»Es ist wegen der Milch für das Annele,« sagte die Tante jetzt. »Am

Morgen und am Abend soll es trinken, ganz frischgemolken. Morgens

bringst du sie vor der Schule herauf, denn da darf das Annele

noch nicht heraus. Abends kann es dann bei schönem Wetter zu euch

hinauskommen.« Der Philipp nickte zu allem. Das kam ihm Antwort genug

vor, denn er war immer noch gar kein Redner. Dem Annele schien es aber

etwas zu wenig zu sein. Es hatte aufmerksam zugehört und sagte nun:

»Warum sagst du gar nichts? Man muß doch auch ja sagen, wenn man so tun

will.«

Die Tante mußte im stillen ein wenig lachen. Das sah sie schon, bei dem

Annele konnte der Geißlipp nicht so stumm bleiben, das würde ihn schon

gesprächig machen.

* * * * *

Jetzt war es nicht mehr leer und öd in den großen Zimmern oben im

Schulhaus. Je kräftiger und gesünder das Nichtchen wurde, desto

vergnügter sang und sprang es umher und ganz still war es eigentlich

nur, wenn es in seinem Bett lag und schlief. Der Onkel dachte schon

daran, das Annele nun mit in die Schule hinunterzunehmen, damit es

nicht ganz aus der Übung komme, aber jetzt hatte es noch Ferien.

Die Tage waren herrlich ausgefüllt. Ganz früh am Morgen, wenn das

Stadtkind kaum aufgestanden war, kam der Geißlipp (das Annele sagte

aber immer wie die Tante Philipp zu ihm) und brachte die frische Milch.

Das war immer ein Hauptvergnügen. Die Tante hatte jetzt schon Recht

behalten. Es war ein ganz anderer Bub als vor einem halben Jahr, wenn

man es auch noch lange nicht überall merkte. Bei den Dorfleuten stand

das Urteil über den Geißlipp viel zu fest, als daß man darauf geachtet

hätte, ob er sich nach und nach ein wenig bessere. Aber im Schulhaus

war das anders. Annele hatte noch nie gehört, daß der Philipp anders

sei als andere Buben.

[Illustration]

»Laß sie nur,« hatte Fräulein Margret zu dem Lehrer gesagt. »Sie lernt

nichts Böses von ihm, darauf will ich schon achten. Und man weiß

nicht, was es für den Buben wert ist, wenn er auch einmal harmlos mit

einem andern Kinde verkehren kann.« So konnten die beiden ungestört

Bekanntschaft schließen.

Annele hatte zwar bald Freundinnen gefunden, Schultheißens Sophie und

des Krämers Karoline, die alles mitspielten, was sie angab, und die

sie gern ein wenig hin und her kommandierte. Aber es war noch viel

genußreicher, am Morgen an das hintere Gartentürchen hinunterzuhuschen

und dort auf den Philipp zu warten, bis er in schnellem Schritt, daß ja

die Milch noch warm sei, um die Ecke kam. Sie brachte dann schon ihren

Becher mit und trank im Garten, und dann hatte sie dem Philipp hundert

Dinge zu zeigen und noch viel mehr zu fragen. -- Warum die Kirschen

zuerst grün sind und dann rot werden? Warum die kleinen Entchen gleich

von selber ins Wasser gehen? Ob die kleinen Vögelein in dem Nestchen

hinten in der Haselnußhecke jetzt bald fliegen können?

Und dann mußte er helfen zählen, wieviel Tag- und Nachtblümlein

über Nacht aufgegangen seien, und mit Annele das Wespennest in der

Kirchhofsmauer besichtigen, natürlich nur aus sicherer Entfernung.

So etwas konnte man mit den Freundinnen nicht besprechen. Sophie riß

nur die Augen weit auf und Karoline sagte auf die schwierigen Fragen:

»Ha, das ist von selber so. Komm, wir tun lieber Fangerles.« Und dem

Stadtkind war doch alles neu und wichtig. Der Geißlipp aber konnte

über vieles Bescheid geben. Er war so viel allein, da waren ihm schon

allerlei Gedanken gekommen, die anderen Kindern nicht einfallen, und

wenn er gewiß wußte, daß niemand sonst zuhörte, so konnte er dem Annele

ganz verständigen Bescheid geben.

Schöner war's aber doch noch, am Abend mit der Tante an das kleine

Häuschen des Geißlipp hinauszuwandern. Die Milch schmeckte so ganz

frischgemolken auf dem Bänklein vor der Haustür am allerbesten. Annele

fürchtete sich gar kein bißchen vor Philipps Vater.

»Du, der ist bös, er hat einmal etwas Arges getan,« hatte einmal

eines der Mädchen zu Annele gesagt, als diese im höchsten Vergnügen

erzählt hatte, wie nett es sei, wenn »der große Geißlipp' ihr die

Milch in den Becher melke, und wenn er sie auf den Arm nehme, daß sie

das Schwalbennest an der Dachrinne genau sehen könne. »Ist das wahr,

Tante? Tut er einem nichts?« hatte Annele darauf ein wenig erschrocken

gefragt. Und die Tante hatte das Kind zu sich herangezogen. »Siehst

du, Annele,« hatte sie gesagt, »wenn du einmal ungehorsam und unartig

gewesen bist und du willst dann wieder lieb sein, gelt, dann verzeiht

dir's die Mutter? Und dann mußt du nur den lieben Gott bitten, dann

verzeiht er's dir auch, und dann ist alles wieder gut und niemand darf

mehr sagen, du seiest ein böses Kind.« Annele war sehr einverstanden.

»Und so ist das auch bei dem armen Mann, den gar niemand lieb hat, weil

er einmal bös gewesen ist. Er will jetzt wieder gut sein und vielleicht

hat es ihm der liebe Gott schon lang verziehen, da dürfen wir nicht

mehr sagen, er sei bös. Und fürchten müssen wir ihn auch nicht, gar

nicht.«

Annele war mit dieser Erklärung sehr zufrieden und teilte sie auch

den Kamerädinnen mit. Es war nur schade, daß diese sie nicht so

recht verstanden. Aber die neue Freundschaft machte desto bessere

Fortschritte, und Fräulein Margret ließ es sich gar nicht anfechten,

daß sich die Leute im Dorf so sehr darüber verwunderten.

Wenn das Annele seine Milch hatte, so ging die Tante dann meistens

ein Weilchen in die rauchige Küche. Denn wenn der Vater des Philipp

auch immer noch ein wenig knurrig und brummig war, und auch nicht viel

sagte, so tat es ihm doch wohl, daß ein Mensch nach ihm sah und mit

ihm redete wie mit seinesgleichen. Und das, merkte die Tante wohl und

machte sich nichts daraus, daß er nicht so besonders freundlich tat.

* * * * *

Es war an einem schönen, klaren Abend. Die Tante war zum erstenmal von

dem Mann in die Stube geführt worden. Er war nie recht so keck gewesen,

es vorzuschlagen. Aber sie hatte ihn heute nach seinem Weib gefragt,

und jetzt wollte er der Tante ihr Bild zeigen, das in der Stube hing.

Sie saßen einander gegenüber am Tisch. Der Mann hatte den Kopf in

die Hand gestützt und sah finster vor sich hin, und Fräulein Margret

betrachtete ihn mitleidig. Sie hätte ihm so gern etwas Liebes gesagt

und doch wollte ihr nichts Rechtes einfallen. Draußen hörte man die

lustige Stimme des Annele und dazwischenhinein allemal wieder ein paar

bedächtige Worte des Buben. Und von Zeit zu Zeit streckte Annele den

Kopf durch die Fensteröffnung herein und wollte wissen, ob die Geißen

gern Vergißmeinnicht fressen und ob die Schwalben die Mücklein lebendig

verschlucken?

»So eines hätt ich jetzt auch,« fing der Mann auf einmal an und drückte

gewaltsam die Fäuste an die Augen, daß da nichts heraustropfen konnte.

»So groß wie das Annele wär mein Dorle auch, wenn es noch am Leben wär!

Ist ihm aber gut gegangen, daß es bald gestorben ist. Dann kann man

wenigstens nicht von klein auf prophezeien, daß nichts aus ihm werde,

wie meinem Buben. Mein Weib ist ihm bald nachgegangen, es hat's auch

nicht aushalten können.« Er wollte noch mehr sagen, er wollte noch

sagen: »Ich halt's auch nicht mehr aus so, das Leben ist ein Elend,

wenn man immerfort denken muß: Du bist an allem schuldig.« Aber er

konnte nichts mehr herausbringen. Er legte den Kopf auf den Tisch und

weinte wie ein Kind. Fräulein Margret ließ ihn eine ganze Weile in

Ruhe, sie wußte, daß da manches heraus- und vom Herzen hinunterkomme,

und das wollte sie nicht stören. Endlich aber sagte sie freundlich: »So

jetzt wollen wir einmal nicht mehr immer an dem hängen bleiben, was

vergangen ist. Und nicht nur denken, es müsse alles so bleiben, wie

es jetzt ist. Was die Leute im Dorf sagen, darauf wollen wir einmal

eine Weile gar nicht hören. Und daß etwas aus dem Philipp wird und

das etwas Rechtes, dazu wollen wir zusammenhelfen. Dann kommt alles

nach und nach besser.« Sie bot dem Taglöhner die Hand und sah ihn so

aufmunternd und entschlossen an, daß es ihm selber auch ein wenig

hoffnungsvoll ums Herz wurde.

Er strich sich mit der Hand über die Stirn, als ob er da etwas

wegwischen wollte, und sagte: »Ihnen könnt man's fast gar glauben.« In

diesem Augenblick ertönte ein lauter Jubelruf von Annele. Und gleich

darauf kam das Kind ans Fenster, eifrig etwas in die Höhe streckend,

das ihm Philipp entreißen wollte. Philipp hatte ein rotes Gesicht und

war aufgeregter, als ihn Fräulein Margret je gesehen hatte. »Gib's

her,« sagte er heftig. Aber Annele rief lustig: »Nein, nein, keine

Rede, die Tante muß es auch sehen und vielleicht auch noch der Onkel.«

Die beiden großen Leute waren ans Fenster getreten. Der Vater erschrak,

denn auf des Buben Gesicht malte sich deutlich ein großer Zorn, und den

Ausdruck kannte er wohl und mußte ihn ja fürchten, weil der Zorn ihn

selber auch so unglücklich gemacht hatte. Die Tante sah den Zorn auch.

»Wenn das, was du in der Hand hast, dem Philipp gehört,« sagte sie

ruhig zu Annele, »dann gib es ihm. Ich will es nur sehen, wenn er mir's

selber zeigt.« Annele gehorchte nur ungern, aber es mußte wohl sein.

Es war das Stück von einer Schiefertafel, das der Geißlipp immer so

sorgfältig verbarg. Annele hatte es entdeckt und jetzt sagte sie: »Ich

sag aber doch, was drauf ist. So etwas Nettes, Tante, es ist nur dumm,

daß er es nicht sehen läßt.«

Philipp wurde noch röter als vorher und dann ein wenig blaß, und er biß

sich fest mit den Zähnen auf die Unterlippe. Und dem Annele warf er

einen Blick zu, daß man denken konnte, er wolle ihm etwas antun, und

das nichts Gutes. Aber er sagte nichts.

»Nein, lassen Sie den Philipp,« sagte Fräulein Margret, als der Vater

auffahren wollte über den störrischen Buben. »Komm, Annele, für heut

müssen wir heim. Gib dem Philipp die Hand, du darfst ihn nicht zwingen,

daß er zeigt, was er nicht gern will. Willst du mir's nicht morgen

selber zeigen, Philipp? Gelt, es ist doch nichts Böses? Und daß ich

dich nicht auslache, weißt du.«

Dann ging sie, und das Annele ging ganz zahm an ihrer Hand, denn es war

ein wenig erschrocken.

Der Philipp stand noch lang am gleichen Fleck und starrte den beiden

nach. Auf einmal fuhr er zusammen, denn da geschah etwas, das noch nie

gewesen war. Der Vater strich ihm traurig mit der Hand über das Haar

und sagte: »Du armes Tröpflein! Wenn du auch eine Mutter hättest!« Und

dann ging er ins Haus, ohne zu schelten.

* * * * *

Am andern Morgen kam der Geißlipp viel früher als sonst mit seiner

Milch an. Das Annele war noch nicht aufgestanden und der Herr Lehrer

hatte erst vor einer kleinen Weile das Haus verlassen, um einen kleinen

Morgenspaziergang zu machen. Aber das war beides dem Geißlipp ganz

recht. So hatte er es gerade gewollt. Man konnte seinem Gesicht wohl

ansehen, daß er etwas Besonderes vorhatte, und das Haar hatte er sich

ganz naß gemacht, daß es fest und dunkel am Kopf anlag. Das schien dem

Geißlipp besonders geordnet vorzukommen.

Fräulein Margret war in der Küche. Sie hatte die Ärmel hinaufgeschlagen

und knetete einen Teig. Als der Geißlipp eintrat, wandte sie sich um

und begrüßte ihn so freundlich, als ob gar nichts Besonderes gewesen

wäre. Sie nahm ihm die Milch ab und trug sie dem Annele hinein, und

als sie wieder herauskam und den Buben noch auf derselben Stelle fand

sagte sie: »Hast du noch etwas sagen wollen, Philipp? Nur kecklich

heraus damit.« Es schien dem Philipp nicht leicht zu gehen, denn er

mußte tief aufatmen. Und dann griff er nur in seinen blauen Kittel und

zog den Tafelscherben hervor. »Da,« sagte er. »Aber« -- er sah Fräulein

Margret zaghaft an. Er hatte noch sagen wollen: »Aber niemand zeigen,«

und dann kam es ihm so in den Sinn, daß er ihr gewiß gut vertrauen

könne und sich gar nicht zu fürchten brauche.

[Illustration]

Auf Fräulein Margrets Gesicht prägte sich eine große Verwunderung aus.

Sie sah den Geißlipp erstaunt an, so, als ob sie etwas nicht recht

begreifen könne. »Hast ~du~ das gemacht?« fragte sie. Der Philipp

nickte nur. »Ja aber, lieber Bub', das muß man so zufällig finden, und

du sperrst dich noch dagegen, daß man's ansieht? Du kannst ja zeichnen!

Das sind junge Spatzen, die sperren ihre Schnäbel auf und wollen

gefüttert sein! Und das auf der andern Seite ist unsere Laube, und auf

dem Dach sitzt die Mieze und putzt sich. Und das davor wird wohl das

Annele sein, das kennt man nicht so recht!«

Fräulein Margret wurde ganz lebhaft, und ihr Gesicht war so freudig,

daß es der Geißlipp nur immer ansehen mußte. Er hatte sich die Sache

ganz anders vorgestellt. Er hatte schon immer, seit er sich denken

konnte, mit Rötelstückchen und Griffel- oder Bleistiftrestchen, oder

was nur irgend einen Strich gab, überall herumgekritzelt. An Haustüren

und Fensterläden und, als er in die Schule kam, an den Bänken und an

der Wandtafel. Und das hatte ihm schon viele Schläge eingetragen. Der

Lehrer hatte einmal den Vater Geißlipp auf der Straße getroffen und zu

ihm gesagt: »Wenn das Gesudel überall herum jetzt nicht aufhört und

alle meine Prügel nichts nützen, so lasse ich Euch dann einmal Strafe

zahlen, Berner. Das ganze Dorf beklagt sich darüber.« Darauf hatte

der Vater den Philipp am Abend tüchtig durchgeprügelt und ihm gesagt:

»So, das ist ~einmal~. Wenn ich wieder etwas von deinen dummen

Sudeleien sehe, so gibt's wieder.«

Seither hatte der Philipp nur noch auf seinen alten Tafelscherben

gekritzelt, und je mehr und öfter er allein war, desto lieber wurde

ihm diese Beschäftigung. Als nun das Annele den kostbaren Scherben

entdeckte, stand es dem Philipp schrecklich vor Augen, daß er am Ende

nun auch ~den~ hergeben müsse und dann gar nicht mehr zeichnen

könne, und daß dann vielleicht auch noch Fräulein Margret böse auf

ihn sei und nichts mehr von ihm wissen wolle. Darum war er so zornig

geworden, daß er das Annele am liebsten gekratzt hätte. Aber als er

gestern abend noch eine Weile wach in seinem Bett lag und über das

Erlebnis nachdachte, stand immer Fräulein Margret vor ihm. Er konnte

sie deutlich sehen, wenn er auch die Augen zumachte, und sie sagte:

»Gelt, es ist ja doch nichts Böses? Und daß ich dich nicht auslache,

das weißt du!«

Und Philipp beschloß, ihr seinen Schatz zu zeigen. Sie sollte nicht

denken, es sei etwa ~doch~ etwas Böses und er habe kein Vertrauen

zu ihr.

Aber daß es so gehe, das hätte er sich nicht träumen lassen. Es wäre

dem armen Buben schon ganz genug gewesen, wenn sie ruhig gesagt hätte:

»Nein, das ist nicht schlimm, das darfst du wohl tun, wenn doch niemand

mit dir spielt.« Daß ihm aber Fräulein Margret auf die Schulter klopfte

und sagte: »Du kannst nicht wissen, wie mich das freut, Philipp. Das

ist eine gute Gabe, die du da hast. Da müssen wir den Herrn Lehrer

bitten, daß er sich um dich annimmt,« das alles überwältigte den

Geißlipp so, daß er zur Küche hinausrannte, die Treppe hinunter und

dann wieder herauf. Denn zu sagen wußte er für den Augenblick nichts,

und doch mußte er seinem Herzen Luft machen.

Den Tafelscherben bekam der Philipp heute noch nicht zurück. Aber

das tat nichts, er war in guten Händen. Und wenn heute ein Fremder

in die Schule gekommen wäre und hätte den Philipp gesehen mit seinen

aufmerksamen Augen und dem glänzenden Gesicht, so hätte er gewiß nicht

gedacht, daß das der allgemein bekannte Nichtsnutz des Dorfes sei,

der »faul für zwei und unartig für drei« sei. Denn dem Philipp war

ein neuer Lebensmut ins Herz gekommen, und für heute einmal fürchtete

er sich vor niemand und nichts. Vielleicht war jetzt schon etwas von

dem wahr, was Fräulein Margret einst gesagt hatte: »Auf einmal müssen

es auch die andern merken, daß das nicht mehr der alte Philipp ist,

sondern ein ganz anderer.«

* * * * *

Das Annele konnte seit einiger Zeit nicht mehr so recht zufrieden sein

mit seinem Kameraden. Er war zwar munterer als je, und sein Gesicht sah

jetzt immer aus, als ob er ein besonderes Vergnügen wisse. Aber wenn

ihn das kleine Mädchen im ganzen Garten herumschleppen wollte und bald

bei den frühen Pflaumen, bald bei der Haselnußhecke einen Aufenthalt

machte, so sagte der Philipp jetzt meistens bald: »Jetzt muß ich

gehen und lernen« oder: »Heut kann ich nicht, ich muß noch an meiner

Zeichnung schaffen.« Das hatte er früher nie getan, und dem Annele kam

es langweilig vor, denn es hatte sich ganz daran gewöhnt, den Philipp

alles Mögliche zu fragen und ihn oft um sich zu haben. Am liebsten

wäre es nun auch in die Schule gegangen, es hörte sich von außen so

lustig an, wenn die vielen Stimmen zusammen sangen: »Kuckuck, Kuckuck

ruft's aus dem Wald« oder: »Alle Vögel sind schon da«. Und wenn in

der Freizeit die ganze Schar herauskam und sich im Schulhof tummelte,

so war das Annele zwar mitten drunter, aber es wäre dann auch gern

mit ihnen hineingegangen, wenn die Freistunde aus war, und sah dann

manchmal noch sehnsüchtig nach der verschlossenen Tür. Aber die Mutter

hatte geschrieben, daß sie nun bald kommen wolle, um das Töchterlein

nach Hause zu holen, und daß es bis dahin noch so viel als möglich in

der freien Luft sein solle, denn die Mutter wolle rote Backen sehen,

wenn sie komme. So kam es, daß sich das Stadtkind je länger, je mehr

aufs Heimkommen freute, und auch das rot und weiße Strickzeug samt

den schönen Geschichten, die die Tante zu erzählen wußte, konnte die

Langeweile nicht mehr bannen.

Das kam jetzt nie mehr vor, daß der Geißlipp ganz allein und entfernt

von allen fröhlichen Menschen stand und finster zusah, wie andere

vergnügt waren. Wenn man sein freudloses Kinderleben mit dem wilden

Mauergärtlein hinten an dem Häuschen des Geißlipp vergleichen

wollte, so konnte man jetzt deutlich merken, daß der liebe Gott

da einen Gärtner angestellt habe, der den Schutt wegräumen und das

Unkraut ausreißen und freundliche Blümlein da anpflanzen mußte, wo

vorher Stechäpfel und Nesseln standen. Es war jetzt so mancherlei

Erfreuliches, man konnte es kaum aufzählen, und daher kam es, daß dem

Philipp die Freude zum Gesicht heraussah.

Zuerst war ein Tag gekommen, da saß der Lehrer bei Philipps Vater auf

dem Bänklein vor der Haustür, und wer vorüberging, der konnte deutlich

sehen, daß die beiden ein wichtiges Gespräch miteinander hatten. Ein

paar Tage nachher wußte man es im ganzen Dorf, daß der Lehrer dem

Geißlipp Privatstunden im Zeichnen geben wolle, und daß er gesagt habe,

als er von dem Vater wegging: »Aus dem Buben wird noch etwas, das könnt

Ihr glauben, Berner.« Man wußte jetzt nächstens nicht mehr recht, was

man von dem Vater und dem Sohn halten sollte. Am Ende wurde der Bub'

doch noch wie andere, und es war ja auch wahr, daß er keine Mutter

gehabt hatte. »Am End' kommt's nur drauf an, daß man sich ein bißle

nach ihm umsieht,« sagten die Weiber zueinander, und die Bachbäuerin,

die drei Buben in der Schule hatte, sagte zu diesen: »Lasset doch den

Geißlipp auch manchmal mittun. Ich meine, der Bub' sei nicht so bös,

wie man immer tut.«

Es war merkwürdig: vorher hatte in ganz Rötenberg niemand daran

gedacht, daß man dem Philipp ein wenig zurechthelfen sollte, und jetzt

hatten es auf einmal alle bemerkt, daß er kein solcher Nichtsnutz

werden müsse, wie die andern geglaubt hatten. Fräulein Margret mußte

manchmal ein wenig lachen, wenn sie die Leute reden hörte, aber sie

war froh genug, daß der Philipp jetzt öfters fröhlich mit den andern

spielte, und daß sein Gesicht einen ganz andern Ausdruck bekam, und

sie dachte, es sei ja gleich, wer zuerst angefangen habe, sich um ihn

anzunehmen.

Es geschah noch mehr Gutes. Der Vater Berner ging lange nicht mehr

so finster und drohend einher wie früher. Er hatte einen ganz neuen

Lebensmut bekommen, seit er nicht mehr so ganz allein stand und seit er

neue Hoffnungen auf seinen Sohn setzen konnte. Und es fiel ihm vieles

ein, was ihm der Herr Pfarrer aus dem Nachbarort (denn Rötenberg hatte

keinen eigenen) früher oft umsonst gesagt hatte: nämlich daß der liebe

Gott keinen Menschen ganz verlasse, der ihn nicht verlasse, und daß er

auch die Herzen der Mitmenschen lenken könne, daß sie sich einem wieder

auftun, wenn man selber auch friedfertig sei und nicht mehr hochmütig

und feindselig. »Ich verlang' nichts, als daß man mich in Ruh' läßt,«

hatte Berner damals immer gesagt, und so hatte ihn endlich auch der

Pfarrer in Ruhe gelassen.

Jetzt war das nicht mehr so. »Es ist halt ein Elend, wenn man so

allein hausen soll, man ist in seiner eigenen Stub' nicht daheim,«

sagte er ein paarmal zu Fräulein Margret. Und eines Tages sah ihn zu

ihrem höchsten Erstaunen die alte Kätter, die in einem Hinterstübchen

beim Metzger wohnte, bei sich eintreten. Kätter war ein verwachsenes

Weiblein, das sich mit Flicken ehrlich und spärlich durchbrachte, und

sie war ganz weitläufig mit dem Geißlipp verwandt.

Der Vetter drehte seine Kappe verlegen in den Händen hin und her,

und endlich sagte er: »Kätter, du könntest wohl zu mir ziehen. Platz

gäb's da noch, und das Essen langt auch für uns drei, und an dem Buben

könntest du dir einen Gotteslohn verdienen. So allein mit mir, das ist

nichts für so ein Junges.«

Die Kätter mußte nicht lang fragen, ob der Vetter auch ordentlich mit

ihr sein werde, und ob sie sich nicht vor seinem zornigen Wesen zu

fürchten habe. Sie sah wohl, daß da allerlei anders geworden sei, und

so zog sie denn mit ihrem Bett und der bemalten Holzkiste, in der

ihre Kleider waren, mit dem großen Nähkissen und der Hornbrille in das

Häuschen des Geißlipp ein.

Und nun konnten sie beide, der große und der kleine Geißlipp, erfahren,

was eine Heimat ist. Der Vater freute sich, wenn er den Schornstein

rauchen sah, wenn er heimkam, denn nun wußte er, daß da jemand für ihn

sorge und zu ihm gehöre. Und der Philipp konnte mit seinen Löchern im

Kittel und in den Hosen immer zur Base kommen und brauchte sich nicht

mehr von den Buben nachrufen zu lassen: »Geißlipp, deine Geiß hat dir

die Hosen zerrissen.«

Es war noch viel Gutes an der neuen Einrichtung. Denn die Kätter hatte

zwar einen ganz krummen Rücken, aber ein freundliches Gesicht und ein

liebevolles Herz, und das war mehr wert.

Es wurde Herbst. Das Annele reiste ab und nahm sehr warmen Abschied

von seinem guten Kameraden. Und es war bereits beschlossen, daß es

in der nächsten Sommervakanz wiederkomme, und daß dann viel Schönes

auszuführen sei. Der Geißlipp winkte lange dem Wagen nach, in dem

das Annele mit seiner Mutter saß. Er hatte seiner kleinen Freundin

zum Abschied ein Blättchen gezeichnet, darauf waren in der Mitte die

beiden Geißen zu sehen, die ein Büschel sehr große und deutliche

Vergißmeinnicht vor sich hatten und lustig fraßen. Und außen herum

stand mit großen Buchstaben: »So schön es diesen Sommer war, so schön

wird's wieder übers Jahr.« Den Reim hatten die Kinder miteinander

ausgedacht, und er gefiel ihnen sehr gut, und Fräulein Margret hatte

ihn ebenfalls belobt.

Als der Wagen verschwunden war, kehrte der Philipp ins Haus zurück und

ging geradeswegs auf das Zimmer des Herrn Lehrers zu. Er mußte sich

nicht verlassen vorkommen, wenn auch das Annele fort war, das konnte

man ihm wohl ansehen. Und er hatte auch gar nicht Zeit, sich darüber

zu besinnen, denn es galt, tüchtig zu arbeiten. In der Schule durfte

nichts versäumt werden, das hatte der Lehrer festgesetzt, und nur dann

sollte das Zeichnen vorwärtsgehen.

Das war ein guter Sporn für den Philipp, denn das Zeichnen war ihm

das Liebste von allem, was es zu tun gab, und es war ihm gar nicht zu

langweilig, ganz vorne anzufangen mit geraden und schrägen Strichen.

»Wer groß werden will, muß klein anfangen,« sagte der Lehrer. Und

Philipp wollte gern klein anfangen, es war ihm Freude genug, daß er

überhaupt durfte.

Wenn er jetzt Fräulein Margret sah, so winkten die beiden einander

so verständnisvoll zu, als ob das eine sagen wollte: »Hab' ich dir's

nicht gesagt, daß du probieren sollst, recht zu tun, und daß dann alles

besser werde?« Und das andere: »Du kannst mir sagen, was du willst, ich

glaub' dir alles.«

* * * * *

Es ging ein Jahr ums andere dahin. Man konnte denken, es sei in

Rötenberg alles ganz gleich geblieben, denn es ging alles so seinen

gewohnten Gang. An jedem Morgen kamen von allen Seiten her die

Schulkinder mit ihren Tafeln und Büchern unter dem Arm, und dann kam

der Lehrer die Treppe herunter und begann den Unterricht mit einem

schönen Lied. Und Fräulein Margret stand dann am offenen Fenster oder

arbeitete im Garten und horchte auf den Gesang. Aber wer genau hinsah,

der konnte wohl merken, daß es immer wieder andere Kinder waren, die

sich zusammenfanden. Von denen, die einst neugierig dem Einzug des

Lehrers zugesehen hatten, saßen nun schon manche nicht mehr in den

Schulbänken, sondern fuhren geißelknallend mit den Kühen aufs Feld

oder schafften in Haus und Hof, und einige waren auch nach der Stadt

gegangen, um da ein Handwerk zu lernen oder sonst Geld zu verdienen.

Röschen, Jaköble und andere kleine Leute · 第 16 / 17 段