nicht besonders freundlich aus mit seinen trüben Fenstern und dem
wackeligen Lattenzaun am Vorgärtchen. Jetzt war noch Frühjahr, und
der Garten, der dieses Jahr noch gar nicht angepflanzt war, machte
auch einen unordentlichen Eindruck. Wer wollte, konnte hier viel zu
tun finden. Fräulein Margret sah sich um und machte nicht gerade ein
erfreutes Gesicht. Es werde schon eine Weile dauern, bis man sich hier
heimisch fühlen könne, dachte sie. Da sah sie, ein wenig entfernt von
den andern Kindern stehend, einen barfüßigen Buben, der am Zaun lehnte.
Er stand ganz allein und sein Gesicht sah mindestens so aus, als ob
er sich nicht heimisch fühlen könne. Als das junge Mädchen sich die
Hilfstruppen ausgewählt hatte, war er ein bißchen näher hergekommen.
Er hätte sich auch gern anstellen lassen. Aber man hatte ihn nicht
bemerkt und so war er wieder an den Zaun zurückgekehrt. Fräulein
Margret mußte noch ein paarmal zu ihm hinübersehen. Er hatte rotes
Haar und ein sommersprossiges Gesicht und mit den Zähnen biß er fest
auf die Unterlippe. »Wer ist der Bub? Warum steht er ganz allein und
abseits von den andern?« fragte Fräulein Margret einmal das Mädchen,
das ihr einen Korb tragen half. Das Mädchen machte ein geringschätziges
Gesicht. »O, das ist der Geißlipp,« sagte sie. »Der weiß, warum er so
allein ist. Es will keiner etwas von ihm wissen, er ist unartig für
zwei und faul für drei. So hat immer der Herr Lehrer gesagt.« Fräulein
Margret sagte nichts auf den Bericht. Es gab jetzt gerade so viel zu
tun und dann mißfiel ihr auch das Urteil.
Jetzt entstand eine Bewegung auf dem freien Platz vor dem Hause. Denn
um die Ecke am Rathaus war eben ein offenes Fuhrwerk gefahren und darin
saß der Herr Lehrer und noch der Schultheiß und der Stiftungspfleger,
die ihn an der Bahn abgeholt hatten. Fräulein Margret winkte grüßend
zum Fenster heraus und die Schuljugend ballte sich auf einen Knäuel
zusammen, denn jetzt wollte keines gern ganz vornen stehen. Das war der
ganze Empfang. Er war nicht besonders festlich, aber man war es eben in
Rötenberg nicht anders gewöhnt. Der Herr Lehrer stieg aus, schüttelte
den Männern noch die Hand und dann schritt er auf das Haus zu.
Zum Fürchten sah er nicht gerade aus. Er war ein bißchen klein und
hatte ein freundliches, rundes Gesicht und blondes Haar. Der alte
Lehrer hatte einen langen schwarzen Bart gehabt. Die kecksten Buben
sagten schon untereinander: »Der tut einem nichts,« da wandte sich der
Lehrer noch einmal um und sah sich sein Häuflein prüfend an. »Grüß
Gott, ihr Kinder,« sagte er. »Morgen kommen wir dann schon zusammen, da
wollen wir einander dann kennen lernen.« Ein paar von den Buben rissen
jetzt noch die Kappen herunter und dann zerstreute sich die Schar nach
und nach. Denn für heute gab es da nichts Besonderes mehr zu erfahren.
Es war am späten Abend dieses Tages. Vom Kirchturm her hallte die
Betglocke. Da und dort trieb noch ein Knecht seine Kühe vom Brunnen
in den Stall und knallte so ein wenig dazu mit der Peitsche.
Die Hauptstraße herauf kam langsam der Botenfuhrmann mit seinem
hochbepackten Wagen und den festen Gäulen davor gefahren und unter den
Haustüren saßen die Leute und hatten Feierabend. Vor dem Schulhaus
sah man nichts mehr, was an den Einzug hätte erinnern können. Die
Schulkinder hatten ihre Hilfeleistung damit beschlossen, daß sie den
Platz schön reingekehrt hatten. Und dann waren sie mit vergnügten
Gesichtern abgezogen, denn sie hatten ja nicht umsonst geschafft. »Der
Lehrer ist brav, da ist mir's nicht angst,« sagte des Polizeidieners
Andres zu seinem Kameraden. »Aber seine Schwester ist eine Stolze,«
meinte der, »ich bin schon froh, daß man nicht zu ihr in die Schule
muß.« Das war auf dem Heimweg gewesen. Eben kamen sie an dem kleinen
Häuschen vorbei, in dem der Geißlipp wohnte. Eigentlich hieß er Philipp
Berner und sein Vater hieß auch so. Aber er hieß im ganzen Dorfe nur
der Geißlipp, weil er hinten in dem Bretterverschlag am Häuschen
zwei Geißen stehen hatte, die sein ganzer Reichtum waren. Der Vater
arbeitete im Taglohn bei der Gemeinde und der Sohn versorgte neben
der Schule her die zwei Geißen. Und beide waren sie nicht beliebt im
Dorf. Der Geißlipp saß, als die Buben herankamen, auf dem Bänkchen an
der niedrigen Haustür. Er hatte einen Tafelscherben auf den Knien und
kritzelte darauf. Als er die Kameraden sah, fuhr er schnell mit der
Hand darüber, denn sie sollten nicht sehen, was er tat. Die andern
aber blieben nicht bei ihm stehen. »Du kannst dich dann in acht nehmen
morgen,« rief des Bachbauern Jakob herüber. »Der Lehrer wird's bald
wissen, was du für einer bist.« »Ja und an deinem Namen steht im Buch
ein rotes Kreuz, der Büttel hat's gesagt, der hat's gesehen,« fügte
Andreas hinzu. »Dich möcht' ich nicht sein.«
Der Geißlipp fuhr mit der Hand in die Tasche und brachte einen Stein
heraus. Das mußte aber den andern nichts Neues sein, denn sie merkten
gleich, was er wollte, und verschwanden schnell hinter der Hecke. Da
war der Geißlipp wieder allein. Er ließ den Stein fallen und biß die
Zähne wieder übereinander. »Ich krieg euch doch noch,« murmelte er
dann. »Ich finde dann schon noch etwas aus, daß ihr eine Weile genug
habt.« Aus dem Häuschen rief eine tiefe Stimme: »Marsch herein jetzt
ins Bett.« Das war der Vater, der sich schon zur Ruhe begeben hatte.
Da verbarg der Bub seinen Tafelscherben in einem sicheren Versteck und
ging ins Haus.
Die beiden sprachen nicht viel miteinander. Der Vater war ein
finsterer, wortkarger Mann. Er war einmal, als sein Sohn noch ganz
klein war, ein paar Jahre im Zuchthaus gewesen, weil er im Zorn einen
verwundet hatte. In der Zeit war sein Weib gestorben und den Kleinen
hob man so lang im Armenhaus auf. Seit der Vater wieder da war, lebten
die zwei miteinander in dem Häuschen und waren fast mit niemand gut
Freund. Der Sohn wußte es gar nicht anders, als daß er ein böser Bube
sei, vor dem man sich in acht nehmen müsse. Das hatten die Leute
schon zu ihm gesagt, seit er sich denken konnte. »Der wird gerade wie
sein Vater,« sagten sie. Und Philipp gab sich gar keine Mühe, anders
zu sein, als so, wie er war. Wenn ihn die andern Buben neckten und
höhnten, so fuhr er unter sie mit geballten Fäusten oder warf mit
Steinen und es gab fast keinen in der Schule, dem er nicht schon einen
Schabernack angetan hatte. So kam es denn, daß auch der Lehrer kein
Freund des Geißlipp gewesen war, und er zweifelte gar nicht, daß das
mit dem neuen ebenso werden würde. Nämlich so, daß er fast jeden Tag
irgend eine Strafe bekommen und im übrigen der schlechteste Schüler
sein werde. Er ging jetzt drei Jahre in die Schule und seither war es
immer so gewesen. Manchmal blieb er dann auch ein paar Tage ganz weg,
bis der Vater dahinterkam und ihn hineintrieb.
Jetzt kroch der Sohn in sein Bett. Er hatte ein gutes, eigenes, denn
es war das seiner Mutter. Aber es sagte ihm niemand freundlich und
liebevoll gute Nacht und so war sein Gesicht auch im Schlaf noch
finster.
* * * * *
Es war eine Woche später. Fräulein Margret hantierte emsig im Garten.
Dort waren am Tag vorher die Beete umgegraben worden und nun mußte sie
sich tüchtig umtun, daß da etwas hineinkomme. Sie sah überhaupt so viel
Arbeit vor sich für die nächste Zeit, daß sie kaum wußte, wo anfangen.
Aber es machte ihr Freude, so fleißig zu sein. Denn sie hatte seither
fremden Leuten gedient und nun hatte sie ein eigenes Reich und konnte
mit ihrem Bruder darin wohnen. Es wurde ihr immer heimlicher in dem
alten Schulhaus. Sie war jetzt mit ihrem Samensäckchen ganz nahe an den
Lattenzaun hergekommen, da sah sie zwischen den Stäben, fest an den
Zaun gedrückt, den gleichen Bubenkopf in den Garten hereinstarren, der
ihr beim Einzug schon aufgefallen war. »Faul für zwei und unartig für
drei,« hatte das Mädchen damals gesagt. Das fiel dem Fräulein nun ein.
Von der Schule her tönte Gesang, sie war noch lange nicht aus. Also
hatte der Junge den Unterricht geschwänzt.
Als er sah, daß Fräulein Margret den Kopf nach ihm hinwandte, drehte
der Geißlipp sich langsam um und wollte davonschleichen.
Aber Fräulein Margret hatte nicht im Sinn, ihn nur so laufen zu lassen.
»Halt einmal,« rief sie. »Warum läufst du mir davon? Ich tue dir ja
sicher nichts.« Der Bube blieb stehen und sah sich zweifelnd um, was
er nun tun solle. »Komm hierher,« fuhr Fräulein Margret fort, »hast du
mir zusehen wollen? Oder hättest du gern etwas gehabt?« Der Geißlipp
schüttelte nur stumm den Kopf und sah scheu auf. Merkwürdig, Fräulein
Margret dachte nun gar nicht, daß das unartig von dem Buben sei, ihr
keine Antwort zu geben; sie streckte die Hand durch den Lattenzaun
und bot sie dem Geißlipp. »Du kannst durch das Türchen hereinkommen,«
sagte sie. »Ich könnte gerade einen Helfer brauchen, der den Korb voll
Steine und Unkraut mit mir wegträgt. Willst du?« Der Geißlipp drehte
den Kopf nach der Richtung hin, aus der die Töne des Gesangs herkamen,
und sah unsicher aus. Er wäre gern hereingekommen, aber er konnte ja
nicht, er hätte vom Lehrer entdeckt werden können. »Jetzt will ich dir
etwas sagen,« sagte Fräulein Margret. »Du hast die Schule geschwänzt,
gelt? Und jetzt mußt du Angst haben, gesehen zu werden und Strafe zu
bekommen. Ist's nicht so?« Der Bube nickte nur und hob schon den
Fuß zum Davonlaufen, aber Fräulein Margret machte gar kein drohendes
Gesicht. Und sie fuhr auch gleich fort: »Du mußt mir sagen warum du
das tust. Denn es freut dich selber nicht, das sieht man deutlich an
deinem Gesicht. Gelt, es wäre dir selber auch lieber, wenn du wie die
andern ordentlich in der Schule sitzen würdest und man dann auch eine
Freude an dir haben könnte?« Diesen letzteren Fall konnte sich nun der
Geißlipp nicht recht vorstellen, es hatte noch nie jemand eine Freude
an ihm gehabt. Er wollte aber nun doch Antwort geben und sagte: »Der
Lehrer haut mich, wenn ich hineingehe. Der Schulzenfritz findet seine
Kappe nimmer und sie sagen alle, ich habe sie genommen. Sie haben's
schon dem Lehrer gesagt.«
»Und es ist nicht wahr?« fragte Fräulein Margret.
Der Geißlipp schüttelte den Kopf und biß sich auf die Unterlippe.
»Dann sag's doch dem Lehrer, daß es nicht wahr ist,« ermunterte sie.
»Siehst du, ich glaub dir's, daß du die Kappe nicht hast, und er glaubt
dir's auch, sicher.«
Der Geißlipp sah erstaunt auf. So etwas sagte sonst niemand zu ihm.
Ganz einfach: »ich glaub dir's, daß du es nicht getan hast.« Er hätte
es laut hinausschreien mögen. Aber es kam nicht heraus.
»Und jetzt kommst du da herein und hilfst mir den Korb tragen,« sagte
Fräulein Margret. »Wenn dich der Lehrer sieht, sagen wir ihm, wie es
ist. Und heute nachmittag gehst du in die Schule. Er glaubt dir, wenn
du sagst, was wahr ist, ich verspreche dir's.«
Dem Geißlipp war zumute, als ob es sich auf einmal wieder verlohne, zu
leben. Er kam in den Garten herein und half den Korb tragen, und als er
die vielen Brennesseln hinten an der Mauer sah, sagte er: »Die Geißen
fressen's erst noch gern und« -- er wurde rot. Er hatte noch sagen
wollen: »Ich will sie alle herausreißen, daß da der Platz sauber wird.«
Aber es fiel ihm ein wenig schwer, so viel zu sagen. Fräulein Margret
hatte aber eine merkwürdige Gabe, auch das nicht Ausgesprochene zu
verstehen. Sie sagte freundlich: »Ja, so komm dann morgen nachmittag.
Da hast du frei. Es ist uns beiden geholfen, wenn du die Nesseln holst.«
Jetzt mußte sie ins Haus, denn da erschien eine Bäuerin unter der Tür.
Diese trug eine Schüssel mit Mehl und hatte Eier in der Schürze und
ein Anliegen wegen ihrer drei Buben auf dem Herzen. Sie warf einen
erstaunten Blick auf den Geißlipp, der da im Garten stand und sagte zu
Fräulein Margret: »Das ist ein Heimtückischer, vor dem muß man sich
in acht nehmen. Das ganze Dorf kann davon sagen.« Fräulein Margret
sah gar nicht so aus, als ob sie sich nun auch vor dem Heimtücker in
acht nehmen wolle. Sie hatte ganz andere Gedanken. Aber sie sagte nur
ruhig: »So viel ich weiß, hat der Bub keine Mutter. Da wird ein Kind
leicht anders, als man es gern hätte. Man kann Gott danken, wenn man es
in seiner Kindheit besser gehabt hat.« »Ist auch wahr,« gab das Weib
zu, »wiewohl, bei dem Geißlipp liegt's im Blut, der Vater ist ein ganz
Schlimmer.«
* * * * *
[Illustration]
Der Geißlipp lag lang ausgestreckt an einem grasigen Rain. Das
Grastuch mit dem Geißenfutter, das er jetzt gerade gesammelt hatte,
lag daneben und die Sichel steckte im Boden. Es war ein schöner,
sonniger Abend. In der blauen Luft flogen die Schwalben und haschten
sich Mücklein und im Gras zirpten die Grillen, und der Geißlipp sah
den weißen, ziehenden Wolken nach. Vom Spielplatz her tönten laute,
lustige Stimmen bis hier heraus. Die Dorfkinder belustigten sich da,
die großen und die kleinen, es war ein fröhliches Durcheinander von
Tönen. Der Geißlipp hatte auch schon probiert, mitanzukommen, aber das
Vergnügen war meist kurz gewesen. Denn wenn ihn die andern Buben zu
stark geneckt hatten, so hatte er sie dann geschlagen oder mit Steinen
geworfen und dann waren alle auf ihn eingedrungen. Sie hielten eben
zusammen gegen ihn. Jetzt war er schon lange nicht mehr hingegangen.
Es war auch so eine Art von Vergnügen, hier außen zu liegen und sich
auszudenken, was für seltsame Gebilde die Wolken gaben. Da war eine
große Anzahl kleiner Lämmerwölkchen, hinter denen eine einzige, große
Wolke herkam. Nun stieß sie daran und nun überzog sie die kleinen.
»Das könnten die Buben sein,« dachte der Geißlipp beifällig, »und das
große der Lehrer mit dem Stock. Oder ein Bär, wenn's das gäbe bei uns.
Ich möchte dann schon, daß sie einmal alle« -- Der Geißlipp konnte
seine schlimmen Gedanken nicht mehr ganz ausdenken, denn es wurden auf
einmal Stimmen laut und als er aufsah, standen der Lehrer und Fräulein
Margret vor ihm. Aufspringen und davonlaufen, das wäre sonst das erste
gewesen bei dem Geißlipp. Heute machte er keinen Versuch dazu. Er
erhob sich langsam und zupfte sich ein wenig am Haar. Das mußte als
Gruß gelten, weil er keine Kappe auf hatte. Und über sein Gesicht kam
ein Freudenschein, der rührte von Fräulein Margret her. Denn diese
konnte gar nicht glauben, daß der Geißlipp ein so ganz verdorbener
Bube sein sollte, und so oft sie ihn sah, sagte sie freundlich: »Grüß
Gott, Philipp« und wußte ihn nach allem Möglichen zu fragen, was sonst
niemand von ihm wissen wollte.
Sie war auch schuld, daß der Geißlipp schon seit ein paar Wochen keinen
Tag mehr die Schule versäumt hatte. Denn sie hatte ihn einmal zu sich
in die Laube genommen und gesagt: »So, nun merk wohl auf. Kein Mensch
muß faul und ungehorsam sein, wenn er nicht will. Du auch nicht. Du
mußt nicht meinen, weil du schon lang so seiest, müssest du nun immer
so sein. Und fürchten mußt du dich auch nicht und vor niemand. Siehst
du, etwas steckt in dir, etwas Gutes, ich kann's schon deutlich merken.
Jetzt gehst du immer in die Schule und tust nur ganz ruhig, wie du
sollst und denkst nicht immer daran, wo etwa Streit anzufangen wäre.
Paß auf, dann wird's nach und nach besser. Und auf einmal merken es
die andern auch, daß das nicht mehr der alte Philipp ist, sondern ein
anderer.«
Der Geißlipp hatte der Unterweisung aufmerksam zugehört und obgleich
er noch lang nicht glauben konnte, daß das so gut kommen werde, wie
seine Beschützerin sagte, so wollte er es doch probieren. Sie hatte
ja gesagt: »Ich kann es jetzt schon merken,« da war es vielleicht
doch wahr. Und wenn der Geißlipp am Garten vorbeiging, so nickte ihm
Fräulein Margret jedesmal so aufmunternd zu, daß es ihn den ganzen Tag
freute. Der Lehrer wußte bis jetzt noch nichts von seiner heimlichen
Helferin, aber so ganz schlimm kam ihm der Bube auch nicht mehr vor.
Nur waren es so viele Kinder, daß er bis jetzt unmöglich die einzelnen
so genau hatte kennen lernen können. Aber er hatte ein freundliches und
mildes Wesen und brauchte den Stock nur, wenn er mußte. Der Geißlipp
fürchtete ihn nicht, wenigstens lange nicht so sehr wie die Leute im
Dorf und vor allem die Buben, und das Leben kam ihm jetzt schöner vor
als früher.
»So, das ist ganz geschickt, daß wir dich gerade da treffen,« fing
Fräulein Margret sogleich an, als sich der Geißlipp aus dem Gras
erhob. »Siehst du, wir haben so große Sträuße im Wald geholt und nun
möchten wir noch einen Besuch machen und können sie da natürlich nicht
brauchen. Du könntest sie uns vielleicht heimtragen.« Der Geißlipp sah
etwas besorgt auf sein Grasbündel und die Sichel. Er wußte sich nicht
recht zu helfen damit. »Wenn du das Futter zuerst heimtragen mußt,«
sagte der Lehrer, »das schadet nichts. Bis an dein Haus haben wir doch
den gleichen Weg, dann gehen wir so weit mit dir.«
Der Geißlipp hätte nur gewünscht, daß die Dorfbuben zusehen könnten,
wie er so dahinschritt, das Grasbündel auf dem Kopf und die Sichel
in der Hand, zwischen dem Lehrer und dem Fräulein. Er, der allezeit
verachtete und ausgestoßene Geißlipp, zu dem nur allein Fräulein
Margret immer seinen ganzen Taufnamen sagte. Der Vater sagte meistens
nur »Bub«, aber er sagte überhaupt nicht viel.
Er schien eben vom Taglohn heimgekommen zu sein, denn die Haustür stand
offen und ein qualmender Rauch kam da heraus.
Als er Schritte hörte, streckte er den Kopf einen Augenblick zu dem
kleinen Schiebfensterchen neben der Haustüre heraus, zog ihn aber
schnell wieder zurück.
»So,« sagte Fräulein Margret unbefangen, als sie an dem Häuschen
waren, »jetzt kannst du geschwind dein Futter hineintragen und so
lang setzen wir uns auf das Bänklein, denn wir haben einen weiten Weg
gemacht. Das darf man doch?«
Der Geißlipp sah so maßlos verwundert aus, daß die beiden lachen
mußten. Das sah man deutlich, daß er nicht gewohnt war, Gäste zu haben.
»Es raucht so,« brachte er nur heraus. »Schadet nichts,« sagte Fräulein
Margret gleichmütig, »das Holz wird naß sein. Kocht dein Vater?«
Der Geißlipp nickte nur und dann verschwand er im Stall.
Unterdessen war der Vater in keiner kleinen Aufregung in seiner
halbdunkeln Küche. Er hatte seit Jahren niemand mehr in seinem Haus
gesehen und hatte sich allmählich daran gewöhnt, am Tag allein bei
seiner Arbeit an der Landstraße oder im Gemeindewald oder auf seinem
Äckerlein zu sein und abends allein mit dem Buben in seinem Häuschen.
»Ich will von niemand etwas und die Leut sollen mich in Ruh lassen,«
war so seine Rede. Und doch sehnte er sich so manchmal heimlich, auch
wie ein anderer Mensch unter Menschen zu leben. Die neuen Lehrersleute
hatten ihn auf der Straße schon ein paarmal freundlich gegrüßt und
jetzt besann er sich, ob er herauskommen solle und sie auch grüßen oder
nicht. Aber Fräulein Margret besann sich gewöhnlich nicht lang, bis sie
mit jemand ein Gespräch anfing. Ihr Bruder mußte sich immer ein wenig
über seine junge Schwester wundern, denn ihm fiel das nicht so leicht.
»Ach, mir kommt ein guter Gedanke,« rief sie lebhaft. »Da sind wir nun
ganz geschickt hergekommen. Das Annele muß Geißmilch trinken, wenn es
hierher kommt. Natürlich, das ist höchst nötig.«
Das Annele war ein schwächliches Stadtkind, das einer Schwester
gehörte und das sich Fräulein Margret kommen lassen wollte, um es
herauszupflegen.
»Darf ich ein wenig hereinkommen?« rief sie zur Tür hinein. Es drang
ein Brummen heraus, das man so oder so verstehen konnte, aber weil
Fräulein Margret gern wollte, so drang sie ganz kecklich ein und grüßte
den Vater Geißlipp freundlich. »Ich habe einen großen Wunsch,« sagte
sie sogleich nach der Begrüßung. »Und niemand im ganzen Dorf kann mir
den erfüllen als Sie.« Und dann setzte sie dem finster aussehenden
Manne die Angelegenheit mit dem Milchtrinken auseinander.
»Die Geißen geben nicht viel Milch,« sagte der Mann, als er sich eine
Weile besonnen hatte. »Es ist keine rechte Pfleg für sie da. Ich hab
schon lang eine verkaufen wollen und am Viehmarkt tu ich's auch und das
ist bald jetzt. Aber für das Kind reicht's doch noch.« Fräulein Margret
schien gar nicht zu merken, daß es den Vater Geißlipp eine große
Anstrengung kostete, so viel zu reden. Er machte sich drunterhinein am
Herd zu schaffen und zog die Stirn noch mehr zusammen als sonst. Manche
Leute hätten vielleicht gedacht, der Mann sehe zum Fürchten aus, wie er
so dastand mit seinem wilden, schwarzen Bart und Haar und den sehnigen,
braunen Armen, an denen er die Hemdärmel hinaufgeschlagen hatte. Aber
Fräulein Margret fühlte nur ein großes Mitleid in sich und obgleich
sie nicht viel sagte, drückte sie doch dem einsamen Mann beim Abschied
so kräftig die Hand und sah ihn so warm und freundlich an, daß er noch
lange daran denken mußte.
»Es gibt noch gute Leut' auf der Welt, Bub,« sagte der Vater, als
er nachher mit Philipp bei dem einfachen Nachtmahl, Geißmilch und
Kartoffeln saß. »Aber rar sind sie.« Der Philipp nickte einverstanden.
Es kam ihm allmählich auch so vor.
Solang Fräulein Margret mit dem Vater in der Küche verhandelt hatte,
war der Lehrer um das Häuschen herumgegangen. Dieses stieß hinten ein
Stück weit an eine alte Mauer an, die mit allerlei Schutt und Geröll
bedeckt war. Oben auf der Mauer blühten rote und weiße Taubnesseln und
da und dort ein Stechapfel und unter allerlei Gras und Unkraut auch
hie und da ein Ringelblümchen. Und über den Rand herunter hingen die
rosafarbigen Blüten des Mauerpfeffers, die man zu Lande Sonnenblitze
nennt. Der Lehrer betrachtete das Ganze aufmerksam und machte sich so
seine Gedanken darüber. Er dachte, daß dieser Garten auf der Mauer
vielleicht ganz passend für den Vater und Sohn sei, denen er gehöre.
Und daß der liebe Gott manchmal da, wo man es gar nicht suche, unter
Schutt und Unkraut und aus dürrem Erdreich ein freundliches Blümlein
wachsen lasse, an dem man sich erfreuen könne. Der Lehrer nahm sich
vor, sich so gut als möglich des scheuen und störrischen Buben
anzunehmen. »Vielleicht kommt doch etwas Gutes dabei heraus,« dachte
er und wußte nicht, daß in des Geißlipps verschlossenem Gemüt schon
allerlei trieb und keimte, von dem er nichts wußte.
* * * * *
Das Annele war angekommen. Es war »ein kleines, bleiches Dinglein«,
so sagten die Leute im Dorf von ihm. Kurz vorher hatte es das
Scharlachfieber überstanden und davon war es noch etwas zart und blaß.
Aber es machte sich nichts daraus. Am Morgen nach seiner Ankunft lief
es schon so lustig, als wäre es von jeher in Rötenberg daheim gewesen,
vors Haus hinaus und von da in den Garten, machte einen Besuch bei den
Himbeeren und Stachelbeeren und setzte sich dann still auf das niedrige
Mäuerchen im Garten, um dem Gesang der Schulkinder zuzuhören.
Das Annele war auch ein Schulkind. Es ging schon seit einem Jahr
in der Stadt in die Schule und jetzt war keine Ferienzeit. Dieser
Landaufenthalt war nur vom Doktor vorgeschrieben, Annele ließ ihn sich
aber gern gefallen. Es war so schön hier, wie sonst nirgends. In der
Stadt konnte man nur auf der Straße spielen, wo immer Wagen fuhren und
viele Leute gingen, und die Mutter erlaubte das nur selten. Hier aber
kam immer wieder ein Garten und eine Wiese und den Wald sah man vom
Fenster aus und im Schulhausgarten selbst konnte man sich so ungestörte
Spielplätze einrichten. Annele hätte überall zugleich sein mögen. Ab
und zu erschien auch die Tante am Fenster und rief dem Nichtchen etwas
zu. Und in den Bäumen sangen die Vögel. Es war wunderschön.
Jetzt ging die Schultür auf und alle Buben und Mädchen kamen heraus.
Die Türe war nicht gerade eng und doch kam es Annele vor, als ob sie
noch einmal so weit sein müßte. Denn alle Kinder strebten ins Freie
nach dem langen Stillsitzen und so drängten sie sich auf einen dichten
Knäuel zusammen, bis der Lehrer rief: »Halt, so macht man's nicht.
Jetzt sollen zuerst alle Kleinen hinausgehen und nicht mehr als zwei
auf einmal, dann kommen die Großen.«
Das Annele wurde ein wenig rot, als es so von allen Seiten angesehen
wurde, als wäre etwas besonders Merkwürdiges an ihm. Es hatte sich
nämlich an dem Schuleingang aufgestellt, um sogleich zu dem Onkel
gelangen zu können. Und es war nun froh und erleichtert, als dieser
herankam und seine Hand faßte. So konnte man sich wohl ein bißchen
anstaunen lassen. Eben kam auch die Tante die Treppe herunter.
»Philipp Berner,« rief sie, »halt ein wenig. Ich muß noch etwas mit
dir sprechen,« Der Geißlipp blieb stehen und die Buben machten große
Augen, daß man mit ~dem~ etwas sprechen wollte. Es war so wie so
seit einiger Zeit anders geworden. Man konnte nicht mehr so bequem wie
früher alle dummen und unartigen Streiche auf ihn schieben, der Lehrer
duldete keinen Sündenbock. Und einmal war es dem Andres übel bekommen,
als er das große Lineal des Lehrers bei einer Prügelei zerbrochen hatte
und dann gesagt: »Der Geißlipp hat's getan.« Merkwürdig, der neue
Lehrer sah gar nicht furchtbar aus, im Gegenteil, und doch konnte man
sich fürchten, wenn er einen so ernst und fest ansah.