie der Hinduwittwe und
dem Negersklaven einen kräftigen Schutz gewährt, die die Mundvorräthe
und Wasserfässer jedes Auswandererschiffes untersucht, der jeder
Peitschenhieb auf den Rücken eines betrunkenen Soldaten weh thut, die es
nicht dulden will, daß der Dieb auf den Gefangnenschiffen schlecht
genährt oder übermäßig angestrengt wird und die sich wiederholt selbst
für das Leben des Mörders verwendet hat. Allerdings muß, wie jedes andre
Gefühl, das Mitleid unter der Oberherrschaft der Vernunft bleiben und es
hat, wenn es sich von dieser Herrschaft lossagt, schon oft nachtheilige
und selbst beklagenswerthe Folgen gehabt. Aber je genauer wir die
Annalen der Vergangenheit studiren, um so freudiger werden wir erkennen,
daß wir in einem Zeitalter des Erbarmens leben, in einem Zeitalter, in
welchem jede Grausamkeit verabscheut und selbst wohlverdienter Schmerz
nur mit Widerwillen und lediglich aus Pflichtgefühl zugefügt wird. Durch
diese große sittliche Veränderung hat unzweifelhaft jede Klasse viel
gewonnen, am meisten aber die ärmste, die abhängigste und wehrloseste
Klasse.
[Anmerkung 178: Die Zahl der Todesfälle betrug 23,222. -- +Petty's
Political Arithmetic.+]
[Anmerkung 179: +Burnet I. 560.+]
[Anmerkung 180: +Muggleton's Acts of The Witnesses of the
Spirit.+]
[Anmerkung 181: Tom Browne schildert eine solche Scene in Worten,
die ich nicht anzuführen wage.]
[Anmerkung 182: +Ward's London Spy.+]
[_Täuschung, welche die Menschen verleitet, das Glück früherer
Geschlechter zu überschätzen._] Das Gesammtergebniß der dem Leser
vorgeführten Thatsachen dürfte kaum zweifelhaft sein. Trotz der
augenfälligsten Beweise aber werden sich noch immer Viele das England
der Stuarts als ein glücklicheres Land vorstellen als das England ist,
in dem wir leben. Es mag auf den ersten Blick sonderbar scheinen, daß
eine Gesellschaft, die mit rastloser Eil vorwärts schreitet, dennoch
beständig mit schmerzlicher Sehnsucht zurückblickt. Aber wie unvereinbar
diese beiden Neigungen auch scheinen mögen, so lassen sie sich doch
leicht auf gleichen Ursprung zurückführen. Beide entspringen aus unsrer
Unzufriedenheit mit dem Zustande, in dem wir uns eben befinden, und
diese Unzufriedenheit spornt uns an, vergangene Generationen zu
überflügeln, verleitet uns aber zu gleicher Zeit auch, ihr Glück zu
überschätzen. In gewissem Sinne ist es thöricht und undankbar von uns,
daß wir beständig unzufrieden sind mit einem Zustande, der sich
beständig bessert. Aber eben weil beständige Unzufriedenheit herrscht,
findet beständige Besserung statt. Wenn wir mit der Gegenwart vollkommen
zufrieden wären, würden wir aufhören zu sinnen, zu arbeiten und in
Hinblick auf die Zukunft zu sparen. Da uns aber die Gegenwart nicht
befriedigt, ist es auch natürlich, daß wir eine zu günstige Meinung von
der Vergangenheit haben.
Wir sind in der That in einer Täuschung befangen, ähnlich der, welche
den Reisenden in der arabischen Wüste irre führt. Unter den Füßen der
Karawane ist Alles trocken und kahl, und vor und hinter ihr in weiter
Ferne schimmern erquickende Wasserspiegel. Die Pilger eilen vorwärts und
finden nichts als Sand, wo sie vor einer Stunde einen See gesehen
hatten. Sie wenden sich um und erblicken einen See da, wo sie vor einer
Stunde durch den Sand wateten. Eine ähnliche Täuschung scheint die
Nationen durch alle Stadien der langen Reise aus Armuth und Barbarei zu
den höchsten Stufen des Wohlstandes und der Civilisation zu begleiten.
Verfolgen wir aber das Trugbild entschlossen nach rückwärts, so werden
wir es bis in die Regionen des sagenhaften Alterthums zurückweichen
sehen. Man pflegt jetzt das goldene Zeitalter Englands in eine Zeit zu
versetzen, wo der vornehmste Mann Bequemlichkeiten entbehrte, deren
Mangel einem modernen Lakaien unerträglich sein würde, wo der Landwirth
und Krämer zum Frühstück ein Brod aßen, dessen bloßer Anblick in einem
Arbeitshause der Neuzeit eine Meuterei hervorrufen würde, wo die
Menschen in der reinsten Landluft früher starben, als jetzt in den
verpestetsten Gäßchen unserer Städte, und wo sie in den Gäßchen der
Städte früher starben als jetzt auf der Küste von Guiana. Auch wir
werden einst übertroffen, auch wir werden einst beneidet werden. Es kann
wohl kommen, daß im zwanzigsten Jahrhundert der Landmann von Dorsetshire
sich mit fünfzehn Schillingen die Woche für schlecht bezahlt hält, daß
der Zimmermann in Greenwich zehn Schillinge den Tag verdient, daß der
Arbeiter eben so wenig gewohnt ist, zu Mittag das Fleisch zu entbehren,
als er jetzt gewohnt ist, Roggenbrod zu essen, daß Gesundheitspolizei
und arzneiwissenschaftliche Entdeckungen die durchschnittliche Dauer des
menschlichen Lebens noch um mehrere Jahre verlängern, daß zahlreiche
Annehmlichkeiten und Genüsse, die jetzt unbekannt oder doch nur Wenigen
zugänglich sind, jedem fleißigen und strebsamen Arbeiter erreichbar
werden. Und doch wird man auch dann vielleicht sagen, daß die Zunahme
des Wohlstandes und die Fortschritte der Wissenschaft nur der Minderheit
auf Kosten der Mehrheit zu Gute gekommen seien, und wird von der
Regierung der Königin Victoria sprechen als von einer Zeit, da England
wirklich das glückliche England war, wo das Band brüderlicher Sympathie
alle Klassen umschlang, wo der Anblick des Reichen das Auge des Armen
nicht verletzte und der Arme den Glanz des Reichen nicht beneidete.
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