wenig helfen soll. Was meinst du, wenn du alle Tage um zwölf Uhr den
netten emaillierten Einsatz nähmest und das Essen holtest? Und dann
würde der kranken Frau das gute Essen so schmecken, daß sie vielleicht
bald wieder aufstehen könnte. Und der Mann könnte sich freuen, wenn
er heimkäme und wüßte, daß etwas da ist für seinen großen Hunger. Was
meinst du?«
»O Großmutterle, das kann ich doch nicht! Das kann ich gewiß nicht!«
Agnes war ganz erregt aufgestanden und sah sehr kläglich aus. »Ich
geniere mich so und vielleicht verschütte ich fast alles, weil du immer
sagst, daß ich so schnell laufe. Und ich muß auch den Tisch decken!«
»Dann kann eben die arme Frau ihr Essen nicht haben, und die guten
Frauen kochen alles umsonst,« sagte die Großmutter ruhig. »Du mußt aber
nicht, wenn du nicht kannst, ich habe nur geglaubt, du wollest mir
helfen.«
Agnes zupfte unruhig an den Fransen der Tischdecke. »Ich muß jetzt
schnell auf die Gasse, die Mutter hat's gesagt. Ich soll nur vorher
›Guten Morgen‹ sagen,« brachte sie dann heraus.
»Ja, dann mußt du freilich gehen,« gab die Großmutter in unveränderter
Freundlichkeit zu. »Sei nur recht vergnügt und lieb und erzähle mir
nachher auch etwas Nettes.«
Agnes ging. Sie war aber nicht so lustig wie sonst. Zuerst besuchte sie
Mimis Grab. Die hineingesteckten Blumen hingen welk die Köpfe, und das
schöngeschriebene Kärtchen mit der Aufschrift: »Hier ruht Mimi,« war
vom Regen, der in der Nacht gefallen war, durchweicht.
Es waren schon allerlei vergnügte Kinder auf dem großen Spielplatz
in der Nähe des Hauses, wohin sich Agnes nun begab. Ein paar kleine
Mädchen kamen ihr sogleich entgegen. »Komm, wir wollen Seil springen;
wenn du willst, darfst du anfangen.« »Es ist mir gleich,« sagte Agnes
in so freudlosem Ton, daß man gut merkte, daß sie etwas drücke.
»Ist's wegen deiner Mimi?« fragte ihre allerbeste Freundin Lydia
teilnehmend. »Nein,« sagte Agnes, »wegen gar nichts.«
Sie konnte nicht gut sagen, was ihr fehlte. Jetzt fing eine Glocke an
zu läuten. »Ist das zwölf Uhr?« fragte Agnes erschrocken. »Behüte, erst
elf Uhr,« sagte Lydia, »und überhaupt, dir ruft man ja immer, wenn du
kommen sollst.«
»Elf Uhr,« dachte Agnes. »Da kann ich mich schon noch ein Weilchen
besinnen. Und das Essenholen ist das Allerärgste, was es gibt, ich
möchte lieber weiß nicht was tun!«
Es gibt viele Leute, auch manchmal große, die lieber -- weiß nicht was
-- täten, als was sie jetzt gerade tun sollen. Das ging Agnes nicht
allein so.
Und sie konnte auch keinen Augenblick mehr so recht vergnügt spielen.
Sie mußte immer den leeren Tisch vor sich sehen, den der Mann beim
Heimkommen finden würde, und dann dachte sie an das gute Essen, das
nun umsonst auf dem Herd stand und das der kranken Frau nichts helfen
konnte.
Und plötzlich konnte sie es nicht mehr aushalten. Mit einem großen Satz
sprang sie aus dem Seil, in dem noch mehr Mädchen im Takte hüpften, und
lief schnell davon, ohne sich noch einmal umzusehen.
»Wohin? Warum gehst du?« rief es ihr von allen Seiten nach, aber Agnes
hörte schon nicht mehr viel. Sie wollte sich jetzt nicht über die Sache
besinnen.
»Großmutter,« rief sie schon auf der Treppe, »wo ist der Einsatz? Es
ist gewiß gleich zwölf Uhr, ich muß schnell gehen.«
Die Großmutter sah das Kind mit strahlendem Gesicht an; sie hatte schon
gewußt, daß es noch so weit kommen werde.
»Ja, so geh,« sagte sie nur. »Heute ist die Frau Rektor Pfaff dran,
die kennst du gut! Sag ihr einen recht schönen Gruß, und komm, du
kannst ihr auch ein paar Äpfel mitnehmen. Das sei ein Muster von den
diesjährigen Fleinern.«
Agnes zog ab. Zu Frau Rektor Pfaff wollte sie gern gehen, das war eine
ganz gute Freundin der Großmutter und ebenso liebreich und freundlich
wie diese.
Sie kam strahlend zurück. »Gut ist's gegangen,« sagte sie schon unten
zur Mutter und dann oben noch einmal zur Großmutter. »Das sei aber
recht, daß ich selber komme, hat die Frau Rektor gesagt. Und ob ich
schon in die große Schule gehe, hat sie gefragt. Vielleicht hat sie
gedacht, daß ich gut hinein könnte, wenn ich schon den großen Einsatz
tragen kann.«
Noch viel größer war der Jubel, als Agnes aus dem Hinterhaus wiederkam,
wo der reichliche Inhalt der Schüsseln so dankbar aufgenommen worden
war, daß es ihr nun erst recht leicht wurde. Es war zwar immer noch
ein wenig schmerzlich, daß keine Veranlassung mehr vorlag, das
Rosenschüsselchen mit Suppe zu füllen, aber Agnes hatte nun wieder so
viel anderes zu denken, daß die Trauer um Mimi doch ziemlich in den
Hintergrund trat.
Der Vater wußte auch von der Unternehmung mit dem Einsatz und sagte
zufrieden: »Man kann dich scheint's doch schon zu etwas brauchen, das
ist recht.« Ein väterliches Lob war selten, das tat Agnes in allen
Tiefen wohl.
Die erste Woche war glücklich vorbei. Es war je länger, je besser
gegangen. »Es war nur, bis ich mich nicht mehr geniert habe,« gab
Agnes selber zu. Im Hinterhaus waltete jetzt einige Stunden am Tage
eine freundliche Diakonissin, Schwester Margarete. »Ich könnte ja gar
nicht fertig werden ohne mein kleines Mägdelein,« sagte diese oft.
Damit meinte sie Agnes, die es schon lang nicht mehr langweilig fand,
mit Ernstchen zu spielen. »Er ist so drollig, du glaubst nicht, wie,«
versicherte sie der Großmutter eines Tages.
»So, aber das freut mich,« sagte die Großmutter, »so war es zuerst
nicht, gelt?«
»Nein,« sagte Agnes nachdenklich, »gar nicht. Am Anfang hat er mich gar
nicht gern gehabt und jetzt läßt er mich fast nicht mehr von sich weg.«
Die Großmutter konnte sich wohl denken, wodurch sich der kleine Bube
so verändert habe. Sie sagte aber nichts, denn Agnes dachte gar nicht
daran, daß sie selber jetzt so nett und heiter mit Ernstchen verkehrte,
wie sie vorher nie getan hatte.
Das gute Essen und die sorgfältige Pflege hatten bei der kranken
Frau sehr gut angeschlagen. Sie konnte wieder aufstehen und als
Agnes eines Morgens hinüberkam, saß sie unter der Haustüre im warmen
Herbstsonnenschein und hatte das kleine Kindlein auf dem Schoß.
»O, darf es jetzt spazieren getragen werden?« rief Agnes fröhlich.
»Darf es auf die Gasse, daß es alle anderen Kinder auch sehen?« Sie
bewunderte das kleine Kindlein immer noch so sehr wie im Anfang oder
noch mehr, und sie hätte den Anblick auch andern gegönnt.
Die Frau lächelte vergnügt und sagte: »Komm, setz dich ein bißchen her
zu mir, Kind, ich muß dir etwas sagen!«
Agnes wollte aber nicht sitzen, sie stellte sich erwartungsvoll vor der
Frau auf und diese begann: »Es ist jetzt schon vier Wochen alt, das
Kleine. Und es gedeiht, siehst du, wie dick und rund seine Bäckchen
sind? Aber es ist ja noch nicht getauft. Das muß jetzt sein, man hat's
nur immer hinausgeschoben, weil ich so krank war. Und jetzt soll am
Sonntag die Taufe sein, das habe ich dir sagen wollen.« Agnes nahm
diese Nachricht sehr wichtig auf, aber die Frau fuhr noch fort:
»Ich habe gedacht, du könntest, wenn du gerne wolltest, das Kindlein in
die Kirche tragen. Schwester Margarete geht dann mit dir und nimmt es
gleich, wenn dir's zu schwer wird.«
»O, das wird mir nicht zu schwer,« rief Agnes in lautem Jubel. »So
ein kleines Dinglein ist nicht schwer. Der Einsatz ist auch nicht so
leicht,« setzte sie mit bescheidenem Stolz hinzu.
»Ja, ich weiß,« sagte die Frau. »Den brauchst du jetzt aber auch nur
noch diese Woche zu holen. Dann kann ich wieder selber kochen. Gott Lob
und Dank für alles! Und dir danke ich auch für alles!«
Agnes wurde rot; es brachte sie in Verlegenheit, daß die Frau so sagte,
so kürzte sie das Gespräch ab und hüpfte weiter. Die Freundinnen mußten
es ja auch gleich wissen, daß sie das Kindlein tragen dürfe. Und dann
war es noch der Mutter zu erzählen und der Großmutter und dann noch den
Geschwistern und Mina, der Magd, und Gottlieb, dem Knecht. Dem Vater
konnte man es erst am Mittagessen sagen, er war nicht früher zu Hause.
Diese Mitteilung war am Mittwoch gemacht worden und Agnes konnte den
Sonntag kaum erwarten.
An Mimi zu denken, war gar keine Zeit mehr. Sie konnte sogar ohne
Schmerz die netten, übereinander purzelnden Kätzlein ansehen, die
das Dorle noch immer am Leben ließ, vielleicht in der Hoffnung, daß
jemand das eine oder das andere aufziehen wolle. Denn das Dorle war
eine große Tierfreundin und Wilhelm Schluchter hatte ihr damals sehr
Unrecht getan. Am Samstag traf Agnes diesen, der ein großer, kräftiger
Bube war, im Stall, als sie die Milch holte.
Er hatte eben zwei Kätzlein auf dem Arm. »Wohin damit?« wollte Agnes
wissen. »Das Dorle hat sie mir geschenkt,« sagte er.
»Ich verhandle sie in der Schule um Äpfel.« »Au, du drückst sie ja
ganz zusammen,« rief Agnes. »Du plagst die Tierchen. Und in der Schule
plagen sie die Buben gewiß auch.«
»Das geht dich nichts an,« sagte der große Bube. »Umbringen tue ich
keins!« Damit rannte er davon. Agnes gelüstete es stark, die andern
Kätzlein mit nach Hause zu nehmen, denn sie wollte gern ein jedes
beschützen, daß es nicht in die Hände der Buben falle.
»Aber ich kann gewiß keins brauchen,« dachte sie und trat mit ihrem
Milchtopf den Heimweg an. Sie hatte noch so viel zu tun, daß sie nicht
wußte, wo anfangen, und die Mutter hatte schon oft gesagt, daß man
nicht so vielerlei auf einmal beginnen solle.
Der Sonntag kam und auch die Zeit des Kirchgangs. Agnes schritt stolz
und glücklich mit ihrer Last zur Kirche. Ein bißchen schwer wurde ihr
das Kindlein doch nach und nach, aber sie hielt wacker aus. Erst in der
Kirche nahm es Schwester Margarete auf den Arm. Sie war die Patin und
das Kindlein bekam auch ihren Namen, und seine Mutter sagte: »Wenn es
nur so geschickt und fromm und fröhlich wird wie seine Patin, dann kann
man zufrieden sein!«
»O Großmutter,« sagte Agnes am Abend, als sie miteinander von dem
Festkaffee, den die Großmutter gespendet hatte, nach Haus gingen, »o
Großmutter, manchmal denke ich, daß es immer netter wird! Zuerst habe
ich immer nur die Puppen gehabt, dann die Mimi, das war auch sehr nett!
Und jetzt habe ich das kleine Margretle! Seine Mutter sagt, es gehöre
mir auch mit! Und man kann noch gar nicht wissen, was dann noch kommt!«
»Das ist wahr,« sagte die Großmutter. »Es kommt gewiß noch viel
Schönes.« Und Agnes legte sich glücklich und froh zur Ruhe und dachte
noch im Einschlafen daran, daß gewiß noch viel Schönes komme. Und es
kam auch eins nach dem andern. Man sah nicht immer gleich, daß es schön
war, man mußte oft etwas hergeben, aber dann gab der liebe Gott etwas
zum Ersatz dafür und das war allemal schöner als das vorige.
11. Eine Reise in die Welt.
Im Pfarrgarten zu Teufenrot wurde eine wichtige Beratung gehalten.
Auf einem niedrigen Mäuerchen saß das Pfarriele und hatte einen
Strickstrumpf in der Hand, ohne zu stricken.
Das Pfarriele hieß eigentlich Maria, aber da man im Haus Mariele zu
ihm sagte, so hatten die Leute im Dorf auch angefangen so zu sagen und
da es zu umständlich war, jedesmal »des Herrn Pfarrers Mariele« zu
sagen, und man doch wissen mußte, von welchem Mariele man sprach, so
hatte man alles in ein Wort zusammengezogen und Marie hieß im ganzen
Dorf »Pfarriele.« Also das Pfarriele strickte nicht, sondern unterhielt
sich sehr eifrig mit ihrem Bruder Rudolf, der den ganzen Inhalt
seiner Taschen, Schnüre, Kürbiskerne, einen blauen Glasscherben und
dergleichen wertvolle Dinge, auf dem Mäuerchen ausgebreitet hatte. »Ich
brauche fast alles,« sagte Rudolf jetzt ernsthaft, »ich muß alles, bis
auf die alten Brotrinden, in meine Sonntagshosen stecken. Man kann nie
wissen, was man unterwegs braucht.« »Aber man kriegt vielleicht auch
etwas geschenkt,« sagte Pfarriele. »Und dann hast du gar keinen Platz
in den Taschen.« Das war nun auch wieder wahr und das Ende vom Lied
war, daß Rudolf die Kürbiskerne in die Obhut seiner Schwester gab. »Den
Scherben brauche ich aber nötig, ich will in der Eisenbahn immer durch
das blaue Glas sehen, es ist so schön, wenn alles blau aussieht, die
Bäume und die Häuser und alles,« meinte er und dawider konnte Pfarriele
nichts sagen. Die Pfarrerskinder hatten, seit sie lebten, die Welt
immer grün gesehen, das kam ihnen nun nicht mehr so besonders prächtig
vor. Teufenrot liegt ganz tief im Schwarzwald versteckt. Gleich am Ende
des Dorfes fängt der Wald an, hoher, dichter, prächtiger Tannenwald.
Es ist nicht aufzuzählen, wieviel Schönes und Lustiges der Wald bot.
Erdbeeren und Heidelbeeren konnte man in Menge finden und später auch
Himbeeren und Brombeeren. Und Stechpalmenzweige mit roten Beeren daran
konnte man ins Haus holen und im Winter alle Stuben damit schmücken,
so daß es immer festlich aussah. Wie gesagt, man kann lang nicht
alles aufzählen. Aber die Kinder waren doch mit ihren Gedanken viel
in der Welt draußen und stellten sich das Land, das gleich hinter dem
Schwarzwald anfange, ganz wunderschön vor.
[Illustration]
Daran war zum großen Teil die Babett schuldig, die einst zwanzig
Jahre lang bei der Tante Oberkonsistorialrätin in Stuttgart gedient
hatte. Jetzt war sie, seit Mariele auf der Welt war, im Pfarrhaus in
Teufenrot und versorgte Küche und Garten und half der Frau Pfarrer bei
den Kindern und im Haus, als ob sie ihr Leben lang Pfarrmagd gewesen
wäre. Aber das hielt sie nicht ab, den aufhorchenden Kindern immer
wieder aufs neue vorzuerzählen, wie so gar schön und prächtig es sei in
Stuttgart. Vom Königsschloß und den Springbrunnen und Blumenbeeten auf
dem Schloßplatz, von den Anlagen und dem Schwanenteich, vom Tiergarten
ganz besonders, und dann noch von den Soldaten in blitzenden Uniformen
und von der Musik der Wachtparade, von dem allem wußte die Babette
immer wieder neues zu sagen. Da war es denn kein Wunder, daß Rudolf
und Mariele kein höheres Verlangen mehr kannten, als einmal diese
Herrlichkeit mit Augen zu sehen. Das sollte nun morgen dem Rudolf
widerfahren. Mariele war älter, sie war schon sieben Jahre alt und
Rudolf erst sechs, und es war der Schwester zuerst etwas bedenklich
gewesen, daß sie nicht zuerst verreisen dürfe. Aber der Papa mußte mit
Rudolf zum Arzt, denn dieser hatte ein schlimmes Ohr. »Ein Trommelfell
hab ich drin,« hatte Rudolf den Bauernbuben erzählt, und diese hatten
es zu Hause weitergesagt und im ganzen Dorf war großes Bedauern, daß
das Pfarrersbüblein so etwas ungutes in sich drin habe. Denn sie
verstanden die Sache nicht so recht. Da aber das Trommelfell nicht weh
tat und sonst sehr viel Verlockendes mit der Reise zusammenhing, so
konnte sich Rudolf ungestört auf dieselbe freuen. Und Mariele, das die
Mutter ermahnte, es solle froh und dankbar sein, daß es ganz gesund
sei, freute sich mit und hatte mit Rudolf eine ganze Menge zu bereden,
lauter Dinge, die das große Ereignis betrafen.
Jetzt kam Eduard, das kleine Brüderlein, von der Mama ausgesandt. »Ihr
sollet jetzt auch zum Nachtessen kommen,« berichtete er. »Man ißt heute
bald, weil du morgen früh aufstehen mußt, Rudolf, wann es noch Nacht
ist.« Das war auch wieder etwas Neues! Zunachtessen, wann noch ganz
heller Tag ist! Um sechs Uhr, statt um sieben!
»Mama, ich täte lieber gar nicht ins Bett gehen,« meinte Rudolf zwar.
»Bis ich mich ganz richte, ist die Nacht bald herum. Man könnte sonst
am Ende verschlafen.«
Aber davon wollte die Mama nichts wissen. »Mein Bub schläft jetzt
gleich ein und schläft die ganze Nacht,« sagte sie. »Und am Morgen
weckt ihn der Papa und fertig ist man schnell.« Dabei blieb's. Und
Rudolf lag auch wirklich bald in tiefem, gesundem Schlaf.
* * * * *
Es war fast noch ganz dunkel, als am andern Morgen der Vater seinen
Sohn auf das Wägelein hob, das die Reisenden nach der Station führen
sollte.
Am Himmel stand noch die blasse Mondsichel und es wehte ein kühler
Wind. Und in Rudolf stieg ein wonnevolles Gruseln auf; was konnte man
alles erleben an diesem Tag!
»Behüt euch Gott miteinander,« rief die Mama nochmals zum Fenster
hinaus. »Und kommet mir gesund wieder!«
Dann zog des Lindenwirts »Bläß«, der vor das Wägelein gespannt war, an,
und fort ging's in die weite Welt.
So lang der Weg durch den Wald ging, immer zwischen hohen Tannen
bergab, war er dem Rudolf nicht so besonders interessant; diese Gegend
kannte er wohl. Und der Papa mußte unzählige Fragen beantworten über
alles, was wahrscheinlich geschehen werde und was nicht. Aber als man
ins Tal kam, wo nun die Sonne hell und freundlich schien, an einer
Sägmühle vorbei mit hohen Bretterstößen davor und einem rauschenden
Bächlein, das die Säge trieb, als der Weg durch einen kleinen
Luftkurort führte, mit zierlichen Villen und lustwandelnden Menschen,
da verstummten für einmal alle Fragen. Rudolf hatte nur immer nach
rechts und links zu sehen, um alles im Vorüberfahren zu erfassen. Und
da tauchte auch schon das rote Stationsgebäude auf und im Sonnenschein
glänzten die Schienen und durch die frische Morgenluft drang ein langer
Pfiff der Lokomotive.
Das war nun erst der richtige Hochgenuß, im Eisenbahnwagen zu sitzen
und durchs Land zu sausen.
»Papa, die Bäume fahren auch mit, sieh nur und das Bahnwärterhäuschen,«
rief Rudolf zuerst und mußte sich nun erst belehren lassen, daß nur er
sich fortbewege und alles andere, was er sehe, stillstehe. Es gab jetzt
immerfort viel Wichtiges zu sehen. Zuerst noch hohe Berge voll dunkler
Tannen und verstreute Häuser mit tief heruntergehenden Schindeldächern,
dann kamen breite Kornfelder und grüne Wiesen, Wäldchen von Obstbäumen
und dann brauste der Zug über eine breite eiserne Brücke, unter der
rauschend der Neckar floß. Rudolf kam keinen Augenblick vom Fenster
weg. Es war alles so interessant, die vielen Dörfer und kleinen
Städte, an denen man vorbeisauste, ohne anzuhalten, die farbenreichen
Gärtchen der Bahnwärterhäuschen, die Neckarfähre, die einen Wagen
samt den Pferden übersetzte. Es regte sich dann auch der Hunger, und
die Vorräte, die Rudolf in der grünen Botanisierbüchse trug, mußten
hervorgeholt werden. »O Papa, was würde der Wagnerhansjörg sagen und
der Philipp, wenn sie das alles sehen könnten! Die wissen gewiß gar
nicht, daß es so viel Sach gibt.« Dazu mußte Rudolf tief aufseufzen.
Er konnte es doch nicht gut erwarten, bis er wieder nach Hause kam und
allen Menschen erzählen konnte, wie es aussehe »auf der Welt draußen«.
»Ich möchte nur immerfort Eisenbahn fahren und sonst nichts, Papa.«
»Ich werde vielleicht dann, wenn ich groß bin, Kondukteur.« Der Papa
mußte ein wenig lachen, denn er wußte schon, daß diese Berufswahl heut
am Tag wohl noch ein paarmal würde umgestoßen werden; es stand ja noch
viel Neues bevor.
Jetzt holte der Sohn seinen blauen Glasscherben heraus. Man fuhr
gerade an schönen hellgrünen Weinbergen vorbei und darüber hingen am
Himmel lichte weiße Wolken. Die mußten sich schön machen in der blauen
Beleuchtung.
»O, o sieh nur wie schön! Alles ist blau, Papa, alles,« rief er
entzückt. Aber in lauter Hast, dem Papa diesen merkwürdigen Genuß auch
zu verschaffen, machte Rudolf eine ungeschickte Bewegung und draußen
lag der wertvolle Scherben und kollerte über den Bahndamm hinunter.
»Schadet nichts, mein Sohn,« tröstete der Papa. »Siehst du, deswegen
hat der liebe Gott die Weinberge grün gemacht und die Sonne golden und
die Wolken weiß, daß wir uns an den schönen Farben erfreuen sollen. Es
wäre ja sehr langweilig, wenn alles ganz gleich aussähe, das mußt du
dir nicht wünschen.« Rudolf hatte sich auch gleich wieder beruhigt,
denn nun hielt der Zug in einem großen Bahnhof und so viele Leute
wimmelten da umher, wie er noch gar nie auf einem Fleck beisammen
gesehen hatte. »Ist das jetzt Stuttgart, Papa? Müssen wir jetzt
aussteigen?« fragte er dringlich. Er hatte das schon fast an jeder
Station gefragt. »Nein,« sagte der Papa, »aber wenn's wieder hält,
dann. Mach dich nur bereit.«
Rudolf setzte seinen Strohhut auf und faßte die Botanisierbüchse mit
beiden Händen, damit sie ihm nicht etwa abhanden komme. Sonst war
nichts zu rüsten, denn Gepäckstücke waren für den einen Tag nicht
mitgenommen worden. Jetzt tat die Lokomotive einen langen Pfiff, Rudolf
meinte, sie habe »Juhuu« gerufen und er hätte es ihr gern nachgetan.
Denn nun tauchten so endlos viele Häuser auf, der Zug fuhr langsamer,
jetzt in eine hohe, glasbedeckte Halle ein, dann hielt er. Man war in
Stuttgart.
Ein wenig betäubt und verwirrt war das Schwarzwaldbüblein doch, als es
an des Vaters Hand durch das Gewühl der aussteigenden. und abholenden
Menschen schritt. Es mochte jetzt nicht rechts und nicht links sehen,
es konnte nur sein kleines Händchen ganz fest in die beschützende Hand
des Vaters stecken. So hohe Häuser, eins am andern! Und immer kamen
noch neue! Und dazwischen auf den Straßen, wo kamen nur all die vielen
Leute her? Sie sahen alle aus, als ob sie in den Sonntagskleidern
wären! Und die Menge Kutschen und Wagen! Es war wirklich kein Wunder,
daß Rudolf sich in eine ganz neue Welt versetzt glaubte, in der er noch
gar nicht zu Hause war.
Es war Zeit zur Sprechstunde, so suchten die beiden zuerst den Arzt
auf, der in einer freundlichen, etwas stilleren Straße wohnte. »Tut
er mir nichts, Papa? Bleibst du dabei, daß er mir nichts tun kann?«
fragte Rudolf ein wenig ängstlich, als er im Wartezimmer saß, das durch
dunkelgrüne Vorhänge und grün bezogene Möbel einen etwas feierlichen
Anstrich bekam. Der Vater versicherte alles Gute und die Angst verging
auch von selbst, als der Herr Doktor dem Büblein freundlich die Hand
gab. Er sah ganz und gar nicht aus, als ob etwas von ihm zu befürchten
sei, und Rudolf war bald wieder so zutraulich und fröhlich, wie sonst.
Als die Untersuchung des kranken Ohres vorbei war, wollte der Vater
noch ein wenig allein mit dem Herrn Doktor reden. Das Sprechzimmer
hatte eine Türe, die in den Garten führte. »Komm, Kleiner, du kannst so
lang da hinaus,« sagte der Herr Doktor freundlich, denn er hatte schon
gemerkt, daß Rudolf ein großes Verlangen hatte, so viel als möglich von
all dem Neuen zu sehen, das auf der Straße vor sich ging. »Du kannst
durch das Gitter auf die Straße sehen! Paß auf, was da alles zu sehen
ist!«
Rudolf wollte das gern und die Herren unterredeten sich eine Zeitlang
miteinander, denn der Vater hatte auch sonst noch allerlei Anliegen
und der Herr Doktor war ein alter Freund von ihm. Rudolf hatte sich
gehorsam an das Eisengitter gestellt und drückte nun seinen Kopf
fest an die Stäbe, um ja nichts zu versäumen, das etwa draußen vor
sich gehen konnte. Da kam etwas die Straße entlang gesaust, das ihn
in höchstes Erstaunen versetzte. Es war ein Wagen mit einer langen
Fensterreihe, fast wie ein Postwagen anzusehen, nur größer. Und es
waren keine Pferde dran! Er lief auf Schienen, es konnte am Ende auch
ein Eisenbahnwagen sein, aber dann fehlte die Lokomotive! Das versetzte
Rudolf in einige Aufregung. »O, ein Wagen ohne Pferd und alles und
kann selber laufen,« rief er unwillkürlich laut aus und dann fiel es
ihm erst ein, daß ihn der Vater jetzt nicht hören konnte. Der Wagen
hielt an der nächsten Ecke. Es stiegen Leute aus und andere ein und
Rudolf ergriff ein mächtiges Verlangen, das Wunderbare nur auch einen
Augenblick in der Nähe zu sehen.
Den Garten zu verlassen, war ihm nicht verboten worden, es hatte keiner
der beiden Herren an diese Möglichkeit gedacht.
»Nur ganz geschwind dorthin laufen und den Wagen ansehen,« dachte
Rudolf und klinkte das Türchen auf. Aber als er an die Ecke kam, fuhr
der Wagen ab und ein anderer, der auch dagestanden war, schlug die
entgegengesetzte Richtung ein. Das war so schade und Rudolf machte ein
ganz enttäuschtes Gesicht. »Hast du etwa mitfahren wollen?« fragte
ein etwas größerer Knabe, der mit dem Schulranzen auf dem Rücken des
Wegs daher kam, den Kleinen. Denn es kam ihm so vor, weil er so einen
betrübten Blick hinter dem Wagen hersandte. Rudolf schüttelte den Kopf.
»Nein,« sagte er, »ich habe ihn nur ansehen wollen, weil er selber
laufen kann ohne Pferde.« »Das ist ja ein elektrischer Wagen,« belehrte
der Stuttgarter das Landkind. »Das weiß mein kleiner Bruder schon, der
ist erst drei!« Rudolf wußte gar nicht, was ein elektrischer Wagen
sei, aber er mochte nicht mehr fragen, weil es der dreijährige Bruder
schon wußte. So wollte er denn wieder umkehren, denn der Papa konnte
nun am Ende beim Herrn Doktor fertig sein. Er sah sich prüfend um, hier
mündeten so viele Straßen, welche war nun die richtige?