Alfred war der Älteste von den drei Kindern. Er war schon zwölf Jahre

alt und ein sehr strebsamer Schüler, den man nie zum Lernen zwingen

mußte, wie Ella und Erich, die alle beide nicht viel Geschmack daran

fanden. Erich mochte sich am allerliebsten im Stall bei den Pferden

aufhalten oder auch mit andern Kindern seines Alters auf der Straße

spielen. Daß er beides nicht sollte, ärgerte ihn fortwährend und so

war er selten vergnügt zu sehen. Ella war immer ein wenig bleich und

mager und erkältete sich sehr leicht, so daß sie dann öfters die

Schule versäumen mußte. Deshalb hatte sie nun seit einiger Zeit eine

eigene Erzieherin, die ihr im Haus Stunden gab, mit ihr im Wagen oder

Schlitten ausfuhr und auch die Brüder beaufsichtigte.

Denn die Mama hatte nur sehr selten Zeit, nach den Kindern zu sehen.

Sie mußte immer sehr viele Besuche machen und es kamen auch so oft

Gäste ins Haus und blieben noch da, wenn die Kinder längst schliefen.

Da war dann die Mama morgens meist sehr müde und mußte Ruhe haben und

so kam es, daß die Kinder fast immer mit Fräulein Weiß zusammen waren.

Das heißt, die Brüder gingen ja in die Schule, aber wenn sie dann nach

Hause kamen, so saßen alle drei zusammen im Lernzimmer und machten ihre

Aufgaben und nachher konnten sie sich mit den vielen schönen Büchern

und Spielsachen vergnügen, die in den hohen Schränken hinter grünen

Vorhängen bereit waren. Es war auch ein hübscher Garten hinten am Haus,

mit schön gepflegten Blumenbeeten und einem Springbrunnen. Er zog

aber die Kinder nicht so sehr an, weil da nicht viel Gelegenheit zum

Spielen und Lustigsein war. Nur Alfred setzte sich manchmal mit seinen

Büchern in die Rosenlaube, da konnte er ganz ungestört lernen. Jetzt,

im Winter, konnte man das freilich nicht tun und Alfred hatte an diesem

Abend schon mehrmals Fräulein Weiß zu Hilfe holen müssen, weil es ihn

störte, wenn Erich und Ella neben ihm laut sprachen und sich auf ihre

Weise vergnügten. So war die Gesellschaft an dem kleinen Tischchen im

Speisezimmer nicht so vergnügt, als man hätte denken können. Und als

Fräulein Weiß wieder kam, um mitzuteilen, daß es nun Schlafenszeit

sei, dachte sie bei sich selbst, sie möchte wohl wissen, was man noch

anfangen müsse, um diese verdrossenen Gesichter hell und fröhlich zu

machen.

Fräulein Weiß liebte die Kinder so auf ihre Art, sie wußte es nur nicht

recht zu zeigen und dachte, wenn man, wie diese Kinder, alles um sich

her habe, was man sich nur Erfreuliches denken könne, so müsse man auch

vergnügt und befriedigt sein, oder es sei dann nicht zu helfen.

Sie zündete jetzt den Brüdern das Licht in ihrem Schlafzimmer an, gab

Ella ein schmerzstillendes Mittel gegen das Zahnweh und zog sich dann

auch zurück.

»Du, Alfred,« fing Erich an, als er mit einem großen Sprung sein Bett

eingenommen hatte, »ich gehe nicht mehr hinunter, wenn so was ist wie

heute. Es ist schauderhaft langweilig!«

»Bei dir ist alles schauderhaft langweilig, was ein wenig fein ist,«

sagte Alfred weise. Er mochte sehr gern belehrend mit den jungen

Geschwistern sprechen.

»O, dir war's auch langweilig, du sagst's nur nicht,« beharrte Erich.

»Der Ella auch. Es ist zwar fast alles langweilig; ich möchte am

liebsten Pferdebahnkutscher sein oder dann Seemann. Eins von beiden.«

»Das sieht dir ähnlich,« sagte Alfred etwas verächtlich. »Natürlich,

wenn man zweitletzt ist in der Klasse und außerdem der reinste

Gassenbub. Will der Paul Hartmann auch Kutscher werden? Mit dem hast du

ja so eine große Freundschaft.«

Erich war zuerst ein wenig zornig aufgefahren, als Alfred so von oben

herunter sprach. Aber als dieser dann den Nachbarsohn nannte, wurde er

auf einmal wieder ruhig und lachte wohlgefällig. »Ja der,« sagte er,

»der und Kutscher! Der ist anders gescheit! So viel kann fast keiner

in der ganzen Klasse, wie der Hartmann. Schon zweimal hat er ein

Prämium gekriegt. Und erst noch ein ganz netter Kerl ist's, gar kein

Tugendbold!«

Das letzte sollte auf Alfred gemünzt sein, der sich immer sehr

vollkommen vorkam.

Dieser tat aber gar nicht, als ob er es merke, sondern zog sich ruhig

vollends aus und suchte ebenfalls sein Lager auf.

Erich war aber noch nicht gesonnen, sich zum Schlafen hinzulegen. »Du,

Alfred,« begann er nochmals, »bei Hartmanns ist's erst noch nett! Du

kannst's glauben! Die Buben haben in ihrem Hof so eine nette Mühle,

die man von der Wasserleitung treiben lassen kann. Ihr Vater hat ihnen

daran geholfen. Und abends und Sonntags machen sie alle zusammen

Spiele. Es ist ihnen nie langweilig.« »Mir auch nicht,« bemerkte

Alfred. »Ja, aber weißt du,« fuhr Erich unbeirrt fort, »Papa kann ja

natürlich nicht ›Schwarzer Peter‹ spielen und so Sachen, Mama auch

nicht, das könnte ich mir nicht denken. Aber nett ist das doch, ich

wollte, es wäre bei uns auch so.«

»Sag's zu Fräulein Weiß, sie soll mit dir spielen,« schlug Alfred vor.

»Die muß, wenn wir wollen, ich glaube schon, daß sie Domino kann und so

etwas.«

Erich sah groß auf. »Sie habe ich nicht gemeint,« sagte er dann

und drehte sich gegen die Wand. Er hätte gern noch etwas anderes

erzählt. Die Buben drüben konnten jederzeit zu ihrer Mutter gelangen

und ihr alle Schulgeschichten und alles, was sie wollten, erzählen.

Und sie nahm an allem Anteil, so wichtig, als ob sie selbst noch mit

Steinnüssen spielen und in der Schule hinauf- oder hinunterkommen

könnte. Aber Erich wollte es nun doch nicht sagen. Er schloß nur die

Augen und fing an, sich auszudenken -- was, wußte er am andern Morgen

selbst nicht mehr.

* * * * *

Fräulein Weiß ging rastlos durch das ganze Haus. Treppauf, treppab,

so oft, daß man es gar nicht zählen konnte. Sie trug ganze Lasten

von Kleidern und Wäsche zusammen, alle in ein Zimmer zu ebener Erde,

wo große Koffer standen, die gepackt werden sollten. Minna, das

Stubenmädchen, saß am Fenster und stichelte eifrig drauf los, und

die Frau Hofrätin saß in einem blauen Morgenrock auf einem niedrigen

Stühlchen und überwachte alle Arbeiten, die in diesem Zimmer vor sich

gingen. Heinrich, der Diener, schloß soeben einen gepackten Koffer

und Fräulein Weiß sagte aufatmend: »So, ich denke, nun ist hier alles

beisammen, Minna und Sie können ebenfalls anfangen zu packen.«

Es war nicht das Amt von Fräulein Weiß, all die vielen Sachen, die

man zu einer Reise braucht, aus Kisten und Kasten zusammenzutragen.

Aber die Sache hatte Eile, da mußte sich jedes beteiligen. Denn der

Herr Hofrat hatte eine Reise nach Italien zu machen, zum Teil in

Geschäften. Und nun hatte er sich auf einmal entschlossen, diese

Reise nicht, wie er anfangs wollte, in wenigen Tagen auszuführen und

dann wieder heimzukehren, sondern er wollte nun etwa fünf bis sechs

Wochen fortbleiben und seine Frau sollte ihn begleiten. Für diese

lange Zeit war nun vieles erforderlich, und der Frau Hofrätin fiel

immer noch anderes ein, was man mitnehmen mußte. Dazwischen hatte sie

noch viele Vorschriften zu geben für die Zeit ihrer Abwesenheit, und

Fräulein Weiß, die das ganze Haus überwachen sollte, hatte gewiß schon

fünfzigmal gesagt: »Jawohl, Frau Hofrat, das soll genau so geschehen,

wie Sie wünschen!« Sie wußte nächstens selber nicht mehr, was sie alles

versprochen hatte.

Oben im Lernzimmer war großer Aufruhr. Der Papa hatte die wichtige

Neuigkeit erst vorhin verkündigt und heute Nacht schon wollten die

Eltern abreisen. Jetzt waren die drei Geschwister allein. »Und gerade

noch über Weihnachten bleiben sie fort,« sagte Ella kläglich, und Erich

fügte hinzu: »Ja und dann wird man sehen, wie langweilig es bei uns

ist. Ich wollte nur --« Das übrige verschluckte er, denn die Mama trat

ein.

»O, o Mama,« rief ihr Ella entgegen, »warum sollen wir ganz allein mit

Fräulein Weiß bleiben? Das ist schrecklich!«

Und Alfred sah von seiner Zeichnung auf und sagte: »Weshalb soll ich

nicht mitkommen? Papa hat mir schon lang eine Reise versprochen. Sag

doch, daß ich mitdarf!«

»Du bist nicht klug, mein Junge,« sagte die Mama. »Wir reisen soviel

hin und her, da können wir dich gewiß nicht gebrauchen.«

»Wir werden selbst sehr froh sein, wenn wir glücklich zurück sind.

Und auf Weihnachten kommt eine große Kiste an mit schönen Sachen. Ihr

werdet sehen, was das für eine Lust sein wird, sie auszupacken.«

Diese Aussicht beschwichtigte die aufgeregten Gemüter wieder etwas.

Man konnte sich so herrliche Dinge wünschen, die in der Kiste ankommen

sollten, und die Mama versprach, sich alles zu merken.

* * * * *

Es war noch drei Tage bis Weihnachten. Draußen wirbelten die

Schneeflocken so lustig in der Luft herum, als ob eine zur andern sagen

wollte: »Freust du dich?« und die zweite zur dritten: »Wie magst du nur

fragen?«

Wenn es aber auch selbstverständlich ist, daß man sich freut, so ist es

einem doch manchmal eine Erleichterung, wenn man so fragen kann. Denn

die freudige Erwartung läßt sich eher aushalten, wenn man sich immer

wieder versichert, daß es anderen Leuten ganz gleich geht, wie einem

selbst.

Es war also nicht zu verwundern, daß die Hartmannschen Kinder in diesen

Tagen immer wieder die gleiche Frage aneinander stellten. Jetzt eben

ging es sehr festlich her im Hause. Der Laden war eben geschlossen

worden und der Webstuhl rasselte auch nicht mehr, aber der Vater war

doch noch in der Werkstatt, und die Mutter hatte ihm soeben mit ganz

geheimnisvollem Lächeln heißen Leim in einem Pfännchen hineingetragen.

Natürlich durfte ihr keines der Kinder dorthin folgen, denn der Vater

hatte mit dem Christkindchen Geheimnisvolles zu schaffen. Es war aber

auch ohnehin jedes emsig beschäftigt. Denn heute wurden Springerlein

gebacken und das konnte nur geschehen, wenn alle Kinder mithalfen,

die Teigschüssel beim Rühren hielten, den Anis auslasen und zuletzt,

aber das war nur den drei Großen gestattet, mit kleinen Teigstückchen

wunderbare Gebilde aus den tiefen Mödeln hervorbrachten.

Dieses Werk ging in der Küche vor sich, und Tante Luise führte hier

den Vorsitz. Tante Luise war die Schwester des Vaters und war heute

angekommen, um über die ganzen Feiertage, bis nach dem Neujahrsfest

dazubleiben. Ihr Dasein erhöhte die Festfreude sehr, denn man konnte

sich keine heiterere Gefährtin bei allen Spielen denken, als sie war,

und mit niemand, als natürlich mit der Mutter, konnte man so eingehend

beraten, wie es dieses Jahr werden würde.

Tante Luise war Lehrerin an einer Dorfschule, und nicht mehr jung. Sie

hatte schon zu beiden Seiten der Stirne ein wenig graues Haar und mußte

eine Brille tragen. Aber es fiel keinem Menschen ein, zu denken, sie

passe nicht mehr recht zum Spielen und Geschichtenerzählen; behüte, sie

war die allervergnügteste von allen, und sie wußte auch verdrießliche

Leute damit anzustecken.

Heute war außer ihren eigenen Neffen und Nichten noch ein

Festteilnehmer bei dem wichtigen Werk anwesend. Erich, der

Nachbarssohn, hatte sich's flehentlich von Fräulein Weiß erbeten, bis

zum Abendessen hier bleiben zu dürfen.

Man hatte in dem reichen Hause schon große Massen von feinem Konfekt

gebacken, Erich wußte es. Aber das ging in der Küche vor sich, die im

Erdgeschoß lag, und dorthin zog es die Kinder nie, denn da waren sie

nur im Wege.

Hier aber, bei Hartmanns, gestaltete sich alles zu einem Fest, und

Erich fühlte sich nie wohler als in den niedrigen Räumen unter der

vergnügten Schar.

»Gelt, Tante, man muß noch dreimal schlafen, bis es Christtag ist?«

fragte der vierjährige Ludwig zum soundsovieltenmal. »Wenn ich nur

gewiß wüßte, ob ich eine Farbenschachtel bekomme,« seufzte Eugen und

hüpfte vor Ungeduld von einem Fuß auf den andern. »O Tantele,« rief

Mariele und schlang von hinten her den Arm um die Tante, »ist das nicht

herrlich? ich bin mit allen Arbeiten fertig und,« flüsterte sie ihr ins

Ohr, »ich habe für alle etwas, sogar für der Huberin ihr krankes Kind

und für die Knorpsbuben!« Das Flüstern war etwas deutlich gewesen, Paul

kam von der andern Seite heran und konnte desgleichen versichern, daß

er das ganze Haus und noch darüber hinaus zu bedenken habe.

»Ei seht, was wir für reiche Leute sind,« sagte die Tante

wohlgefällig, und alle Kinder lachten. Denn das war ihnen ein ganz

neuer Gedanke, daß sie reich sein sollten.

[Illustration]

»Es ist mir ernst damit,« fuhr die Tante fort und sah ganz ernsthaft

aus. »Wenn man hat, was man braucht, und sogar noch etwas zu

verschenken, so ist man reich.«

»Ja, aber es sind nur angemalte Papiersoldaten und gestrickte

Pulswärmer und so Sachen,« sagten die Kinder ein wenig zaghaft, »reiche

Leute schenken Geld her und ganze Körbe voll guter Sachen, es ist erst

so eine Geschichte im ›Jugendfreund‹ gestanden.«

Aber die Tante wußte herrlich zu trösten und nach und nach alle zu

überzeugen, daß es eigentlich gar nicht so sehr darauf ankomme, ob man

viel oder wenig herzugeben habe.

»Wenn man nur spürt, daß es aus Liebe geschieht,« sagte sie, »das ist

die Hauptsache.« Und damit mußte für heute die Sache erledigt sein,

denn jetzt war das letzte Springerlein aufs Brett gesetzt, und es war

hohe Zeit, daß die kleine Schar ihr Abendessen bekam und ins Bett

geschafft wurde.

Erich mußte nun auch nach Hause. Er konnte sich fast nicht trennen und

zögerte immer noch ein wenig. Das fiel der Tante auf; es war ihr schon

den ganzen Abend aufgefallen, daß er so still unter der lebhaften Schar

gewesen war.

»Wenn du willst, kannst du morgen wiederkommen,« sagte sie freundlich.

»Du kannst uns helfen, silberne und farbige Sterne und Körbchen an

unser Verschenkbäumchen zu machen.«

Erich nickte glücklich und reichte der Tante die Hand, da bog sich

diese plötzlich zu dem kleinen Buben herunter und küßte ihn auf die

Stirne. »Grüße Fräulein Weiß, ich kenne sie gut,« sagte sie zum

Abschied. »Und nun geh und freue dich auf das Christfest, ich komme

dann einmal hinüber und sehe mir an, was dir das Christkind gebracht

hat.«

* * * * *

Das Christfest war gekommen und alles war so schön gewesen, wie nur

einmal. Es war ans Tageslicht, oder vielmehr ans Christbaumlicht

gekommen, was der Vater so geheimnisvoll in der Werkstatt geschafft

hatte. Eine solch schöne Krippe mit einer ganzen Landschaft drum herum

hatte noch keines der Kinder gesehen. Da war der Stall, ganz aus Rinde

erbaut, mit einer Futterraufe für die Ochsen und Esel, und unter der

Tür saß Maria und sah mit Joseph dem Jesuskindlein in dem heiligen

Kripplein zu. Dann führte ein Weg über steinerne Felsen zu einem Moos-

und Rasenplatz, wo die Schäflein weideten und Schäfer die Schalmei

bliesen, und über einen kleinen See führte ein zierliches Brücklein,

dem schritten von weitem her die Weisen aus dem Morgenlande zu. Und

über dem Ganzen schwebte von der Decke herunter ein golden glänzender

Stern, der funkelte im Christbaumlicht so hell wie die Augen der

Kinder. Heute dachte niemand mehr daran, daß es vielleicht anderswo

reichere Gaben und größere Pracht gebe. O nein, es konnte nirgends,

nirgends schöner sein als hier. Und nichts war erfreulicher, als die

neuen Mützen und Hosenträger der Buben und die rosafarbigen Schürzchen

der Mädchen. Nur einmal, als man sich zum Gesang um den Vater mit der

Flöte sammelte, zupfte Paul seinen Bruder Eugen am Ärmel. »Du, jetzt

ist der Erich doch nicht gekommen. Er hat's doch versprochen.« Und

Eugen gab zurück: »Vielleicht ist jetzt gerade die italienische Kiste

angekommen, da wird er den ganzen Abend auszupacken haben.« Denn in den

Gedanken der Kinder war die Kiste immer größer geworden, und stellten

sie sich dieselbe ungefähr so groß wie ein Schilderhaus vor.

* * * * *

Es war aber nicht die Kiste, die den Erich abgehalten hatte, zur

Bescherung zu kommen. Als im Hartmannschen Hause der Christbaum brannte

und alle in Liebe und Freude vereinigt waren, lag er im matt erhellten

Zimmer zu Bett, und Minna, das Stubenmädchen, machte ihm Umschläge um

die fieberheiße Stirne. Eben war der Arzt dagewesen, hatte den Kranken

untersucht und gesagt: »Es wird wohl Scharlachfieber geben oder so

etwas. Natürlich darf keines von den andern Kindern ins Zimmer.« Das

war nun ein trauriger Heiligabend! Man hatte die Kiste, die richtig

angekommen war, in den Saal getragen und den Kronleuchter angezündet.

Der Christbaum stand schön geputzt auf dem Boden und reichte bis zur

Decke. Aber es mochte ihn niemand anzünden. Alfred und Ella saßen

am Boden vor der geöffneten Kiste, die allerdings sehr viel Schönes

enthielt. Aber es war keine rechte Freude, das alles auszupacken, wenn

Erich krank zu Bette lag, Fräulein Weiß sorgenvoll und bekümmert

umherging und die Eltern in weiter Ferne waren. Für Ella war ein

prachtvoller Anzug eines italienischen Bauernmädchens angekommen,

alles in Samt und Seide und mit goldenen Behängen. Alfred bekam eine

wertvolle Muschelsammlung, ein schönes Buch mit vielen Bildern und

noch allerlei. Und dazwischen duftete es in allen Ecken nach Veilchen

und Rosen, die zwischen den Gaben lagen, und der Boden der Kiste war

ganz mit Orangen und Datteln ausgelegt. Mit fröhlichen Gefährten und

in glücklicher Stimmung hätte es ein Genuß sein müssen, die Kiste

auszupacken, und ich wüßte manchen, der da gern mitgetan hätte. Aber es

fehlte den reichen Kindern beides. Fräulein Weiß hatte Erichs Anteil an

den Geschenken auf die Seite getan und zu Alfred und Ella gesagt: »So,

nun freut euch an den schönen Sachen; es gibt nicht viele Kinder, die

so reich beschenkt werden.« Aber damit hatte sie den Kindern noch nicht

gezeigt, wie sie es machen sollten, sich zu freuen. Und von selbst

wußten sie es nicht recht.

Man konnte es nicht anders verlangen von Fräulein Weiß. Sie war

wirklich in schwerer Sorge wegen des kranken Erich und wußte nicht,

ob sie den Eltern von der Sache schreiben sollte oder nicht. Dazu

kam noch die Frage, wer den Kranken pflegen solle. Denn sich selbst

ganz abzusondern vom Haus und den größeren Kindern, das erschien ihr

unausführbar. Und dann hatte sie selbst auch noch nie Scharlachfieber

gehabt und fürchtete sich ein wenig vor der Ansteckung.

Da konnte sie denn nicht auch noch eine aufheiternde Gefährtin sein.

Den Dienstboten bescherte sie die für sie bestimmten Geschenke ohne

rechte Festfeier im Saal; dann sah sie ab und zu in das Zimmer hinein,

wo der kranke Erich lag, zog sich aber jedesmal wieder rasch zurück,

denn da besorgte für jetzt noch Minna das Nötige. Morgen mußte eine

Pflegerin her, das hatte sich Fräulein Weiß schon ausgedacht.

Alfred und Ella standen ein wenig verdrossen vor ihren prächtigen

Sachen und hatten auch nicht recht Lust, all die Süßigkeiten zu

versuchen, die in silbernen Körbchen auf dem Tisch standen. Sie hatten

beide Heimweh, ohne daß sie es recht wußten.

Da wurde auf dem Vorplatz eine freundliche Stimme hörbar. »Wo habt

ihr denn das arme Büblein?« fragte Tante Luise, die vom Nachbarhaus

herübergekommen war, als sie durch eins der Dienstmädchen von Erichs

Krankheit gehört hatte. Tante Luise war von früher her gut bekannt

mit Fräulein Weiß. Nun wollte sie ihr ein wenig beistehen in dieser

Sorgenzeit.

Ella öffnete neugierig die Türe und sah etwas erstaunt auf das fremde

Fräulein. Aber Tante Luise war nicht so verlegen, wie ihre kleinen

Neffen und Nichten den reichen Kindern gegenüber waren. Sie sah

sogleich, um wieviel reicher und glücklicher die Kinder des kleinen

Häuschens drüben waren, als die Kinder des reichen Hauses, die heute

am Heiligabend allein und freudlos unter dem funkelnden Kronleuchter

standen trotz der schönen Geschenke. Und in Tante Luisens Herzen wallte

ein großes Mitleid auf.

»Darf ich zuerst ein bißchen zu euch hereinkommen?« sagte sie

freundlich und trat in den Saal. »Habt ihr die Christbaumlichter schon

wieder ausgelöscht?« fragte sie erstaunt. »Ach nein, was seh' ich, die

haben ja noch gar nicht gebrannt!« fuhr sie lebhaft fort. »Das müssen

wir noch nachholen. Ich glaub's wohl, daß niemand dazu Zeit hatte,

und auch keine Lust. Aber so traurig wollen wir doch nicht sein am

Heiligabend. Christtag ist's doch, wenn auch der arme Erich krank ist.

Der liebe Gott macht ihn hoffentlich bald wieder gesund. Ich will

ihn helfen pflegen. Und jetzt singen wir zuerst ein Weihnachtslied,

das könnt ihr doch?« Während sie das sagte, hatte Tante Luise schon

angefangen, an dem hohen Baum die Lichter anzustecken. Nun brannten

sie hell und licht, wie das ja alle Christbaumlichter tun, und Tante

Luise sah sich fragend um: »Wollt ihr nicht auch den Diener heraufrufen

und den Kutscher und vielleicht die Köchin? Die würden gewiß auch

gern mitsingen.« »O ja, das würden wir gern,« sagte hier auf einmal

Franz, der Diener, der sich gerade am Ofen zu schaffen gemacht hatte.

Und er ging schnell, die anderen zu holen. Das war jetzt doch auch

noch ein fröhlicher Kreis, der sich um das Klavier sammelte, und es

klang feierlich in die Nacht hinaus: »Halleluja, denn uns ist heut ein

göttlich Kind geboren.« Fräulein Weiß hatte sich auch eingefunden. Und

wenn sie auch einen Augenblick dachte, daß das eigentlich ihre Sache

gewesen wäre, so fühlte sie sich doch ein wenig erleichtert. Alfred und

Ella wußten nicht recht, wie ihnen geschah. Zuerst hatten sie gedacht,

Tante Luise sehe etwas einfach aus, lange nicht so elegant wie Fräulein

Weiß oder gar die Mama. Aber es tat ihnen doch wohl, daß sie so frisch

und lebendig da hereinkam und für eine richtige Christfeier sorgte, so,

als ob sie schon lange im Hause sei. Jetzt kamen ihnen auch die Gaben

der Eltern wieder begehrenswert vor, da Tante Luise sie so aufrichtig

bewunderte. Zwar wunderte es Ella ein wenig, daß diese so viel

Aufhebens von einem goldgerahmten Bildchen, Maria mit dem Jesuskind auf

dem Schoß darstellend, machte. Der Anzug war doch gewiß viel kostbarer.

Aber das schien Tante Luise gar nicht zu bedenken. »Das Bildchen hängen

wir nachher über deinem Bett auf, Ella,« sagte sie. »Dann kannst du

dich immer daran freuen. Und auf einmal ist dann die Zeit da, wo deine

Mutter wiederkommt, und dann kannst du es gerade so machen wie das

Jesuskindlein auf dem Bilde. Wenn du auch ein bißchen groß bist für ein

Schoßkindchen,« fügte sie lächelnd hinzu.

Ella schüttelte leise den Kopf. Das war doch wieder ein bißchen anders

bei ihnen. Was wohl Mama gesagt hätte, wenn sie begehrt hätte, auf

ihren Schoß zu sitzen? Aber das wußte ja Tante Luise nicht so genau.

Sie kannte wohl nur das trauliche Familienleben in dem kleinen Häuschen

drüben, wo die Mutter immer für alle zu haben war und sonst gar keine

Pflichten hatte, als nur für ihre Lieben zu sorgen.

Alfred hatte den Gesang mit seiner Violine begleitet. Jetzt sagte er:

»Wenn Sie mich begleiten würden, würde ich gern noch ein Weihnachtslied

spielen. Ich kann schon manches.«

Es war ihm kaum schon einmal so erfreulich gewesen wie heute, daß

er ein wenig Musik machen konnte. Denn in Gesellschaft durfte er ja

noch nicht spielen, dazu hatte er noch nicht genug gelernt. Und im

Lernzimmer oben waren nur die Geschwister und etwa Fräulein Weiß, und

keins von ihnen hatte eine rechte Freude an seinem Spiel. Heute aber,

wo er etwas zur Erhöhung der Festfreude beitragen konnte, machte ihn

das stolz und glücklich. »So,« sagte Tante Luise, als der letzte Ton

des Liedes »Stille Nacht, heilige Nacht« verklungen war, »nun will

ich zu Erich gehen. Ich denke, ich bleibe die Nacht bei ihm. Seine

Bescherung können wir erst später halten. Das könnt ihr beiden nun euch

recht hübsch ausdenken.«

Das war nun alles völlig neu, sowohl für die Kinder als für Fräulein

Weiß. Denn es war keines von ihnen daran gewöhnt, so einfach fröhlich

zu sein, so ohne besondere Veranstaltungen sich zu freuen und festlich

zu fühlen. Und auch das nicht, was Tante Luise zuletzt noch gesagt

hatte, nämlich sich darauf zu besinnen, womit man einander erfreuen

könne. Aber es war ihnen allen angenehm und wohltuend gewesen, so zu

sein wie heute abend. Fräulein Weiß gab Ella sogar einen Kuß, als diese

warm zugedeckt im Bett lag, und sagte zu ihr: »Was meinst du, wenn wir

morgen nachmittag den großen Kochherd herunterholten und einmal tüchtig

kochten?« Und Ella wollte gern und besann sich noch im Einschlafen auf

das Fest.

Röschen, Jaköble und andere kleine Leute · 第 6 / 17 段