Es war an einem der letzten Ferientage, da kam Sofie eines Nachmittags

allein an. »Wir können heut nicht kommen,« sagte sie. »Der Vater

hat im Geschäft frei und jetzt machen wir einen Spaziergang alle

miteinander. Man nimmt den Kinderwagen mit, und dann kommen wir

vielleicht bis in den Wald.« Sofie sah stolz und glücklich aus und

sprang lustig davon. Merkwürdig, Gretel war gar nicht betrübt, daß

heute ihre kleine Gesellschaft nicht kam. Sie hatte heute morgen eine

ihrer Schulfreundinnen entdeckt, die von der Reise zurück war, und

es gelüstete sie nun stark, einmal wieder mit Mädchen ihres Alters

zu spielen und zu plaudern. Sie war doch auch schon zehn Jahre

alt, und den armen Kindern gegenüber war sie immer so eine Art von

Mütterlein gewesen. So sah sie ganz vergnügt zu, wie die Familie drüben

miteinander auszog, und als bald nachher die Freundin kam, meinte sie,

noch nie so vergnügt gespielt zu haben, wie heute. Aber als Klara, so

hieß die Freundin, von den Freuden ihrer Reise erzählte und ein wenig

mitleidig sagte: »Dir wird's auch oft langweilig gewesen sein!« da

schüttelte Gretel den Kopf. »Behüte,« sagte sie, »ich habe so viel

Nettes erlebt, man kann es gar nicht aufzählen. Aber auf die Schule

freue ich mich doch auch wieder.«

Jetzt hat die Schule schon lang wieder angefangen, und wer weiß, ob

Gretel nicht die nächste Ferienzeit irgendwo auf dem Lande verlebt.

Denn eine liebe Tante hat sie schon lang eingeladen. Aber so oder so,

vor Langeweile braucht sie sich nie mehr zu fürchten. Es gibt überall

große oder kleine Leute, denen man eine Freude machen kann, es müssen

nicht gerade ein paar arme »Gäßleskinder« sein. Und wer andern Freude

macht, wird selber auch vergnügt, das weiß man schon lang, und Gretel

weiß es auch.

9. Wie Heini den Rückweg fand.

Der Heini stand ganz oben auf der Bühne, sah zu einem kleinen

Guckfenster hinaus und seufzte. Man hätte sich ein wenig wundern

können, daß er seufzte, denn er sah gar nicht aus, als ob ihm etwas

fehle. Er hatte dicke rote Backen und war stark und gesund. Und dazu

steckte er in einem nagelneuen, blau und weiß gestreiften Anzug und

neben ihm auf einer Kiste lag ein mächtig großes Butterbrot. Der

kleine Eseltreiber, der unten am Haus vorbeizog, wäre glücklich

gewesen, wenn er es gehabt hätte. Aber der Heini war noch eher geneigt,

den Eseltreiber zu beneiden, als daß er sich selbst beneidenswert

vorgekommen wäre. Denn der Hansjörg konnte doch mit seinem Esel nach

Herzenslust die schönen Wälder durchstreifen und kam auf all die hohen

Berge, die der Heini nur von unten ansehen durfte, und keine ängstliche

Tante rief den ganzen Tag hinter ihm drein: »Heini, geh mir ja nicht zu

weit! Heini, iß nur ja keine Beeren im Wald! Falle mir nur ja nicht an

der Ruine hinunter!«

So arg, wie sich das der Heini nun ausdachte, war es in Wirklichkeit

auch nicht. Er steigerte sich nur jetzt unmutig in den Gedanken hinein,

daß er zu bedauern sei, und wenn man das tut, so vergißt man dann ganz,

wie viel Gutes und Schönes man hat.

Heini war seit vierzehn Tagen hier in einem wunderschön gelegenen

Luftkurort im Schwarzwald. Seine Tante hatte ihn mitgenommen und er

sollte die ganze lange Sommervakanz hier zubringen dürfen. Sein Name

stand gedruckt in der Fremdenliste: Heinrich Speidel aus Stuttgart.

Und Heini hatte die Liste mit Stolz an seinen besten Kameraden nach

Hause geschickt und fühlte sich sehr als Badegast. Dazu bewohnte er

ein kleines Stübchen ganz allein und konnte darin treiben, was er nur

wollte. Zu Hause teilte er das Zimmer mit den beiden jüngeren Brüdern,

und ein eigenes Kämmerchen war schon lang seine Sehnsucht. Daheim

hatte man vom Fenster aus nur den Metzgerladen gegenüber gesehen,

hier brauchte Heini nur im Bett die Augen zu öffnen, um dann schon

die prächtigen, bewaldeten Vorberge des Blauen zu sehen, auf denen

zum Teil noch Ruinen alter Ritterburgen waren. Diese Aussicht war

wirklich etwas sehr Erfreuliches; wäre sie nur nicht gar so verlockend

gewesen! Den Heini trieb Tag und Nacht das Verlangen, einmal selbst

auf diesen Gipfeln zu sein, in dem alten Gemäuer umherzustreichen und

dann vielleicht wunderbare Entdeckungen zu machen. Aber die Tante hatte

ihn bis jetzt immer auf später vertröstet. Sie war ein wenig leidend

und sollte in den ersten Wochen ihres Aufenthalts nicht so große Wege

machen. Und sie wollte den achtjährigen Buben durchaus nicht, wie er

sich so stürmisch wünschte, allein oder auch nur mit ein paar Kameraden

ausziehen lassen, die nicht viel älter waren als er selbst.

Heute waren drei der hier gewonnenen Freunde zusammen nach dem

Neuenfels gewandert, einer bewaldeten Bergkuppe, auf der sich eine

besonders weitläufige, guterhaltene Ruine befand. Und sie waren für den

ganzen Tag ausgezogen, mit kaltem Mittagessen in den Tornistern! Heini

hatte flehentlich gebeten, mitzudürfen, umsonst. »Die hiesige Ruine ist

noch viel schöner,« hatte die Tante gesagt. »Und du hast dir noch nicht

die Hälfte von all den wunderschönen Wegen, Sitz- und Spielplätzen

angesehen, die es rings um den Ort her gibt!« Dabei war sie geblieben,

trotz allen Aufwands an Bitten und Tränen und zornigem Fußstampfen, den

der Heini veranstaltet hatte.

Das war der Schmerz, der den Heini so tief aufseufzen ließ an seinem

Guckloch auf der Bühne. Er hatte, soweit man von hier aus konnte, den

Weg seiner Freunde mit den Augen verfolgt und dabei düstere Gedanken

ausgebrütet. Er wollte doch noch auf den Neuenfels kommen! Auch ohne

die Tante! Er war kein solches Wickelkindchen mehr, das man immer an

der Hand führen mußte!

Dabei war er gerade, als Fräulein Jettchen auf die Bühne kam, eine

der drei alten Schwestern, denen die Fremdenpension gehörte. Fräulein

Jettchen war sonst eine sehr gute Freundin von Heini. Sie besorgte die

Küche und es verging nicht leicht ein Tag, wo sie das Büblein nicht

heranrief: »Komm, komm, Kleiner, da hast du ein warmes Flädchen! Guck

einmal, Heini, da habe ich nun gerade noch so ein kleines Lebküchlein

gefunden, das mußt du haben!« Sie hatte eine humoristische Art und alle

drei Schwestern hatten die Kinder lieb und der Heini konnte es bei

ihnen so gut haben, wie er sich nur denken konnte.

Jetzt war Fräulein Jettchen hoch erstaunt, den Wildfang Heini einsam da

oben zu finden. Er war sonst fast nur bei den Mahlzeiten im Hause und

hatte so viele Kameraden, daß er sie kaum aufzählen konnte.

»Ja, was in aller Welt hat denn das Büblein da oben zu schaffen? Und

gar kein vergnügtes Gesicht? Und das Vesperbrot noch unberührt?«

Fräulein Jettchen setzte ihren Korb mit Dörrbohnen ab und trat zu Heini

heran. Der biß sich fest auf die Unterlippe und sah angelegentlich vor

sich hin. Er konnte nicht gut sagen, was er soeben gedacht hatte.

»Unzufrieden? Ei, ei, ei!« Nun mußte das alte Fräulein sehr bedenklich

den Kopf schütteln.

»Wenn man's so gut hat, wie du! So eine schöne Vakanzzeit und eine so

liebe Tante, die einem so viel Freude macht!«

»Ja, aber auf den Neuenfels hat sie mich nicht mitgelassen,« murrte

Heini, »die andern Buben lachen mich aus! Ich hätte gut so weit laufen

können! Und ich gehe doch auch noch hin, ich bin auch nicht mehr so

klein!«

Fräulein Jettchen hatte sich auf einen Koffer gesetzt und sah sehr

feierlich aus. Manche Leute sagten, sie habe manchmal eine Stimme wie

ein Pfarrer, und das hatte sie jetzt auch, als sie warnend den Finger

aufhob und sagte:

»Kind, Kind, paß wohl auf, daß du dich nicht verläufst! Wenn die

Schäflein gar nicht mehr wissen, wie gut sie es auf der Weide haben und

wollen's immer ~noch~ besser finden, dann verirren sie sich und

der Schäfer muß den Hund hinter ihnen drein jagen. Und manchmal sind

sie dann so weit von der Herde weg, daß man sie gar nimmer findet, und

dann möchten sie wohl wieder gehorsam und zufrieden auf der Weide sein,

wenn sie nur wieder könnten.«

»Ich bin kein Schaf,« sagte Heini trutzig, »und verirren tue ich mich

auch nicht, ich finde den Weg schon!«

»Du hast dich schon ein bißchen verirrt, Büblein,« sagte Fräulein

Jettchen liebreich, »du bist trutzig und eigensinnig und weißt schon

gar nicht mehr recht, wie gut du es hast. Komm jetzt mit mir, Heini,

komm! Wir wollen es der Tante gar nicht sagen, daß du unartig gewesen

bist, es würde sie betrüben, sie ist schon ~so~ gar nicht wohl!

Wer weiß, wenn du jetzt fröhlich und dankbar bist, dann freut sie sich

so, daß sie ganz bald mit dir auf die hohen Berge kann, und dann kannst

du dich ganz anders freuen!«

Damit faßte das alte Fräulein den Trotzkopf Heini bei der Hand und

stieg mit ihm die Treppe hinunter.

* * * * *

»Was denken Sie, Herr Doktor, könnte ich nicht morgen eine Fahrt nach

dem Blauen machen? Es ist mir nicht um mich, ich könnte schon noch

warten mit solchen Ausflügen. Aber mein kleiner Neffe brennt so sehr

darauf, ein bißchen in die Umgegend zu kommen! Es ist noch ein kleiner

Kerl, aber ein fester, stämmiger Bursch, und ich möchte gern, daß er

mit recht viel Freude an diese Zeit hier zurückdenkt!«

Tante Julie saß in einem Korbstuhl an der sonnigsten Stelle des Gartens

und sah erwartungsvoll den alten Doktor an, der im Vorübergehen ein

kleines Gespräch mit ihr angefangen hatte. Doktor Stieler schüttelte

ein klein wenig den Kopf. »Es wäre mir lieber gewesen, wenn Sie noch

eine Woche gewartet hätten,« sagte er dann. »Die Ruhe scheint Ihnen so

gut zu bekommen.«

»Meines Bruders Geburtstag ist morgen,« fuhr die Tante fort, »der

wird zu Hause auch festlich begangen. Aber freilich, wir wollen ja

nicht unvernünftig sein!« -- Der Doktor sah zuerst prüfend den Himmel

und dann seine Patientin an. »Wenn sehr schönes Wetter ist und Sie

eine gute Nacht haben, so will ich denn auf morgen nichts dagegen

einwenden,« war seine Antwort. Und freundlich grüßend schritt der

Doktor weiter.

Tante Julie saß noch ein Weilchen ruhig in dem warmen Sonnenschein und

überlegte sich ihren Plan auf morgen.

Sie wollte noch eine Bekannte zu der Fahrt einladen, die mit ihrem

eigenen kleinen Jungen, einem schmächtigen, zarten Kind in Heinis

Alter, ebenfalls zur Kur hier war. Und dann wollte sie einen Esel dazu

bestellen, den Liebling aller jugendlichen Gäste, »Lips«, samt seinem

sonnverbrannten Führer, Hansjörg. Da konnten dann die kleinen Buben

abwechselnd daneben herreiten, und Tante Julie lächelte vergnügt vor

sich hin, wenn sie sich Heinis Jubel vorstellte. Eselreiten! das war

auch einer der sehnsüchtig erstrebten Genüsse!

Wo der Junge nur steckte? Er hatte sich seit dem abgeschlagenen »Sturm

auf den Neuenfels« nicht mehr sehen lassen! Es tat der Tante aber

keinen Augenblick leid, daß sie nicht nachgegeben hatte. Im Gegenteil!

Heute wollte sie den Heini ganz ruhig seinem Trotzkopf überlassen

und dann morgen, ehe sie ihm die große Freude verkündete, ein paar

ernsthafte Worte mit ihm reden. Tante Julie verstand sehr gut mit

Kindern umzugehen und Heinis Neigung zum Eigensinn war ihr gar nichts

Neues. »Es wird schon noch eine Weile dauern, bis er einsieht, daß man

nicht mit dem Kopf durch die Wand kann,« dachte sie. Dann stand sie auf

und ging ins Haus.

* * * * *

Inzwischen hatte sich der Heini langweilig vor dem Haus umhergetrieben.

Er hätte Erlaubnis gehabt, auf den Spielplatz im Kurpark zu gehen,

wo es immer viele Unterhaltung gab. Oder er hätte die Tante gut um

Erlaubnis fragen können, ob er mit dem Kutscher Ernst ins Heu fahren

dürfe. Das hätte sie gern gestattet. Aber es gefiel ihm besser, sich

auszudenken, wie hart die Tante sei und wie schlecht er es habe. Und

dann dachte er sich noch etwas anderes aus. Der Hansjörg war dem Heini

einmal vor kurzem begegnet, als er gleich nach dem Frühstück mit der

Tante in den Wald ging. »Woher kommst du schon so bald?« hatte damals

die Tante gefragt, die mit allen Leuten gern ein freundliches Wort

sprach. Der Hansjörg hatte staubige Füße gehabt und gesagt: »Vom

Neuenfels.« »Ist's möglich?« hatte sich Tante Julie gewundert, »da mußt

du ja vor Tag aufgestanden sein?« »Vor Tag nicht. Um drei Uhr ist's

schon fast hell und ich bin erst um vier Uhr fortgegangen,« sagte der

Hansjörg. »Es ist ein Fräulein auf dem Esel hinaufgeritten, das will

nachher zu Fuß heimgehen. Und ich muß jetzt gleich mit dem ›Lips‹ auf

den ›alten Mann‹!« Damit war der Eseltreiber wichtig weitergeschritten,

denn das Geschäft blühte jetzt.

Daran dachte der Heini, als er sich jetzt so allein herumtrieb. Er

konnte so gut wie der Eseltreiber, der noch den störrigen »Lips« zu

besorgen hatte, in aller Morgenfrühe die Wanderung unternehmen und

wieder da sein, ehe man ihn vermißte. Die Tante stand manchmal sehr

spät auf, und das tat sie vielleicht morgen auch. Die Richtung, die man

einzuschlagen hatte, kannte der Heini gut, und dann sah man ja auch

die Ruine immer vor Augen und konnte sich gewiß nicht verirren. Er kam

immer mehr in seinen Plan hinein und saß, gegen seine Gewohnheit, eine

ganze Weile still auf der Hausstaffel, um sich alles genau auszudenken.

Zwar dem Vater hatte er versprochen, der Tante in allen Stücken zu

gehorchen. »Aber ich glaube sicher, der Vater hätte mich mitgelassen,«

beschwichtigte der Heini sein mahnendes Gewissen; »und dann, ich bin

ja schon wieder da, wenn die Tante aufwacht! Warum ist sie auch so

ängstlich und erlaubt einem gar nichts!« Und Heini beschloß, nicht mehr

auf die unangenehmen Stimmen zu hören und sich »wie andere Buben auch«

auf die Wanderung zu freuen. »Und der Papa kann's erst noch leiden,

wenn man kein so Hasenfuß ist! Und ich will auch keiner sein!« -- Damit

schloß der Heini seine Selbstbetrachtung. Fräulein Jettchen rief eben

zum Abendessen.

* * * * *

Es war ein strahlend sonniger Morgen. Heini glaubte, als er erwachte,

noch ganz unerhört früh daran zu sein und staunte höchlich, daß andere

Leute auch schon wach waren. Auf der Wiese, die sich hinter dem Haus

hinaufzog, saß der Taglöhner Friedrich und dengelte seine Sense; er

hatte schon ein großes Stück gemäht. Und im Hof hörte der Heini das

Küchenmädchen am Pumpbrunnen. Leise, um die Tante nicht zu wecken,

schlüpfte Heini in seine Kleider und schlich sich zur Tür hinaus, die

er nur anlehnte. Tante Julie schlief nämlich im Zimmer daneben und

sagte oft, daß sie einen sehr leichten Schlaf habe und gut höre, was um

sie her vorgehe.

Merkwürdig, es zog den Heini jetzt am Morgen nicht mehr halb so sehr,

wie am Tag zuvor, nach dem ersehnten Neuenfels. Und einen Augenblick

besann er sich, ob er nicht lieber dableiben wolle. Es war doch

auch sehr hübsch in der Nähe. Und das Frühstück im Garten und die

Trompetermusik im Kurpark, das war doch auch beides ein Genuß! Aber

dann regte sich der böse Trotz wieder. »Ich will aber,« sagte Heini

halblaut und schlüpfte zu der angelehnten Haustüre hinaus.

Da lag die Straße vor ihm im hellen Morgensonnenschein. An allen

Gräslein und Büschen und Bäumen hingen noch die schimmernden,

glitzernden Tautropfen und an den Bergen wogten noch die Morgennebel

hin und her, wie weiße Schleier. Und gerade vor dem Heini, hell

beschienen, weiß glänzend, stand der Neuenfels, dessen Steinmassen und

Mauerstücke aus dem grünen Wald förmlich herausleuchteten. Es sah aus,

als ob er ganz nah da wäre. »O, ich kann noch zum Frühstück wieder da

sein,« dachte Heini und fing an zu rennen. Er wollte sich die Sache

absolut nicht gereuen lassen.

Die weiße, staubige Landstraße, mit frisch gemähten Wiesen zu beiden

Seiten, lag hinter dem kleinen Wandersmann. Er trat jetzt in den

dämmerigen, kühlen Wald ein, den er auf dieser Seite noch nie betreten

hatte. »Fehlen kann man da nicht,« dachte Heini, »die Straße geht ja

ganz gleich weiter und der nette kleine Fußweg läuft gerade daneben

her, und der ist ganz weich und moosig.« Er schlug jetzt diesen ein,

man konnte so schnell gehen auf dem weichen Teppich.

Es war ganz still im Wald, nur hie und da huschte ein Eichhörnchen an

den hohen Stämmen hinauf. Deren gab es viele in der Gegend. Heini hätte

schon so lange gern eins besessen. Eben jetzt kam ein ganz reizendes

Tierchen mit langem buschigem Schwanz ganz nahe heran. Es machte einen

possierlichen Satz um den andern, flüchtete sich dann wieder in die

Höhe und schwang sich von einem Baum zum andern. Der Heini war ganz

hingerissen. »O, o, wenn ich nur so ein Tierchen hätte,« sagte er laut.

»O, wenn ich nur eins mit heimnehmen könnte!«

Man kam sehr schnell vorwärts auf diese Art. Nur hatte der Heini

gar nicht bemerkt, daß der Fußweg schon lange von der weißen Straße

abgebogen war. Er sah es erst, als das Eichhörnchen ganz in der hohen

Krone einer riesigen Eiche verschwand. Zuerst erschrak er ein wenig,

denn er hatte ja immer der Straße nach gehen wollen. Aber dann sah er

wieder etwas Weißes durch die Stämme leuchten und ging gleich darauf

zu. Es war auch eine Straße, aber es war nicht die richtige, das wußte

aber der Heini nicht. Er ging nun lange auf dieser weiter und wunderte

sich nur immer im stillen, daß es so lange eben fortging. Der Berg

hätte seiner Meinung nach schon längst beginnen sollen.

[Illustration]

Heini fing auch schon an, etwas müde zu werden. »Ich könnte ein ganz

klein wenig hinsitzen,« dachte er. »Nicht lange, sonst komme ich am

Ende doch zu spät.«

Es gab schöne Brombeeren am Wege. Sie waren erst halbreif, aber dem

Heini schmeckten sie doch. Es war sonderbar, er hatte Hunger, und

es konnte doch noch lange nicht Frühstückszeit sein. »Das kommt vom

Frühaufstehen,« dachte Heini. »Ich bin es nicht gewöhnt.«

Dann zog er wieder weiter. Er hatte jetzt einen schmalen Fußweg

gefunden, der richtig ziemlich steil in die Höhe ging. »Auf der

langweiligen Straße hätte ich noch lang weiterlaufen können,« sagte

sich Heini. Er war ganz froh, daß es wenigstens jetzt in die Höhe

ging. »Ein bißchen weit ist's doch,« gab er jetzt zu. »Hätte mich

Tante Julie mit den andern Buben gelassen, so müßte ich jetzt nicht

allein auf diesen Neuenfels!« Merkwürdig, nächstens mußte die Tante

noch schuldig sein, daß der Heini davonlief! Der Fußweg machte

wieder allerlei Windungen; manchmal war er fast ganz überhangen von

Brombeergesträuch und endlich hörte er ganz auf. Da stand nun der

Heini mitten im Wald und nichts rührte sich weit und breit um ihn

her. Doch, oben über den Tannen flogen ein paar Raben und krächzten

laut. Und er wußte nicht weiter. Den Neuenfels sah man ja schon lange

nicht mehr, und Heini hatte nur immer gehofft, der Wald werde sich

jetzt dann auf einmal lichten und dann werde er gerade an der Ruine

herauskommen. Jetzt getraute er sich gar nicht mehr vorwärts. Es war

überall hoher, dichter Tannenwald. Und durch die hohen Stämme drang das

Sonnenlicht in einzelnen Strahlen. Da fiel dem Heini ein, daß es wohl

schon jetzt Frühstückszeit sei, und daß die Tante ihn nun suchen würde.

Und Fräulein Jettchen und Luischen und Lina würden ebenfalls nach ihm

suchen und ihn überall rufen: »Heini, Büblein, so komm doch, komm!«

Und er stand im Wald und hatte sich verirrt! Das hatte er, es war so!

Was hatte Fräulein Jettchen gestern gesagt?

O, es fiel dem Heini wieder alles ein, sie hatte es so feierlich gesagt

wie ein Herr Pfarrer. Er hatte es nicht ausstehen können, aber es war

doch wahr. Und jetzt hatte er sich richtig verirrt und mußte noch froh

sein, wenn er sich schnell wieder auf dem gleichen Weg heimfand. Den

andern Buben wollte es der Heini lieber gar nicht sagen, daß er den Weg

nicht gefunden habe. Und die Tante würde ja wohl zanken! Oder am Ende

machte sie auch so ein betrübtes Gesicht, wie die Mama zu Hause allemal

tat, wenn der Heini eigensinnig und trotzig war. »Da möcht' ich dann

schon noch lieber gezankt werden,« dachte der kleine Ausreißer.

»Vielleicht, wenn ich ganz schnell auf dem gleichen Weg zurücklaufe,

immerfort, ohne Aufhören, dann komme ich doch noch bald genug. Und dann

kann Tante Julie nichts sagen, nein, dann kann sie nicht! Denn dann bin

ich gar nicht auf dem Neuenfels gewesen, nur im Wald!« Unter solchen

Gedanken war der Heini umgekehrt, hatte auch endlich die ebene Straße

wieder erreicht und rannte darauf fort, so müde er auch war. »Lieber

Gott, laß mich auch noch bald genug heimkommen,« betete er drunter

hinein. Aber dann kam man an so sonderbaren Felsstücken vorbei und an

einer kleinen Schutzhütte, die der Heini noch nie gesehen hatte, und

auf einmal merkte er, daß er wieder die falsche Richtung eingeschlagen

hatte. Und da war es ganz zu Ende mit allem kecken Mut und allem Trotz

des kleinen Buben. Er setzte sich ganz hilflos auf einen Rain und fing

an zu weinen.

»Manche verlaufen sich auch so weit, daß man sie gar nimmer finden

kann,« hatte Fräulein Jettchen gesagt. »Und dann möchten sie gerne

zufrieden und dankbar auf der Weide sein, wenn sie nur könnten.« Und

dann hatte sie auch noch gesagt: »Du bist auch jetzt schon ein bißchen

verirrt, Büblein. Denn du bist unzufrieden und trutzig und siehst nicht

recht, wie gut du es hast.«

Als das dem Heini alles nacheinander einfiel, weinte er immer noch

stärker. Jetzt war es so, jetzt konnte man ihn vielleicht gar nicht

mehr finden! Und die Tante mußte nach Hause schreiben: »Der Heini ist

im Wald verloren gegangen. Er war unfolgsam.« Und dann würde die Mutter

immer zu den Kleinen sagen: »Machet es nur niemals wie der Heini!«

Und dann fiel ihm auch noch ein, wie gut und lieb die Tante immer

gegen ihn gewesen war. Ja, gestern abend noch, beim Gutenachtsagen,

da hatte sie zu ihm gesagt: Du wirst schon noch sehen, was wir noch

Schönes zusammen erleben. Er hatte sich aber gegen die Wand gekehrt und

nur ganz schnell sein Vaterunser hergesagt. Und dann war er trutzig

eingeschlafen. Ja, das Vaterunser! Das hatte der Heini natürlich heute

morgen auch vergessen! Wenn man etwas vorhat, das nicht recht ist,

denkt man nicht an den lieben Gott. Und der liebe Gott will auch nicht

hören, daß man sagt: Dein Wille geschehe, wenn man jetzt gerade so

ernstlich denkt: Ich will aber tun, was ich will!

Heini war gar nicht recht so keck, jetzt noch das Vaterunser zu beten.

Und doch wollte er so gern, daß der liebe Gott ihm wieder helfe, und

er wollte auch ganz gewiß nicht mehr unzufrieden sein und trotzig

und unfolgsam. Da fiel ihm ein Verslein ein, er sagte es laut mit

gefalteten Händen unter sein Schluchzen hinein:

»Alle Schritt und alle Tritt

Geh du, lieber Heiland, mit!

Gehe mit mir ein und aus,

Führe du mich selbst nach Haus!«

Und dann fügte er noch hinzu: »Und mach auch, daß die Tante keine so

arge Angst hat und daß sie mir's gewiß glaubt, daß ich jetzt brav sein

will.«

Als der Heini so gebetet hatte, war er schon ein wenig getroster

geworden. Das Verslein hatte er immer als kleines Büblein gebetet.

Seit er in der Schule das Vaterunser gelernt hatte, überließ er das

»Kleinkinderverslein«, wie er sagte, den Kleinen. Er durfte nun immer

am Morgen und Abend das Vaterunser laut beten. Nur dachte er oft gar

nicht an seinen schönen Inhalt. Die Gedanken flogen oft schon voraus

auf den Spielplatz oder zu einem Geschichtenbuch. So kam es, daß der

Heini im Vaterunser gar nicht so recht daheim war. Aber solang er mit

der Mutter »alle Schritt und alle Tritt« gebetet hatte, da hatte diese

ihm jedesmal dann nachher einen Kuß gegeben und gesagt: »So wird dir

dann auch nichts geschehen! Und jetzt geh und sei vergnügt und brav!«

Und der Heini setzte in Gedanken nun auch hinzu: So wird mir dann auch

nichts geschehen! Es war ihm jetzt viel leichter als vorher, es kam

ihm gar nicht mehr vor, als ob er den Heimweg nicht finden könnte. Er

hatte ja auch schon den Rückweg von seinem bösen Eigensinn gefunden, da

konnte es ihm freilich wohler sein als zuvor.

Als er sich gerade daran machen wollte, auf dem seitherigen Weg

zurückzugehen, und immer noch ein wenig vor sich hinschluchzte, da

hörte er hinter sich ein lautes: »Hüoh!« Ein schwerer Wagen rumpelte

daher und der Fuhrmann im langen blauen Leinenkittel ging daneben her

und rauchte seine kurze Pfeife dazu. Heini atmete tief auf. Jetzt war

doch ein Mensch da, mit dem man sprechen konnte! Bescheidentlich ging

er auf den Bauern zu: »Möchten Sie mir vielleicht sagen, wo der Weg

nach Badenweiler geht? Ich -- ich habe auf den Neuenfels gewollt und

jetzt --« Heini konnte seine Tränen nicht mehr hinunterschlucken, sie

stürzten jetzt wieder ganz unaufhaltsam hervor.

»Auf den Neuenfels? Du meine Güte, Büblein! Der liegt ja ganz

da drüben!« Der Fuhrmann beschrieb einen großen Bogen mit seinem

Peitschenstiel. »Und ganz allein bist du? Und kommst von Badenweiler?

Am Ende durchgegangen, was?«

Heini konnte nur immer nicken, es drückte ihn doch noch sehr, daß er so

weit weg war von daheim. Der Fuhrmann nahm den Heini aber jetzt ganz

väterlich bei der Hand. Er hatte selber einen kleinen Buben daheim

und Heini sah so zerknirscht aus, daß er ihm keine Strafrede halten

konnte. »Da sitz auf, Kleiner,« sagte er. »Du wirst wohl müde sein.

In fünf Minuten ist auf dieser Seite der Wald aus und dann sieht man

Badenweiler liegen. Nur kommst du jetzt gerade von der andern Seite

hinein, als du herausgegangen bist. Wenn du schnell gehst, langt's noch

zum Mittagessen.«

Röschen, Jaköble und andere kleine Leute · 第 8 / 17 段