Doktor, mein Papa ist dort,« sagte Rudolf und sah sich immer
ängstlicher um. »O das weiß ich gut, der wohnt ganz gerade aus,« sagte
der Stuttgarter zuversichtlich. »Es ist ein Haus in einem Garten,
gelt?« Rudolf nickte. »Ja und eine goldene Kugel zum Herausziehen an
der Haustüre.« »Das ist die Glocke, du weißt auch noch nicht viel,«
lachte der Schüler. »Jetzt geh nur ganz geradeaus, siehst du, das
ist das Haus, das ein wenig vorsteht. Den Garten sieht man erst von
der andern Seite, nicht von hier aus.« Es kam Rudolf nicht ganz so
vor, aber der große Junge mußte es ja wissen, so ging er denn auf das
bezeichnete Haus los.
Der Wegweiser hatte es aber nicht recht gewußt. Er hatte nicht daran
gedacht, daß es viele Doktoren gibt in der großen Stadt, und der Arzt,
der hier wohnte, war ein anderer als der, bei dem Rudolf vorher gewesen
war. Ratlos sah sich das Büblein um, denn es wußte nun gar nicht mehr,
wo es hergekommen war. So viele fremde Leute gingen vorüber, keiner
achtete darauf, daß der kleine Fremdling angefangen hatte. bitterlich
zu weinen.
Plötzlich kam ein Soldat auf Rudolf zu. Er hatte einen Helm auf und
glänzende Knöpfe an seinem Rock und sein Gesicht glänzte auch, aber vor
Freude. »Grüß Gott, Rudölfle,« sagte er, »ja wie kommst denn du daher?
Und weinst so?« Es war Stiftungspflegers Gottlieb von Teufenrot, ein
ganz guter Freund der Pfarrerskinder, der hier beim Regiment stand.
Rudolf lachte durch seine Tränen hindurch. Denn der Gottlieb kam ihm
vor wie ein Engel, er faßte seine Hand ganz fest. »Ich bin mit dem
Papa gekommen, er ist noch im Zimmer beim Herrn Doktor und ich habe
den Wagen sehen wollen, der von selber laufen kann. Und jetzt weiß ich
nicht mehr, wo er wohnt, zeig mir's jetzt!«
Das war nun nicht ganz so leicht für den Gottlieb, und wenn nicht
der Herr Pfarrer soeben eilig und atemlos an der Straßenkreuzung
erschienen wäre, um nach allen Seiten hin zu spähen, so wäre es mit dem
Wiedersehen am Ende nicht so schnell gegangen.
Der Vater konnte nicht viel sagen, als: »Gott Lob und Dank!«
Denn er konnte den Rudolf im Augenblick nicht zanken, daß er aus dem
Garten gegangen war. Landkinder wissen nicht so recht, wie leicht man
in einer großen Stadt weit, weit auseinander kommen kann, und diese
Belehrung bekam Rudolf erst, als er mit dem Papa und Gottlieb zusammen
beim Mittagessen saß. Daß der Junge einmal fürs erste nicht mehr von
ihm weichen würde, konnte der Herr Pfarrer deutlich merken, denn Rudolf
hielt mit der einen Hand den Löffel und mit der andern den Ärmel des
väterlichen Rocks gefaßt und verwandte keinen Blick von dem Vater.
Jetzt kam mit Trommeln und Trompeten die Wachtparade gezogen. Rudolf
war längst wieder soweit getröstet, daß er sich für so etwas Herrliches
begeistern konnte. Im Nu war er mit dem Vater auf der Straße und
marschierte, immer die beschützende Hand festhaltend, »in gleichem
Schritt und Tritt,« so gut es die kleinen Füße erlaubten, mit die
Königstraße hinunter bis zum Schloßplatz. Da sprangen die Wasser der
Springbrunnen hoch in die Höhe, und die kunstreichen Beete leuchteten
in allen Farben, und im Trompeterhäuschen schmetterte die Musik, und
dem Büblein zersprengte es fast das Herz vor Hochgefühl. »O, wenn nur
die Mama da wäre und das Mariele und die Babett,« brachte er endlich
heraus. »Und dann noch der Philipp und der Hansjörg!«
Denn der Rudolf sah wohl ein, daß er es dann doch nicht ganz so
sagen könne, wenn er nach Hause komme. Ganz so schön, wie es in
Wirklichkeit war! Ein kleiner Trost war noch, daß der Vater eine
Schokoladetafel kaufte für das Mariele, mit einem schönen, bunten Bild
des Schloßplatzes darauf.
Es kam immer noch schöner. Rudolfs Patin sollte besucht werden, und
da diese weit weg, fast am Ende der Stadt wohnte, da, wo diese sich
am Hasenberg hinaufzieht, so stieg der Vater mit ihm in einen der
interessanten Wagen. Das war fast noch schöner als Eisenbahnfahren. So
durch die ganze Stadt zu sausen durch schöne Straßen mit hohen Häusern
und prachtvollen Läden! Der Wagenführer, ja der kam Rudolf nun wieder
beneidenswert vor! Den ganzen Tag nichts zu tun, als auf dem luftigen
Vorplatz stehen und mit der Glocke bimmeln, daß alle Leute schnell
ausweichen, und dazu hin und her sausen, schnell wie der Wind! Wenn
sich Rudolf nicht erst vor einer Weile entschlossen gehabt hätte,
Trommler oder Trompeter bei den Soldaten zu werden, so hätte er jetzt
gewiß gleich mit dem Papa ausgemacht, daß er Wagenführer werden wolle.
Jetzt war man bei der Patin angelangt. Sie wohnte in einem hohen,
stattlichen Hause. »Gelt, Papa, das ist noch viel höher als des Königs
Schloß?« meinte der Sohn, und das mußte der Vater auch zugeben. Des
Königs Schloß hatte aber jedenfalls den Vorzug, daß es da nicht so
viele Treppen zu ersteigen gab, wie bei der Patin. Denn diese wohnte im
vierten Stock.
»Warum wohnt sie ganz oben auf der Bühne?« wollte Rudolf wissen und
erstaunte sehr, daß es da oben gar nicht aussah wie auf der Bühne,
sondern recht zierlich und hell und freundlich. Die Patin war schon
einmal in Teufenrot gewesen, Rudolf kannte sie wohl. »Aber da war ich
noch ein bißchen klein,« sagte er nur. »Ja,« sagte die Patin und mußte
ein wenig lachen, »jetzt bist du freilich schon recht groß, du kannst
schon auf den Tisch heraufsehen!«
Es waren auch Kinder da, ein Töchterlein Adele, das einen langen
Hängezopf hatte und französisch lernte, drei Buben von sieben, acht und
neun Jahren und dann noch ein fünfjähriges Schwesterlein. Rudolf war
bald daheim unter der lustigen Schar, besah sich mit ihr vom Balkon aus
die Stadt, die dem Landkind fast unendlich vorkam und staunte nur, daß
das kleine Annchen schon so sicher alle Kirchtürme und Aussichtspunkte
zeigen konnte.
Überhaupt kam es ihm immer begehrenswerter vor, in der Stadt zu leben!
Die Buben erzählten vom Tiergarten, den Affen, Eisbären und Löwen, die
es da gibt. »Wir können hinein, so oft wir wollen, wir sind abonniert,«
sagte Richard, der älteste der Brüder.
Und Hans setzte hinzu: »Ja und der Elefant kennt uns schon!« Das dünkte
den Rudolf ein unerreichbares Glück! Was waren dagegen die Eichhörnchen
im Teufenroter Wald? Und die Hasen und Rehe, die man hie und da durchs
Gebüsch huschen sah?
Rudolf wußte nicht, daß die Erwachsenen einstweilen im Zimmer wirklich
Pläne schmiedeten, die ihn betrafen und die davon handelten, ihn aus
dem Stillleben der Heimat in die Stadt zu versetzen. Er sollte ja jetzt
ein Schüler werden und die Eltern hatten beschlossen, ihn das erste
Jahr in Teufenrot in die Schule zu schicken, dann wollte ihn die Patin
aufnehmen und das Patchen sollte ein fleißiger Stuttgarter Schüler
werden.
Aber davon wußte, wie gesagt, Rudolf nichts. Heute hätte ihn der
Plan vielleicht gefreut, weil er sich schwer von den neuentdeckten
Herrlichkeiten trennte. Wir wollen aber einmal in zwei Jahren wieder
anfragen, ob da nicht manchmal ein kleiner Junge mit dem Ranzen auf dem
Rücken daherkommt und unterwegs noch einmal seine Aufgabe wiederholt
und nebenher ein wenig seufzt: »O wenn ich nur wieder daheim wäre und
könnte ganz tief in den Wald hineinlaufen und Heidelbeeren schmausen,
frisch vom Stock!« Denn es ist nicht allemal schön und herrlich, wenn
unsere Wünsche in Erfüllung gehen, das müssen auch schon kleine Leute
erfahren.
Für jetzt sah der Rudolf aber noch lauter Freude und Sonnenschein um
sich her. Der Papa trat auch zu der jugendlichen Schar und fragte
lächelnd: »Nun, Buben, wer von euch will denn nächsten Sommer in der
langen Vakanz zu uns in den Schwarzwald kommen. Sagt's nur,« fuhr er
ermunternd fort, als die Buben vor Freude dunkelrote Köpfe bekamen und
sich doch nicht getrauten, hinauszujubeln, denn das konnte ja nicht
im Ernst gemeint sein! Die ganze lange Vakanz durch aufs Land! Und in
einem Pfarrhaus wohnen, das ganz in einem großen Garten steht! Und
Schiffchen schwimmen lassen im Röhrenbrunnen! Und Eichhörnchen fangen
im Wald!
Die Mutter nickte bestätigend, und daraufhin riefen alle drei mit
solchem Jauchzen: »Ich, ich, ich!« daß der Herr Pfarrer befriedigt
sagte: »Am guten Willen fehlt's da nicht, das sehe ich schon.« Und es
wurde gleich beschlossen, daß im nächsten Sommer alle drei Brüder über
die ganze Vakanzzeit nach Teufenrot kommen sollten, denn wenn der Herr
Pfarrer aus guten Gründen darnach strebte, seinen Sohn in die Stadt zu
bringen, so wollten die Eltern der Stadtkinder dagegen gern, daß diese
eine Zeitlang aufs Land kommen sollten. Und dazu hatten sie auch gute
Gründe; denn die Backen der drei Schüler waren etwas schmal und blaß
und Rudolfs dagegen so frisch und rund, daß es einen wohl gelüsten
konnte, auch solche zu bekommen!
»Aber jetzt wird Abschied genommen, es ist höchste Zeit,« mahnte der
Papa und sah nach der Uhr. Und die Patin steckte dem Rudolf alles, was
er von den guten Vesperbrocken nicht hatte aufessen können, in die
Botanisierbüchse für unterwegs. »Und siehst du,« sagte sie noch, »da
sind drei Orangen, eine für die Mama, eine für Mariele und eine für den
Eduard. Die kannst du vielleicht in die Tasche stecken!« Das konnte
Rudolf. Es war doch gut, daß er die Kürbiskerne nicht eingesteckt
hatte, Mariele hatte doch recht gehabt!
Jetzt saßen die Reisenden wieder im Eisenbahnwagen. Rudolf war etwas
müde, er warf kaum einen Blick zum Fenster hinaus. Immer näher kroch
er an den Vater heran, jetzt lehnte er den Kopf an dessen Arm und dann
schlief er ein, tief und fest.
An der Station stand das wohlbekannte Wägelein, als der Zug ankam. Der
Mond stand hoch am Himmel und sah zu, wie ein schlafendes Büblein aus
einem Wagen in den andern getragen wurde. Dann knallte die Peitsche
und der »Bläß« schlug einen munteren Trab an, denn er wußte wohl, daß
es dem Stall zuging und freute sich gerade so gut auf seine Streu
und den Haber und das Heu in der Krippe, als ein müdes und hungriges
Menschenkind auf sein Bett und auf ein warmes Abendessen. Nur daß das
Menschenkind von einer lieben Mama in Empfang genommen und gepflegt,
erquickt und sorglich zugedeckt wird.
Das Pfarriele schlief schon lang, als die Reisenden ankamen. Die Babett
stand unter der Haustüre und leuchtete, und die Mama rief, wie beim
Abschied, zum Fenster heraus: »Grüß Gott! Jetzt seid ihr doch wieder
glücklich da! Gott Lob und Dank!« Rudolf ließ sich wie im Traum mit
warmer Milch und Weißbrot füttern und ins Bett legen. Erst, als am
andern Morgen der kleine Bruder hereinkam, weil er gar nicht mehr
warten konnte und leise sagte: »Rudolf, du mußt nicht aufwachen, du
mußt mir bloß geschwind geben, was du mir mitgebracht hast!« da fuhr
er verwundert in die Höhe und sah, daß er wieder daheim war. Er hatte
soeben geträumt, er stehe mit einer Trommel in der Hand auf einem
Straßenbahnwagen und besinne sich, ob er lieber trommeln oder lieber
mit der Glocke klingeln sollte. Denn beides war sehr verlockend.
Aber daheim zu sein, war auch schön! So schön, daß er's gar nicht mehr
recht gewußt hatte, so lang er fort war.
Und Rudolf schlang beide Arme um die Mama, die eben zu ihm trat und
sagte: »O Mama, es ist so schön gewesen, man kann es gar nicht recht
sagen, wie schön! Und der Elefant kennt die Buben schon, den Richard
und den Hans und den Julius. Und es gibt Postwägen mit einer Schelle
dran, die selber laufen können und ich werde dann vielleicht ein
Wagenführer. Du darfst dann immer umsonst fahren, Mama! Und du auch,
Mariele!« Denn die Schwester war auch dazu gekommen und freute sich
sehr über diese Aussicht.
Aber als die Mama sagte: »Ja, möchte denn mein Bub' immer in Stuttgart
bleiben und lieber gar nicht mehr hier sein, und nicht mehr in den Wald
können und in den Garten und zu den Spatzen auf den Kirchturm?« -- da
kam das Heimatsgefühl wieder, das dem Rudolf schon vorhin beim Erwachen
aufgestiegen war, und er sagte mit einem tiefen Atemzug: »Nein, nein,
das möchte ich gar nicht! Ich möchte nur daheim sein und sonst nirgends
auf der ganzen Welt!«
12. Die Botenflori.
Die Botenflori saß vor ihrem Häuslein auf einem dreibeinigen Stühlchen
und ließ sich von der Sonne anscheinen. Sonst tat sie anscheinend
nichts; die Hände hatte sie in den Schoß gelegt und den Kopf an die
Wand des Häusleins gelehnt. Das war man sonst an der Flori nicht
gewöhnt. Sie war ein altes Weiblein, und so lang sich die Leute im Dorf
denken konnten, war sie jeden Tag mit ihrem Tragkorb auf dem Rücken in
die Stadt gewandert und hatte dort alles eingekauft, was die Leute etwa
brauchten, und außerdem noch die Postsachen mit heraufgebracht. Die
Flori hieß eigentlich Floriane, man hatte ihren Namen nur so abgekürzt,
weil das bequemer zu sagen war. Sie war in allen Häusern des Dorfes gut
bekannt, und wer sie so mit ihrem schweren Korb daherkommen sah, sagte
dann allemal freundlich zu ihr: »Ei, grüß Gott, Flori! So munter, wie
Ihr, ist kein Junges! Und wenn Ihr einmal Feierabend macht, dann habt
Ihr ihn auch verdient!«
Aber die Flori wollte noch keinen Feierabend machen. Sie wollte gern
noch arbeiten und meinte, niemand könne so gut wie sie alles in den
Läden besorgen und so gut die Postsachen austeilen. Und doch atmete
sie so schwer, wenn es den Berg heraufging, und da und dort sagte eine
Bäuerin: »Bei der Flori nimmt das Gedächtnis auch ab, das merkt man
wohl! Sie hat mir heute schwarzes Garn gebracht anstatt braunem, und
die Düte mit dem Griesmehl ist ihr unterwegs aufgegangen! Es tut's
nicht mehr lang so!«
So hatten die Leute nichts dagegen, als in dem Frühjahr, von dem jetzt
gesagt ist, die Nachricht vom Städtlein heraufkam, daß von jetzt an
ein wohlbestellter Postbote jeden Tag heraufkommen solle, ein fester,
starker Mann, der einen verschlossenen Karren mit sich zu führen hatte,
in dem dann alles, was zu besorgen war, bequem Platz finden konnte.
Aber der Flori war die Nachricht ein harter Schlag. Es kam ihr vor,
als ob ihr ein großes Unrecht widerfahren und als ob die ganze Welt
undankbar und schlecht sei. »Jetzt hab' ich mich geplagt und geschunden
meiner Lebtag,« sagte sie zum Herrn Pfarrer, der sie in ihrem Häuslein
besucht hatte, »und zum Dank dafür wird man einfach abgedankt. Bei
Lebzeiten noch abgedankt.« Und die Flori fing an zu weinen, und es half
nicht viel, daß der Herr Pfarrer tröstend sagte: »Ei, Flori, der liebe
Gott meint's gut mit Euch, daß er Euch noch einen ruhigen Feierabend
gönnen will! Und Mangel leiden müsset Ihr sicher nicht! Dafür sorgt das
ganze Dorf miteinander.«
Denn es war dem fleißigen Weiblein nicht nur ums tägliche Brot zu tun,
es hätte gern noch etwas nützen wollen auf der Welt, und sein Beruf lag
ihm am Herzen.
Heute war nun zum erstenmal der neue Bote ins Dorf gekommen. Er hatte
einen blauen Rock an mit blanken Knöpfen und eine Mütze auf mit einer
Silberborte, und sein Schiebkarren war schön grün angestrichen.
Jetzt kam es der Flori erst recht in den Sinn, daß sie gar kein Amt
mehr habe, und das drückte sie schwer. So kam es, daß sie am hellen
Werktag vor ihrem Häuslein saß und die Hände in den Schoß legte. Es
kam ihr vor, als ob sie nun gar nichts mehr zu tun habe im Leben,
und sie dachte, daß sie dann am liebsten gleich sterben möchte. Weil
sie so starr auf ihre Hände sah und nicht rechts und nicht links,
hatte die Flori gar nicht bemerkt, daß ein kleines Fuhrwerk des Wegs
dahergekommen war und ganz in ihrer Nähe hielt. Es war ein kleines,
höchst einfaches Pritschenwägelchen, darin zwei dicke, kleine Buben
von ein und zwei Jahren saßen. An der Deichsel zog ein barfüßiges
Mädchen, das ungefähr acht Jahre alt war und dem noch ein dreijähriger
Bube am Kleid hing. Das Mädchen sah bleich und mager aus und hatte
ein finsteres Gesicht, und als es jetzt stehen blieb, um ein wenig
auszuruhen, sah man, daß es hart atmete, so, als ob es sehr müde sei.
Die Flori sah erst auf, als der dreijährige Bube weinerlich sagte:
»Trag mich, Christine, ich sag's der Mutter sonst!«
»Ich kann nicht, Peterle, du mußt laufen,« sagte das Mädchen, »guck,
dort kommt bald ein Rain, da sitzen wir hin.«
Aber der Dicke wollte jetzt getragen sein und fing aus Leibeskräften
an zu schreien. Das mußte er schon öfters probiert haben, denn das
Schreien half, und Christine bückte sich mit einem ganz verzagten
Gesicht herunter, um den schweren Buben auf den Arm zu nehmen.
[Illustration]
Flori hatte sich eigentlich nicht um die Kinder bekümmern wollen, sie
hatte sich fest vorgenommen, daß sie jetzt von niemand mehr etwas
wissen wolle, wenn doch die Leute so undankbar seien. Aber daß das
schwächliche Mägdelein den dicken Schreier auf den Arm nahm, das konnte
sie doch nicht sehen, da mußte sie schon eine Ausnahme machen. »Bist
du im Augenblick still und stehst fest auf deine dicken Füße?« rief sie
mit grimmiger Stimme zu dem Dicken hinüber. Der strampelte immer noch,
die kleine Kindsmagd konnte ihn kaum regieren. Da mußte sich die Flori
schon erheben. Im Augenblick war sie an dem Wägelchen, nahm den Peterle
auf den Arm und stellte ihn so nachdrücklich auf den Boden, daß er wohl
einsah, daß er da fürs erste zu bleiben habe. Christine sah ein wenig
erleichtert aus, aber sie war zu verlegen, um etwas zu sagen, so zog
sie nur wieder an ihrer Deichsel, um weiter zu kommen.
Aber nun war die Flori schon in Tätigkeit. Sie kannte die Kinder
wohl. Sie kamen aus einem der ärmlichsten Häuschen am andern Ende des
Dorfes. Hier wenigstens hatte sie keine Kundschaft verloren, denn die
Frau des Wegknechts Häberle brauchte selten etwas aus der Stadt, und
wenn es dann sein mußte, so trug sie etliche Büschel Kienholz oder
Wacholderbeeren auf den Markt und brachte dafür das Nötigste mit. Das
Mägdlein war ein Bruderkind des Wegknechts, das verwaist war und gegen
ein billiges Kostgeld, das die Gemeinde bezahlte, von ihm aufgenommen
war.
Es machte nicht umsonst ein so finsteres Gesicht und es war auch kein
Wunder, daß es mager und bleich aussah. Denn in dem Häuslein des
Wegknechts ging es nicht sehr freudenreich zu. Die Frau war nicht
gerade böse, aber sie hatte von Natur ein etwas unfreundliches Wesen
und dann konnte sie auch die Arbeit mit den drei kleinen Buben und
der Haushaltung und dem Äckerlein nicht gut bewältigen. Da hatte sie
sich denn angewöhnt, fast den ganzen Tag zu brummen und zu zanken, und
besonders Christine hatte noch nicht viel gute Worte von ihr gehört.
Diese ging jetzt in die Schule, aber da war fast immer ein Grund
vorhanden, daß sie zum Lehrer gehen und um Urlaub anhalten solle. Das
war dem Lehrer auch nicht lieb und so war er denn auch nicht besonders
freundlich gegen das Kind. War sie dann im Haus, so hatte die Christine
fast den ganzen Tag eines der Kleinen auf dem Arm. Herumspielen mit
anderen Kindern, das gab es nicht für sie. »Möcht dann auch wissen,
zu was ich die viele Last und Mühe mit dem Mädchen haben soll, wenn
sie mir nicht ein bißchen hilft,« sagte die Base oft und dachte nicht
daran, daß Christine selber noch ein zartes, schwächliches Kind sei,
das so nicht kräftig und groß werden konnte. Es gab ja auch nicht viel
anderes zu essen für sie als Kartoffeln. Denn die Milch brauchte man
für die Kleinen und das Stückchen Speck oder Fleisch, das man hie und
da kaufen konnte, mußten nötig die Hauseltern haben, die hart arbeiten
mußten. Christine hatte sich nach und nach daran gewöhnt, daß ein Tag
um den andern gleich dahinging und nichts Erfreuliches geschah. Aber
sie hatte dabei einen so freudlosen Ausdruck in ihr Gesicht bekommen,
daß die Leute, die sie sahen, öfters zueinander sagten: »Wie nur ein so
junges Kind schon so verdrießlich und unfreundlich aussehen kann!« Und
sie sagten dann zu ihren Kindern, die fröhlich herumsprangen: »Merket's
euch nur, daß man so nicht sein darf, sondern daß man vergnügt und
dankbar sein muß.«
Die Botenflori hatte sich noch nie besonders für Christine umgesehen,
so lang sie ihre täglichen Gänge machte. Da hatte sie viel wichtigeres
zu bedenken als so ein armes Waisenkind.
Heute, wo sie selber so traurig war und auch gut Zeit zum Aufmerken
hatte, fiel es ihr plötzlich auf, wie elend das Mädchen aussah. Sie
konnte die Christine nicht nur so vorbeigehen lassen. So sagte sie
freundlich zu ihr: »Wo willst du denn hin mit deinem Wagen voll Leut?
Komm, da sitz ein bißchen auf mein Bänklein ab. Den Dicken darfst du
nicht tragen, es könnte dir ja einen Schaden antun.« Christine sah
verwundert auf. Es war schon lang her, seit jemand so freundlich mit
ihr gesprochen hatte. Es tat ihr aber wohl und sie nickte bereitwillig
und zog ihr Wägelchen dicht an das Häuslein her. Peterle bekam eine
Hand voll Waschklammern zum spielen und Christine durfte zur Flori
auf das Bänklein sitzen. Es kam dieser nun selbst verwunderlich vor,
daß sie sich diesen Besuch herbeigeholt hatte, sie hatte doch allein
sein wollen. Aber jetzt wollte sie sich nicht mehr lang besinnen, es
gab außer ihr noch mehr betrübte Leute auf der Welt, das merkte sie
wohl. »Also jetzt, wohin hast du gewollt mit deinem Buben?« fragte sie
nochmals. »Weiß selber nicht,« gab Christine zurück. »Wir sollen den
ganzen Nachmittag fortbleiben, bis es dunkel wird. Die Base liegt im
Bett, man hat wieder einen kleinen Buben.«
»Ei, was du sagst!« Flori nahm diese Nachricht sehr lebhaft auf. »Und
da freust du dich gar kein bißchen und machst so ein Gesicht dazu?« Daß
man sich da freuen könne, hatte Christine nicht gewußt. Der Wegknecht
hatte mürrisch gesagt: »Jetzt wird mir's nächstens zu viel mit dem
Geschrei,« und die Base hatte auch gebrummelt: »Wenn's noch ein Mädchen
wär, daß man auch eine Hilfe bekäme!«
Und sie selber, die Christine, wußte nur, daß es noch einen kleinen
Schreihals herumzutragen gebe. Nein, erfreulich war ihr das nicht
vorgekommen. So sah sie die Flori erstaunt an und schüttelte den Kopf.
»Es ist mir ganz entleidet,« sagte sie statt aller Antwort.
Der Flori war es erst vorhin auch noch ganz entleidet gewesen, sie
wußte gut, wie das ist. Aber daran dachte sie jetzt nicht mehr. »So
darf man nicht sagen, das ist eine Sünde,« sagte sie strafend. »Das
Büblein hat euch der liebe Gott geschickt und was der einem schickt,
darf einem nicht entleidet sein. Und es ist gewiß ein nettes Kindlein,
du hast's nur noch nicht recht angesehen. Gib acht, wenn es die Äuglein
auf und zu macht und mit den Füßen zappelt, wenn man's badet.«
Christine mußte sich immer mehr wundern, so hatte sie freilich das
Kindlein noch nicht angesehen.
»Und die größeren darfst du jetzt ganz allein versorgen wie ein rechtes
Mütterlein,« fuhr die Flori fort. »Das ist gewiß ein nettes Geschäft,
das freut dich sicher.« Christine schüttelte wieder den Kopf. »Sie
schreien so,« sagte sie, »und der Peterle kratzt mich und die Base
zankt mich immer.«
»Ei, du wirst's noch nicht recht können,« sagte Flori. »Wart einmal,
morgen früh will ich einmal zu euch kommen, dann tun wir's miteinander.
Das gibt ein Vergnügen!«
In Christines Gesicht war ein ganz anderer Ausdruck gekommen, sie kam
sich jetzt schon nicht mehr so allein und hilflos vor. Und zu der Flori
konnte sie ein rechtes Vertrauen fassen, denn sie war der erste Mensch,
der liebreich mit ihr gesprochen hatte, seit sie aus ihrer Heimat fort
war.
So tat sie der Flori recht ihr Herz auf und erzählte ihr noch vieles
von ihrem Leben und auch, wie sie's daheim, als ihre Eltern noch
lebten, so gut und schön gehabt habe. Und in der Flori stieg ein fester
Entschluß auf, dem armen Kind ein wenig aufzuhelfen, so gut als möglich.
Es war ihr am andern Tag lang nicht so schmerzlich wie gestern, als
sie dem Postboten mit seinem Karren begegnete. Sie war auf dem Weg
nach dem Häuslein des Wegknechts und ging gar nicht so daher wie
jemand, der nichts mehr zu schaffen hat, sondern mit recht gewichtigen
Schritten. Wer sie sah, konnte denken, die Flori habe etwas Wichtiges
vor. Und das konnte sie wohl auch haben, denn in dem Raum, in den sie
nun eintrat, sah es ganz so aus, als ob man eine rechte Hilfe brauchen
könne. Peterle saß am Boden und schrie aus Leibeskräften und der
zweijährige Georg schrie in seinem Bett zur Gesellschaft mit. Den
einjährigen Michel hatte Christine auf dem Arm und mühte sich zugleich
mit dem Feuer im Ofen ab, das nicht brennen wollte. Es rauchte und
roch nach Ruß in der Stube und die Frau rief mit scharfer Stimme aus
dem Bett: »So ein ungeschicktes Ding, wie du bist, ist mir noch nicht
vorgekommen. Gar keine Hilfe hat man an dir!«