Großvater. »Hast du schon deine Aufgaben gelernt? Ja? Dann kannst du
dableiben und ich will dir von ihr erzählen.«
»Ich war,« fing der Großvater an, »vier Jahre alt, so alt wie Martin
jetzt ist, aber größer und fester als er. Geschwister hatte ich noch
nicht und ich dachte auch nicht daran, daß mir das fehle. An einem
Sonntagmorgen aber kam der Vater an mein Bettchen und hielt ein großes,
weißes Bündel im Arm. Das war ein Tragkissen, und darin lag ein ganz
kleines, zartes Menschenkindlein, das guckte mit großen blauen Augen
hell um sich. ›Freu dich, Hermann,‹ sagte der Vater, ›Du hast ein
Schwesterlein bekommen. Gib ihm einen Kuß aufs Bäckchen, aber sachte,
sachte, daß es nicht schreit.‹
»War das ein Jubel! Es gab so viel Neues, Ungewohntes jetzt, das
Schwesterlein war so interessant! Wenn es gebadet wurde und dann wohlig
plätscherte und strampelte, oder wenn es seine Milch trank und nachher
anfing zu ›krägeln‹, du weißt ja, wie das ist.« »Ja, ja, man meint, es
wolle anfangen zu sprechen und kann doch noch nicht,« sagte Angelika
eifrig. Sie war ganz bei der Sache.
»Einmal fragte ich die Mutter: ›Sag, heißt es nur Schwesterlein und
sonst nichts?‹ Da lachte sie und sagte: ›Am Sonntag soll es getauft
werden! Paß nur gut auf, wie der Herr Pfarrer dann sagt, so heißt es
dann immer.‹ Von da an war ich sehr begierig auf den Sonntag. In der
Nacht hörte ich aber ein Gespräch der Eltern mit an.
»›Nein, nicht nach mir,‹ sagte die Mutter. ›Siehst du, es ist so zart
und lieblich und fein, es sieht aus wie die Engelein, und da möchte ich
so gern, daß es auch der Engelein Namen trage. Wir wollen es Angelika
heißen.‹
»›Ich habe nichts dagegen,‹ sagte der Vater. ›Und Gott behüte unser
Kindlein, daß die Engelein allezeit bei ihm bleiben.‹
»Da wußte ich, wie der Herr Pfarrer das Schwesterlein heißen werde. Das
wuchs fröhlich heran. Ich sei, sagte die Mutter, ein rechter kleiner
Schreihals gewesen, da kam es ihr fast wunderbar vor, wie sanft und
still das Schwesterlein war. Es konnte stundenlang in seinem Wägelchen
liegen und mit den Händchen spielen, und wenn man dann herkam, lachte
es einen an. Ich war ganz glücklich, als es mich zum erstenmal am
Haar zupfte und meine Finger mit seinen Händchen umschloß. ›Gelt, es
ist nur ~mein~ Schwesterlein und sonst gar niemands?‹ fragte ich
die Mutter immer wieder und dann war ich froh und stolz, wenn sie es
bejahte.
»Als es ein Jahr alt war, trippelte mein Schwesterlein schon ganz flink
auf seinen eigenen Füßchen daher. Ich brauchte ihm nur einen Finger zu
geben, so durchwanderte es den ganzen Garten mit mir.
»Wir hatten damals einen alten Kutscher Namens Leonhard. Der blieb
allemal stehen, wenn das Kleine aus dem Haus kam und kratzte sich
hinter den Ohren. ›Wenn's nur nicht davonfliegt, das Engelein,‹ sagte
er dann vor sich hin. ›Es tun ihm nur noch die Flügel fehlen.‹
»Ich lachte vergnügt darüber, denn das gefiel mir, daß der alte
Brummbär das Schwesterlein mit einem Engelein verglich. Mit dem
Davonfliegen, dachte ich, habe das keine Not.
»Ja, gelt, es hat ja keine Flügel gehabt,« bestätigte Angelika.
»Wenigstens damals noch nicht,« sagte der Großvater so vor sich hin.
Dann fuhr er fort: »Ich kann dir das nicht mehr alles erzählen,
obgleich ich's noch ganz genau weiß, wie es sprechen lernte und fast
von selbst alle kleinen Liedchen der Mutter nachsingen konnte. Und
wie es dann anfing, mit seinen Puppen gerade so zu hausen, wie es das
bei den großen Leuten sah. Als ich sechs Jahre alt war, mußte ich zur
Schule. Und es gab einen großen Jammer, als das Schwesterlein einsehen
mußte, daß es da nicht mit konnte.
»Aber eines Tages ging die Türe auf, als wir tüchtig am Einmaleins
waren und herein trippelte, gerade auf mich los, ›das Engele‹, wie es
im Dorf allgemein hieß, mein kleines Schwesterlein mit seinen langen
goldigen Locken. Es trug ein Stückchen Backwerk im Händchen. Das hatte
es geschenkt bekommen und ich sollte, wie immer, die Hälfte abbeißen.
»Von da an neckten mich die Buben immer. Und ich dachte dann machmal,
daß ich nun auch zu groß sei, um immer mit einem kleinen Mädchen zu
spielen. Auf dem großen Spielplatz am Brunnen war es so lustig. Ich war
der Anführer bei allen wilden Spielen, und Angelika konnte da nicht
mittun. Sie blieb daheim bei der Mutter und unterhielt sich stundenlang
allein im Garten. Wenn ich manchmal am Sonntag oder so mit ihr
hinunterging, so war ich ganz verwundert, was sie mir alles zu erzählen
wußte.
»Du bist ein Fabelhans, Engele,« sagte ich einmal, als sie mir ganz
ernsthaft berichtete, was ihr die Vögelein, die ihr Nest in der
Stachelbeerhecke bauten, erzählt hätten und daß das grüne Eidechschen,
das zu unsern Füßen durchs Laub raschelte, eine Mama sei und kleine
Kinder zu Haus habe.
»Angelika war vier Jahre alt, als des Bachbauern Liesle starb,
ein kleines schwächliches Dinglein. ›Dem armen Tröpfle ist's
wohlgegangen,‹ sagte Kätter unsere Magd, als sie von der Beerdigung
heimkam.
»Angelika war mitgewesen. ›Warum ist's ihm wohlgegangen?‹ wollte sie
wissen. ›Wenn man's doch in das tiefe Loch hinunter getan hat?‹ ›Ach
du lieber Gott, paßt das Kind auf,‹ sagte die Kätter, und die Mutter
erklärte: ›Der liebe Heiland läßt es nicht in dem Loch, er schickt
seine Engelein, die tragen es in den Himmel.‹
»Am andern Tag begrub Angelika ihre liebste Puppe Toni im Garten unter
einem Himbeerbusch. Dann saß sie lange mäuschenstill gegenüber. Und als
ich sie holen wollte, legte sie ihr Fingerchen auf den Mund: ›Bscht!
Sei leise! Ich muß warten, bis die Engelein kommen und die Toni in den
Himmel tragen.‹ Damals war ich schon ein großer Schüler, der nächstens
in die Stadtschule kommen sollte, so konnte ich mit großer Weisheit
erklären: ›Dumms Dingle, Puppen kommen nicht in den Himmel.‹
»Ich nehme aber die Toni mit, wenn ich hineingehe, beharrte Angelika
und dabei blieb sie, obgleich ich versicherte, wenn man einmal ganz alt
sei und in den Himmel komme, brauche man keine Puppen mehr.
»Als ich das erstemal nach halbjähriger Abwesenheit wieder nach Hause
kam, war Angelika fünf Jahre alt. Ich war jetzt für die ganze Schulzeit
bei dem Onkel in der Stadt einquartiert und kam nur in den Ferien heim.
In der Stadt lebte ich mit so viel Buben zusammen und Mädchen sah ich
nur von weitem. Da war ich's gar nicht mehr gewöhnt, mit Puppen und
Kochgeschirren umzugehen, und sagte das auch dem Schwesterlein, als es
mich feierlich zum Puppenvater ernannte.
»Das ›Engele‹ sah mich mit seinen großen blauen Augen nachdenklich
an, dann sagte es: ›O das tut nichts; die Kinder setzen wir nur ins
Rondell, sie sind sehr artig. Dann kann ich gut mit dir spazieren
gehen, Hermännle. Es sind junge Geißlein bei der Webergret, die müssen
wir ansehen.‹ Da wußte ich, daß Angelika ganz und gar Beschlag auf mich
legen wollte, und es fiel mir ein, daß es nur ~mein~ Schwesterlein
sei und sonst niemand's, und wir verbrachten unsere Zeit wieder
zusammen, wie früher.
»Bei der Webergret war es nun allerdings genußreich. Die zwei kleinen
Geißlein, die im Stall herumhüpften, waren so zierlich und possierlich,
daß wir uns fast nicht trennen konnten. Angelika sprach mit ihnen
wie mit Menschen. ›Komm, komm, du Kleines,‹ sagte sie und tätschelte
das Weiße mit ihrem kleinen Händchen, ›du mußt das Schwarze auch zum
Tröglein herlassen! Denk einmal, wie bös das ist, wenn man alles allein
haben will!‹
»Die Webergret sah immerfort ganz entzückt mein Schwesterlein an. Das
tat mir wohl, es war mir fast, als ob ich mit schuld sei, daß es so
herzig war. Aber dann schüttelte das Weib ernsthaft den Kopf. ›Auch
gar nichts hinwachsen tut an das Kindlein,‹ brummte es. ›So feine
Gliedlein wie von Wachs, und so Augen, so Augen! Und hat doch eine
Pfleg! ich weiß, eine Pfleg wie ein Prinzeßlein!‹ Es wurde mir ein
wenig unheimlich, ich zog das Engele mit mir fort und erzählte daheim
bei Tisch den Eltern, was die Webergret gesagt habe. Sie tauschten
einen langen Blick und die Mutter drückte heftig das blonde Köpflein an
sich. Ich verstand das damals nicht, es ist mir aber später noch oft
eingefallen.«
Der Großvater schwieg eine Weile und nickte ein paarmal mit dem Kopf,
so, als ob ihm immer wieder etwas einfalle, was zu der Geschichte
gehöre. Das wilde kleine Mädchen, das sonst, wie jedes behauptete, gar
nicht wußte, was still sein heißt, rührte sich nicht. Es hatte sich
so in des Großvaters Erzählung hineingelebt, daß es nicht mehr daran
dachte, daß man drüben im Garten Äpfel schüttle und daß es sich hatte
ein ›Maugennest‹ anlegen wollen. »Weiter, o weiter, Großvater,« sagte
Angelika endlich und tat einen tiefen Atemzug.
»Ja so, ja,« sagte der Großvater.
»Einmal kam ich auch in die Vakanz. Es war einige Tage vor Ostern.
Ich war nicht recht wohl, hatte Kopfweh und war müde und der Vater
sagte: ›Das ist wohl vom Wachsen und vom Lernen zusammen.‹ ›Wollen
ihn schon herauspflegen,‹ sagte die Kätter, die gerade durchs Zimmer
ging. Angelika war ein wenig blaß und war gewachsen, seit ich sie nicht
gesehen hatte. ›Sie ist fast den ganzen Winter im Zimmer gewesen,‹
sagte die Mutter. ›Sie hatte soviel Husten. Aber jetzt, wo die
Sonne so warm scheint, darf mein Vögelein wieder hinaus.‹ Da wurden
die schmalen Bäckchen rot vor Freude. ›Hermännle,‹ sagte Angelika,
›am allerschönsten ist's draußen am Steinbühl. Dort gibt's jetzt
Palmkätzchen und Schäfchen und Schlüsselblumen. Gelt, wir gehen gleich
nach dem Essen hinaus? Es ist nicht so weit, das ist recht, weil du so
müde bist. Und ich auch,‹ setzte sie hinzu.
»Es war ein wunderschöner Frühlingstag, der Gründonnerstag, an dem
wir zwei Hand in Hand an den Steinbühl gingen. Leonhard stand unter
der Stalltüre, als wir den Hof verließen. Er hatte inzwischen ganz
weiße Haare bekommen und hatte sich angewöhnt, halblaut vor sich hin
zu reden. Als er uns beide sah, fuhr er sich über die Augen und sagte:
›Ja, ja, werden's schon sehen! Hab's schon lang gesagt! Es fliegt schon
noch davon! Werden's schon sehen!‹
»Da lachte das ›Engele‹ hell und lustig: ›Wer fliegt davon, Leonhard?
Paß auch gut auf, wenn der Osterhase in den Garten läuft, daß du ihn
nicht verscheuchst! Und sag: er soll mir ein Springseil legen und einen
Bücherranzen, ich komme jetzt dann in die große Schule!‹ Aber der Alte
brummelte weiter und wir zogen aus.
»›Weißt du, Hermännle,‹ plauderte Angelika, als wir auf der Lattenbank
unter der Buche am Steinbühl saßen, ›weißt du, manches ist so
sonderbar! Gestern hat die Kätter Zwiebel gesteckt und Gelbrüben
gesät. Wie können denn da große Stöcke herauswachsen aus so kleinen
Kernlein?‹ ›Das läßt eben der liebe Gott wachsen,‹ sagte ich ein wenig
gedankenlos. Ich wollte gern von lustigeren Sachen schwatzen. Aber
mein Schwesterlein war noch nicht fertig. ›Die Kätter sagt,‹ fuhr sie
fort, ›die Engelein kommen in der Nacht und gießen mit silbernen Kannen
Wasser auf die Beete. Ich möchte sie nur ein einziges Mal sehen und den
lieben Gott!‹ ›Das kann man nicht,‹ belehrte ich. ›Das kann man erst im
Himmel. Komm, wir nehmen junge Brennessel mit heim für die Hasen. Man
kann sie mit dem Taschentuch abrupfen.‹
»Angelika legte gehorsam mit Hand an und pflückte dann noch ein
Sträußchen für die Mutter. Auf einmal tat sie einen lauten Ausruf des
Entzückens. ›O, o, sieh nur,‹ rief sie. ›Lauter weiße und rosa und
goldene Wölkchen am Himmel. Da wo er aufhört, es ist gar nicht weit! O,
wenn wir nur geschwind hinlaufen könnten! Die Kätter hat gesagt, wenn
es so aussehe, dann sei das Himmelsfenster offen und die Engelein sehen
heraus!‹
»›Die Kätter versteht etwas rechtes davon,‹ sagte ich etwas brummig.
Es war mir gar nicht wohl und ich wollte viel lieber nach Haus, als
den Engelein nachlaufen, die man ja doch nicht finden konnte. Als ich
das sagte, sah mich Angelika so eigen an, daß ich beinahe nachgegeben
hätte. Aber dann sagte sie: ›Weißt du was, Hermännle, dann geh du
voraus heim. Ich ~muß~ nur noch ein ganz kleines Weilchen zusehen.
Siehst du, man sieht die Sonne gut noch! Und die Mutter hat gesagt, ich
dürfe draußen bleiben, so lang die Sonne scheint!‹
»Ich wollte nicht gern allein nach Hause, aber ich fühlte mich immer
übler und Angelika konnte ja schon noch eine Weile die farbigen
Wölkchen ansehen. So ging ich richtig voraus. Als ich mich noch einmal
umsah, stand sie immer noch am gleichen Fleck und sah regungslos in den
Himmel hinein.«
Der Großvater machte wieder eine Pause. Dann sagte er: »Und dann habe
ich sie nicht mehr gesehen. Als ich nach Hause kam, schlugen mir die
Zähne zusammen vor Frost und mein Kopf glühte. ›Ich sag's ja, der Bub
ist krank und das rechtschaffen,‹ rief die Kätter, als sie mich sah.
Dann wurde ich zu Bett geschafft und der Leonhard nach dem Doktor
geschickt. ›Wo ist Angelika?‹ fragte die Mutter, und wie im Traum sagte
ich: ›Sie kommt dann gleich nach!‹ Als ich wieder erwachte, saß die
Mutter an meinem Bett und hatte ein schwarzes Kleid an. Sie küßte mich
viele Male und rief den Vater herbei und der schloß mich auch in die
Arme. ›Wo ist Angelika?‹ begehrte ich dann zu wissen und wunderte mich,
daß sich die Mutter abwandte und der Vater so ernst sagte: ›Du kannst
sie jetzt nicht sehen!‹ Aber dann schloß ich wieder die Augen. Ich war
noch so müde, denn ich war am Scharlachfieber lange krank gewesen, ohne
etwas von mir zu wissen.«
»Aber wo war denn die Angelika,« rief die Enkelin in großer Erregung.
»Ist sie damals nicht heimgekommen?«
»Doch,« sagte der Großvater. »Sie kam, als es dunkel war, in des
Doktors Wagen nach Hause. Das weiß ich, die Mutter hat mir's später
erzählt. Sie hatte lange die flammenden Wölkchen angesehen und es war
ein immer größeres Verlangen in ihr aufgestiegen, sie in der Nähe zu
betrachten, da, wo sie die Erde berührten. Es könnte ja am Ende doch
sein, daß die Engelein da herausschauen, dachte sie. So fing sie an,
zu laufen. Über die Brachfelder hin, dem Wald zu, über dem der Himmel
in flammender Röte stand. Nur zog sich der Weg so sehr in die Länge
und Angelika wurde immer müder. Es fing auch an, dunkel zu werden
und nun schwand eines der prächtigen Wölkchen nach dem andern. Da
blieb das Kind auf dem Felde stehen und schaute sehnsüchtig nach der
verschwindenden Pracht. So fand es der Doktor, der, zu mir gerufen,
vorbeifuhr und dem die kleine Gestalt bekannt vorkam. »Ich bringe noch
einen Patienten mit,« sagte er, als ihn der Vater an der Haustüre
empfing. Das ›Engele‹ war blaß und müde und hustete stark. Am Abend
kam ein heftiges Fieber und am Osterfest haben die Engelein unser
›Engele‹ in den Himmel getragen. ›Du darfst nicht böse sein, Mutter,
ich wollte nur geschwind die Engelein sehen,‹ sagte Angelika einmal in
ihrer Krankheit. ›Ich möchte sie so gern sehen.‹ ›Sie kommen zu dir,
liebes Kind, du brauchst sie nicht zu suchen,‹ antwortete die Mutter.
Da glänzten die großen blauen Augen noch einmal wie früher. Und dann
schlossen sie sich, um sich im Himmel wieder aufzutun. Als ich wieder
hinaus durfte in den Sonnenschein, führte mich die Mutter an der Hand.
Es war schon acht Wochen her, seit unser ›Engele‹ davongeflogen war.
Wir gingen durch das dunkle Gitter in den sonnigen Friedhof und setzten
uns auf ein Mäuerchen, dem kleinen Grab gegenüber. Es hatte heute ein
weißes Marmorkreuz bekommen mit goldenen Buchstaben.
›Angelika‹
las ich.
›Heimgetragen in des Hirten Arm und Schoß.‹
Und wir weinten zusammen.«
Es war fast dunkel geworden in der Laube, als der Großvater seine
Erzählung beendigt hatte. Angelika schmiegte sich an ihn und er hatte
seine Hand an ihren Kopf gelegt.
»Großvater, ist das wahr,« fragte das Kind nach einer Weile, »ist das
wahr, daß die Engel zu den rosa Wölkchen heraussehen? Ich werde nicht
müde, ich könnte gut so weit laufen, ich möchte sie auch so gern sehen.«
Der Großvater schüttelte den Kopf. »Die Engel kann man nicht sehen,
solang man auf der Welt ist. Es ist auch nicht nötig. Wenn es der liebe
Gott wollte, so würde er sie uns schon zeigen. Sie sind aber doch da.
Bitte nur den lieben Gott, daß er dir ein frommes und gehorsames,
liebevolles Herz schenkt, so sind auch die Engelein um dich her. Und
nun wollen wir miteinander hineingehen.«
* * * * *
»Das Kind wird mir doch nicht krank werden,« sagte Heinerike
kopfschüttelnd, als Angelika am Abend so gar fügsam und willig war
beim Zubettegehen. Sie war sonst ein wenig heftig und eigenwillig und
Heinerike hatte viel zu brutteln über das Mädchen. Die Mutter hörte es
und sagte ruhig: »Nein, es wird nicht krank. Es hat nur etwas gelernt
heute!«
* * * * *
Angelika ist schon lang kein kleines Mädchen mehr. Sie ist eine
fleißige, große Tochter.
Neulich kam ich zu einer alten Frau, der sie einen großen Strauß
Frühlingsblumen gebracht hatte und eine Schüssel Suppe dazu.
»Es ist mir alleweil, als ob ein guter Engel komme, so oft das Fräulein
kommt,« sagte die Alte.
So haben scheint's die Engelein den Weg zu Angelika gefunden.
15. In die Sonne.
Der Tag fing erst an zu grauen. Der Mond stand noch blaß und
übernächtig am Himmel und in den Bäumen rauschte der Morgenwind. Aber
in dem niederen Häuslein der Frau Judith, das ganz allein draußen
im Felde stand, brannte schon ein lustiges Feuer auf dem Herd und
das Lämpchen warf seinen Lichtschein durch die Fensterscheiben. Frau
Judith kochte die Morgensuppe für sich und ihr Büblein und daneben
noch einen Brei, der zum Mittagessen für den Jockele bestimmt war.
Denn sie mußte heut ihr Büblein den ganzen Tag allein lassen und da
sorgte sie denn, derweil es noch schlief, daß ihm nichts Nötiges
fehle. Judith war eine geschickte Näherin und verdiente das Brot für
sich und das Kind mit ihrer Hände Arbeit. Manchmal nähte sie in den
Bauernhäusern der Nachbardörfer, und das war ihr am liebsten, obgleich
es weniger eintrug, denn da konnte sie den Jockele mitnehmen und auf
ihn acht haben. Aber sehr oft führte sie ihr Tagewerk auch in die
Stadt und da durfte sie ihr Büblein nicht mitbringen und es war ihr
nicht zu verdenken, daß sie heute morgen ein wenig seufzte, wenn sie
daran denken mußte, daß das Kind nun wieder den ganzen Tag ohne Schutz
und Aufsicht ganz allein in dem Häuschen sei. Sie reinigte nun noch
die Stube mit dem Besen und brachte alles in gehörige Ordnung, dann
setzte sie sich an den Tisch und fing an, ein Paar zerrissene Höschen
zu flicken, die auch dem Jockele gehörten. Und dabei seufzte sie so
tief und schwer, daß es der Jockele in der Kammer hörte und schnell
aus seinem Bettchen stieg, um zu sehen, was etwa der Mutter zugestoßen
sein könnte. Da saß sie am Tisch und hatte den Kopf in die eine Hand
gestützt und schaute so kummervoll vor sich hin, wie es der Jockele
noch gar nie gesehen hatte. »Mutter, was hast du denn?« sagte er
verwundert, »tust du vielleicht so wegen den Hosen? Sicher, ich habe
sie nicht zerreißen wollen, sie sind von selber so aufgeplatzt.« Und
dabei drängte er sich ganz nah an die Mutter her und streckte sich an
ihr in die Höhe, um ihr Gesicht zu streicheln.
»Ach du arm's Büblein,« sagte die Mutter und fuhr dem Jockele durch
sein dichtes, blondes Lockenhaar, »die Höschen, die kann ich wieder
flicken, da wollte ich nicht seufzen; wenn ich nur alles, was
auseinander ist, so zusammennähen könnte!« »Was ist denn sonst noch
auseinander?« wollte der Jockele wissen, »und warum sagst du immer
›arm's Büblein‹ zu mir?« »Weil du noch so klein bist und hast schon
deinen Vater verloren, und er ist erst nicht beim lieben Gott, sondern
in der weiten Welt -- und ich kann auch nicht bei dir bleiben, weil ich
Geld verdienen muß zu Brot und Kleidern und kann dich nicht beschützen
und zum Guten erziehen -- und es könnte dir etwas passieren, so lang
ich fort bin.« Judith sah so niedergeschlagen und unglücklich aus, daß
das Büblein gewaltsam nach einem Trostgrund suchte. »Mutter,« sagte es
nach einer Weile, »sei du nur wieder ganz fröhlich, ich will fortgehen
und den Vater suchen und dann sage ich ihm, daß er wieder zu uns kommen
muß, und dann kannst du wieder bei mir bleiben, alle Tage, und alles
wird wieder, wie es vorher war.« Der Jockele war noch klein, erst
fünf Jahr alt, aber er war ein sinniges, nachdenkliches Kind und er
mochte am liebsten bei der Mutter sitzen und sich mit ihr unterhalten.
Da hatte er dann, solang der Vater da war, es schön gehabt. Da hatte
die Mutter immer Zeit für ihn gehabt, er war ihr, wenn sie im Hause
herumhantierte, den ganzen Tag nachgelaufen, aus der Küche in die Stube
und aus der Stube ins Gärtchen und umgekehrt. Und wenn die Hausarbeit
getan war und die Mutter setzte sich nieder mit einer Näharbeit, dann
zog der Jockele sein Bänkchen herbei und die Mutter mußte Geschichten
erzählen, alte und neue, davon hatte er nie genug bekommen. Vom Vater
hatte er wenig gewußt, er schlief immer schon, wenn dieser abends von
der Arbeit nach Hause kam. Das schwebte ihm noch dunkel vor, daß er
manchmal nachts an einem lauten Gepolter und Geschrei erwacht war und
des Vaters Stimme war ihm dann unheimlich und furchterregend gewesen.
Aber weil das schon lange her war, und weil, seit der Vater eines Tages
nicht nach Hause gekommen und dann ganz ausgeblieben war, die Mutter
fast gar keine Zeit mehr für den Jockele hatte, sondern nur immer
Geld verdienen mußte, so wob sich in seinem Kopf die Zeit, da er noch
einen Vater hatte, zu einem Bild voll Behagen zusammen und es kam ihm
ganz ausführbar vor, daß er den Vater wieder holen und damit die alten
Zustände wieder einsetzen könne. -- Die Mutter schüttelte den Kopf und
zog den Jockele an sich. »Ach damit ist's nichts, Kind,« sagte sie.
»Wir wissen ja gar nicht, wo wir den Vater suchen müßten, die Welt ist
groß und weit und kein Mensch weiß, wo er hingewandert ist. Und er
will ja gar nicht mehr heim zu uns; das ist ja grad' das Elend, daß er
nur für sich allein leben will und hätte doch daheim ein Häuslein und
ein Weib und so ein herziges Büblein. Nein, nein, holen kannst du den
Vater nicht, auch wenn du größer wärest und könntest so in die weite
Welt gehen. Bleib' du nur bei mir und sei mein Trost und meine Freude
und werde recht brav und fromm, dann können wir zusammen auch wieder
fröhlich werden.« Jetzt waren unterdessen die Löcher gestopft und der
Jockele konnte mit den Höslein bekleidet werden. Sonst brauchte er
nichts anzuziehen, als ein leichtes Kittelchen, denn es war trotz des
Herbstes noch warmes, sonniges Wetter und er lief leichter davon mit
seinen nackten Füßchen, als wenn er Schuhe und Strümpfe angehabt hätte.
Dann wurde noch die Morgensuppe miteinander gegessen und zum Schluß
betete die Mutter noch einen andächtigen Morgensegen mit dem Kinde und
befahl es in die Hut des Vaters im Himmel, daß der ihm seine Engelein
zu Wächtern bestelle, und darüber wurde es ihr selbst auch leichter ums
Herz.