völlig verändert worden. Vor diesem Zeitabschnitte bildeten die
Geistlichen die Majorität im Hause der Lords; sie kamen an Glanz und
Reichthum den vornehmsten weltlichen Baronen gleich, ja sie übertrafen
diese zuweilen darin und bekleideten in der Regel die höchsten
Staatsämter, der Lordschatzmeister war häufig ein Bischof, der
Lordkanzler war es fast stets. Der Geheimsiegelbewahrer und der
Staatsarchivar waren ebenfalls gewöhnlich Priester, Diener der Kirche
versahen die wichtigsten diplomatischen Geschäfte, kurz, man war der
Ansicht, daß der ganze, sehr bedeutende Zweig der Verwaltung, zu dessen
Führung der rauhe, kriegerische Adel untauglich war, speziell den
Theologen zustehe. Eben deshalb nahmen Männer, welche dem Lagerleben
abgeneigt, dabei aber von dem Drange beseelt waren, eine hohe Stellung
im Staate zu erlangen, in der Regel die Tonsur. Man zählte unter ihnen
Söhne unserer vornehmsten Familien und nahe Verwandte des Thrones, wie
die Scroop und Neville, die Bourchier, die Stafford und die Pole. Die
Klöster bezogen die Einkünfte ungeheurer Grundbesitzungen und den ganzen
sehr bedeutenden Theil des Zehnten, der sich gegenwärtig in den Händen
von Laien befindet. Bis um die Mitte der Regierung Heinrich's VIII. war
daher kein Beruf so lockend für ehrgeizige und habsüchtige Charactere,
als der Priesterstand. Dann aber trat eine gewaltsame Veränderung ein.
Die Abschaffung der Klöster entzog der Kirche zu gleicher Zeit den
größten Theil ihres Reichthums und das Übergewicht im Oberhause des
Parlaments. Kein Abt von Glastonbury oder von Reading saß mehr unter den
Peers und bezog Einkünfte, welche denen eines mächtigen Earl
gleichkamen. Die fürstliche Pracht eines Wilhelm von Wykeham und eines
Wilhelm von Wayneflete war verschwunden, der rothe Hut des Kardinals und
das silberne Kreuz des Legaten waren dahin. Überdies hatte der Clerus
auch den Einfluß verloren, der die natürliche Folge der Überlegenheit an
geistiger Bildung ist. Wenn ehedem ein Mann lesen konnte, vermuthete man
sogleich, daß er dem geistlichen Stande angehöre; zu einer Zeit aber,
welche Laien, wie Wilhelm Cecil und Nikolaus Bacon, Roger Ascham und
Thomas Smith, Walter Mildmay und Franz Walsingham hervorbrachte, war es
nicht mehr nöthig, Prälaten als ihren Kirchspielen herbeizurufen, damit
sie Verträge abschlössen, die Finanzen beaufsichtigten oder die Justiz
verwalteten. Der geistliche Stand hatte nicht nur aufgehört, eine
nothwendige Bedingung zur Übernahme hoher Staatsämter zu sein, sondern
er begann sogar als eine Eigenschaft betrachtet zu werden, welche dazu
unfähig machte. Die weltlichen Beweggründe, welche früher so viele
intelligente, strebsame und vornehme junge Männer bestimmt hatten, das
Priestergewand anzulegen, existirten somit nicht mehr. Unter zweihundert
Pfarreien brachte noch nicht eine soviel ein, als ein Mann von Stande zu
seinem Unterhalt für nöthig erachtete. Es gab zwar noch einträgliche
Stellen in der Kirche, doch ihrer waren sehr wenige und selbst die
reichsten erschienen dürftig im Vergleich mit dem Glanze, der früher die
Fürsten der Kirche umgeben hatte. Das Haus, das ein Parker und Grindal
führten, mußte Denen ärmlich vorkommen, die sich der kaiserlichen Pracht
Wolsey's, seiner Paläste, Whitehall und Hampton Court, welche die
Lieblingswohnungen der Könige geworden waren, der drei glänzenden
Tafeln, welche täglich in seinem Speisesaale gedeckt wurden, der
vierundvierzig prachtvollen Chorröcke, die in seiner Kapelle hingen, der
kostbaren Livreen seiner Bedienten und der vergoldeten Streitäxte seiner
Leibwächter erinnerten. So verlor der geistliche Stand seine
Anziehungskraft für die höheren Klassen, und während des ganzen
Jahrhunderts nach der Thronbesteigung der Königin Elisabeth sah man kaum
einen einzigen Jüngling von vornehmer Geburt in den Priesterstand
treten. Zu Ende der Regierung Karl's II. gab es zwei Bischöfe und vier
oder fünf Geistliche mit einträglichen Stellen, welche Peerssöhne waren;
aber diese wenigen Ausnahmen verwischten den Mißcredit nicht, der auf
dem ganzen Stande lastete. Der Klerus wurde in seiner Gesammtheit als
eine plebejische Klasse betrachtet. Und in der That, auf einen
Geistlichen, der wie ein Gentleman lebte, kamen zehn andere, die nicht
viel mehr als Hausdiener waren. Ein großer Theil von denjenigen, welche
keine Pfründen hatten oder deren Pfründen zu gering waren, um ein
anständiges Auskommen zu gewähren, lebte in den Häusern von Laien. Daß
diese Sitte die Würde des geistlichen Standes untergraben mußte, hatte
man schon längst erkannt; Laud hatte sich bemüht, eine Änderung
herbeizuführen und Karl I. hatte mehr als einmal auf das Bestimmteste
anbefohlen, daß es nur vornehmen und angesehenen Familien gestattet
werden solle, Hauskaplane zu halten.[51] Aber diese Verordnungen wurden
nicht mehr befolgt. Während der Herrschaft der Puritaner konnten auch
wirklich viele abgesetzte Diener der anglikanischen Kirche auf keine
andere Art Obdach und Brod erhalten, als indem sie sich royalistischen
Familien anschlossen, und diese zu den Zeiten der bürgerlichen Unruhen
angenommene Sitte bestand noch lange nach der Wiederherstellung der
Monarchie und des Episcopats. In den Häusern freisinniger und gebildeter
Leute wurde der Kaplan allerdings freundlich und anständig behandelt,
seine Unterhaltung, sein wissenschaftlicher und geistlicher Rath wurden
als reichliche Gegenleistung für die ihm gewährte Kost, Wohnung und
Besoldung betrachtet, allein so war es nicht bei der Mehrzahl der
Landedelleute. Der ungebildete und unwissende Squire hielt es für ein
nothwendiges Attribut seiner Würde, daß ein Priester in vollem Ornate an
seiner Tafel das Tischgebet sprach und wußte es so einzurichten, daß er
die Würde mit Sparsamkeit vereinigte. Für Kost, ein Dachstübchen und
zehn Pfund Sterling jährlich war ein junger Levit -- dies war die damals
übliche Benennung -- zu haben, und dafür mußte er nicht nur seine
amtlichen Functionen verrichten, sondern auch die geduldige Zielscheibe
des Witzes und den stets bereitwilligen Zuhörer abgeben, bei schönem
Wetter jederzeit zum Kegeln, bei Regenwetter zum Beillespiel bei der
Hand sein und zuweilen sogar die Ausgabe für einen Gärtner oder einen
Bedienten ersparen, denn nicht selten verstutzte der hochwürdige Mann
die Obstbäume, oder striegelte die Pferde, oder bezahlte die Rechnung
des Hufschmieds, oder ging mit einem Briefe oder einem Packete zehn
Meilen weit über Land. Er durfte zwar mit am Familientische essen, aber
man erwartete von ihm, daß er sich mit der einfachsten Kost begnügte; er
durfte sich seinen Teller mit Pökelfleisch und Möhren füllen so oft er
wollte, sobald aber die Torten und Pasteten erschienen, stand er auf und
ging auf die Seite, bis er wieder gerufen wurde, um Gott für eine
Mahlzeit zu danken, die er nur theilweise genossen hatte.[52]
Nachdem er einige Jahre so gedient, fand er vielleicht eine Anstellung,
die sein Auskommen sicherte; aber oft mußte er dieses Glück durch eine
Art von Simonie erkaufen, welche mehreren Generationen von Spöttern
reichen Stoff zu Witzeleien lieferte. Es war gebräuchlich, daß er mit
der Pfarre zugleich auch eine Frau nahm. Diese hatte gewöhnlich bei
seinem Principal in Dienst gestanden, und er konnte von Glück sagen,
wenn man sie nicht in dem Verdacht hatte, die Gunst ihres Herrn in zu
reichem Maße besessen zu haben. Der Character der ehelichen
Verbindungen, welche der Geistliche der damaligen Zeit zu schließen
pflegte, bezeichnet in der That am besten die Stellung, die er in der
Gesellschaft einnahm. Ein Oxforder, der einige Monate nach dem Tode
Karl's II. schrieb, beklagte sich bitter nicht nur über die
Geringschätzung, mit der auf dem Lande der Advokat und der Apotheker auf
den Pfarrer herabsahen, sondern auch darüber, daß man jedes junge
Mädchen aus anständiger Familie eindringlich ermahnte, nie einen
geistlichen Anbeter zu ermuthigen, und daß eine junge Dame durch
Nichtachtung dieser Vorschrift fast in gleichem Grade entehrt wurde, wie
durch eine unerlaubte Liebe.[53] Clarendon, der gewiß der Kirche nicht
feind war, erwähnt es als einen Beweis von der durch die große
Revolution herbeigeführten Verschmelzung der verschiedenen Stände, daß
einige junge adelige Fräulein sich mit Geistlichen verbunden hatten.[54]
Ein Kammermädchen wurde gewöhnlich als die geeignetste Lebensgefährtin
für einen Pfarrer betrachtet. Die Königin Elisabeth selbst hatte dieses
Vorurtheil gewissermaßen förmlich sanctionirt durch die specielle
Verordnung, daß kein Geistlicher sich erlauben dürfe, ein Dienstmädchen
ohne Erlaubniß ihrer Herrschaft zu heirathen.[55] Daher waren denn
mehrere Generationen hindurch die Liebesverhältnisse zwischen
Geistlichen und Dienstmädchen ein unerschöpfliches Thema für Scherz und
Spott, und es dürfte nicht leicht sein, in den Theaterstücken des
siebzehnten Jahrhunderts ein einziges Beispiel zu finden, daß ein
Geistlicher eine Frau bekommt, die sich über den Rang einer Köchin
erhebt.[56] Selbst noch unter der Regierung Georg's II. bemerkte ein
Geistlicher, der scharfsinnigste Beobachter der Lebensweise und der
Sitten seiner Zeit, daß in reichen Häusern der Kaplan der letzte Trost
für eine Kammerzofe von zweideutigem Rufe sei, die keine Hoffnung mehr
habe, den Hausverwalter zu kapern.[57]
In der Regel machte der Geistliche, der seinen Kaplanposten um einer
Pfarre und einer Gattin willen aufgegeben, sehr bald die Erfahrung,
daß er seine Knechtschaft nur mit einer andren vertauscht hatte. Es gab
unter funfzig Pfarrstellen noch nicht eine, die ihrem Inhaber so viel
eintrug, daß er mit seiner Familie anständig leben konnte. In dem Maße
als die Kinder sich mehrten und heranwuchsen, zog Noth und Elend in das
Haus des Pfarrers ein; die Löcher im Dache seines Presbyteriums und in
seinem einzigen Rocke wurden immer größer und zahlreicher; oft mußte er
durch Handarbeit auf dem Felde, durch Füttern der Schweine oder durch
Auf- und Abladen von Düngerkarren sein tägliches Brod verdienen und
selbst die äußerste Anstrengung schützte ihn nicht immer davor, daß der
Gerichtsbote ihm auf dem Wege der Execution seine Concordanz und sein
Schreibzeug nahm. Es war ein Festtag für ihn, wenn er in die Küche eines
vornehmen Hauses eingelassen und von der Dienerschaft mit kaltem Braten
und Bier bewirthet wurde. Seine Kinder erhielten keine bessere Erziehung
als die der benachbarten Landleute; die Söhne mußten den Acker pflügen
und die Töchter in Dienst gehen. Zu studiren war ihm unmöglich, denn die
Summe, für welche das Patronatrecht seines Amtes hätte verkauft werden
können, würde kaum zur Anschaffung einer guten theologischen Bibliothek
hingereicht haben; er mußte sich daher schon überaus glücklich schätzen,
wenn er auf seinem Regale zwischen den Töpfen und Schüsseln etwa ein
Dutzend alter Bücher stehen hatte. In einer so ärmlichen Lage mußte auch
ein hervorragender und lernbegieriger Geist verrosten.
Zwar fehlte es auch damals der englischen Kirche nicht an Geistlichen,
die sich durch Talente und wissenschaftliche Bildung auszeichneten, aber
diese waren nicht unter dem Landvolke zerstreut. Sie concentrirten sich
in einigen Städten, wo die Mittel und Gelegenheiten, sich Kenntnisse zu
erwerben und die Verstandeskräfte durch häufige Übung auszubilden, in
Überfluß vorhanden waren.[58] An solchen Orten fand man Theologen,
welche durch Talent, Beredtsamkeit, umfassende Kenntniß der Literatur,
der Wissenschaft und des Lebens befähigt waren, ihre Kirche gegen Ketzer
und Zweifler siegreich zu vertheidigen, die Aufmerksamkeit eines
frivolen und weltlichen Zuhörerkreises zu fesseln, öffentliche
Verhandlungen zu leiten und der Religion selbst bei dem
ausschweifendsten Hofe Achtung zu verschaffen. Einige beschäftigten sich
damit, die Tiefen der metaphysischen Theologie zu erforschen; Andere
waren in der Auslegung der Bibel gründlich bewandert; noch Andere
verbreiteten Licht über die dunkelsten Stellen der Kirchengeschichte.
Diese zeigten sich als vollendete Meister in der Logik, Jene widmeten
sich der Redekunst mit solchem Eifer und Erfolg, daß ihre Vorträge noch
heute mit vollem Rechte für Muster des Styls gelten. Diese
ausgezeichneten Männer fanden sich jedoch fast ohne Ausnahme nur auf den
Universitäten, an den großen Kathedralen, oder in der Hauptstadt. Barrow
war kürzlich in Cambridge gestorben, Pearson war von dort auf die
Bischofsbank versetzt worden, und Cudworth und Heinrich More lebten noch
daselbst. South und Pococke, Jane und Aldrich waren in Oxford, Prideaux
in dem Kapitel von Norwich, Whitby in dem von Salisbury. Vorzugsweise
aber war es die Londoner Geistlichkeit, von der man überhaupt stets wie
von einer besonderen Klasse sprach, welche den Ruf der Gelehrsamkeit und
Beredtsamkeit ihres Standes aufrecht erhielt. Die ersten Kanzeln der
Hauptstadt waren damals mit einer bedeutenden Anzahl ausgezeichneter
Männer besetzt, unter denen man auch einen großen Theil der
Hauptwürdenträger der Kirche wählte. Sherlock predigte im Temple,
Tillotson in Lincoln's Inn, Wake und Jeremias Collier in Gray's Inn,
Burnet im Archive, Stillingfleet in der St. Paulskathedrale, Patrik in
der St. Paulskirche in Coventgarden, Fowler in St. Giles, Cripplegate,
Sharp in St. Giles in the Fields, Tenison in St. Martin, Sprat in St.
Margaret, Beveridge in St. Peter in Cornhill. Von diesen zwölf Männern,
die sich sämmtlich einen berühmten Namen in der Kirchengeschichte
gemacht haben, wurden zehn Bischöfe und vier von diesen zehn
Erzbischöfe. Ebenso waren fast die einzigen bedeutenden theologischen
Werke, welche von einem Landgeistlichen herrührten, die von Georg Bull,
der später Bischof von St. David wurde, und auch diese Werke würde Bull
schwerlich zu Stande gebracht haben, hätte er nicht ein Gut geerbt,
dessen Verkauf ihm die Mittel gewährte, sich eine Bibliothek
anzuschaffen, wie sie damals wahrscheinlich kein anderer Landgeistlicher
in England besaß.[59]
So zerfiel der anglikanische Klerus in zwei Klassen, die in Bezug auf
Kenntnisse, Sitten und gesellschaftliche Stellung weit verschieden von
einander waren. Die eine von diesen beiden Klassen, welche für die
Städte und Höfe herangebildet war, enthielt Männer, welche gründliche
Kenntniß der alten und neuen Wissenschaften besaßen; Männer, welche
fähig waren, gegen einen Hobbes oder Bossuet mit allen Waffen der
Polemik aufzutreten; Männer, welche in ihren Kanzelreden die Schönheit
und Erhabenheit des Christenthums mit solchem Scharfsinn und so
kräftiger Sprache zu schildern verstanden, daß selbst der gleichgültige
Karl II. ihnen aufmerksam zuhörte und der übermüthige Buckingham zu
hohnlächeln vergaß; Männer, welche ihre Bildung, ihre feinen Manieren
und ihre Weltkenntniß befähigte, die Gewissensräthe der Reichen und
Adeligen zu sein; Männer, mit denen Halifax gern über das Wohl und Wehe
der Staaten sprach und von denen Dryden, wie er sich nicht scheute offen
zu gestehen, schreiben gelernt hatte.[60] Der andren Klasse war ein
bescheideneres und härteres Loos bestimmt. Sie war auf dem platten Lande
zerstreut und bestand größtentheils aus Leuten, die nicht wohlhabender
und auch nicht viel gebildeter waren als kleine Pächter oder höhere
Dienstboten. Und dennoch war bei diesen Landgeistlichen, die ihr Leben
nur kärglich mit den Zehntgarben und Zehntferkeln fristeten und nicht
die entfernteste Aussicht hatten, es je in ihrem Berufe zu etwas Höherem
zu bringen, das Gefühl der Amtswürde am stärksten. Unter den Theologen,
welche der Stolz der Universitäten und die Freude der Hauptstadt waren,
und die Reichthum und hohen Rang entweder schon besaßen oder doch
gegründete Hoffnung hatten, solche zu erlangen, gab es eine der Zahl
nach sehr bedeutende Partei von höchst ehrenwerthem Character, die sich
zu den constitutionellen Regierungsgrundsätzen hinneigte. Diese Partei
lebte auf dem freundschaftlichsten Fuße mit Presbyterianern,
Independenten und Baptisten, sie würde gern allen protestantischen
Secten die unbeschränkteste Duldung gewährt und selbst einige Änderungen
in der Liturgie bewilligt haben, um die aufrichtigen und redlichen
Nonconformisten auszusöhnen. Von solcher Toleranz und Mäßigung aber
wollte der Landgeistliche nichts wissen. Er war in der That stolzer auf
seinen zerrissenen Rock als seine Vorgesetzten auf ihren Purpur und
Batist. Gerade das Bewußtsein, daß er sich in Bezug auf seine
gesellschaftliche Stellung nur wenig von den Landleuten unterschied, vor
denen er predigte, war der Grund, warum er einen übertrieben hohen Werth
auf die geistliche Würde legte, die ihm allein Anspruch auf ihre Achtung
gab. Da er in beständiger Abgeschiedenheit gelebt und nur wenig
Gelegenheit gehabt hatte, durch Lesen oder durch mündliche Unterredungen
seine Ansichten zu modificiren, so glaubte und predigte er die Lehren
von dem unveräußerlichen Erbrechte, dem passiven Gehorsam und der
Verwerflichkeit des Widerstandes in ihrer ganzen abgeschmackten
Ungereimtheit. Seit langer Zeit im Kriege mit den Dissenters der
Nachbarschaft haßte er diese nur zu oft lediglich um des Unrechts
willen, das er ihnen zugefügt und fand an den Fünfmeilen-[61] und der
Conventikelacte nichts weiter auszusetzen, als daß diese verhaßten
Gesetzte nicht schärfer wären. Den ganzen Einfluß, den seine amtliche
Stellung ihm verlieh, und dieser Einfluß war sehr groß, verwendete er
mit leidenschaftlichem Eifer zu Gunsten des Toryismus. Man würde sehr
irren, wollte man glauben, daß die Macht des Klerus damals geringer war
als jetzt, weil der Landpfarrer im Allgemeinen nicht als ein Gentleman
angesehen wurde, weil er sich nicht um die Hand einer Tochter des
Gutsherrn bewerben durfte, weil er in höheren Gesellschaftszirkeln
keinen Zutritt hatte und man es ihm überließ, mit den Dienstleuten zu
trinken und zu rauchen. Der Einfluß einer ganzen Klasse richtet sich
keineswegs nach dem Ansehen der einzelnen Glieder derselben. Ein
Kardinal ist gewiß ein viel angesehenerer Mann als ein Bettelmönch, aber
es würde ein gewaltiger Irrthum sein, wenn man annehmen wollte, daß das
Kardinalscollegium deshalb eine größere Herrschaft über die öffentliche
Meinung in Europa ausgeübt, als zum Beispiel der Franziskanerorden.
In Irland steht gegenwärtig ein Peer weit höher im Ansehen als ein
römisch-katholischer Priester; dennoch aber giebt es in Munster und
Connaught wenige Grafschaften, in denen bei einem Wahlkampfe ein Verein
von Priestern gegen eine Verbindung von Peers nicht den Sieg davon
tragen würde. Im siebzehnten Jahrhunderte war die Kanzel für einen
großen Theil der Bevölkerung das, was heutzutage die periodische Presse
ist. Kaum einer von den Bauern, die zur Pfarrkirche kamen, hatte je in
seinem Leben eine Zeitung, oder eine politische Flugschrift zu Gesicht
bekommen. Mochten die Kenntnisse ihres Seelenhirten noch so gering sein,
jedenfalls war er unterrichteter als sie. Allwöchentlich sprach er
einmal zu ihnen und Niemand erwiderte etwas auf seine Reden; bei jeder
wichtigen Gelegenheit ertönten auf vielen tausend Kanzeln zu gleicher
Zeit heftige Schmähungen gegen die Whigs und Ermahnungen zum Gehorsam
gegen den Gesalbten des Herrn, und die Wirkung dieser Reden war
ungeheuer. Von allen Ursachen, welche nach der Auflösung des Oxforder
Parlaments die heftige Reaction gegen die Exclusionisten hervorriefen,
scheinen die Predigten der Landpfarrer die wirksamsten gewesen zu sein.
[Anmerkung 51: +Heylin's Cyprianus Anglicus.+]
[Anmerkung 52: +Eachard, Causes of the Contempt of the Clergy+;
+Oldham, Satire adressed to a Friend about to leave the
University+; +Tatler, 255, 258.+ Auch in den Reisen des
Großherzogs Cosmus, Anhang A, wird gesagt, daß die englische
Geistlichkeit eine »niedrig geborene« Klasse sei.]
[Anmerkung 53: +A causidico, medicastro, ipsaque artificum
farragine, ecclesiae rector aut vicarius contemnitur et fit
ludibrio. Gentis et familiae nitor sacris ordinibus pollutus
censetur: foeminisque natalitio insignibus unicum inculcatur
saepius praeceptum, ne modestiae naufragium, faciant, aut, (quod
idem auribus tam delicatulis sonat) ne clerico se nuptas dari
patiantur. -- Angliae Notitia+ von T. Wood am New-College, Oxford
1686.]
[Anmerkung 54: +Clarendon's Life II. 21.+]
[Anmerkung 55: Siehe die Verordnungen von 1559 in der Sammlung des
Bischofs Sparrow. Jeremias Collier spricht in seinem +Essay of
Pride+ ebenfalls mit einem Unwillen von dieser Verordnung, welcher
beweist, daß sein eigner Stolz noch nicht gebeugt war.]
[Anmerkung 56: Roger und Abigail in Fletcher's +Scornful Lady+,
Bull und die Amme in Vanbrugh's +Relapse+, Smirk und Susanna in
Shadwell's, +Lancashire Witches+ sind nur einige Beispiele.]
[Anmerkung 57: +Swift's Directions to Servants.+]
[Anmerkung 58: Diese Unterscheidung zwischen Land- und
Stadtgeistlichen wird von Eachard besonders hervorgehoben und muß
Jedem auffallen, der die Kirchengeschichte der damaligen Zeit
studirt.]
[Anmerkung 59: +Nelson's Life of Bull.+ Wie schwer es dem
Landgeistlichen damals war, sich Bücher anzuschaffen, darüber
findet man Näheres in der Biographie von Thomas Bray, dem Gründer
der Gesellschaft zur Verbreitung des Evangeliums.]
[Anmerkung 60: »Ich habe ihn (Dryden) oft mit wahrem Vergnügen
äußern hören, daß er sein geringes schriftstellerisches Talent nur
dem häufigen Lesen der Schriften des großen Erzbischofs Tillotson
verdanke.« Congreve's Widmung zu Dryden's Schauspielen.]
[Anmerkung 61: Siehe S. 22 im zweiten Kapitel. D. Übers.]
[_Die Freisassen._] Dem Einflusse des Landadels und der
Landgeistlichkeit hielt indessen der Einfluß der Freisassen, einer
höchst energischen und biederen Klasse, einigermaßen die Wage. Die
kleinen Grundbesitzer, welche mit eigner Hand ihr Feld bestellten und
ein mäßiges Einkommen genossen, ohne sich um Wappen und Helmbüsche zu
kümmern oder nach einem Sitze auf der Richterbank zu trachten, bildeten
damals einen viel bedeutenderen Theil der Bevölkerung als gegenwärtig.
Wenn man den besten Statistikern jener Zeit glauben darf, so lebten
nicht weniger als hundertsechzigtausend Gutsbesitzer, welche mit ihren
Familien mehr als ein Siebentel der ganzen Bevölkerung ausgemacht haben
müssen, von dem Ertrage kleiner Freigüter. Das durchschnittliche
Jahreseinkommen dieser kleinen Grundeigenthümer, bestehend aus Renten,
Nutznießungen und Miethzinsen, wurde auf sechzig bis siebzig Pfund
Sterling geschätzt. Man hatte berechnet, daß die Anzahl der
Gutsbesitzer, welche ihren Grund und Boden selbst bebauten, größer war
als die Zahl Derer, welche die Güter Anderer pachtweise
bewirthschafteten.[62] Ein großer Theil der Freisassen hatte sich seit
dem Beginn der Reformation zu dem Puritanismus hingeneigt, war im
Bürgerkriege auf die Seite des Parlaments getreten, hatte auch nach der
Restauration dabei beharrt, Presbyterianer- und Indepedentenprediger zu
hören, hatte die Exclusionisten bei den Wahlen stets kräftig unterstützt
und betrachtete selbst nach der Entdeckung des Ryehousecomplots und der
Verbannung der Whighäupter das Papstthum und die Willkürherrschaft noch
mit ungeschwächter Feindseligkeit.
[Anmerkung 62: Ich habe hierbei Davenant's Schätzung zum Grunde
gelegt, die etwas niedriger ist als die von King.]
[_Wachsthum der Städte._] So groß auch die Veränderungen waren, die seit
der Revolution auf dem platten Lande vorgingen, in den Städten waren sie
noch viel staunenerregender. Gegenwärtig ist ein Sechstel der ganzen
Bevölkerung in den Provinzialstädten von mehr als dreißigtausend
Einwohnern zusammengedrängt. Zur Zeit Karl's II. hatte noch keine
einzige Provinzialstadt im ganzen Reiche dreißigtausend Einwohner,
nur vier zählten zehntausend Seelen.
[_Bristol._] Der Hauptstadt zunächst, aber noch immer in ungeheurem
Abstande, kamen Bristol, damals der wichtigste Seehafen, und Norwich,
damals die erste Fabrikstadt Englands. Beide sind seitdem von jüngeren
Nebenbuhlerinnen weit überflügelt worden, haben aber gleichwohl beide
sehr bedeutende positive Fortschritte gemacht, denn die Bevölkerung von
Bristol hat sich vervierfacht, die von Norwich mehr als verdoppelt.
Pepys, welcher Bristol acht Jahre nach der Restauration besuchte, war
erstaunt über den Glanz dieser Stadt. Allerdings scheint er keinen hohen
Maßstab angelegt zu haben, denn er bezeichnet es als ein Wunder, daß man
in Bristol allenthalben nichts als Häuser erblicke, wenn man sich
umsehe. Danach scheint es, daß in keiner andren ihm bekannten Stadt,
London ausgenommen, die Häuser Wald und Feld völlig verdrängt hatten.
So groß Bristol damals erschien, bedeckte es doch nur einen sehr kleinen
Theil des Flächenraumes, den es gegenwärtig einnimmt. Einige Kirchen von
ausgezeichneter Schönheit erhoben sich aus einem Labyrinth von engen
Gäßchen, deren Häuser keine besonders festen Grundmauern hatten. Fuhr
ein Wagen oder Karren durch diese Gassen, so lief er Gefahr, zwischen
den Häusern stecken zu bleiben oder in die Kellergewölbe einzubrechen.
Die Waaren wurden daher fast ausschließlich auf kleinen, von Hunden
gezogenen Karren in die Stadt gebracht und die reichen Einwohner trugen
ihren Wohlstand nicht in goldstrotzenden Equipagen zur Schau, sondern
indem sie sich auf ihren Gängen durch die Stadt von einer zahlreichen
Dienerschaft in prächtiger Livree begleiten ließen und glänzende
Gastmähler gaben. Der Pomp bei Taufen und Leichenbegängnissen überstieg
dort Alles, was man irgend anderwärts in England sah. Die
Gastfreundschaft dieser Stadt war weit berühmt, ganz besonders die
Collationen, mit denen die Besitzer der Zuckerraffinerien ihre Gäste
bewirtheten. Diese Mahlzeiten wurden in dem Siedekessel servirt und
waren stets von einem aus dem besten spanischen Weine bereiteten
köstlichen Getränk begleitet, das im ganzen Lande unter dem Namen
»Bristolmilch« bekannt war. Der damals blühende Handel mit den
nordamerikanischen Pflanzungen und mit Westindien gestattete diesen
Luxus. Die Leidenschaft für den Handel mit den Colonien war so
allgemein, daß es in Bristol kaum einen Krämer gab, der nicht
Handelsgüter am Bord eines nach Virginien oder nach den Antillen
bestimmten Schiffes gehabt hätte. Diese Geschäfte waren allerdings zum
Theil nicht der ehrenvollsten Art. In überseeischen Besitzungen der
Krone war große Nachfrage nach Arbeitern und diesem Bedarfe wurde
theilweis durch ein förmliches Preß- und Menschenraubsystem genügt,
das sich in den englischen Seehäfen gebildet hatte. Dieses System wurde
nirgends mit solcher Thätigkeit und in solchem Umfange betrieben als in
Bristol. Selbst die höchsten Magistratsbeamten der Stadt scheuten sich
nicht, sich durch einen so schmachvollen Handel zu bereichern. Aus den
damaligen Heerdgeldlisten geht hervor, daß die Häuserzahl im Jahre 1685
gerade fünftausenddreihundert betrug. Die Zahl der Bewohner eines Hauses
dürfen wir kaum höher annehmen, als sie in der City von London war, und
hier kamen damals auf je zehn Häuser fünfundfünfzig Personen. Demnach
muß die Bevölkerung von Bristol sich auf ungefähr neunundzwanzigtausend
Seelen belaufen haben.[63]
[Anmerkung 63: +Evelyn's Diary, June 27. 1654+; +Pepys's Diary,
June 13. 1668+; +Roger North's Lives of Lord Keeper Guildford,
and of Sir Dudley North+; +Petty's Political Arithmetic.+ Ich habe
Petty's Angaben zum Grunde gelegt, aber in den daraus
hergeleiteten Folgerungen habe ich mich an King und Davenant
gehalten, die zwar nicht geschickter waren als jener, aber den
Vortheil hatten, daß sie nach ihm kamen. Bezüglich des
Menschenhandels, wegen dessen Bristol berüchtigt war, sehe man
+North's Life of Guildford, 121. 216.+ und die Rede Jeffreys' in
der »Unparteiischen Geschichte seines Lebens und Todes«
zusammengedruckt mit den »Blutigen Assisen«. Sein Styl war, wie
immer, roh und widerlich, aber ich kann den Verweis, den er den
Magistratsbeamten von Bristol gab, nicht zu seinen Verbrechen
zählen.]
[_Norwich._] Norwich war die Hauptstadt einer großen und fruchtbaren
Provinz, der Sitz eines Bischofs und eines Kapitels und der Hauptsitz
des wichtigsten Fabrikationszweiges. Manche ausgezeichnete Männer der
Wissenschaft hatten in letzter Zeit dort gelebt und keine Stadt des
Landes, die Hauptstadt und die Universitätsstädte ausgenommen, enthielt
so viele Sehenswürdigkeiten. Die Mitglieder der +Royal Society+ waren
der Meinung, schon die Bibliothek, das Museum, das Vogelhaus und der
botanische Garten Sir Thomas Browne's seien einer weiten Reise werth.
Auch besaß Norwich einen kleinen Hof. Im Herzen der Stadt stand ein
alter Palast der Herzöge von Norfolk, der für das größte städtische
Wohnhaus im ganzen Lande, mit Ausnahme von London, galt. Dieser Palast,
zu dem ein Ballhaus, eine Kegelbahn und ein großer Park gehörte, der
sich an den Ufern des Wansum hinzog, ward zu Zeiten von der vornehmen
Familie der Howard bewohnt, welche ein Haus führte wie mancher kleine
Souverain. Die Getränke wurden den Gästen in Bechern von reinem Golde
gereicht, selbst die Kohlenschaufeln und Feuerzangen waren von Silber.
Die Wände waren mit Gemälden von italienischen Meistern geschmückt und
die Zimmer mit einer prächtigen Sammlung von Gemmen gefüllt, die jener
Earl von Arundel gekauft hatte, dessen Marmorbilder jetzt eine Zierde
von Oxford sind. Hier war im Jahre 1671 König Karl mit seinem Hofstaate
glänzend bewirthet worden, hier waren jedes Jahr von Weihnacht bis zum
Dreikönigstag alle Gäste willkommen. Für das gemeine Volk floß das Bier
in Strömen; drei Wagen, von denen einer, der vierzehn Personen faßte,
fünfhundert Pfund Sterling gekostet hatte, fuhren jeden Abend in der
Stadt umher, um die Damen zu den Festlichkeiten zu holen, und der Tanz
wurde jedesmal mit einem glänzenden Festmahle beschlossen. Wenn der
Herzog von Norfolk nach Norwich kam, wurde er empfangen wie ein König,
der in seine Residenz einzieht. Die Glocken der Kathedrale und der
Kirche St. Peter-Mancroft wurden geläutet, die Kanonen des Schlosses
abgefeuert und der Mayor und die Aldermen überreichten ihrem hohen
Mitbürger Glückwunschadressen. Im Jahre 1693 fand man durch wirkliche
Zählung, daß die Bevölkerung von Norwich zwischen achtundzwanzig- und
neunundzwanzigtausend Seelen betrug.[64]
Viel tiefer als Norwich, aber doch immer hoch in Ansehen und Bedeutung
standen die Hauptstädte einiger anderen Grafschaften. Es geschah damals
selten, daß ein Landgentleman mit seiner Familie nach London kam; seine
Metropole war die Hauptstadt der Grafschaft und dort verlebte er
zuweilen einen Theil des Jahres. Jedenfalls riefen ihn Geschäfte und
Vergnügungen, Assisen, Quartalsitzungen, Wahlen, Musterungen der Miliz,
Pferderennen und andere Festlichkeiten oft dahin. Dort waren die Säle,
in denen die Richter in ihren scharlachrothen Röcken und begleitet von
Trompetern und Hellebardieren zweimal des Jahres im Namen des Königs
ihre Verhandlungen eröffneten. Dort waren die Märkte, auf welchen die
Umgegend ihr Getreide, ihr Vieh, ihre Wolle und ihren Hopfen zum Verkauf
brachte, sowie die großen Jahrmärkte, zu denen selbst Kaufleute von
London kamen und wo die Landkrämer ihren Jahresbedarf an Zucker,
Schreibmaterialien, Stahlwaaren und Kleiderstoffen einkauften. Dort
waren endlich die Läden und Magazine, aus denen die angesehendsten
Familien der Nachbarschaft ihre Spezereiwaaren und Modeartikel bezogen.
Einige von diesen Städten hatten außerdem wegen geschichtlicher
Erinnerungen eine gewisse Berühmtheit. Bald war es eine Kathedrale, die
in aller Kunst und Pracht des Mittelalters strahlte, bald ein Palast,
den eine lange Reihe von Prälaten bewohnt hatte, bald ein Domkapitel,
umgeben von den ehrwürdigen Wohnungen der Dechanten und Canonici, bald
ein festes Schloß, das in alter Zeit den Nevilles oder De Vere
widerstanden hatte und das noch die neueren Spuren der Rache Cromwell's
oder Ruprecht's zeigte.
[Anmerkung 64: +Fuller's Worthies+; +Evelyn's Diary, Oct. 17.
1671+; +Journal of E. Browne+, dem Sohne des Sir Thomas Browne,
vom Januar 1663--64; +Blomfield's History of Norfolk+; +History of
the City and County of Norwich, 2 vols. 1768.+]
[_Andere Provinzialstädte._] Unter diesen interessanten Städten
zeichneten sich namentlich York, die Hauptstadt des Nordens, und Exeter,
die Hauptstadt des Südens, aus. Keine von beiden kann damals viel über
zehntausend Einwohner gehabt haben. Worcester, die Königin des
Ciderlandes, zählt deren achttausend, Nottingham wahrscheinlich eben so
viel. Gloucester, berühmt durch seine entschlossene Vertheidigung,
welche Karl I. so verderblich wurde, hatte gewiß zwischen vier- und
fünftausend, Derby nicht ganz viertausend. Shrewsbury war der Hauptort
eines großen fruchtbaren Bezirks, und die Sitzungen der Marken von Wales
wurden daselbst gehalten. In der Sprache der Gentry viele Meilen im
Umkreise von Wrekin hieß »zur Hauptstadt gehen« so viel als nach
Shrewsbury gehen. Die Stutzer und Damen, der Provinz ahmten so gut sie
konnten, auf den Promenaden am Ufer des Severn die Moden und Sitten von
St. James-Park nach. Die Einwohnerzahl belief sich auf ungefähr
siebentausend.[65]
Die Bevölkerungen aller dieser Städte haben sich seit der Revolution
mehr als verdoppelt, in einigen ist sie auf das Siebenfache gestiegen.
Die Straßen sind fast durchgängig neu gebaut, das Stroh ist durch
Schiefer, das Holz durch Backsteine ersetzt worden. Unser gegenwärtiges
Pflaster und unsere Straßenbeleuchtung, die prachtvolle Ausstattung
vieler Kaufläden und die in den Wohnungen der Gentry herrschende
geschmackvolle Eleganz würden im siebzehnten Jahrhundert wie eben so
viele Wunder angestaunt worden sein; dessen ungeachtet haben die alten
Provinzialhauptstädte jetzt bei weitem nicht die relative Wichtigkeit,
die sie ehedem hatten. Jüngere Städte, die von unseren früheren
Geschichtsschreibern selten oder gar nicht erwähnt werden und welche
keine Vertreter ins Parlament schickten, sind unter den Augen noch
lebender Personen zu einer Größe herangewachsen, die unsere Generation
mit Stolz und Bewunderung, aber auch nicht ohne Angst und Besorgniß
betrachtet.
[Anmerkung 65: Aus den Tauf- und Sterbelisten in Drake's
Geschichte geht hervor, daß die Bevölkerung von York im Jahre 1730
ungefähr dreizehntausend Seelen betrug. Exeter hatte noch 1801 nur
siebzehntausend Einwohner. Die Bevölkerung von Worcester wurde
kurz vor der Belagerung im Jahre 1646 gezählt. Siehe +Nash's
History of Worcestershire+. Ich habe auf die während eines
Zeitraums von vierzig Jahren wahrscheinliche Zunahme Rücksicht
genommen. Im Jahre 1740 wurde durch eine Zählung die Bevölkerung
von Nottingham gerade zehntausend Seelen stark gefunden. Siehe
+Dering's History+. Die Einwohnerzahl von Gloucester läßt sich aus
der Häuserzahl, welche King in den Heerdgeldlisten fand, sowie aus
den Geburts- und Sterbetabellen in Atkyns' Geschichte leicht
ermitteln. Derby zählte 1712 viertausend Einwohner. Siehe
+Wolley's M.S. History+, die in +Lyson's Magna Britannia+ erwähnt
ist. Die Bevölkerung von Shrewsbury wurde im Jahre 1695 durch
wirkliche Zählung ermittelt. Bezüglich der Annehmlichkeiten von
Shrewsbury sehe man +Farquhar's Recruiting Officer+. Farquhar's
Schilderung wird durch eine Ballade in der Pepys'schen Bibliothek
bestätigt, deren Refrain lautet: »Shrewsbury für mich«.]
[_Manchester._] Indessen waren die hervorragendsten dieser Städte schon
im siebzehnten Jahrhunderte als wichtige Sitze des Gewerbfleißes
bekannt. Ja ihr rasches Emporblühen und ihr Reichthum ward sogar
zuweilen in einer Sprache geschildert, welche Jedem, der ihren
gegenwärtigen Glanz steht, spaßhaft vorkommt. Eine der bevölkertsten und
blühendsten war Manchester. Der Protector hatte sie aufgefordert, einen
Vertreter in sein Parlament zu schicken und die Schriftsteller aus der
Zeit Karl's II. nennen sie eine betriebsame und reiche Stadt. Seit einem
halben Jahrhunderte schon wurde Baumwolle von Cypern und Smyrna dahin
gebracht, aber die Fabrikation war noch in ihrer Kindheit, denn Whitney
hatte noch nicht gelehrt, wie der Rohstoff in fast fabelhaften
Quantitäten erlangt werden konnte, so wenig als Arkwright die Kunst
gezeigt, sie mit einer zauberhaften Geschwindigkeit und Akkuratesse zu
verarbeiten. Die jährliche Gesammteinfuhr erreichte zu Ende des
siebzehnten Jahrhunderts noch nicht zwei Millionen Pfund, ein Quantum,
das gegenwärtig kaum den Bedarf von achtundvierzig Stunden decken würde.
Diese wundervolle Handelsstadt, die an Einwohnerzahl und Reichthum so
viele berühmte Hauptstädte, wie Berlin, Madrid und Lissabon bei weitem
übertrifft, war damals noch ein kleiner und schlecht gebauter
Marktflecken mit kaum sechstausend Einwohnern. Damals hatte es nicht
eine einzige Presse, jetzt hat es hundert Druckereien; damals besaß es
nicht eine einzige Kutsche, jetzt zählt es zwanzig Wagenfabrikanten.[66]
[Anmerkung 66: +Blome's Britannia, 1678+; +Aikin's Country round
Manchester+; +Manchester Directory, 1845+; +Baines, History of the
Cotton Manufacture.+ Die besten Aufschlüsse über die Bevölkerung
von Manchester im siebzehnten Jahrhundert fand sich in einem von
dem Rev. R. Parkinson verfaßten Aufsatze im +Journal of the
Statistical Society+ vom October 1842.]
[_Leeds._] Leeds war schon damals der Hauptsitz der Wollenmanufactur von
Yorkshire, aber die älteren Einwohner erinnerten sich noch recht gut der
Zeit, als das erste Backsteinhaus, damals und noch lange nachher das
»rothe Haus« genannt, erbaut worden war. Sie rühmten sich laut ihres
zunehmenden Wohlstandes und der ungeheuren Tuchverkäufe, welche unter
freiem Himmel auf der Brücke abgeschlossen wurden. Hunderte, ja Tausende
von Pfunden Sterling wurden an einem einzigen lebhaften Markttage
umgesetzt. Die zunehmende Bedeutung von Leeds hatte die Aufmerksamkeit
mehrerer aufeinanderfolgenden Regierungen auf diese Stadt gelenkt.
Karl I. gewährte ihr gewisse städtische Vorrechte und Oliver Cromwell
forderte sie auf, einen Vertreter in das Haus der Gemeinen zu senden.
Aus den Heerdgeldlisten scheint jedoch klar hervorzugehen, daß die
Bevölkerung des ganzen Stadtgebiets, zu welchem damals mehrere Dörfer
gehörten, unter der Regierung Karl's II. die Zahl von siebentausend
Seelen nicht überstieg. Im Jahre 1841 zählte es deren mehr als
hundertfunfzigtausend.[67]
[Anmerkung 67: +Thoresby's Ducatus Leodensis+; +Whitaker's Loidis
and Elmete+; +Wardell's Municipal History of the Borough of
Leeds.+]
[_Sheffield._] Ungefähr eine Tagereise südlich von Leeds lag am Saume
einer wilden Moorstrecke ein alter jetzt reich angebauter, damals aber
unfruchtbarer und nicht einmal eingehegter Gutsbezirk, der unter dem
Namen Hallamshire bekannt war. Dort gab es Eisen im Überfluß und die
daselbst fabricirten plumpen Messer wurden im ganzen Lande verkauft.
Geoffrey Chaucer erwähnt ihrer in seinen +Canterbury Tales+. Die
Fabrikation machte jedoch während der nächstfolgenden drei Jahrhunderte
nur sehr langsame Fortschritte. Dieser Umstand läßt sich vielleicht
dadurch erklären, daß der Handel fast während jenes ganzen langen
Zeitraums den Bestimmungen unterworfen war, welche der Gutsherr und
dessen Gerichtshof vorzuschreiben für gut fanden. Die feineren
Messerschmiedewaaren wurden daher theils in London fabricirt, theils vom
Continent eingeführt. Erst unter Georg I. hörten die britischen Ärzte
auf, die feinen Instrumente, deren sie zu ihren chirurgischen
Operationen bedurften, aus Frankreich zu beziehen. Die Mehrzahl der
Werkstätten von Hallamshire befand sich in einem Marktflecken, der in
der Nähe des herrschaftlichen Schlosses entstanden war und der noch
unter Jakob I. ein elender Ort mit etwa zweitausend Einwohnern war, von
denen der dritte Theil aus halbverhungerten und halbnackten Bettlern
bestand. Aus den Kirchenregistern ergiebt sich mit ziemlicher Gewißheit,
daß die Bevölkerung zu Ende der Regierung Karl's II. noch nicht
viertausend Seelen betrug. Man sah dort eine Menge Krüppel und jeder
Reisende erkannte auf den ersten Blick die verderblichen Wirkungen einer
der Gesundheit und Kraft des menschlichen Körpers höchst nachtheiligen
Beschäftigung. Dies war das Sheffield, welches gegenwärtig mit seinen
Vorstädten hundertzwanzigtausend Einwohner zählt und seine
vortrefflichen Messer, Scheeren und chirurgischen Instrumente bis nach
den entferntesten Weltgegenden versendet.[68]
[Anmerkung 68: +Hunter's History of Hallamshire.+]
[_Birmingham._] Birmingham ward zu Oliver's Zeiten noch nicht für
wichtig genug gehalten, um im Parlament durch ein Mitglied vertreten zu
sein. Indessen waren die dortigen Fabrikanten schon ein sehr
betriebsames Völkchen, dessen Wohlstand sich fortwährend vermehrte. Sie
waren stolz auf den Ruf, den ihre Eisenwaaren, wenn auch noch nicht in
Peking und Lima, in Bokhara und Timbuktu, so doch in London und selbst
in Irland genossen. Eine minder ehrenvolle Berühmtheit hatten sie als
Falschmünzer erlangt. Der Spottname »Birminghams«, den die Torypartei
den Demagogen gab, welche einen heuchlerischen Eifer gegen das Papstthum
zur Schau trugen, war eine Anspielung auf die dort verfertigten falschen
Groatstücke. Die Bevölkerung der Stadt, welche gegenwärtig nicht viel
unter zweimalhunderttausend Seelen beträgt, belief sich damals noch
nicht auf viertausend. Die Birminghamer Knöpfe fingen eben erst an
bekannt zu werben, von Birminghamer Schießgewehren hatte noch kein
Mensch etwas gehört, und die Stadt, aus der zwei Generationen später die
Prachtwerke Baskerville's hervorgingen, welche alle Buchhändler Europa's
in Erstaunen setzten, hatte damals noch nicht einen einzigen
ordentlichen Buchladen, wo man eine Bibel oder einen Kalender kaufen
konnte. Nur an den Markttagen kam ein Buchhändler, Namens Michael
Johnson, der Vater des großen Samuel Johnson, von Lichfield, um auf
einige Stunden seine Marktbude zu öffnen, und diese literarische
Bezugsquelle wurde lange Zeit für den Bedarf genügend erachtet.[69]
Diese vier Hauptsitze unsrer großartigen Fabrikindustrie verdienen
besondere Erwähnung. Es würde ermüdend sein, wollten wir außerdem alle
die jetzt dicht bevölkerten und reichen Bienenstöcke des Gewerbfleißes
anführen, welche vor hundertfunfzig Jahren noch Dörfer ohne Pfarrkirche
oder öde Moorstrecken waren, auf denen nur Birkhühner und andres Wild
hauste. Nicht minder wichtig sind die Veränderungen in den
Ausfuhrplätzen gewesen, durch welche sich die Erzeugnisse der englischen
Webstühle und Schmieden nach allen Weltgegenden ergießen.
[Anmerkung 69: +Blome's Britannia, 1763+; +Dugdale's
Warwickshire+; +North's Examen+, 321; Vorrede zu +Absalom and
Achitophel+; +Hutton's History of Birmingham+; +Boswell's Life of
Johnson+. Im Jahre 1690 starben in Birmingham 150 Personen und 125
Kinder wurden getauft. Ich glaube daß die jährliche Sterblichkeit
nicht mehr als vier Prozent betrug; in London war sie viel
bedeutender. Ein Geschichtsschreiber in Nottingham rühmte funfzig
Jahre später die außerordentliche Gesundheit seiner Vaterstadt,
in der die Sterblichkeit nur 3-1/3 Prozent betrug. Siehe +Dering's
History of Nottingham+.]
[_Liverpool._] Liverpool zählt gegenwärtig dreimalhunderttausend
Einwohner und der Rauminhalt der in seinen Hafenregistern
eingezeichneten Schiffe beträgt zwischen vier- und fünfmalhunderttausend
Tonnen. Mehr als einmal ist im dortigen Zollhause in einem Jahre eine
Summe bezahlt worden, welche das Gesammteinkommen der englischen Krone
im Jahre 1685 um mehr als das Dreifache übersteigt. Die Einnahme des
Postamtes zu Liverpool übertrifft selbst seit der Portoermäßigung die
Summe, die das Postwesen des ganzen Reiches dem Herzoge von York
eintrug. Seine riesigen Docks, Quais und Waarenspeicher werden zu den
Weltwundern gerechnet, und doch scheinen sie für den Bedarf des
ungeheuren Merseyhandels kaum zu genügen, so daß bereits eine
rivalisirende Stadt am andren Ufer des Flusses rasch emporwächst. Zu den
Zeiten Karl's II. wurde Liverpool als eine aufblühende Stadt
beschrieben, welche neuerdings große Fortschritte gemacht habe und mit
Irland und den Zuckercolonien einen ergiebigen Handel treibe. Binnen
sechzehn Jahren hatte sich der Ertrag der Zölle verachtfacht und die
damals als ungeheuer betrachtete Summe von fünfzehntausend Pfund
Sterling jährlich erreicht. Die Bevölkerung kann jedoch kaum viertausend
Seelen überstiegen haben, der Gehalt seiner Schiffe betrug ungefähr
vierzehnhundert Tonnen, das heißt weniger als der Tonnengehalt eines
einzigen unserer jetzigen Ostindienfahrer erster Klasse, und die Anzahl
der zum Hafen gehörenden Seeleute darf auf nicht mehr als zweihundert
Köpfe angeschlagen werden.[70]
[Anmerkung 70: +Blome's Britannia+; +Gregson's Antiquities of the
County Palatine and Duchy of Lancaster, Part. II.+; Petition von
Liverpool in dem +Privy Council Book, May 10, 1686+. Im Jahre 1690
war die Zahl der Sterbefälle in Liverpool hunderteinundfunfzig,
die der Taufen hundertzwanzig. Im Jahre 1844 belief sich der
Reinertrag der Zölle in Liverpool auf 4,365,526 Pf. St. 1 Schill.
8 P.]
[_Die Badeorte._] So wuchsen die Städte empor, in denen Reichthümer
erworben und aufgehäuft wurden. Nicht minder rasch erhob sich eine andre
Klasse von Städten, in denen der anderwärts erworbene Reichthum entweder
aus Gesundheitsrücksichten oder um des Vergnügens willen verzehrt wird.
Von den bedeutendsten derselben sind einige erst seit den Zeiten der
Stuarts entstanden.
[_Cheltenham._] Cheltenham ist jetzt größer als irgend eine Stadt des
ganzen Reichs im siebzehnten Jahrhundert, London allein ausgenommen,
während es im siebzehnten und noch zu Anfang des achtzehnten
Jahrhunderts von Lokalgeschichtschreibern nur als ein ländliches
Kirchspiel erwähnt wird, das am Fuße der Cotswold-Hügel liege und guten
Boden für Ackerbau und Weide habe. An der Stelle, welche gegenwärtig mit
freundlichen Straßen und Landhäusern bedeckt ist, wuchs damals Korn und
weidete Vieh.[71]
[Anmerkung 71: +Atkyns' Gloucestershire.+]
[_Brighton._] Brighton wurde als ein ehemals wohlhabender Ort
geschildert, der eine Menge kleiner Fischerboote besessen und in seiner
höchsten Blüthe etwa zweitausend Einwohner gehabt habe, jetzt aber
seinem Untergänge entgegeneile. Das Meer spülte ein Haus nach dem andren
fort und die Stadt mußte endlich ganz verschwinden. Noch vor neunzig
Jahren konnte man zwischen den Steinen und dem Seetang am Strande die
Trümmer eines alten Forts sehen, und alte Leute konnten noch die Spuren
der Grundmauern einer Straße von mehr als hundert Hütten bezeichnen, die
von den Wogen verschlungen worden war. Nach diesem Unglücke verödete der
Ort bald dermaßen, daß man die dortige Pfarrei kaum noch des Besitzes
werth hielt. Einige arme Fischer fuhren jedoch fort, ihre Netze auf den
Küstenfelsen zu trocknen, wo jetzt eine Stadt, die mehr als zweimal so
groß und volkreich ist, als das Bristol der Stuarts in einer Ausdehnung
von mehreren Meilen ihre freundliche und fantastische Fronte dem Meere
zeigt.[72]
[Anmerkung 72: +Magna Britannia+; +Grose's Antiquities+; +New
Brighthelmstone Directory, 1770.+]
[_Buxton._] England war jedoch im siebzehnten Jahrhundert durchaus nicht
ohne alle Badeorte. Die Gentry von Derbyshire und der benachbarten
Grafschaften begab sich nach Buxton, wo sie in niedrigen hölzernen
Hütten zusammengepfercht und mit einem Brode von Hafermehl und einem
Fleische bewirthet wurden, welches die Gastwirthe für Hammelfleisch
ausgaben, das aber die Consumenten stark in dem Verdachte hatten, daß es
von Hunden herrührte.[73]
[Anmerkung 73: +Tour in Derbyshire, by Thomas Browne, Son of Sir
Thomas Browne.+]
[_Tunbridge Wells._] Weit mehr Anziehendes hatte Tunbridge Wells, das
etwa eine Tagereise von London in einer der reichsten und kultivirtesten
Gegenden des Reiches lag. Gegenwärtig erblicken wir daselbst eine Stadt,
die der Einwohnerzahl nach vor hundertsechzig Jahren die vierte oder
fünfte Stadt Englands gewesen wäre. Die Eleganz der Läden und der Luxus
der Privatwohnungen übertrifft jetzt Alles was England damals irgendwo
aufzuweisen hatte. Als der Hof kurz nach der Restauration Tunbridge
Wells besuchte, war es noch keine Stadt, sondern man sah nur eine Anzahl
Hütten, etwas freundlicher und sauberer als die gewöhnlichen Hütten
jener Zeit, welche in der nächsten Umgebung der Heilquellen zerstreut
umherlagen. Einige von diesen Hütten waren transportabel und wurden auf
Schleifen versetzt wohin man es wünschte. In diese Hütten kam die feine
Welt von London, des Geräusches und des Rauches der Hauptstadt müde,
zuweilen im Sommer, um frische Luft einzuathmen und einen Vorgeschmack
vom Landleben zu erhalten. Während der Saison wurde täglich in der Nähe
der Quellen eine Art Markt gehalten. Die Frauen und Töchter der
Landwirthe von Kent brachten aus den umliegenden Dörfern Rahm, Obst,
Weißkehlchen und Wachteln zum Verkauf, und mit ihnen zu scherzen und zu
tändeln, ihre Strohhüte und ihre kleinen Füßchen zu rühmen, war für
Wüstlinge, welche der prätentiösen Manieren der Schauspielerinnen und
Hofdamen überdrüssig waren, ein angenehmer Zeitvertreib.
Putzmacherinnen, Galanteriewaarenhändler und Juweliere kamen von London
und eröffneten unter den Bäumen einen Bazar. In der einen Bude fand der
Politiker seine Tasse Kaffee und die Londoner Zeitung; in einer andren
wurde heimlich Basset gespielt; an schönen Abenden fanden sich
Musikanten ein und auf einem weichen Rasenplatze wurde der Mohrentanz
aufgeführt. Im Jahre 1685 war eben unter den Brunnengästen eine Sammlung
zum Bau einer Kirche eröffnet worden, welche auf Verlangen der damals
überall dominirenden Tories dem heiligen Karl, dem Märtyrer, geweiht
werden mußte.[74]
[Anmerkung 74: +Memoires de Grammont+; +Hasted's History of Kent+;
+Tunbridge Wells, a Comedy, 1678+; +Causton's Tunbridgialia,
1688+; +Metellus, a poem on Tunbridge Wells, 1693.+]
[_Bath._] Der wichtigste Badeort Englands war jedoch unstreitig Bath.
Die dortigen Heilquellen waren schon zu den Zeiten der Römer berühmt und
mehrere Jahrhunderte lang war die Stadt der Sitz eines Bischofs gewesen.
Aus allen Theilen des Landes strömten die Kranken dahin und selbst der
König hielt dort zuweilen seinen Hof. Bei alledem war Bath damals nur
ein winkeliger Ort von vier- bis fünfhundert Häusern, welche unweit des
Avon innerhalb einer alten Befestigungsmauer zusammengedrängt waren.
Es giebt noch Abbildungen von den schönsten dieser Häuser, welche große
Ähnlichkeit mit den schlechtesten Hütten und Schenken an der
Radcliffestraße zeigen. Selbst die damaligen Reisenden klagten über die
Enge und Unsauberkeit der Straßen. Die schöne Stadt, welche gegenwärtig
selbst das Auge Derer entzückt, die an den Anblick der Meisterwerke
eines Bramante und Palladio gewöhnt sind, und deren Boden durch den
Genius von Anstey und Smollett, von Frances Burney und Johanna Austen
eine klassische Berühmtheit erlangt hat, existirte damals noch nicht.
Die jetzige Milsomstraße war noch ein Stück Feld, das weit außerhalb der
Umfassungsmauer lag, und Baumhecken durchzogen den Platz, den
gegenwärtig der »Crescent« und der »Cirkus« einnehmen. Die
bedauernswerthen Kranken, denen der Gebrauch der Heilquellen verordnet
war, mußten in Räumen zubringen, welche, um uns des Ausdrucks eines
damaligen Arztes zu bedienen, mehr einem Stalle, als einer menschlichen
Wohnung glichen. Über den Luxus und die Bequemlichkeiten, welche die zum
Zwecke, der Kur oder des Vergnügens dahin kommenden vornehmen Badegäste
in den Häusern fanden, haben wir vollständigere und genauere
Nachrichten, als sie sonst in Bezug auf derartige Gegenstände zu
erlangen sind. Ein Schriftsteller, der ungefähr sechzig Jahre nach der
Revolution eine Beschreibung der Stadt herausgab, schildert mit großer
Genauigkeit die Veränderungen, die im Bereiche seiner Erinnerung
daselbst stattgefunden haben. Er versichert uns, daß in seinen jüngeren
Jahren die Badegäste in Zimmern schlafen mußten, welche nicht viel
besser waren als die Dachkammern, die er später von den Dienstleuten
bewohnt fand. Der Fußboden der Speisezimmer war mit keinem Teppiche
bedeckt und mit einer aus Ruß und Dünnbier bereiteten Flüssigkeit
überstrichen, um seine Unsauberkeit zu verbergen; keine Wand war gemalt,
kein Herd oder Kaminmantel war von Marmor, eine Platte von ordinären
Quadern und Feuerböcke, die nicht mehr als einige Schillinge kosteten,
wurden für genügend erachtet. Die besten Zimmer waren mit einem groben
wollenen Stoffe ausgeschlagen und mit Rohrstühlen versehen. Leser, die
sich für die Fortschritte der Civilisation und der nützlichen Künste
interessiren, werden dem bescheidenen Topographen für die Aufzeichnung
dieser Details dankbar sein und es vielleicht bedauern, daß
anspruchsvollere Geschichtschreiber ihre Erzählungen von Schlachten und
politischen Intriguen nicht zuweilen um einige Seiten abkürzen, um uns
mitzutheilen, wie es in den Wohn- und Schlafzimmern unserer Voreltern
aussah.[75]
[Anmerkung 75: Siehe +Wood's History of Bath, 1749+; +Evelyn's
Diary, June 27. 1654+; +Pepys's Diary, June 12, 1668+; +Stukeley's
Itinerarium Curiosum+; +Collinson's Somersetshire+; +Dr. Peirce's
History and Memoirs of the Bath, 1713, book I, chap. 8, obs. 2.
1684.+ Ich habe mehrere alte Pläne und Abbildungen von Bath,
besonders einen höchst interessanten, der mit Ansichten der
Hauptgebäude eingefaßt ist, vor Augen gehabt. Letzterer ist v.
Jahre 1717.]
[_London._] London nahm im Verhältniß zu den anderen Städten des
Königreichs zur Zeit Karl's II. einen viel höheren Rang ein als
gegenwärtig. Seine Bevölkerung ist jetzt wenig mehr als sechsmal so
stark wie die von Manchester oder Liverpool; unter Karl II. aber
überstieg dieselbe die von Bristol oder Norwich um mehr als das
Siebzehnfache. Ich glaube nicht, daß es noch eine andre Hauptstadt in
der Welt giebt, deren Größe in einem ähnlichen Verhältnisse zu der
zweiten Stadt des Landes steht. Man hat guten Grund zu glauben, daß
London schon 1685 seit etwa einem halben Jahrhundert die volkreichste
Stadt in Europa war. Die Einwohnerzahl, welche jetzt mindestens
neunzehnhunderttausend Seelen beträgt, belief sich damals wahrscheinlich
auf nicht viel über eine halbe Million.[76] Als Handelsstadt hatte
London nur eine Nebenbuhlerin, die jedoch längst überflügelt ist: das
mächtige, und reiche Amsterdam. Die englischen Schriftsteller rühmten
den Wald von Masten, der von der Brücke bis zum Tower den Fluß bedeckte,
und die enormen Summen, welche im Zollhause von Thames Street eingingen.
Es unterliegt in der That keinem Zweifel, daß der Handel der Hauptstadt
damals zu dem Handel des ganzen Landes in einem günstigeren Verhältnisse
stand als jetzt; allein unserer Generation müssen die übrigens
wohlbegründeten Lobpreisungen unserer Vorfahren doch ein wenig komisch
vorkommen. Der Inhalt der der Stadt gehörenden Schiffe, den sie als
ungeheuer betrachteten, scheint siebzigtausend Tonnen nicht überstiegen
zu haben. Allerdings war dies damals mehr als ein Drittel des
Tonnengehalts sämmtlicher Schiffe des Landes, gegenwärtig aber ist es
nur ein Viertel von dem Tonnengehalte Newcastle's, und der Tonnengehalt
der Themsedampfer allein dürfte ihm ziemlich gleichkommen.
Der Ertrag der Zölle belief sich 1685 in London auf ungefähr
dreihundertdreißigtausend Pfund jährlich; in unseren Tagen übersteigt
der Reinertrag derselben zehn Millionen.[77]
Wenn man die zu Ende der Regierung Karl's II. erschienenen Pläne von
London betrachtet, so findet man, daß damals nur erst der Kern der
gegenwärtigen Hauptstadt existirte. Die Stadt erstreckte sich noch nicht
in unmerklichen Abstufungen weit über die ländliche Umgegend. Es zogen
sich noch keine langen Reihen von Landhäusern, umrankt von Hollunder und
Bohnenbaum, von dem großen Mittelpunkte des Reichthums und der
Civilisation bis zu den Grenzen von Middlesex und tief ins Herz von Kent
und Surrey hinein. Man dachte noch nicht an die Anlage der endlosen
Reihen von Waarenmagazinen und der künstlichen Seen, die sich jetzt im
Osten der Stadt vom Tower bis Blackwall erstrecken. Im Westen sah man
kaum eines von den stattlichen Häusern, in denen jetzt die Reichen und
Vornehmen wohnen, und Chelsea, das gegenwärtig über vierzigtausend
Einwohner zählt, war noch ein bloßes Dorf, dessen Bevölkerung tausend
Seelen nicht überstieg.[78] Im Norden weidete das Vieh und Jäger
streiften mit ihren Hunden und Flinten umher, wo sich jetzt der Borough
Marylebone befindet, sowie auf der noch weit größeren Fläche, welche die
Boroughs Finsbury und Tower Hamlets bedecken. Islington war fast noch
eine Einöde, deren friedliche Stille die Dichter gern dem lärmenden
Getümmel des Ungeheuers London gegenüberstellten.[79] Im Süden ist die
Hauptstadt jetzt mit ihren Vorstädten durch mehrere Brücken verbunden,
die an Schönheit und Festigkeit den stolzesten Bauwerken der Cäsaren
nicht nachstehen. Im Jahre 1685 hemmte nur eine einzige Linie
unregelmäßiger Bögen, mit einer Anzahl schmutziger und halb verfallener
Häuser bedeckt und nach einer der nackten Barbaren von Dahomey würdigen
Sitte mit etwa zwanzig verwesenden Köpfen verziert, die Schifffahrt auf
dem Flusse.
[Anmerkung 76: Nach King fünfhundertdreißigtausend.]
[Anmerkung 77: +Macpherson's History of Commerce+; +Chalmers's
Estimate+; +Chamberlayne's State of England, 1684.+ Der Gehalt der
dem Londoner Hafen gehörenden Dampfer betrug zu Ende des Jahres
1847 etwa sechzigtausend Tonnen. Die jährlichen Zolleinnahmen
beliefen sich von 1842--45 auf durchschnittlich elf Millionen Pfd.
Sterl.]
[Anmerkung 78: +Lyson's Environs of London.+ Von 1680--90 wurden
in Chelsea jährlich nicht mehr als zweiundvierzig Kinder getauft.]
[Anmerkung 79: +Cowley, Discourse of Solitude.+]
[_Die City._] Der wichtigste Theil der Hauptstadt war die City. Sie war
zur Zeit der Restauration größtentheils aus Holz und Mörtel erbaut
worden, die wenigen Backsteine, die man dazu verwendet, waren schlecht
gebrannt, die Buden, in denen die Waaren feilgeboten wurden, traten weit
in die Straße hervor und die oberen Stockwerke der Häuser hingen
gleichsam über ihnen. Einige Beispiele von dieser Bauart kann man noch
in den Straßen sehen, die bei dem großen Brande verschont geblieben
waren. Diese Feuersbrunst hatte binnen wenigen Tagen einen Flächenraum
von ziemlich einer Quadratmeile mit den Trümmern von neunundachtzig
Kirchen und dreizehntausend Häusern bedeckt. Die City aber war mit einer
Schnelligkeit wiedererstanden, welche die Bewunderung der Nachbarländer
erweckte. Leider wurde die vorherige Richtung und Breite der Straßen zum
großen Theile beibehalten und da sie ursprünglich zu einer Zeit angelegt
waren, wo selbst die Prinzessinnen zu Pferde reisten, waren sie meist zu
schmal, damit Räderfuhrwerke einander bequem ausweichen konnten. Reiche
Leute konnten daher zu jener Zeit, wo sechsspännige Equipagen ein
modischer Luxus waren, die City nicht gut bewohnen. Der Baustyl der
neuen Häuser war übrigens weit schöner als der der niedergebrannten und
das gewöhnliche Baumaterial waren Ziegelsteine von viel besserer
Qualität, als die früher benutzten. An der Stelle der früheren
Pfarrkirchen hatten sich eine Menge neuer Kathedralen, Thürme und
Thürmchen erhoben, welche das fruchtbare Genie Wren's bekundeten.
Überall, mit Ausnahme eines einzigen Punktes, waren die Spuren der
verheerenden Feuersbrunst vollständig verschwunden, aber noch lange sah
man unzählige Arbeiter, gigantische Gerüste und Massen behauener Steine
an der Stelle, wo sich der stolzeste aller protestantischen Tempel
langsam aus den Trümmern der alten St. Paulskathedrale erhob.[80]
Seit jener Zeit hat sich der ganze Character der City durchaus
verändert. Gegenwärtig kommen die Bankiers, die Großhändler und die
vornehmsten Detailhändler an den sechs Werktagen der Woche jeden Morgen
dahin, um ihre Geschäfte zu besorgen, aber sie wohnen in anderen Theilen
der Hauptstadt oder auf nahegelegenen Landsitzen mit schönen Parken und
Gärten. Diese Umwälzung in den Privatgewohnheiten hat eine politische
Veränderung von nicht geringer Wichtigkeit hervorgebracht. Die reichen
Kaufleute hängen nicht mehr mit der Vorliebe, die Jedermann für seine
Heimath empfindet, an der City und es knüpfen sich keine häuslichen
Zuneigungen und Annehmlichkeiten mehr an diesen Namen, denn der
häusliche Herd, die Kinderstube, die gesellige Tafel und das trauliche
Bett befinden sich nicht mehr dort. Lombard Street und Threadneedle
Street sind weiter nichts mehr als Lokalitäten zum Arbeiten und
Geldverdienen; um das erworbene Geld auszugeben und zu genießen geht man
anderswohin. Des Sonntags oder des Abends nach den Geschäftsstunden sind
viele Höfe und Passagen, in denen es wenige Stunden zuvor von eiligen
Füßen und ängstlichen Gesichtern wimmelte, still und einsam wie ein
Friedhof. Die Häupter des Handelsstandes sind nicht mehr Bürger der
City; sie vermeiden und verachten fast die städtischen Ehren und
Pflichten und überlassen dieselben Anderen, welche zwar ebenfalls ganz
nützliche und achtbare Männer sein mögen, aber doch nur selten den
fürstlichen Handelshäusern angehören, deren Firmen in der ganzen Welt
bekannt sind.
Im siebzehnten Jahrhunderte dagegen _wohnten_ die Kaufleute auch in der
City. Die noch vorhandenen Wohnhäuser der ehemaligen reichen Bürger sind
zu Comptoirs und Waarenmagazinen eingerichtet, aber man sieht es ihnen
noch heute an, daß sie ursprünglich den Palästen des hohen Adels an
Schönheit und Pracht nicht nachstanden. Sie stehen zum Theil in
abgelegenen und düsteren Höfen und haben unbequeme Zugänge, aber ihr
Umfang ist bedeutend und ihr Aussehen majestätisch. Ihre Eingänge sind
mit reicher Bildhauerarbeit verziert, die Treppenhäuser und Vorplätze
sind prächtig und die Fußböden zuweilen auf französische Art
parquettirt. Der Palast Sir Robert Clayton's in der alten Judenstadt
enthielt einen prachtvollen Speisesaal mit Wandgetäfel von Cedernholz
und mit Frescogemälden, welche die Kämpfe der Götter und Titanen
darstellten.[81] Sir Dudley North verwendete viertausend Pfund, eine
Summe, welche damals für einen Herzog schon bedeutend gewesen wäre, auf
die reiche Ausschmückung seiner Wohnzimmer in Basinghall Street.[82] In
solchen Häusern entfalteten noch unter den letzten Stuarts die Häupter
der großen Firmen eine außerordentliche Pracht und Gastfreundschaft,
und die stärksten Bande des Interesses und des Herzens fesselten sie an
dieselben. Hier hatten sie ihre Jugend verlebt, ihre Freundschaften
geschlossen, ihre Gattinnen kennen gelernt und ihre Kinder heranwachsen
sehen; hier ruhten die irdischen Überreste ihrer Eltern, an deren Seite
sie ebenfalls einst ruhen wollten. Unter solchen Verhältnissen mußte
sich in hohem Maße der glühende Patriotismus entwickeln, welcher Denen
eigen ist, die auf einem engen Raume beisammenleben. London war dem
Londoner, was Athen zu den Zeiten des Perikles dem Athener, was Florenz
dem Florentiner des fünfzehnten Jahrhunderts war. Der Bürger war stolz
auf die Größe seiner Stadt, legte hohen Werth auf die Wahrung ihres
Ansehens wie auf die Bekleidung von städtischen Ehrenämtern und war
eifersüchtig auf ihre Freiheiten.
Zu Ende der Regierung Karl's II. erfuhr der Stolz der Londoner eine
schmerzliche Demüthigung. Ihr alter Freibrief war ihnen genommen und die
Magistratur neu organisirt worden. Alle städtischen Beamten waren Tories
und die Whigs, obgleich an Zahl und Reichthum ihren Gegnern überlegen,
sahen sich von jedem Ehrenamte ausgeschlossen. Indessen hatte sich der
äußere Glanz der städtischen Verwaltung durch diesen Wechsel eher noch
vermehrt als vermindert. Unter der Herrschaft einiger Puritaner, welche
unlängst an der Spitze der Behörden gestanden, hatte der alte Ruf der
City hinsichtlich des heiteren Wohllebens in der That abgenommen, unter
dem neuen Magistrate aber, der einer lebenslustigeren Partei angehörte
und an dessen Tafel oft vornehme und angesehene Gäste von jenseit Temple
Bar zu finden waren, wurden Guildhall und die Säle der großen
Gesellschaften oft durch glänzende Gastmähler belebt. Bei diesen
Banketten wurden Oden, die der gekrönte Dichter der Corporation zu Ehren
des Königs, des Herzogs und des Mayors verfaßt hatte, unter
Musikbegleitung gesungen. Es wurde stark getrunken und laut gejubelt.
Ein toryistischer Beobachter, der oft an diesen Gelagen Theil genommen,
bemerkt, daß die Sitte, nach ausgebrachten Toasten donnernde Hurrahs
erschallen zu lassen, sich aus jener fröhlichen Zeit herschreibe.[83]
Der höchste städtische Beamte entfaltete eine fast königliche Pracht.
Der vergoldete Staatswagen, welcher jetzt alljährlich von der gaffenden
Menge bewundert wird, existirte damals allerdings noch nicht, denn bei
feierlichen Gelegenheiten erschien der Lordmayor zu Pferde, begleitet
von einer zahlreichen Cavalcade, die an Pracht nur dem Gefolge
nachstand, das bei einer Krönung den Monarchen vom Tower nach
Westminster geleitete. Er zeigte sich öffentlich nie ohne seinen
prachtvollen Mantel, sein schwarzes Sammetbarett, seine goldene Kette,
seine Juwelen und ein großes Gefolge von Läufern und Garden.[84] Dieser
ihn beständig umgebende Pomp hatte auch durchaus nichts Lächerliches in
den Augen der damaligen Zeitgenossen, denn er entsprach nur der
Stellung, welche dieser Mann als Repräsentant der Macht und Würde der
Stadt London im Staate einnahm. Diese Stadt, welche damals im ganzen
Lande nicht ihres Gleichen, ja nicht einmal eine ihr nahekommende
Rivalin hatte, übte fünfundvierzig Jahre lang einen fast eben so großen
Einfluß auf die Politik Englands aus, wie Paris in unseren Zeiten auf
die Politik Frankreichs. An Intelligenz war London allen übrigen Theilen
des Königreichs weit überlegen, und eine Regierung, welche die
Unterstützung und das Vertrauen der Hauptstadt besaß, konnte in einem
Tage Geldmittel erlangen, zu deren Aufbringung in den übrigen Theilen
der Insel viele Monate nöthig gewesen wären. Auch die militairischen
Hülfsquellen der Hauptstadt waren nicht zu verachten. Die Gewalt, welche
in anderen Theilen des Landes die Lordleutnants ausübten, war in London
einer Commission von angesehenen Bürgern anvertraut. Unter den Befehlen
dieser Commission standen zwölf Regimenter Infanterie und zwei
Regimenter Kavalerie. Allerdings würde diese Armee von Handlungsdienern
und Schneidergesellen, deren Hauptleute Gemeinderäthe und deren Obersten
Aldermen waren, gegen reguläre Truppen nicht lange Stand gehalten haben,
aber es gab damals auch nur sehr wenig reguläre Truppen im Lande. Daher
mußte eine Stadt, die binnen einer Stunde zwanzigtausend von natürlichem
Muthe beseelte und leidlich bewaffnete Streiter, denen es keineswegs
ganz an militairischer Disciplin fehlte, ins Feld stellen konnte, eine
eben so werthvolle Bundesgenossin als furchtbare Feindin sein. Man hatte
noch nicht vergessen, daß Hampden und Pym durch die Londoner Miliz gegen
gesetzwidrige Tyrannei vertheidigt worden, daß in der kritischen Zeit
des Bürgerkrieges die Londoner Miliz nach Gloucester marschirt war, um
die Belagerung dieser Stadt aufzuheben, noch daß sie bei der Bewegung
gegen den Militairdespotismus, der auf den Sturz Richard Cromwell's
folgte, eine sehr bedeutende Rolle gespielt hatte. Man kann ohne
Übertreibung behaupten, daß Karl I. nie besiegt worden wäre, wenn er die
City nicht gegen sich gehabt hätte, und daß Karl II. ohne den Beistand
der City schwerlich hätte wiedereingesetzt werden können.
Aus diesen Verhältnissen läßt es sich auch erklären, warum trotz des
Zuges, der seit einer langen Reihe von Jahren die Aristokratie allmälig
nach der weltlichen Seite Londons führte, einige wenige Männer von hohem
Range bis auf die neueste Zeit in der Nachbarschaft der Börse und von
Guildhall wohnen blieben. Als Shaftesbury und Buckingham in heftiger und
rücksichtsloser Opposition gegen die Regierung verwickelt waren,
glaubten sie ihre Intriguen nirgends so sicher und bequem betreiben zu
können, wie unter dem Schutze der städtischen Behörden und der Miliz.
Shaftesbury wohnte daher in Aldersgate Street, in einem Hause, das noch
jetzt an seinen Säulen und guirlandenartigen Verzierungen, dem
geschmackvollen Werke Inigo's, leicht zu erkennen ist. Buckingham hatte
seinen Palast unweit Charing Croß, die ehemalige Wohnung der Erzbischöfe
von York, niederreißen lassen und während an dieser Stelle neue Straßen
und Gassen entstanden, welche noch jetzt seinen Namen führen, zog er es
vor, in Dowgate zu wohnen.[85]
[Anmerkung 80: Die ausführlichsten und glaubwürdigsten Aufschlüsse
über den damaligen Zustand der Londoner Gebäude findet man auf den
Plänen und Zeichnungen im Britischen Museum und in der Pepys'schen
Bibliothek. Die schlechte Beschaffenheit der Backsteine, aus denen
die alten Häuser von London bestehen, wird auch in den Reisen des
Großherzogs Cosmus erwähnt. Einen Bericht über den Bau der St.
Paulskirche findet man in Ward's London Spy. Ich schäme mich fast,
derartige schlechte Literatur zu citiren, aber beim Forschen nach
Materialien habe ich oft noch tiefer herabsteigen müssen, wenn
dies überhaupt möglich ist.]
[Anmerkung 81: +Evelyn's Diary, Sept. 20. 1672.+]
[Anmerkung 82: +Roger North's Life of Sir Dudley North.+]
[Anmerkung 83: +North's Examen.+ Dieser höchst unterhaltende
Schriftsteller hat uns eine kleine Probe von dem poetischen
Entzücken hinterlassen, dem sich die Pindare der City zuweilen
hingaben:
Zu dem verehrten Sir John Moore
Blick' noch die Nachwelt stolz empor!]
[Anmerkung 84: +Chamberlayne's State of England, 1684+; +Angliae
Metropolis, 1690+; +Seymour's London, 1734.+]
[Anmerkung 85: +North's Examen, 116. Wood, Ath. Ox. Shaftesbury.
The Duke of Buckingham's Litany.+]
[_Der vornehme Theil der Hauptstadt._] Dies waren jedoch nur seltene
Ausnahmen. Fast alle hochadeligen Familien Englands hatten die Mauern
der City schon längst verlassen. Der Stadttheil, in dem sich die
Mehrzahl ihrer Wohnhäuser befand, liegt zwischen der City und den
Straßen, welche gegenwärtig als die vornehmsten gelten. Nur wenige Große
behielten ihre ererbten Paläste zwischen dem Strand und dem Flusse inne.
Am gesuchtesten waren damals die stattlichen Wohnungen südlich und
westlich von Lincoln's Inn Fields, die Piazza of Coventgarden,
Southampton Square, jetzt Bloomsbury Square genannt, und King's Square
in Soho Fields, der gegenwärtig Soho Square heißt. Bloomsbury Square
wurde selbst fremden Fürsten als eines der Wunder Englands gezeigt.[86]
Soho Square, der eben erst angelegt war, wurde von unseren Vorfahren mit
einem Stolze betrachtet, den ihre Nachkommen wohl schwerlich theilen
werden. So lange das Glück des Herzogs von Monmouth blühte, dessen
Palast sich auf der Südseite erhob, hatte der Platz den Namen Monmouth
Square geführt. Die Façade dieses Palastes war zwar unschön, aber
imposant und reich verziert. Die Wände der Prunkgemächer waren mit
Schnitzwerk in Früchten, Laubgewinden und Wappenfiguren geschmückt und
mit gesticktem Seidenstoffe ausgeschlagen.[87] Jetzt ist von dieser
Pracht nichts mehr vorhanden und man findet in diesem ehedem
aristokratischen Stadttheile nicht eine einzige aristokratische Wohnung
mehr. Etwas weiter nördlich von Holborn, am Saume von Weiden und
Kornfeldern, standen zwei berühmte Paläste, jeder mit einem großen
Garten. Der eine davon, zu jener Zeit Southampton House und später
Bedford House genannt, ward vor etwa fünfzig Jahren niedergerissen, um
einem neuen Stadttheile Platz zu machen, der mit seinen Plätzen, Straßen
und Kirchen eine große Fläche bedeckt, die im siebzehnten Jahrhundert
ihrer Pfirsichen und Schnepfen wegen berühmt war. Der andre, Montague
House, der sich durch seine Fresken und seine Möbeln auszeichnete,
brannte einige Monate nach dem Tode Karl's II. bis auf den Grund nieder,
wurde aber alsbald wieder durch ein neues und viel prächtigeres Montague
House ersetzt, das, nachdem es lange Zeit so mannichfaltige und kostbare
Schätze der Kunst, Wissenschaft und Literatur geborgen, wie sie
schwerlich je zuvor unter einem Dache vereinigt waren, unlängst einem
noch prachtvolleren Gebäude Platz gemacht hat.[88]
Dem Hofe näher, auf einem Platze mit Namen St. James Fields, waren vor
Kurzem St. James' Square und Jermyn Street angelegt und zur
Bequemlichkeit der Bewohner dieses Stadttheils die St. Jameskirche
eröffnet worden.[89] Golden Square, der in der nächstfolgenden
Generation von Lords und Staatsministern bewohnt wurde, war damals noch
nicht begonnen. Überhaupt sah man im Norden von Piccadilly noch keine
anderen Wohnungen als einige alleinstehende, fast ländlich aussehende
Häuser, von denen das berühmteste der von Clarendon erbaute kostspielige
Palast war, den man den Spottnamen Dunkirk House gegeben hatte. Nach dem
Sturze seines Erbauers war er vom Herzoge von Albemarle angekauft
worden. Das Hotel Clarendon und Albemarle Street erinnern noch an die
Lage des Platzes.
Wer sich damals in die Gegend verlief, welche jetzt den schönsten und
lebhaftesten Theil von Regent Street bildet, sah sich in einer Einöde,
wo er vielleicht so glücklich war, eine Schnepfe schießen zu können.[90]
Weiter nördlich zog sich die Straße nach Oxford zwischen Hecken hin.
Einige hundert Yards gegen Süden sah man die Gartenmauern einiger großen
Häuser, die nicht mehr als zur Stadt gehörend betrachtet wurden. Auf der
Westseite befand sich eine Wiese, berühmt durch eine Quelle, welche
später der Conduit Street (Wasserleitungsstraße) den Namen gab. Östlich
war ein Feld, über welches damals kein Londoner ohne Grauen gehen
kennte. An dieser von jeder menschlichen Wohnung entfernten Stelle war
zwanzig Jahre früher, zur Zeit der großen Pest, eine ungeheure Grube
angelegt worden, in welche die Leichenkarren allnächtlich Haufen von
Todten warfen. Das Volk war der Meinung, die Erde sei dadurch verpestet
und könne nicht ohne Gefahr für das menschliche Leben wieder ausgegraben
werden. Erst nachdem zwei Generationen vorübergegangen waren, ohne daß
die Pest zurückkehrte, und nachdem der unheimliche Platz schon auf allen
Seiten von Häusern umgeben war, wagte man es endlich, ihn zu
bebauen.[91]
Wir würden uns sehr irren, wenn wir glaubten, daß irgend eine der
Straßen oder einer der Plätze so ausgesehen habe wie jetzt. Die große
Mehrzahl der Häuser ist seitdem ganz oder theilweis neugebaut worden.
Die vornehmsten Stadttheile würden, wenn sie uns jetzt in ihrer
damaligen Gestalt vor Augen träten, uns durch ihr schmutziges Aussehen
und durch ihre verdorbene Atmosphäre abstoßen. In Coventgarden wurde
ganz nahe bei den Wohnungen der Großen ein unsauberer und lärmender
Markt gehalten. Obstweiber riefen ihre Waare aus, Kärrner schlugen sich
und Kohlstengel und verfaulte Äpfel lagen haufenweis vor den Hausthüren
der Herzogin von Berkshire und des Bischofs von Durham.[92]
Der Mittelpunkt von Lincoln's Inn Fields war ein freier Platz, auf dem
sich jeden Abend der Pöbel wenige Schritte von Cardigan House und
Winchester House versammelte, um die Reden von Marktschreiern anzuhören
und Bärentänze oder Kämpfe zwischen Hunden und Stieren anzusehen. Eine
widerliche Unreinlichkeit herrschte auf dem ganzen Platze, Pferde wurden
daselbst zugeritten und das Bettelvolk war dort so lärmend und
zudringlich wie in den am schlechtesten verwalteten Städten des
Continents. Die Bezeichnung »Lincoln's-Inn-Bettler« war sprichwörtlich.
Die ganze Sippschaft kannte das Wappen und die Livree jedes mildthätigen
Großen in der nächsten Umgebung und sobald die sechsspännige Equipage
Seiner Herrlichkeit erschien, hinkten und krochen sie schaarenweis
herbei, um ihn durch ihr Gewinsel zu belästigen. Diese Unordnungen
währten trotz vielfacher Unfälle und jeweiligen gerichtlichen
Einschreitens so lange, bis unter der Regierung Georg's II. der
Staatsarchivar, Sir Joseph Jeckyll, mitten auf dem Platze zu Boden
geschlagen und fast ermordet wurde. Jetzt endlich wurde er eingezäunt
und durch freundliche Gartenanlagen verschönert.[93]
St. James Square war der Sammelplatz für allen Unrath, alle Asche und
alle todten Katzen und Hunde von Westminster. Eine Zeitlang gab ein
Stockkämpfer dort seine Vorstellungen; später erbaute ein frecher Mensch
aus eigner Machtvollkommenheit einen Schuppen zur Aufbewahrung von
Lumpen und anderen Abgängen, unter den Fenstern der vergoldeten
Prunksäle, in denen die ersten Magnaten des Reichs, die Norfolk, die
Ormond, die Kent und die Pembroke Gastmähler und Bälle gaben. Erst
nachdem diese Unzuträglichkeiten ein ganzes Menschenalter gedauert
hatten und viel darüber geschrieben worden war, wendeten sich die
Bewohner an das Parlament und erhielten die Erlaubniß, den Platz
einzäunen und einige Bäume auf demselben pflanzen zu dürfen.[94]
Wenn sich der von der vornehmsten Klasse der Gesellschaft bewohnte
Stadttheil in einem solchen Zustande befand, so läßt sich leicht denken,
daß die große Masse der Bevölkerung Dinge ertragen mußte, welche jetzt
für unerträglich gehalten werden würden. Das Straßenpflaster war
abscheulich und alle Fremden schrieen Zeter darüber; die Abzugskanäle
waren so schlecht, daß bei starkem Regen die Gossen zu reißenden Strömen
wurden. Mehrere humoristische Dichter haben die Wuth besungen, mit der
sich diese schwarzen Ströme Snow Hill und Ludgate Hill hinabwälzten,
um Fleet Ditch einen ansehnlichen Beitrag an animalischem und
vegetabilischem Unrath aus den Buden der Metzger und der Gemüsehändler
zuzuführen. Durch die vorüberfahrenden Wagen und Karren wurde dieses
schmutzige Wasser nach allen Seiten hin emporgesprützt, so daß jeder
Fußgänger sich möglichst weit von dem Fahrwege zu entfernen, suchte.
Die Sanftmütigen und Schüchternen gaben die Mauer frei, der sich die
Dreisteren und Stärkeren bemächtigten; begegneten einander aber zwei
Starrköpfe, so drückten sie die Hüte ins Gesicht und stießen sich so
lange herum, bis der Schwächere in den Rinnstein taumelte. War der
Besiegte ein Poltron, so zog er mit der Drohung, es werde sich schon
eine Gelegenheit finden, ab; war er dagegen rauflustig, so endete die
Geschichte zuweilen mit einem Zweikampfe hinter Montague House.[95]
Die Häuser waren damals nicht nummerirt, was auch nur geringen Nutzen
gehabt haben würde, da die große Mehrzahl der Kutscher, Sänftenträger,
Hausknechte und Laufburschen Londons nicht lesen konnte. Man mußte sich
daher solcher Kennzeichen bedienen, die auch der Unwissendste verstand,
und zu dem Ende waren alle Läden mit gemalten Schildern versehen, welche
den Straßen ein eben so freundliches als seltsames Ansehen gaben. Der
Weg von Charing Croß nach Whitechapel führte durch eine endlose Reihe
von Mohrenköpfen, Königseichen, Blauen Bären und Goldenen Lämmern,
welche verschwanden, sobald sie dem gemeinen Volke nicht mehr als
Wegweiser dienen konnten.
Des Abends war eine Fußwanderung durch London in der That mit ernsten
Schwierigkeiten und selbst mit Gefahren verknüpft. Die Fenster wurden
geöffnet und allerhand Gefäße ohne Rücksicht auf die Vorübergehenden
ausgeschüttet. Fälle, Quetschungen und Arm- oder Beinbrüche kamen sehr
häufig vor, denn bis zum letzten Regierungsjahre Karl's II. ließ man die
meisten Straßen des Nachts in tiefster Finsterniß. Diebe und
Straßenräuber konnten ungestraft ihr Handwerk ausüben, doch waren diese
von den friedlichen Bürgern kaum so gefürchtet, als eine andre Klasse
von Bösewichtern. Es war ein Lieblingsvergnügen der übermüthigen jungen
Herren, des Nachts durch die Stadt zu schwärmen und Fenster einzuwerfen,
Sänften umzustürzen, ruhige Leute zu prügeln und hübsche Damen durch
rohe Zudringlichkeiten zu belästigen. Seit der Restauration hatten schon
mehrere Dynastien dieser Tyrannen die Straßen beherrscht. Die »Muns« und
die »Tityre Tus« hatten den »Hectors« Platz gemacht und auf die
»Hectors« waren neuerdings die »Scourers« gefolgt. Später kam der
»Nicker«, der »Hawcubite« und der noch weit mehr gefürchtete
»Mohawk«.[96]
[Anmerkung 86: Reisen des Großherzogs Cosmus.]
[Anmerkung 87: +Chamberlayne's State of England, 1684+; +Pennant's
London+; +Smith's Life of Nollekens.+]
[Anmerkung 88: +Evelyn's Diary, Oct. 10. 1683, Jan. 19.
1685--86.+]
[Anmerkung 89: +Stat. 1. Jac. I. c. 22.+ +Evelyn's Diary, Dec. 7.
1684.+]
[Anmerkung 90: Der alte General Oglethorpe, der 1785 starb,
versicherte, das er dort zu den Zeiten der Königin Anna Vögel
geschossen habe. Siehe +Pennant's London+ und +Gentleman's
Magazine, July 1785.+]
[Anmerkung 91: Das Pestfeld ist noch auf Plänen angegeben, welche
zu Ende der Regierung Georg's I. erschienen.]
[Anmerkung 92: Man sehe einen höchst interessanten Plan von
Coventgarden, der ums Jahr 1690 für Smith's +History of
Westminster+ gestochen wurde. Ferner auch Hogarth's »Morgen«,
welcher zu der Zeit gemalt wurde, als die Häuser der Piazza noch
von vornehmen Leuten bewohnt waren.]
[Anmerkung 93: +London Spy+; +Tom Brown's Comical View of London
and Westminster+; +Turner's Propositions for the employing of the
Poor, 1678+; +Daily Courant and Daily Journal+ vom 7. Juni 1733;
+Case of Michael v. Allestree, 1676, 2 Levinz p. 172.+ Michael war
von zwei Pferden, welche Allestree auf Lincoln's Inn Fields
einfuhr, niedergeworfen worden. Die Anklage lautete dahin, daß der
Angeklagte +»porta deux chivals ungovernable en un coach, et
improvide, incaute, et absque debita consideratione ineptitudinis
loci la eux drive pour eux faire tractable et apt pur un coach,
quels chivals, pur ceo que, per leur ferocite, ne poient estre
rule, curre sur le plaintiff et le noie.«+]
[Anmerkung 94: +Stat. 12. Geo. I. c. 25+; +Commons' Journals,
Febr. 25, March 2. 1725--26+; +London Gardener, 1712+; +Evening
Post, March 23. 1731.+ Ich habe diese Nummer der »Evening Post«
nicht erlangen können und führe sie daher nur auf Verantwortung
Malcolm's an, der sie in seiner +History of London+ erwähnt.]
[Anmerkung 95: +Lettres sur les Anglois+, geschrieben während der
ersten Regierungsjahre Wilhelm's III.; +Swift's City Shower+;
+Gay's Trivia+. Johnson pflegte oft ein interessantes Gespräch zu
erzählen, das er in Bezug auf das Geben und Nehmen der Mauerseite
mit seiner Mutter gehabt.]
[Anmerkung 96: +Oldham's Imitation of the 3d Satire of Juvenal+,
1682; +Shadwell's Scourers+, 1690. Wer die Volksliteratur dieser
und der nächstfolgenden Generation kennt, dem werden leicht noch
andere Autoritäten beifallen. Man kann annehmen, daß es einige
Tityre Tus waren, die kurz nach der Restauration als ächte
Kavaliere Milton die Fenster einwarfen. Ich bin überzeugt, daß
der Dichter diese Quälgeister von London im Sinne hatte, als er
die schönen Strophen niederschrieb:
Und wenn in prächt'gen Städten das Geräusch
Des frechen Übermuths emporsteigt zu
Den höchsten Thürmen, wenn des Abends Schatten
Sich auf die Straßen senken, dann tobt Belial's Gezücht
Vom Weine trunken lärmend hin und her.]
[_Die Londoner Polizei._] Die Maßregeln zur Aufrechthaltung der Ruhe
waren höchst mangelhaft. Zwar gab es eine Verordnung des Gemeinderaths,
nach welcher mehr als tausend Nachtwächter fortwährend von
Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang auf den Beinen sein und daß jeder
Einwohner der Reihe nach diesen Dienst versehen sollte, allein diese
Verordnung wurde nur sehr lässig durchgeführt. Wenige von Denen, welche
aufgefordert waren, verließen das Haus und diese Wenigen fanden es meist
angenehmer, in den Bierhäusern zuzubringen als durch die Straßen zu
wandern.[97]
[Anmerkung 97: +Seymour's London.+]
[_Beleuchtung von London._] Es muß bemerkt werden, daß im letzten Jahre
der Regierung Karl's II. in dem Polizeiwesen der Hauptstadt eine
wichtige Veränderung eintrat, welche zum Wohle der Gesammtbevölkerung
vielleicht eben so viel beigetragen hat, als manche andre viel
berühmtere Umwälzung. Ein spekulativer Kopf, Namens Eduard Heming,
erhielt ein Patent, durch welches ihm auf eine bestimmte Anzahl Jahre
die Beleuchtung London's ausschließlich überlassen wurde. Gegen eine
mäßige Vergütung verpflichtete er sich in mondlosen Nächten von
Michaelis bis zum Tage Maria Verkündigung, Abends von sechs bis zwölf
Uhr an jeder zehnten Hausthür ein Licht anzubringen. Wer jetzt die
Hauptstadt das ganze Jahr hindurch von der Abend- bis zur
Morgendämmerung in einem Lichtmeere strahlen sieht, gegen welches die
festlichen Illuminationen wegen der Siege von La Hogue und Blenheim matt
erschienen sein würden, der wird vielleicht bei dem Gedanken an Heming's
Laternen lächeln, die ungefähr den dritten Theil des Jahres während
einiger Stunden der Nacht vor jedem zehnten Hause einen schwachen
Lichtschein verbreiteten. Heming's Zeitgenossen waren andrer Meinung;
sein Plan fand enthusiastischen Beifall, erfuhr aber auf der andren
Seite auch die heftigsten Angriffe. Die Freunde des Fortschritts priesen
ihn als den größten Wohlthäter seiner Vaterstadt. Was waren, fragten
sie, die vielgerühmten Erfindungen des Archimedes im Vergleich zu der
Verbesserung dieses Mannes, der die Schatten der Nacht in helles
Tageslicht verwandelt! Aber trotz dieser beredten Lobeserhebungen hatte
auch die Sache der Finsterniß ihre Vertheidiger. Es gab zu jener Zeit
Schwachköpfe, die sich der Einführung dieses sogenannten »neuen Lichtes«
eben so hartnäckig widersetzten, wie sich die Thoren unsrer Zeit der
Einführung der Kuhpockenimpfung und der Eisenbahnen und die Thoren der
grauen Vorzeit ohne Zweifel der Einführung des Pfluges und der
Buchstabenschrift widersetzt haben. Noch viele Jahre nach Ertheilung des
Patents an Heming gab es ganze Stadttheile, in denen keine Lampe zu
sehen war.[98]
[Anmerkung 98: +Angliae Metropolis, 1690, Sect. 17+, unter der
Überschrift: +»On the new lights«+. -- +Seymour's London+.]
[_Whitefriars._] Man kann daraus leicht schließen, in welchem Zustande
sich damals diejenigen Stadttheile London's befunden haben mögen, die
von dem Auswurfe der Gesellschaft bewohnt waren. Einer von diesen
Stadttheilen war ganz besonders berüchtigt. An den Grenzen der City und
des Temple war im dreizehnten Jahrhunderte ein Kloster für Karmeliter,
die sich durch ihre weißen Kaputzen unterschieden, erbaut worden. Die
Räume dieses Klosters waren vor der Reformation eine Zufluchtsstätte für
Verbrecher gewesen und es besaß noch immer das Privilegium, verfolgte
Schuldner vor der Verhaftung zu schützen. Das ganze Kloster war daher
beständig, vom Keller bis zum Dachboden, mit solchen Leuten angefüllt,
von denen ein großer Theil Schurken und Wüstlinge waren, die gewöhnlich
noch verworfenere Weibspersonen mit in dieses Asyl brachten. Die
bürgerliche Gewalt war nicht im Stande, in einem Stadtbezirke, der von
solchen Bewohnern wimmelte, Ordnung zu halten, und so wurde Whitefriars
der Lieblingsaufenthalt aller Derjenigen, die sich von dem lästigen
Zwange des Gesetzes befreien wollten. Obgleich sich die dem Kloster
gesetzlich zustehenden Vorrechte nur auf Schuldverhältnisse erstreckten,
so fanden doch auch Betrüger, falsche Zeugen, Fälscher und Räuber
daselbst bereitwillige Aufnahme. Unter einem so verzweifelten Gesindel
war ein öffentlicher Beamter seines Lebens nicht sicher. Auf den Ruf »zu
Hülfe!« stürmten Raufbolde mit Schwertern und Knitteln und kampflustige
Weiber mit Bratspießen und Besenstielen zu Hunderten herbei, und der
unberufene Eindringling konnte noch von Glück sagen, wenn er ohne
Kleider und am ganzen Körper zerschlagen die Straße wieder erreichte.
Selbst ein Verhaftbefehl von Seiten des Oberrichters von England konnte
nicht ohne den Beistand einer Compagnie Soldaten vollzogen werden.
Solche Überreste von dem Barbarismus des rohesten Zeitalters fanden sich
in geringer Entfernung von den Zimmern, in denen Somers Geschichte und
Rechtswissenschaft studirte, von der Kirche, in welcher Tillotson
predigte, von dem Kaffeehause, wo Dryden über Poesie und Theater sein
Urtheil abgab, und von dem Saale, in welchem die Königliche Societät das
Sternensystem Isaak Newton's prüfte.[99]
[Anmerkung 99: +Stowe's Survey of London+; +Shadwell's squire of
Alsatia+; +Ward's London Spy+; +Stat. 8. and 9 Gul. III. cap.
27.+]
[_Der Hof._] Jede der beiden Städte, welche zusammen die Hauptstadt
England's bildeten, hatte ihren besonderen Mittelpunkt, der seine
Anziehungskraft ausübte. In der Hauptstadt des Handels war dieser
Centralpunkt die Börse, in der Hauptstadt der vornehmen Welt der
königliche Palast. Letzterer behauptete jedoch seinen Einfluß nicht so
lange als die Börse. Die Revolution führte eine vollständige Veränderung
des Verhältnisses zwischen dem Hofe und den höheren Klassen der
Gesellschaft herbei. Man kam nach und nach dahinter, daß der König für
seine Person sehr wenig zu vergeben hatte, daß Adelsdiplome und Orden,
Bisthümer und Gesandtschaften, Schatz- und Zahlmeisterposten in der
Schatzkammer, ja selbst Stallmeister- und Kammerherrnstellen eigentlich
nicht von ihm, sondern von seinen Räthen vergeben wurden. Jeder
Ehrgeizige und Habsüchtige sah ein, daß er weit besser für seinen
Vortheil sorge, wenn er die Herrschaft in einem Flecken von Cornwall
erlangte und dem Ministerium in einer kritischen Parlamentssession gute
Dienste leistete, als wenn er der Gesellschaft und selbst der Günstling
seines Fürsten wurde. Die Menge der Stellenjäger war daher alltäglich
nicht in den Vorzimmern Georg's I. und Georg's II., sondern in denen
Walpole's und Pelham's zu finden. Auch muß bemerkt werden, daß die
nämliche Revolution, die es unseren Königen unmöglich machte, das ihnen
zustehende Patronatsrecht im Staate lediglich zur Befriedigung ihrer
persönlichen Neigungen auszuüben, uns mehrere Könige gab, die in Folge
ihrer Erziehung und ihrer Gewohnheiten unfähig waren, freundliche und
angenehme Wirthe zu sein. Sie waren auf dem Continent geboren und
erzogen und fühlten sich nie recht heimisch auf unsrer Insel. Wenn sie
unsre Sprache überhaupt sprachen, so sprachen sie sie doch ohne Eleganz
und nur mit Anstrengung, verstanden unsren Nationalcharacter nie
vollkommen und versuchten es kaum, sich unsere Nationalsitten
anzueignen. Zwar erfüllten sie den wichtigsten Theil ihrer Pflicht
besser als irgend einer ihrer Vorgänger, denn sie regierten streng den
Gesetzen gemäß, aber nie konnten sie die ersten _Gentlemen_ des Reichs,
die Oberhäupter der gebildeten Gesellschaft werden. Wenn sie einmal den
Zwang der Etikette abwarfen, so geschah es nur in einem sehr kleinen
Kreise, in welchem kaum ein englisches Gesicht zu erblicken war und sie
fühlten sich nie glücklicher, als wenn sie auf einen Sommer in ihr
Geburtsland entfliehen konnten. Sie empfingen zwar an bestimmten Tagen
unsren Adel und unsre Gentry, aber dieser Empfang war eine bloße
Formalität und wurde zuletzt so feierlich wie ein Leichenbegängniß.
Anders war es am Hofe Karl's II. Whitehall war während seines
Aufenthalts daselbst der Brennpunkt der politischen Intriguen und der
vornehmen Vergnügungen. Die Hälfte aller Ränke und Umtriebe der ganzen
Hauptstadt wurde unter seinem Dache gesponnen. Wer es verstand, sich die
Gunst des Fürsten oder seiner Maitresse zu erwerben, der durfte hoffen,
sich emporzuschwingen, ohne der Regierung Dienste geleistet zu haben,
ja ohne einem Minister nur von Ansehen bekannt zu sein. Dieser erlangte
eine Fregatte, Jener eine Compagnie, ein Dritter die Begnadigung eines
reichen Verbrechers, ein Vierter die Pachtung von Kronländereien unter
billigen Bedingungen. Sprach der König den Wunsch aus, daß ein
unbeschäftigter Advokat zum Richter, oder ein ausschweifender Baronet
zum Peer ernannt werden mochte, so fügten sich auch die ernstesten Räthe
der Krone nach schüchterner Einsprache.[100] Das Interesse führte daher
beständig eine Menge Bittsteller an die Thore des Palastes und diese
waren stets geöffnet. Der König hielt jeden Tag vom Morgen bis zum Abend
offenes Haus für die gute Gesellschaft von London, mit alleiniger
Ausnahme der heftigsten Whigs. Einem Gentlemen wurde es fast niemals
schwer, zu der Person des Königs zu gelangen. Das Lever war ein solches
im wahren Sinne des Worts, denn jeden Morgen fanden sich einige
hochstehende Männer ein, um ihrem Gebieter Gesellschaft zu leisten und
ihn zu unterhalten, während er sich ankleiden ließ, und ihn dann auf
seinem Morgenspaziergange durch den Park zu begleiten. Jeder der bei
Hofe gehörig vorgestellt war, konnte ohne besondere Einladung in den
Palast kommen, um den König speisen, tanzen oder spielen zu sehen, und
konnte das Vergnügen haben, ihm höchst interessante und unterhaltende
Geschichten von seiner Flucht aus Worcester und von den Leiden, die er
als Staatsgefangener in den Händen der frömmelnden und anmaßenden
Priester Schottland's hatte ertragen müssen, erzählen zu hören.
Anwesende, die Seine Majestät erkannte, wurden oft mit einem
freundlichen Worte beglückt. Dieses Verfahren erwies sich als weit
nutzbringender für den König als das seines Vaters oder seines
Großvaters. Auch der starrste Republikaner aus Marvel's Schule konnte
dem Zauber einer solchen Freundlichkeit und Herablassung nicht leicht
widerstehen, und mancher alte Veteran, in dessen Herzen der Gedanke an
unvergoltene Opfer und Dienste zwanzig Jahre lang bitteren Groll gehäuft
hatte, fühlte sich für Wunden und Vermögensconfiscation durch den
freundlichen Blick seines Souverains und durch ein »Gott grüß' Euch,
alter Freund!« in einem Augenblicke entschädigt.
So wurde Whitehall ganz natürlich die Hauptquelle aller Neuigkeiten.
Wenn sich das Gerücht verbreitete, daß irgend etwas Wichtiges geschehen
sei oder geschehen werde, so strömte alsbald das Volk dahin, um aus der
ersten Hand Nachricht zu erhalten. Die Corridors hatten dann das
Aussehen eines modernen Clubzimmers in bewegter Zeit. Sie waren
angefüllt mit Leuten, die sich erkundigten, ob die holländische Post
eingetroffen sei, welche Nachrichten der Expresse aus Frankreich
gebracht, ob Johann Sobiesky die Türken geschlagen habe oder ob der Doge
von Genua wirklich in Paris sei. Dies waren Dinge, von denen man
ungescheut sprechen durfte, allein es gab auch andere, über die man nur
leise Erkundigungen einzog und Auskunft gab. War Rochester durch Halifax
verdrängt? Sollte das Parlament einberufen werden? Ging der Herzog von
York wirklich nach Schottland? War Monmouth wirklich aus dem Haag
zurückberufen wurden? Man versuchte es in den Mienen des Ministers zu
lesen, der sich eben durch das Gewühl drängte, um in das königliche
Kabinet zu gehen, oder aus demselben zurückkehrte. Aus dem Tone, in
welchem Seine Majestät mit dem Lord Präsidenten gesprochen, oder
aus dem Lächeln, mit dem Seine Majestät einen Scherz des Lord
Geheimsiegelbewahrers beehrt hatte, wurden allerhand Schlüsse gezogen,
und binnen wenigen Stunden hatten sich die aus solchen geringfügigen
Anzeichen geschöpften Hoffnungen oder Befürchtungen durch alle
Kaffeehäuser vom St. Jamespalast bis zum Tower verbreitet.[101]
[Anmerkung 100: Siehe Sir Roger North's +Account of the way in
which Wright was made a judge+, und Clarendon's +Account of the
way in which Sir George Savile was made a peer.+]
[Anmerkung 101: Die Quellen, denen ich meine Mittheilungen über
den Hof entlehnt habe, sind zu zahlreich, als daß ich sie alle
hier anführen könnte. Unter anderen sind es die Depeschen von
Barillon, Citters, Ronquillo und Adda, die Reisen des Großherzogs
Cosmus, die Tagebücher von Pepys, Evelyn und Teonge und die
Memoiren von Grammont und Reresby.]
[_Die Kaffeehäuser._] Das Kaffeehaus darf nicht bloß oberflächlich
berührt werden, denn es hätte damals nicht mit Unrecht eine höchst
wichtige politische Institution genannt werden können. Seit Jahren war
kein Parlament versammelt gewesen; der Gemeinderath der City war nicht
mehr der Repräsentant der Gesinnung der Bürger; Volksversammlungen,
Reden, Beschlüsse und das ganze übrige neuere Getriebe der Agitation war
noch nicht angekommen, es gab noch kein Zeitungswesen, das dem unsrigen
ähnelte. Unter solchen Umständen waren die Kaffeehäuser die Hauptorgane,
durch welche sich die öffentliche Meinung der Hauptstadt äußerte.
Das erste derartige Etablissement war zur Zeit der Republik von einem
mit der Türkei Handel treibenden Kaufmanne errichtet worden, der bei den
Muhamedanern Geschmack an ihrem Lieblingsgetränk gefunden hatte. Die
Annehmlichkeit, in allen Theilen der Stadt Zusammenkunftsorte zu haben
und die Abende sehr wohlfeil in Gesellschaft zubringen zu können, war so
groß, daß sich die Mode rasch verbreitete. Jeder Mann aus den höheren
und mittleren Ständen ging täglich in sein Kaffeehaus, um Neuigkeiten zu
erfahren und darüber zu sprechen, und jedes Kaffeehaus hatte einen oder
mehrere Wortführer, deren Reden der große Haufe mit Bewunderung anhörte
und welche bald das wurden, als was man auch die Journalisten unsrer
Zeit bezeichnet hat: ein vierter Stand des Reichs. Der Hof hatte das
Erstehen dieser neuen Macht im Staate schon längst mit mißliebigem Auge
betrachtet und es war auch unter Danby's Verwaltung ein Versuch gemacht
worden, die Kaffeehäuser zu schließen; aber Männer aller Parteien
vermißten ihre gewohnten Versammlungsorte so schmerzlich, daß ein
allgemeines Wehgeschrei ertönte. Die Regierung wagte es daher nicht,
so allgemein und entschieden ausgesprochenen Wünschen entgegen eine
Verordnung durchzuführen, deren Gesetzmäßigkeit wohl in Zweifel gezogen
werden konnte. Seitdem waren zehn Jahre vergangen und während dieses
Zeitraums hatte sich die Zahl und der Einfluß der Kaffeehäuser beständig
vermehrt. Fremde machten die Bemerkung, daß das Kaffeehaus das sei,
wodurch sich London wesentlich von allen anderen Städten unterscheide,
daß es die eigentliche Heimath des Londoners sei und daß Derjenige, der
einen Gentleman aufsuchen wolle, nicht danach zu fragen pflege, ob er in
Fleet Street oder in Chancery Lane wohne, sondern ob er den »Griechen«
oder den »Regenbogen« besuche. Niemand war von diesen Lokalen
ausgeschlossen, der seinen Penny bezahlte. Indessen hatte jeder Rang und
Stand und jede religiöse und politische Farbe ihr besondres
Hauptquartier. In der Nähe von St. James Park waren Kaffeehäuser, in
denen sich Stutzer versammelten, deren Kopf und Schultern mit schwarzen
oder weißen Perrücken von nicht geringerem Umfange bedeckt waren, wie
sie jetzt der Kanzler und der Sprecher des Hauses der Gemeinen tragen.
Die Perrücke stammte aus Paris, eben so auch der übrige Staat des feinen
Herrn: der gestickte Frack, die mit Fransen besetzten Handschuhe und die
Troddelschnur, die das Beinkleid über den Hüften festhielt. Dort wurde
in dem Dialecte gesprochen, der noch lange, nachdem er in den vornehmen
Kreisen aus der Mode gekommen war, im Munde Lord Foppington's die
Lachlust des Theaterpublikums reizte.[102] Die Atmosphäre hatte
Ähnlichkeit mit der eines Parfümerieladens und der Tabak war in jeder
andren Form als in der eines lieblich duftenden Schnupftabaks streng
verpönt. Fiel es einem mit den Sitten bei Hauses noch Unbekannten etwa
ein, eine Pfeife zu verlangen, so belehrten ihn das höhnische Lächeln
der Anwesenden und die kurzen Antworten der Kellner sehr bald, daß er
besser thun würde, anderswohin zugehen. Er hatte auch nicht weit zu
gehen, denn in den meisten Kaffeehäusern wurde geraucht wie in einer
Wachstube und Fremde wunderten sich zuweilen darüber, daß so viele Leute
ihre Wohnung verließen, um beständig in einem solchen Nebel und Gestank
zu sitzen. Am stärksten wurde in Will's Kaffeehause geraucht. Dieses
berühmte Haus, das zwischen Coventgarden und Bow Street lag, war den
schönen Wissenschaften geweiht. Die Hauptgegenstände der Unterhaltung
waren dort die poetische Gerechtigkeit und die Einheit von Raum und
Zeit; es gab eine Faction für Perrault und die Neueren, eine andere für
Boileau und die Alten. Die eine Gruppe diskutirte darüber, ob das
»Verlorene Paradies« nicht hätte in Reimen geschrieben werden sollen,
einer andern bewies ein mißgünstiges Poetlein, daß das »Gerettete
Venedig« im Theater hätte ausgezischt werden sollen. Nirgends konnte man
unter einem Dache eine größere Mannichfaltigkeit von Gestalten sehen:
Earls mit Sternen und Ordensbändern, Geistliche in ihren Priesterröcken,
naseweise Templer, schüchterne Knaben von den Universitäten, Übersetzer
und Indexmacher in zerrissenen Flausröcken. Das ärgste Gedränge war
immer in der Nähe des Platzes, auf dem John Dryden saß. Im Winter war
dieser Platz im wärmsten Winkel unweit des Kamins, im Sommer auf dem
Balcon. Ihn zu begrüßen und seine Meinung über Racine's neuestes
Trauerspiel oder über Bossu's Werk über die epische Dichtkunst zu hören,
galt für ein Glück. Eine Prise aus seiner Dose war eine Ehre, die einem
jungen Enthusiasten den Kopf verrücken konnte. Es gab ferner
Kaffeehäuser, in denen man die angesehensten Ärzte consultiren konnte.
Der Doctor John Radcliffe, der im Jahre 1685 von allen Londoner Ärzten
die ausgedehnteste Praxis besaß, kam täglich um die Zeit, wo es an der
Börse am lebhaftesten war, aus seiner Wohnung in Bow Street, damals
einem eleganten Stadttheile von London, in Garraway's Kaffeehaus, wo man
ihn regelmäßig, von Wundärzten und Apothekern umgeben, an einem
besonderen Tische fand. Auch gab es puritanische Kaffeehäuser, in denen
man keinen Schwur hörte, und wo glattköpfige Männer in näselndem Tone
von Gnadenwohl und Verdammniß sprachen; ferner jüdische Kaffeehäuser, wo
sich schwarzäugige Geldwechsler aus Venedig und Amsterdam versammelten,
und endlich papistische, in denen, wie die guten Protestanten glaubten,
Jesuiten bei der Kaffeetasse über den Plan zu einem neuen großen Brande
brüteten und silberne Kugeln gossen, um damit den König zu
erschießen.[103]
Diese geselligen Gewohnheiten bildeten einen characteristischen Zug des
Londoners der damaligen Zeit. Er war in der That ein von dem englischen
Provinzbewohner ganz verschiedenes Wesen, und es bestand damals zwischen
diesen beiden Klassen noch nicht der Verkehr, wie gegenwärtig. Nur sehr
vornehme und reiche Leute pflegten ihren Aufenthalt zwischen Stadt und
Land zu theilen. Wenige Landedelleute kamen in ihrem Leben dreimal nach
London, und ebensowenig war es damals Mode, daß die wohlhabenderen
Bewohner der Hauptstadt im Sommer einige Wochen lang die frische
Landluft einathmeten. Das Londoner Stadtkind wurde auf dem Dorfe
angestaunt, als ob es sich in ein Hottentotten-Kraal verlaufen hätte.
Wenn auf der andren Seite ein Gutsbesitzer aus Lincolnshire oder
Shropshire in Fleet Street erschien, so wurde er von den Stadtbewohnern
eben so leicht unterschieden, wie ein Türke oder ein Lascar. Seine
Kleidung, sein Gang, seine Sprache, die Art und Weise, wie er die Läden
anstaunte, in die Rinnsteine stolperte, gegen die Lastträger anrannte
und unter den Dachtraufen stehen blieb, machte ihn zu einem willkommenen
Schlachtopfer für Gauner und zu einer trefflichen Zielscheibe für
muthwillige Spaßvögel. Raufbolde stießen ihn absichtlich in die Gosse,
Miethkutscher bespritzten ihn vom Kopf bis zu den Füßen, und wenn er mit
bewunderndem Entzücken den Lord Mayor mit seinem glänzenden Gefolge
vorüberziehen sah, untersuchten gewandte Diebe mit alter Bequemlichkeit
die weiten Taschen seines Reitrockes. Verschmitzte Gauner, noch wund von
der Peitsche des Zuchtmeisters, knüpften ein Gespräch mit ihm an und
dünkten ihm die liebenswürdigsten und rechtschaffensten Männer, die er
jemals kennen gelernt. Geschminkte Dirnen, der Auswurf von Lewkner Lane
und Whetstone Park, gab sich ihm gegenüber für Gräfinnen und
Hoffräuleins aus. Wenn er sich nach dem Wege nach St. James erkundigte,
schickte man ihn nach Mile End. Trat er in einen Laden, so erkannte man
in ihm sogleich einen Käufer für solche Waaren, die kein Mensch sonst
haben mochte, und man hing ihm verlegene Stickereien, kupferne Ringe und
Uhren auf, die nicht gehen wollten. Ließ er sich in einem eleganten
Kaffeehause blicken, so wurde er alsbald die Zielscheibe des
rücksichtslosen Spottes der Stutzer und ernsterer Neckereien von Seiten
der Studenten. Voll Ärger und Verdruß kehrte er sehr bald auf sein
Landgut zurück und fand in der Ehrerbietung seiner Pächter und in der
Unterhaltung mit seinen heiteren Genossen Trost für die erlittenen
Demüthigungen und Kränkungen. Hier fühlte er sich wieder als Mann von
Gewicht und erblickte Niemanden über sich, ausgenommen, wenn er bei den
Assisen seinen Platz neben dem Richter einnahm oder wenn er bei der
Musterung der Miliz den Lordlieutenant begrüßte.
[Anmerkung 102: Die Haupteigenthümlichkeit dieses Dialectes
bestand darin, daß in einer Menge von Wörtern das +o+ wie +a+
ausgeprochen wurde. So wurde z.B. +stork+ (Storch) +stark+
ausgesprochen. Siehe +Vanbrugh's Relapse.+ Lord Sunderland war ein
großer Meister in dieser Hofsprache, wie Roger North sie nennt,
und Titus Oates affectirte dieselbe, in der Hoffnung, für einen
eleganten Gentleman gehalten zu werden. +Examen, 77, 254.+]
[Anmerkung 103: +Letters sur les Anglois+; +Tom Brown's Tour+;
+Ward's London Spy+; +The Character of a Coffee-House, 1673+;
+Rules and Orders of the Coffee-House, 1674+; +Coffee-Houses
vindicated, 1675+; +A Satyr against Coffee+; +North's Examen,
138+; +Life of Guildford, 152+; +Life of Sir Dudley North, 149+;
+Life of Dr. Radcliffe, published by Curll, 1715.+ Die
unterhaltendste Beschreibung von Will's Kaffeehause befindet sich
in +The City and County Mouse+. Eine interessante Stelle über den
Einfluß der Kaffeehausredner kommt auch in +Halstead's Succinct
Genealogies, 1685+, vor.]
[_Schwierigkeiten des Reisens._] Ein Haupthinderniß für die
Verschmelzung der verschiedenen Elemente der Gesellschaft war die große
Schwierigkeit, die es unseren Vorfahren machte, wenn sie sich an einen
andren Ort begeben wollten. Mit alleiniger Ausnahme des Alphabets und
der Buchdruckerkunst haben diejenigen Erfindungen, welche die Entfernung
abkürzten, zur Civilisation unsres Geschlechts am meisten beigetragen.
Jede Vervollkommnung der Communicationsmittel bringt der Menschheit
sowohl in materieller, als auch in moralischer und intellectueller
Hinsicht Nutzen und erleichtert nicht nur den Austausch der
verschiedenen Natur- und Kunstproducte, sondern trägt auch zur
Beseitigung nationaler und provinzieller Vorurtheile und zur engeren
Verbindung aller Zweige der großen menschlichen Familie bei. Im
siebzehnten Jahrhundert waren die Bewohner von London zu fast jedem
praktischen Zwecke von Reading weiter entfernt, als heutzutage von
Edinburg, und von Edinburg weiter als jetzt von Wien.
Den Unterthanen Karl's II. war übrigens die Kraft, die in unseren Tagen
eine beispiellose Umwälzung in allen menschlichen Dingen hervorgebracht,
welche Flotten in den Stand gesetzt hat gegen Wind und Fluth zu steuern,
und Bataillone, mit Gepäck und Geschützen ganze Reiche mit der
Geschwindigkeit des besten Renners zu durcheilen, nicht mehr ganz
unbekannt. Der Marquis von Worcester hatte unlängst die Expansivkraft
des durch Hitze verdünnten Wassers erkannt, und nach vielen Versuchen
war es ihm gelungen, eine rohe Dampfmaschine zu construiren, die er
Feuerwasserwerk nannte und als eine bewunderungswürdige
Fortbewegungsmaschine von außerordentlicher Kraft bezeichnete.[104] Aber
man hielt den Marquis für wahnsinnig und überdies war er als Papist
bekannt. Seine Erfindungen fanden daher keine günstige Aufnahme; sein
Feuerwasserwerk gab vielleicht Stoff zu einem Vortrage in der
Königlichen Societät, aber zu einem praktischen Zwecke wurde es nicht
angewendet. Schienenwege gab es damals noch nicht, einige hölzerne
ausgenommen, von den Kohlengruben in Northumberland bis an die Ufer des
Tyne.[105] Die inneren Wasserverbindungen waren ebenfalls noch sehr
spärlich; zwar hatte man einige Versuche gemacht, die Flüsse zu
vertiefen und zu dämmen, aber mit sehr geringem Erfolge. Kaum ein
einziger schiffbarer Kanal war nur projectirt. Die damaligen Engländer
sprachen mit einer neidischen Bewunderung von dem großen Kanale, durch
welchen Ludwig XIV. den Atlantischen Ocean mit dem Mittelländischen
Meere verbunden hatte. Sie ahneten nicht, daß ihr ganzes Land einige
Generationen später auf Kosten von Privatunternehmern von künstlichen
Strömen durchschnitten sein würde, welche viermal so lang sind als die
Themse, der Severn und der Trent zusammengenommen.
[Anmerkung 104: +Century of Inventions, 1663, No. 68.+]
[Anmerkung 105: +North's Life of Guildford, 136.+]
[_Schlechter Zustand der Landstraßen._] Die Reisenden und Waaren wurden
meist auf den Landstraßen von Ort zu Ort geschafft und diese befanden
sich in einem viel schlechteren Zustande, als man es bei dem Grade von
Reichthum und Civilisation, den die Nation schon damals erreicht, hätte
erwarten sollen. Die besten Verbindungswege hatten tiefe Geleise, steile
Abhänge und waren im Dunkeln kaum von den zu beiden Seiten befindlichen
Haiden und Sümpfen zu unterscheiden. Der Alterthumsforscher Ralph
Thoresby war in Gefahr, sich auf der großen Nordstraße zwischen Barnby
Moor und Tuxford zu verirren und verirrte sich wirklich zwischen
Doncaster und York.[106] Pepys und seine Gattin, welche mit eigner
Equipage reisten, verirrten sich zwischen Newbury und Reading; auf der
nämlichen Reise verirrten sie sich noch einmal in der Nähe von
Salisbury, wo sie die Nacht fast hätten auf freiem Felde zubringen
müssen.[107] Nur bei gutem Wetter konnte die Straße in ihrer ganzen
Breite von Räderfuhrwerk benutzt werden. Oft lag tiefer Koth zu beiden
Seiten und nur ein schmaler Streifen festen Bodens zog sich zwischen dem
Moraste hin.[108] Zu solchen Zeiten gab es häufigen Aufenthalt und
Streit, denn die Straße war zuweilen lange von Fuhrleuten versperrt, die
einander nicht ausweichen wollten. Es kam fast täglich vor, daß Kutschen
stecken blieben, bis ein Ochsenvorspann aus dem nächsten Dorfe
herbeigeschafft werden konnte, um sie aus dem Schlamme zu ziehen. In der
schlechten Jahreszeit aber hatte der Reisende mit noch viel größeren
Widerwärtigkeiten zu kämpfen. Thoresby, der oft von Leeds nach der
Hauptstadt und zurück reisen mußte, hat in seinem Tagebuche eine Reihe
von Gefahren und Unfällen aufgezeichnet, die für eine Reise nach dem
Eismeere oder durch die Wüste Sahara vollkommen genug sein würden.
Einmal erfuhr er, daß zwischen Ware und London die Flüsse ausgetreten
waren, daß Reisende sich nur durch Schwimmen gerettet hatten und daß ein
Hausirer, der dies, auch hatte versuchen wollen, ums Leben gekommen war.
In Folge dieser Nachrichten lenkte er von der Heerstraße ab und ritt
über einige Wiesen, wo ihm das Wasser bis an den Sattel ging.[109] Auf
einer andren Reise entging er mit knapper Noth der Gefahr, von einer
Überschwemmung des Trent hinweggespült zu werden. Später einmal mußte er
des schlechten Zustandes der Straße wegen vier Tage in Stamford liegen
bleiben und wagte dann die Weiterreise nur in Gesellschaft von vierzehn
Mitgliedern des Hauses der Gemeinen, welche mit Führern und einem
zahlreichen Gefolge nach London zum Parlament reisten.[110] Auf den
Straßen von Derbyshire waren die Reisenden in steter Gefahr, den Hals zu
brechen und mußten oft absteigen und ihre Pferde führen.[111] Die
Hauptstraße durch Wales nach Holyhead war in einem solchen Zustande, daß
im Jahre 1685 ein Vicekönig, der sich nach Irland begab, fünf Stunden
brauchte, um den vierzehn Meilen langen Weg von St. Asaph nach Conway
zurückzulegen. Zwischen Conway und Beaumaris mußte er eine große Strecke
zu Fuß gehen und seine Gemahlin in einer Sänfte tragen lassen. Sein
Wagen konnte ihm nur mit Beihülfe vieler Hände in unverändertem Zustande
nachgeschickt werden. In der Regel wurden die Wagen in Conway
auseinandergenommen und von kräftigen waleser Landleuten bis ans Ufer
der Menaistraße getragen.[112] In einigen Theilen von Kent und Sussex
konnten im Winter nur die stärksten Pferde durch den Schlamm kommen,
in den sie bei jedem Schritte versanken. Die Märkte mußten deshalb oft
mehrere Monate ausgesetzt werden. Es wird erzählt, daß die Feldfrüchte
zuweilen an einem Orte unbenutzt verfaulten, während an einem wenige
Meilen davon entfernten Orte der Vorrath bei weitem nicht dem Bedarf
entsprach. Die Räderfuhrwerke wurden in dieser Gegend meist von Ochsen
gezogen.[113] Als der Prinz Georg von Dänemark bei nassem Wetter das
prächtige Schloß Petworth besuchte, brauchte er sechs Stunden zu neun
Meilen Wegs und mehrere kräftige Männer mußten zu beiden Seiten des
Wagens gehen, um denselben zu stützen. Von den Wagen seines Gefolges
wurden mehrere umgeworfen und beschädigt. Es existirt noch ein Brief von
einem seiner Kammerdiener, worin der gute Mann sich beklagt, daß er in
vierzehn Stunden nicht ein einziges Mal ausgestiegen sei, außer wenn
sein Wagen umwarf oder im Kothe stecken blieb.[114]
Eine Hauptursache der schlechten Beschaffenheit der Heerstraßen scheint
die Mangelhaftigkeit der Gesetze gewesen zu sein. Jedes Kirchspiel war
verpflichtet, die durch sein Gebiet führende Chaussee in Stand zu
halten. Zu dem Ende mußte jeder Landmann sechs Tage im Jahre
unentgeltlich daran arbeiten, und genügte dies nicht, so wurden Arbeiter
gemiethet und die Kosten durch freiwillige Beiträge aufgebracht. Daß
eine Heerstraße, welche zwei große Städte verbindet, die einen lebhaften
und einträglichen Handel mit einander treiben, auf Kosten der zwischen
ihnen zerstreuten ländlichen Bevölkerung unterhalten werden soll, ist
offenbar unbillig, und diese Unbilligkeit war namentlich bei der großen
Nordstraße in die Augen fallend, indem dieselbe durch sehr arme und dünn
bevölkerte Districte führte, aber sehr wohlhabende und volkreiche mit
einander verband. Es liegt wohl klar am Tage, daß man den Gemeinden von
Huntingdonshire nicht zumuthen konnte, eine Straße in Stand zu halten,
welche durch den lebhaften Handelsverkehr zwischen dem Westen von
Yorkshire und London arg zugerichtet wurde. Bald nach der Restauration
erregte dieser Übelstand die Aufmerksamkeit des Parlaments und es wurde
eine Verordnung, das erste unserer zahlreichen Chausseegesetze,
erlassen, durch welche den Reisenden und Gütern eine kleine Abgabe als
Beitrag zu den Unterhaltungskosten dieser wichtigen Verbindungslinie
auferlegt ward.[115] Diese Neuerung erregte jedoch heftiges Murren und
die übrigen großen Zugänge nach der Hauptstadt blieben daher noch lange
unter dem alten Systeme, bis endlich, nicht ohne große Schwierigkeiten,
eine Veränderung vorgenommen wurde. Ungerechte und zwecklose Steuern,
an die das Volk einmal gewöhnt ist, zahlt es oft williger als eine neue,
wenn auch noch so vernünftige Abgabe. Erst nachdem viele Schlagbäume
gewaltsam zerstört, in vielen Bezirken die bewaffnete Macht gegen das
Volk eingeschritten und viel Blut vergossen worden war, gewann das
zweckmäßige System festen Boden.[116] Der Verstand siegte nach und nach
über das Vorurtheil und gegenwärtig ist unsre Insel mit einem Netze von
dreißigtausend Meilen vortrefflicher Chausseen überzogen.
Auf den besseren Landstraßen wurden zur Zeit Karl's II. schwere Güter
gewöhnlich durch öffentliche Frachtfuhrwerke befördert. In dem Strohe
dieser Frachtwagen nistete immer ein Häufchen Passagiere, welche nicht
die Mittel hatten, um in einer Kutsche oder zu Pferde zu reisen und die
durch Gebrechlichkeit oder durch ihr Gepäck verhindert waren, zu Fuße zu
gehen. Die Kosten der Versendung von Frachtgütern auf diesem Wege waren
enorm. Von London nach Birmingham betrug die Fracht sieben Pfund, von
London nach Exeter zwölf Pfund Sterling für die Tonne.[117] Dies machte
pro Tonne etwa fünfzehn Pence auf die Meile, ein Drittel mehr als später
auf den besten Chausseen bezahlt wurde, und fünfzehnmal so viel als
jetzt die Eisenbahngesellschaften verlangen. Bei manchen nützlichen
Gegenständen waren die hohen Frachtkosten so gut wie ein Prohibitivzoll.
Besonders Steinkohlen sah man nirgends als in den Districten, wo sie zu
Tage gefördert wurden, oder höchstens in den Gegenden, wohin sie zur See
gebracht werden konnten, weshalb sie auch im südlichen England allgemein
unter dem Namen »Seekohlen« bekannt waren.
Auf Nebenwegen und namentlich durch das ganze Gebiet nördlich von York
und westlich von Exeter wurden die Frachtgüter durch lange Züge von
Packpferden befördert. Diese starken und frommen Thiere, deren Schlag
jetzt ausgestorben ist, wurden von einer eignen Menschenklasse geführt,
welche große Ähnlichkeit mit den spanischen Maulthiertreibern gehabt zu
haben scheint. Dem unbemittelten Reisenden war es oft willkommen, wenn
er auf einem Packsattel zwischen zwei Waarenballen unter der Obhut
dieser kräftigen Führer reisen konnte. Die Kosten dieser
Reisegelegenheit waren gering, aber die Karawane ging nur im Schritt und
die Kälte war daher im Winter oft nicht zu ertragen.[118]
Die Reichen reisten gewöhnlich in eigenen Wagen und mit wenigstens vier
Pferden. Der humoristische Dichter Cotton versuchte es von London nach
dem Peakgebirge nur zweispännig zu fahren; in St. Albans aber überzeugte
er sich, daß die Reise entsetzlich langweilig werden würde, und er
änderte daher seinen Plan. Sechsspännige Equipagen sieht man heutzutage
fast nie mehr, außer bei feierlichen Gelegenheiten. Die häufige
Erwähnung solcher Equipagen in alten Büchern kann uns leicht zu dem
Irrthum führen, diesen Aufwand der Prachtliebe zuzuschreiben, während er
in Wirklichkeit nur eine sehr unangenehme Nothwendigkeit war. Zur Zeit
Karl's II. reiste man mit sechs Pferden, weil man mit wenigeren große
Gefahr lief, im Kothe stecken zu bleiben. Selbst sechs Pferde
waren nicht immer hinreichend. Unter der nächsten Generation
beschrieb Vanbrugh mit geistreichem Humor die Reise eines zum
Parlamentsabgeordneten gewählten Landedelmanns nach London. Alle
Anstrengungen der sechs Pferde, deren zwei vom Pfluge weggenommen waren,
vermochten bei dieser Gelegenheit die Familienkutsche nicht dagegen zu
schützen, daß sie in den Schlamm gebettet wurde.
[Anmerkung 106: +Thoresby's Diary, Oct. 21, 1680, Aug. 3, 1712.+]
[Anmerkung 107: +Pepys's Diary, June 12. & 16. 1668.+]
[Anmerkung 108: +Ibid. Feb. 28. 1660.+]
[Anmerkung 109: +Thoresby's Diary, May 17. 1695.+]
[Anmerkung 110: +Ibid. Dec. 27. 1708.+]
[Anmerkung 111: +Tour in Derbyshire, by J. Browne, son of Sir
Thomas Browne, 1662. Cotton's Angler, 1676.+]