seit der
Thronbesteigung Jakob's des Zweiten.
Aus dem Englischen.
+Vollständige und wohlfeilste Stereotyp-Ausgabe.+
Zweiter Band.
Leipzig, 1854.
_G. H. Friedlein._
* * * * *
* * * *
Drittes Kapitel.
England im Jahre 1685.
=Inhalt.=
Seite
Einleitung 5
Große Veränderung in dem Zustande Englands seit 1685 6
Bevölkerung Englands im Jahre 1685 6
Die Zunahme der Bevölkerung im Norden größer als im Süden 8
Staatseinkünfte im Jahre 1685 10
Das Militairsystem 12
Die Seemacht 17
Die Artillerie 22
Kosten der Civilverwaltung 23
Große Einkünfte der Minister und Höflinge 24
Zustand des Ackerbaues 25
Mineralreichthum des Landes 29
Zunahme der Grundrente 31
Die Landgentlemen 31
Die Geistlichkeit 34
Die Freisassen 41
Wachsthum der Städte 41
Bristol 42
Norwich 42
Andere Provinzialstädte 44
Manchester 45
Leeds 45
Sheffield 46
Birmingham 46
Liverpool 47
Die Badeorte 47
Cheltenham 48
Brighton 48
Buxton 48
Tunbridge Wells 48
Bath 49
London 50
Die City 51
Der vornehme Theil der Hauptstadt 55
Die Londoner Polizei 58
Beleuchtung von London 59
Whitefriars 59
Der Hof 60
Die Kaffeehäuser 62
Schwierigkeiten des Reisens 65
Schlechter Zustand der Landstraßen 66
Die Diligencen 69
Straßenräuber 71
Die Gasthöfe 73
Die Briefposten 74
Zeitungen 76
Die Neuigkeitsbriefe 77
Der »Observator« 78
Seltenheit von Büchern auf dem Lande 79
Weibliche Erziehung 79
Literarische Bildung der Gentlemen 80
Einfluß der französischen Literatur 81
Unsittlichkeit der schönen Literatur Englands 82
Zustand der Wissenschaft in England 87
Zustand der schönen Künste 91
Lage des niederen Volks 93
Löhne der Feldarbeiter 93
Löhne der Fabrikarbeiter 95
Arbeit der Kinder in den Fabriken 96
Löhne verschiedener Klassen von Handwerkern 97
Zahl der Armen 97
Welchen Nutzen die Fortschritte der Civilisation
dem gemeinen Volke brachten 99
Täuschung welche die Menschen verleitet, das Glück
früherer Geschlechter zu überschätzen 101
[_Einleitung._] In diesem Kapitel gedenke ich eine Schilderung des
Zustandes zu geben, in welchem sich England zu der Zeit befand, als die
Krone von Karl II. auf seinen Bruder überging. Eine solche Schilderung
kann allerdings nur sehr unvollkommen sein, da sie aus spärlichem und
zerstreutem Material gebildet ist; indessen wird sie doch vielleicht zur
Berichtigung mancher falschen Ansichten dienen, welche das Verständniß
oder das Interesse der nachfolgenden Erzählung beeinträchtigen würden.
Wenn wir die Geschichte unserer Vorfahren mit wirklichem Nutzen studiren
wollen, müssen wir uns stets sorgfältig vor dem Irrthume hüten, den die
wohl bekannten Namen von Familien, Orten und Ämtern sehr leicht
hervorrufen, und dürfen nie vergessen, daß das Land, von dem wir lesen,
ganz verschieden war von dem, in welchem wir leben. Wie jede
Erfahrungswissenschaft die Tendenz zur Vervollkommnung in sich trägt,
so liegt auch in jedem menschlichen Wesen der Wunsch, seine Lage zu
verbessern. Diese beiden Prinzipien waren oft hinreichend zum raschen
Fortschreiten der Civilisation, selbst wenn derselben große öffentliche
Calamitäten und schlechte Einrichtungen hindernd im Wege standen. Kein
gewöhnliches Unglück, keine, gewöhnlichen Regierungsfehler können in
gleichem Maße das Sinken einer Nation herbeiführen, wie die
unterbrochenen Fortschritte der Naturwissenschaften und das
stete Streben jedes Einzelnen nach Verbesserung seiner Lage das
Emporblühen einer Nation befördern. Man hat viele Beispiele
davon, daß verschwenderischer Aufwand, hohe Abgaben, verkehrte
Handelsbeschränkungen, verderbte Gerichtshöfe, unglückliche Kriege,
Aufstände, Verfolgungen, Feuersbrünste und Überschwemmungen nicht im
Stande waren, das Kapital so rasch zu vernichten, wie die Thatkraft
einzelner Bürger es zu schaffen vermochte. Es ist nicht schwer zu
beweisen, daß in unserem Lande der Nationalreichthum seit mindestens
sechs Jahrhunderten in fast ununterbrochenem Wachsen begriffen ist; daß
er unter den Tudors größer war als unter den Plantagenets; daß er unter
den Stuarts größer war als unter den Tudors; daß er trotz Kriegen,
Belagerungen und Confiscationen zur Zeit der Restauration größer war als
beim Zusammentritte des Langen Parlaments; daß er trotz schlechter
Verwaltung und Verschwendung, trotz öffentlichen Bankerotts, trotz
zweier kostspieligen und unglücklichen Kriege, trotz verheerender
Seuchen und Feuersbrünste beim Tode Karls II. größer war als bei seiner
Wiedererhebung auf den Thron. Dieser Fortschritt erhielt, nachdem er
bereits mehrere Jahrhunderte gedauert, um die Mitte des achtzehnten
einen ungeheuren Aufschwung und hat seine Schnelligkeit während des
neunzehnten verdoppelt. Wir haben es theils unserer geographischen,
theils unserer sittlichen Lage zu danken, daß wir mehrere Menschenalter
hindurch von Übeln verschont geblieben sind, welche anderwärts die
Anstrengungen des Gewerbfleißes hemmten und die Früchte desselben
zerstörten. Während der ganze Continent, von Moskau bis Lissabon, der
Schauplatz blutiger und verheerender Kriege war, sah man bei uns kein
feindliches Banner, außer als Trophäe. Während rund um uns her
Revolutionen stattgefunden haben, ist unsere Regierung niemals gewaltsam
gestürzt worden. Seit hundert Jahren hat unsere Insel keinen Tumult
gesehen, der so bedeutend gewesen wäre, daß man ihn einen Aufstand hätte
nennen können. Nie ist bei uns das Gesetz, weder durch die Volkswuth,
noch durch königliche Tyrannei mit Füßen getreten worden. Der
öffentliche Credit ist heilig gehalten worden und die Rechtspflege stets
rein gewesen. Selbst in Zeiten, welche der Engländer mit gutem Grunde
schlimme Zeiten nennen kann, haben wir noch immer die bürgerliche und
religiöse Freiheit in einem Maße genossen, das fast jede andere Nation
der Welt als ein reichliches betrachtet haben würde. Jedermann hatte die
vertrauensvolle Überzeugung, daß der Staat ihn im Besitze dessen was er
sich durch Betriebsamkeit erworben und durch weise Sparsamkeit
gesammelt, schützen werde. Unter dem wohlthätigen Einflusse des Friedens
und der Freiheit blühten die Wissenschaften und wurden in einem vorher
nicht gekannten Umfange zu praktischen Zwecken angewendet.
[_Große Veränderung in dem Zustande Englands seit 1685._] Die Folge
davon ist, daß in unserem Lande eine Veränderung stattgefunden, von der
die Geschichte der alten Welt kein ähnliches Beispiel aufzuweisen hat.
Könnte das England von 1685 durch einen Zauberprozeß vor unsere Augen
gebracht werden, so würden wir nicht eine Gegend unter Hunderten, nicht
ein Haus unter Tausenden erkennen. Der Gutsbesitzer würde seine eigenen
Felder, der Städter seine eigene Straße nicht wieder erkennen. Alles hat
sich verändert bis auf die großen Hauptzüge der Natur und einige wenige
dauerhafte Werke der menschlichen Kunst. Den Snowdon und Windermere, die
Cheddar-Klippen und Beachy-Head würden wir wohl finden, auch hier und da
einen normännischen Dom oder ein altes Schloß erkennen, das die Kriege
der Rosen mit angesehen; aber mit wenigen solchen Ausnahmen würde uns
Alles fremd sein. Viele Tausend Quadratmeilen, welche gegenwärtig reiche
Getreidefelder und Wiesen sind, durchschnitten von grünen Hecken und
Zäunen und besäet mit freundlichen Dörfern und reizenden Landsitzen,
würden sich unseren Blicken als mit Ginsterbüschen bedeckte Moore oder
den wilden Enten überlassene Sümpfe darstellen. Wo wir jetzt große
Fabrikstädte und Seehäfen erblicken, deren Name und Ruf bis an die
äußersten Enden der Welt reicht, würden wir nur einzelne hölzerne Hütten
mit Strohdächern finden. Selbst die Hauptstadt würde zu einem Umfange
zusammenschrumpfen, welche den ihrer heutigen Vorstadt am südlichen
Themseufer nicht übersteigen dürfte. Nicht minder auffallend würden uns
Tracht und Sitten des Volks, Geräthschaften und Equipagen, so wie die
innere Einrichtung der Läden und Wohnungen erscheinen. Eine solche
Veränderung in dem Zustande einer Nation hat gewiß mindestens eben so
gegründeten Anspruch auf die Beachtung des Geschichtsschreibers, wie ein
Wechsel der Dynastie oder des Ministeriums.
[_Bevölkerung Englands im Jahre 1685._] Für den Forscher, der sich einen
richtigen Begriff von dem Zustande eines Staates zu einer gegebenen Zeit
bilden will, muß es eine der ersten Aufgaben sein zu untersuchen,
wieviel Bewohner derselbe damals hatte. Leider kann man die Volkszahl
Englands im Jahre 1685 nicht mit vollkommener Genauigkeit bestimmen,
denn zu jener Zeit hatte noch kein großer Staat die weise Einrichtung
einer periodischen Volkszählung angenommen. Man überließ das der
Schätzung jedes Einzelnen und da solche Schätzungen gewöhnlich ohne
gründliche Untersuchung und unter dem Einflusse von Leidenschaften und
Vorurtheilen angestellt wurden, so war das Ergebniß derselben oft
widersinnig und lächerlich. Selbst verständige Londoner gaben die
Bevölkerung der Hauptstadt zu mehreren Millionen Seelen an. Viele
behaupteten allen Ernstes, die Einwohnerzahl habe sich während der
fünfunddreißig Jahre zwischen der Thronbesteigung Karls I. und der
Restauration um zwei Millionen vermehrt.[1] Selbst unmittelbar nach den
Verheerungen, welche Pest und Feuer angerichtet, pflegte man zu sagen,
daß London noch immer anderthalbe Million Einwohner zähle.[2] Dagegen
verfielen einige Andere, denen solche Übertreibungen zuwider waren, in
das entgegengesetzte Extrem. So behauptete Isaak Vossius, ein Mann von
unbestreitbaren Talenten und Kenntnissen, daß in England, Schottland und
Irland zusammengenommen nicht mehr als zwei Millionen Menschen
lebten.[3]
Es fehlt uns indessen nicht an den nöthigen Quellen, um die lächerlichen
Irrthümer, zu denen Einige durch Nationaleitelkeit und Andere durch eine
krankhafte Sucht nach Paradoxen verleitet wurden, zu berichtigen. Es
existiren drei verschiedene Berechnungen, welche vorzugsweise Beachtung
verdienen, da sie völlig unabhängig von einander, nach ganz
verschiedenen Prinzipien angestellt wurden, und doch in ihren Resultaten
nur wenig von einander abweichen.
Eine dieser Berechnungen wurde im Jahre 1696 von Gregor King, Lancaster
Herold, einem Statistiker von großem Scharfblick und treffendem
Urtheile, vorgenommen. Die Grundlage seiner Schätzungen bildete die
Häuserzahl, wie sie im Jahre 1690 von den Beamten, welche die letzte
Heerdsteuer erhoben, angegeben ward. Er gelangte dadurch zu dem
Resultate, daß sich die Bevölkerung Englands auf nahe an fünf und eine
halbe Million Seelen belief.[4]
Um die nämliche Zeit wünschte König Wilhelm III. die Mitgliederzahl der
verschiedenen religiösen Secten zu erfahren, in welche die
Gesammtbevölkerung zerfiel. Zu dem Ende wurden genaue Forschungen
angeordnet und ihm aus allen Kirchspielen des Reichs Berichte vorgelegt,
aus denen sich ergab, daß die Zahl der englischen Unterthanen ungefähr
fünf Millionen und zweimalhunderttausend betragen mußte.[5]
Endlich hat in unseren Tagen Mr. Finlaison, ein Beamter von großer
Einsicht und Geschäftstüchtigkeit, die alten Gemeinderegister den
Prüfungen unterworfen, zu denen ihn die Fortschritte der Neuzeit in der
Statistik in den Stand setzten, und seine Ansicht geht dahin, daß zu
Ende des siebzehnten Jahrhunderts die Bevölkerung Englands etwas unter
fünf Millionen und zweimalhunderttausend Seelen betrug.[6]
Von diesen drei Schätzungen, welche ganz unabhängig von einander durch
verschiedene Personen und nach verschiedenen Materialien aufgestellt
wurden, übersteigt die höchste, die von King, die niedrigste, die von
Finlaison, noch nicht um ein Zwölftel. Wir können daher zuversichtlich
behaupten, daß unter der Regierung Jakobs II. England zwischen fünf und
sechsthalb Millionen Einwohner zählte. Nimmt man die höchste Schätzung
an, so hatte es damals weniger als ein Drittel der gegenwärtigen
Bewohnerzahl und nicht ganz dreimal so viel als jetzt seine riesige
Hauptstadt allein enthält.
[Anmerkung 1: +Observations on the Bills of Mortality+, vom
Kapitain John Graunt (Sir William Petty) Kap. 11.]
[Anmerkung 2:
»Sie birgt in ihren Mauern
Voll Fünfzehnhundert Tausend, die ihr Leben
D'rin verbringen.«
-- +Great Britain's Beauty, 1671.+]
[Anmerkung 3: +Isaac Vossius, de Magnitudine Urbium Sinarum,
1685.+ St. Evremond sagt uns, daß Isaak Vossius öfter und
ausführlicher über diesen Gegenstand sprach, als es in den höheren
Kreisen gern gesehen wurde.]
[Anmerkung 4: +King's Natural and Political observations, 1696.+
Diese werthvolle Abhandlung, die man so lesen muß, wie der
Verfasser sie schrieb, und nicht in dem Auszuge von Davenant,
findet sich in einigen Ausgaben von +Chalmers's Estimate+.]
[Anmerkung 5: +Dalrymple's Appendix to Part II. Book I.+ Das
Verfahren, die Bevölkerung nach der Kopfzahl der Religionssecten
zu berechnen, war lange üblich. Gulliver sagt von dem Könige von
Brobdingnag: »Er lachte über meine einfältige Arithmetik, wie er
dieselbe zu nennen beliebte, weil ich die Zahl unseres Volks nach
einer Berechnung der Mitglieder unserer verschiedenen religiösen
und politischen Parteien schätzte.«]
[Anmerkung 6: Vorrede zu den +Population Returns+ von 1831.]
[_Die Zunahme der Bevölkerung im Norden größer als im Süden._] Die
Zunahme der Bevölkerung ist zwar in allen Theilen des Landes stark
gewesen, im Durchschnitt aber in den nördlichen Provinzen viel
bedeutender als in den südlichen. Ein großer Theil des Landes jenseit
des Trent befand sich in der That bis zum achtzehnten Jahrhunderte in
einem Zustande von Rohheit. Physische und moralische Ursachen verbanden
sich, um die Ausbreitung der Civilisation in diesen Gegenden zu hemmen.
Das Klima war rauh, der Boden im Allgemeinen von solcher Beschaffenheit,
daß er einer geschickten und mühsamen Pflege bedurfte, und in einer
Gegend, welche häufig der Schauplatz von Kriegen war und selbst in
nominellen Friedenszeiten beständig durch schottische Räuberbanden
beunruhigt wurde, konnte man wohl kaum viel Gewerbfleiß und
Betriebsamkeit erwarten. Vor der Vereinigung der beiden britischen
Kronen und noch lange nachher war ein eben so großer Unterschied
zwischen Middlesex und Northumberland als heutzutage zwischen
Massachusetts und den Austeilungen jener Squatters im fernen Westen des
Mississippi, welche mit Büchse und Dolch eine rohe Justiz ausüben. Noch
unter der Regierung Karl's II. waren die Spuren, welche
jahrhundertelange Metzeleien und Plünderungen zurückgelassen, viele
Meilen südlich vom Tweed, an dem Aussehen des Landes und an dem
gesetzlosen Treiben des Volks deutlich zu erkennen. Um diese Zeit gab es
dort noch eine Menge Straßenräuber, welche davon lebten, daß sie die
Wohnungen plünderten und ganze Viehherden forttrieben. Bald nach der
Restauration hielt man es für nöthig, sehr strenge Gesetze zu erlassen,
um diesem Unwesen zu steuern. Die Behörden von Northumberland und
Cumberland wurden ermächtigt, zur Vertheidigung des Eigenthums und der
Ordnung bewaffnete Mannschaften zu errichten, und zur Deckung der
Kosten, welche die Aushebung und der Unterhalt dieser Truppen
verursachten, wurden örtliche Abgaben auferlegt.[7] Die Gemeinden wurden
angewiesen, Bluthunde zu halten, um damit auf die Freibeuter Jagd zu
machen. Um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts konnten sich viele
alte Leute noch sehr gut der Zeit erinnern, wo diese fürchterlichen
Hunde in Gebrauch waren.[8] Doch selbst mit diesen Hülfsmitteln war es
oft unmöglich, die Räuber bis in ihre Schlupfwinkel im Gebirge und in
den Sümpfen zu verfolgen, denn die topographische Kenntniß jener
Gegenden war damals noch sehr unvollkommen. Selbst nach dem
Regierungsantritte Georg's III. war zum Beispiel der Weg von Borrowdale
nach Ravenglas über das Gebirge noch ein Geheimniß, das von den
Thalbewohnern, von denen einige in ihrer Jugend wahrscheinlich auf
diesem Wege den Verfolgungen der Justiz entronnen waren, sorgfältig
bewahrt wurde.[9] Die Landsitze des Adels und die größeren Pachthöfe
waren befestigt; die Rinder wurden des Nachts unter den Wetterdächern
des Hauses angebunden, was man »Peel« nannte; die Bewohner schliefen nur
mit den Waffen zur Seite; man hielt beständig große Steine und kochendes
Wasser in Bereitschaft, um den Räuber, der es etwa wagte, die kleine
Besatzung anzugreifen, zu zerschmettern und zu verbrühen. Kein Reisender
wagte sich in diese Gegend, ohne vorher sein Testament zu machen. Die
Richter, welche auf ihrer Rundreise begriffen waren, ritten bewaffnet
und von einer starken Bedeckung unter dem Commando der Sheriffs
begleitet, mit der ganzen Schaar der Anwälte, Schreiber und Diener von
Newcastle nach Carlisle. Man mußte sich mit Lebensmitteln versehen, denn
diese Gegend war eine Wildniß, in der nichts zu bekommen war. Der Platz
unter einer riesigen Eiche, wo die Cavalcade Halt zu machen pflegte, um
das Mittagsmahl einzunehmen, ist heutigen Tages noch nicht vergessen.
Die ungewöhnliche Strenge, mit der die Strafrechtspflege dort gehandhabt
wurde, machte einen erschütternden Eindruck auf solche Beobachter,
welche bis dahin in ruhigeren Distrikten gelebt hatten. Wer bei einem
Einbruche oder einem Viehdiebstahle ergriffen wurde, den verurtheilten
die von Haß und dem Gefühle der gemeinsamen Gefahr erfüllten Geschwornen
mit der summarischen Schnelligkeit eines Kriegsgerichts bei einer
Meuterei, und die Verurtheilten wurden zu Zwanzigen an den Galgen
geschickt.[10] Noch zu einer Zeit, deren sich manche Leute der jetzigen
Generation erinnern können, fand der Waidmann, den die Verfolgung des
Wildes zu den Quellen des Tyne führte, die Haiden in der Umgegend von
Keeldar Castle von Menschen bewohnt, die kaum weniger wild waren, als
die Indianer von Kalifornien, und hörten mit Erstaunen halb nackte
Weiber einen wilden Gesang anstimmen, während die Männer mit
geschwungenen Dolchen einen Kriegstanz aufführten.[11]
Langsam und mit großer Mühe wurde endlich die Ruhe in dem Grenzgebiete
hergestellt, und mit derselben fanden sich auch Gewerbfleiß und alle
Künste des Lebens ein. Mittlerweile machte man die Entdeckung, daß die
Gegenden nördlich vom Trent in ihren Kohlenlagern eine reichere Quelle
des Wohlstandes besaßen, als die Goldgruben von Peru, und man überzeugte
sich bald, daß in der Nähe dieser Lager fast jede Fabrik mit großem
Vortheil betrieben werden konnte. In Folge dessen begann eine anhaltende
Auswanderung nach dem Norden. Aus den Bevölkerungslisten von 1841 ergab
es sich, daß die ehemalige erzbischöfliche Provinz York zwei Siebentel
der gesammten Einwohnerzahl Englands enthielt, während man zur Zeit der
Revolution annahm, daß nur ein Siebentel der Gesammtbevölkerung auf
diese Provinz komme.[12] In Lancashire hat sich die Einwohnerzahl um das
Neunfache vermehrt, während sich dieselbe in Norfolk, Suffolk und
Northamptonshire kaum verdoppelt hat.[13]
[Anmerkung 7: +Statutes 14 Car. II. c. 22; 18 & 19 Car. II. c. 3;
29 & 30 Car. II. c. 2.+]
[Anmerkung 8: +Nicholson and Bourne, Discourse on the ancient
State of the Border, 1777.+]
[Anmerkung 9: +Gray's Journal of a Tour in the Lakes, Oct. 3.
1769.+]
[Anmerkung 10: +North's life of Guildford. Hutchinson's History of
Cumberland, parish of Brampton.+]
[Anmerkung 11: Siehe Sir Walter Scotts Tagebuch vom 7. Oct. 1827
in seiner Biographie von Lockhart.]
[Anmerkung 12: +Dalrymple Appendix to Part II. Book I.+ Die
Heerdgeldlisten ergeben so ziemlich dasselbe Resultat. Die Heerde
in der Provinz York betrugen nicht den sechsten Theil der
sämmtlichen Heerde Englands.]
[Anmerkung 13: Ich mache hier natürlich keinen Anspruch auf
strenge Genauigkeit; allein ich glaube, daß wer sich die Mühe
nehmen will, die letzten Heerdgeldlisten aus der Regierungszeit
Wilhelms III. mit dem Ergebnisse der Volkszählung von 1841 zu
vergleichen, zu einem Resultate gelangen wird, das von dem
meinigen nicht erheblich abweicht.]
[_Staatseinkünfte im Jahre 1685._] Von dem Ertrage der Steuern können
wir mit größerer Sicherheit und Genauigkeit sprechen als von der
Bevölkerung. Die öffentlichen Einnahmen Englands waren klein im
Verhältniß zu den Hilfsquellen, die es schon damals besaß, oder im
Vergleich mit den Summen, welche von den Regierungen der Nachbarländer
erhoben wurden. Sie hatten sich zwar seit der Restauration fast
beständig vermehrt, betrugen aber doch wenig mehr als drei Viertel von
denen der Vereinigten Provinzen und kaum ein Fünftel von denen
Frankreichs.
Der bedeutendste Einnahmeposten war die Accise, welche im
letzten Jahre der Regierung Karl's einen Reinertrag von
fünfhundertfünfundachtzigtausend Pfund Sterling abwarf. Der Nettoertrag
der Zölle belief sich in demselben Jahre auf fünfhundertdreißigtausend
Pfund. Diese Abgaben lasteten nicht schwer auf der Nation. Die
Heerdsteuer erregte ein viel lauteres Murren, obgleich sie bei weitem
weniger eintrug. Allerdings steht auch die Unzufriedenheit, welche durch
directe Steuern hervorgerufen wird, fast immer in keinem Verhältniß zu
der Menge des Geldes, das sie dem Staatsschatze einbringen, und die
Heerdsteuer war selbst unter den directen Steuern noch eine ganz
besonders drückende, denn sie konnte nur durch Besichtigung der
Wohnungen festgestellt werden, und derartige Besuche sind den Engländern
von jeher in einem Grade verhaßt gewesen, von dem sich andere Ländern
nur einen schwachen Begriff machen können. Die ärmeren Einwohner waren
oft nicht im Stande, ihr Heerdgeld zur rechten Zeit zu bezahlen, und
wenn dieser Fall eintrat, wurden sie ohne Gnade ausgepfändet, denn die
Steuer war verpachtet, und der Steuerpächter ist sprichwörtlich der
habgierigste und unerbittlichste Gläubiger. Die Einsammler wurden laut
beschuldigt, daß sie ihre mißliebige Pflicht mit anmaßender Härte
ausübten; man sagte, daß, sobald sie auf der Schwelle eines Hauses
erschienen, die Kinder zu weinen begannen und die alten Weiber eiligst
ihr Küchengeschirr versteckten. Ja das einzige Bett einer armen Familie
ward zuweilen weggenommen und verkauft. Der jährliche Reinertrag dieser
Steuer belief sich auf zweimalhunderttausend Pfund.[14]
Rechnen wir zu den eben erwähnten drei Hauptquellen der Staatseinkünfte
die königlichen Domänen, welche damals viel bedeutender waren als
gegenwärtig, die Naturalleistungen und Zehnten, welche noch nicht der
Kirche überwiesen waren, die Herzogthümer Cornwall und Lancaster, sowie
die Geldstrafen und Geldbußen, so finden wir, daß das gesammte
Jahreseinkommen der Krone recht gut auf ungefähr eine Million
viermalhunderttausend Pfund geschätzt werden kann. Ein Theil dieses
Einkommens war erblich, das übrige war Karl auf Lebenszeit gesichert,
und er durfte ganz nach Belieben darüber verfügen. Was er an dem
Aufwande für die verschiedenen Departements der Verwaltung ersparen
konnte, war ein Beitrag zu seiner Privatchatulle. Von dem Postwesen,
dessen Erträgnisse das Parlament dem Herzoge von York zugetheilt hatte,
werden wir nachher ausführlicher sprechen.
Auf den Einkünften des Königs lastete -- oder hätte vielmehr lasten
sollen, -- die jährliche Ausgabe von achtzigtausend Pfund als Zinsen für
die Summe, welche die Cabale betrügerischer Weise im Staatsschatze
zurückgehalten hatte. So lange Danby an der Spitze der Finanzverwaltung
stand, hatten die Gläubiger ihre Zinsen erhalten, wenn auch nicht mit
der strengen Pünktlichkeit der neueren Zeit; seine Nachfolger im
Schatzamte aber hatten es weniger verstanden oder es weniger für nöthig
erachtet, den öffentlichen Credit aufrecht zu erhalten. Seit dem Siege,
den der Hof über die Whigs davongetragen, war nicht ein Farthing bezahlt
worden, und die darunter Leidenden hatten keine Aussicht, eher etwas zu
erhalten, als bis eine neue Dynastie und mit dieser ein neues System zur
Herrschaft gelangte. Es kann keinen größeren Irrthum geben, als wenn man
glaubt, die Erfindung, die Bedürfnisse des Staatshaushaltes durch
Anlehen zu decken, sei durch Wilhelm III. auf unserer Insel eingeführt
worden. Schon seit undenklichen Zeiten haben alle englischen Regierungen
Schulden gemacht. Die Revolution brachte nur den Gebrauch mit, dieselben
ehrlich zu bezahlen.[15]
Durch Beraubung der Staatsgläubiger wurde es möglich, mit einem
Einkommen von ungefähr vierzehnhunderttausend Pfund, nebst einigen
gelegentlichen Zuschüssen aus Frankreich, die nothwendigen Ausgaben der
Regierung und den verschwenderischen Aufwand des Hofes zu bestreiten.
Denn die Last, welche am schwersten auf den Finanzen der großen Staaten
des Continents lag, wurde bei uns kaum gefühlt. In Frankreich, in
Deutschland und in den Niederlanden wurden mitten im Frieden Armeen
unterhalten, wie Heinrich IV. und Philipp II. sie in Kriegszeiten nicht
verwendeten. Allenthalben erhoben sich Bastionen und Schanzwerke, welche
nach Systemen angelegt waren, die Parma und Spinola nicht gekannt
hatten. Es wurden Vorräthe von Geschützen und Kriegsbedarf aufgehäuft,
welche selbst Richelieu, den die vorhergehende Generation als einen
Schöpfer von Wunderwerken betrachtet hatte, fabelhaft genannt haben
würde. Man konnte in diesen Ländern nicht viele Meilen weit reisen, ohne
den Trommelwirbel eines auf dem Marsche begriffenen Regiments zu hören
oder von den Schildwachen auf der Zugbrücke einer Festung angerufen zu
werden.
[Anmerkung 14: In der Pepys'schen Bibliothek finden sich einige
Balladen aus jener Zeit über das Heerdgeld, von denen ich hier
einige Proben anführen will:
Sobald die guten Damen den Heerdmann kommen seh'n,
Flieh'n sie erschreckt hinweg mit Topf und Krug;
Im ganzen Lande ist Eine unter Zehn
Der bei dem Worte Heerdmann nicht entschlüpft ein Fluch.
Ferner:
Wie plündernde Soldaten stürmen sie herein
Zu rauben selbst dem Armen sein letztes Gut;
Wie auch die Kinder angstvoll mögen schrei'n
Nichts beuget ihren frechen Übermuth.
Im Britischen Museum finden sich Knittelverse über denselben
Gegenstand und in gleichem Sinne:
Und wenn die Armuth nicht bezahlen kann
Greift rohe Hand das einz'ge Bett selbst an
Auf das der Arme legt sein müdes Haupt.
So Ruh' und Brod zugleich man raubt.
Ich ergreife diese Gelegenheit, die erste, die sich mir darbietet,
um dem Vorsteher und dem Vicevorsteher des Magdalenencollegiums zu
Cambridge für die freundliche Bereitwilligkeit zu danken, mit der
sie mir die werthvollen Pepys'schen Sammlungen zugänglich machten.]
[Anmerkung 15: Meine hauptsächlichsten Autoritäten für diese
finanziellen Angaben finden sich in den +Commons' Journals+ vom 1.
und 20. März 1688--89.]
[_Das Militairsystem._] Auf unsrer Insel hingegen konnte man lange leben
und weite Reisen machen, ohne ein einziges Mal durch irgend einen
kriegerischen Anblick oder Ton daran erinnert zu werden, daß die
Vertheidigung der Nationen eine Wissenschaft und ein Beruf geworden war.
Die meisten jungen Engländer unter fünfundzwanzig Jahren hatten
vielleicht noch nie eine Compagnie regulärer Truppen gesehen, und von
den Städten, welche zur Zeit des Bürgerkrieges feindliche Heere tapfer
zurückgeschlagen hatten, war kaum eine jetzt im Stande, eine Belagerung
auszuhalten. Die Thore waren Tag und Nacht geöffnet, die Gräben waren
ausgetrocknet und die Wälle hatte man verfallen lassen oder sie nur in
so weit erhalten, damit sie den Bewohnern an schönen Sommerabenden zu
einem angenehmen Spaziergange dienen konnten. Von den alten Stammburgen
der früheren Barone waren viele durch die Kanonen Fairfax' und
Cromwell's zerschmettert und lagen jetzt in Trümmerhaufen, auf denen
Epheu wucherte. Die verschont gebliebenen hatten ihren kriegerischen
Character verloren und waren jetzt ländliche Paläste des hohen Adels.
Die Wallgräben waren in Behälter für Karpfen und Hechte verwandelt, die
Mauern waren mit duftenden Sträuchern und Gebüschen bepflanzt, zwischen
denen sich gewundene Pfade zu reizenden Lusthäusern schlängelten,
die mit Spiegeln und Gemälden reich geschmückt waren.[16] Auf den
Vorgebirgen der Seeküste und auf vielen Anhöhen des Binnenlandes sah man
noch hohe Pfähle mit leeren Fässern auf den Spitzen derselben. Diese
Fässer waren einst mit Pulver gefüllt gewesen. In Zeiten der Gefahr
wurden hier Wachen aufgestellt, und wenige Stunden nachdem ein
spanisches Segel im Kanal entdeckt oder nachdem ein Schwarm schottischer
Räuber über den Tweed gegangen war, loderten funfzig Meilen in der Runde
Signalfeuer empor und ganze Grafschaften traten unter die Waffen. Doch
viele Jahre waren verflossen, seit die Lärmfeuer geleuchtet hatten, und
sie wurden nur noch mehr als merkwürdige Erinnerungszeichen an alte
Sitten, denn als Theile einer für die Sicherheit des Staates nöthigen
Einrichtung angesehen.[17]
Die einzige Armee, die das Gesetz anerkannte, war die Miliz. Diese
Streitmacht war durch zwei kurz nach der Restauration erlassene
Parlamentsacte umgestaltet worden. Jeder, der aus Grundeigenthum ein
jährliches Einkommen von fünfhundert Pfund bezog oder ein bewegliches
Vermögen von sechstausend Pfund besaß, war verpflichtet, auf seine
Kosten einen Reiter zu liefern, zu equipiren und zu unterhalten, und wer
funfzig Pfund jährlich von Grundbesitz bezog oder sechshundert Pfund
bewegliches Vermögen hatte, mußte in gleicher Weise einen Lanzknecht
oder einen Musketier stellen. Kleinere Grundbesitzer wurden zu einer Art
Societät verbunden, für welche unsre Sprache keinen besonderen Namen
hat, die aber ein Athenienser eine Synteleia genannt haben würde, und
jede solche Societät war gehalten, je nach ihren Mitteln einen Reiter
oder einen Fußsoldaten zu liefern. Die Gesammtzahl der auf diese Weise
zusammengebrachten Reiterei und Infanterie wurde gewöhnlich auf
hundertdreißigtausend Mann geschätzt.
Kraft der alten Verfassung des Reichs und durch die neuere feierliche
Anerkennung beider Parlamentshäuser war der König der einzige
Generalcapitain dieser starken Streitmacht. Die Lord Lieutenants und
ihre Stellvertreter befehligten unter ihm und bestimmten die
Zusammenkünfte zur Waffenübung und Musterung. Diese Übungen und
Musterungen durften jedoch nicht mehr als vierzehn Tage im Jahre Zeit
wegnehmen. Die Friedensrichter waren ermächtigt, für Disciplinarvergehen
leichte Strafen zuzuerkennen. Die Krone trug zu den gewöhnlichen Kosten
nichts bei; wenn aber die Miliz gegen den Feind aufgeboten wurde, so
fiel ihr Unterhalt den allgemeinen Staatseinkünften zur Last und sie war
dann der äußersten Strenge der Kriegsgesetze unterworfen.
Von Vielen wurde jedoch die Miliz nicht mit freundlichem Auge
betrachtet. Leute, die oft auf dem Continent gereist waren und die
trotzige Entschiedenheit bewundert hatten, mit welcher in den von Vauban
erbauten Festungen jede Schildwache sich bewegte und sprach, die die
gewaltigen Heere gesehen hatten, die sich auf allen Straßen Deutschlands
dahin wälzten, um den Osmanen von den Thoren Wiens zu verjagen, und die
über die wohlgeordnete Pracht der Haustruppen König Ludwigs gestaunt
hatten, machten sich bei jeder Gelegenheit darüber lustig, wie die
plumpen Bauern von Devonshire und Yorkshire marschirten, sich bewegten
und ihre Gewehre oder Piken trugen. Die Feinde der Freiheiten und der
Religion Englands blickten mit entschiedener Abneigung auf eine
Streitmacht, welche nicht ohne die größte Gefahr gegen diese Freiheiten
und gegen diese Religion verwendet werden konnte, und sie benutzten jede
Gelegenheit, um das ländliche Kriegsvolk zu verspotten.[18] Und selbst
aufgeklärte Patrioten mußten bei Vergleichung der ungeübten Truppen mit
den wohl disciplinirten Bataillonen, welche in Kriegszeiten binnen
wenigen Stunden an die Küste von Kent oder Sussex gelangen konnten,
eingestehen, daß, so gefährlich auch die Unterhaltung eines stehenden
Heeres sein könne, es am Ende doch noch weit gefährlicher sei, die Ehre
und Unabhängigkeit des Landes in einem Kampfe zwischen Bauern unter der
Anführung von Friedensrichtern, und langgedienten Kriegern unter dem
Commando der Marschälle Frankreichs aufs Spiel zu setzen. Im Parlament
mußte man jedoch solche Ansichten mit einiger Vorsicht aussprechen, denn
die Miliz war eine außerordentlich populäre Institution. Jede tadelnde
Bemerkung gegen dieselbe erregte den Unwillen beider großen Parteien im
Staate und ganz besonders derjenigen, die sich vorzugsweise durch ihren
Eifer für die Monarchie und für die anglikanische Kirche auszeichneten.
Das Aufgebot der Grafschaften wurde fast ausschließlich durch Tories vom
Adel und von der Gentry befehligt, und diese, stolz auf ihren
militairischen Rang, betrachteten jede Beleidigung des Dienstes, dem sie
angehörten, als eine Beleidigung ihrer selbst. Auch erkannten sie recht
gut, daß Alles was gegen die Miliz gesagt wurde indirect für ein
stehendes Heer sprechen sollte, und der bloße Name eines stehenden
Heeres war ihnen schon verhaßt. Eine solche Armee hatte bereits einmal
in England geherrscht und unter dieser Herrschaft war der König
ermordet, der Adel seiner Ehren und Titel beraubt, die bürgerlichen
Grundbesitzer ausgeplündert und die Kirche verfolgt worden. Es gab kaum
einen Landedelmann, der nicht eine Geschichte von Beschimpfungen und
Unbilden zu erzählen wußte, die er oder sein Vater von Seiten der
Soldaten des Parlaments zu ertragen gehabt hatte. Jener alte Cavalier
hatte es mit ansehen müssen, wie die Hälfte seines Stammschlosses in die
Luft gesprengt ward; einem Andern waren seine uralten Ulmen umgehauen
worden; ein Dritter konnte nicht in die Kirche seines Sprengels gehen,
ohne durch die verstümmelten Wappen und Standbilder seiner Ahnen daran
erinnert zu werden, daß Cromwells Rothröcke einst diese Räume zum Stall
für ihre Pferde benutzt hatten. In Folge dessen waren gerade die
Royalisten, welche am bereitwilligsten persönlich für den König gekämpft
haben würden, die Letzten, von denen er die Mittel zur Werbung regulärer
Truppen zu verlangen wagen durfte.
Gleichwohl hatte Karl einige Monate nach seiner Wiedereinsetzung
angefangen, eine kleine stehende Armee zu errichten. Er fühlte, daß ohne
einen besseren Schutz als den der Miliz und seiner Leibwächter sein
Palast und seine Person in der Nähe einer großen Stadt, in der es von
eben erst entlassenen kriegslustigen Männern der fünften Monarchie
wimmelte, kaum sicher sein würden. Trotz seiner Sorglosigkeit und
Verschwendungssucht beschloß er daher, seine Ausgaben für Vergnügungen
in soweit zu beschränken, daß er die zum Unterhalt einer Leibgarde
erforderliche Summe ersparte. Mit der Zunahme des Handels und des
öffentlichen Wohlstandes vermehrten sich auch seine Einkünfte, und er
wurde dadurch in den Stand gesetzt, trotz des gelegentlichen Murrens der
Gemeinen, seine reguläre Streitmacht nach und nach zu verstärken. Noch
wenige Monate vor dem Ende seiner Regierung erhielt dieselbe einen
ansehnlichen Zuwachs. Die kostspielige, nutzlose und ungesunde Besitzung
Sanger, wurde den umwohnenden Barbaren überlassen und die aus einem
Regiment Reitern und zwei Regimentern Fußvolk bestehende Garnison nach
England zurückgebracht.
Die kleine Armee, welche Karl II. auf diese Art gebildet, war der Keim
zu seinem großen und berühmten Heere, das in dem gegenwärtigen
Jahrhundert siegreich in Madrid und Paris, in Canton und Kandahar
eingezogen ist. Die Leibgarden, welche jetzt zwei Regimenter bilden,
bestanden damals aus drei Abtheilungen, von denen jede ohne die
Offiziere zweihundert Carabiniers zählte. Dieses Corps, dem die
Bewachung des Königs und der Königlichen Familie anvertraut war, hatte
einen ganz eigenthümlichen Character. Selbst die Gemeinen wurden
»Gentlemen von der Garde« genannt; viele von ihnen waren von guter
Familie und hatten während der Bürgerkriege Offizierstellen bekleidet.
Ihr Sold war bedeutend höher als in unsrer Zeit der des bevorzugtesten
Regiments und würde damals als ein ganz anständiges Einkommen für den
jüngeren Sohn eines Landedelmanns betrachtet worden sein. Ihre schönen
Pferde, ihre kostbaren Schabracken, ihre Brustharnische und ihre mit
Bändern, Sammet und Goldtressen reich verzierten Wämser nahmen sich in
St. James Park prächtig aus. Jeder Abtheilung war ein kleines Corps
Grenadier-Dragoner beigegeben, welche von niederer Herkunft waren und
auch geringeren Sold erhielten. Eine andere Truppe Leibcavallerie, die
sich durch blaue Röcke und Mäntel unterschied und daher noch jetzt »die
Blauen« genannt wird, lag gewöhnlich in der Umgegend der Hauptstadt in
Garnison. Eben so stand in der Nähe der Hauptstadt das Corps, welches
gegenwärtig als das erste Dragonerregiment bezeichnet wird, damals aber
das einzige derartige Regiment der englischen Armee war. Dieses Regiment
war erst kürzlich aus der von Tanger zurückgekehrten Reiterei gebildet
worden. Ein besonderer Zug Dragoner, der keinem Regiment angehörte,
stand unweit Berwick, um die Räuber des Grenzgebiets im Schach zu
halten, denn zu diesem Dienste wurde der Dragoner als besonders geeignet
betrachtet. Später ist er ein bloßer Reitersoldat geworden; im
siebzehnten Jahrhundert aber beschrieb ihn Montecucculi genau als einen
Fußsoldaten, der sich des Pferdes nur dazu bediente, um schneller an den
Ort zu gelangen, wo es militairischen Dienst zu verrichten gab.
Die Gardeinfanterie bestand aus zwei Regimentern, welche damals, wie
noch jetzt das erste Regiment Fußgarden und die Coldstreamgarden genannt
wurden und in der Regel um Whitehall und St. James Palast Dienste
thaten. Da es damals noch keine Kasernen gab, nach der »Petition um
Recht« aber Militair in Privatwohnungen nicht einquartirt werden durfte,
so waren alle Alehäuser in den Stadttheilen Westminster und Strand mit
Rothröcken angefüllt.
Außerdem gab es noch fünf andere Infanterieregimenter. Eines davon,
das sogenannte Admiral's-Regiment, war speciell für den Dienst auf der
Flotte bestimmt, und die vier übrigen werden noch jetzt als die vier
ersten Linienregimenter bezeichnet. Zwei davon repräsentirten zwei
Brigaden, welche auf dem Continente lange Zeit den Ruf der britischen
Tapferkeit aufrecht erhalten hatten. Das erste oder Königliche Regiment
hatte unter dem großen Gustav zur Befreiung Deutschlands wesentlich
beigetragen, und das dritte Regiment, das sich durch fleischfarbene
Aufschläge unterschied, welche ihm den allbekannten Namen der »Buffs«
(Rothgelben oder Büffelhäute) verschafften, hatte unter Moritz von
Nassau nicht weniger tapfer für die Befreiung der Niederlande gefochten.
Diese beiden wackeren Truppen waren endlich nach langen, wechselvollen
Kämpfen von Karl II. aus dem fremden Dienste zurückgerufen und auf den
englischen Militairetat gesetzt.
Die beiden Regimenter, welche gegenwärtig als das zweite und vierte
Linienregiment bezeichnet werden, waren 1685 eben erst aus Tanger
zurückgekehrt und hatten von dort grausame und ausschweifende
Gewohnheiten mitgebracht, die sie während ihres langjährigen Krieges mit
den Mauren angenommen. Außerdem lagen noch einige Compagnien Fußvolk,
welche noch keinem Regimente einverleibt waren, als Garnison in Tilburg'
Fort, Portsmouth, Plymouth und einigen anderen wichtigen Plätzen an oder
unweit der Küste.
Seit dem Anfange des 17. Jahrhunderts war in der Bewaffnung der
Infanterie eine wichtige Veränderung eingetreten. Die Lanze war nach und
nach durch die Muskete verdrängt worden, und am Schlusse der Regierung
Karl's II. waren die meisten seiner Fußsoldaten Musketiere. Es befanden
sich indessen noch immer eine bedeutende Anzahl Lanzenträger darunter.
Jede Truppengattung wurde gelegentlich im Gebrauche der Waffe geübt,
welche vorzugsweise der anderen Gattung angehörte. Der Fußsoldat war zum
Gebrauch beim Handgemenge mit einem Seitengewehr versehen; der Dragoner
war bewaffnet wie ein Musketier und trug ebenfalls noch eine Nebenwaffe,
die im Laufe vieler Jahre nach und nach eingeführt wurde und welche die
Engländer damals Dolch (+dagger+) nannten, für die aber seit unsrer
Revolution der französische Name Bajonett angenommen ist. Das Bajonett
scheint jedoch damals noch kein so furchtbares Mordwerkzeug gewesen zu
sein, als es nachmals geworden ist, denn es wurde in der Mündung des
Gewehres befestigt und der Soldat verlor viel Zeit mit dem Herausziehen
des Bajonetts, wenn er feuern wollte, und mit dem Aufstecken desselben,
wenn er im Sturm angreifen mußte.
Die reguläre Armee, welche zu Anfang des Jahres 1685 in England
unterhalten wurde, bestand mit Einschluß der Offiziere aus etwa
siebentausend Mann Fußvolk und ungefähr siebzehnhundert Mann Reitern und
Dragonern. Die sämmtlichen Kosten ihres Unterhalts beliefen sich auf
etwa zweihundertneunzigtausend Pfund jährlich, das heißt noch nicht ein
Zehntel von dem, was das französische Heer damals in Friedenszeiten
kostete. Der Tagessold eines Gemeinen von der Leibgarde war vier
Schilling, bei den Blauen zwei und ein halber Schilling, bei den
Dragonern achtzehn Pence, bei der Fußgarde zehn Pence und bei der Linie
acht Pence. Die Disciplin war locker und sie konnte auch nicht anders
sein. Das englische gemeine Recht wußte nichts von Kriegsgerichten und
machte in Friedenszeiten keinen Unterschied zwischen dem Soldaten und
jedem andren Bürger; auch durfte es die Regierung damals nicht wagen,
selbst das loyalste Parlament um ein Aufruhrgesetz anzugehen. Wenn daher
ein Soldat seinen Obersten zu Boden schlug, so traf ihn dafür nur die
gewöhnliche, auf Thätlichkeiten und Mißhandlungen gesetzte Strafe,
und wenn er einem Befehl nicht gehorchte, oder auf seinem Wachposten
einschlief oder desertirte, so verwirkte er dadurch gar keine
gesetzliche Strafe. Allerdings wurden unter der Regierung Karl's II.
ohne Zweifel militairische Strafen verhängt, aber doch nur selten und in
einer Weise, daß sie die öffentliche Aufmerksamkeit nicht erregten und
keine Berufung an die Gerichtshöfe von Westminsterhall veranlaßten.
Ein solches Heer war sicherlich nicht geeignet, fünf Millionen Engländer
zu knechten; es würde kaum im Stande gewesen sein, einen Aufstand in
London zu unterdrücken, wenn die Stadtmiliz sich den Aufrührern
angeschlossen hätte. Auch konnte der König, im Fall ein Aufstand in
England ausbrach, nicht erwarten, daß er aus seinen anderen Besitzungen
Beistand erhalten würde, denn obgleich sowohl Schottland als Irland ein
eignes Heer unterhielten, so war dieses doch eben nur hinreichend, um
die puritanischen Unzufriedenen des ersteren Landes und die papistischen
Unzufriedenen des andren im Schach zu halten. Indessen hatte die
Regierung eine andre bedeutende militairische Hülfsquelle, die nicht
unberücksichtigt bleiben darf. Im Dienste der Vereinigten Provinzen
standen sechs schöne Regimenter, welche früher der tapfere Ossory
befehligt hatte. Von diesen Regimentern waren drei in England und drei
in Schottland ausgehoben und ihr Landesfürst hatte sich das Recht
vorbehalten, sie zurückrufen zu können, sobald er ihrer Hülfe gegen
einen auswärtigen oder einheimischen Feind bedürfe. Inzwischen wurden
sie unterhalten, ohne daß sie ihm selbst das Geringste kosteten, und
standen unter einer vorzüglichen Disciplin, der er sie zu unterwerfen
nicht hätte wagen dürfen.[19]
[Anmerkung 16: Man sehe zum Beispiel die Schilderung der Wälle von
Marlborough in +Stokeley's Itinerarium Curiosum.+]
[Anmerkung 17: +Chamberlayne's State of England+, 1684.]
[Anmerkung 18: Dryden drückt in seinem +Cymon und Iphigenia+ mit
der ihm eigenen rücksichtslosen Derbheit die Besinnungen aus,
welche unter den kriechenden Schmeichlern Jakobs II. im Schwunge
waren:
Das ganze Land erdröhnt vom lauten Lärme
Der roh sich tummelnden Milizenschwärme.
Viel Mäuler ohne Arm, kostspiel'ges Heer:
Im Frieden eine Last, im Krieg 'ne schwache Wehr.
Einmal im Monat tobt die Schaar durch's Land,
Ist stets, nur nicht wenn man sie braucht, zur Hand.
So sieht man sie am Morgen der Parade
In Reih' und Glied in ihrem Waffenstaate,
Bereit zum kurzen, flücht'gen Kriegesspiel.
Dann geht's zum Trinkgelag', dem wahren Ziel.]
[Anmerkung 19: Die meisten Materialien, welche ich zu diesem
Nachweis über die reguläre Armee benutzt habe, findet man in den
auf Befehl König Wilhelm's IV. und unter der Leitung des
Generaladjutanten veröffentlichten +Historical Records of
Regiments+. Außerdem sehe man +Chamberlayne's State of England,
1684+; +Abridgement of the english Military Discipline+, auf
besonderen Befehl gedruckt, 1685, und +Exercise of foot+, auf
Befehl J. J. M. M., 1690.]
[_Die Seemacht._] Wenn aber das Mißtrauen des Parlaments und der Nation
es dem Könige unmöglich machten, ein achtunggebietendes stehendes Heer
zu unterhalten, so stand ihm kein ähnliches Hinderniß entgegen, England
zur ersten Seemacht zu erheben. Whigs und Tories waren gleich bereit,
jeden Schritt beifällig aufzunehmen, der darauf hinzielte, eine Macht zu
verstärken, welche gegen die bürgerliche Freiheit nichts vermochte,
während sie der beste Schutz für die Insel gegen auswärtige Feinde war.
Die größten von englischen Soldaten verrichteten Heldenthaten, deren
sich die damalige Generation erinnern konnte, waren im Kampfe gegen
englische Fürsten ausgeführt worden. Unsere Seeleute dagegen hatten ihre
Siege über fremde Feinde erfochten und den vaterländischen Boden vor
Verwüstung und Plünderung bewahrt. Der Schlacht von Naseby erinnerte
sich mindestens die Hälfte der Nation mit Abscheu, und selbst der von
Dunbar nur mit einem Stolze, der nicht frei war von schmerzlichen
Gefühlen; an die Niederlage der Armada aber und an die Seeschlachten
Blake's gegen die Holländer und Spanier dachten alle Parteien mit
ungetrübter Begeisterung zurück. Seit der Restauration hatten sich die
Gemeinen, selbst in Zeiten, wo sie höchst mißvergnügt und geizig waren,
stets bis zur Verschwendung freigebig gezeigt, sobald es das Interesse
der Seemacht galt. Während Danby Minister war, hatte man ihnen
vorgestellt, daß viele Schiffe der königlichen Flotte alt und nicht mehr
seetüchtig seien, und obgleich das Haus damals eben nicht in freigebiger
Stimmung war, so bewilligte es doch eine Summe von nahe an
sechsmalhunderttausend Pfund zum Bau von dreißig neuen Kriegsschiffen.
Die Freigebigkeit der Nation war jedoch durch die Sünden der Regierung
fruchtlos gemacht worden. Die Liste der königlichen Kriegsfahrzeuge sah
zwar ganz stattlich aus; sie zählte neun Linienschiffe ersten, vierzehn
zweiten, neununddreißig dritten Ranges und viele kleinere. Allerdings
waren die Linienschiffe erster Größe damals kleiner als in unseren Tagen
die des dritten Ranges, und die der dritten Größe würden gegenwärtig
nicht mehr für sehr große Fregatten gelten. Dessen ungeachtet würde
diese Flotte, wenn sie wirklich vorhanden gewesen wäre, von den größten
Machthabern als eine furchtbare betrachtet worden sein. Aber sie
existirte nur auf dem Papiere. Gegen das Ende der Regierung Karl's war
seine Flotte in einem so schlechten, verfallenen Zustande, daß man es
kaum glauben würde, wäre es nicht durch die ganz von einander
unabhängigen und übereinstimmenden Aussagen von Zeugen bestätigt, deren
Zuverlässigkeit über jeden Zweifel erhaben ist. Pepys, damals der
ausgezeichnetste Admiral Englands, entwarf im Jahre 1684 für den König
eine Denkschrift über den Stand seines Verwaltungszweiges. Einige Monate
später legte Bonrepaux, der fähigste Kopf in der französischen
Admiralität, der eigens zu dem Zwecke nach England gekommen war, um die
Stärke seiner Seemacht zu untersuchen, Ludwig das Resultat seiner
Nachforschungen vor. Beide Berichte stimmen im Wesentlichen mit einander
überein. Bonrepaux erklärte, er habe Alles in Unordnung und in
jämmerlichem Zustande gefunden, die Überlegenheit der französischen
Seemacht werde in Whitehall mit Beschämung und Neid anerkannt und der
Zustand unsrer Marine und unserer Schiffswerften biete schon an sich
hinreichende Bürgschaft dafür, daß wir uns in die europäischen
Streitigkeiten nicht mischen würden.[20] Pepys berichtete seinem
Gebieter, daß die Verwaltung des Seewesens ein beispielloses Gewebe von
Geldverschwendung, Bestechung, Unwissenheit und Sorglosigkeit sei, daß
man keiner Schätzung trauen dürfe, daß kein Vertrag gehalten, kein
Verbot durchgesetzt würde. Die Schiffe, zu deren Bau die kürzliche
Freigebigkeit des Parlaments die Regierung in den Stand gesetzt und
welche noch nie den Hafen verlassen hatten, waren von so schlechtem
Holze gezimmert, daß sie weniger seetüchtig waren als die alten Wracks,
welche vor dreißig Jahren durch die Kanonen der Holländer und Spanier
zerschossen wurden. Einige von den neuen Kriegsschiffen waren wirklich
schon so verfault, daß sie auf ihren Ankerplätzen sinken mußten, wenn
sie nicht schleunigst reparirt wurden. Und dabei wurden die Matrosen so
unpünktlich bezahlt, daß sie froh waren, wenn sie einen Wucherer fanden,
der ihre Soldanweisungen mit vierzig Procent Abzug kaufte. Die
Commandanten, welche keine mächtigen Freunde bei Hofe hatten, waren noch
schlimmer daran, und mehrere Offiziere, welche bedeutende Rückstände zu
fordern hatten, waren, nachdem sie die Regierung viele Jahre hindurch
vergebens um Bezahlung angegangen, aus Mangel an einem Stück Brod
gestorben.
Die meisten brauchbaren Kriegsschiffe wurden von Männern befehligt,
welche nicht für den Seedienst erzogen und gebildet waren. Dies war
allerdings kein Mißbrauch, den die Regierung Karl's eingeführt hatte.
Kein alter oder neuer Staat hatte bis dahin den Seedienst streng von dem
Landkriegsdienste getrennt. Bei den großen civilisirten Nationen der
alten Welt hatten Cimon und Lysander, Pompejus und Agrippa zur See so
gut wie zu Lande Schlachten geliefert, und auch der Aufschwung, den die
Schifffahrtskunde am Schlusse des fünfzehnten Jahrhunderts nahm, hatte
keinen wesentlichen Fortschritt in der Theilung des Dienstes zur Folge
gehabt. Bei Flodden wurde der rechte Flügel des siegreichen Heeres von
dem englischen Admiral befehligt; bei Jarnac und Moncontour führte der
französische Admiral die Reihen der Hugenotten. Weder Johann von
Österreich, der Sieger von Lepanto, noch Lord Howard von Effingham,
dessen Leitung die britische Seemacht anvertraut war, als die Spanier
sich in feindseliger Absicht unseren Küsten näherten, hatte eine
seemännische Erziehung genossen. Der als Schiffscommandant so hoch
gerühmte und gefeierte Raleigh hatte mehrere Jahre in Frankreich, den
Niederlanden und Irland als Soldat gedient. Blake hatte sich durch seine
geschickte und tapfere Vertheidigung einer Binnenstadt ausgezeichnet,
bevor er den übermüthigen Stolz Hollands und Castiliens zur See beugte.
Das nämliche System war auch nach der Restauration noch befolgt worden,
man hatte die Führung großer Flotten Ruprecht und Monk übertragen,
von denen Ersterer vorzugsweise als ein feuriger und waghalsiger
Reiteroffizier bekannt war und Letzterer die Heiterkeit seines
Schiffsvolks erregte, wenn er, um die Richtung seines Schiffes verändern
zu lassen, »links abgeschwenkt!« commandirte.
Um diese Zeit aber kamen kluge Männer zu der Einsicht, daß die raschen
Fortschritte in der Kriegskunst, wie in der Schifffahrtskunde es nöthig
machten, zwischen diesen beiden bisher vermischten Berufsarten eine
Scheidelinie zu ziehen. Das Commando eines Regiments sowohl wie eines
Schiffes war jetzt eine Beschäftigung, welche die ganze Thätigkeit eines
Mannes in Anspruch nahm. Die französische Regierung beschloß daher im
Jahre 1672, junge Männer aus guter Familie von früher Jugend an
ausschließlich für den Seedienst heranbilden zu lassen. Anstatt aber
dieses treffliche Beispiel nachzuahmen, verlieh die englische Regierung
nicht nur nach wie vor hohe Schiffscommando's an Offiziere des
Landheeres, sondern wählte dazu sogar solche Leute, denen man auch zu
Lande einen wichtigen Posten nicht mit Ruhe hätte übertragen können.
Jeder junge Laffe von adeliger Abkunft, jeder sittenlose Höfling, für
den eine der Maitressen des Königs ein gutes Wort einlegte, durfte
hoffen, daß ein Linienschiff und mit demselben die Ehre des Landes und
das Leben von Hunderten wackerer Seeleute seiner Obhut anvertraut werden
würde. Daß er in seinem Leben noch keine andre Reise zu Wasser als auf
der Themse gemacht, daß er sich bei einem Sturme nicht auf den Füßen
erhalten und die Längengrade nicht von den Breitengraden unterscheiden
konnte, war Nebensache. Eine vorhergehende Ausbildung für seinen Beruf
wurde nicht für nöthig erachtet, oder man schickte ihn höchstens auf
kurze Zeit auf ein Kriegsschiff, wo er keiner Disciplin unterworfen,
mit ausgezeichneter Achtung behandelt wurde und seine Zeit unter
Vergnügungen und Lustbarkeiten hinbrachte. Lernte er in den wenigen
Stunden zwischen Schmausen, Trinken und Spielen die Bedeutung einiger
technischer Ausdrücke und die Benennungen der Compaßstriche, so war er
vollkommen befähigt, um das Commando eines Dreideckers zu übernehmen.
Diese Schilderung ist durchaus nicht übertrieben. Im Jahre 1666 diente
der siebzehnjährige John Sheffield, Earl von Mulgrave, als Freiwilliger
zur See gegen die Holländer. Er brachte sechs Wochen auf seinem Schiffe
zu, amüsirte sich nach Möglichkeit in Gesellschaft einiger junger
vornehmer Wüstlinge und kehrte dann nach Hause zurück, um das Commando
einer Reitertruppe zu übernehmen. Hierauf ging er nicht wieder zur See
bis zum Jahre 1672, wo er abermals in die Marine eintrat und fast
sogleich zum Kapitain eines Schiffes von vierundachtzig Kanonen, das für
das schönste der ganzen Flotte galt, ernannt wurde. Er war damals
dreiundzwanzig Jahr alt und hatte im Ganzen keine drei Monate auf der
See zugebracht. Sobald er wieder ans Land zurückkam, wurde er zum
Obersten eines Infanterieregiments ernannt. Dies ist ein Beispiel
von der Art und Weise, wie zur damaligen Zeit die höchsten
Befehlshaberposten in der Marine vergeben wurden, und zwar ist es noch
ein günstiges Beispiel, denn es fehlte Mulgrave allerdings an Erfahrung,
aber wenigstens nicht an Talent und Muth. Auf dieselbe Art wurden jedoch
auch Andere befördert, welche nicht nur keine guten Offiziere waren,
sondern denen es selbst an der geistigen und sittlichen Befähigung
fehlte, jemals gute Offiziere zu werden und deren einzige Empfehlung
darin bestand, daß sie sich durch thörichte Verschwendung und
Lasterhaftigkeit zu Grunde gerichtet hatten. Der Hauptköder, der diese
Leute in den Seedienst lockte, war der Gewinn, den sie durch die
Beförderung edler Metalle und anderer werthvoller Waaren von einem Hafen
zum andern ziehen konnten, denn das Atlantische wie das Mittelländische
Meer wurden damals durch Seeräuber aus der Barbarei so unsicher gemacht,
daß die Kaufleute werthvolle Ladungen nicht gern einem anderen als einem
Kriegsschiffe anvertrauten. Auf diese Weise verdiente ein Kapitain
zuweilen mehrere Tausend Pfund Sterling durch eine kurze Seereise, und
über dieses einträgliche Geschäft vernachlässigte er nur zu oft das
Interesse seines Landes und die Ehre seiner Flagge, erniedrigte sich
fremden Mächten gegenüber, mißachtete die bestimmtesten Befehle seiner
Vorgesetzten, lag unthätig in einem Hafen, während er auf einen
Seeräuber von Salleh Jagd machen sollte, oder segelte mit einer
Geldladung nach Livorno, während seine Instructionen ihn nach Lissabon
riefen. Und dies Alles konnte er ungestraft thun. Der nämliche Einfluß,
der ihm den Posten, für den er ganz untauglich war, verschafft hatte,
erhielt ihn auch auf demselben. Ein Admiral, der von diesen verderbten
und leichtsinnigen Palastgünstlingen zum Besten gehalten wurde, wagte es
kaum, ihnen schüchtern mit dem Kriegsgericht zu drohen. Zeigte ein
Offizier mehr Pflichtgefühl als seine Kameraden, so gelangte er bald zu
der Einsicht, daß er dadurch Geld verlor, ohne Ehre zu gewinnen. Zu
einem Kapitain, der durch strenge Befolgung der Admiralitätsbefehle sich
eine Ladung entgehen ließ, die ihm viertausend Pfund Sterling
eingebracht haben würde, sagte Karl mit unedler Leichtfertigkeit, er sei
ein rechter Narr, daß er so gewissenhaft gehandelt habe.
Die Disciplin der Flotte war durchgängig in allen Rangverhältnissen
gleich. Wie der höfische Kapitain die Admiralität verachtete, so wurde
er wieder von seiner Mannschaft verachtet. Es ließ sich nicht verhehlen,
daß er in seemännischen Kenntnissen jedem Matrosen an Bord nachstand,
und man konnte daher nicht erwarten, daß alte Seeleute, die mit den
Stürmen der Tropengegenden und mit den Eisbergen der Polarmeere vertraut
waren, einem Vorgesetzten, der von Wind und Wellen nicht mehr wußte, als
man auf einer Fahrt in vergoldeter Barke zwischen Whitehall-Stairs und
Hampton-Court lernen konnte, pünktlichen und ehrerbietigen Gehorsam
leisten sollte. Einem solchen Neuling die Leitung eines Schiffes
anzuvertrauen, war geradezu unmöglich. Diese wurde demnach dem Kapitain
entzogen und dem ersten Leutnant übertragen; aber diese Theilung der
Autorität hatte unzählige Nachtheile in ihrem Gefolge. Eine strenge
Grenzlinie war nicht gezogen und konnte vielleicht auch nicht gezogen
werden; daher gab es beständig Streit und Zank. Der Kapitain, der um so
gebieterischer auftrat, je unwissender er war, behandelte seinen
Leutnant mit vornehmer Geringschätzung, und der Leutnant, der wohl
wußte, wie gefährlich es für ihn werden konnte, wenn er sich seinen
mächtigen Vorgesetzten zum Feinde machte, gab nur zu oft gegen seine
Überzeugung nach kurzem Widerstreben nach, und man konnte noch von Glück
sagen, wenn Schiff und Mannschaft nicht dabei zu Grunde gingen. In der
Regel waren die unschädlichsten unter den hochadeligen Kapitainen
diejenigen, welche die Leitung ihres Schiffes ganz und gar anderen
Händen überließen und sich nur damit beschäftigten, Geld zu verdienen
und zu verschwenden. Diese Herren führten indeß ein so glänzendes und
üppiges Leben, daß sie bei all' ihrer Habgier doch nur selten reich
wurden. Sie kleideten sich beständig wie zu einer Galacour in
Versailles, speisten von Silbergeschirr, tranken die feinsten Weine und
hielten förmliche Harems auf ihren Schiffen, während Hunger und Skorbut
unter der Mannschaft wütheten und täglich Leichname über Bord geworfen
wurden.
Dies war der gewöhnliche Character derjenigen, welche damals
Gentlemen-Kapitaine genannt wurden. Zum Glück für unser Vaterland gab es
jedoch unter ihnen auch Schiffscommandeure ganz anderer Art, Männer, die
ihr ganzes Leben auf dem Meere zugebracht und sich von der niedrigsten
Stufe zu Rang und Auszeichnung emporgearbeitet und gekämpft hatten.
Einer der vorzüglichsten von diesen Offizieren war Sir Christoph Mings,
der als Kajütenjunge in den Dienst trat, im tapferen Kampfe gegen die
Holländer fiel und von seiner Mannschaft unter Thränen und Rachegelübden
zu Grabe getragen ward. Von ihm stammten gewissermaßen durch eine
eigenthümliche Art von Nachkommenschaft eine Reihe tapferer und
erfahrener Seeleute ab. Sein Kajütenjunge war Sir John Narborough, und
dessen Kajütenjunge wieder Sir Cloudesley Shovel. Dem ausgezeichneten
natürlichen Verstande und dein unerschrockenen Muthe dieser Klasse von
Männern ist England zu großem Danke verpflichtet, den es nie vergessen
darf. Durch solche energische Charactere wurden trotz schlechter
Verwaltung und trotz der Mißgriffe höfischer Admiräle, viel traurige und
gefahrvolle Jahre hindurch unsere Küsten beschützt und der gute Ruf
unserer Flagge aufrecht erhalten. Dem Nichtseemanne erschienen diese
»Theerjacken«, wie man sie nannte, als ein ganz sonderbares und halb
wildes Geschlecht. Ihre Kenntnisse beschränkten sich lediglich auf ihren
Beruf, und auch diese waren mehr praktischer als theoretischer Art.
Außerhalb ihres Elements waren sie einfältig wie Kinder; ihr Benehmen
war unbeholfen, selbst in ihrer Treuherzigkeit lag etwas Rauhes und wo
ihre Rede nicht mit Seemannsausdrücken durchflochten war, strotzte
dieselbe nur zu häufig von Flüchen und Schwüren. Dies waren die
Befehlshaber, unter deren strenger Zucht jene rauhen Krieger gebildet
wurden, nach denen Smollet im folgenden Jahrhundert den Leutnant Bowling
und den Commodore Trunnion zeichnete. Es scheint jedoch unter keinem der
Stuarts einen einzigen Flottenoffizier gegeben zu haben, wie er nach den
Begriffen unserer Zeit sein soll, das heißt ein Mann, der in der Theorie
wie in der Praxis seines Berufs gleich erfahren, gegen alle Gefahren des
Kampfes und des Sturmes abgehärtet ist und dabei doch einen gebildeten
Geist und feine Manieren besitzt. Es gab in der Flotte Karl's II.
Gentlemen und Seemänner; aber die Seemänner waren keine Gentlemen und
die Gentlemen keine Seemänner.
Die englische Seemacht hatte nach den genauesten Schätzungen, welche auf
uns gekommen sind, mit einem Aufwande von dreihundertachtzigtausend
Pfund jährlich in gutem Zustande erhalten werden können. In Wirklichkeit
aber wurden vierhunderttausend Pfund für dieselbe ausgegeben, und mit
wie geringem Nutzen, haben wir eben gesehen. Die französische Marine
kostete ungefähr eben so viel zu unterhalten, die holländische dagegen
bedeutend mehr.[21]
[Anmerkung 20: Ich beziehe mich hier auf eine Depesche von
Bonrepaux an Seignelay vom 8--18. Februar 1680. Sie wurde während
des Friedens von Amiens für Fox aus den französischen Archiven
abgeschrieben und mir nebst anderen Materialien, welche dieser
große Mann zusammengetragen hat, durch die Gefälligkeit der
verstorbenen Lady Holland und des gegenwärtigen Lord Holland zur
Benutzung anvertraut. Ich muß noch bemerken, daß ich selbst
inmitten der Unruhen, welche vor kurzem Paris bewegten, keine
Schwierigkeiten fand, um durch die Liberalität der dortigen
Beamten Auszüge zu erlangen, die einige Lücken in Fox' Sammlung
ausfüllen.]
[Anmerkung 21: Meine Angaben über den damaligen Zustand der Marine
sind hauptsächlich aus Pepys geschöpft. Der Bericht, den er
Karl II. im Mai 1684 vorlegte, ist, wie ich glaube, nie gedruckt
worden. Die Handschrift befindet sich im Magdalenen-Collegium zu
Cambridge. Ebendaselbst befindet sich auch ein werthvolles
Manuscript, das eine ausführliche Abhandlung über das Seewesen des
Landes im December 1684 enthält. +Pepys' Memoirs relating to the
State of the Royal Navy for Ten Years, determined December 1688+,
sowie sein Tagebuch und sein Briefwechsel während seines
Aufenthalts in Tanger, sind gedruckt, und ich habe diese Schriften
vielfach benutzt. Man sehe außerdem +Sheffield's Memoirs, Teonge's
Diary, Aubrey's Life of Monk, The Life of Sir Cloudesley Shovel,
1708+, und +Commons' Journal+ vom 1. und 20. März 1688--89.]
[_Die Artillerie._] Die Kosten der britischen Artillerie waren im
siebzehnten Jahrhundert im Vergleich mit den Ausgaben für andere
Bedürfnisse des Heeres und der Flotte, weit geringer als gegenwärtig.
Wohl befanden sich bei allen Besatzungen Geschütze und an diesem und
jenem wichtigen Platze auch ein Ingenieur; aber es gab kein besonderes
Artillerieregiment, keine Brigade Sappeurs und Mineurs und keine
Anstalt, in der junge Leute die wissenschaftliche Seite der Kriegführung
lernen konnten. Die Schwierigkeit, Feldstücke zu transportiren, war
außerordentlich groß. Als Wilhelm einige Jahre später aus Devonshire
nach London marschirte, erregte der Kriegsapparat, den er mit sich
führte, obgleich ein solcher auf dem Festlande schon längst in Gebrauch
war und derselbe gegenwärtig in Woolwich als roh und schwerfällig gelten
würde, bei unseren Vorfahren die nämliche Bewunderung, mit der die
Indianer Amerika's die kastilianischen Büchsen betrachteten. Von dem
Pulvervorrathe, welcher damals in den britischen Festungen und
Zeughäusern aufbewahrt wurde, sagen patriotische Schriftsteller der
damaligen Zeit, daß derselbe den Nachbarvölkern wohl Respect einflößen
werde. Er belief sich auf vierzehn- bis fünfzehntausend Fässer, ungefähr
ein Zwölftel des Quantums, das man in unseren Tagen immer vorräthig zu
halten für nöthig erachtet. Die Ausgaben für die Artillerie betrugen im
Durchschnitt etwas über sechzigtausend Pfund jährlich.[22]
Die Gesammtkosten für den Effektivbestand der Armee, der Marine und der
Artillerie beliefen sich auf etwa siebenhundertfunfzigtausend Pfund.
Ausgaben für den nichtaktiven Dienst, welche gegenwärtig einen sehr
bedeutenden Theil unserer Staatslasten bilden, gab es damals so gut wie
gar nicht. Nur eine sehr geringe Anzahl von Seeoffizieren, die nicht im
wirklichen Dienste angestellt waren, bezog halben Sold. Auf der Liste
stand kein Leutnant und sogar kein Kapitain, der nicht ein Schiff ersten
oder zweiten Ranges befehligt hatte. Da nun das Land damals nur siebzehn
Schiffe ersten und zweiten Ranges besaß, welche jemals zur See gewesen
waren, und ein großer Theil der Offiziere, welche derartige Schiffe
commandirt hatten, einträgliche Posten zu Lande bekleideten, so können
die Ausgaben unter dieser Rubrik in der That nur sehr unbedeutend
gewesen sein.[23] Bei dem Landheere wurde der halbe Sold ebenfalls nur
als eine besondere und zeitweilige Vergünstigung einer kleinen Anzahl
von Offizieren zweier bevorzugter Regimenter bewilligt.[24] Das Hospital
von Greenwich war noch nicht gegründet; das von Chelsea war im Bau
begriffen, aber die Kosten dieser Anstalt wurden zum einen Theil durch
einen Abzug von der Löhnung der Truppen, zum andern durch Privatbeiträge
bestritten. Der König versprach nur zwanzigtausend Pfund zu den
Baukosten und fünftausend Pfund jährlich zum Unterhalt der Invaliden
beizusteuern.[25] Daß auch Invaliden außerhalb des Hospitals Pensionen
erhalten sollten, lag nicht im Plane des Unternehmens. Der
Gesammtaufwand für den nicht aktiven Land- und Seedienst kann
zehntausend Pfund des Jahres kaum überstiegen haben. Jetzt beträgt
derselbe täglich über zehntausend Pfund.
[Anmerkung 22: +Chamberlayne's State of England, 1684+; +Commons'
Journals+ vom 1. März und 20. März 1688--89. Im Jahre 1833 wurde
nach reiflicher Erwägung festgesetzt, daß beständig
hundertsiebzigtausend Fässer Schießpulver vorräthig gehalten
werden sollten, und diese Norm wird noch jetzt festgehalten.]
[Anmerkung 23: Aus den Urkunden der Admiralität geht hervor,
daß Flaggenoffizieren im Jahre 1668 halber Sold gewährt wurde,
Kapitainen ersten und zweiten Ranges erst seit 1674.]
[Anmerkung 24: Verordnung in den +War Office Records+, +d. d.+
26. März 1678.]
[Anmerkung 25: +Evelyn's Diary+ vom 27. Januar 1682. Ich habe eine
geheime Kabinetsordre vom 17. Mai 1683 gesehen, welche Evelyn's
Aussage bestätigt.]
[_Kosten der Civilverwaltung._] Von den Kosten der Civilverwaltung trug
die Krone nur einen kleinen Theil. Die große Mehrzahl der Beamten, denen
die Ausübung der Justiz und die Aufrechthaltung der Ordnung übertragen
war, leisteten ihre Dienste dem Publikum entweder ganz unentgeltlich,
oder sie wurden auf eine Weise bezahlt, daß diese Ausgabe den
Staatseinnahmen nicht zur Last fiel. Die Sheriffs, Mayors und Aldermen
der Städte, die Landedelleute, welche als Friedensrichter fungirten, die
Oberkonstabels (+Head-boroughs+), Bailiffs und Unterkonstabels kosteten
dem Könige nichts. Die höheren Gerichtshöfe wurden hauptsächlich durch
den Ertrag ihrer Gebühren unterhalten.
Unsere Vertretung an auswärtigen Höfen war nach einem äußerst sparsamen
Fuße eingerichtet. Der einzige diplomatische Agent, der den Titel eines
Gesandten führte, residirte in Konstantinopel und wurde zum Theil von
der Türkischen Compagnie unterhalten. Sogar am Hofe von Versailles hatte
England nur einen Geschäftsträger, und an dem spanischen, schwedischen
und dänischen Hofe nicht einmal einen solchen. Die Gesammtausgaben unter
dieser Rubrik können im letzten Jahre der Regierung Karl's II. nicht
viel über zwanzigtausend Pfund betragen haben.[26]
[Anmerkung 26: Jakob II. schickte Gesandte nach Spanien, Schweden
und Dänemark, aber dennoch betrug der jährliche Aufwand für die
Diplomatie unter seiner Regierung nicht viel über dreißigtausend
Pfund. Siehe +Commons' Journals+ vom 20. März 1688--89, und
+Chamberlayne's State of England+, 1684, 1688.]
[_Große Einkünfte der Minister und Höflinge._] Diese Sparsamkeit war
jedoch keineswegs lobenswerth. Karl war wie immer knauserig am unrechten
Orte und freigebig am unrechten Orte. Die Staatsdiener ließ er darben,
um Höflinge zu mästen. Die Ausgaben für die Flotte, für das
Geschützwesen, für Pensionirung bedürftiger alter Offiziere und für die
auswärtigen Gesandtschaften müssen der jetzigen Generation sehr gering
erscheinen. Dagegen wurden die persönlichen Günstlinge des Königs, seine
Minister und die Kreaturen dieser Minister mit dem Gelde des Landes
förmlich überschüttet. Ihre Gehalte und Pensionen waren im Vergleich zu
den Einkünften des hohen Adels, der Gentry und der Handels- und
Gewerbsleute jener Zeit ungeheuer. Die größten Vermögen im Königreiche
überstiegen damals wenig mehr als zwanzigtausend Pfund Renten. Der
Herzog von Ormond hatte jährlich zweiundzwanzigtausend Pfund,[27] der
Herzog von Buckingham, bevor sein großes Vermögen sich durch
Verschwendung vermindert, neunzehntausendsechshundert Pfund zu
verzehren.[28] Georg Monk, Herzog von Albemarle, der zum Lohn für seine
ausgezeichneten Dienste mit unermeßlichen Kronländereien beschenkt
worden und wegen seiner Geldgier wie wegen seines Geizes gleich bekannt
war, hinterließ fünfzehntausend Pfund jährlicher Einkünfte von
Grundstücken und sechzigtausend Pfund zinsbar angelegte Kapitalien,
welche höchst wahrscheinlich sieben Prozent trugen.[29] Diese drei
Herzöge galten allgemein für drei der reichsten englischen Unterthanen.
Der Erzbischof von Canterbury kann kaum fünftausend Pfund jährlich
gehabt haben.[30] Das durchschnittliche Einkommen eines weltlichen Peers
wurde von den Bestunterrichteten auf dreitausend Pfund, das eines
Baronets auf neunhundert, das eines Mitglieds des Unterhauses auf
weniger als achthundert Pfund geschätzt.[31] Tausend Pfund jährlich galt
als ein hohes Einkommen für einen Rechtsanwalt. Auf zweitausend Pfund
brachte man es kaum beim Gerichtshofe der Kings-Bench, die Kronanwälte
ausgenommen.[32] Aus dem allen ergiebt es sich, daß ein öffentlicher
Beamter gut bezahlt gewesen wäre, wenn er den vierten oder fünften Theil
von dem bekommen hätte, was gegenwärtig als ein angemessener Gehalt
betrachtet wird. Trotzdem aber standen sich die höheren Staatsbeamten
thatsächlich eben so gut als jetzt, ja nicht selten noch besser. Der
Lord Schatzmeister hatte zum Beispiel achttausend Pfund jährlich, und
wenn der Staatsschatz durch eine Commission verwaltet wurde, so hatten
die derselben angehörenden jüngeren Lords sechzehnhundert Pfund. Der
Zahlmeister des Heeres bekam von allem Gelde, das durch seine Hände
ging, eine Provision, die sich auf ungefähr fünftausend Pfund im Jahre
belief. Der Oberkammerherr hatte fünftausend Pfund, die Zollcommissäre
jeder zwölfhundert, die Kammerherrn jeder tausend Pfund jährlich.[33]
Allein der feste Gehalt war damals der geringste Theil des Einkommens
eines öffentlichen Beamten. Von den Edelleuten an, welche den weißen
Stab und das große Siegel führten, bis herab zu dem untersten
Zollbeamten und Aichmeister wurde ungescheut und ungestraft ausgeübt,
was man jetzt grobe Bestechlichkeit nennen würde. Titel, Stellen, Ämter
und Begnadigungen wurden von den hohen Würdenträgern des Reichs täglich
auf offenem Markte verkauft, und jeder Schreiber in irgend welchem
Staatsbureau ahmte das böse Beispiel nach so gut er konnte.
Während des letzten Jahrhunderts ist kein auch noch so mächtiger
Premierminister im Amte reich geworden, mehrere setzten sogar ihr
Privatvermögen zu, um ihre hohe Stelle auch äußerlich würdig
auszufüllen. Im siebzehnten Jahrhundert dagegen konnte ein Staatsmann,
der an der Spitze der Verwaltung stand, in nicht zu langer Zeit, ohne
Ärgerniß zu geben, ein Vermögen sammeln, das mehr als hinreichend war,
um ein fürstliches Haus zu führen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß das
Einkommen eines Premierministers während seiner Amtsführung das jedes
anderen Unterthanen weit überstieg. Die Stelle des Lord Lieutenants von
Irland wurde auf vierzigtausend Pfund jährlich geschätzt.[34] Die
Einkünfte des Kanzlers Clarendon, Arlingtons, Lauderdale's und Danby's
waren kolossal. Der prachtvolle Palast, den das gemeine Volk von London
Dunkirk-House nannte, die stattlichen Pavillons, die Fischteiche, der
Thiergarten und die Orangerie von Euston, der mehr als italienische
Luxus von Ham mit seinen Statuen, Springbrunnen und Vogelhäusern waren
einige von den vielen Zeichen, welche den kürzesten Weg zu unermeßlichen
Reichthümern andeuteten. Dies ist auch die wahre Ursache der
rücksichtslosen Heftigkeit, mit welcher die Staatsmänner der damaligen
Zeit nach hohen Ämtern rangen, der Zähigkeit, mit der sie, aller
Mühseligkeiten, Demüthigungen und Gefahren ungeachtet, daran hingen,
und der schmachvollen Erniedrigungen, zu denen sie sich herabließen, um
dieselben zu behaupten. Selbst in unsrer Zeit würde, so groß auch die
Macht der öffentlichen Meinung und so streng der Maßstab der
Rechtschaffenheit gegenwärtig ist, eine beklagenswerthe Veränderung in
dem Character unserer Staatsmänner ernstlich zu befürchten sein, wenn
der Posten des ersten Lords des Schatzes oder des Staatssekretärs
hunderttausend Pfund jährlich eintrüge. Zum Glück für unser Land sind
die Einkünfte der höchsten Beamtenklasse nicht nur keineswegs im
Verhältniß zu der allgemeinen Vermehrung unsres Wohlstandes gestiegen,
sondern sie haben sich sogar positiv vermindert.
[Anmerkung 27: +Carte's Life of Ormond.+]
[Anmerkung 28: +Pepys's Diary+ vom 14. Februar 1688--89.]
[Anmerkung 29: Siehe den Bericht über den Prozeß Bath-Montague,
der im December 1693 durch den Lord Siegelbewahrer Somers
entschieden ward.]
[Anmerkung 30: Dreiviertel Jahr lang, von Weihnachten 1689 an
wurden die Einkünfte des Erzbisthums Canterbury durch einen von
der Krone dazu angestellten Beamten erhoben. Die Rechnungsablage
dieses Beamten befindet sich gegenwärtig im Britischen Museum
(+Lansdown Mscrpts. 885+). Die Bruttoeinnahme während dieser drei
Quartale betrug nicht ganz viertausend Pfund, und der Unterschied
zwischen dem Brutto- und dem Nettoeinkommen war jedenfalls nicht
unbedeutend.]
[Anmerkung 31: +King's Natural and Political Conclusions.
Davenant, On the Balance of Trade.+ Sir W. Temple sagt:
»Die Einkünfte eines Hauses der Gemeinen haben selten
viermalhunderttausend Pfund überstiegen.« Dessen Memoiren.
3. Theil.]
[Anmerkung 32: +Langton's Conversations with Chief Justice Hale,
1672.+]
[Anmerkung 33: +Commons' Journals+ vom 27. April 1689;
+Chamberlayne's State of England, 1684+.]
[Anmerkung 34: Siehe die Reisen des Großherzogs Cosmus.]
[_Zustand des Ackerbaues._] Die Thatsache, daß sich der Ertrag der
Steuern in England während eines Zeitraums von etwa zwei langen
Menschenleben um das Dreißigfache vermehrt hat, ist auffallend und mag
auf den ersten Anblick fast etwas Erschreckendes haben. Aber wen die
Vermehrung der öffentlichen Lasten beunruhigt, der wird sich vielleicht
wieder beruhigen, wenn er dagegen die Zunahme der öffentlichen
Hülfsquellen in Erwägung zieht. Im Jahre 1685 überstieg der Werth der
Bodenerzeugnisse bei weitem den aller anderen Früchte des menschlichen
Fleißes. Gleichwohl befand sich damals der Ackerbau in einem Zustande,
den man heutzutage roh und unvollkommen nennen würde. Die besten
Statistiker jener Zeit schätzten den Umfang des pflügbaren Ackerlandes
und des Weidelandes auf nicht viel über die Hälfte des gesammten
Flächeninhalts der Monarchie.[35] Das Übrige bestand angeblich aus Moor,
Sumpf und Waldungen. Die Richtigkeit dieser Berechnungen wird durch die
Reisebücher und Landkarten des siebzehnten Jahrhunderts vollkommen
bestätigt. Aus diesen Büchern und Karten geht klar und deutlich hervor,
daß viele Straßen, welche gegenwärtig durch endlose Obstpflanzungen,
Wiesen und Bohnenfelder führen, damals über nichts als Haiden, Sümpfe
und Jagdgehege gingen.[36] Auf den Zeichnungen englischer Landschaften,
welche damals für den Großherzog Cosmus angefertigt wurden, sieht man
kaum eine Baumhecke, und zahlreiche Strecken, welche jetzt vortrefflich
angebaut sind, erscheinen kahl wie die Ebene von Salisbury.[37] Bei
Enfield, wo man fast noch den Rauch der Hauptstadt sehen kann, war ein
Gebiet von fünfundzwanzig Meilen im Umfange, das nicht mehr als drei
Häuser und fast gar keine umfriedigten Felder enthielt. Das Rothwild
tummelte sich dort zu Tausenden wie in einem amerikanischen Urwalde.[38]
Ich muß hierbei bemerken, daß wilde Thiere von bedeutender Größe damals
noch viel zahlreicher waren als jetzt. Zwar waren die letzten
Wildschweine, welche zum Vergnügen des Königs gehegt wurden und die mit
ihren Hauern das angebaute Land verwüsten durften, während des
zügellosen Treibens zur Zeit der Bürgerkriege durch das erbitterte
Landvolk vernichtet, und der letzte Wolf, der auf unsrer Insel gehaust,
kurz vor dem Ende der Regierung Karl's II. in Schottland erlegt worden.
Aber viele jetzt ganz ausgestorbene oder doch nur sehr selten
vorkommende Arten von Säugethieren und Vögeln waren noch sehr
gewöhnlich. Der Fuchs, dessen Leben gegenwärtig in vielen Grafschaften
fast so heilig gehalten wird als das eines Menschen, wurde lediglich als
eine Landplage betrachtet. Oliver St. John sagte dem Langen Parlamente,
Stafford sei nicht als ein Hirsch oder Hase zu betrachten, auf den man
noch einige Rücksicht nehmen könne, sondern als ein Fuchs, den man auf
jede Weise verfolgen und ohne Mitleid todtschlagen müsse. Dieser
Vergleich würde nichts weniger als glücklich gewählt sein, wenn man
denselben gegen einen Landedelmann unserer Zeit aussprechen wollte; zu
St. John's Zeiten aber wurden nicht selten große Vertilgungkriege gegen
die Füchse veranstaltet, zu denen sich die Landleute mit allen Hunden,
die sie auftreiben konnten, eifrig drängten. Es wurden Fallen gelegt und
Netze gestellt und kein Pardon gegeben; die Erlegung eines trächtigen
Weibchens wurde als eine That betrachtet, welche den Dank der ganzen
Nachbarschaft verdiente. Das Hochwild war damals in Gloucestershire und
Hampshire so gewöhnlich, wie jetzt in den Grampian-Gebirgen. Die Königin
Anna erblickte einst auf einer Reise nach Portsmouth ein Rudel von nicht
weniger als fünfhundert Stück. Den wilden Stier mit seiner weißen Mähne
begegnete man noch zuweilen in einigen südlichen Wäldern. Der Dachs grub
noch an jedem Hügelabhange, der mit dichtem Gebüsch bewachsen war,
seinen dunklen, gewundenen Bau. Wilde Katzen hörte man noch häufig des
Nachts in der Nähe der Wildmeisterwohnungen heulen. Der gelbbrüstige
Marder wurde noch in Cranbourne Chase seines Pelzes wegen gejagt, dem
man nur das Zobelfell vorzog. Sumpfadler, welche von einer Flügelspitze
bis zur andern über neun Fuß maßen, stellten den Fischen an der Küste
von Norfolk nach. Auf allen Dünen vom Britischen Kanal bis nach
Yorkshire schwärmten riesige Trappen in Schaaren von funfzig bis sechzig
Stück umher und wurden oft mit Windhunden gehetzt. Die Moorgegenden von
Cambridgeshire und Lincolnshire waren jedes Jahr einige Monate lang mit
ungeheuren Schwärmen von Kranichen bedeckt. Durch die Fortschritte des
Landbaues sind einige dieser Thiergattungen völlig ausgerottet; andere
Arten haben sich so vermindert, daß das Volk ein Exemplar davon
anstaunt, wie einen bengalischen Tiger oder einen Eisbär.[39]
Das Fortschreiten dieser großen Veränderung läßt sich nirgends leichter
verfolgen als in der Gesetzsammlung. Die Anzahl der seit der
Thronbesteigung König Georg's II. genehmigten Einhegungsakte beträgt
über viertausend, und der kraft dieser Bewilligungen eingefriedigte
Flächenraum übersteigt nach mäßiger Schätzung zehntausend Quadratmeilen.
Wieviel Quadratmeilen früher gar nicht, oder doch schlecht angebauten
Landes in der nämlichen Zeit von den Besitzern ohne specielle
Genehmigung der Behörden eingefriedigt und sorgfältig cultivirt wurden,
läßt sich bloß muthmaßen. Man kann jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit
annehmen, daß im Laufe von wenig mehr als einem Jahrhunderte der vierte
Theil von England aus einer Wildniß in einen Garten verwandelt worden
ist.
Selbst in denjenigen Theilen des Reichs, welche zu Ende der Regierung
Karl's II. am besten angebaut waren, stand die Landwirthschaft
ungeachtet der großen Fortschritte, die seit den Bürgerkriegen darin
gemacht waren, doch noch nicht auf einer solchen Stufe, daß man
heutzutage von ihr sagen würde, sie sei mit Geschick betrieben worden.
Bis jetzt hat die Regierung leider noch keine wirksamen Maßregeln
angeordnet, um genaue Aufstellungen über den Ertrag des englischen Grund
und Bodens zu erhalten. Der Geschichtsschreiber muß sich daher mit
einigem Mißtrauen an die Angaben derjenigen Statistiker halten, welche
am meisten in dem Rufe der Sorgfalt und Zuverlässigkeit stehen. Der
gegenwärtige Durchschnittsertrag an Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und
Hülsenfrüchten wird auf weit über dreißig Millionen Quarters geschätzt.
Die Weizenernte, die zwölf Millionen Quarters nicht überstiege, würde
als eine schlechte gelten. Nach einer Berechnung Gregor King's vom Jahre
1696 betrug damals die jährliche Gesammtproduction von Weizen, Roggen,
Gerste, Hafer und Hülsenfrüchten etwas unter zehn Millionen Quarters.
Den Ertrag des Weizens, welcher damals nur auf dem fettesten Lehmboden
erbaut und nur von der wohlhabenderen Klasse consumirt wurde, schätzte
er auf weniger als zwei Millionen Quarters. Karl Davenant, ein
scharfsinniger und wohlunterrichteter, aber durchaus charakterloser und
gehässiger Politiker, wich zwar in einigen Punkten der Berechnung von
King ab, gelangte aber so ziemlich zu demselben allgemeinen
Resultate.[40]
Die sogenannte Wechselwirthschaft verstand man damals noch sehr
unvollkommen. Man wußte zwar, daß einige seit Kurzem auf unserer Insel
eingeführte Pflanzen, namentlich die weiße Rübe, ein vortreffliches
Winterfutter für Schafe und Rinder gaben; allein es war noch nicht
gebräuchlich, das Vieh damit zu füttern. Es war daher keineswegs leicht,
die Thiere während der Jahreszeit, wo das Gras selten wird, zu erhalten.
Beim Beginn der kalten Witterung wurden sie denn auch in großer Menge
geschlachtet und eingesalzen und mehrere Monate hindurch aß selbst der
Reiche fast gar kein frisches Fleisch, ausgenommen Wild und Flußfische,
welche eben deshalb damals in der Haushaltung eine viel wichtigere Rolle
spielten als gegenwärtig. Aus dem +Northumberland Household Book+
ersehen wir, daß unter der Regierung Heinrichs VII. selbst die Gentlemen
im Gefolge eines großen Earl nur während der kurzen Zeit zwischen der
Mitte des Sommers und Michaelis frisches Fleisch genossen. Im Laufe von
zwei Jahrhunderten waren jedoch schon manche Verbesserungen in der
Viehzucht eingetreten, und unter Karl II. legten die Familien ihren
Wintervorrath von gesalzenem Fleische, das man damals Martinsfleisch
nannte, nicht vor Anfang Novembers ein.[41]
Die Schafe und Rinder jener Zeit waren im Vergleich mit denen, welche
heutzutage auf unsere Märkte getrieben werden, sehr klein.[42] Unsere
einheimischen Pferde waren zwar brauchbar, aber nicht besonders
geschätzt und ziemlich wohlfeil. Die zuverlässigsten Autoritäten in der
Berechnung des Nationalreichthums schlugen sie im Durchschnitt auf nicht
höher als funfzig Schilling das Stück an. Die Pferde ausländischer Zucht
wurden allgemein vorgezogen, und für die schönsten galten die spanischen
Zelter, welche für den Bedarf des Luxus und des Kriegs eingeführt
wurden. Die Kutschen des hohen Adels wurden von grauen flamändischen
Stuten gezogen, welche für die elegantesten Traber galten und besser als
irgend ein einheimischer Schlag geeignet sein sollten, die damaligen
plumpen Equipagen über das holperige Straßenpflaster von London zu
schleppen. Weder das Zugpferd noch das Racepferd der Neuzeit waren
damals bekannt. Erst zu einer viel späteren Periode wurden die Vorfahren
der riesigen Vierfüßler, welche jetzt von allen Fremden zu den größten
Merkwürdigkeiten der Weltstadt gerechnet werden, aus dem Moorlande von
Walcheren, die Ahnen eines Childers und Eclipse[43] aus den Sandwüsten
Arabiens zu uns gebracht. Indessen war schon damals unser Adel und unsre
Gentry für die Vergnügungen der Rennbahn leidenschaftlich eingenommen.
Man sah die Nothwendigkeit ein, unsere Gestüte durch Beimischung fremden
Blutes zu veredeln, und zu diesem Zwecke war vor kurzem eine
beträchtliche Anzahl von Pferden aus der Barbarei eingeführt worden.
Zwei Männer, deren Autorität in solchen Dingen besonderes Gewicht hatte,
der Herzog von Newcastle und Sir John Fenwick, erklärten, daß der
geringste Klepper aus Tanger eine schönere Nachkommenschaft erzeugen
werde, als man sie von dem besten Hengste unserer einheimischen Zucht
erwarten könne. Sie ahneten damals schwerlich, daß eine Zeit kommen
würde, wo die Fürsten und Edelleute der Nachbarstaaten eben so eifrig
bemüht waren, Pferde aus England zu beziehen, als die Engländer damals
nach der Einführung von Berberrossen trachteten.[44]
[Anmerkung 35: +King's Natural and Political Conclusions.
Davenant, On the Balance of Trade.+]
[Anmerkung 36: Siehe das +Itinerarium Angliae, 1675+, von John
Ogilby, königl. Kosmographen. Nach seiner Beschreibung befanden
sich in einem großen Theile des Landes zu beiden Seiten der
Straßen nichts als Wald, Sumpf und Haide. Auf einigen seiner
Karten sind die durch eingehegtes Land gehenden Straßen mit
Linien, und die durch uneingehegtes führenden mit Punkten
bezeichnet. Der verhältnißmäßige Umfang des nicht eingehegten
Landes, das, wenn es überhaupt angebaut war, doch sehr schlecht
angebaut sein mußte, scheint sehr bedeutend gewesen zu sein.
Zwischen Abingdon und Gloucester zum Beispiel, eine Strecke von
vierzig bis funfzig Meilen, befand sich nicht eine einzige
Einfriedigung, zwischen Biggleswade und Lincoln kaum eine solche.]
[Anmerkung 37: Eine große Anzahl von diesen höchst interessanten
Zeichnungen befinden sich in der Sammlung, welche Grenville dem
Britischen Museum vermacht hat.]
[Anmerkung 38: +Evelyn's Diary+ vom 2. Juni 1675.]
[Anmerkung 39: Siehe +White's Selborne+; +Bell's History of
British Quadrupeds+; +Gentleman's Recreation, 1686+; +Aubrey's
Natural History of Wiltshire, 1685+; +Morton's History of
Northamptonshire, 1712+; +Willoughby's Ornithology+, herausgegeben
von Ray, 1678; +Latham's General Synopsis of Birds+ und +Sir
Thomas Browne's Account of Birds found in Norfolk.+]
[Anmerkung 40: +King's Natural and Political Conclusions+;
+Davenant, On the Balance of Trade.+]
[Anmerkung 41: Siehe die Almanachs von 1684 und 1685.]
[Anmerkung 42: Siehe +M'Culloch's Statistical Account of The
British Empire III.+ Thl. 1. Kap. 6. Abschn.]
[Anmerkung 43: Namen berühmter Rennpferde der Neuzeit.
Anm. d. Übers.]
[Anmerkung 44: King und Davenant wie oben; der Herzog von
Newcastle über die Reitkunst; +Gentleman's Recreation, 1686+. Die
scheckigen flandrischen Stuten waren zu Pope's Zeiten und auch
noch später Zeichen von Vornehmheit. Das gemeine Sprichwort »die
graue Stute ist das beste Pferd« hat, wie ich vermuthe, seinen
Ursprung ebenfalls in dem Vorzuge, den man den grauen flandrischen
Stuten vor den schönsten englischen Kutschpferden gab.]
[_Mineralreichthum des Landes._] So groß aber auch die Vermehrung der
Erzeugnisse des Pflanzen- und Thierreichs war, so erscheint sie doch nur
unbedeutend im Vergleich mit der Zunahme unseres Mineralreichthums.
Im Jahre 1685 war das Zinn von Cornwall, welches vor mehr als zwei
Jahrtausenden die tyrischen Schiffe bis über die Säulen des Herkules
hinaus gelockt hatte, noch eines der werthvollsten unterirdischen
Erzeugnisse der Insel. Die Quantität, welche davon alljährlich gewonnen
wurde, belief sich einige Jahre später auf sechzehnhundert Tonnen,
ungefähr ein Drittel des gegenwärtigen Ertrags.[45] Aber die in der
nämlichen Gegend befindlichen Kupferadern wurden zur Zeit Karl's II.
noch fast gar nicht beachtet, und kein Grundeigenthümer brachte sie mit
in Anschlag, wenn er den Werth seines Besitzthums feststellte.
Gegenwärtig liefern Cornwall und Wales zusammen jährlich nahe an 15,000
Tonnen Kupfer im Werthe von fast anderthalb Millionen Pfund Sterling,
das heißt dem ungefähren doppelten Werthe der jährlichen Ausbeute aller
englischen Bergwerke irgend welcher Art zusammengenommen im siebzehnten
Jahrhunderte.[46] Das erste Steinsalzlager war nicht lange nach der
Restauration in Cheshire entdeckt worden, scheint aber damals noch nicht
ausgebeutet worden zu sein. Das Salz, welches durch ein rohes Verfahren
aus Salzquellen gewonnen wurde, war nicht sehr geschätzt. Die Pfannen,
in denen die Bereitung geschah, dünsteten einen Schwefelgeruch aus und
nach vollendeter Verdampfung war die zurückgebliebene Substanz fast
unbrauchbar. Die Ärzte schrieben die unter den Engländern verbreiteten
Skorbut- und Lungenaffectionen diesem ungesunden Gewürz zu. Es wurde
daher von den höheren und mittleren Ständen nur selten gebraucht und in
Folge dessen fand eine regelmäßige und bedeutende Einfuhr aus Frankreich
statt. Gegenwärtig decken unsere Quellen und Bergwerke nicht allein
unseren eigenen großen Bedarf, sondern versenden jährlich noch ungefähr
700 Millionen Pfund vortrefflichen Salzes nach dem Auslande.[47]
Noch viel bedeutender sind die Fortschritte unsrer Eisenerzeugung. Schon
lange existirten auf unsrer Insel Eisenwerke, aber sie wollten nicht
gedeihen und wurden weder von der Regierung noch vom Publikum mit
günstigen Augen angesehen. Es war damals noch nicht gebräuchlich, zum
Schmelzen des Erzes Kohlen anzuwenden und der ungeheure Verbrauch von
Holz machte die Staatsökonomen besorgt. Schon unter der Regierung
Elisabeth's klagte man laut darüber, daß ganze Wälder geschlagen wurden,
um die Schmelzöfen zu speisen und das Parlament war eingeschritten,
indem es den Fabrikanten verbot, Bauholz zu brennen. In Folge dessen
gerieth die Fabrikation ins Stocken. Zu Ende der Regierung Karl's II.
wurde ein großer Theil des Eisenbedarfs für das Land von auswärts
eingeführt und die Gesammtmasse des bei uns gewonnenen Eisens betrug
nicht über zehntausend Tonnen. Gegenwärtig gilt dieser Fabrikationszweig
für gedrückt, wenn weniger als eine Million Tonnen im Jahre producirt
werden.[48]
Noch ist ein Mineral zu erwähnen, das vielleicht wichtiger ist als
selbst das Eisen. Obwohl die Steinkohle in den Fabriken noch fast gar
keine Verwendung fand, so war sie doch in einigen Gegenden, die so
glücklich waren, große Lager davon zu besitzen, wie auch in der
Hauptstadt, welche zu Wasser leicht damit versehen werden konnte,
bereits das gewöhnliche Brennmaterial. Man kann mit Recht annehmen, daß
damals mindestens die Hälfte der aus allen Gruben gewonnenen Menge in
London verbraucht wurde. Die Consumtion Londons erschien den
Schriftstellern jener Zeit ungeheuer und ward von ihnen oft als ein
Beweis für die Größe der Hauptstadt erwähnt. Sie erwarteten kaum Glauben
zu finden, wenn sie versicherten, daß in dem letzten Regierungsjahre
Karls II. 280,000 Chaldrons, das heißt etwa 350,000 Tonnen zur Themse
gebracht worden seien. Gegenwärtig braucht London jährlich nahe an 3½
Millionen Tonnen und die gesammte Jahresausbeute des Landes darf nach
der mäßigsten Schätzung nicht unter 30 Millionen Tonnen angeschlagen
werden.[49]
[Anmerkung 45: Siehe eine interessante Note von Tonkin in Lord de
Dunstanville's Ausgabe von +Carew's Survey of Cornwall.+]
[Anmerkung 46: +Borlase's Natural History of Cornwall, 1758.+
Meine Angabe der gegenwärtig erzeugten Kupfermenge ist den
statistischen Verzeichnissen des Parlaments entnommen. Davenant
schätzte den jährlichen Ertrag aller Bergwerke Englands im Jahre
1700 auf sieben- bis achtmalhunderttausend Pfund Sterling.]
[Anmerkung 47: +Philosophical Transactions+ Nr. 53, Nov. 1669,
Nr. 66, Dec. 1670, Nr. 103, Mai 1674, Nr. 156, Febr. 1683--1684.]
[Anmerkung 48: +Yarranton, England's Improvement by Sea and Land,
1677+; +Porter's Progress of the Nation.+ Siehe auch die
gedrängte, aber ungemein klare Geschichte der britischen
Eisenwerke in +M'Culloch's Statistical Account of the British
Empire.+]
[Anmerkung 49: Siehe +Chamberlayne's State of England, 1684,
1687+; +Angliae Metropolis, 1691+; +M'Culloch's Statistical
Account of the British Empire+ III. Thl. 2. Kap. (Ausg. v. 1847).
Im Jahre 1845 betrug die nach London gebrachte Kohlenmenge nach
den Parlamentslisten 3,460,000 Tonnen.]
[_Zunahme der Grundrente._] Während diese großen Veränderungen vor sich
gingen, war die Grundrente, wie sich erwarten ließ, in fortwährendem
Steigen. In einigen Districten hat sie sich mehr als verzehnfacht, in
anderen nur verdoppelt; im Durchschnitt aber kann man annehmen, daß sie
um das Vierfache gestiegen ist.
Ein großer Theil dieser Einkünfte vertheilte sich unter die
Landgentlemen, eine Klasse von Leuten, deren Stellung und Character klar
zu erkennen von großer Wichtigkeit ist, denn durch ihren Einfluß und
ihre Leidenschaften wurde das Schicksal der Nation in mehreren wichtigen
Krisen entschieden.
[_Die Landgentlemen._] Wir würden sehr irren, wenn wir glaubten, daß die
Squires des siebzehnten Jahrhunderts ihren heutigen Nachkommen, mit den
Grafschaftsabgeordneten und Vorsitzenden der Quartalsitzungen der
Friedensrichter, wie wir sie kennen, eine genaue Ähnlichkeit gehabt
hätten. Der Landgentleman unsrer Zeit erhält in der Regel eine sehr gute
Erziehung, besucht nach genossener vortrefflicher Schulbildung eine
ausgezeichnete Universität und es wird ihm jede Gelegenheit geboten,
um etwas Tüchtiges zu lernen. Er hat sich gewöhnlich in fremden Ländern
umgesehen, hat einen großen Theil seines Lebens in der Hauptstadt
zugebracht und die verfeinerten Sitten der Hauptstadt begleiten ihn auf
das Land. Es giebt vielleicht keine reizenderen Wohnungen, als die
Landsitze der englischen Gentry. In den Parks und Gartenanlagen
erscheint uns die durch die Kunst verschönerte, aber nicht verwischte
Natur in ihrem lieblichsten Gewande. In den Gebäuden verbindet sich
taktvolle Einsicht mit gutem Geschmack, um eine glückliche Vereinigung
von Comfort und Eleganz zu erzeugen. Die Gemälde, die musikalischen
Instrumente und die Bibliothek würden in jedem anderen Lande als ein
Beweis von der feinen Bildung ihres Eigenthümers betrachtet werden.
Ein Landgentleman, der die Revolution erlebte, bezog damals aus seinem
Grundbesitz wahrscheinlich nur etwa den vierten Theil der Einkünfte, die
seine gegenwärtige Nachkommenschaft genießt. Er war daher im Vergleich
mit dieser ein armer Mann und in der Regel genöthigt, mit kurzen
Unterbrechungen auf seinem Gute zu wohnen. Reisen auf dem Continente,
eine häusliche Einrichtung in London oder selbst nur häufige Besuche der
Hauptstadt waren Genüsse, die sich nur die großen Gutsbesitzer erzeugen
konnten. Man kann dreist behaupten, daß von zwanzig Squires, deren Namen
unter den Friedensrichtern und Grafschaftsvorständen figurirten, nicht
einer war, der alle fünf Jahre einmal nach London gekommen oder je in
seinem Leben nach Paris gereist wäre. Manche Gutsherren hatten eine
Erziehung genossen, die sich von der ihrer Dienstleute wenig
unterschied. Oft hatte der Erbe eines Gutes während seiner Knaben- und
Jünglingsjahre auf dem Stammsitze seiner Familie keine anderen
Hofmeister, als Lakaien und Wildhüter, und lernte kaum soviel, damit er
seinen Namen unter einen gerichtlichen Verhaftbefehl schreiben konnte.
Besuchte er eine Schule oder eine Universität, so kehrte er gewöhnlich
schon vor dem zwanzigsten Jahre in die Abgeschiedenheit des väterlichen
Hauses zurück und wenn ihn die Natur in geistiger Beziehung nicht
besonders reich, begabt hatte, vergaß er bald seine akademischen Studien
über ländlichen Beschäftigungen und Vergnügungen. Sein wichtiges
Geschäft war die Sorge für seine Besitzung. Er untersuchte Kornproben,
betastete Ferkel und an Markttagen schloß er beim Glase mit den Vieh-
und Hopfenhändlern Verkäufe ab. Seine Hauptvergnügungen beschränkten
sich fast ausschließlich auf Jagd und Pferderennen und auf die Genüsse
einer rohen Sinnlichkeit. Seine Rede und seine Aussprache waren so, wie
wir sie jetzt nur von dem ungebildetsten Menschen erwarten würden; seine
Flüche, seine rohen Scherze und unsauberen Schimpfworte wurden in dem
breitesten Dialecte seiner Provinz ausgesprochen. Schon nach den ersten
Worten, die er sprach, konnte man leicht unterscheiden, ob er aus
Somersetshire oder aus Yorkshire war. Er kümmerte sich wenig um die
Ausschmückung seines Hauses, und wenn er wirklich einen derartigen
Versuch machte, war das Resultat selten etwas Besseres als geschmacklose
Entstellung. Der Unrath des Wirthschaftshofes sammelte sich unter den
Fenstern seines Schlafzimmers und die Kohlköpfe und Stachelbeersträucher
wuchsen bis dicht vor die Hausthür. Sein Tisch war reich besetzt mit
ordinären Speisen und Gäste waren ihm an demselben herzlich willkommen.
Da aber in der Klasse, der er angehörte, die Gewohnheit, übermäßig viel
zu trinken, allgemein war und seine Mittel ihm nicht erlaubten, jeden
Tag eine zahlreiche Gesellschaft mit Burgunder und Kanariensect zu
berauschen, so war ein starkes Bier das gewöhnliche Getränk. Die
Biermasse, welche zur damaligen Zeit consumirt wurde, war in der That
ungeheuer, denn es wurde damals unter den mittleren und niederen Ständen
nicht nur von denen getrunken, die es gegenwärtig trinken, sondern es
ersetzte auch den jetzigen Genuß von Wein, Thee und Branntwein. Nur in
vornehmen Häusern oder bei festlichen Gelegenheiten kamen ausländische
Getränke auf die Tafel. Die Frau vom Hause, welche gewöhnlich das Mahl
selbst bereitet hatte, zog sich zurück, sobald die Schüsseln geleert
waren und ließ die Herren beim Ale und beim Tabak, denen die Schwelger
in lärmender Fröhlichkeit oft noch so lange zusprachen, bis sie unter
den Tisch fielen.
Nur sehr selten hatte der Landedelmann hin und wieder einen Blick in die
vornehmen Zirkel gethan, und was er davon sah, diente eher dazu, seinen
Verstand zu verwirren, als aufzuklären. Da er seine Ansichten über
Religion, Verfassung, fremde Länder und frühere Zeiten nicht aus eigenen
Studien und Beobachtungen oder aus der Unterhaltung mit gebildeten
Leuten, sondern nur aus den Traditionen seines beschränkten
Gesellschaftskreises geschöpft hatte, so waren es die Ansichten eines
Kindes. Trotzdem hing er mit der Zähigkeit an denselben, welche
unwissenden Menschen, die gewohnt sind, mit Schmeicheleien überhäuft zu
werden, eigen ist, dabei besaß er zahlreiche und heftige Abneigungen.
Er haßte Franzosen und Italiener, Schotten und Iren, Papisten und
Presbyterianer, Independenten und Baptisten, Quäker und Juden. Gegen
London und die Londoner hegte er einen Widerwillen, der mehr als einmal
bedeutende politische Folgen hatte. Seine Gattin und seine Tochter
standen in Bildung und Kenntnissen unter einer Haushälterin oder einem
Kammermädchen unserer Tage. Sie näheten und spannen, braueten
Stachelbeerwein, setzten Früchte ein und buken Wildpasteten.
Aus dieser Beschreibung des englischen Esquires könnte man schließen,
daß er sich wenig von einem Müller oder einem Schenkwirthe unserer Zeit
unterschied; allein wir haben noch einige wesentliche Characterzüge zu
erwähnen, welche diese Meinung bedeutend modificiren werden. So
mangelhaft seine Bildung und seine Kenntnisse auch waren, so zeigte er
sich doch in einigen wichtigen Punkten als ein ächter Gentleman. Als
Mitglied einer stolzen und mächtigen Aristokratie zeichnete er sich
durch manche den Aristokraten eigene, theils gute, theils schlechte
Eigenschaften aus. Sein Familienstolz war größer als der eines Talbot
oder eines Howard. Er kannte die Stammbäume und Wappen aller seiner
Nachbarn, er konnte sagen, welche von ihnen sich widerrechtlich angemaßt
hatten, Wappenträger zu halten, und welche so unglücklich waren, Urenkel
von Aldermen zu sein. Er war Gerichtsherr und übte als solcher bei den
Bewohnern der Umgegend unentgeltlich eine patriarchalische und rohe
Justiz aus, welche trotz zahlreicher Irrthümer und gelegentlicher Acte
von Tyrannei immer noch besser war als gar keine. Er war ferner Offizier
bei der Miliz, und mochte diese militairische Würde den Tapferen, welche
an einem Feldzuge in Flandern Theil genommen, auch lächerlich
erscheinen, so erhob sie ihn doch in seinen eigenen Augen, wie in denen
seiner Nachbarn. Übrigens war es auch in der That ungerecht, seine
militairischen Functionen zu verspotten. In jeder Grafschaft gab es
ältere Gentlemen, welche Zeiten gesehen hatten, in denen der Dienst der
Bürgerwehr kein Kinderspiel war. Der Eine war nach der Schlacht von
Edgehill von Karl I. zum Ritter geschlagen worden; ein Andrer trug noch
das Pflaster auf einer Wunde, die er bei Naseby erhalten; ein Dritter
hatte sein altes Schloß vertheidigt, bis Fairfax die Thür mit einer
Petarde sprengte. Die Anwesenheit dieser ergrauten Cavaliere mit ihren
alten Schwertern, ihren alten Pistolenholftern und ihren alten
Geschichten von Goring und Lunsford verlieh den Musterungen der Miliz
ein ernstes und kriegerisches Gepräge, das ihnen sonst gefehlt haben
würde. Selbst diejenigen Landgentlemen, welche zu jung waren, als daß
sie sich mit den Kürassieren des Parlaments geschlagen haben konnten,
waren wenigstens von Jugend auf von den zurückgelassenen Spuren der
letzten Kriege umgeben gewesen und waren mit den Geschichten der
tapferen Heldenthaten ihrer Väter und Oheime genährt worden. So bestand
der Character des englischen Esquire des siebzehnten Jahrhunderts aus
zwei Elementen, die wir nicht gewohnt sind, beisammen zu finden; seine
Unwissenheit, seine mangelhafte Bildung, seine rohen Neigungen und seine
gemeine Sprache würden heutzutage als ein Zeichen von durchaus
plebejischer Herkunft und Erziehung betrachtet worden sein: dessen
ungeachtet war er entschieden ein Patrizier und besaß in hohem Maße die
Tugenden und Fehler, welche denen eigen sind, die ihrer Geburt nach
einen hohen Rang einnehmen und an Befehlen, an Decorum und an
Selbstachtung gewöhnt sind. Einer Generation, welche gewohnt ist,
ritterliche Gesinnungen nur im Verein mit wissenschaftlicher Bildung und
feinen Manieren zu finden, wird es nicht leicht, sich einen Mann mit dem
Benehmen, dem Vocabularium und der Redeweise eines Karrenführers zu
denken, der gleichwohl in Sachen der Herkunft und der Rangordnung
ungemein streng und bereit ist, eher sein Leben aufs Spiel zu setzen,
als einen Flecken auf die Ehre seines Hauses werfen zu lassen. Indessen
können wir uns eben nur durch die Vereinigung dieser Eigenschaften,
welche in unserer eigenen Erfahrung selten oder nie beisammen gefunden
werden, einen richtigen Begriff von dem Landadel bilden, der die
Hauptstärke der Heere Karl's I. war und lange Zeit mit bewundernswerther
Treue die Interessen seiner Nachkommen vertheidigte.
Dieser rohe, ungebildete und selten gereiste Landgentleman war
gewöhnlich ein Tory; aber obgleich ein entschiedener Anhänger der
erblichen Monarchie, hegte er doch keine parteiliche Vorliebe für die
Höflinge und Minister. Er war, und nicht ohne Grund, der Meinung, daß
Whitehall mit den verderbtesten Creaturen angefüllt sei; er glaubte, daß
ein Theil der ungeheuren Summen, die das Parlament seit der Restauration
bewilligt, von schlauen Staatsmännern unterschlagen, ein anderer an
Possenreißer und ausländischen Courtisanen vergeudet worden sei. Sein
stolzes englisches Herz empörte sich bei dem bloßen Gedanken, daß die
Regierung seines Vaterlandes von Frankreich Vorschriften annehmen
sollte. In der Regel selbst ein alter Cavalier oder doch der Sohn eines
solchen, gedachte er mit heftigem Unwillen des schnöden Undanks, mit dem
die Stuarts ihre unglücklichen Freunde belohnt hatten. Wer ihn über die
Geringschätzung, mit der er behandelt, und über die Verschwendung,
mit der die Bastarde von Lorchen Gwynn und Madame Carwell ausgestattet
wurden, murren hörte, hätte ihn für eine Rebellion reif halten können;
aber sein Unmuth dauerte nur so lange, als der Thron in Gefahr schwebte.
Gerade wenn Diejenigen, die der Monarch mit Reichthümern und
Ehrenbezeigungen überhäuft hatte, ihn verließen, schaarten sich die zur
Zeit seines Glücks so mürrischen und widersetzlichen Landedelleute wie
ein Mann um ihn. So kamen sie Karl II., nachdem sie zwanzig Jahre lang
gegen seine schlechte Regierung gemurrt hatten, im Augenblicke der
äußersten Gefahr zu Hülfe, als seine eigenen Staatssekretäre und Lords
des Schatzes von ihm abfielen, und setzten ihn in den Stand, die
Opposition vollständig zu besiegen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß
sie auch seinem Bruder Jakob die nämliche Hingebung bewiesen haben
würden, wenn er sich noch im letzten Augenblicke hätte enthalten können,
ihre heiligsten Gefühle zu verletzen; denn eine Institution, aber auch
nur diese eine, achteten sie noch höher als die erbliche Monarchie, und
diese Institution war die englische Kirche. Ihre Liebe zu dieser war
zwar nicht das Resultat des Nachdenkens oder des Studiums, denn nur
wenige unter ihnen hätten einen aus der heiligen Schrift oder aus der
Kirchengeschichte hergeleiteten Grund angeben können, weshalb sie den
Lehren, den Gebräuchen und der Verfassung dieser Kirche anhingen, und
eben so wenig waren sie, im Ganzen genommen, strenge Beobachter des
allen christlichen Secten gemeinsamen Sittengesetzes; aber die Erfahrung
vieler Jahrhunderte beweist uns, daß Menschen im Stande sein kennen, für
eine Religion, deren Glaubenssätze sie nicht verstehen und nach deren
Vorschriften sie so gut als gar nicht handeln, bis zum letzten Athemzuge
zu kämpfen und die Gegner derselben erbarmungslos zu verfolgen.[50]
[Anmerkung 50: Meine Schilderung des Landadels des 17.
Jahrhunderts ist zu vielen Quellen entlehnt, als daß ich sie hier
anführen könnte. Ich muß daher meine hier angesprochenen Ansichten
der Beurtheilung Derer überlassen, welche die Geschichte und die
leichtere Literatur jener Zeit studirt haben.]
[_Die Geistlichkeit._] Die Landgeistlichkeit war in ihrem Toryismus
sogar noch heftiger als die Landgentry und dabei ein kaum minder
wichtiger Stand. Es muß jedoch bemerkt werden, daß der Geistliche als
Individuum, verglichen mit dem Gentleman als solchem, auf einer viel
tieferen Stufe stand als in unseren Tagen. Die hauptsächlichste
Finanzquelle der Kirche war der Zehnten, und der Zehnten bildete damals
einen viel geringeren Theil des Einkommens, als gegenwärtig. King
schätzte die Gesammteinkünfte der Parochial- und Collegiatgeistlichen
auf nicht mehr als vierhundertachtzigtausend Pfund Sterling jährlich,
Davenant auf fünfhundertvierundvierzigtausend Pfund. Gegenwärtig
übersteigen sie sicherlich das Siebenfache der letzteren Summe. Der
Durchschnittsertrag der Landrente ist nach seiner Schätzung in gleichem
Verhältnisse gestiegen, und daraus folgt, daß die Pfarrer und ihre
Vikare im Vergleich zu den benachbarten Rittern und Squires im
siebzehnten Jahrhunderte viel ärmer gewesen sein müssen, als im
neunzehnten.