Schlafzimmer trat, das er während Erichs Krankheit benützen sollte. Er
war sich gar nicht mehr recht als Kind vorgekommen in letzter Zeit. Er
wurde im Haus schon so viel als junger Herr behandelt, und alles, was
kindlich war, hatte ihm langweilig geschienen. Aber er wußte nichts
Rechtes, was ihn denn dafür hätte erfreuen können. Erich, ja der hatte
Gefallen an Knabenspielen und allerlei lustigem Zeitvertreib, sei's
auch nur mit dem Kutscher oder sogar mit Ella, dem empfindlichen
Mädchen. Das kam Alfred immer ein wenig verächtlich vor. Und doch
fiel es ihm noch hie und da ein, wie er einmal bei Hartmanns durch
die zurückgeschobene Gardine gesehen hatte, wie die ganze Familie,
sein Bruder Erich mitten darunter, sich um den Tisch geschart und das
»Fuchs- und Hühnerspiel« um Nüsse eifrig betrieben hatte. Und wie ihn
damals auch nach so etwas verlangt hatte, wenn er's auch nicht gestand.
Als Erich damals nach Hause kam, hatte er ihn verhöhnt: »Willst du
nicht lieber ganz da hinüberziehen, wenn dir das vornehm genug ist?
Nüsse könntest du auch daheim haben und dann gleich mehr.«
Und Erich hatte nur erwidert: »Du weißt etwas Rechtes vom Vergnügtsein!
Da sei nur ganz still davon.«
Das kam dem Alfred heute abend wieder in den Sinn. Es war wahr, er
wußte etwas Rechtes vom Vergnügtsein! Und es stieg eine Sehnsucht in
ihm auf, nach was, das wußte er selbst noch nicht so recht. Es ist nur
gut, daß der liebe Gott besser weiß als die Menschenkinder, was ihnen
fehlt. Er hatte jetzt auch Tante Luise herübergeschickt, damit man
in dem reichen Hause erfahre, daß man ohne rechte Liebe und ohne die
Zufriedenheit, die tief im Herzen wohnen muß, arm ist bei aller Pracht
und Herrlichkeit.
* * * * *
Es war an einem stillen, dämmerigen Nachmittag. Draußen wirbelte
der Schnee in der Luft umher und legte sich dann leise und sachte
auf die Erde, wo schon eine dicke, weiche Decke davon lag. Drinnen
im Krankenzimmer saß Tante Luise an Erichs Bett, hatte den Arm um
den kleinen Buben geschlungen und plauderte mit ihm von allerlei,
was ihm schon lang am Herzen lag. So schön hätte sich Erich das
Kranksein gewiß nicht träumen lassen. Die schlimmsten Fiebertage
waren glücklich überstanden, davon wußte er nicht mehr viel, wußte
kaum noch, daß ein paar Nächte lang eine Diakonissin an seinem Bett
gewaltet und ihn gepflegt hatte. Das konnte er sich eher noch denken,
daß am Tag Fräulein Weiß und Tante Luise miteinander abgewechselt
hatten, und daß letztere ihn allemal wieder wie ein kleines Kind in
den Schlaf gesungen hatte. Aber jetzt, jetzt konnte es der Erich gar
nicht schöner begehren, als er's schon hatte. Denn er mußte zwar noch
ganz ruhig im Bett liegen, aber das wollte er ja gern tun, wenn er
dazu die allerbeste, liebste Gesellschaft hatte, die man sich denken
konnte. Denn Tante Luise hatte wirklich ihre schönen Vakanztage dazu
hergegeben, den kleinen Burschen zu verpflegen, der sie doch eigentlich
gar nichts anging, nur weil er sonst nicht viel Liebe um sich her
hatte.
[Illustration]
Jetzt saß sie an seinem Bett, und Erich hielt ihre Hand fest, so,
als wäre sie im Begriff, ihm gleich wieder zu entschlüpfen, und er
müßte es mit seiner schwachen Kraft verhindern. Tante Luise dachte
aber nicht ans Entschlüpfen. Sie hatte frische, rote Backen, denn sie
war eben erst von einem Ausgang heimgekommen. Da sie der Ansteckung
wegen nicht mehr zu ihren Angehörigen in das kleine Häuschen hinüber
durfte, so hatten sie alle zusammen sich im Freien getroffen, am Saum
eines kleinen Wäldchens in der Nähe der Stadt, wo die Kinder sich mit
Schneeballwerfen belustigten und die die Großen in einer Schutzhütte
miteinander plaudern konnten. »Und denk einmal, was wir für ein
Genesungsfest ausgemacht haben!« erzählte Tante Luise, nachdem sie das
alles berichtet hatte. »Weißt du, Alfred ist mein ganz guter Freund
geworden und mit Ella ist das auch auf dem besten Wege. Da haben wir
nun ein Fest geplant, zu dem wir alle Hartmannschen Kinder laden
wollen. Das halten wir im Saal. Alfred will seine Laterna magica
vorführen, so etwas haben die kleinen Buben noch nie gesehen. Und dann
singe ich den Struwelpeter und Alfred geigt dazu. Natürlich gibt es
dann auch etwas Gutes zu schnabulieren, und wir machen zusammen die
hübschesten Spiele, die uns nur einfallen. Und zum Schluß zünden wir
den Christbaum an. Denn das Christkind kommt dann erst noch zu dir. Es
hat ja nicht herein dürfen,« setzte sie lachend hinzu.
»Aber ~du~, Tante Luise, gelt?« sagte Erich vergnügt. Es war jetzt
alles und jedes ein Fest, und er wunderte sich kaum noch, daß Alfred
es nicht zu langweilig und zu gewöhnlich fand, den kleinen Buben vom
Nachbarhaus seine Herrlichkeiten vorzuführen.
Alfred hatte es ja nur nicht gewußt, wie man recht vergnügt sein könne.
Und Erich war froh, daß nun jemand da war, um es ihm zu zeigen.
Er hatte aber noch viel auf dem Herzen, was heute besprochen werden
mußte. So fing er sogleich wieder an:
»Wenn du nur immer dabliebest. Wenn du nur gar nie mehr in deine Schule
müßtest. Du glaubst nicht, wie es bei uns ist. Dann sitzt Alfred
mit seinem Buch am Tisch, und Ella gähnt hinter der Hand, weil sie
Französisch lernen soll, und ich soll immer still sein und manierlich.
Und Fräulein Weiß sagt dann jedesmal, wenn wir mit den Aufgaben fertig
sind: ›So verdrießliche Kinder sind mir noch nie vorgekommen, wie ihr
seid.‹« Tante Luise dachte einen Augenblick an die fröhliche Tafelrunde
bei ihren Verwandten. Sie wußte wohl, wo es fehlte, daß es in dem
reichen Hause niemals heiter zuging wie dort. Und sie konnte es nicht
gut ertragen, wenn Kinder nicht so vergnügt waren, wie sie eigentlich
sein konnten.
»Ja, da möchte ich freilich manchmal dabei sein,« sagte sie liebevoll.
»Da möchte ich schon hie und da nachsehen, wo das fehlt. Aber weißt
du, ich kann dir doch ein Mittelchen sagen, daß es nicht so unlustig
bleibt bei euch, wie seither. Fang du selbst einmal an, dir immer etwas
Schönes auszudenken, das nun anzufangen ist. Zum Beispiel, bis die
Eltern heimkommen; da kann man sich schon wieder besinnen, womit man
sie erfreuen will, daß sie merken, ihr habt an sie gedacht, solang sie
so herumreisen mußten mitten im Winter.«
Erich horchte auf. Denn der Gedanke war ihm neu, daß es die Eltern am
Ende freuen könne, wenn sie sähen, daß man an sie gedacht habe. Sie
kamen ihm beide gar nicht recht eigen vor, so wie den Hartmannskindern
Vater und Mutter. Und es dünkte ihn plötzlich ein Reichtum zu sein, daß
er das auch habe.
»Und,« fuhr Tante Luise fort, »Fräulein Weiß kann man auch zeigen,
daß es denn schon noch verdrießlichere Kinder gibt, als ihr seid.
Übernächste Woche ist ihr Geburtstag. Da soll ihr Alfred ein hübsches
Gedicht machen, und du kannst ihr ein auswendiggelerntes hersagen,
und ein bekränzter Kuchen müßte mir her an deiner Stelle und allerlei
kleine Geschenke. Das kann man alles so vergnüglich gestalten, daß
immer wieder ein Fest kommt, ehe man sich's versieht. Merk dir's nur,
man muß nur alle Leute lieb haben, die um einen herum sind, dann kann
es gar nie langweilig sein, weil einem dann immer etwas einfällt, das
man ihnen zu Gefallen tun kann.«
* * * * *
Es ist merkwürdig, aber es ist wahr: Ein liebevolles und fröhliches
Gemüt ist wie ein Zauberstäbchen. Wen man damit berührt, der wird
angesteckt. Und da Tante Luise allen Hausgenossen mit ihrem heiteren
Wesen nahegekommen war, so fingen auch alle an, ihr ein wenig
nachzustreben. Fräulein Weiß dachte immer: »Wenn ich auch so wäre, so
wären gewiß alle vergnügter und ich mit.« Und sie bat den lieben Gott,
sie auch so frisch und liebevoll zu machen. Und solche Bitten erhört er
gern.
Wenn aber alle zusammenhelfen, so muß man sich nur wundern, wie schnell
es anders wird im Haus.
Das Genesungsfest war gekommen. Die Frau Hofrat hatte gern erlaubt, daß
die Kinder des Nachbarhauses eingeladen wurden. Denn sie war sehr froh,
daß sie hörte, Erich habe die Krankheit so gut überstanden und Tante
Luise habe ihn so gut gepflegt. Sie hatte nun allmählich auch Heimweh
nach ihren Kindern. Fräulein Weiß hatte den sehr liebevollen Brief
vorgelesen und gesagt: »So, nun können wir uns jeden Tag freuen, bis
die Eltern kommen. Ich habe schon einen schönen Plan zum Empfang.« Denn
Fräulein Weiß wollte jetzt nicht mehr warten, ob sich die Kinder von
selbst freuten, sondern sie wollte ihnen den Weg dazu zeigen.
Nun war die Familie Hartmann da. Erich hatte schon lang mit
verlangendem Blick nach der Tür gesehen. Nicht nur wegen seines
Freundes Paul. Der hatte ihn schon einmal besucht und Alfred hatte
nachher gesagt: »Der Hartmann ist erst noch ganz nett. Man kann schon
etwas mit ihm anfangen.« Das war ein großes Zugeständnis. Aber heute
wartete Erich noch auf jemand anderes, der erst ganz zuletzt kam. Das
war die Mutter, die den Kleinen trug. Sie kam auch sogleich zu dem
bleichen Erich her und sagte liebreich: »Gottlob, daß du wieder so weit
bist. Und jetzt wollen wir uns recht freuen.« Auf diesen Augenblick
hatte Erich gewartet, denn er trug den Brief von seiner Mutter in der
Tasche und nun zeigte er ihn mit großem Stolz. Er hatte das Gefühl, als
ob ihn diese glücklichen Leute ein wenig bemitleideten. Und das war ja
nun nicht nötig, wenn doch seine Mutter auch Heimweh nach ihm hatte!
Jetzt war er erst recht imstand, das fröhliche Fest mitzugenießen.
Vergnügtere Menschen hatte der elegante Saal wohl noch nie gesehen,
soviele Gesellschaften schon darin gewesen waren. Heute kam die
Fröhlichkeit recht von Herzen. Ella schloß große Freundschaft mit
Mariele und sagte nur dazwischenhinein immer wieder: »O wenn ich nur
auch so ein herziges Brüderlein hätte, wie dein Fritz ist. Das wäre
mir dann schon noch lieber, als alle Puppen.« Und Mariele sagte ganz
verständig darauf: »Ja, alles kann man auch nicht haben, sagte meine
Mutter immer. Sonst fällt einem immer noch etwas ein und dann noch
etwas. Und dann ist man erst nicht zufrieden.« Die Mutter mußte vor
sich hin lachen, als sie dieses Zwiegespräch mit anhörte. Denn sie
wußte gut, daß ihr Töchterlein manchmal gern getauscht hätte. Und sie
wußte auch, daß alle großen und kleinen Leute von ihrem Vater im Himmel
das bekommen, was gut für sie ist, und daß alle erst nach und nach
lernen müssen, das allerbeste davon herauszufinden. Nämlich das, daß
sie ganz getrost und zufrieden sein können, weil er für sie sorgt und
sie lieb hat. Und die Leute, die das wissen, sind dann am reichsten von
allen.
* * * * *
Nun möchte man gern noch erzählen, daß Mariele von nun an ganz
zufrieden und fröhlich gewesen sei, trotz ihrer einfachen Kleider und
trotz den engen niedrigen Stuben und den vielen kleinen Geschwistern.
Und daß die reichen Kinder von jetzt an ihre rechte Freude und
Zufriedenheit darin gesucht hätten, einander Liebes und Gutes zu
erweisen. Daß das Familienleben des großen Hauses nun so warm und innig
geworden sei, wie das des kleinen.
Aber das geht nicht nur so.
Wenn ein Samenkörnlein anfängt zu treiben, so kommt zuerst ein zartes,
hellgrünes Keimlein aus dem Boden. Und wer Augen dafür hat, der kann
sich wohl daran freuen. Aber bis dann ein Halm hervorwächst und eine
Ähre treibt, und die Ähre reif wird, das dauert noch lange.
Und bei den Menschenkindern muß man auch warten, bis die Samenkörnlein
aufgehen und Liebe und Freude daraus hervorwachsen. Wer weiß, was aus
Erichs Krankheitszeit für fröhliche Saat aufwächst in den jungen und
alten Herzen? Das muß man jetzt erst abwarten.
Und wer weiß, was aus den schönen Liedern der Mutter und dem
liebevollen Wesen der beiden Eltern und dem fröhlichen Gesicht der
Tante Luise für ein Blumengärtlein treibt in dem kleinen Hause?
Vielleicht erfahren wir's noch.
Und einstweilen wollen wir unser eigenes Gärtlein pflegen. Denn wir
sind alle reicher, als wir wissen.
8. Gretels Ferientage.
Gretel stand im Hof hinter dem Haus, sah durch das Eisengitter in das
trübe Gäßchen, das da vorbeiführte, und war beschäftigt, ihr rotes
Zopfband immer wieder um den Finger und wieder herunterzuwickeln. Das
war keine besonders vergnügliche Beschäftigung, es konnte einen nicht
wundern, daß Gretel gar kein sehr heiteres Gesicht dazu machte. Sie
hätte gern etwas anderes getan, wenn sie etwas gewußt hätte. Aber das
war gerade das Traurige, daß ihr kein Mensch sagen konnte, was sie mit
ihrem Vormittag beginnen sollte. Gretel hatte Schulferien, heute war
der zweite Tag davon, und vier Wochen lang sollten sie dauern. Sie
hatte sich schon lange auf diese Zeit gefreut und immer ausgerechnet,
wie lang es noch sei, bis sie komme, und nun fing sie gar nicht schön
an. Alle Leute im Haus hatten ihre Beschäftigung. Der Vater ging gleich
nach dem Frühstück ins Kontor, Bruder Ernst gleichfalls; die Mutter
war fast den ganzen Tag im Laden, bediente die Kunden und regierte die
Ladenfräulein. Da hätte sich Gretel auch sehr gern aufgehalten, aber
das war ihr verboten. Es war so nett, zuzuhören, was die Leute sagten,
und zuzusehen, wie sie sich Stoffe vorlegen ließen, wie sie wählten und
kauften. »Aber das ist kein Aufenthalt für Kinder,« sagten die Eltern,
und dabei blieb es. In der Küche regierte die Christine. Es war alles
hell und glänzend sauber darin, nur schade, daß Christine so bärbeißig
war und für Gretels Wunsch, ihr manchmal ein bißchen Gesellschaft zu
leisten, immer die gleiche Rede hatte: »Kann keine Kinder unter den
Füßen herum haben, bin froh, wenn ich fertig werde.«
Dann war noch Lotte da, das Zimmermädchen. Die konnte ja nichts dagegen
haben, wenn Gretel im Zimmer war. Aber heute war sie böse. Gretel
hatte beim Aufräumen helfen wollen und dabei ein Glas vom Waschtisch
zerbrochen und Wasser auf den frisch gewichsten Boden verschüttet. Und
Lotte hatte gesagt: »Es gibt gewiß kein so unmüßiges, langweiliges
Kind mehr, wie du eins bist. Wenn man so viel schöne Bücher hat und
Spielsachen und so eine nette Häkelarbeit und es ist einem doch noch
langweilig!«
Nun stand Gretel da und seufzte. Sie hatte ein gutes Vesperbrot neben
sich liegen und ein neues Kleid an und ihre Backen waren rot und rund.
Und doch kam sie sich ein wenig beklagenswert vor. Sie hatte wohl auch
Freundinnen, aber die waren zum Teil verreist und zum Teil wohnten sie
in einem ganz andern Stadtteil; zum Spielen zusammen kommen konnte man
da nicht. Der Hausknecht ging vorbei, er hieß Frieder und war sonst
ein ganz guter Freund von Gretel. Heute brummte er: »Du hast gewiß die
große Papierschere verschleppt, Gretel. Man kann sie nirgends finden,
und nun soll ich sie verräumt haben.« Gretel hatte die Schere nicht
gehabt, und daß Frieder nun auch noch unfreundlich gegen sie war,
machte sie nicht vergnügter. Und sie dachte im stillen, es sei noch
lang nicht das Ärgste, in der dumpfen Schulstube zu sitzen. Dort wußte
man wenigstens den ganzen Tag, was anfangen.
Da hörte sie auf einmal ein lautes, klägliches Geschrei. Es kam aus dem
Gäßchen, das Gretel kaum je betrat, und in dem lauter alte, ärmliche
Häuser standen. Ein kleines Geschwisterpaar kam aus dem nächsten Haus
heraus. Es war ein Bube und ein Mädchen, und alle beide waren etwas
schmierig anzusehen. Das Mädchen konnte etwa sechs Jahre alt sein und
zog aus Leibeskräften das dreijährige Brüderlein hinter sich her, das
auf krummen Beinen mühsam daher wackelte. Oben herunter schallte aus
einem geöffneten Fenster eine scheltende Stimme: »Daß ihr mir nicht
mehr unter die Augen kommt, bis ich euch rufe! Es ist ein Elend mit
euch unnützen Dingern.«
Und dann fingen alle beide Kinder wieder an zu weinen und aufs
Geratewohl in das Gäßchen hineinzulaufen. Gretel mußte genau hinsehen.
Sonst hatte sie sich nie um die Bewohner des Gäßchens bekümmert;
vorne lag ihr Elternhaus an einem schönen, freien Platz, wo in gelben
Sandwegen unter grünen Büschen gut gekleidete Kinder spielten, und wo
hübsche Häuser standen, deren Bewohner ganz anders aussahen, als die
»Gäßlesleut«. Aber heute war das anders. Gretel wußte ja auch nicht
recht, wo sie hingehörte, da konnte sie mitfühlen. Sie drängte ihr
Gesicht dicht an das Gitter und fragte das Mädchen: »Warum weinet ihr
alle zwei?« Die Kinder blieben erstaunt stehen. Der Kleine rieb sich
mit beiden Fäusten die Tränen im Gesicht herum, und das Mädchen sagte:
»Weil wir immer auf d' Gaß sollen, und mein Fritzle hat so Hunger und
ich einen bösen Finger.« Das war viel Jammer auf einmal. Gretel vergaß
ganz, Mitleid mit sich zu haben. Sie streckte ihr Butterbrot durchs
Gitter hinaus. »Da,« sagte sie, »ich kann mir wieder eins holen. Wenn
ihr wollet, dann könnet ihr ein wenig in den Hof herein kommen. Der
Tyras tut euch nichts.« Der Tyras war ein großer Hofhund, der in seiner
Hütte an der Kette lag und verdächtig damit rasselte. Aber Gretel gab
ihm nur im Vorbeigehen einen kleinen Schlag auf den zottigen Kopf. »Sei
fein still,« sagte sie, »sonst haben die armen Kinder Angst.« Dann ging
sie und öffnete das Türchen. Merkwürdig, auf einmal kam es ihr wieder
in den Sinn, wie viel Gutes sie habe. Da war das kleine Gärtchen, das
an den Hof anstieß. Es war nicht sehr sonnig, und viel Blumen gab es
auch nicht darin. Aber es hatte eine Laube, und darin stand ein Tisch
mit einer Schublade voll alten Spielzeugs, das längst unbeachtet dalag.
Dorthin zog sie ihre Schützlinge. Fritz hatte längst seine Tränen
getrocknet und sah mit großen Augen auf die neue Herrlichkeit. Gretel
gab ihm einen Haufen farbiger Bauklötzchen und rückte ihm ein Kistchen
vor die Bank hin. »Da, nun baust du einen Turm,« sagte sie. »Vorher
kannst du noch das Butterbrot essen.« Das ließ sich der kleine Bursche
nicht zweimal sagen. Das Mädchen hieß Sofie. Es sah fröhlich zu, wie
der Kleine in sein Brot einbiß und wickelte daneben die Schürze um den
entzündeten Finger.
Gretel kam sich wie ein Mütterlein vor. »Bleibt einmal ruhig sitzen,«
sagte sie. »Lotte hat eine gute Salbe, und ich will dir den Finger
verbinden. Dann hole ich einen ganzen Pack farbige Flecke, und wir
machen miteinander ein Kleid für meine Ida.« Letzteres war eine alte
Puppe, die auch in der Schublade des Gartentisches lag und allerdings
ein neues Kleid nötig hatte.
Sofie kam sich vor wie im Traum. Sie ging noch nicht in die Schule,
und es war jeden Tag ihre Pflicht, das Brüderlein zu hüten, und
gezankt wurde sie auch jeden Tag. Die Mutter nähte Handschuhe für eine
Fabrik, und der Vater war auch in einer Fabrik, und eigentlich sollten
die Kinder nur zum Essen und Schlafen heimkommen. Da saßen sie denn
meistens miteinander auf einer Hausstaffel und sahen zu, was sich auf
der Straße ereignete, und das war nicht gerade viel. Und jetzt saßen
sie in dem Gärtchen, das ihnen wunderschön vorkam, und das Mädchen in
dem schönen blauen Kleid spielte mit ihnen, und man wußte gar nicht,
was nun alles noch kommen würde.
Für einmal begann nun ein fröhliches Spiel der drei miteinander.
Fritzchens trübseliges Gesicht leuchtete hell auf, als ihm Gretel
einen hohen Turm bauen half, den er dann mit glatten Kieselsteinen
wieder einstürzen durfte. Und Sofie drückte die Puppe Ida so zärtlich
an sich, daß Gretel großmütig sagte: »Du kannst sie behalten, ich
habe noch viele.« Das neue Kleid war etwas mangelhaft geraten, man
mußte es hinten künstlich zusammenbinden, daß es hielt, aber dem armen
Kinde dünkte es ein Prachtstück zu sein. »Ja ganz behalten und mit
heimnehmen?« fragte Sofie zaghaft. »Ja, freilich.« Gretel mußte ein
wenig lachen. »Und heute Nachmittag kommet ihr wieder und alle Tage, so
lang ich Vakanz habe.«
Da ertönte im Haus die Essensglocke, Gretel mußte hinein, und aus
dem hochgelegenen Fenster des trübseligen Hauses, in dem die Kinder
wohnten, rief eine Männerstimme: »Wo steckt ihr nur auch? Flugs zum
Essen!«
Man konnte es kaum glauben, daß der Vormittag schon vergangen sei, der
so trüb und langweilig begonnen hatte. Die armen Kinder waren noch
nicht leicht so vergnügt ihre Treppen hinaufgestolpert wie heute, und
sie hatten immer noch etwas zu erzählen und dann noch etwas, als sie
dann mit Vater und Mutter am Tisch saßen. Die Mutter hatte das kleinste
Brüderlein aus dem Wagen genommen. Sie sah auch ein wenig aufgeheitert
aus, denn sie hatte heute vormittag so ungestört arbeiten können, wie
schon lang nicht mehr. Der Kleine hatte geschlafen, und die beiden
größeren Kinder hatten sich auch nicht blicken lassen. Und daß diese
jetzt so vergnügt heimkamen, freute die Mutter auch. Sie wollte ja
nicht böse sein und hatte ihre Kinder auch lieb, aber sie mußte helfen,
Geld zu verdienen, da wußte sie oft nicht recht, wo anfangen, und schob
dann die Kinder aus dem Weg, wo sie nur konnte.
»Und heut nachmittag dürfen wir wieder kommen und alle Tage,« schloß
Sofie ihren Bericht, und Fritz fügte hinzu: »Ja und ein Gesälzbrot
kriegen wir; die Gretel hat's gesagt.«
Daheim hatte man sich nicht wenig gewundert, als Gretel so vergnügt
zum Essen kam. Sie hatte den ganzen langen Vormittag niemand belästigt
und keinerlei Unfug angestiftet, und nun erklärte sie, daß sie auch
am Nachmittag so viel zu tun habe, daß sie kaum wisse, wo beginnen.
Die Mutter sah erfreut auf ihr Töchterlein. Sie war selbst so viel in
Anspruch genommen, und es bedrückte sie oft, daß sie sich nicht mehr
um Gretel annehmen konnte, und über diese Vakanzzeit hatte sie sich
schon viele Gedanken gemacht. Jetzt sagte sie liebreich: »Das ist
recht, Gretel, daß du so ein nettes Amt gefunden hast. Ich komme dann
einmal zu euch hinaus und sehe nach, was das für Kinder sind und was
ihr treibet. Und an einem Vesperbrot soll's auch nicht fehlen.« Das war
der erste schöne Tag, und ihm folgten noch viele. Gretel hat niemand
mehr langweilig und verdrießlich gesehen. Denn früh am Morgen mußten
die Aufgaben gemacht werden, darauf hielt die Mutter streng. Und dann
ließ sich Gretel mit großer Bereitwilligkeit zum Bäcker und Metzger
schicken, denn es lag ihr daran, die mächtige Christine gut zu stimmen;
es gab so oft etwas Gutes, das sie gern ihren Schützlingen bringen
wollte.
Diese standen, wenn Gretel hinunterkam, allemal schon wartend am
Gitterpförtchen, jetzt immer mit glänzend sauberen Gesichtern und
reinen Schürzen, und dann ging das Freudenleben immer wieder von neuem
an. Das einjährige Brüderlein war jetzt auch oft dabei. Sofie hatte es
eines Tages auf dem Arm gehabt und zaghaft gefragt: »Dürfen wir mit
dem Kleinen auch noch herein? Ich muß ihn jetzt auch hüten!« Sie hatte
nicht begreifen können, daß Gretel in hellen Jubel ausgebrochen war.
Ihr kam es nie so besonders nett vor, den schweren Paul zu schleppen,
und sonst wußte sie nichts mit ihm anzufangen. Gretel hatte sich aber
schon lang ein kleines Brüderlein gewünscht, und nun trug sie in lauter
Freude den kleinen Buben ins Gärtchen, spielte mit ihm am Sandhaufen,
ließ sich die Haare von ihm zausen und erfand immer wieder neue
Belustigungen. Sofie hatte nur zu staunen. So unterhaltend war ihr das
Brüderlein noch nie vorgekommen. »Mutter,« sagte sie eines Tages beim
Heimkommen, »die Gretel sagt, Paul sei das nettste Kindlein, das es
geben könne, sie möchte es nur ganz behalten.« »Das glaube ich,« sagte
die Mutter, »daß sie das möchte.« Sie nahm den Kleinen auf den Schoß
und zog eins seiner blonden Löckchen über den Finger: »Aber wir geben's
nicht her, gelt?«
Die Mutter war überhaupt viel vergnügter seit einiger Zeit. Sofie
fürchtete sich gar nicht mehr vor dem Heimkommen. Sie wußte nicht,
daß die Mutter oft dachte, wenn andere Leute so eine Freude an ihren
Kindern haben, so könne sie es wohl auch, denn ihr gehören sie ja doch
zuerst. Und der Vater sah auch heiterer aus, wenn er heimkam, und
jedes etwas Vergnügliches zu erzählen wußte, und die Kinder so sauber
aussahen, und die Stube aufgeräumt war. --