Hymne / Fragmentarisch

Möge es mir gelingen, -- _zum Abschied, denn ich eile anderen, lichteren

Zielen zu!_ -- möge es mir gelingen, den lauen, mittelmäßigen und

begnügsamen Geist eueres armen, irdischen Alltags noch einmal

aufzustacheln, euch zu erheben! Euch festtäglicher, erstaunter, heiterer zu

stimmen durch das erhabene und fromme, das ernste und wahrhaft furchtbare

Schauspiel dieses seltsamst entarteten und am maßlosest entfesseltsten

Leidens. Tretet näher! Kommt heran! Brüder, Schwestern! Mit hellen

Frühjahrsfarben habe ich mich geschmückt, mit reichlich bunten und

verzierten, mit flatternden Wolkenbändern. Hört! . . . Ach!

Was gafft ihr, ihr albernen Gänse, zieht die geschminkten Fressen wie zum

Lachen breit! Sperrt die großen Mäuler auf, wie vor der Jahrmarktsbude

eines fremdländischen Wunders, -- bin ich denn gar so ein Scheusal, ein

zerfressenes Gerippe! -- die dreckigen Hände in den nassen Hosentaschen,

Laufburschen, Louis, lausige Hanswursten! Ach, schon bin ich wieder

gelangweilt und ermüdet durch euere, ach so wenig unterhaltsame

Gesellschaft, ach, schon wieder gelangweilt und ermüdet, bevor ich noch den

Mund zum ersten Worte aufgetan. Es wird ja unnütz sein. Euch nicht mehr als

eine mehr oder minder mißverstandene spaßige oder gruselige

Abendunterhaltung, während welcher ihr einander bestehlt oder den Weibern

unter die Röcke greift. Wahrlich! und dazu muß ich noch -- so: ein

eigentümlicher Kuppler und närrischer Schmerzensausschreier -- gewärtigen,

daß einer von euch plötzlich veitstanzt oder ein anderer aus euerer

sauberen Genossenschaft mir in einem manischen Anfall mit einem Schiefer

rücklings den Schädel einschlägt. So lockt mich einzig nur die Gefahr, ihr

Guten. Die Laune, euere erstaunten Mienen zu beobachten, wie ihr empört und

im Innersten beleidigt oder aufgebracht allerhand tolle Fratzen schneidet,

bald zu plärren anfangt, bald davonlauft, wiederkommt, murmelt, schreit

oder aufhorcht. Euer Gesicht aus Scham und Wut verzerrt. Erzürnt die Fäuste

hebt! . . . So hört! Ich singe euch vor meinem endgültigen Abschied noch

das religiöse Lied meiner fanatischsten Ekstasen, das arge Ende meiner

entzückten Liebesräusche. Die große Jeremiade, eine pathetische und

mystisch verklärte Agonie. Das zynische Klagelied. Vernehmt bewundernd oder

im Tiefsten angewidert das Ende einer bitteren Passion. Seltsame Träume.

Meine Taten, die guten und die bösen. Sie ziehen an euch vorüber in einem

bunt abwechselnden, aufreizenden, karnevalesken Reigen. Flammen leuchten

auf. Trommeln. Trompeten schmettern. Der laute Schlachtruf der Kämpfenden,

der himmlische Päan, dem ich, hörte ich ihn nur von weit, schon als Knabe

wild wie ein Tier nachstürzte, wobei ich alles im Stiche ließ und um keinen

Preis zu halten war, vielleicht in der sicheren Vorahnung, daß er einst

meiner letzten Kämpfe, meiner ärgsten Schlacht Begleiter sei, in der

Hoffnung, daß er einst mich zur Heimat geleite, einst mich erlöse.

Was? Ihr lacht? Macht Beifall, Lärm? Nein. Nichts, nichts von alledem. Der

silberne Mond schwebt hoch über dem verlassenen Platz. In seiner Mitte,

unter der Säule, gegenüber dem Löwentor des zerfallenen Palastes stehe ich.

Laut und eindringlich habe ich, meiner Gewohnheit nach, in einer visionären

Erregung zu einer unsichtbaren Versammlung gesprochen. Doch wer vernähme

meine Rede auch in dieser raschen Zeit! Doch! Von neuem! Ich versuche es.

Ich gebrauche die hohle Hand! Dann beginne ich! Stammle entzückt und voll

Wonnen! Also, zum Anfang!

Ich beginne! _Und lauschten mir auch nur die flüsternden Nachtwinde, die

rauschenden Bäume und das vom Mondlicht beglänzte Rieseln der Brunnen, und

hörten mich auch nur die weißen Wege, und horchten auch nur die harten

Steine auf mein trauriges Lied!_ --

Aus der Tiefe, Herr, rufe ich. Die tägliche Welt scheint in tiefe, graue

Schattenabgründe hinabversunken. Ich fühle mich leicht wie Äther, frei und

wahrhaft glücklich erhoben. Der goldene Himmel blüht. Visionäre Träume von

sonst nie geahnter Ungeduld erfüllen mich, bedrängen mich. Goldene Feuer

lohen empor und umlichten furchtbar meine eisige Grabesnacht.

Scheiterhaufen warten aufgerichtet. Hellebarden, Dolche blitzen.

Trommelwirbel. Rote Lichter vor schmutzigen Bordellen flammen in blaue

Liebesnacht. Breite, langgezogene, geschminkte Lippen. Geheul der

zerschundenen Tiere. Rotgelbe Sonnen leuchten magisch empor aus dunklen

Moortümpeln. Gefallene Engel. Aufgerissene Menschenleiber. Beben, Zittern,

Schluchzen, Seufzen, Stöhnen, Stallgeruch. Helle Rufe zu Kreuzzügen in

fernste Wunderländer erwecken mich. Flagellantenheere kreischen.

Feuersbrünste wüten. Stierkämpfe. Hetzjagden auf Wilde. Wüsteneien. Die

Pest erhebt ihr durchlöchertes Haupt. Ein Dogma, eine Tyrannis, grausam

über alle Maßen, beherrscht mich. Eine göttliche Phantasie belebt mich.

Engel mit himmlisch verzückten Händen schweben hernieder. Weiße

blutbefleckte Knaben- und Mädchenleiber in unsagbar süßen Verschlingungen

und eine große, rasende Orgie des Inzests. Und dies sehe ich oft in meinen

Grabnächten und es ist, als walle eine lange, endlose Schleppe über die

schlafende Erde, daß die Wipfel der Wälder sich darunter erregen und

erbrausen, und die Gewässer der Erde wie Tautropfen am Saume jenes

himmlischen Gewandes haften. Und ein Duft geht davon aus, wie von altem

Blut und rotem Wein. _Doch die Gestalt, die solches trägt, bleibt mir

unsichtbar._ Es ist weißlich, gläsern. Ich befinde mich einsam auf der

stillen Warte des Grenzgebirges der Welt. Aufgelöst in Tränen kniee ich zu

Gottes Füßen, spüre den Hauch seines Atems, den Druck seiner väterlichen

Hand, fasse sein Herz. Das irdische Reich hört auf. Neue Gestade, gräulich

und mattglänzend, grüne Eismeere, blaue unermeßliche Gletscherflächen

tauchen langsam und leis, unter einem süßlich klingenden, leicht und

allmählich anschwillenden Gesang, hinter den Gräueln und Verruchtheiten der

roten Mitternacht empor. Tausender Leben finde ich in mir. In mir, dem

äußersten, leidenden Glied eines reichen, verderbten Geschlechts. Und doch

im Blut die wehe Ahnung einer maßlos berauschten, rasenden Demokratie. Bin

jung. Bin alt. Bin Kind, bin Berg, bin Stadt, bin Land. Jungfrau, Dirne,

Soldat, Matrose. Lebendig. Tot. Fühle mich von großen, langewundenen

Würmern weh zerfressen: Herz, Magen, Nieren, Achselhöhlen, Gehirn; die

Lippen schwammig, aufgedunsen, naß und grün. Schimmelig. Welk oder trocken

ausgezehrt von Fäulnis. Die schleimigen Augen voll Eiter; Nester kleinen

stinkenden Gewürms. Der Mund voll Erde. Die Zähne brüchig, grün. Ein

berückendes Arom umgibt mich: Weihrauchdämpfe, Verwesungsduft und der helle

Geruch weißen Äthers oder gelben Karbols aus dem Operationssaal. Ecce homo!

Ecce homo! . . .

Einst, o einst, da ich wuchs empor, blühend heran, inmitten kläglichen,

schmutzigen Kindergewimmels. Auf engen, dunklen Höfen, steilen, brüchigen

Holztreppen, verdreckten Straßenplätzen. Graue Mauern starren auf. Rote

Fenster in weißen Kalkgemäuern, ewig verschlossen. Die Mietskasernen.

Ausflüchte der Seele, hart vergittert. Aber das Lied des umherziehenden

Orgelmanns tat zum ersten Male mein Herz auf und aller Knaben und Mädchen

schüchterner, aufjauchzender Ringeltanz. Veilchenblauer Himmel. Blühende

Sonne. Sterne und der Mond am feurigen Nachtfirmament. Das Kindlein in der

Krippen . . . Einst, o einst: zwischen gleichmäßigem Löffelgeklirr das

unaufhörliche Getropfe der mütterlichen Tränen auf den irdenen Teller. Die

Schläge, das harte Schweigen oder die Schelte des erzürnten Vaters. Streit

der Geschwister. Unzufriedenheit, Intrigen, Haß, Neid und Zank, Gegrein und

Geschluchze aus kalten, rohen, roten, zerrissenen und zerschlissenen

Betten. Ungeziefer schwirrt. Zerfetzte Kleider, Hunger, Kälte. Finstere,

verrußte Ecken. Erbrochene Kassenschränke und Wanderungen. O, da meine

Sehnsucht übergroß ward und nach wunderlichen Sonnen und fremdartigen

Ländern, großen, rauschenden Städten, mächtig mein Verlangen ging. Mich

mein Sehnen zog. Das Herz schlug.

Mit Trine und Louis eingepfercht in den Viehwagen. Es pfeift. Stimmen.

Vorwärts. Man fährt ab. Zerrüttelt. Lechzend. Mit offenen, trockenen

Mäulern. Einer hat Schnaps. Die Augen harren. Alles ist unbestimmt. Keiner

weiß. Man fährt in die Nacht. _O, daß man einer Heimat entgegenführe!_

. . . Schon der Morgen bringt neue Seltsamkeiten und mancherlei eigenartige

Überraschungen. Er hat milchige, kühle Wangen, gleich einem Mädchen. Doch

der glühende Mittag naht. Die schwere Nacht. Die kristallene Klarheit

frischer Morgenlüfte bleibt ein Traum . . .

Armut! Armut! Man übernachtet in Menge in Heustadeln oder auf freiem Feld,

oder lagert gleich einer räudigen und übelriechenden Herde Viehs in wüsten

Gassenschenken.

Armut! Armut! Du schändliches Königreich! Der enge Schlafraum ist voll von

dem Geruch der nassen Windeln, dem grünlichen Salzgestank verpißter Betten,

erfüllt von dem Geschrei gebärender Weiber, eierköpfiger Kretins, kleiner

Kinder. Mensch, zieh deine Hand ein! Schlaf! Strecke dich nicht! Nichts!

Denn bei einer Berührung greifst du an Schöße, stinkende, nasse,

verschleimte, verkrebste Schöße, zerfressen, angefault, von großen gelben

Geschwüren, Würmern angeknabbert, oder an Bäuche, kleine Bäuche, steinhart

und mit dem Fraß roher Kartoffeln furchtbar angefüllt. Dein Trank ist ein

Napf voll Urin und Blut! Dein Fraß sind Steine, Grind und Kot! Armut!

Armut! Wurzel schlugst du im Gehirn, Geschlecht. _Stunde, du kommst, die

mich zerbricht._ Die mich zermartert. Du zertrümmerst mich. O, so viel Blut

drückt schwer. So viel Blut beglückt nicht mehr. So viel Blut bringt die

Welt in Aufregung.

Erinnerung, du umschimmerst mich. Erinnerung du aus frühen Kampftagen.

Zerbrochen bin ich, doch nicht geschlagen. Geträumte Länder, warme Länder,

Sonnenländer! O ihr, meine Länder, herrlich und prächtig, durchzogen von

den trunkenen Scharen jauchzender Vögel und den flatternden Kolonnen der

singenden Fische! Apokalyptische Himmel! Blutige Sternengewölbe, violett

umhaucht von der Glut silberner Sonnen, dem Geknister elektrischer Monde,

jäh emporgetaucht aus dunkelgrünen Eisnächten. Riesenschlangen, träg und

schwer auf den Ästen der Laubbäume. Raubtiere lauernd in Dickichten.

Blumen, eine helle, fröhliche Sprache sprechend und umherblickend mit

blauen, unschuldigen Menschenaugen. Geträumte Länder, warme Länder,

Sonnenländer! O, so hört mein Freiheitlied! Denn aus den großen, kalten,

nordischen Städten komme ich, aus Strohhütten, Spelunken, trübsten Höhlen

der Hungernden, Verworfenen, Verbrecher und Verbannten. So hört mein

Freiheitlied:

»Ihr Lumpenhunde, Saufkumpane! Gaukler, Gecken! Onanisten! Päderasten!

Fetischisten! Kaufleute, Bürger, Aviatiker, Soldaten! Louis, Dirnen! Ihr

großen Metzen! Syphilitiker! Brüder, Menschenkinder alle! Erwacht! Erwacht!

Ich rufe euch zum hitzigsten Aufruhr, zur brennendsten Anarchie. Zum

bösesten Widerstreit begeistere, reize ich euch. Revolution! Revolutionäre!

Anarchisten! Gegen den Tod! Gegen den Tod! Brüder! Höllen und Dämone! Mein

sprühendes Manifest. Kanonendonner, Lichtgarben! Ich führe euch. Vorwärts.

Marsch! Marsch! Den gelben Klang der Trompete, den grauen, gleichmäßigen

Wirbelschlag der Trommel, das weiße Aufschrillen der Pfeife, das flatternde

Blut der roten Fahne, die violette Farbe unregelmäßiger, gefährlicher,

schwärmender oder konzentrierter, tödlicher Bewegungen --: fühle ich in

meinem Blut. Ich wittere Morgenluft. Sonnenluft. Auf! Granaten zerplatzt!

Kartätschen, Fanfarenhymnen steigt! Infernalisches Geschmetter! Vorwärts,

wir kommen. Dieser stählerne Vogel, der laut jubelnd der Morgensonne

entgegenschießt, ist unser Bote, diese Granate, die hell durch die Luft

pfeift, unser Gruß. Wir rücken an. Aus unseren Schildern, auf unseren

Helmspitzen leuchtet auf, steil und flammend, der Triumph der neuen Zeit.

Das silberne, zart aufjauchzende Lied glitzernder Bajonette umschmiegt sie.

Glänzende Riesenstädte schlagen erstaunt Märchenaugen auf aus grauen,

nebelverschleierten Ebenen. Blühende Himmel. Voll Türmen und Zinnen. Und

Gold! Und Gold! . . .«

* * *

Alles Körperhafte habe ich von mir gestreift. Alles Irdische habe ich von

mir getan. Nackt bin ich in diese einsamsten Hallen getreten. Die kühl sind

und vom Glanze mattesten Goldes. Die wie vergessen schwebende Räume

inmitten kreisender Welten sind . . . Suchte ich dich Ewigen nicht im

zaghaften Geflüster aller erwachenden Liebe oder auch in den drohenden

Brandstürmen aufgepeitschten, dampfenden Blutes? Dich, der du der Richter

bist der ewigen Kriege. Aber auch im Morgenraunen der Bäume, wie im

verlöschenden Gold der Sonne über der abendlichen Flur, oder im

heimatlichen Gesang der Vögel, sowie die schwere Nacht angeht. Aber in

allen Räuschen des Blutes fand ich mich dir am nächsten. Oder im

verschrillenden Sausen, im helldröhnenden Fanfarengeschmetter oder dumpfem

Marschschritt, heulendem Anmarsch nahenden Todes. Die verpestete Luft

erfüllt vom dumpfen Gedröhn ziehender Belagerungsgeschütze, vom glorreichen

Aufstrom schallender Vogelchöre, vom Gestöhn der schmerzvoll Hinsterbenden,

vom weißen Schweigen der Gefallenen in den verfeuchteten Laufgräben, vom

Siegesgeschrei, dem rauhen Gebrüll der Lebendigen . . .

Mein Gehirn ist nur mehr ein Fühlbares, ein nur mehr Begreifbares. Etwas

nur mehr sich durch einen kleinen, gleichmäßigen Schlag Bemerkbarmachendes.

Als ob wer die knöcherne Umhüllung sprengen möchte. Vergangenheit,

Vergangenheit wohnt darin. Wir, die wir Vergangenheit sind.

Gegenwartsfremd. Zukunftfeind. Wir, die wir die bedrückten Träger einer

trüben Tradition sind. Wir, die wir die Nachtgeborenen sind. Der helle Tag

findet unsern Körper müd, unsere Seelen verschlossen. Doch die dunkle

Mutter öffnet ihren Kindern die schweren Augen. Auf den samtenen Fittichen

einer trunkenen Traurigkeit werden die Ahndungsvollen mit sanfter Gewalt

dem Bann der dunklen Erde entrückt und zu den Gefilden der Seligen, den

himmlischen Gärten hin entführt, wo die leuchtenden Sternkugeln

überherrlich entzündet sind.

Ich treib auf Trümmern, ziellos, unentwegt. Lang ist die Irrfahrt. Das

Haupt drückt schwer. Müd ist die Hand. O, alles zerbarst, alles zerkrachte.

Wie wütend die Wellen schlugen. Alles über Bord -- O, splittert Planken!

Noch einmal, o, noch einmal und -- letzter Kampf! O: alles dann aus und

Raub der Wogen . . . Und ich warte. Alles geht über mich. Alles verweht

mich. Was hilft mir zur Ewigkeit? Komm Untergang!

O, und Blut! Blut! Blut! O, über ein Meer von geschändeten Nonnenleichnamen

die Morgensonne aufgehn sehen, mit krampfhaft verstreckten Händen über den

Weltenraum hin, aus Opiumdüften unerhörte Visionen des Kreuzes, daß es

purpurn flattert. O, wir tragen unsere reinsten Wünsche nach dem Untergang.

Wir erarbeiten ihn. Alles wird Geschlecht. Uns betrübt kein kleinlicher

Unterschied. Wir endigen in einem Hexensabbath der Hysterie. In einem

Teufelstanz der unerhörtesten Perversitäten. Nur große Schauspiele befreien

euch den Geist. Daß ihr erlöst werdet vom Fleisch, peitscht euch das Blut

auf! _Rhythmitisiert euch! Steht auf! Steht auf! Schlagt nieder! Stoßt zu!

Brecht auf!_ O, du ätherische Wollust des Nur-Gedenkens! O: und aus den

überwehten Grüften der Entschlafenen in die ewige, zeitlose Helle steigend!

. . .

Seht, oben bin ich seltsam gut und träumerisch. Unten aber schlecht,

verseucht und angefault. Das bin ich. Doch meine Tiefen sollen wieder Höhen

werden. Aller Schmerzen Abgründe jubelnde Bläuen. Und meine Verirrungen --

denn noch jage ich trunken dahin, unbewußt, dumpf benommen und wie von dem

schwülen Duft aufblühender Rosenhecken und dem betäubenden Geruch süßer

Mädchenleiber umhüllt -- und meine Verirrungen sind mir Gewähr eines einst

sich besseren Zurechtfindens. Doch das wird lange dauern. Das braucht Zeit.

Ich habe Zeit . . .

* * *

Wenn ihr klug seid, vertut die schöne irdische Zeit mit Spiel und Tanz, mit

Weib und Wein! Schlaft trunken ein unter Rosenhecken, unter goldenem

Sternenglanz, umspielt vom weichen Strome milder Frühlingsdüfte. Erwacht

dann wieder, süß umschlungen, erweckt von holdem Engelsgesang, der

himmlischen Musik . . . Die Nacht vergeht. Der Tag bricht an. Die Sonne

sinkt. Dazwischen schallender Gesang der Vögel. Wasserrauschen. Durch die

Wipfel der Bäume Brausen des Windes.

Unsere Heimat ist die Erde. Von Erde sind wir. Zu Erde werden wir.

Dornenkränze um die geneigten Stirnen, Wunden an Händen und Füßen, Narben

in den schmerzlich entstellten Angesichtern, mit bleichen verbluteten

Lippen: allen Leiden der Menschheit, dem Tode vertraut, der raschen Zeit,

dem lauten Leben fremd und leidlos abgewandt: so wandern wir einst,

Millionen Gekreuzigte, im blauen Abendschein unserer Heimat, unserer Erde

zu. Einsam waren wir. Einsam ziehen wir von hinnen. Unser Schicksal hieß

Kampf und Begehr. Ein Unbestimmtes trieb uns. Ein Geheimnis zwang uns

Ohnmächtigen gebieterisch seinen unbarmherzigen Willen auf. Es bannte uns.

Es jagte uns. Über grüne Frühlingsfluren, besprengt mit Blut dahin. Von

Ängsten zerfetzt, von Wahnsinn zermartert, standen wir plötzlich hilflos,

gleich den von ersten Blütendüften trunkenen Kindern, unschlüssig und

staunend vor feurigen Abgründen. Ein Flammenstrom verschlang uns.

Wir führten die Waffen im jugendlichen Heldenkampfe um ein geträumtes

Reich, dessen strahlende Herrlichkeit und lichte Himmelswonnen wir aber

nicht im Irdischen erschauen durften. Denn es blüht bei Gott. Hier

zermalmen uns Not und Gefahr, verruchte Willkür, Blut und Sehnsucht, heller

Tag. Doch uns Ermüdete tröstet die blaue Nacht. Ein himmlischer Gesang, der

fernher näher dringt. Über die Gräber weht er. Über die Gräber braust er.

Die Toten erweckt er. Das Innere der Erde durchdringt ein warmer,

göttlicher Hauch. Die irdische Decke birst. Ineinander stürzen Strom und

Berg, Acker, Wald und Tal. Das dunkle Grab bricht auf. Dampfendes,

stöhnendes Gewühl von Millionen heiß ineinander verschlungener, blanker

Menschenleiber. Aus dunklen, verfeuchteten Grabkammern und Gewölben

Rasseln, Schall und Gedröhn der schweren, zerklirrenden Ketten. Goldene

Spangen, glänzende Rüstungen, silberne Schwerter. Das hell aufblitzende,

bleich schimmernde, das erwachende Totenmeer. Ewigkeiten, Firmamente jubeln

auf darin.

* * *

Wie ich so daliege, die beiden Hände gefaltet, das Angesicht nach oben, die

Augen den Sternen zugekehrt, vergeht wieder diese törichte, schwärmerische

Schwäche. Ich sehe wieder klar. Ein klein wenig Auswurf Blut kommt aus

meinem Herzen. Aus meinem Munde strömt es nun. Aus Nase, Ohren. Ich sehe

die kleine Welt durch einen blutig nassen Schleier. Bemale mich. Das Messer

streckt sich steil aus meiner Brust. Wippt bei jedem Atemzug. Ein

vergessenes Holzscheit, das tief in der Erde steckt. Ein Anblick, der

gleich zum frivolsten Gelächter als zum gläubigsten Erschauen zwingt. Doch

ich will nicht daran rühren . . . Was ist Leben: Rausch, Taumel, Versinken

in Blut. Nur am Ende: aus rötlichen Dämmerungen empor und befreit goldene

Flügel spannen.

* * *

Die Flammen, die auf mich eindringen, mich glühend und heiß bedrängen,

wandeln sich in rauschende, wildflatternde Ströme purpurnen Weines und

wallenden Blutes, die ich gierig in mich hineintrinke.

Kommt, gebt den Abschiedskuß, o Brüder, Schwestern den Entschlafenden!

. . . Unsere Körper sind zertreten, unsere Seelen sind zerschlagen.

Himmlische Räume! Himmlische Räume! Dort werden Blumen blühen, herrlich wie

auf diesen Erdenauen. Ewige Sonne wird uns leuchten. Ihr Licht wird uns auf

singenden Pfaden durch blumige Gelände leiten. Eine milde Hand wird uns

führen. Kein irdisches Leid betrübt uns. Keine Müdigkeit wird unsere Körper

befallen. Wir sollen gesättigt werden. Leicht und frei werden uns über

unermessene Länder englische Schwingen tragen. Unter großen rauschenden

Schattenbäumen werden wir ruhen, unverdrossen und munter. Wo kräftige

Quellen sprudeln. Wo herrliche Blumen aus tiefen duftigen Talgründen

auferblühen. _Wir harren der himmlischen Welt._

Verfall und Triumph, Zweiter Teil: Versuche in Prosa · 第 10 / 38 题