Sie mußte sich jetzt auf den Weg machen, denn sie hatte fast eine

Stunde zu gehen und es war inzwischen heller, sonniger Morgen geworden.

So befahl sie dem Jockele noch einmal an, sich ja nicht zu verlaufen

und auf alles gut acht zu geben, und trat dann ihre Wanderung an. Sie

hatte gar vieles zu bedenken bei sich selbst, wie sie da so ganz allein

auf der Landstraße dahinschritt. Das Gespräch mit dem Kinde hatte

wieder alle vergangenen Zeiten in ihr wachgerufen. Wie sie einst als

junges, fröhliches Mädchen im Dienst in der Stadt ihren Daniel kennen

gelernt und sich gegen den Willen seiner Eltern, die dem einzigen Sohn

eine reiche Partie gewünscht hatten, mit ihm verheiratet hatte; wie

sie dann zuerst in allem Glück mit ihm in dem kleinen Häuschen gewohnt

und sich nicht viel darum gekümmert hatte, daß die Eltern ihres Mannes

jeden Verkehr mit ihnen abgebrochen hatten. Dann kamen trübe Bilder

vor ihre Augen, Zeiten, in denen der Daniel, der sonst ein fleißiger,

geschickter Zimmerarbeiter war, sich, von bösen Kameraden verführt, ans

Wirtshausleben gewöhnt und ihr und dem kleinen Büblein, das inzwischen

geboren war, das Leben gar sehr verbittert hatte. Es war noch viel

schlimmer gekommen; Daniel, bei der fetten Küche und dem stets offenen

Keller eines Wirtshauses aufgewachsen, bereute jetzt nachträglich,

daß er ein armes Mädchen geheiratet und sich damit ein einfaches Los

bereitet hatte; die Eltern hatten ihn verstoßen, das Weib daheim bat

und weinte, die Kameraden hetzten --, da faßte er eines Tages den

Entschluß, allem Elend zu entlaufen und sich in der Neuen Welt ein

neues Leben voll Freiheit und Genuß zu verschaffen. --

Seither lebte Frau Judith mit ihrem Büblein allein in dem Häuschen,

mühte sich redlich, das tägliche Brot für sich und das Kind zu

erwerben und den Zins für das Häuschen aufzubringen -- es war ein

arbeitsvolles Leben, und ihre einzige Freude und ihr Trost war der

fröhlich gedeihende Bub' mit den lachenden blauen Augen und dem

blonden Krauskopf. Frau Judiths Augen wurden feucht, wenn sie an ihr

Büblein dachte, und sie faltete fast unbewußt die Hände; sie wollte

so gern etwas Rechtes, Tüchtiges aus ihm machen und ihn fromm und

gottesfürchtig heranziehen, daß er ihr nicht auch einmal Kummer und

Herzweh machte, wie der Daniel seinen Eltern. Denn das hatte sie in

all' der Trübsal längst eingesehen, daß der Elternsegen ihrem Haus

gefehlt hatte, und es zog sie mächtig, mit den alten Eltern ihres

Daniel ins Einvernehmen zu kommen, aber deren Haus war ja für sie

verschlossen. --

Inzwischen hatte der Jockele zu Haus genußreiche Stunden verlebt.

Allein gewesen war er schon oft, es war ihm gar nicht bänglich. Zuerst

fütterte er die drei Hühner, das einzige lebende Besitztum des Hauses,

dann lief er hinunter an den Bach und warf Kiesel in das klare Wasser,

vergnüglich die Ringe und Blasen betrachtend, die sich darin bildeten.

Das nahm ihn solang in Anspruch, bis er Hunger verspürte. Dann ging er

ins Häuschen zurück und aß seinen Brei, unbekümmert, ob es schon Mittag

war oder nicht. Er hatte keine andere Uhr als seinen Magen, wenn der

sich bemerkbar machte, dann aß er. Nach der Mahlzeit grub er in seinem

kleinen Gärtchen und setzte abgebrochene Blumen hinein, dann fiel ihm

wieder das Gespräch mit der Mutter und ihr trauriges Gesicht ein, und

er mußte stark nachdenken, wie es wäre, wenn's anders wäre. Das wollte

dem Jockele nicht recht einleuchten, daß es gar nicht möglich sein

sollte, den Vater wieder zu holen. Man mußte nur suchen, bis man ihn

fand, und ihm dann sagen, daß die Mutter seinetwegen so seufze, dann

würde er schon mitkommen. Wenn er nur gewußt hätte, wo hinaus man gehen

müßte! Rechts ging der Weg in die Stadt, dort war er nicht, denn die

Mutter ging ja so oft dorthin und hatte ihn noch nie gesehen, links kam

man in einen großen Wald und vor ihm und hinter ihm dehnte sich weithin

das Ackerland aus. Jockele nahm sich vor, alle Leute, die des Wegs

daher kämen, zu fragen, vielleicht hatte doch einer den Vater gesehen.

Es kam aber lang niemand. Erst gegen Abend kam die Kräuterliese mit

einem Korb voll Hagebutten aus dem Wald. Die lachte nur auf Jockeles

Frage: »O Kind,« sagte sie, »das weiß nur der liebe Herrgott, wo dein

Vater hin ist! Guck, dahinten am Wald kommt gerade der Mond herauf,

wenn man da hinaufsteigen und heruntersehen könnte, da könnte man ihn

vielleicht finden. Sei du nur froh, Büblein, daß du allein mit deiner

Mutter bist, so ein Gutedel, wie dein Vater war!« Damit trottete sie

weiter. Jockele wußte nicht, was ein Gutedel sei, es war ihm auch eins,

er hatte nur verstanden, daß man vom Mond aus vielleicht sehen könnte,

wo der Vater sei, und da gerade jetzt die leuchtende Kugel ganz hinten

am Berg heraufkam, so dachte er, wenn man nur schnell auf den Berg

liefe, so könnte man ganz leicht hineinsteigen. Das war ja nicht sehr

weit, bis die Mutter heimkäme, konnte man wieder zurück sein.

Jockele besann sich nicht lang, er lief nur noch schnell ins Haus und

holte sich seine Kappe, dann zog er aus, gerade auf den Mond zu, in

den dichten Wald hinein. Er war schon ein gutes Stück fortmarschiert,

der Weg ging längst zwischen hohen Tannen dahin, nun machte er eine

scharfe Biegung; von dort aus kam man nicht zum Mond, merkte Jockele,

so verließ er die Straße und schlüpfte zwischen den Bäumen durch, immer

das silberne Licht im Auge, das da durchschimmerte. Es stieg höher und

höher, nun schwebte die silberne Kugel hoch über den Tannen, sonst war

es ganz dunkel geworden. Das erschreckte den Jockele, so hoch hinauf

konnte er nicht klettern, das sah er wohl und er mußte nun wohl wieder

umkehren. Aber woher war er denn gekommen und wo war denn die Straße

geblieben? Jockele fing an zu laufen, immer -- immerfort, nur wußte er

nicht, daß es gerade die verkehrte Richtung war, die er eingeschlagen

hatte. Der Wald wollte gar kein Ende nehmen, die Füße taten ihm weh

und er hatte auch Hunger. Da lichtete sich plötzlich das Dickicht, er

stand an einem Kreuzweg, den er noch nie gesehen hatte und daran war

ein Wegzeiger mit einem Ruhebänklein drunter. Es war auch ganz hell,

denn der Mond stand jetzt ganz hoch am Himmel und lachte dem Jockele

freundlich zu. Das tröstete das verlassene Büblein wieder ein wenig;

nun wollte er immer auf dem Weg fortlaufen, bis der Wald ein Ende

hatte, und am Ende des Waldes sah man ja schon das Häuslein, wo die

Mutter war. Nur vorher ein wenig ausruhen mußte der Jockele, er war

sehr müde geworden; so setzte er sich auf das Bänkchen, lehnte den

Lockenkopf an den Wegzeiger -- und schlief ein, süß und fest.

»Hü, Schimmel, vorwärts,« schallte es durch den Wald, eine Peitsche

knallte und ein schwerer Wagen knarrte auf der stillen Straße. Ein

weißer Spitzerhund sprang bellend voran, plötzlich blieb er stehen,

umschnüffelte das Ruhebänklein von allen Seiten und schlug ein solch

lebhaftes Gekläff an, daß der Fuhrmann verwundert seine Pfeife aus dem

Mund nahm: »Was hast du nur, Spitz?« fragte er, aber da sah er auch

schon das schlafende Büblein, das sich durch keinen Lärm in seiner

Ruhe hatte stören lassen. »Potz tausend,« sagte der Sonnenwirt von

Kaltenbach, das war der Fuhrmann, und kratzte sich hinter den Ohren,

»was macht man jetzt da? Ich schätz', das Büble kann man nicht so

allein liegen lassen, es muß ja doch einem gehören!« Er war abgestiegen

und zupfte den Jockele an seinem Lockenhaar. »Wem g'hörst, Kleiner?«

»Meiner Mutter,« sagte der Kleine und blinzelte schlaftrunken in das

Licht der Wagenlaterne, mit der ihn der Sonnenwirt beleuchtete. »Wie

heißt denn?« ging das Examen weiter. »Jockele,« war die Antwort.

»Wie weiter, du mußt doch auch sonst noch einen Namen haben? Ruhig,

Spitz, kusch dich,« sagte der Sonnenwirt, als er sah, daß Jockele mit

ängstlichen Augen auf den Hund sah. »Nein, sonst heiße ich nichts

mehr,« sagte der Jockele nun bestimmt. Er war völlig wach geworden und

sah groß um sich. »Ja, wo willst denn hin heut nacht noch und wo wohnst

du?« Jetzt fiel dem Jockele wieder alles ein. »Drum hab' ich wollen

geschwind in den Mond hineinsteigen, ob ich mein' Vater nicht sehe,

aber er ist so hoch hinaufgestiegen, da hab' ich nimmer weiter können.

Und jetzt muß ich ganz schnell heim zur Mutter, sie ist jetzt daheim.

Zeig' mir den Weg, ich weiß ihn nimmer,« sagte er ganz unerschrocken.

Der Sonnenwirt war ein bißchen ängstlich geworden, er betrachtete den

Buben forschend, ob er im Fieber spreche oder am Ende einen »Mondstich«

habe. Der stand aber schon auf den Füßen und faßte nach seiner Hand und

sah so hell um sich, krank oder verwirrt war der nicht, das sah man

wohl.

»Jetzt will ich dir etwas sagen, Büble,« sagte der Sonnenwirt nach

kurzem Bedenken, »heim kannst du heut nacht nimmer, du weißt den Weg

nicht und ich auch nicht und 's ist schon nach Mitternacht. Jetzt

sitzst du da hinauf auf mein' Wagen und kommst mit mir heim in mein

Haus, da kannst bei mir schlafen.« Der Kleine ließ sich willig in den

Wagen heben, wo ihm der Sonnenwirt ein Lager von Säcken machte, und

schlief bald wieder weiter, fest und tief. Er erwachte auch nicht,

als ihn sein Beschützer aus dem Wagen nahm und ins Haus hineintrug,

auch nicht, als er entkleidet und in das mächtig große Himmelbett

gelegt wurde. Er schlief noch lang in den hellen Morgen hinein. Als er

erwachte, saß in dem Großvaterstuhl an seinem Bett eine alte Frau, die

hatte die Hände und Füße dick mit Tüchern umwickelt und betrachtete ihn

aufmerksam. Der Sonnenwirt ging auch schon mit schwerem Tritt in der

Stube auf und ab.

»Und ich sage dir, das ist dem Daniel sein Bub' und kein anderer,«

sagte die Sonnenwirtin, denn sie war es, die in dem Großvaterstuhl saß,

»so sieh doch nur einmal die Augen an und das Kraushaar und das ganze

Gesicht, der ausgeschnittene Daniel.« »Was weiß man denn, was man sich

da bei der Nacht ins Haus führt,« sagte der Sonnenwirt mürrisch, »so

ist's, wenn man so ein mitleidiges Herz hat! Und jetzt wie machen, daß

man den kleinen Racker wieder los wird?« »Sag' jetzt einmal, Büble,«

sagte die Sonnenwirtin, als sie sah, daß der Jockele erwacht war und

mit großen Augen um sich sah, »sag' jetzt einmal, wie deine Mutter

heißt und wer dein Vater ist und warum du ihn hast suchen wollen.«

Sofort richtete sich der Jockele auf und berichtete haarklein das

Gespräch mit der Mutter, und wie er am Abend ausgezogen sei, den Vater

zu suchen, und verschwieg auch nicht, daß er eben gar keinen anderen

Wunsch habe, als daß die Mutter wieder immer bei ihm sei.

Das Ehepaar sah einander an, da war ja gar kein Zweifel mehr, das war

ihr Enkelein; ganz genau das verjüngte Abbild des Sohnes, der einst

ihres Herzens Freude und nun der Kummer ihrer alten Tage war. »Warum

hast du deine Händ' so eingewickelt und deine Füß?« unterbrach Jockele,

der nicht lang still sein konnte, das verlegene Schweigen der beiden

Alten. »Weil ich die Gicht drin habe und so arge Schmerzen,« seufzte

die Sonnenwirtin. »Meine Mutter kann einem immer wieder wohl machen,

wenn's einem weh tut,« sagte Jockele mitleidig, »ich will's ihr nur

sagen, so kommt sie zu dir; soll sie?«

Die Alten sahen einander wieder an, es hatte jedes so seine Gedanken

für sich und mochte doch nicht anfangen, sie auszusprechen. »Meine

Mutter kann gut laufen, der tun die Füße nicht weh und die Hände auch

nicht, sie kann den ganzen Tag schaffen; kannst du gar nicht?« Jockele

wurde plötzlich von einem großen Mitleid erfaßt, daß die Sonnenwirtin

nun so den ganzen Tag dasitzen müsse und sich nicht rühren könne, und

er hätte ihr am liebsten sogleich die Mutter hergebracht, die nach

seiner Meinung für alle Schäden Rat und Hilfe wußte. »Nein, du gut's

Büblein, ich kann nicht laufen und nicht schaffen, alles tut mir weh,«

sagte die Sonnenwirtin; »aber da wollt' ich noch gar nicht klagen, das

könnt' ich schon aushalten, aber der ärgste Schmerz, der sitzt mir da

drinnen, da hab' ich einen Kummer, und da kann mir niemand helfen,«

und dabei machte sie gerade so ein trostloses Gesicht, wie die Mutter

gestern früh. »Ach laß doch, das versteht so ein Kleines nicht,« sagte

der Mann ein bißchen brummig, aber Jockele wußte gut, wie es war, wenn

man einen Kummer hatte, die Mutter hatte ja auch einen; so sagte er

ganz verständnisvoll: »Die Mutter hat gesagt, ich soll nur brav sein

und immer folgen, dann werde sie auch wieder fröhlich. Hast du kein

Büble?« »Das ist ja gerad' mein Kummer, daß ich einmal eins gehabt habe

und als es groß war, ist's von mir fortgegangen, weit, weit in die Welt

hinaus, kein Mensch weiß, wohin.« »Der liebe Gott weiß es aber doch,

die Mutter hat's gesagt, der wisse alles. Die Kräuterliese hat gesagt,

man könne es auch sehen, wenn man in den Mond steigt und heruntersieht,

aber ich komme nicht hinauf. Vielleicht könntest du mit einer Leiter

hinauf,« wandte sich Jockele an den Sonnenwirt.

Die Alten mußten ein wenig lachen bei dem Vorschlag, die Frau aber

zupfte ihren Ehegatten verstohlen am Ärmel: »Mein', was das für ein

gescheiter Kerl ist und so weichherzig. Ich hätte so meine Gedanken;

den hast du nicht umsonst heut nacht finden müssen. Das Weib muß sich

plagen und schinden, die wäre am Ende froh, wenn wir für den Buben

sorgten. Jockele, willst du nicht bei uns bleiben und unser Büble sein,

da hättest du's gut und dürftest mit den Gäulen fahren und kriegtest

zu essen, was du magst?« Sie zog bei diesen Worten den Kleinen näher

an sich und sah ihn erwartungsvoll an. Auch der Sonnenwirt machte ein

gespanntes Gesicht und stellte sich vor die beiden hin. Jockele war

gleich fertig mit seinem Entschluß. »Ja, das will ich ganz gern,«

sagte er bereitwillig, »so komm, so wollen wir gleich fortfahren und

die Mutter holen. Kann sie dann auch immer mit den Gäulen fahren

und alles so gut haben?« So war's nicht gemeint gewesen, die Alten

hatten nur das Büblein gewollt, die Mutter aber nicht; sie sahen sich

ein wenig verblüfft an, der Jockele fuhr aber fort: »und dann macht

sie auch gleich, daß deine Hände und Füße nicht mehr so arg weh tun

müssen und -- sie kann dann auch deine Stube ein wenig sauber machen,

die Mutter macht immer alles ganz sauber.« »Der weiß, wie eine Sache

sein muß,« sagte beifällig der Sonnenwirt, »der hat nicht umsonst so

helle Augen im Kopf!« Es war wahr, es sah nicht am schönsten aus in

der Schlafstube; seit die Frau immer von Gicht geplagt war und selber

nichts tun konnte, ging es mit der Haushaltung ein wenig zurück. Die

Mägde hatten mit dem Feld und dem Vieh und der Wirtschaft zu tun, es

war da auch nicht, wie es sein sollte. Da hätten ein paar junge Hände

und Füße und ein guter Wille vieles zu bessern und zu helfen gefunden.

Die Gedanken gingen in aller Eile durch die Köpfe der beiden Gatten,

sie wußten aber nicht recht, was sie dazu sagen sollten, so schwiegen

sie wieder still.

Das war nicht nach Jockeles Geschmack, der immer auf alle seine Fragen

von der Mutter Antwort bekam. Er sprang eifrig aus dem Bett, fing an,

sich anzuziehen und ermahnte den Sonnenwirt noch einmal: »So komm doch

und mach' dich auch fertig, ich muß jetzt gleich zur Mutter, sie hat

sonst Angst, wenn ich so lang nicht heimkomme.« Jetzt fing der Mann

endlich an zu reden, er hatte einen großen Anlauf dazu nehmen müssen:

»Weißt, Büblein,« sagte er, »deine Mutter will gar nicht zu uns, zu so

alten Leuten, die will lieber immer in die Stadt gehen und nähen, du

könntest ganz gut allein bei uns bleiben, dann wäre ich dein Großvater

und das deine Großmutter. Paß auf, wieviel Schönes du da findest,

ich kaufe dir eine Trommel und eine Peitsche und was du sonst noch

willst.« »Nein, nein, das will meine Mutter gar nicht, sie will nur

bei mir bleiben,« sagte Jockele entrüstet. »Und ich habe auch selber

einen Großvater und eine Großmutter, ich muß alle Abend beten: Und

mach' auch, lieber Gott, daß meine Großeltern nicht mehr bös sind auf

die Mutter und mich.« »So, so, das betest du? Ja warum sind denn die

Großeltern bös auf euch?« fragte die Frau, es war ein eigentümlicher

Ausdruck in ihr Gesicht gekommen, man wußte nicht, ob sie lachen oder

weinen wollte. »Weil sie so reich sind und so viel Geld haben, und

meine Mutter hat keins und ich auch nicht, deswegen wollen sie uns gar

nicht sehen. Aber der liebe Gott kann schon noch machen, daß sie uns

noch lieb haben, hat die Mutter gesagt. Und ich muß sie auch lieb

haben, denn sie sind so arm, weil sie keinen Menschen mehr haben, der

ihnen gehört,« berichtete Jockele ernsthaft. Der Sonnenwirtin waren

Tränen in die Augen getreten, und ihr Gatte ging mit starken Schritten

auf und ab und räusperte sich stark.

Der Sonnenwirt blieb vor dem Jockele stehen, strich ihm mit der Hand

über das Lockenhaar und sagte: »Geh du jetzt nur einmal hinaus und sag

der Küchenmagd, daß sie dir ein großes Butterbrot und eine Schüssel

Milch geben soll. Und dann gehst du zu dem Johann in den Stall und

siehst, ob die Gäule schon gefressen haben. Ich rufe dir dann, wann

ich fertig bin.« Das war eine neue Aussicht! Jockele ging eifrig auf

den Vorschlag ein, und nun waren die Alten allein. »Was sagst du jetzt

dazu, Mann? so red' doch auch ein Wort,« fing endlich die Frau an, als

der Sonnenwirt immer am Fenster stand und so angelegentlich hinaussah,

als ob da draußen etwas ganz Neues, Interessantes zu sehen wäre. Der

Angeredete drehte sich um: »Das sag' ich dazu, daß wir alle beide uns

selber den größten Schaden täten, wenn wir das Büblein nicht zu uns

nähmen. Ist's doch unser leibhaftiges Enkelein, und ich meine, wir

haben nicht viel übriges an eigenen Leuten. Der Bub hat mir ganz wohl

gemacht, so etwas haben wir schon lang nicht mehr um uns gehabt.« »Aber

die Mutter, die Judith?« warf die Frau zweifelnd ein; »du siehst's ja,

der Bub will nicht bei uns sein ohne sie und sie selber -- ich sag'

dir, die gibt das Kind nicht her und wenn man ihr die Stube mit Talern

pflastern wollte.«

»Ja, siehst du,« der Sonnenwirt stockte ein wenig, es fiel ihm gerade

nicht leicht, das zu sagen, was er jetzt wollte -- »siehst du, mit der

Judith -- ich hab' schon oft gedacht, ob wir nicht doch einen Fehler

gemacht haben mit ihr. Sie soll so brav sein und fleißig, hab' ich

schon oft sagen hören, und wenn ich sehe, wie sie den Buben aufzieht

und lehrt ihn gegen uns auch gar keinen Groll und Zorn hegen, es ist

ein Prachtskerl! Und dann hab' ich gedacht, sie hat junge Füße und

Hände und könnte bei uns nach dem Rechten sehen, wenn du doch nicht

fort kannst!« Die Sonnenwirtin ließ den Mann nicht ausreden. »Komm

her zu mir, Alter,« sagte sie, »und gib mir eine Hand! Wenn die

Judith will -- und wegen dem Kind wird sie wohl wollen, so soll sie

uns Gottwillkommen sein im Haus. Und jetzt spanne nur gleich ein, ich

denke nicht, es könnte uns gereuen, aber denk, in was für einer Angst

das Weib sein muß um den kleinen Buben. Das muß ihr ja fast das Herz

abdrücken!«

Es dauerte kaum fünf Minuten, so standen die stattlichen Braunen

im Geschirr vor dem Bernerwägele, und Jockele saß stolz auf dem

Kutscherbock und hatte die Zügel in den Händen. »Da sieh, was das

für einen Fuhrwerker gibt,« sagte der Sonnenwirt wohlgefällig zu

seiner Frau, die sich nicht satt sehen konnte an dem Buben. »Bring

ihn auch gewiß wieder mit, komm mir nicht heim ohne ihn,« sagte sie

immer wieder, sie wäre am liebsten selbst mitgefahren. »Ich sag's

ihm erst unterwegs, daß wir die Großeltern sind, ich muß ihn vorher

noch zutraulicher machen,« sagte der Sonnenwirt beim Abschied. Er

nahm sich vor, beim Krämer des großen Marktfleckens, durch den sie

zu fahren hatten, allerlei einzukaufen, was ein Kinderherz erfreuen

konnte. Der alte Mann hatte plötzlich in seinem Herzen einen ganzen

Schatz von Liebe für den helläugigen Burschen entdeckt, es war ihm ganz

warm geworden davon. Jockele sah aber nicht aus, als ob er zutraulich

gemacht werden müßte. Er lachte mit dem ganzen Gesicht, als die Braunen

anzogen! »Adieu, wir kommen ganz bald wieder und bringen die Mutter

mit,« rief er der nachschauenden Sonnenwirtin fröhlich zu bei der

Abfahrt. Dann entschwand das Fuhrwerk ihren Blicken.

Frau Judith war in großem Jammer gewesen, als sie bei ihrer Heimkunft

das Häuschen leer fand und auch ihr Büblein nicht an seinem gewohnten

Spielplatz am Bächlein entdecken konnte. Sie hatte überall gesucht, wo

sie nur denken konnte, daß er möglicherweise zu finden sein könnte.

Bis in die tiefe Nacht hinein war sie gelaufen und gelaufen, an den

Erdbeerplatz im Wald, wo sie mit Jockele einmal gewesen war, ins

nächste Dorf, wo er schon mit ihr in einige Kundenhäuser gegangen war

-- umsonst. Niemand hatte den Kleinen gesehen, keine Spur fand sich

von ihm. Sie kehrte immer wieder ins Häuschen zurück, jedes Winkelchen

aussuchend, wohl hundertmal seinen Namen rufend. Dann machte sie der

Jammer ganz starr. Auf dem Bänklein vor dem Haus saß sie vollends

die ganze Nacht, zusammenfahrend, so oft ein Vögelein schlaftrunken

in seinem Nest zwitscherte oder ein fernes Wagengerassel sich hören

ließ. »Das ist eine Strafe von Gott, der dir jetzt auch noch dein

einziges Kind wegnimmt, wie du den Eltern deines Mannes das einzige

Kind genommen hast,« kam es über sie und wieder ging sie ruhelos auf

und ab und rief lauthin durch die Nacht: »Jockele, mein Büble, wo

bist du?« -- bis sie, übermüdet, auf dem Bänklein einschlief, noch im

Halbschlaf betend, als säße sie am Bettchen ihres Kindes: »Breit aus

die Flügel beide, o Jesu meine Freude, und nimm dein Küchlein ein. Will

es der Feind verschlingen, so laß die Englein singen: Dies Kind soll

unverletzet sein!«

Die Sonne stand hoch am Himmel. Frau Judith hatte sich eben zum

Fortgehen gerüstet. Sie wollte in alle Nachbardörfer gehen und Anzeige

machen; spurlos konnte ja doch so ein Kind nicht verschwinden. Da fuhr

mit lautem Peitschenknall ein Wagen vor dem Häuschen vor und -- Frau

Judith mußte sich am Tisch halten, so zitterte ihr das Herz vor Freude

-- schon von weitem hallte laut die fröhliche Stimme ihres Bübleins:

»Mutterle, Mutterle! da bin ich und das ist der Großvater und bös ist

er gar nicht mehr!« Das war ein fröhliches Wiedersehen! Frau Judith

verstand's zwar nicht gleich, was es heißen sollte, als Jockele anfing

zu erzählen: »Weißt, Mutterle, zuerst habe ich wollen in den Mond

hineinsteigen und den Vater suchen, aber ich habe dann doch nicht

können -- und dann ist der Großvater gekommen, aber ich habe nicht

gewußt, daß er's ist, und dann habe ich in der Sonne geschlafen, die

gehört dem Großvater. Und du mußt jetzt gleich mitkommen und machen,

daß der Großmutter ihre Hände und Füße nicht mehr so wehe tun« -- aber

der Großvater wird's ihr ja wohl erklärt haben. Wenigstens fuhren auf

dem Bernerwägelein drei fröhliche Menschen der Sonne zu und haben

nachher einander die Heimat darinnen lieb und wert gemacht.

16. Aus dürrem Erdreich.

Die Schulkinder von Rötenberg hatten heute einen wichtigen Tag. Zuerst

war am Morgen keine Schule gewesen, weil der alte Herr Schullehrer

schon gestern abgereist war, um seine neue Stelle an der Stadtschule

anzutreten. Und nun, am Nachmittag, gab es ungeheuer viel zu sehen, da

konnte man das Schulhaus keinen Augenblick aus den Augen lassen.

Denn da sollte der neue Lehrer einziehen, der nun jede Minute ankommen

konnte, und damit hing vielerlei Merkwürdiges zusammen. Vor einer

Stunde war der hochbepackte Frachtwagen angekommen und mit ihm, vorn

auf dem Kutschbock beim Fuhrmann sitzend, ein junges Mädchen, das flink

abgestiegen war und nun schon tüchtig unter den Möbeln und Betten

hantierte. Der Fuhrmann half beim Abladen und der Kirchendiener mit

seinem Weib war gleichfalls zur Hilfe angestellt und die Schuljugend

hatte es wichtig mit dem Zusehen. Das junge Mädchen war die Schwester

des neuen Lehrers und sie wollte bei ihm bleiben und ihm den Haushalt

führen, denn er hatte keine Frau. Da mußte man sie schon aufmerksam

betrachten. Sie trug ein einfaches blaues Kleid und hatte einen dicken

braunen Zopf hinten aufgesteckt und ihr Gesicht sah ernsthaft, aber

gar nicht unfreundlich aus. Zur Arbeit hatte sie eine große gestreifte

Schürze angezogen und jetzt wendete sie sich an die müßigen Buben und

Mädchen: »Höret, wenn ihr so gut Zeit habet, so könnet ihr mir ein

bißchen helfen. Da, die vielen Blumentöpfe stellt man hinten in den

Garten, alle auf das niedrige Mäuerchen. Und die Besen und Kochtöpfe

könnet ihr in die Küche tragen, ihr habt junge Füße. Halt, nicht alle

auf einmal. Zwei Buben und zwei Mädchen, das ist genug. Wer will?«

[Illustration]

Es gab eine Verlegenheitspause. Die Mädchen zupften an ihren Schürzen

und kicherten und die Buben stießen und pufften einander, aber helfen

wollten sie doch gern, sie mochten es nur nicht sagen. Fräulein Margret

kannte das aber schon. Sie suchte sich ein paar feste Buben aus und

unter den Mädchen zwei, die schon ein wenig verständig und besonnen

aussahen; die andern tröstete sie: »An euch kommt's schon auch noch.

Wenn es dann Holz zu tragen gibt, dann kann man viele Helfer brauchen.«

Die Auserwählten gingen mit Eifer ans Werk und die Arbeit schritt

rüstig voran.

Röschen, Jaköble und andere kleine Leute · 第 14 / 17 段