Das kleine Leben

_Si j'ai du goût, ce n'est guères

Que pour la terre et les pierres.

Je déjeune toujours d'air,

De ver, de charbons, de fer._

_Rimbaud._

Wir wohnen Quellenstraße 16, III. Stock, bei Frau Cäcilie Naßl,

Geflügelhändlerswitwe. Das Haus, sehr alt und morsch, gleicht einem Wrack.

Die Höfe qualmen und schallen. Es ist sehr ölig, verworren und dumpf. Wir

haben zwei Zimmer. Die Miete, vorauszuzahlen, ist dreißig Mark. Die

Einrichtung, bestehend aus zwei Betten, Kleiderschrank, einem Tisch, vier

Stühlen, haben wir auf Abzahlung. Das Sofa, Kommode sind von meiner Frau,

Gasleuchter, Waschtisch, Bücherregal gehören mir. Unsere Vormieter haben

einen bunten Papierofenschirm hinterlassen: alt, durchlöchert, verstaubt.

Der große schwarze Vögel mit ungeheueren Schnäbeln einem hellen Wald

zueilend aufzeigt. In der Ferne starr, unbewegt ein See, der wie Blei

aussieht. Das ist das einzige Helle der Zimmer. Die sehr böse sind,

heimtückisch, gefahrvoll, geduckt.

»Ich möchte mit dir in einer Kaschemme wohnen, unter der Brücke

übernachten, deine Apache, deine kleine Dirne sein -- wenn wir nur immer

beisammen sein könnten!«

»Unsere Liebe wird uns alles überwinden helfen!«

Wir legen uns, uns umarmend, nieder. Wir schlafen selig ein, eng

aneinandergeschmiegt. Stehen umschlungen auf. Essen zusammen. Wir sind

immer beieinander. Es wäre erreicht!

Wir sind sehr glücklich.

Heute nacht -- wir leben eine Woche so -- überfällt mich zum erstenmal und

brennend der Gedanke, daß man allmählich bedacht sein müsse, sich Geld zu

verschaffen. Es gibt wohl sehr viele Erwerbsmöglichkeiten, aber die liegen,

so scheint es mir, für uns alle (und plötzlich!) auf ein- und derselben

Linie. Meine Frau wälzt sich unruhig neben mir. Sie spricht

Unverständliches im Traum. Ich suche irgendwo Rat und Halt. Da ich ihren

warmen Körper fühle, bin ich beruhigt. Ich kann nicht länger mehr darüber

nachdenken.

Bin ich nicht sehr glücklich?

Das Haus zittert. Ich glaube auf untergehendem Schiff zu sein, auf hoher

See. Es ist sehr ölig, verworren und dumpf. Stöße. Rennen. Stimmengewirr.

Fackeln flackern. Das Fahrzeug schaukelt wie eine Wiege. Doch die Musik des

Sturmes ist sehr süß.

Umschlungen versinken wir.

Am kommenden Morgen will ich meine Besorgnis meiner Frau mitteilen. Doch

weshalb sie in Unruh setzen? Ich unterlaß es. Zwei Tage können wir noch

auskommen. Sie wird es ja selbst wissen. Aber ich fürchte mich bei dem

Gedanken, daß sie das weiß. Weiß sie es denn auch wirklich? Zwei Tage

. . . das übrige ist mir wurscht. Wird meine Frau auch so denken? Ich bin

sehr in Sorge, sie könne es nicht tun. Es überläuft mich heiß und kalt,

wenn ich länger solchen Erwägungen nachhänge.

Nachmittags gehen wir aus, Arm in Arm. Sie bittet immer, sehr dünn: »Faß

unter!« Unsere Kleidung ist sehr dürftig, aber es ist Gott sei Dank sehr

warm geworden, über Nacht. Wir betrachten uns oft in den Spiegelscheiben

der Schauläden. Sie lacht überglücklich dabei auf, mich heftig pressend

. . .

Da sie aber, plötzlich erschauernd, sich an mich schmiegt, weiß ich, auch

sie muß also heute nacht darüber nachgedacht haben, daß unsere Mittel bald

zu Ende sind, daß wir erschöpft sind. Ich erstaune heftig darüber, daß sie

das weiß. Aber es ist eigentlich doch nicht mehr als natürlich. Auch sie

hat es mir also verschwiegen. Sie wollte mich nicht verletzen; ja,

wahrscheinlich. Sie hat sich für mich geschämt; ja. Ich sollte doch für den

Lebensunterhalt meiner Frau aufkommen. Das ist klar. Sie wird mir das ja

nie ins Gesicht sagen, dies Selbstverständliche. Aber sie sagt es mir dafür

in jedem Blick, sie bedeutet es mir vorwurfsvoll mit jeder Bewegung.

»Nein, Dorka, ich werde dich nie verlassen. Zwei Tage werden wir noch

aushalten. Dann . . . man verzichtet ja auf das Leben leicht. Nicht? Zwei

Tage, Dorka, sind sehr lang. Unser Glück kann noch sehr groß werden . . .«

Und mir fällt ein: auf der Neuhauserstraße lernte ich sie eines Sonntags,

nachts, kennen. Sie ließ die Handtasche lang herunterhängen. Sie

schlenkerte. Sie blieb oft herausfordernd vor den hellerleuchteten

Schaufenstern stehn, richtete ihr Haar zurecht oder knüpfte ihren Schleier

fest. Manchmal drehte sie sich um. Wir haben uns eigentlich nie darüber

näher ausgesprochen, ich habe immer so Angst davor gehabt.

»Nun bist du acht Tage lang nicht im Geschäft gewesen. Du, Dorka,

vielleicht geht es doch noch. Versuch es einmal.«

Abends besuchen wir das Kino. Alles sitzt da in diesem Raum, umschlungen.

Wir legen friedlich die Hände ineinander, unsere Kniee berühren sich mit

zärtlichem Druck, ihr Kopf neigt sich langsam auf meine Brust herab. Wie

schön das ist! Es ist ruhig und andächtig wie in einer Kirche. Dorka

schluchzt oft und auch ich muß mich bezwingen, meine Tränen zurückzuhalten.

Eine Liebestragödie wird gespielt. Die Leinwand ist aufs äußerste bewegt.

Sie erinnert mich an unseren Papierofenschirm, den unsere Vormieter

hinterlassen haben. Es zuckt und rinnt. Die Musik: zittrige Geige,

schwaches Klavier, ist sehr süß. Wir sind tief erschüttert. Es ist, als

gehe ein Sturm durchs Haus, es braust, und wir befinden uns auf

untergehendem Schiff, auf hoher See. Umschlungen versinken wir.

Wir gehen Arm in Arm nach Haus. Wir tauchen aus blendender Lichterfülle,

bunt belebt, voll schöner, sanfter Damen, tänzelnder Equipagen, flimmernder

Kavaliere in unser Dunkel wieder, verworren, ölig und dumpf. Die Nacht

beschert seltsame Träume, gute und böse. Oft ist es hell, wie es nur am

lieben Tag sein mag, oft schwarz, wie es nur unter der Erde sein kann.

Meine Frau geht wieder ins Geschäft. Sie besäuft sich jede Nacht, sie muß

sich besaufen jede Nacht. Die Herren geben ihr ziemlich viel Geld, dafür

muß sie ihnen schön tun, zärtlich sein, die Arme um den Hals legen, sich

streicheln lassen, den Mund geben, ihnen Hoffnungen machen und oft bis spät

in den Tag hinein mit ihnen bummeln. Sie tanzt einen Apachentanz, tanzt

Twostep, kann Cancan. Sie stellt sich auf einen Stuhl, führt unter

allgemeinem Beifall unanständige Gespräche, hält große Reden. Lacht

unnatürlich, sehr gezwungen, hell. Hebt die Röcke hoch, dreht sich, nach

allen Seiten hin sich bewundernd, vor dem Spiegel. Sie ist ein Karussell.

Ich sitze dabei. Das Blut schließt mir die Faust.

Einige Ausländer, neun Schweden, gehören zu ihrem nächsten Verehrerkreis.

Sie sind sehr für sie interessiert. Der eine, Andreas Söraas mit Namen,

liebt sie. Er ist ein kleiner blonder Junge, zwanzig Jahre alt, mit blauen

Augen. Er hat viel Geld, das er achtlos, sehr elegant für sie verschwendet,

indem er sie häufig zu Automobilfahrten, fast täglich zum Abendbrod

einlädt. Sie hat immer Blumen von ihm. Er tut ihr bereitwilligst alles, was

sie nur will. Begleitet sie oft, oft stundenlang durch die Stadt, wo sie

vor allen Schaufenstern stehn bleiben, sich unterhalten, unermüdlich,

herzlich interessiert über alle Strümpfe, Unterwäsche, Blusen, Schmuck,

Hüte, Röcke. Ich kann das nicht.

* * *

Ich warte nachts zwei Uhr, nach Geschäftsschluß, auf meine Frau. Versteckt,

im Schatten, an einer Ecke. Ein Haufen Studenten kommt angeheitert, den

Dessauer pfeifend, ausspeiend und johlend, sehr langsam daher.

»Bei der ist heute nichts zu wollen,« flüstert einer, etwas beklommen, im

Vorübergehn, »ihr Zuhälter wartet auf sie.«

Ich bin unendlich stolz darauf; kindisch, wie ich es so oft bin, freut mich

das.

Oder ich liege unruhig im Bett und warte, bis sie knarrend über die Treppe

heraufkommt. Höre sie schon, schwer das Haustor aufschließend, sich

verabschiedend von ihrer Begleitung, das leichtere Geräusch der

Türschlüssel, das Öffnen der Außentür . . . Gleiten über den Gang . . . und

sie tritt zu mir, läßt mich an ihren Blumen riechen, entkleidet sich rasch,

umschlingt mich heiß. Wir wälzen uns wie Tiere. Sie rülpst. Sie stinkt

immer nach Wein, Tabak, sehr aufdringlichem Parfüm und Sekt. Sie klebt.

Den Tag verbringe ich untätig, meist schlafend im Bett. Oder sehr

verträumt. Was soll man auch tun? Und nichts geschieht. Nur die Zeit

vergeht, sehr langsam. Wir langweilen uns.

»Man kann ja schließlich, auf die Dauer, nicht von Umarmungen leben, das

wird einem am Ende auch fad. Laß mich in Ruh!«

»_Es muß etwas geschehen._ Was Aufregendes, Aufpeitschendes, Aufreizendes.

Man benötigt Sensationen.«

Wir mimen der Öffentlichkeit gegenüber Ausländer, Russen. Wir sprechen

fließend, obwohl wir nur,[**] vielleicht fünf Worte können. Wir halten die

deutschen Bürger zu Narren. Das belustigt uns ungemein, eine Zeitlang.

Meine Frau gibt sich als Schauspielerin aus. Sie trägt sehr sentimentale

Lieder vor, tanzt russische Tänze. Aber auch das wird fad. Auch fehlt es

immer an Geld.

Meine Frau ist in den letzten Tagen stark gealtert. Immer müder und

gebrochener kommt sie nach Haus. Sie ist stark angewidert. Sie flieht das

Leben. Sie ist ganz pathogen konvertiert. Nichts macht ihr mehr Freude. Sie

ist satt. Ich bemühe mich. Alles ist umsonst. Ich ringe die Hände. Ich

verzweifle.

* * *

Moritz Düsterweg, Magistratsbeamter, hat fünftausend Mark aus der

städtischen Krankenversicherung unterschlagen. Mit zweitausend Mark war er

für die Schulden der allgemeiner Beliebtheit sich erfreuenden

internationalen Transformationstänzerin Lila Lieblich aufgekommen,

fünfhundert Mark hat er in einer gemeinschaftlichen, aufs Schönste

verlaufenen Automobiltour ins bayrische Alpenvorland angelegt,

eintausendundfünfhundert Mark für Straßendirnen verausgabt, den Rest bringt

er, auf mein Anraten -- ich treffe ihn, wie es gerade der Zufall will,

völlig betrunken gegen Morgen auf dem Bahnhofplatz -- eintausend Mark

bringt er in das Weinlokal S. Früh sieben Uhr beginnt man. Der

Klavierspieler Bruno Maria Wagner wird gerufen, meine Frau aus dem Bett

gerissen, ich bin zur Stelle . . . Der Phonograph schnarrt. Und vor einem

Glas Bier und einem Paar Weißwürsten, träumerisch zurückgelehnt, genießt

der Moritz Düsterweg jenen Anblick: wie sie seinen Sekt versaufen: Dorka,

rasch, klirrend, Madame, schläfrig, leicht nippend; die »Kapelle«

vornehmlich, mit langen Fingern, den Kopf taktmäßig, hervorgequollenen

Augs, überfallender Locke, herabgeneigt, ich gleichgültig, schlecht

amüsiert. Und während man draußen durch den erwachten Morgen eilt:

schnatternde Scharen farbiger Schulkinder, runde Haufen buntdurcheinander

gewürfelter Fabrikarbeiterinnen, schwarze rechteckige Männer mit kleinen

roten Kugelköpfen, wehklagende Hunde, traurige Pferde, freche Automobile,

verträumte Lastfuhrwerke, böse Radler . . . (und Busenmädchen flattern

freundlich, heilige Studenten kreisen singend) . . . während man

hereindringt, einen Imbiß zu sich zu nehmen: dicke, listige Chauffeure,

grimmige Dienstmänner, während am Fenster Frau Marie Wöbers Kinder die

Suppe klirrend auslöffeln, stricken --: tanzt man: der Moritz Düsterweg und

die Dorka, deren Haare sich auflösen, deren Locken wild fliegen, die sich

plötzlich in die Knie läßt, die Hüften beugt, wild vorwärts drängt,

stampft, aufbraust, hingebend sich zurückbeugt, schiebt: _die böse Dorka!_

Doch der sich so ganz vergißt in diesem rollenden Taumel: Moritz Düsterweg:

er weint plötzlich. Man bäumt. Der Tanz stockt. Man dreht noch einmal, eine

halbe Wendung . . . einige Schritte . . . vorwärts, zurück . . . noch

einmal . . . eine viertel Wendung . . . mit Mühe . . . gerade noch --: und

Düsterweg -: er sinkt um.

Man müht sich: Dorka erweicht, voll zärtlicher Fürsorge, als gelte es einem

verschüchterten, einem verstockten Kind, ich, ganz uninteressiert, peinlich

berührt, verlegen, Madame, von Doppelkinn und Busen arg beengt, heftig

prustend und: indem sie die Vorhänge dichter vor die Fenster zieht: »_der

Wirtin Angelika Hundebald ist erst neulich das Lokal geschlossen worden

. . ._«; die »Kapelle«, zurückgebeugt, traurig, verhalten über das Klavier

hinplätschernd . . .

Düsterweg ist unter Schluchzen eingeschlafen, den Kopf in Dorkas Schoß

gelegt, die unermüdlich ihn mit Worten streichelt. Ein Lächeln gleitet über

sein Gesicht . . .

Er erwacht, springt empor, schlägt wild, heftig die »Kapelle« vom Stuhl

drängend, die einleitenden Takte eines furiosen Walzers an, gibt das

Zeichen zum Beginn des Tanzes. Alle reißt er mit sich empor. Und man tanzt.

Bricht wieder zusammen. Tanzt von neuem wieder: und alles, immer dasselbe

wiederholt sich . . .

Um zwölf Uhr ißt man zu Mittag. Die Speisen werden über die Straße

gebracht. Die Zahl der zwar ungeladenen, aber doch herzlich bewillkommten

Gäste ist inzwischen auf ein Dutzend angewachsen. Immer neue kommen hinzu.

Ein jeder bestellt sich, was er nur will. Heut ist ein Festtag. Was einem

jeden zusagt, wird ihm gebracht, eines jeden Wunsch geht heute restlos in

Erfüllung. Was braucht man sparen?

Würste dampfen. In Schüsseln werden sie herbeigebracht, aufgerollt gleich

dicken weißen Ketten, in lustigem Streit auseinandergerissen. Braunes Bier

fließt. Man ist verschwenderisch. Sektflaschen knallen. Dunkler Wein rollt.

Tabakgeruch schwängert die Luft. Rauch wie von einem ausgehenden Brand

lagert unwirklich und schwer. Musik tönt ununterbrochen. Der Phonograph

abwechselnd und die »Kapelle«.

Man betäubt sich. Man schläft wach. Träumt vor sich hin, summend. Sitzt

dumpf mit halbgeschlossenen Augen. Es brütet. Fip, die schwarze Katze, auf

dem roten Tischtuch dick ausgebreitet, schnurrt. _Ein Schnapsglas daneben

steigt wie eine silberne Blume blühend aus rotem Klee._

Gegen drei Uhr nachmittags trinkt man schwarzen Kaffee. Um sechs Uhr gibt

es Tee. Bei einbrechender Dämmerung ißt man zu Abend. Der Geruch aller

Getränke, aller Speisen haftet, da weder Fenster, noch die Tür geöffnet

wird. Fünfzig Personen nehmen schon an den Gelagen teil. Sie glucksen

glücklich. Dröhnend verdauen sie. Kreischen. Man gebärdet sich wie toll.

Man ist ausgelassen, voll sprühender Lust.

Düsterweg hat, ganz durchhitzt, den Rock abgelegt. Die Hemdärmel

aufgestülpt, hochgeröteten Kopfs hastet er wie wahnsinnig umher, den

Appetit seiner Gästeschar anfeuernd, eifrig besorgt, daß alle genug

bekämen. Eigenhändig gießt er Wein ein, zerschmettert unter hellem

Geschrei, lang grinsend, Gläser und Sektflaschen, kindisch sich daran

erfreuend; stopft Fleisch, Brot, Gemüse den Fressern ins Maul, die

aufbrüllen, ihm ins Gesicht speien.

Gegen zehn Uhr kommen Alois Wurm, der Pferdehändler: groß, aufgedrehten

Schnurrbarts, gelb, schnapsdurchtränkt, verschnupft, von Sonne durchsotten,

ein wenig später Moses Mies, sein Freund, der Salzagent: klein, dick,

rothändig. Beide Stammgäste. Sie reichen Moritz Düsterweg die Hand, sehr

gnädig und herablassend von ihm begrüßt.

Düsterweg --: _herrscht er nicht über alle?_ Ist er nicht maßgebend?

Herrscht er nicht unumschränkt, königlich, maßlos? Er ist in bester

Stimmung. Weiß nicht wohin vor Glück. Fängt, vor Kraft überquillend, mit

allen spaßhalber Händel an. Man pufft und boxt sich. Ein Wettrennen über

Stühle wird inszeniert. Ein Ringkampf aufgeführt: man stürzt, wälzt sich,

steht wieder auf, taumelt, wankt, sinkt um. (Und Moses Mies reibt sich an

Alois Wurm.) Man lacht, belustigt sich dabei allgemein.

Gegen Mitternacht zieht der Düsterweg meine Frau näher zu sich, die, schwer

benommen, inständig nach frischer Luft ringt. Kindlich bittend wiederholt

er breiigen Munds, mit grünen funkelnden Schusseraugen, käsigen

Plattfingern seine Anträge; er erklärt wiederholt und flehentlich seine

Absichten, nötigt ihr auf den Knieen das Treuwort ab, gibt strahlend Dorka

das seine hin, spricht lang und erregt von naher Verlobung, baldiger

Hochzeit, und ist tief beglückt und süß durchronnen, als Dorka endlich,

nicht ohne zu zögern, ja sagt. Einen Hundertmarkschein händigt er ihr

sofort ein.

Inzwischen rechnet die Wöber ab. Die Schuld beträgt fünfhundertundzehn

Mark, von Düsterweg sofort bereinigt. Das Fest setzt sich fort. Und Dorka,

Düsterweg zärtlich umschlingend: er sehe aus wie Fip, die schwarze Katze,

die auf der roten Tischdecke, dick ausgebreitet, behaglich schnurre. Sie

nennt ihn Onkel. Und plötzlich, mitleidig, mit großen Augen:

»Onkel, wo hast du das viele Geld her?«

Die Frage, unangenehm, beengt. Man überhört sie.

Ich werde gerufen. Düsterweg drückt mir einen Kuß auf die Stirn, dankbar,

daß ich ihn geführt habe. Und selig lächelnd auf meine Frau weisend: zum

Glück geführt habe! Ich müsse sie bewachen, bei ihr bleiben, Tag wie Nacht;

müsse ihm versprechen, Dorka immer zu behüten, während seiner Abwesenheit:

Dorka, die sein sei. Und heiter angeregt gedenkt der Düsterweg der

allgemeinen Beliebtheit sich erfreuenden Transformationstänzerin Lila

Lieblich, für deren Schulden in der Höhe von zweitausend Mark er

aufgekommen war. Und renommierend: »Sie ist faul. Nach fünf Nummern

schlapp. Total verbraucht. Unbrauchbar. Ungenügend!« Schallendes Gelächter

folgt.

Doch plötzlich ernüchtert entsinnt er sich: vor drei Tagen habe ich meinen

Gehalt empfangen: einhundertundfünfzig Mark. Und lächelnd versucht er: »ein

. . . hundert . . . und . . . fünf . . . zig . . . Mark«.

Es wird ihm kühl. Es ist, als umwehte ihn Morgenluft. Und sein Messer

ziehend, springt er auf: »Meint ihr, ich bin euere Wurzen? Windige Bagage.

Ich laß mich nicht neppen von euch, nein! Hurenvolk! Luder, dreckige!«

Und der Wandspiegel wirft ihm sein Bild entgegen: verändert, fremd, vor Wut

entstellt, lächerlich . . . Man versucht ihn zu halten. Er schreit,

flüchtet . . . Doch seine goldene Uhr zerschlägt er, indem er sie mitten in

das Glas schleudert, das zerklirrt . . . _Sein Gesicht platzt entzwei._ Ein

großes schwarzes Loch wird sichtbar. Und da alles vor Schreck verstummt,

gespannt aufhorcht: »Sich erschießen? Sich in den Mund schießen? Oder etwa,

etwas rückwärts, die Pistole angesetzt, fünf Kugeln durch die Schläfe?

Einen Tag, eine Nacht . . . nein, zwei Tage, zwei Nächte geherrscht zu

haben, maßgebend gewesen zu sein, wiegt das nicht alles auf, ist das nicht

alles wert? _Man muß sich doch einmal Luft machen!_« . . . Und »es ist

schön«, weiß er: Und »Dorka, Dorka mein!«

Man macht Schluß, pfeift einem Auto. Verabschiedet sich. Frau Marie Wöber

drückt dem Düsterweg die Hand, lang, Madame, deren Brust sich um diese

späte Zeit immer schwer aus der Bluse zwängt . . . und mir vertraulich

zublinzelnd: »das haben sie brav arrangiert. Sie haben ein artiges Fest

gemacht. Auf Wiedersehen.« Von Bruno Maria Wagner, der »Kapelle«, nimmt man

Abschied, der, betrunken, mit Händen und Füßen durch die Luft fährt. Von

Alois Wurm, der abenteuerlustig unter der Tür sein Geld zählt. Von Moses

Mies, dem Salzagent, der pfauchend in die Nacht entweicht. Und nimmt

Abschied mit einem letzten Blick von den unzähligen Sumpfkumpanen, die

fluchend unter Stühlen, Tischen, vom Schlaf aufgestört, hinter Bänken,

unter Vorhängen und Decken, hervorkriechen, wie aus einer Höhle zum Lokal

hinaus, gebeugt, mit schlotternden Knieen in die Finsternis sinkend.

Man fährt zum Bahnhof, Dorka den Kopf müde an meine Schulter gelehnt, der

Moritz Düsterweg uns beiden gegenüber sitzend, etwas sehr dumpf. Die Luft

ist anders. Man spricht wenig. Nur der Düsterweg einmal überselig: »Ich

besitze . . .« _Er sieht alt und häßlich dabei aus._ Sein Gesicht verzerrt

sich idiotisch. Die kleinen, grünen Schusseraugen funkeln, die platten

Käsfinger spreizen sich . . . Man macht eine Biegung. Man fliegt förmlich.

Der Düsterweg zählt die Stunden bis zum kommenden Morgen, sorgfältig, immer

wieder. Daß er sich nicht verrechne: drei Stunden! . . . Durchsucht seine

Taschen: dreißig Mark! Bis zum folgenden Abend: zwölf Stunden! . . . Ich

werde geruht haben; man wird meine Abwesenheit inzwischen bemerkt haben.

Man wird die Unterschlagung entdeckt haben, ich werde nichts dagegen,

nichts dazu tun, ich lasse den Dingen ruhig ihren Lauf, man wird mich

verhaften . . .

Vom Bahnhof geht es in den Donisl! Es ist dreiviertel Fünf. Ich gehe mit

Düsterweg zu Fuß voran. Lasse das Auto halten, etwas vom Lokal entfernt.

Dorka will es. Man müsse nachsehen, ob X. drin sei. Sie könne X. nicht

leiden. Dann fahre man besser gleich heim. X. ist nicht da . . . Es beginnt

zu regnen. Man kehrt um --: Dorka holen. Dorka --: wartete sie nicht hier?

Sie ist nicht mehr da. Doch Düsterweg bleibt hier, erstarrt. Er bleibt. Ich

etwas unschlüssig, höflich grüßend, entferne mich . . .

Und aus der Ferne, durch den Morgen, Dorka, meiner Dorka nachstürmend, rufe

ich, schallend: »Dorka, die Dorka suche ich . . .«

* * *

Heute treff ich Josef, meinen alten Freund. Er ist sehr erstaunt, mich

wiederzusehen: »Ja, Hans, wo treibst denn du dich herum?« Aber ich merke

gleich, daß er alles schon weiß. »Hans, du siehst sehr angegriffen aus.«

Und er erkundigt sich sehr eingehend, merkwürdig interessiert, nach meinen

Verhältnissen und fragt, lauernd und sehr beteiligt, nach meiner Frau. Mir

ist das sehr unangenehm, wie immer, wenn darauf die Rede kommt. Ich habe

immer irgendwie Angst davor. Ich nehme Ausreden . . .

Es ist sehr schön und wir machen einen großen Spaziergang durch den

englischen Garten. Ich trinke tief die warme Luft ein, ich fühle mich

glücklich wieder, sorglos und heiter, und vollkommen gekräftigt. Die

Menschen gehen sehr entfernt. Sie scheinen durch blühende Luftgärten zu

wandeln, über der grünen Landschaft gleichwie auf samtenen Teppichen

friedlich, engelhaft dahinzuschweben. Der Kleinhesselohersee glänzt,

unbewegt und starr, er sieht wie Blei aus . . .

Ich weiß, Josef hat es immer gut mit mir gemeint. »Vorgestern nacht, Hans,

hat deine Frau bei Andreas Söraas geschlafen. Und sie hat es aus Liebe

getan« . . .

Ich zucke zusammen. Aber ich fasse mich gleich. Ich muß zugeben, vorgestern

nacht war meine Frau nicht bei mir. Hat sie also wirklich bei Andre

geschlafen? Aber, so tröste ich mich, so hat sie es sicher nicht aus Liebe

getan, denn sie brachte mir am Mittag zwanzig Mark. Und die Tränen mühsam

unterdrückend, mit brechender Stimme: »Josef, bitte, sei ruhig, ich weiß es

. . .«

»Du brauchst dich nicht darüber aufzuregen, Hans, aber du wirst ja selbst

wissen, sie ging schon längst, bevor du sie kanntest, -- -- -- . . .«

Und ich, die Fäuste geballt, verhaltenen Zorns: »Josef, bitte sei ruhig,

ich weiß alles, ich weiß es.« Ich zittere am ganzen Körper. Ich hatte immer

so Angst davor gehabt. Aber es hat mich doch irgendwie befreit. Es ist

heraus . . .

* * *

Doch nachdem wir uns verabschiedet haben, mache ich mich langsam auf zu

Andre. Andreas Söraas, stud. ing., Schellingstraße 62, III. Ich treffe ihn

bei der Arbeit. Mitten in Zirkeln, Linealen, Karten, Rechtecken, Winkeln.

Ja, er ist ein kleiner, blonder Junge, zwanzig Jahre alt, sehr kräftig, mit

sehr blauen Augen.

»Sie entschuldigen, B. ist mein Name, aber Sie scheinen näher für diese

Dame interessiert . . .« auf das Bild hindeutend, das unmittelbar vor ihm

auf seinem Schreibtisch steht . . .

Verfall und Triumph, Zweiter Teil: Versuche in Prosa · 第 11 / 38 题