Und er sofort: »Ja, sie hat vorgestern nacht bei mir geschlafen.«

»Verstehen Sie: sie ist meine Frau.«

Und gesteigert: »Sie werden wissen, was das heißt: meine Frau, Herr Söraas

. . . haben Sie ihr Geld gegeben? . . .«

»Was denken Sie, nein« . . . Einfach. Ohne mit den Augen zu zwinkern.

Und mein Blick fällt auf das Bett, das links in der Ecke steht. _Es ist

sehr breit._ Das beunruhigt mich . . . Er scheint sehr zufrieden zu sein.

Es ist sehr sauber bei ihm. Er ist sehr gut eingerichtet. Ich denke an

unsere Wohnung in der Quellenstraße 16. Und wie wir jeden Abend aus jener

blendenden Lichterfülle, bunt belebt, voll schöner, sanfter Damen,

tänzelnder Equipagen, flimmernder Kavaliere immer wieder ganz ergeben in

unser Dunkel tauchen, verworren, ölig und dumpf . . .

Er ist auch gar nicht aufgeregt. Er lächelt.

Warf sie mir nicht als vor: »Sieh, Hans, Andre tut mir alles, was ich nur

will.« Und: »Er begleitet mich oft, oft stundenlang durch die Stadt, wo wir

vor allen Schaufenstern stehen bleiben, uns unermüdlich unterhalten über

Strümpfe, Wäsche, Blusen, Schmuck, Hüte, Röcke . . . du kannst das nicht.«

Und: »_Er hat gesagt, er würde mich, wenn ich nur wollte, gleich von dir

nehmen, auf immer zu sich, mich heiraten . . ._«

Ich siede. Und obwohl ich deutlich fühle: ich habe kein Recht dazu, es ist

eine Gemeinheit, ja, sogar ein Verbrechen, zucke ich nach meiner Tasche,

meiner Pistole, hebe sie, ziele, drücke, knalle ihn nieder. Ich bin eiskalt

. . .

Und ich frage mich, nachdem ich das getan habe: habe ich es denn auch

wirklich getan? Und mir scheint die Welt auf einmal verändert. Ja, ich habe

es getan, denn ich hörte den dumpfen Knall und dann den Schlag, als sein

Körper den Stuhl langsam herunterglitt. Ich habe die Pistole noch in der

Hand, in dieser, in dieser rechten Hand. Und ich stecke sie wieder ein

. . . Aber wie, wie bin ich dazu gekommen? Aber ich kann mir mit bestem

Willen jetzt, im Augenblick, keine Rechenschaft darüber geben. Es wird

später geschehen. Und ich muß mich immer wieder davon überzeugen, daß ich

Andreas Söraas wirklich niedergeschossen habe. Ja. Es ist eine Tatsache.

_Es ist eine Tat. Wie wohl das tut_, wie reinigend das wirkt: eine Tat. Sei

froh! Nein! Es ist keine Einbildung. Man kann nicht daran zweifeln. Man

wird daran glauben müssen. Und die Blutlache über dem hellgelben

Parkettboden sieht aus wie eine große braunrote, aufgeschwollene Sonne, die

spritzt kleine zitterige Strahlen aus nach allen Seiten. Und ich bemerke:

_Andre hat blauseidene Strümpfe an!_ Die heiße Scheibe glüht wild auf

hinter Andres blondem Jungenkopf, der unaufhörlich rinnt. Sie brennt, sie

schreit. Und Glocken gellen, Kanonen knallen, Trompeten, Trommeln, das

Anmarschieren von Infanterieregimentern, glänzende Kavallerieattacken,

Barrikaden, Kommandos, Stille, Schnellfeuer, Sturmlauf aufgepflanzten

Bajonetts gegen Bastillen, Explosionen, Pulverwolken: und ich erlebe die

ratternde Symphonie des Aufruhrs.

Nun erst bin ich meiner Tat gewiß.

Und ich gehe sehr beruhigt, erleichtert die Treppe herunter. Wie ich das

Haustor öffne, _erblicke ich einen älteren Mann, einen Blumenverkäufer, und

ich habe das Empfinden, ich müsse ihm was recht Gutes tun._ Die Sonne

scheint. Und plötzlich fällt mir heiß ein: »Ich habe einen Mord begangen!

Ich habe einen Mord begangen!« Und ich sage es mir immer vor, in einem

fort, immerfort, sausend. _Und ich will es dem Alten eingestehn_, er wird

ja schweigen, und nichts verlauten lassen. Mich aber erleichterte das. Doch

ich fürchte, vielleicht könne er mich doch verraten. Und ich sage mir, das

kann auch später noch geschehen . . . _Aber ich kaufe ihm alle seine Blumen

ab._ Und ich sage mir: das ist ein »rotes« Haus. Und ich starre

unausgesetzt, die Blumen in den Händen, nach oben.

_Und ich brauche lange Zeit, bis ich endlich von diesem Haus fortkomme._

* * *

Meine Frau trägt zwei goldene Vorderzähne. Man sagt mir: »Deine Frau ist

eine Dirne, die sich bei der Prostitution beide Vorderzähne eingeschlagen

hat.« Ich springe dem Schuft an die Kehle.

Man sagt mir: »Deine Frau ist eine Abortgrube.« Ich speie dem Schwein ins

Gesicht.

Man spöttelt weiter: »Deine Frau: 'n prächtiges Weib, ne schöne Hur'

. . . wer hat diese olle Spinatwachtel nicht schon alles . . .?« Ich kann

mich nicht mehr rühren. Ich bin kraftlos. Ich höre alles mit an, aber ich

heule im Innern auf. Ich verblute. Ich sinke in mich zusammen.

Man kennt uns. Wir verkehren im Café F. Wenn meine Frau kommt, meint der

ernste Ober: »Herr B., jetzt kommt das Betriebskapital.« Oder: »Gegen

Mitternacht steigen die Aktien.« Man macht ringsherum Witze. Ich bin

wehrlos. Nur Josef hält mit mir aus. Er hat mich nicht im Stich gelassen.

Nur Josef und ich warten oft jetzt nachts auf sie. Wenn sie unter die Tür

kommt, ganz rot, meint Josef: »_Sie ist eine Flamme . . . es knallt._« Man

deutet mit den Fingern auf uns. Man zischelt. Wir kauern zusammen, geduckt,

frierend, zwei arme Tiere vor unserer Tasse Kaffee, in einer Ecke. Und die

deutschen Bürger lagern sich immer ringsumher: sie paffen Ringe durch die

Luft, spielen Billard, trinken aus hohen Gläsern Weißbier, tragen Namen wie

Ziegler, Zacherl, Beermann, Rind, Küchler, haben breite Stiefel, Platt- und

Schweißfüße, einen massiven Gang, und lieben es, durch wiederholte

Händedrücke sich zärtlich ihren Weibern gegenüber zu erweisen, die,

vollgefressenen Spatzen auf Telegraphenstangen gleich, eng an ihre Männer

geschmiegt, dahindösen: Schlagrahm weiß in den aufgedunsenen Gesichtern,

große Torten verzehrend (--: fett, doppelkinnig, hängebusenhaft . . .).

Ihrem Beruf nach Pferdehändler, Salzagenten, Buchhändler, Dichter, Maler:

kropfig, dickbäuchig, oft aber auch sehr schön, sonnenhaft, langgebartet,

goldblond . . .

Die Instrumente zittern, stöhnen, singen, rülpsen. Es splittert, fließt,

knaxt . . . Die Musik: sie ist »dorkan« . . . und die runden Marmortische

drehen sich, die Kronleuchter knistern, zertrümmern . . .

Und ganz entfernt sitzt Annie, klein, schwarz und bleich, meine frühere

Freundin. Sie lächelt sanft. Sie wünscht nicht meine Frau kennen zu lernen.

* * *

Ich denke immer an Andre, den toten Andre. Ich wiederhole mir immer: »ich

habe einen Mord begangen! ich habe einen Mord begangen!« Und ich sage es

mir immer vor, in einem fort, immerfort, sausend. Ich werde noch wahnsinnig

darüber. Ich verliere den Verstand. Ich denke, Andre habe ich um

ihretwillen niedergeknallt. Was habe ich nicht schon alles um ihretwillen

getan. Und doch ich weiß, ich lüge, ich belüge mich, ich habe Andre sehr

meinetwegen niedergeknallt. Und denke immer an Andre. _Ich liebe ihn fast_

. . . Der kleine blonde Junge, zwanzig Jahre alt; zwischen Zirkeln,

Linealen, Karten, Rechtecken, Winkeln . . . Mit blauen Augen. Wie ähnlich

er mir ist! Er hat den Mund sehr weit geöffnet. Er hat blendend weiße

Zähne. Die Lippen sind sehr schmal, blutleer, verkümmert fast, nach oben

gekrümmt. _Und ich bemerke seine blauseidenen Strümpfe._ Und ich denke an

das »rote« Haus. _Und ich starre unausgesetzt, Blumen in den Händen, nach

oben._

Wahnsinnig irre ich umher, voller Angst. Ich kann nicht ertragen, daß meine

Frau einem anderen gehört hat. Nur einem, nur einem anderen! Es ist

furchtbar, daß mir das der Josef ins Gesicht sagen mußte. Er wird immer

über mich lachen. Und trostlos: »Wie verkommen, wie haltlos ich bin!«

. . . Aber Josef hat auch gesagt: »Hans, aber du wirst ja selbst wissen,

sie ging schon längst, bevor du sie kanntest, -- -- -- . . .«

* * *

Ich begegne der sanften Annie, meiner früheren Freundin, klein, schwarz und

bleich. Ich verbringe die Nacht bei ihr. Sie sättigt mich. Ich bade.

Ich trete frisch, singend wieder in den blauen Morgen hinein. Ich kehre

fröhlich heim. Meine Frau liebe ich unsäglich wieder. Ich habe alles

vergessen.

Doch meine Frau ist krank. Sie zerbricht, sie wird älter Tag für Tag. Heute

ist Madame bei ihr. Sie bringt Kuchen mit, heftig prustend, von Doppelkinn

und Busen arg beengt. Aber meine Frau muß ihre Stellung aufgeben. Sie kann

es nicht mehr leisten. _Das freut mich irgendwie._ Aber zugleich dämmert es

allmählich in mir auf: die Türen werden langsam zugemacht. Und kurz vor

ihrem Weggehn bemerkt noch wichtig die Wöber: »Moritz Düsterweg hat sich im

Gefängnis aufgehängt. An seinen Hosenträgern. Denkt euch nur: er, der Lump

hat fünftausend Mark aus der städtischen Krankenversicherung unterschlagen

. . .« Und ich sehe Düsterwegs kleine grüne Schusseraugen traurig und sehr

aus der Ferne funkeln. Und eine Spinne klebt hoch, unbewegt, an einer

grauen Wand.

Ich richte das Bett zurecht. Ich putze auf. Ich koche.

Heut haben wir nichts zu essen. Gestern haben wir das letzte Geld im

Automat verbraucht. Jemand ließ das elektrische Klavier spielen.

Ich bin zu jeder Arbeit unfähig. Ich brauche stundenlang, um aufzustehn.

Ich bin schwer belastet.

»Daß sich Andre nicht mehr sehen läßt?«

Mir schnürt sich die Kehle zusammen. Ich sinke um. Gibt es keine Rettung?

Und sie, fern aus dem Bett, ganz darin vergraben, sehr dünn: »Arbeite!«

Ich hatte immer so Angst davor. Und ich sehe ungeheuere Schneemassen,

furchtbar, drohend übereinandergetürmt und ein grüner Bach rieselt

vergraben, ganz unten, sehr dünn.

Es geht uns stündlich schlechter. Es ist nichts zum Essen da. Trotzdem hat

sich meine Frau etwas erholt. Bei einbrechender Dämmerung entfernt sie

sich. Sie hat sich sehr auffallend gekleidet, sorgfältig herausgeputzt. Sie

ist stark geschminkt. Sie hat Ordnung im vorderen Zimmer gemacht, das Bett

zugedeckt, das Sofa in die Mitte gerückt. Den Waschkrug hat sie mit

frischem Wasser aufgefüllt, bei Frau Naßl ein neues, sauberes Handtuch

geborgt. Sie ist sehr entschlossen. _Alle Krankheit scheint von ihr

gewichen._ Sie steckt die Schlüssel zu sich, betrachtet sich noch einmal im

Spiegel: das rote Jackett blinkt, der blau- und weißgewürfelte Rock, ein

kleiner brauner Hut, mit roten und weißen Blumen bunt besteckt, gelbe Bluse

. . . und sie zieht sich straff und geht mit einem Seufzer, etwas

schmerzlich lächelnd und »Adio«. Aber es scheint ihr nicht gar so arg hart

anzukommen. Und ich sage mir: _meine Frau hat ne feine Fresse._

Mir fällt wieder ein, was Josef gesagt hat: »Du brauchst dich nicht darüber

aufzuregen, Hans, aber du wirst ja selbst wissen, deine Frau ging schon

längst, bevor du sie kanntest, -- -- --.« Ich entsinne mich, eines

Sonntags, nachts, lernte ich sie auf der Neuhauserstraße kennen. Sie ließ

die Handtasche lang herunterhängen. Sie schlenkerte. Sie blieb oft

herausfordernd vor den hellerleuchteten Schaufenstern stehn. Richtete ihr

Haar zurecht oder knüpfte ihren Schleier fest, manchmal drehte sie sich um.

Ich denke mir: jetzt will auch ich recht schlecht werden, und bin froh, daß

ich Andre erschossen habe. Wie bin ich froh! Und _wir wollen beide recht

herrlich untergehn!_ Ich höre die ferne Musik des anziehenden Sturmes. Sie

ist sehr süß. Umschlungen versinken wir. Aber ich sehe auch wieder ein: ich

bin ein großes Kind, träumerisch, voll törichter Rachegedanken, dem Leben

abgewandt.

Ich gehe dumpf in mein Zimmer, bleibe im Dunkeln, mache kein Licht, sperre

ab. Ich horche gespannt. Jedes Geräusch schreckt mich. Nach zwanzig Minuten

kommt sie mit dem ersten. Sie zündet die Stehlampe an. Es ist ganz rot. Und

ich denke an Andres Zimmer. Und ich sage mir: auch das ist ein »rotes«

Haus.

Sie wechseln einige Worte. Geld klirrt. Er versucht sie zu küssen. Man

sinkt auf das Sofa. Ihre Arbeit beginnt. Ich sehe neugierig durch eine

Hitze. Es ist ein großer wütender Kerl, aufgedrehten Schnurrbarts,

verschnupft, schnapsdurchdrängt, von Sonne versotten, ein Bierbrauer. Wild,

unbarmherzig reißt er sie auf und nieder. Sie ist ganz gleichgültig.

Bis Mitternacht hat sie vier heraufgebracht. Sie belegen sie mit allen

möglichen Namen: Marie, Lina, Püppchen, Schlingel, Lümmelchen, Toppsau,

Mensch. So verkehrt man mit meiner Frau.

Sie kommt zu mir. Sie klopft an meine Tür. Es ist, als ob sie um Einlaß

bitte. Als bettelte sie. »Ich bin sehr müde, Hans, gute Nacht!« Sie händigt

mir ein großes Goldstück aus. »Also für fünf Mark . . .« _Und auf dem Tisch

stehen viele Blumen_ . . . Ich aber weine leise in mich hinein. Dorka

wimmert laut.

Sie schläft bis gegen Abend. Dann geht sie wieder weg. Auch ich gehe weg.

Mir ist das, wenn ich mich prüfe, nie so fern gelegen. Ich »geißle« mich.

»Arbeiten!« Am Stachus treffe ich einen älteren Herrn, mit goldener Brille,

kleinen grünen, funkelnden Schusseraugen, _der jenem Blumenverkäufer sehr

ähnlich sieht, den ich vom toten Andre herabkommend, auf der Straße

erblickte._ Er schließt sich mir an. Ich bin guter Dinge. Doch an Dorka

denkend, unterziehe ich mich allem gern. Ich demütige, ich erniedrige mich.

Wie ich nach Hause komme, wartet schon meine Frau auf mich. Wir zählen

beide unseren Verdienst. Wir müssen lachen. Wir umarmen uns nach langem

wieder, küssen uns herzlich. Wir schlafen beieinander. Doch bald wird ein

jedes von uns sehr traurig. Wir ermüden. Wir vermeiden es ängstlich wieder,

uns gegenseitig zu berühren.

Es ist verworren, ölig und dumpf. _Wie lang wir die Sonne nicht gesehen

haben! Denn erst, wenn es ganz dunkel geworden ist, kriechen wir aus._ Wir

sind beide sehr gereizt. Wegen einer ganz geringfügigen Ursache entsteht

eine Schlägerei. Ich habe vordem nie ein Weib geschlagen. Ich werfe ihr den

Stuhl an den Kopf, daß ihr die Stirn weit auseinanderklafft. Sie gibt mir

einen Tritt in den Bauch, daß ich rückwärts taumle. Waschkrug, Spiegel,

Teller gehen in Scherben. Die Tür zerkracht. Wir prügeln uns auf offener

Straße. Eigentlich ganz ohne Haß. Sehr roh und kühl. Sehr mechanisch. Wie

Fuhrknechte auf Pferde einhauen. _Nur um uns gegenseitig etwas zu

erleichtern._ Auf einer frisch angestrichenen Bank bearbeiten wir uns beide

mit den Fäusten. Die Dorka kratzt und beißt. Sie ist ein böses Raubtier.

Die kleinen Augen, meergrün, funkeln. Sie beißt sich in meiner Oberlippe

fest, die blutig herunterhängt. Menschen sammeln sich an, halb sich

belustigend, halb sich entsetzend. Einer, ein uraltes spinniges Kerlchen,

zerbröckelt, grauhaarig, trippelnd, kurzhosig, mit goldener Brille,

langbehaart, kleinen grünen, funkelnden Schusseraugen zählt immer sehr,

sehr dünn: »Eins, zwei! Eins, zwei! Eins, zwei!!«

Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam über die Straße.

* * *

. . . »Verlasse sie! Es ist noch Zeit. Verlasse sie, eh es zu spät ist«

Und: »Warum liebe ich sie . . .« aber ich kann mir darüber nicht klar

werden. Alles ist verworren, ölig und dumpf. Ihr Gesicht ist eine

schwammige Masse, gelb, trüb, immer bewegt. Die Dorka ist immer betrunken.

Sie torkelt. Wir irdisch sie ist! Sie zieht mich herab. Sie fällt mich. Ich

bin ganz widerstandslos, hemmungslos. Ich muß ihr die Bluse zumachen, die

Stiefel zuknöpfen. Ich will mich dagegen auflehnen, die Schamröte steigt

mir ins Gesicht. Ich siede. Ich will mich empören; meine Hand zuckt oft

nach der Tasche . . . _Sie sagt nur »Pferd« und streichelt mich und ich bin

wehrlos._ Wieder ist sie lustig und singt. Sucht Gesellschaft auf, um zu

wirken. Das Zimmer ist oft ganz voll von Russen, Polen, Franzosen,

Italienern. Es wimmelt. Ein Bein streckt sich steil hervor. Sie ist

vergraben . . . »Oh, ich möchte eine große Rolle spielen, ich werde

glänzende Kleider tragen, im englischen Garten jeden Tag früh ausreiten,

spazieren fahren, _du kannst immer im Café sitzen . . . Du kannst essen,

trinken, schlafen, schlafen . . . Du . . . dann: mein ganz feingemachter

Lucki!_« . . . Und sie hätschelt kleine Hunde, bewehklagt Bettler, kost

ihre Puppe, immer sie streichelnd und in einem fort: »Buberl! Buberl!«

»Verlasse sie! Es ist noch Zeit. Verlasse sie, eh es zu spät ist!« Doch

diese Worte, immer und immer wieder mich quälend, bedrängend, und

ausgesprochen _von einem von oben herab_, sehr blond und in einem langen

schwarzen Mantel, sie scheinen mir unermeßlich. Es ist ein Rat

unausführbar. Es brennt.

Mein Körper ist voll böser Flecken. Geschwüren, Flechten, Narben,

Nadelrissen. Bevor wir ins Bett steigen, kratzen wir uns gegenseitig wund.

Unsere Körper sind Blutäcker. Wir waschen uns die Rücken. Wasser klatscht.

Man scheuert Bänke so. Meine Frau hantiert ununterbrochen mit Jod,

Irrigator, Schwefelteerseife, grauer Salbe. Es schwelt. Ich renne, während

meine Frau sich stöhnend im Bett hin- und herwälzt mit erhobenen Händen

gegen die Wände an. Dann kauere ich dumpf in der Ecke nieder. »Gib mir

etwas Wasser, Hans« . . . bittet sie, sehr dünn . . . »Halt dein Maul,

Luder. Du, du hast mich zu Grund gerichtet.« Und aufbrausend: »Verreck,

du!« . . . Ihre Augen weiten sich. Sie wird sehr ruhig. Es tut mir

furchtbar leid, so gesprochen zu haben. Ja, es tat mir schon leid in dem

Augenblick, als ich so sprach. Ich falle vor ihr auf die Kniee nieder,

schluchzend, um Verzeihung bittend. So haltlos bin ich. »Hans, mir ist, als

sei eben etwas zwischen uns getreten!« Und mit erhobenen Händen, grell:

»Jemand hat uns auseinandergerissen. Wie weh, oh, wie weh das tut!« . . .

»So soll alles umsonst gewesen sein?«

Und stürze, ein Tier, aufheulend am Bett nieder. Die Dorka wimmert.

Ein Gewitter zieht herauf. Dunkle Vogelschwärme nisten. Ein feuriger Hund

läuft über den Himmel. Es bellt.

Die Freier bleiben aus. Es ist eine sehr schlechte Zeit. Sie kann keine

Besuche mehr empfangen. Auch müssen wir Obacht auf die Polizei geben, die

uns seit einigen Tagen schon gründlich auf der Spur ist. »Wenn man mich

erwischt,« meint meine Frau, »werde ich eingeliefert.« Und: »ich habe schon

einmal zwei Monate gesessen.« Und: »ich habe auch keine Lust mehr ins

Krankenhaus.« Und ich denke an mein Elternhaus. Mein Vater war Arzt. Das

Vorzimmer, in dem die Kranken warten mußten, war dicht gefüllt. Sie kamen

aus allen Gegenden: die Gesichter zerschlagen, Arme, Beine eingebunden, die

Augen fiebrig glänzend oder schon starr, ermattet. Ein Kind wimmerte. Ein

Gestochener schrie, und in purpurenen Traufen troff ihnen das Blut von der

Stirn. Ich aber stürzte in den blühenden Garten hinaus, die Hände geballt,

der prächtig untergehenden Sonne nach.

In demselben Zimmer hing auch das Bild der verstorbenen Mutter, ein Mädchen

noch, voll blühender Anmut, das Haar gold, und wie Feuer leuchtend, die

kaumgeöffneten Lippen rot, einer halbverschlossenen Frucht vergleichbar,

die Augen in Klarheit aufgetan. Und sie, die Wartenden, sie saßen, alle den

brechenden Blick flehend emporgewandt.

Die Naßl hat uns heute die Wohnung gekündigt, so leid es ihr tue, aber

gestern seien drei Kriminaler da gewesen, die sich auffallend eingehend

nach uns erkundigt hätten, auch sei die Wohnung unsauber, Spinnengewebe

überall, wir fielen zu sehr auf, die Miete des vergangenen Monats sei noch

nicht bezahlt, es kämen zu viele Besuche . . .

Ich begegne in den Isaranlagen einem Mädchen, rothändig, mit großen Füßen,

dürftig angezogen, kurzhaarig, im Nacken ausrasiert. Wir sitzen beieinander

auf einer Bank und sie erzählt mir, sie heiße Elly und sei eben erst aus

Stadelheim entlassen, wegen Gewerbsunzucht zum erstenmal bestraft. Sie ist

ganz und gar ausgehungert, seit drei Wochen hat sie nur auf Stroh

geschlafen. Ich hole ihr von zu Haus das letzte Stück Brot und gebe ihr den

letzten Schnaps. Meine Frau merkt nichts. Ich gehe mit ihr zu Josef. Er

wundert sich, mich mit einem anderen Mädchen zu sehen, doch scheint ihn das

irgendwie zu freuen. Er stellt Elly sein Bett zur Verfügung, er selbst

übernachtet, in seinen schwarzen Mantel gehüllt, auf einer Bank. Ich

schlafe bei Elly. Ihr Körper ist hart, sie gräbt sich tief, überglücklich

aufschauernd, in die weißen Kissen, schlägt die weiche Decke ganz über uns.

Sie ruht, das Gesicht käsig, doch umrahmt von rotem Haar, dessen Schimmer

weit in die Stirn fällt, die Nase platt, eingedrückt, großen Munds, mit

kleinen grünen Schusseraugen, ein häßlicher Engel. Da sie friert, lege ich

mich auf sie und wir schlafen, Brust an Brust, Mund an Mund. Oft ist es,

als ertöne unirdische Musik, die Erde sinkt, die Wände weiten sich, wir

schweben.

Ich erwache. Es ist Tag. Der Himmel ist ein blutiges Tuch. Elly schläft

noch. Sie lächelt. Ich drücke ihr einen flüchtigen Kuß auf die Lippen, ich

bemerke, wie ihr Körper entstellt ist, strotzend, aufgerissen, mißbraucht.

Ich gehe weg . . .

Ich irre durch die Stadt, die von roten Meeren ganz verschwemmt ist . . .

»Wo habe ich heut geschlafen . . .?« Und ich jage durch Wüsten: Straßen,

Straßen, Straßen. Neubauten, wo Kalk dampft, unergründliche Grüfte,

Vorstadtwiesen, mit Kindern, Hunden und Fußball, ein Friedhof mit plumpem

Geläut und schwarzem Zug, ein Fluß, Brücken; und ich gelange endlich in

einen Wald und über Exerzierplätze voll räudiger Winselhunde, Krankenhäuser

mit Karbolgeruch, Fabriken, Bahnhöfe wieder zurück. »Wo habe ich heut

geschlafen . . .« Ich bin zerschmettert. Und ich weiß mich, sehe ich mich

nur einem Weib gegenüber, unendlich schuldig. Und ich entsinne mich, ich

habe meiner kleinen dreizehnjährigen Kusine einmal eine Bitte abgeschlagen,

sie weinte, am anderen Tag war sie tot. Und meine Mutter sagte immer zu

mir, war ich unfolgsam »Du bringst mich noch ins Grab.« Und mein Vater

sagte das und alle anderen, alle Menschen sagten das. Und sie alle sind

tot. Und ich habe sie, alle habe ich die ins Grab gebracht. Und ich komme

eben am »roten« Haus vorüber. Ja, auch Andre habe ich ins Grab gebracht,

und ich sehe hoch eine große Spinne kleben, unbewegt, an einer grauen Wand,

und Düsterwegs kleine grüne Schusseraugen funkeln, traurig und sehr

entfernt. Schlief ich nicht bei Düsterweg heut nacht? Und ich sage mir: die

Türen werden langsam zugemacht.

Meine Frau und ich gehen wieder los. Ich treffe sie jede Nacht. Sie

schleicht auf der linken Seite langsam dahin, ich gehe auf der rechten. Ich

beobachte sie. Ich traue ihr nicht mehr. Sie läßt die Handtasche lang

herunterhängen. Sie schlenkert. Sie bleibt oft herausfordernd vor den

hellerleuchteten Schaufenstern stehn. Richtet ihr Haar zurecht oder knüpft

ihren Schleier fest. Manchmal dreht sie sich um.

Wenn sie sich einen anderen anschaffte.

Ich wüte. Ich erwürgte sie.

Ich bin vollständig kaput. Ich versuche loszukommen, ich habe es ja immer

schon gewollt, ich war nur zu schwach dazu. Ich habe nur nicht den Mut zu

mir gehabt. Ich habe es mir nur nicht eingestanden. Ich fürchtete mich

immer so davor. Aber habe ich nicht Pflichten? Geht sie nicht für mich, für

mich auf den »Talon«? Und auf den Knieen rutsche ich durch das Zimmer,

taste mich langsam hinaus, schleppe mich zur Treppe. Ich höre Schritte.

Eine Tür klappt. Die Dorka! Und ich ziehe mich, schweißbedeckt, am ganzen

Körper zitternd, mit Mühe noch am Geländer empor. Es wird Licht. Eine

Gestalt beugt sich nieder. Nimmt mich in ihren Arm. Oh, wie ich sie hasse!

Sie hebt mich auf, trägt mich zurück, ich jammernd an ihrer Brust,

streichelt meine Wangen: »Buberl! Buberl!« Dann: »Pferd!« Sie ist zärtlich,

als sei ich eben erst zu ihr zurückgekehrt, jahrelang von ihr entfernt.

Am folgenden Tag wiederhole ich meinen Fluchtversuch. Bald sehe ich ein, es

ist unmöglich. Und: »Ich muß ja, ach, viel, viel Gutes noch tun; denn habe

ich nicht meine Frau geschlagen?! Ich will erdulden und alles willig auf

mich nehmen, ich habe viel Schlimmes schon getan« . . . Und ich komme so

nicht los von ihr. Es ist unmöglich. Was soll ich auch fliehen? Es

erscheint mir kindisch.

Ich finde die Haustür verschlossen. Meine Schlüssel sind fort. In den

Zimmern ist Licht. Ich suche nach Schatten. Es sind viele Schatten. Will

sie mich nicht mehr? Hat sie sich einen andern angeschafft? Und ich höre

wüste Schreie, Stimmengewirr. Und ich sehe eine schwebende hellerleuchtete,

klirrende Schaukel, in der mir meine Welt ins Dunkel entfliegt. Ich werfe

die Fenster ein. Alles bleibt ruhig. Das Licht geht aus, doch nichts rührt

sich, niemand kommt herab. Und ich erinnere mich, sie sagte oft, stritten

wir, sei nur ruhig, ich werde mich schon zu revanchieren wissen. Also, sie

hat sich einen anderen angeschafft. Ich warte Stunde um Stunde, in eine

Ecke gelehnt. Wenn ich den wenigstens sehen könnte! Die Bogenlampen löschen

aus. Der Himmel wird tiefblau. Über den Dächern rötet er sich. Das

Gezwitscher der Vögel beginnt. Ich gehe in die Kirche gegenüber. Ich höre

die Messe. Ich trete wieder, beruhigt und gestärkt, in den erwachten Tag

hinaus. Die Fensterscheiben sind zertrümmert. Ich fahre mit den Händen

durch die Luft. Ich drossele sie und ich habe . . . ich habe die Dorka, die

Dorka erwürgt! Ich fühle die Last ihres Körpers in meinen Armen; ich lege

sie irgendwo in einem Hausgang nieder. Ich mache mich schnell fort. Ich

eile zu Josef. Ich falle ihm um den Hals, ich habe ihm Äpfel und

Zigaretten, die ich irgendwo stahl, in Menge mitgebracht. Er schaut mich

groß an. »Josef, ich habe meine Frau erwürgt, ich habe meine Frau

umgebracht! Josef, leb wohl . . . und ich habe auch Andre umgebracht

. . . leb wohl . . . und ich habe auch Düsterweg umgebracht . . . leb wohl

. . . und meine Mutter habe ich umgebracht . . . und meinen Vater habe ich

umgebracht . . .« und brüllend: »alle Menschen habe ich umgebracht . . .

leb wohl, Josef, sieh, ich bin ein Mörder . . . leb wohl . . . der auch

dich noch . . .«

Er ringt nach Worten, seine blauen Augen hängen lang herab, ich küsse ihn,

ich bin so glücklich: »ich habe meine Frau erwürgt.« Und ich fühle mich

seit langem wieder das erstemal frei. Und Josef: »Ob Dorka das wert war,

mußt ja du selbst am besten wissen, ich weiß das nicht . . . Ich werde

überlegen, was zu tun ist, aber bedauern kann ich Dorka nicht . . .« Auf

seinem Tische aber liegt eine Zeitung, ganz zergriffen: »Andreas Söraas,

stud. ing., wurde heute erschossen in seiner Wohnung, Schellingstraße 62,

III. Stock, aufgefunden. Der Mörder ist bis jetzt unbekannt . . .«

Am Abend kehre ich, halb fröhlich, halb niedergedrückt, nach Haus zurück.

Es wird dunkel. Es war alles ein Traum. Und ich sage mir, eine Tür nach der

anderen wird langsam zugemacht. _Das Haustor steht weit offen._ Meine Frau

singt, sie ist sehr munter, sie empfängt mich mit guten Worten, sie

streichelt mich mit ihren Blicken, sie ist sehr sanft: »Du solltest klug

genug sein, um das verstehen zu können. Es waren Schlager . . .« Und ich:

»Ja! Ja!!« Und ich seh zu, ob ich ihr nicht weh getan habe. Ich will alles

wieder gut machen. Ich habe sie gestern so gewürgt! Sie hat ein warmes

Abendessen hergerichtet und hat sehr viel Geld. Wir sprechen uns über den

gestrigen Vorfall nicht weiter aus, aber ich muß an mich halten, nichts

verlauten zu lassen. Sie sagt, sie wollte gestern nachmittag Andre

besuchen. Aber es sei alles verschlossen gewesen. Ich triumphiere heimlich.

Wenn sie wüßte. Sie sagt: »Hans, liebe mich.« Sie ist sehr erregt. »Du

meinst wohl, ich solle dich . . .?« Sie, aber sehr traurig: »Hans, du bist

so roh, bei dir wenigstens möchte ich nichts dergleichen hören, du solltest

zart sein gegen mich, ich will nicht mehr deine Apache, deine kleine Dirne

sein, ich bin dein >Franzosenweibchen<, du mußt dein kleines Frauchen

schonen.« Das ist gewiß sehr lieb von ihr gesprochen, aber mir kommt es

sehr albern vor. Und ich sage nur: »_Du hast ne feine Fresse!_« . . .

Wir essen zu Nacht, am offenen Fenster. Wir sind im Dunkel. Doch die Straße

schwimmt im Licht. Wir sind hoch über dieser Welt. Die Glocken läuten.

* * *

Seit heute kann meine Frau nicht mehr aufstehn. Wir haben nun alles Geld

wieder verbraucht. Wir haben alles versetzt. Man bekommt nur sehr wenig.

Übermorgen sollen wir umziehn. Also wieder zwei Tage. Die alte Galgenfrist!

Ich kann keine Medizin mehr kaufen. Ich schaue meiner Frau groß ins

Gesicht, ihre Augen, die wie Blei aussehen, sind weit: »Weib . . .« Ich

nenn sie das erste Mal so. Es durchschauert mich. Ich lege mich zu meinem

Weib ins Bett, sie ruht neben mir mit halbgeschlossenen Augen. Sie kann

ihre Notdurft nicht mehr außerhalb verrichten. Alles ist voll. Ich stöhne:

»Ach Dorka, du hast ja das ganze Bett . . .« Sie dreht nur den Kopf: »Ach,

Hans, du lügst . . .« Noch einmal schlägt sie zu mir die Augen auf: »Ach

Hans, mein Hans, mach mich tot!« Und ich denke bei mir: soll das heißen

. . . will sie etwa damit sagen . . . ich solle sie jetzt . . . in diesem

Zustande . . .?! Ich lache wild auf. Ich schäme mich. Wie sie mir leid tut!

Sie ist ein elendes Geschöpf, das sich nicht rühren kann. Ihr Gesicht ist

ganz schmal, spitz, zermürbt und zermalmt, die Lippen weiß. Sie bedeutet

durch eine schwache Handbewegung, daß ich den Papierofenschirm ans Bett

heranrücken soll, sie betastet ihn unausgesetzt. Auf ihren Lippen bildet

sich ein Lächeln. Ich küsse sie heiß und zart, beides, und am ganzen

Körper. Es kostet mich gar keine Überwindung. Ich bin gar nicht angeekelt.

Sie phantasiert. Sie spricht Unverständliches im Traum, doch manchmal klar

und eindringlich: »Noch ne Flasche oder vielleicht Sekt, Herr Mies, ach

Herr Wurm . . . geh, Schatz sei nicht so fad. Ach, seid ihr schlechte Gäste

. . . Also, wie du willst, Onkel . . . Ne Flasche Feist, Frau Wöber!

. . .« Und sie nennt einen Namen: »Isaak«. Ich weiß, das ist der erste

Mann. Sie spricht nunmehr mit ihm: »Lieber Gott, so nennt sie ihn, wo hast

du mein Buberl« . . . Dann schreiend: »Andre! Andre!« Und mit ihren Händen

wild in meine Haare: »Isaak! Isaak!« Und mich inbrünstig küssend:

»Liebster!« Und weiter: »Das andere waren ja -- ach! -- nur schlechte Gäste

. . . Du bist der beste Gast . . . Doch nein, ach nein: du bist ja was viel

anderes als ein Gast . . . Du bist der Wirt aller Wirte . . . Ich habe

tüchtig geklaut für dich . . . alle geneppt . . . ich habe viel aufgespart

für dich . . . ach, schon vorhin bist du ja herausgetreten . . . auf dich

war ich immer am meisten scharf . . . wie heiß ich bin! . . . auf dich

. . . Ich bin krank geworden für dich . . . Das ich so verkommen bin

. . . _Das Leben ist beschissen_ . . . Aber, ach, du weißt ja, alle Wege

gehen über das Bett! Doch sie sind alle schlecht bei mir weggekommen

. . .«

Sie biegt sich ganz weg von mir. Als ich sie berühren und zart umfassen

will, furchtbar, entsetzlich, drohend: »Laß mich! Du laß mich! Du fremder

Mann . . .« Die Welt liegt ihr zu Füßen; sie dient ihr. Sie spendet allen.

Um ihre Gunst bemühen sich alle . . .

Sie lächelt wieder und ihre Lippen formen immer den einen, sehr sorgfältig,

den geliebten Namen: »Isaak! Isaak! . . .«

_Ein jedes liegt bei sich ganz zerkrümmt._ Ich sinke in einen

Halbschlummer, ich wandle auf einer Wiese und Annie klein, schwarz und

bleich, kommt mir entgegen, sanft: »mein großer Junge!« Wie ähnlich sie

Dorka wird! Warum Annie nicht eigentlich neben mir liegt? Ich glaube die

Dorka nicht wieder zu erkennen. So fremd, so zufällig erscheint sie mir.

Ich schließe die Augen, versuche mir ihr Bild vorzustellen. Ich kann es

nicht. Sie ist nicht mehr gegenwärtig. Und schmerzlich: »O Dorka, daß ich

dich bald vergessen werde! So werde ich immer, Dorka, dein Bild ruhelos

suchen müssen. In allem, was mir begegnet: im Café, auf der einsamen

Landstraße des Nachts, unter den Gestirnen am Himmel, im Geklimper der

Schreibmaschinen, auf der Promenade, beim Tanz, in den Zeitungen, in allen

Büchern, im Geklingel der Telephone, in der Tram! Immer werde ich dir

quälend nachbeten müssen, Seele, wenn du entschwunden bist! O Dorka!

. . .«

Wie ich ihre Hand berühre, merke ich, daß sie sehr kalt ist. »Friert dich

nicht, Dorka.« Sie aber antwortet nicht mehr. Ich hülle sie in die Decke

ein, daß sie ja nicht friert. »Kann ich sie nicht erwärmen?« Und ich denke

an Elly. Und ich lege mich auf sie. Brust an Brust, Mund an Mund. Doch sie

bleibt kalt und stumm. Ich sage mir, nun sind alle Türen zu.

Es scheint tief in der Nacht. Ein Zitronenfalter flattert im Zimmer. Aber

wie ich näher hinschaue, ist es ein Streif der Morgensonne, der über dem

Papierofenschirm liegt. Der Himmel ist sehr blau und die Vögel alle machen

eine herzerquickende Musik. Soll ich nicht aufstehn, mich waschen und den

Josef aufsuchen? Oder soll ich nicht zu der Frau Wöber ins Geschäft gehn

und ihr mitteilen, daß Dorka, meine Dorka tot ist? Ich kann das ganz ruhig

überdenken. Ich rege mich gar nicht auf. Mir ist wie damals, als ich Andre

niedergeschossen hatte und später, als ich fest daran glaubte, meine Frau

erwürgt zu haben. Ich bin sehr frei. Aber ich komme nicht los. Etwas zieht

mich immer wieder an ihrer Seite nieder. Ich bin sehr schmutzig. Und es

erfaßt mich ein süßer Taumel und ich fühle mich an Dorkas Seite

entschweben, hoch ins Licht gehoben, die grauen Wände weiten sich, die

Nebel heben sich, die Erde sinkt, ein Rosenregen fällt, Wolken wehen,

Halleluja, Sterne wirbeln, und wir treten hoch aus den Wolken hervor, von

allen Engeln des Himmels umschirmt, einer blendenden Gloriole umgeben

. . . »Madonna Madonna!« und mit dem Wesen, das furchtbar und gütig über

allem waltet, dem Ewigen, von Angesicht zu Angesicht . . .

Ich breite die Arme aus und meine Hände greifen im Halbschlummer, den jene

himmlischen Wonnen selig durchblitzen, den Papierofenschirm, den unsere

Vormieter hinterlassen haben. Er war immer das einzige Helle der Zimmer.

Ich träume weiter.

Ein Zaubergarten lockt, umgittert. Ein berauschender Duft strömt daraus;

himmlische Musik erklingt. Das Tor, das eherne Portal springen auf, öffnen

sich. Den Dahinschreitenden umfängt mit sanft bezaubernder Gewalt der

schwüle Geruch blühender Hecken. Der betäubende Duft glühender Rosenbeete

erfüllt ihn. Schmale Pfade senken sich tief hernieder, breite Wege,

rosenbestreut, leiten empor, stürzen wieder jäh ab in die dunkle, zittrige

Glut schwüler Gärten oder münden in die glänzige Goldluft, als führten sie

in den Himmel. Ein langer dunkler Laubgang, überdacht von rauschenden

Zweigen, reich behangen und überschwellend von vielgearteten Früchten,

kugelrunden, spitzgestalteten und eierförmigen, zieht sich herab auf eine

weite, saftige Wiese, auf der sich allerhand Getier, buntvermischt,

friedlich tummelt: violette Zebras, weiß gestreift, die glühenden Köpfe

stolz erhoben, liegen im Gras, schwarze Hasen rotäugig, grüne Pferde, weiße

Elefanten, die Rüssel, wie Äste hoch in die Luft gestreckt, die gewaltigen

Fangzähne tief im Boden vergraben, lagern ihnen zur Seite, silberne

Schlangen gleiten klirrend dahin, rote Bären, langgeschweifte Goldfüchse

und graue Hunde, gelbe, buschige Katzen lachen und tanzen. Hai und Ala, die

beiden steinernen Löwen vor dem Schloßtor, meine ersten und meine besten

Freunde, kommen herbei mit heftig wedelnden Schwänzen, ein Zeichen

freudiger Erregung, sie schmiegen zutraulich ihre ungeheuren Tierköpfe an

mein blaues, lose herabwallendes Gewand und so wandeln wir dahin, ich in

der Mitte, glücklich heiter und schön. Flatternde Kolonnen singender Fische

ziehen hoch über uns durch die weiße Luft, ein Riesenvogel, blaugefiedert,

durchschneidet mit scharfem Flügelschlag den blassen Äther, einen spitzen

Schrei ausstoßend, als erscheine ihm das Glück -- wie auch mir, der ich

ununterbrochen jauchze oder überselig schweige -- unfaßlich und

märchenhaft, so hell, so inbrünstig jubelt er. Die wachsgelbe Scheibe der

Sonne deckt fast den ganzen Himmel, ihr flüssiges Goldlicht tropft nieder,

honigschwer. Ein Regenbogen wölbt sich, er strahlt in allen Farben.

Kristallene Schlösser, rubinrote Paläste, blau aufflammende Burgen,

verwitterte Ruinen, paradiesische Gebirge, hängende Wundergärten steigen

zur Rechten und zur Linken enorm, unendlich empor. Ich bin körperlos, in

alles restlos aufgelöst, ein vielfaches Echo von allem, ganz voll,

gesättigt, vollkommen. Es ist wunderschön. Und mir ist, als verstünde ich

nun auch die Sprache der Wesen, die ja sonst dem Menschen unverständlich

und verschlossen, das Geheimnis der Seele, die ihnen unzugänglich ist. »Wie

glücklich bin ich,« brüllt Hai, »wie wohl ich mich fühle,« entgegnet,

freundlich brummend, der Kamerad. »Meinen Gruß! Meinen Gruß!« zwitschert

hoch in den sich wiegenden und leise von einem goldenen Windstrom bewegten

Zweigen ein kleiner roter Paradiesvogel! »Wo habt ihr das große Kind

hergebracht?« Und: »Es geht wohl zum Silbersee?« erkundigte sich eiligen

Laufs die flüchtige Gazelle, die soeben in den Wunderwald einbiegt mit den

Riesenbäumen, deren Stämme schwarz wie dunkler Marmor glänzen, doch deren

Wipfel lauter wie Gold leuchten, blendende Dolche ins Blaue gezückt. Auf

einer Anhöhe angelangt, bietet sich ein herrlicher Anblick, tief unten

schillert der See, eine sanft bewegte Silberfläche, am Ufer, auf einem

smaragdenen, hellblitzenden Edelstein sitzt ein schönes Mädchen und flicht

mit spitzen Händen die goldenen Zöpfe, die von flüssigem Purpurgold

überquillen, das leuchtend, alles bedeckend, niedertropft. Trunken und

selig dehnt sie die wohlgebauten Glieder, breitet voll rührender Sehnsucht

die weißen dünnen Arme aus, sie schmerzhaft und voll Seufzer an die volle

Brust pressend, streckt sich einer weißen, leicht im Windhauch sich

neigenden Blume vergleichbar auf den Boden hin, dem Wasser entlang, dessen

klare Wellen heranspülen, den Körper benetzend. --

* * *

»Der Kaffee, Herr B. Der Kaffee! . . .« Ich erwache. Alles ist spinnig. Man

ruft. Man klopft an die Tür. Und ich, laut und fest: »Gleich, Frau Naßl

. . .« Ich erhebe mich. Ich drücke Dorka sanft zur Seite, schließe ihr die

Augen zu, lege ihr ein Tuch über das Gesicht, gelange die Treppen hinunter,

unbemerkt, so wie bei Andre. Ich befinde mich schon auf der Straße. Es ist

sehr kühl. Es regnet . . . »Dort oben ist die Höhle, in der wir gehaust

haben . . .« Und es ist ölig, verworren und dumpf. Und die Quellenstraße

ist eine »Aschen«--Straße . . . Ich denke, die Zimmer waren bös wie

Raubtiere, sie lauerten, sie waren heimtückisch, geduckt . . . Mir kommt es

vor, als qualmte es. Ich bin ganz durchnäßt. Ein Auto, vorübersausend,

halte ich mit geschwungenen Armen auf. Alle Menschen, die mir begegnen,

frage ich nach Dorka. Die Dorka --: »eine Dame hellen gewürfelten Rocks,

roten Jacketts, schwarz, mit zwei goldenen Vorderzähnen?!« Man schüttelt

die Köpfe. »Was stehe ich im Regen hier, laß mich die Gosse hinunterspülen:

in den Fluß, durch den See -- (und bei See denke ich immer an Dorkas

starres, geweitetes Auge, das wie Blei aussieht . . . also ist es doch

eingetroffen!) -- durch den See, wieder durch den großen Fluß zum stillen

Meer.« Und wie ich so oft als Kind gedacht habe, das Wasser der Gosse führt

in den Fluß, der wohl in das Meer mündet, dort steigt das Wasser als Dunst

auf, verdichtet sich, bildet die Wolken und fällt wieder, dem Gesetz ewigen

Kreislaufes folgend, als Regen nieder. Und ich starre immer nach oben.

»Soll ich hinweggespült werden, verwaschen werden, glatt wie Stein werden,

daß die Nase hinschwindet, das Kinn.« Ich trete von einem Bein auf das

andere. Ich pfeife. Das tue ich immer aus Verlegenheit. Ein altes

Kinderlied fällt mir ein. Der Regen singt es. Nun müssen mich doch schon

Leute bemerkt haben!

Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam über die Straße,

in seinen großen schwarzen Regenmantel gehüllt; die Helmspitze blinkt. Und

plötzlich gewahre ich, daß es der rothaarige Lehrer Goll ist. »Herr Lehrer,

ich habe wirklich die Schule geschwänzt . . . Ja, ja, auch das hab ich

. . . Ich träume immer von weißen Windeln, Wolkenfetzen und schwermütigen

Molken . . . das alles auf blauem Grund . . .« Und er: »Gut, daß du

wenigstens den Mut hattest, das einzugestehen . . . du weißt: das ist sehr

gesundheitsschädlich . . . Tritt näher! . . . Müller, halt ihn . . .« Und

haut mir eine mit dem Stock über . . .

Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam über die Straße

. . . Es ist aber mein Vater: »Vater, du Arger, mir graut vor dir. Habe ich

dich wirklich ins Grab gebracht? . . . Laß mich heut. Sei nicht so streng

. . . Bitte . . .« Und ich denke wieder an das Wartezimmer, an die Kranken,

denen in purpurnen Traufen Blut von der Stirn tropft . . . und es

verbreitet sich in ungezählten Rinnsalen wie rote Fäden auf dem Fußboden,

es bleibt an Decken, Tischen und allem Hausgerät haften, es färbt die Wände

rot, es erfüllt das Innere des Hauses mit einem unaustilgbaren süßlichen

Blutgeruch.

Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam . . . Es ist

aber der liebe Gott! Er aber wandelt sehr langsam durch eine von rotem Duft

erfüllte Landschaft einem märchenhaften hellerleuchteten Wald zu, in den

ununterbrochen große schwarze Vögel mit ungeheueren Schnäbeln lautschreiend

ziehen. Und ich breche in die Kniee, stammelnd, versuchend mich zu

rechtfertigen: »Meine Eltern habe ich ins Grab gebracht, das weißt du

. . . Wievielen Menschen ich sonst noch Schlimmes getan habe . . .

Düsterweg . . . du weißt es . . . Meine dreizehnjährige Kusine . . . du

weißt es . . . Habe ich nicht auch Annie Unrecht getan . . . Und die Dorka

habe ich geschlagen . . . Und bei Elly geschlafen . . . Andre habe ich

erschossen . . . Ich habe meine Frau erwürgt . . .« Das aber brülle ich

Schaum um den Mund . . . Und ausatmend: »_Nimm alle Schuld von mir_ . . .«

Ich trete wieder von einem Bein auf das andere . . . Nein, bei Gott,

wahrhaftig, ich komme nicht los. Ich muß mich unbedingt versichern, daß ich

noch auf festen Füßen stehe, und trete wieder von einem Bein auf das

andere. So stampfe ich mich förmlich in den Boden ein. Ich ringe, beengt

nach Luft. Ich versinke. Ich stöhne: »Luft Luft!« Mir schwindelt. Ich werfe

die Arme empor, ich zerre, ich reiße, aber ich bin wie an Armen und Beinen

gefesselt. Doch ich stehe wirklich noch auf meinen Beinen, bemerke ich

plötzlich, und konstatierend: ich bin noch nicht versunken. Und daß ich den

rothaarigen Lehrer Goll, meinen Vater und: den lieben Gott gesehen habe,

muß wohl auch ein Irrtum gewesen sein. Der Regen klatscht. Der Wind reißt

an den Dächern. »Oder soll es vielleicht doch wahr gewesen sein? Man weiß

das ja nie so genau.« Mein Kopf schlägt knallend auf das Pflaster. Ich

zucke zusammen, auseinander schnelle ich, die Hände gekreuzt, die Arme

gerungen, die Beine empor, doch ich erhebe mich. Ich bemerke niemanden. Ich

fühle mich sehr frei. Nur auf meinem Kopf lastet ein dumpfer Druck. Als sei

ein Meer über mich hinweggeschritten. Alle Einzelheiten habe ich vergessen.

Josef kommt auf mich zu, in einen großen schwarzen Regenmantel gehüllt,

sein Haar ist sehr blond. Ich erkenne ihn nicht. »Guten Morgen, Hans, ich

suche dich schon lang, du stehst scheinbar schon lang hier. Du bist ganz

durchnäßt!« Das alles aber kommt sehr unwirklich und von oben herab. Und

ich: »Mein Herr, Sie entschuldigen, aber Sie scheinen ein Engel zu sein,

also führen Sie mich zu Gott.« Er nimmt mich unter den Arm. Ich folge ihm

willenlos. Wir gelangen zum Bahnhof. Er ist ein Engel: er führt mich zu

Gott. Und er kurz: »In zehn Minuten geht unser Zug nach Berlin.«

Wir sitzen im Zug. Ich rege mich nicht. Ich habe so Angst. Ich bin ganz

eingeschüchtert. »Ich fahre zu Gott.« Josef schaut mich fest an. Ich presse

mich dicht an ihn. Es pfeift. Der Zug setzt sich in Bewegung. Da wird mir

plötzlich wieder alles bewußt. »Das ist kein Engel.« Und aufkreischend:

»Josef! Josef!«. So muß doch alles ein Irrtum gewesen sein und nur das Böse

bleibt wahr. Und ausbrechend: »Ich kann, nein, ich kann diese Stadt nicht

verlassen. Sie ist mein Schicksal. Du wimmerst. Du bist die Stadt von roten

Meeren ganz verschwemmt, krank und schwül. Du verschlingst alles. Wie rot

du bist.« Und aufgelöst, in Tränen: »Überall ist dein Name im Flattern

grüner Bäume, im Gedröhn der Automobilhupen, im Tanz der Alleen, in allen

meinen Bewegungen: Dorka! An allen Haltestellen stehst du, an allen

Straßenecken wartest du, du bist Schauflug, das Wettschwimmen, meine

Heimkehr in der Nacht, das Lied der Soldaten beim Nachhauseweg, das einsame

Gartenhaus des Freundes, Wachtparade bist du und Eislaufbahn, Militärmusik,

glitzernde Abendpromenade und Geplätscher der Springbrunnen, du wächst

empor, du erstreckst dich, du breitest dich aus, unendlich. Alles bedeckst

du. _Du tauchst des Nachts empor hinter den grauen einförmigen Mauern der

Kasernen, über den blitzenden Kuppen der Paläste stehst du, hinter den

fernsten Gebirgen erwachst du, des Abends, auf Säulen, Statuen,

Kirchturmspitzen thronst du. Aus allen Fenstern lugst du. Du hockst, du

schreitest aus, vermessen, riesenhaft, mit der Sonne, mit den Sternen

fliegst du. Dein Mantel sind die Wolken, der Aether dein Leib._«

Ich höre, ganz fern, unwirklich und von oben herab: »Sie hat Andre geliebt,

sie hat Düsterweg geliebt, sie hat Moses Mies geliebt, sie hat Alois Wurm

geliebt, Bruno Maria Wagner hat sie geliebt, dich hat sie geliebt, alle hat

sie geliebt, sie hat alle geliebt.«

Ich frage mich wieder, hat sie Schuld? Und immer: sie ist schuldlos, sie

ist rein, ich bin die Hur, sie ist das Kind! Und ich sehe mich mit zwei

Gesichtern, das eine halb verwest, das andere voll Müdigkeit. Ich sage mir,

»ich fahre doch zu Gott«. Und: »Ich war ein Büßer«. Ich fühle mich ganz

voll. Ich könnte zerplatzen. Etwas saugt mich auf. Oh, geschähe es! Etwas

reißt in mir, und es ist so schmerzlich, daß es nicht zerreißt. Das tut

furchtbar weh. Wir entfernen uns rasch. Ich jammere wie ein kleines Kind:

»Ich kann, nein, ich kann diese Stadt nicht verlassen.« Und sie schlägt

immer um sich, sie tobt, sie ist eine rauschende Revolution. Sie kreist in

meinem Blut.

Ich liege in den Armen Josefs. Ich behalte die Augen zu, obwohl ich wache,

denn die Sonne, einer Glorie vergleichbar, versendet einen magischen Glanz,

der stark blendet. Ich suche nach Worten, ich finde keine. Endlich

aufgelöst stammle ich: »Leb wohl, Andre! Leb wohl, Dorka!« und ich erinnere

mich an alles wieder, kühl und sehr entfernt.

Und ausbrechend: »Alles ist Rückzug, Verfall, Flucht. Kanonen am Weg.

Brust, Bauch, Hirn durchschossen. Brennende Horizonte. Äcker von Geschossen

zerwühlt. Geheul der Irren. Abulie. Sterile Dissoziationen. Überlebte

Staatsverfassungen. Zerbröckelte Leiber, Verrat, Mißbrauch der

Persönlichkeit. Enttäuschung ist alles, Ekel bleibt. Was will man mehr?!

_Aber ich werde wiederkommen, die Augen klar, die Muskeln Stahl, die Brust

ein Panzer, der Körper gebräunt, allen Anstrengungen, Gefahren, Strapazen

gewachsen, die Beine gestrafft, elastisch, fibrierend: ein fabelhaftes,

ekstatisch-heroisches Nerveninstrumentalorchester._ Ich werde sechsfacher

Träger euerer Nobelpreise sein. Sätze werde ich bauen, unendlich

kompliziert, rasend gefügt, stahlseitenhaft, dogmatisch, unverrückbar, im

brausenden Rhythmus wimmelnder Cafés, toller Kapellen. (O Scigo: Primas:

Tönemäher!) --: euch alle berauschend. Ich werde glänzende politische Reden

halten. Meine Plakate, grell, exzentrisch, superb, werden euch zur größten

aller Revolutionen begeistern. Erfinden werde ich den rapidesten Aeroplan,

das phänomenalste Auto werde ich ausdenken. Diplomatisieren. Splendide

Verträge abschließen, Frieden zwischen den Völkern stiften, Pole werde ich

entdecken, den fermatschen Satz lösen, die Unzulänglichkeit alter

Einrichtungen restlos erweisen. Meine Tragödien, gekinntopt, werden zu

Millionen sprechen, werden Millionen bewegen. Negerstämme, Fieber,

tuberkulöse-venerische Epidemien, intellektuelle-psychische Defekte werde

ich bekämpfen, bezwingen. Die große physische Abstinenz werde ich euch

lehren. Verkünder des intellektuellen Koitus, des enorm sublimierten

Geschlechts.«

Ich falle in einen letzten Schlaf. Als ich erwache, ist voller

Sonnenschein. Wir sausen durch Wiesen, an Hügeln vorbei, auf denen

Windmühlen stehn, deren Flügel sich rasch drehen. Ein kühler Luftzug geht

davon aus. Das erfrischt. Die Landschaft ist von einem weißen Duft erfüllt.

Ein alter weißhaariger Bauer steht hinter seinem Pflug. Ein blonder Knabe

holt Wasser aus einem Brunnen. Ein Mädchen plätschert in einem Weiher, der

leicht vom Wind bewegt ist. Ich möchte Gras fressen. Die Erde ruft. Ein

Weib sitzt irgendwo am Weg, ein Kind an der Brust. Rauch zieht, dunkel wie

ein Vogelschwarm, über den Wald. Und eine Frauenstimme, sehr dünn, erhebt

sich, schwillt an zu einem klaren Gesang.

Verfall und Triumph, Zweiter Teil: Versuche in Prosa · 第 12 / 38 题