nach kurzer Frist die bekannte Schloßruine und alle die bekannten
Häuser vor sich liegen sah und er gar kein großes Stück mehr zu gehen
hatte, um heimzukommen. Und weinen, weil es schon nächstens Mittagszeit
war und die Tante gewiß schon nach allen Richtungen hin nach ihm
geschickt hatte und nun in großen Ängsten war.
* * * * *
Es war aber anders gegangen daheim, als der Heini befürchtete. Tante
Julie hatte eine schlechte Nacht gehabt und war erst am frühen Morgen
eingeschlafen. Als sie erwachte, war schon ein gutes Stück vom
Vormittag vorbei. »Der Heini ist so still heute,« hatte sie zu Anna,
dem Stubenmädchen, gesagt, das ihr den Kaffee brachte. »Ist er denn
schon fort? Das ist mir ganz merkwürdig!«
Anna war ein wenig verlegen. Es war ihr streng anbefohlen, nichts von
dem Fehlen des Buben zu sagen; Fräulein Jettchen hatte schon da und
dorthin geschickt, wo man ihn vermutete, und wartete nun erst auf die
Boten. So sagte Anna nur: »Ich denke, er wird auf dem Spielplatz sein,«
und die Tante nickte müde. Eigentlich war sie froh, daß der kleine
Plagegeist gerade heute so ruhig war. Sie hatte immer noch Kopfweh und
konnte notwendig etwas Ruhe brauchen. »Es tut mir leid, aber es kann
nichts aus der Blauenfahrt werden für heute,« dachte sie noch. »Ich
bin doch froh, daß ich's ihm noch nicht gesagt habe.« Dann schloß sie
die Augen wieder und ließ die Zeit ganz still an sich vorbeigehen. Auf
einmal fuhr sie erschreckt auf.
Auf der Straße wurden allerlei Stimmen laut, die tiefe, starke von
Fräulein Jettchen und dann die hohe von Fräulein Lina und noch die
liebevolle von Fräulein Luischen. »Ach Gott, das Büblein? Aber Heini,
was ist das mit dir? Halb tot ist man vor lauter Angst um dich!« So
tönte es durcheinander. Den Heini hörte man gar nicht gleich. Endlich
vernahm die Tante seine Stimme, aber sie tat so leise, man verstand
kein Wort oben. Was konnte nur mit dem Jungen sein? Ehe sich die Tante
aber recht besinnen konnte, flog die Tür auf und der Heini herein.
»Ach Tantele, sei doch nur wieder gut, ich will ganz gewiß nicht mehr
fortlaufen! Und auch nicht mehr so sein, so, du weißt schon wie! Und
schreib's auch nicht heim, gelt?« Die Tante wußte sich fast nicht zu
retten vor den stürmischen Umarmungen des stämmigen Heini. »So sag
mir nur zuerst, was du hast und wo du gewesen bist?« sagte sie. Und
der Heini mußte nun seine ganze Geschichte von Anfang an erzählen. Er
stockte manchmal ein wenig, denn er mußte sich doch noch schämen, daß
er so böse Gedanken gehabt und sie dann auch ausgeführt hatte. Die
Tante half ihm aber ganz liebreich wieder zurecht. »So wirst du's ja
jetzt selber wissen, was ich dir heute noch sagen wollte,« sagte sie.
»Du hast jetzt selber gesehen, wie's einem geht, wenn man im Trotz
erzwingen will, was man nicht soll. Dann läuft man sich ab und wird
müde und macht einen weiten Umweg und kommt erst nicht dahin, wo man
gerne hinwollte. Am Ende muß man dann noch recht froh sein, wenn man
den Heimweg wieder findet.« Der Heini verstand das jetzt sehr gut. Er
wollte sich die Lehre auch sein Leben lang merken.
* * * * *
Es kam dann später noch einmal ein wunderschöner Tag, an dem die
Blauenfahrt richtig zur Ausführung kam.
Heini ritt stramm neben dem Wagen her auf seinem Esel, denn der kleine
Kamerad, der miteingeladen war, saß lieber auf den weichen Polstern und
begehrte nicht zu reiten.
Den Heini dünkte aber Reiten und durch die Wälder streifen das
Allerschönste, und weil er es heute mit gutem Gewissen konnte, so war
er auch so fröhlich, daß er laut hinausjodeln mußte. Und das Echo gab
jeden Ton getreulich wieder.
Heini hätte fast wieder angefangen, den Hansjörg zu beneiden, der
barfuß neben ihm herschritt. Der mußte ja nicht wieder nach Hause, in
die Stadt und in die Schule, sondern konnte immer hier bleiben und alle
Tage in den Wäldern umherschweifen.
Das sagte er auch zu ihm. Aber der Hansjörg schüttelte den Kopf. »Und
ich gäbe gleich den Lips her und noch mein Schnitzmesser dazu, wenn
ich's hätte wie du,« sagte er. »Immer genug zu essen und lernen dürfen,
soviel man will, und deine Tante ist immer brav und schlägt dich
nie!« »Nein,« gab Heini zu, »das tut sie nie, und meine Mama schlägt
mich auch nie und der Papa nur selten, wenn es sein muß. Es muß aber
natürlich fast nie sein. Ich bin ja nicht mehr so klein.«
»Du hast's lang gut,« seufzte der Hansjörg. »Ich habe niemand als nur
die Base und den Vetter. Ich kriege oft Schläge und -- --«
In diesem Augenblick machte Lips einen gewaltigen Satz und das Gespräch
wurde abgebrochen.
Dem Heini ging es aber noch lang durch den Kopf. Als er am Abend seine
Freundin, Fräulein Jettchen, in der Küche besuchte, um ihr von dem
schönen Tag zu berichten, konnte er fast kein Ende finden. »Es war
einfach alles schön,« sagte Heini, »nicht einmal der Hansjörg möchte
ich mehr sein, und keiner von den andern Buben, ich möchte am liebsten
ich selbst sein, denn ich hab's doch am allerbesten!«
Fräulein Jettchen warf gerade Küchlein in heißes Schmalz und ließ sie
goldbraun backen. So konnte sie jetzt nicht viel sagen. Sie nickte nur
ganz zustimmend: »Das ist auch wahr.« Und es war auch so, denn der
Heini hatte jetzt ein zufriedenes und dankbares Herz. Und besser als
ein zufriedener und dankbarer Mensch kann's überhaupt niemand haben, er
sei groß oder klein.
10. Ein Ersatz.
»Großmutterle, denk dir nur, das Dorle kommt in die Hölle! Weißt du,
das Dorle, das immer bei Wolfs im Stall ist und die Milch ausmißt!«
Agnes stellte ihren vollen Milchtopf sehr energisch auf den Tisch und
atmete tief auf. Es war keine Kleinigkeit gewesen, diese wichtige
Mitteilung bis ins Haus und noch zwei Treppen hoch zu tragen und dabei
noch aufzupassen, daß man nichts verschüttete. Jetzt pflanzte sie sich
mit blitzenden Augen vor der Großmutter auf.
»So, so,« sagte diese, »das ist aber sehr betrübt! Woher weiß man's
denn so genau?«
»Wilhelm Schluchter hat's gesagt! Der geht schon in die große Schule.
Sechs Junge hat Wolfs Katze gehabt, o so nette Tierlein, graue und
schwarze und ein gelbes und dann noch ein schwarz und weißes. Das
Dorle hat ihr aber alle genommen bis auf eines und hat sie in einen
Sack mit Steinen getan und in den Neckar geworfen! Wilhelm Schluchter
hat gesagt, es sei eine Sünde und eine Schande. Wenn man so etwas tut,
kommt man in die Hölle, hat er gesagt. Und das geschieht ihr auch
recht!«
Agnes hatte das alles hervorgesprudelt, ohne abzusetzen, denn die Sache
lag ihr sehr am Herzen.
»Da bin ich nun gar nicht mit dem Wilhelm einig,« sagte die Großmutter
bedächtig und strich dem aufgeregten Kind über das kurzgeschnittene
braune Haar, das sich förmlich in die Höhe gestellt hatte vor Eifer.
»Siehst du, wenn nun diese Kätzlein alle am Leben geblieben wären und
wären alle groß geworden, so hätte sie dann das Dorle auch alle füttern
müssen. Denk einmal, wieviel Milch man da an jedem Tag gebraucht hätte
und wieviel Brot!«
»Und es gibt so viel arme Kinder, die froh sind, wenn sie sich satt
essen können. Da gibt dann das Dorle lieber den Kindern der armen
Meierin eine Milch oder ein Brot und da tut sie ganz recht daran.
Kätzlein gibt es auch so noch genug auf der Welt!«
Agnes hatte dieser Erklärung aufmerksam gelauscht und auch ein paarmal
einverstanden genickt.
»So will ich das dem Schluchter sagen,« schlug sie vor. »Er wird's
nicht so recht gewußt haben. Er hat keine Großmutter, nur seine Mutter
und die ist fast gar nie daheim.« Aber dann stieg noch ein neuer
Gedanke in Agnes auf, den der letzte Satz der Großmutter erweckt hatte:
»Es gibt noch Kätzlein genug auf der Welt.«
»Großmutter,« fing sie wieder an, »wir haben aber keins. Das schwarz
und weiße lebt noch. Es ist das nettste von allen, es hat so ein
herziges rotes Zünglein. O wenn ich das nur hätte! Großmutter, glaubst
du, daß die Mutter erlaubt, daß ich mir das Kätzlein holen darf? Das
Dorle gibt mir's sicher! Es hat gesagt, an der alten Katze sei es ganz
genug im Haus.«
Die Großmutter zweifelte nicht, daß die Mutter die Aufnahme des
Kätzleins gestatten werde, und sprach das auch aus. In diesem
Augenblick rief die Mutter auch schon nach der kleinen Tochter, und
diese folgte dem Ruf diesmal sehr schnell und sehr willig, denn sie
wollte gerne auch gleich ihre Bitte vortragen. Man hörte schon auf der
Treppe ihre erregte Stimme: »O Mutter, das muß ich dir ganz zuerst
sagen -- -- --«
Die Großmutter blieb allein zurück. Sie strickte an einem braunen
Kinderstrumpf. Wer sie oft gesehen hätte, der hätte am Ende denken
können, sie brauche sehr lang, bis dieser Strumpf fertig sei. Es war
aber allemal wieder ein neuer, denn es waren so viele Füße zu bedenken,
daß die Großmutter niemals mit Stricken fertig werden konnte. Da waren
schon große Enkelsöhne, die nur in den Ferien nach Hause kamen, dann
trippelte es im Hause selbst den ganzen Tag von Buben und Mädchen. Sie
gingen zum Teil schon in die Schule, zum Teil waren sie noch klein und
mußten gehütet werden. Aber alle wußten gut den Weg zur Großmutter,
die im zweiten Stock wohnte und die immer für die Großen und für die
Kleinen zu sprechen war.
Agnes war nun nicht mehr so klein, daß man sie hüten mußte wie die
beiden jüngsten Schwesterlein. Für die Schule war sie aber auch noch
nicht groß genug, da sollte sie erst nächsten Frühling hinkommen.
So konnte sie sehr oft die Treppe zur Großmutter hinaufsteigen,
denn diese wußte fast immer etwas, mit dem sich das lebhafte Kind
unterhalten konnte. Und der »Sturmwind«, wie Agnes von den Brüdern
geheißen war, weil sie so schnell hin- und herfuhr, konnte hier oben
wirklich manchmal eine ganze Weile stillsitzen und sich auf ruhige Art
beschäftigen.
Jetzt nickte die Großmutter ganz befriedigt vor sich hin. »Das ist ganz
gut für das Kind, wenn es das Kätzlein zu versorgen hat,« sagte sie zu
sich selbst, »das gibt eine gute Übung.«
Daß es eine gute Übung gäbe, daran hatte nun Agnes allerdings nicht
gedacht. Sir hatte ein Wohlgefallen an dem munteren, zierlichen
Tierchen gefunden, und sie dachte sich nun, solang sie zum Bäcker und
Kaufmann unterwegs war, mit großem Genuß aus, wie man mit dem Kätzlein
spielen könne, es im Puppenwagen ausfahren, mit einem Halsbändchen
schmücken und -- ja, wie konnte man es nur heißen? Das gab sehr vielen
Stoff zum Nachdenken!
»Siehst du, Großmutter, da ist's! Ist es nicht herzig?« Agnes kam am
andern Tag in aller Frühe mit strahlendem Gesicht an. Das Kätzchen,
das sich noch ein wenig scheu und ängstlich zeigte, trug sie sachte
im Schürzchen. »Man muß jetzt immer ›Mimi‹ zu ihm sagen, Großmutter.
So heißt's jetzt, gelt, das ist ein schöner Name! Soll ich eine Taufe
halten, was meinst du? Tätest du es bei dir in deinem Bett schlafen
lassen, Großmutter, wenn du mich wärest?«
Die Großmutter hatte lächelnd all die vielen Fragen an sich
vorbeischwirren lassen, jetzt sagte sie: »Das ist ein bißchen viel auf
einmal gefragt, Kind! Eine Taufe hält man nicht bei Katzen. Ich habe
einmal eine gehabt, die hieß Peter. Mimi ist aber auch schön. Ins Bett
darfst du das Kätzlein aber nie nehmen, nicht einmal ins Schlafzimmer.
Es könnte einmal dem Schwesterlein aufs Gesicht sitzen und es tot
drücken. Aber ich weiß doch ein nettes Plätzchen. Sieh, da habe ich
ein altes Körbchen, das darfst du halb mit Spreuer füllen auf der
Bühne. Und dann legen wir noch ein kleines Deckchen aus der Puppenwiege
hinein, das ist dann ein prächtiges Bett. Und dann stellen wir's in
die Kammer, wo die Kleiderkästen stehen, da kann das Kätzlein --«
»Großmutter, du mußt jetzt immer sagen: die Mimi«, fiel Agnes ein, --
»da kann die Mimi nichts verderben,« vollendete die Großmutter gelassen
ihren Satz. »Und siehst du, jetzt muß ich dir gleich noch etwas sagen,«
fuhr sie fort, »du hast jetzt die Mimi ganz allein zu versorgen. Das
ist noch ganz anders, als wenn man Puppen hat, die nie Hunger bekommen.
Katzen sind etwas lebendiges und müssen ihr Futter haben. Und an das
mußt du immer denken. Sieh, da habe ich ein ganz nettes Schüsselchen.
Es hat nur keine Handhabe mehr, aber es sind Rosen darauf gemalt. Das
soll der Mimi ihr Trögchen sein, und eh' du dich ans Essen setzt, mußt
du immer denken, daß dein Pflegling auch etwas braucht. Und immer das
Bettchen und das Schüsselchen sauber halten und« -- »Ja, ja, das tu'
ich ganz gewiß immer,« versicherte Agnes, »und ich tue sonst noch
vieles mit der Mimi, ich hab' mir schon alles ausgedacht.«
* * * * *
Mimi hatte sich bald im Hause eingelebt und wuchs schnell heran. Bei
Kätzlein dauert es nicht sehr lang, bis sie alles gelernt haben, was
sie wissen müssen. Mimi konnte sehr hübsch mit einem Ball spielen und
ihrem eigenen Schwanz nachjagen und wenn man sagte: Gib ein Pfötchen!
so streckte sie ihr weiches Tätzchen aus und man konnte es dann in
die Hand nehmen. Agnes war sehr beglückt von ihrem Pflegling und die
Großmutter freute sich im stillen über das Kind, denn es vergaß nie,
für Mimis Futter zu sorgen und hob auch sorgfältig übrige Fleisch- und
Brotbröckchen dazu auf. Nur konnte sich Agnes oft recht schwer von dem
interessanten Spiel mit dem Kätzchen trennen, wenn die Mutter rief oder
die kleinen Schwestern gerne ein wenig unterhalten sein wollten.
Eines Morgens kam sie aber sehr erstaunt aus der Kammer, in der Mimis
Bettchen stand: »Mimi ist nicht da und ihr Schüsselchen ist von gestern
Abend her noch voll!« Und nun begann ein großes Suchen, Rufen und
Locken durchs ganze Haus.
»Wenn du deine Katze suchst,« sagte Gottlieb, der Knecht, »die habe ich
auf der Gartenmauer gesehen. Ich glaube, sie geht auf die Vögel, sie
lauert, das sieht man ihr an!«
»O, o,« rief Agnes entrüstet, »meine Mimi braucht nicht auf Vögel zu
lauern und das tut sie auch nicht! Ich habe ihr gestern Abend mein
Wursträdchen gegeben und überhaupt, so ein liebes Kätzchen, wie sie
ist! Es fällt ihr nicht ein, so etwas zu tun!« Es war aber doch so.
Mimi ging auf die Jagd nach Vögeln, und alle Bitten ihrer kleinen
Pflegerin konnten sie nicht davon abhalten. Wenn sie entwischen konnte,
huschte sie auf die Mauer und horchte in den Nachbargarten hinüber, wo
die Vögelein ganz fröhlich in den Zweigen sangen und an keine Gefahr
dachten. Einmal hatte sie einen Blutfleck an dem schönen schwarz und
weißen Pelz und der Vater sagte, als er zum Mittagessen kam: »Du mußt
die Mimi gut hüten, Agnes. Der Nachbar hat gesagt, er wolle sie schon
abhalten, seine Finken zu ermorden. Er wisse schon ein Mittel.«
Aber es half alles nichts. Eines Morgens saß Agnes im Gärtchen hinter
dem Haus. Sie hatte zwei Freundinnen bei sich und einen großen Korb
voll Feuerbohnen neben sich. Es war eine sehr nette Beschäftigung, die
glänzenden, gesprenkelten Kerne, die die Mutter zu Samen fürs nächste
Jahr aufheben wollte, aus den dürren Hülsen herauszuschälen und die
Kinder waren ganz vergnügt dabei. Plötzlich knallte im Nachbargarten
ein Schuß. Und als die kleinen Mädchen erschreckt aufsahen, konnten
sie eben noch sehen, wie Mimi auf der Mauer einen hohen Sprung machte,
und dann, sich überpurzelnd, herunterfiel, gerade in den Rosenbusch,
der unter der Mauer stand. »Meine Mimi, mein Kätzlein!« schrie Agnes
entsetzt und stürzte sich auf den Rosenbusch. Da war nun nichts mehr zu
machen. Mimi hatte ihre Raublust mit dem Leben bezahlen müssen.
Agnes war in großem Jammer. Die Freundinnen waren nach Hause gegangen
und hatten dort erzählt, daß »Mimi Schieber« gestorben sei, und daß
man sie morgen im Hof begraben wolle. Und das Begräbnis war auch noch
ein wichtiges Ereignis, auf das es sehr viel vorzubereiten gab. Aber
dann war alles aus und Agnes saß schon eine ganze Weile still auf ihrem
Schemelchen bei der Großmutter und seufzte zuweilen tief auf. Das
ging der Großmutter zu Herzen. Sie hatte schon versucht, das Kind auf
ihre liebreiche Art zu trösten; es wollte aber nicht recht gelingen.
Jetzt fiel ihr ein guter Gedanke ein. »So, nun mußt du nicht immer
an das tote Kätzlein denken,« sagte sie freundlich, aber entschieden.
»Es gibt sonst noch genug zu schaffen auf der Welt, als nur die Mimi
zu besorgen.« »Ich will keine neue Mimi,« sagte Agnes kläglich. »Des
Wolfen Katze hat schon wieder Junge, ich könnte alle haben, aber ich
will keins davon. Sonst werden sie auch groß und stehlen auch Vögel und
werden auch erschossen!«
»Das meine ich auch gar nicht,« sagte die Großmutter und mußte ein
wenig lachen. »Ich weiß etwas ganz anderes. Denk einmal, die Leute
im Hinterhaus haben ein kleines Kindchen! Ein ganz kleines, in einem
Tragkissen und mit winzigen Fäustchen und blauen Äuglein.« »Das man
herumtragen muß und ihm die Milch geben und so?« Agnes sah ganz
begierig auf.
»Ja,« bestätigte die Großmutter, »aber die Leute können gar nicht
vergnügt sein darüber. Die Frau ist so krank, daß man noch gar nicht
weiß, ob sie nur wieder gesund wird, und niemand ist da, der das
Kindlein ein wenig wiegt, wenn es schreit, und ihm die Milch gibt, wenn
es Hunger hat, und der ein wenig auf das größere Büblein achtgibt.«
»Warum haben sie keine Magd?« wollte Agnes wissen. Sie fing schon an,
über den Fall nachzudenken.
»Ja, siehst du, das ist gerade das Traurige,« sagte die Großmutter.
»Die Leute haben kein Geld dazu. Der Mann kann selber nur ganz wenig
verdienen, und jetzt muß man noch Arznei holen und den Herrn Doktor
zahlen und die Milch für das kleine Kindlein.«
»So will ich das Kindlein zu uns herüberholen,« schlug Agnes vor. »Ich
möchte schon lang gern ein Schwesterlein, ein ganz kleines, das noch
nicht laufen kann und noch gar nichts als lachen und schreien.«
»Das geht nicht nur so, wie du meinst,« sagte die Großmutter. »Glaubst
du, die Leute geben ihr liebes Kindlein her das ihnen der liebe Gott
erst geschenkt hat? Und glaubst du, deine Mutter wolle noch so ein
winziges Schwesterlein besorgen? Sie weiß selber kaum, wo anfangen mit
euch allen! Nein, nein, so macht man das nicht! Aber siehst du, ich
gehe nachher ein wenig hinüber, und da könntest du mich begleiten. Und
ich will dir dann zeigen, wie du ein wenig helfen kannst, das Kleine zu
versorgen und das größere Büblein zu hüten und noch allerlei!«
Agnes war sehr einverstanden. Sie zog die Großmutter noch am Kleid
voran, als diese unterwegs ein wenig mit dem Vater sprach, der eben zur
Haustüre hereinkam, so wichtig war es ihr, schnell ins Hinterhaus und
zu dem kleinen Kindlein zu kommen.
Da war nun freilich für die Großmutter vieles zu tun. Der Mann war
heute nicht in die Fabrik gegangen, weil er die Frau zu pflegen
hatte. Er stand aber eben am Ofen, der mächtig rauchte, und hielt
ein Pfännchen in der Hand, aus dem ein ganz angebrannter Geruch kam.
»Gottlob!« sagte er, als er die Großmutter sah, »ich habe meiner Frau
die Suppe aufwärmen wollen, die noch von gestern Abend da ist. Aber es
hat sich alles am Pfännchen angehängt. So kann man die Suppe nicht mehr
essen und ich weiß nicht, was ich anfangen soll.«
Er sah ganz sorgenvoll und bekümmert aus, Agnes mußte ihn mit rechtem
Mitleid betrachten.
»Für heute habe ich nun schon eine Suppe besorgt, die für alle reicht,«
sagte die Großmutter freundlich. »Und für morgen und die ganze nächste
Zeit muß eben Rat geschafft werden. Jetzt wollen wir zuerst das Kleine
besorgen, das wird nicht umsonst so schreien.«
Damit nahm sie auch schon das großgeblumte Tragkissen mit dem laut
schreienden Kindlein aus der Wiege, packte dieses in saubere, trockene
Windeln, wärmte ihm die Milch und zeigte dann Agnes, wie sie dem
Kleinen das Fläschchen hinhalten solle. Diese war auch bald mit rechtem
Eifer bei der Sache und vergaß für jetzt ganz den Kummer um die tote
Mimi.
Das kleine dreijährige Büblein, das bisher trübselig in einer Ecke
gesessen hatte, wackelte jetzt auch herbei und sah dem merkwürdigen
Vergnügen zu.
»Gibst du mir dein Schwesterlein?« fragte Agnes, als das Kleine seine
Milch getrunken hatte und sofort wieder die Augen schloß.
[Illustration]
»Nein,« sagte Ernstchen entschieden und schüttelte den Kopf.
»Ich möcht's aber gern,« sagte Agnes, »ich gebe dir, was du willst,
dafür.« Statt aller Antwort fing Ernstchen an, ganz jämmerlich zu
weinen, daß die Großmutter nur schnell kommen und trösten mußte.
»Gehet ein bißchen miteinander hinaus, ihr zwei,« sagte die Großmutter
dann. »Spiele du ein wenig mit dem Büblein, Agnes, man muß jetzt hier
ein wenig Ruhe haben.«
Das war nur gar nicht nach Agnes' Geschmack. Sie hätte viel lieber das
kleine Kindlein gewiegt oder gar ein wenig herumgetragen, und jetzt
fiel ihr plötzlich Mimi wieder ein. Sie setzte sich auf die Treppe und
seufzte.
»Jetzt spiel mit mir!« begehrte Ernstchen.
»Ich mag nicht spielen, meine Mimi ist gestorben,« sagte Agnes und
seufzte wieder.
»Wer ist das, deine Mimi?« fragte der Kleine.
»Das ist so ein nettes Kätzlein, wie du noch gar keins gesehen hast,«
fing Agnes an, und ehe sie sich's versah, war sie mitten drin, dem
mäuschenstill aufhorchenden Ernstchen alles zu erzählen, was man
nur von der Mimi sagen konnte, und auch ihr trauriges Ende. Die
Großmutter fand die beiden einträchtig auf der Treppe sitzend und sagte
wohlgefällig: »So ist's recht, so gefällt mir's, Agnes, das kannst du
noch öfter tun.«
Dann gingen die beiden wieder zusammen ins Vorderhaus.
* * * * *
»Großmutter, das möchte ich lieber nicht noch öfter tun,« fing Agnes
an, als sie am nächsten Morgen ihren Besuch bei der Großmutter
abstattete.
Diese wußte zwar nicht gleich, um was es sich handelte, aber sie wußte
schon, daß es noch kommen werde, und so strickte sie ruhig weiter.
»Großmutter,« sagte Agnes ein wenig dringlicher, »ich möchte viel
lieber das ganz kleine Kindlein herumtragen und ihm seine Milch geben
und zusehen, wenn man es badet, als mit dem Ernstchen spielen. Das ist
ein bißchen langweilig!«
»So?« Die Großmutter sah das Kind freundlich an, dann sagte sie: »Wenn
aber das ganz Kleine schlafen soll und die kranke Frau auch und der
Ernstchen ist unruhig und stört sie alle beide? Gelt, dann willst du
gern ganz vernünftig und lieb sein und aufpassen, daß der kleine Bub'
ruhig ist, und ein wenig mit ihm spielen?«
Agnes zögerte ein wenig. »Ja, schon,« sagte sie, »aber das Kleine ist
viel netter!«
»Jetzt muß ich dir etwas sagen« -- die Großmutter legte ihr Strickzeug
einen Augenblick in den Schoß und hob das Gesichtchen, das im
Augenblick ein wenig finster aussah, in die Höhe. »Weißt, liebes Kind,
das müssen schon kleine Leute lernen, daß man nicht nur immer so tun
kann, wie man möchte. Und das mußt du auch! Ich möchte gern, daß du mir
ein bißchen hilfst, den armen Leuten da drüben zu helfen. Und ich will
dir auch sagen wie?«
Agnes sah erwartungsvoll aus. Sie mochte immer sehr gern neue Pläne
machen.
»Die kranke Frau hatte nichts Ordentliches zu essen,« fuhr die
Großmutter fort, »und der Mann und Ernstchen auch nicht.«
»So will ich gleich zur Mutter sagen, daß sie hinüberschickt,« sagte
Agnes schnell. Der Gedanke war ihr sofort gekommen, denn es durfte doch
nicht sein, daß jemand nichts zu essen hatte.
»Nein, nein,« beschwichtigte die Großmutter. »So alle Tage kann die
Mutter doch nicht für die ganze Familie kochen! Denk' einmal, wie große
Schüsseln voll ihr selber brauchet! Da müßte man reicher sein, als wir
sind, um noch eine Familie versorgen zu können, aber --«
»Ich weiß was,« fiel das Kind wieder eifrig ein, »das Dorle soll wieder
seine Kätzlein ins Wasser werfen und alle Milch und alles Brot dafür
hergeben!«
»Jetzt mußt du mich einmal sagen lassen, was ich für einen Plan habe,
und mich nicht immer unterbrechen,« sagte die Großmutter. »Sieh,
weil es soviel arme Leute gibt, denen man helfen möchte, haben sich
wohlhabende Frauen zusammengetan, die wechseln dann miteinander ab im
Kochen. So kann man dann am Montag bei der einen das Essen holen, am
Dienstag bei der andern und so fort bis zum Sonntag. Und am Montag
fängt man wieder vornen an.«
Das konnte Agnes sehr gut verstehen und es gefiel ihr auch wohl. Aber
es kam noch etwas nach.
»So habe ich denn unsere armen Leute auch dazu angemeldet,« fuhr die
Großmutter fort. »Die Mutter macht den Anfang und dann habe ich noch
sechs andere Frauen aufgeschrieben. Es ist aber niemand, der das Essen
holen könnte, denn der Mann muß in die Fabrik und das Ernstchen ist
noch zu klein.«
Agnes merkte allmählich, was kommen sollte, und rückte unruhig auf
ihrem niedrigen Stühlchen hin und her.