In den oberen Räumen des Schulhauses war es recht still geworden. Das

Annele kam je länger, je seltener mehr. Denn es hatte solche Freude

am Schulleben gewonnen, daß es nun selber gern eine Lehrerin werden

wollte, und dazu mußte man tüchtig lernen. Und der Geißlipp stieg

auch nicht mehr täglich mit seiner Mappe und seinem stillvergnügten

Gesicht die Treppe empor. Es verlangte Fräulein Margret oft nach den

alten Zeiten, und wenn es auch immer wieder Kinder gab, denen man

etwas Gutes tun konnte, so fehlten ihr doch die ersten Schützlinge.

Dann ging sie manchmal nach dem Häuschen des Geißlipp hinaus, wo

immer noch die alte Kätter am Fenster saß und flickte oder in der

räucherigen Küche hantierte. Oft kam dann auch der Vater Berner heim,

und dann schüttelten die drei einander die Hände wie alte Freunde. Sie

hatten immer etwas Wichtiges miteinander zu verhandeln. Denn Philipps

Vater hielt es immer noch für eine wunderbare Sache, daß sein Bub'

kein Nichtsnutz, sondern ein tüchtiger Mensch werde, und obgleich er

ja sonst nicht viel sprach, sagte er doch immer wieder zu Fräulein

Margret: »Das hat Sie unser Herrgott angewiesen, daß Sie an dem Buben

tun sollen wie eine Mutter, das kann Ihnen kein Mensch vergelten.« Und

die Kätter nickte eifrig dazu, und ihr Faden ging dann noch einmal so

schnell auf und nieder, denn sie wollte auch ihren Teil an der Sache

haben und konnte doch nichts anderes mehr für den Philipp tun, als ihn

immer wieder tüchtig herausflicken. Der Philipp war nämlich nicht mehr

zu Hause.

Er war zwar nicht gerade drauf und dran, ein großer, berühmter Künstler

zu werden, aber man konnte doch jetzt schon sehen, daß einmal ein

tüchtiger Mann aus ihm werde, an dem man sich wohl freuen konnte.

Jetzt war er in einer großen Tapetenfabrik und zeichnete schöne Muster

mit Blumen und Vögeln, auch hie und da freundliche Häuschen mit

Blumengärtlein davor oder weidende Kühe auf einer grünen Matte für

Fenstervorhänge, und man konnte allem, was er machte, wohl ansehen, daß

es mit Lust und Liebe getan war.

* * * * *

Es war einmal an einem schönen, sonnigen Abend im Herbst. Die

Kinder spielten wie sonst auch unter dem großen Kastanienbaum beim

Röhrenbrunnen, und die Erwachsenen kamen vom Feld heim, und der Vater

Geißlipp nahm seine Hacke, mit der er an der Straße gearbeitet hatte,

auf die Achsel und ging ebenfalls heimzu. Er ging jetzt nicht mehr

stumm und mürrisch an den Leuten vorbei und die Leute nicht an ihm.

Denn was schwer und dunkel in seinem Leben gewesen war, das lag jetzt

dahinten.

Um diese Zeit schritt ein junger Wanderer dem Dorf zu. Er mußte da

bekannt sein, denn als er an den kleinen Feldweg kam, der ein tüchtiges

Stück vom Weg abschneidet, ging er sogleich dahinein. Es sah aus, als

ob ihn etwas vorwärts treibe, so große Schritte nahm er. Und doch blieb

er hie und da stehen und sah den ziehenden Wolken nach oder horchte

einen Augenblick still auf den fröhlichen Kinderlärm, den man bis hier

heraus hörte. Der Wanderer hatte nur eine leichte Tasche umhängen, und

aus dieser nahm er ein Büchlein und blätterte während des Weitergehens

ein wenig darin. »Es stimmt alles,« sagte er heiter. »Ich hab's doch

noch gut im Gedächtnis gehabt.« Mancher hätte vielleicht gedacht,

das sei ein sonderbares Bilderbuch. Denn da waren mit flüchtigen

Bleistiftstrichen allerlei unscheinbare Dinge aufgezeichnet: ein Stück

zerbrochenen Lattenzauns, davor ein barfüßiger Bube stand, ein Stück

Grasrain, in dem eine Sichel steckte, ein verwittertes Mauerstück, auf

dem allerlei Unkraut blühte, und noch mehr derartiges. »Es freut sie

doch,« sagte er lächelnd vor sich hin und steckte das Büchlein wieder

ein.

Und dann sah er einige Schritte vor sich einen Mann gehen, der trug

eine Hacke auf der Schulter und legte die Hand vor die Augen, um besser

die Landstraße entlang sehen zu können, hinter der die Sonne unterging.

»Vater!« rief der Philipp laut, denn der war der Wanderer. Er war mit

wenigen großen Sprüngen bei dem Mann, und dann gab es ein Wiedersehen,

wie sich weder der alte noch der junge Geißlipp vor Jahren hätten eins

träumen lassen.

Ob Fräulein Margret das Bilderbuch gefreut hat, das ihr der Philipp am

andern Morgen brachte?

Es wird wohl so sein. Wenn ein Gärtner auch weiß, daß er nicht selber

seiner Pflanzung fröhliches Gedeihen geben kann, freuen darf er sich

doch ihrer, wenn sie wohl gerät.

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Röschen, Jaköble und andere kleine Leute · 第 17 / 17 段