bei dem Lärm ungehört hereingekommen war. Sie trat an das Bett der
Frau und sagte freundlich: »Am Ende könnte ich ein bißchen nach der
Sache sehen, die Christine ist noch wohl klein zur Haushälterin.« Das
war der Frau noch nie vorgekommen, daß sich jemand um ihre Haushaltung
angenommen hatte. Es konnte ihr schon recht sein, sie sagte aber
brummig: »Wir könnten schon allein fertig werden. Arme Leute haben
keine Zeit zum Kranksein, ich stehe dann schon wieder auf.« Aber die
Flori ließ sich nicht draus bringen. Zuerst half sie dem Feuer auf,
daß dieses lustig flammte, und kochte die Morgensuppe; dann ging es an
die Reinigung der kleinen Schreihälse. Christine wußte nicht, wie ihr
geschah, so hatte ihr noch niemand gezeigt, wie man alles angreifen
mußte. Heute ging es noch einmal so leicht. »Jetzt lassen wir aber
auch den schönen Sonnenschein herein,« sagte Flori und öffnete das
Fenster, denn draußen schien jetzt die Sonne warm und hell, gerade auf
den Tisch, auf dem jetzt die Suppe stand. Christine meinte, so gut
sei noch keine Suppe gewesen und die Stube noch nie so freundlich wie
heute, und die Kinder noch nie so folgsam. Sie mußte einmal ums andere
tief aufatmen, und das sah die Flori mit Wohlgefallen. Auch die Frau
legte sich behaglich in die Kissen zurück und ließ sich versorgen,
denn sie wußte nun, daß für heute einmal alles Nötige geschehe. Sie
wollte ja nicht böse sein, sie hatte nur immer so viele Sorgen und
viele Arbeit, und dann hatte sie schon lang nicht mehr gesehen, wie gut
es tut, wenn man freundlich und liebreich ist. Das sah sie nun an der
Flori, die gar nicht viel zu sagen brauchte, so folgten ihr die Kinder,
und die die ungeschickte Christine so nett und verständig anwies, daß
die Arbeit ging wie am Schnürchen. Jetzt war die Stube gefegt und das
kleinste Kindlein gebadet. Es war wirklich so, wie die Flori gestern
gesagt hatte, es gefiel der Christine sehr, wie das Kleine mit den
Gliedern zappelte in dem warmen Wasser und mit den blauen Äuglein die
Flori groß ansah. Überhaupt kam ihr heute das Leben viel erfreulicher
vor als seither, sogar die größeren Buben sahen so nett und frisch aus.
Christine mußte dem kleinen Michele einen Kuß geben. Da sah er sie groß
an und verzog das Mäulchen zum Lachen.
»So, den Peterle und den Georg nehme ich mit mir,« sagte die Flori, als
alles sauber und in Ordnung war. »Ich koche dann einen Milchbrei zum
Mittagessen für die ganze Haushaltung. Den Michele läßt man im Wägelein
schlafen draußen vor dem Hans, der ist schon wieder müde. Und die
Christine bleibt bei der Hand, daß die Base jemand hat, der ihr etwas
bringen kann.«
Damit zog sie ab.
Christine setzte sich mit ihrer Schreibtafel auf die Staffel vor der
Haustüre. Sie lernte gern und hätte nie die Schule versäumt, wenn sie
nicht gemußt hätte. So war sie bald sehr im Eifer an ihrer Arbeit; sie
schrieb schöne lange Zahlenreihen untereinander und rechnete sie dann
zusammen.
Auf einmal stand der Herr Schullehrer vor ihr, der mit Verwunderung
gesehen hatte, wie wichtig dieser Schülerin, die so oft fehlte, das
Lernen war. Christine erschrak ein wenig, aber der Lehrer sagte
freundlich: »So ist's recht! Gib dir nur recht Mühe, dann kommst du
schon noch nach. Ich will dann bald einmal mit dem Wegknecht sprechen,
daß du nicht so oft die Schule versäumen mußt.« Darauf reichte er dem
Kinde ganz väterlich die Hand, und Christine blieb so glücklich zurück,
wie sie schon lange nicht mehr gewesen war.
Diesem schönen Morgen folgten noch viele solche. Denn was die Flori
einmal unternahm, das führte sie gern auch aus. So erschien sie jeden
Morgen, solang die Frau noch nicht so gesund war, in dem Häuslein
des Wegknechts, versorgte die Frau und die Kinder, zeigte Christine
liebreich, wie sie alles, was zu tun war, machen müsse. »Siehst du, mit
Klötzchen und Steinen spielen sie ganz nett allein,« sagte sie, »und
dann kannst du ein wenig stricken oder rechnen.« Christine war eine
ganz neue Welt aufgegangen, seit sie so eine treue Hilfe hatte. Sie sah
gar nicht mehr finster und verzagt aus und manchmal konnte sie sogar
mit den Kleinen lustig lachen.
Es war auch wunderbar; die Base zankte gar nicht mehr oft, sie war
viel freundlicher geworden, und seither hätte ihr die Christine alles
zuliebe getan, was sie nur gewußt hätte.
Denn die Botenflori hatte einmal, als sie recht geruhig allein mit
der Frau zusammen in der Stube saß, recht eindringlich mit dieser
gesprochen und ihr gesagt, daß sie mit Freundlichkeit noch einmal so
viel erreiche, als mit Zorn. Und die Frau konnte sich das wohl sagen
lassen, denn die Flori hatte es ihr zuerst vorgemacht. So sagte sie nur
ganz bewegt: »Euch hat mir der liebe Gott geschickt, Flori! Vergelt's
Gott, tausendmal.«
Als an diesem Abend die Flori heimwärts wanderte, war sie so froh und
glücklich, wie sie nie mehr gewesen war, seit sie die Sache mit dem
Postboten gedrückt hatte, und auch vorher lange nicht. Denn Flori hatte
es selber gut gespürt, daß es nicht mehr gehe, und hatte sich immerfort
dagegen gewehrt, ihr Amt abzutreten. So war sie oft recht elend
gewesen, trotzdem sie sich in den vielen Jahren etwas Ordentliches
erspart hatte und keine Not zu fürchten brauchte. Jetzt hatte ihr der
liebe Gott die Last abgenommen und hatte ihr gezeigt, daß er doch
noch da und dort etwas für sie zu tun habe. Und weil die Flori das
nun einsah, war sie so getrost und fröhlich und ließ ruhig den neuen
Postboten seinen Schiebkarren den Berg heraufschieben, es tat ihr nicht
mehr weh.
Die Kinder hingen an ihr wie die Kletten, und als das die andern Kinder
im Dorf sahen, machten sie es auch so. Aber die Christine blieb doch
ihre beste Freundin, denn die beiden, Flori und Christine, hatten
einander dazu verholfen, daß sie wieder fröhlich sein konnten.
Man kann die Flori jetzt auch noch Botenflori heißen, denn sie ist ja
des lieben Gottes Botin bei den armen Leuten geworden.
13. Augenblicklich.
»Else, Kind, es ist Zeit zum Tischdecken! Fang gleich an, du weißt, der
Vater ärgert sich, wenn er nach Hause kommt und es ist nicht fertig!«
Die Mutter steckte einen Augenblick ihr vom Herdfeuer erhitztes Gesicht
durch die Türöffnung. »Gleich, Mutter, im Augenblick,« antwortete Else,
die an einer zierlichen Handarbeit stichelte, ohne damit aufzuhören.
Die Mutter ging wieder an ihre Arbeit zurück. Else sah nach der
Wanduhr. Erst halb zwölf! Und fünf Minuten nach zwölf kommt der Vater
nach Hause, zehn Minuten allerhöchstens brauche ich zum Tischdecken,
also kann ich ruhig noch die Schleifen an das Kissen nähen. Was sich
nur Mama denkt, wie lang' ich brauche?
Else war schon zwölf Jahre alt, die Älteste von fünf Geschwistern,
und fand, daß sie's im allgemeinen doch recht unruhig habe! Alle
Augenblicke begehrte jemand anderes ihre Dienste, von einer schönen
Geschichte konnte sie wohl zehnmal abgerufen werden. Sie wußte keine
von all' ihren Freundinnen, der so viel zugemutet wurde. Heute war
sie mit einer Geburtstagsarbeit für Alice Baumann, ihre liebste
Freundin, beschäftigt; sie wurde so hübsch, Else mochte sich nicht
von dem zierlichen Nadelkissen trennen, eh' es fertig war. Blaue
Seide mit weißen Spitzen und Schleifchen! Sie hob wieder den Blick
zur Uhr. Dreiviertel! Da reichte es gut auch noch zur Aufhängeschnur.
Nein, wie diese dumme Schnur sich verwickelte! Einen so aufzuhalten!
Und nun hatte sie dieselbe gar auf die verkehrte Seite genäht vor
Aufregung und Eile! Wenn man sich auch so abhetzen muß! Else hatte
ordentlich Mitleid mit sich selbst. Zwei Minuten bis zwölf! Jetzt galt
es aber, voran zu machen. Schnell das Tischtuch aus dem Schrank, die
Teller vom Büffet, wie dumm das Salzfaß im Wege stand, es fiel bei der
kleinsten Berührung mit dem Ellbogen um und streute seinen Inhalt auf
den Fußboden! Zum Aufkehren hatte man jetzt keine Zeit, nur schnell
das ganze Häufchen unter den Schrank, gleich nach Tisch wollte Else es
wegnehmen. Da, ein Geschrei im Nebenzimmer. Natürlich, nun mußte Hans
aufwachen, er wachte ja immer auf, wenn er möglichst ungeschickt kam.
Else hatte das Amt, ihn alsdann in sein Kleidchen zu stecken und ihm,
ehe sich die Großen zu Tisch setzten, seine Suppe zu geben. Das hatte
sie vorhin in ihrer Zeitrechnung vergessen, wer kann aber auch an alles
denken? »Sei still, Hänschen,« rief sie eilig ins Schlafzimmer hinein,
»ich komme im Augenblick.« Der Kleine fuhr aber fort zu schreien und
die Mutter ließ ihre Küche im Stich, um nachzusehen, wo es fehle. In
diesem Augenblick ging die Haustür, der Vater trat ein, gefolgt von
einem Herrn, den er als Gast mitbrachte. Er ließ auch zugleich Max
und Konrad, die aus der Schule kamen und Klein-Gretchen, das sich im
Garten vergnügt hatte, herein. »Else, weshalb siehst du nicht nach
dem Kleinen?« rief die Mutter; aber sie schwieg traurig, als sie den
ungedeckten Tisch sah, der erst schwache Anfänge zu einer Eßgelegenheit
zeigte. Nun wußte sie schon, woran sie war. »Komm Konrad, hilf schnell,
den Tisch zu decken, aber sieh, daß nichts fehlt,« damit eilte die
Mutter nochmals in die Küche, um dem Mädchen die letzten Anweisungen
zu geben, und dann zu Hänschen, um ihn zu beruhigen und anzuziehen.
Der Vater war mit dem Gast eingetreten. Er liebte es sehr, wenn er in
den wenigen Stunden, die er im Kreis seiner Familie zubringen konnte,
alles gemütlich und hübsch in Ordnung, die Kinder fröhlich, den Tisch
gedeckt und seine Frau »für ihn zu haben« fand. Und dazu heute, wo
er einen Jugendfreund, den er lange nicht gesehen hatte, mitbrachte!
So zog er unwillig die Augenbrauen zusammen, als im Wohnzimmer ein
Gelaufe, wie im Ameisenhaufen, war. Konrad vollzog seine Mithilfe an
der Arbeit mit großem Geräusch und nicht ohne anzügliche Bemerkungen
gegen Else. »Wieder einmal gelesen?« fragte er sachverständig. Else
hatte aber nicht gelesen, sondern fleißig gearbeitet und brauchte sich
derartige Bemerkungen nicht gefallen zu lassen. Sie war überhaupt
aufgeregt, gab dem Bruder eine heftige Antwort und zerbrach auch
ein Glas, eins von den geschliffenen, die Mama zu Ehren des Gastes
herausgegeben hatte.
Die Mutter erschien, als sie den Kleinen endlich beruhigt und sich
selbst und Hänschen etwas präsentabel gemacht hatte, müde und
abgespannt bei Tisch und mußte Hänschen auf dem Schoß haben, weil er
seine Suppe nun erst mit den Großen essen konnte.
Schade, es war lang nicht so gemütlich wie sonst, der Gast hätte
einen besseren Eindruck vom Hause bekommen können, und das bedrückte
die Mutter, die wohl wußte, wie viel der Vater darauf hielt. Die
Herren mußten auch gleich nach Tisch wieder fort, es hatte vorher
so lang gedauert; nun war auch das behagliche Viertelstündchen nach
Tisch, das der Vater so liebte, für heute verscherzt. Else ging mit
unglücklichem Gesicht umher, sie hätte gern gewußt, ob es noch jemanden
gehe wie ihr. Immer kam alles Unangenehme zusammen! Die Mutter hatte
nicht gescholten, sie hatte nur gesagt: »Wann wirst du je anfangen,
zuverlässig zu werden?« Und Else leistete doch so viel für ihr Alter,
nur allerdings nicht immer gerade das, was man von ihr voraussetzte und
nicht immer genau zu der Zeit, wo man es erwartete.
Es war am Nachmittag, der heute schulfrei war. Auf vier Uhr war Else
zu der Geburtstagfeier eingeladen. Das Kissen lag hübsch verpackt in
Seidenpapier, warum war ihr nur die ganze Freude daran verdorben?
Elsens Blick fiel auf den Bücherschrank. Eigentlich hätte sie jetzt
ihre Aufgaben machen sollen, ja so, und die Mutter hatte sie gebeten,
Hänschen ein wenig zu beaufsichtigen, da sie ein Weilchen ruhen
wollte. Aber da war noch das Buch, das Max, wie er sagte, heute abend
seinem Kameraden zurückgeben wollte, und Else hatte solch eine schöne
Geschichte darin angefangen. Das ließ sich ja auch alles ganz gut
vereinigen. Mit den Aufgaben wurde sie noch lange fertig und im Notfall
konnten sie auch abends gemacht werden. Ausnahmsweise, gewöhnlich
sollte das ja nicht sein. Und Hänschen? Nun der krabbelte vergnüglich
am Boden umher und konnte sich ganz schön selbst beschäftigen. Else
fand, daß er viel liebenswürdiger war, wenn man ihn sich selbst
überließ. So konnte sie gut ein Weilchen lesen. Einen Augenblick
hatte sie zwar ein unbestimmtes Gefühl, als ob es vorher noch etwas
Dringendes für sie zu erledigen gäbe; was war es nur gleich? Ach
richtig, das Salzhäufchen unter dem Schrank! Das mußte weg, gleich
nachher. Dann war sie mitten im Urwald, unter Schlangen und mutigen
Reisenden, die große Taten vollbrachten. Was waren das für herrliche
Menschen! Else wollte später auch viel Gutes und Schönes ausführen, sie
wußte nur für den Augenblick nicht recht, was? Aber das fand sich!
Aus der einen Geschichte wurden zwei. Else saß mit glühendem Gesicht
und atmete kaum. Es waren zu schöne Geschichten! Und Hänschen war so
artig und still, wunderbar! Aber jetzt war's halb vier Uhr. Und Else
mußte sich noch umziehen, die Mutter hatte das neue Sonntagskleid
gestattet. Flugs hinein, das Kissen zur Hand und dann fort! Denn Alice
wohnte ziemlich weit weg und Else wollte nicht zuletzt kommen.
So ganz behaglich war's ihr diesmal nicht in der fröhlichen
Gesellschaft. Erstens hatte sie einen ganz heißen Kopf und erregte
Sinne von dem hastigen Lesen, dann waren auch noch die Schulaufgaben
sämtlich unerledigt und dann, sie hatte gar nicht gemerkt, daß Mama
das am Ofen sitzende Hänschen mit beschmutztem Kleidchen und schwarzen
Händchen weggenommen und stillschweigend gereinigt hatte. Sie hatte
es erst nachträglich durch Max erfahren, natürlich nicht ohne
brüderliche Seitenhiebe. Aber es war doch nicht ganz angenehm. Wenn
Mama nicht schalt, war sie traurig, und merkwürdig, das war noch viel
unbehaglicher, obgleich sich Else nicht gern schelten ließ.
In der Gesellschaft war viel die Rede von einem großen Zirkus, der für
einige Zeit in der Stadt war. Else wußte auch davon, der Vater hatte
so halb und halb versprochen, einmal mit seinen drei größeren Kindern
und der Mutter hinzugehen, und sie freute sich längst darauf. Sie nahm
sich auch vor, gleich heute noch beim Abendessen den Vater darum zu
bestürmen, es war ein großartiges, anziehendes Programm, das mußte man
gesehen haben.
Ganz hingenommen von diesen Gedanken kam sie nach Hause.
Die Brüder hatten Sonntagskleider an, blätterten in merkwürdiger
Eintracht in dem großen zoologischen Atlas des Vaters und machten
dazu eifrige Bemerkungen. Else wunderte sich darüber, bekam aber
sogleich die Mahnung: »Leise, Hänschen ist krank, Mama sitzt bei ihm am
Bettchen.«
»Du kannst dein Sonntagskleid anbehalten, Else,« empfing die Mutter das
Töchterlein, »Papa will mit euch dreien und seinem Freund, der auch ein
Töchterlein mit hierher gebracht hat, in den Zirkus gehen.«
»Deine Aufgaben sind ja doch wohl fertig? Eigentlich sollte ich dir
heute das Vergnügen nicht gestatten, denn du versäumst jetzt gerade so
oft deine kleinen Pflichten, aber ich hoffe, du merkst dir's endlich --
ich kann ja leider auch nicht mitgehen. Hänschen ist nicht wohl, ich
weiß nicht, was mit dem Kind ist, es muß etwas Unpassendes gegessen
haben.« Else wurde es heiß und kalt! Erstens keine Möglichkeit, mit
in den Zirkus zu gehen, denn die Aufgaben standen noch riesengroß da
zur Erledigung. Und der Vater, wie würde der unzufrieden sein! Und die
Brüder würden spotten! Und auf morgen früh verschieben ging nicht, das
gestatteten die Eltern nie.
Und zudem! Was hatte Hänschen wohl geschluckt? Else erinnerte sich
jetzt deutlich, daß sie während des Lesens immer ein Gefühl gehabt
habe, als stecke der kleine Bursche etwas ins Mäulchen, das nicht
hineingehöre, es hatte so geknirscht! Ja richtig, das Salz! Else
stürzte fort, die Mutter kam ihr erstaunt nach. Da kniete sie am Boden
und brachte die Reste des Häufchens zum Vorschein, den weitaus größten
Teil hatte der Kleine geschluckt.
Erstaunt und betrübt hörte die Mutter den Bericht mit an, den
Else gab. Es war eine Kette von kleinen Versäumnissen. Else hatte
alles tun wollen, was sie sollte, »im Augenblick,« nur nicht im
zunächstliegenden, und so war es dann gar nicht geschehen.
Das war ein gestörter Abend. Der Vater ging mit den Brüdern allein, er
hatte nur gesagt: »Hoffentlich muß der arme kleine Kerl nicht zu sehr
den Leichtsinn seiner Schwester büßen,« nichts davon, daß es ihm leid
sei, Else nicht mitnehmen zu können.
Das war dieser noch das härteste. Sie saß im einsamen Wohnzimmer und
schrieb und rechnete, aber dazwischen tropften schwere Tränen auf die
Hefte. Da trat die Mutter ein. »Hänschen schläft jetzt,« sagte sie,
»ich hoffe, es schadet ihm weiter nichts; nun ich wußte, womit er sich
den Magen verdorben, konnte ich dagegen wirken.«
Dann gegenseitige Stille. Else kämpfte mit sich. Eigentlich hatte sie
doch nichts verbrochen, es war nur ungeschickt gegangen! Nein, doch,
sie wußte es ja besser, gewiß, es sollte anders werden.
»Mama,« Else hob das verweinte Gesicht. »Ja? Was ist's?« fragte die
Mutter ein wenig müde, sie hatte heute schon so viel Aufregung gehabt.
»Ich möchte, -- ich will gewiß, -- ach, Mama, kannst du mich denn noch
lieb haben?«
Jetzt war Else ein ganzes Kind, reuig, trost- und liebebedürftig; sie
hatte den Kopf in der Mutter Schoß gelegt und schluchzte sich alles vom
Herzen herunter, was Drückendes, Unartiges, Störendes drin war. Und
die Mutter tröstete jetzt das große Kind, wie vorher das kleine, und
half ihm mit mütterlichen Worten ins rechte Geleise. Denn es ist bei
der Mutter gleich, ob sich die Kleinen oder die Großen verirren, die
Hauptsache ist, daß das Kind den Heimweg sucht und dazu nach der Hand
der Mutter greift.
Und als Else hernach beschwichtigt und erleichtert in ihrem Bett lag,
gab ihr die Mutter noch als Schutz- und Trutzmittel für den neuen Weg,
den sie wandern wollte, ein Verslein mit, »das bete jeden Tag von
Herzen, so wird dir's der liebe Gott gelingen lassen:
Gib, daß ich tu' mit Fleiß,
Was mir zu tun gebühret,
Wozu mich dein Befehl in meinem Stande führet,
Gib, daß ich's tue bald, zu der Zeit, da ich soll,
Und dann gerate mir's durch deinen Segen wohl.«
14. Angelika.
»Aufgepaßt!«
Christian, der stämmige Stallknecht, rief aus den dichten Zweigen
des großen Apfelbaums, der so voll hing mit reifen Äpfeln, daß er im
Sonnenschein aussah wie ein rotes Dach. Dann rüttelte und schüttelte er
so nachdrücklich an den Ästen, daß es anfing zu prasseln und in kurzer
Zeit der Boden ringsumher ganz bedeckt war mit den schönen Früchten.
»Au, au, hör auf! Hör einmal auf, Christian! Die Äpfel zerfallen
aufeinander, so viele liegen schon da! Man muß zuerst diese auflesen!«
So tönte es nun durcheinander, denn es war eine große Gesellschaft in
dem Obstgarten versammelt. Da waren zuerst die sechs Kinder des Herrn
Amtmanns, dem der Garten gehörte, von Wilhelm, dem großen Lateinschüler
an, bis herab zu dem jüngsten, zweijährigen Schwesterlein. Dann
waren noch die Buben aus dem Pfarrhaus da und die Kinder des Herrn
Schultheißen. Es war ein lustiges, lebhaftes Häuflein, das da
durcheinander purzelte, krabbelte, lachte und sich neben der fleißigen
Arbeit her die Äpfel schmecken ließ.
Das Oberkommando führte Heinerike, die alte Magd des Amtshauses. Sie
verstand das Regieren aus dem Fundament, und wenn ihr auch selber das
Bücken ein wenig sauer geschah, so konnte sie die Kinder um so besser
dazu anleiten. So wurde in hellem Vergnügen ein Sack nach dem andern
gefüllt. Angelika, das siebenjährige Töchterlein des Hauses, hatte
schon seit einer Weile angefangen, die allergrößten Äpfel auf ein
besonderes Häufchen zu legen. Jetzt schienen es genug zu sein, denn
sie packte alle zusammen in ihre weite Ärmelschürze und steuerte, so
schnell es mit der gewaltigen Last ging, auf das Lattentürchen zu, das
aus dem Obstgarten nach dem Blumengärtlein hinführte. Dort stand eine
dichtbewachsene Laube und in diese trat Angelika ein.
»Großvater,« rief sie schon von weitem, »sieh nur, Großvater, so
große prachtvolle Äpfel gibt's heute! Ich habe dir die allerschönsten
herausgelesen, du mußt sie behalten!«
Der Großvater stellte lächelnd seine lange Pfeife neben sich an die
Wand und strich leise mit der Hand über die frischen runden Backen des
kleinen Mädchens.
»So, und die schönsten bringst du mir? Das ist brav,« lobte er dann.
»Aber was soll denn der Großvater damit anfangen? Er kann die Äpfel ja
nicht mehr beißen!«
Daran hatte Angelika freilich nicht gedacht. Sie sah bedauernd in
ihr Schürzchen und sagte dann: »Dann mußt du sie wenigstens ansehen,
Großvater! Sie sind ganz furchtbar groß, du siehst sie schon!« Und sie
hielt dem Großvater einen der schönsten ganz dicht vor die Augen.
Der Großvater griff mit der Hand nach dem Apfel. »Daß er groß ist, das
fühle ich schon,« sagte er. »Aber sehen kann ich ihn doch nicht. Du
mußt aber deswegen nicht traurig sein. Ich habe in meinem Leben schon
so viele schöne Äpfel gesehen, da kann ich mir nun ganz gut denken, wie
dieser aussieht.«
Der Großvater war nämlich schwer krank gewesen und als es ihm sonst
wieder besser ging, da waren seine Augen ganz allmählich immer
schwächer geworden. Jetzt hatte er noch einen Schein in dem einen Auge,
so daß er unterscheiden konnte, ob es hell oder dunkel um ihn her sei.
Weil er aber schon die ganze Zeit seines Lebens in diesem Haus
und Garten gewohnt hatte, so konnte er, ohne daß man ihn führte,
umhergehen und seine Lieblingsplätzchen aufsuchen. Am liebsten saß er
in der Laube, und die Kinder waren dann oft bei ihm, besonders Angelika.
Den Großvater hatte seine Blindheit nicht unglücklich oder auch
verdrießlich und mürrisch gemacht. Er dachte, der liebe Gott werde
schon wissen, wozu er ihm das geschickt habe, und so wolle er dann
damit zufrieden und geduldig sein. Und dann fiel dem Großvater, wenn er
so still für sich dasaß, so vieles aus seinem vergangenen Leben ein,
er dachte an alle seine Lieben, die niemand auf der Welt mehr sehen
konnte, weil sie schon lang vom lieben Gott heimgeholt worden waren.
Und alles wurde ihm so lebendig, daß er es wirklich zu sehen meinte; da
vergaß er dann manchmal ganz, daß er blind war.
Für Angelika war es herrlich, daß der Großvater so viel Zeit hatte.
Es ereignete sich immer so viel, was notwendig mit jemand besprochen
werden mußte; das konnte man alles sehr gut beim Großvater anbringen.
Und es war schöner als alle Geschichten, die es gab, wenn der Großvater
anfing, aus seiner Kindheit zu erzählen. Aus dem Hungerjahr, wo
die Leute Klee- und Baumrinde unter das Brotmehl mischten, und aus
Kriegszeiten und dann auch noch viel Erfreuliches.
Heute hatte das Kind etwas Besonderes auf dem Herzen. Es legte die
Äpfel alle auf den Tisch, zog sich dann ein Schemelchen heran und
sagte: »Großvater, warum heiße ich Angelika? Niemand heißt so, als nur
ich! Des Schultheißen Christoph hat gesagt, vielleicht habe einmal, wie
ich noch klein gewesen sei, jemand so geheißen und dann habe man mich
deshalb so getauft.«
»Da hat der Christoph nicht so unrecht,« sagte der Großvater. »Es hat
einmal jemand so geheißen wie du, aber das ist schon so lange her, so
lang, daß außer mir niemand mehr lebt, der sie gekannt hat.«
[Illustration]
Es war so ein merkwürdiger Ausdruck in des Großvaters Gesicht gekommen,
wie ihn Angelika noch nie gesehen hatte. Fast wie wenn er weinen
wollte. Das durfte nicht sein! »Großvater, sei nur zufrieden, es macht
nichts. Ich will dann gern so heißen. Die Mutter hat auch gesagt, es
sei gar nicht ungeschickt, man wisse gleich, wen man meine, wenn sonst
niemand da sei, der Angelika heiße.«
Aber der Großvater war noch nicht gleich wieder wie sonst. Er fühlte
den dicken braunen Zopf an, der bei Angelika hinten gerade hinausstand
und die kurzen, krausen Härchen, die sich überall herausdrängten, und
schüttelte immer den Kopf dazu. »Sie sah ganz anders aus,« sagte er
leise vor sich hin, »ganz anders.«
Das alles erweckte Angelikas Interesse. »Wer, Großvater?« fragte sie
fast ein wenig schüchtern.
»Die, nach der man dich geheißen hat,« sagte der Großvater. »Sie war
mein Schwesterlein, ich habe nie mehr so etwas Liebliches gesehen.«
»O, erzähl' mir von ihr? War sie so groß wie ich? O, erzähl' mir alles,
was du weißt von ihr!« Angelika kam ganz in Eifer, denn nun auf einmal
von jemand zu hören, der so hieß wie sie, und der keine alte Frau war,
sondern ein kleines Mädchen, das war ein wichtiges Ereignis.