Die Dorfleute konnten jetzt nicht mehr sagen, daß die fremde Frau nicht

»bei Trost« sei, denn Frau Behrens konnte jetzt sogar noch andere

Menschen trösten, die betrübt und in Not waren. Es war schon manches

Arme hungrig in das weiße Häuschen gegangen und war satt und froh

wieder herausgekommen.

[Illustration]

Jetzt schmolz der Schnee, und der Frühling kam wieder. An den Rainen

guckte überall das grüne Gras heraus, und an sonnigen Stellen blühten

schon Gänseblümchen und sogar Veilchen. Die Vogesen hatten zwar noch

weiße Schneekappen auf den hohen Gipfeln, aber sonst schimmerte die

schöne Rheinebene schon in frischem Grün. Es konnte einem recht wohl

zumute werden, wenn man in das schöne Land hinaussah. Auf dem Bänkchen

vor dem Hause saß Vronik oder vielmehr Veronika, wie sie jetzt hieß,

denn die Mutter sprach den schönen Namen gern ganz aus. Sie hatte ein

Strickzeug in den Händen, und während die Nadeln eifrig klapperten,

sang sie ein fröhliches Liedchen dazu. Und danebenher konnte Veronika

noch ganz gut den Weg zum Dorfe übersehen, dort schien sie nach

jemand auszuschauen. Der ließ denn auch nicht lang auf sich warten.

Es war der Briefbote, der immer um diese Zeit mit den Zeitungen ankam

und der ein ganz guter Freund von Veronika war. Denn oft brachte

er auch Briefe mit in seiner ledernen Tasche, und es war schon hie

und da vorgekommen, daß einer an das kleine Mädchen dabei gewesen

war. Der kam allemal vom Konrad, und es war darum kein Wunder, daß

Veronika so oft den Weg hinuntersah, wenn es Zeit für den Briefboten

war. Denn die Kinder hielten auch jetzt noch getreulich zusammen,

obgleich sie einander fern waren. Heute streckte der Briefbote schon

von weitem einen Brief in die Höhe, als er Veronika auf dem Bänkchen

erblickte. Er hatte selbst auch Kinder, und es freute ihn immer, wenn

er sah, wie fröhlich das arme Gottswillenkind aufblühte in seiner

neuen Heimat. Veronika ließ das Strickzeug fallen, daß der Garnknäuel

über den Boden hinrollte, und rannte mit großen Sprüngen dem Boten

entgegen. »O vom Konrad!« rief sie schon von weitem. »Gib ihn her,

er ist an mich.« Die Mutter stand lächelnd am Fenster und nickte

dem Boten freundlich zu. Sie trug jetzt eine weiße Schürze auf dem

schwarzen Kleide und eine kleine weiße Krause am Hals. Kein Mensch

hätte mehr die traurige Frau vom vorigen Jahr erkannt. »O Mutter,«

rief Veronika während des Lesens, »es kommt so viel Schönes, man kann

gar nicht alles aufzählen.« Und sie schwang den Brief hoch in der Luft.

»Liebe Vronik!« schrieb Konrad.

»Diesmal mußt Du staunen, das weiß ich sicher. Denn ich muß Dir sehr

viel sagen. Wenn ich noch acht Tage damit gewartet hätte, so hätte

ich Dir alles selbst erzählen können. Und das wollte der Herr Doktor

eigentlich auch gern haben, denn er freute sich darauf, daß er dann

Dein vergnügtes Gesicht sehen könnte. Aber ich kann nicht mehr warten.

Und wenn wir kommen, gibt es auch noch genug zu freuen, das habe ich

dem Herrn Doktor gesagt. Also das weißt Du, daß mein Fuß wieder ganz

gut ist. Es hat lang gedauert. Aber es war mir eigentlich ganz recht,

denn ich glaubte immer im stillen, wann ich dann gesund sei, so müsse

ich wieder zu dem Lammwirt oder sonst so. Ich mochte es zu keinem

Menschen sagen, nicht zu Schwester Lore und nicht zu dem Herrn Doktor.

Aber als sich beide so freuten, daß die Wunde endlich heile, da konnte

ich gar nicht mehr vergnügt sein. Ich mochte kein Buch mehr ansehen

und nicht essen und nicht spielen. Denn ich dachte immer: ›Jetzt ist

ja doch alles aus.‹ Da kam einmal der Herr Doktor, ließ mich im Saal

auf und ab marschieren und sagte dann: ›Ja, da ist nun nichts mehr

zu tun für den Doktor, der Bub ist gesund. Das kann einen freuen.‹

Ich habe vielleicht kein sehr erfreutes Gesicht gemacht, Vronik, denn

ich hätte nächstens angefangen zu weinen, weil ich glaubte, jetzt

schicke mich der Herr Doktor wieder zurück. Da sagte er aber: ›Und da

habe ich denn gedacht, wenn du doch wieder so gut gehen kannst, so

könntest du mir deine Füße ein wenig leihen, denn die meinigen wollen

nicht mehr so recht fort.‹ Und dann sagte er mir, daß er mich mit

sich in sein schönes Haus nehmen und in die Schule schicken wolle.

Und in den Freistunden solle ich dann im Garten helfen, denn der Herr

Doktor ist ein ganz besonders geschickter Gärtner. Du hast oft gesagt,

Vronik, ich soll's nicht immer wieder vergessen, daß der liebe Gott

alles machen kann, und daß er an uns denkt. Und die Mutter hat's auch

immer gesagt. Und ich hab's doch vergessen und war so betrübt in der

Zeit. Vielleicht kann ich's jetzt gut behalten. Denn das hat doch

sicher der liebe Gott gemacht, daß ich's jetzt so gut habe und so viel

lernen kann. Mein Herr Doktor hat in seinem Schlafzimmer einen Spruch

hängen, der heißt: ›Wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der

nimmt mich auf.‹ Jetzt schäme ich mich gar nicht mehr wie früher, daß

ich ein Gottswillenkind bin. Solch einen großen Brief habe ich noch

nie geschrieben. Aber ich mußte es Dir alles sagen. Und am nächsten

Sonntag kommen wir beide, mein Herr Doktor und ich, auf Besuch zu

euch. Ich will sehen, ob Du auch sagst, daß ich so stark gewachsen

sei. Man wird es schon erleben können, bis ich dann groß bin.

Jetzt grüßt Dich Dein treuer Bruder Konrad.«

* * * * *

Das war alles schon vor zehn Jahren. Seither hat sich äußerlich

nichts an dem weißen Häuschen verändert, wenn man nicht die vielen

blühenden Pflanzen, die vor allen Fenstern stehen, für eine Veränderung

gelten lassen will. Hinter dem Hause, ja, da ist das dichte Gestrüpp

ausgerottet und ein freundliches Gärtlein ist erstanden mit einer Laube

und blumigen Rabatten und mit sauberen Gemüsebeeten. An einem hellen,

sonnigen Sommermorgen hantiert ein blühendes, junges Mädchen fleißig

darin. Sie hat dicke, braune Zöpfe, die ihr den Rücken hinabhängen und

singt leise ein Liedchen vor sich hin zu ihrer Arbeit. Wär's nicht an

dem, so könnte man die magere, bleiche Vronik von einst nicht mehr

erkennen, so groß und stattlich ist sie geworden und so rund und

rot sind ihre Wangen. Vom Bücken sind sie jetzt fast so rot wie die

Monatrettiche, die sie aus der Erde zieht und triumphierend in die Höhe

hält. Unter der Türe steht eine Frau mit freundlichem, liebreichem

Gesicht, die bewundernd die Hände zusammenschlägt ob den wohlgeratenen

Früchten des Gartens. »Wenn du jetzt kommen könntest, Veronika,« ruft

sie dann. »Es ist warm genug für Gertrud, um in der Sonne zu sitzen.

Und du kannst sie leichter heben als ich, das weißt du.« »Will's

meinen, Mütterlein,« erwidert Veronika fröhlich. »Das soll mir niemand

abnehmen.« Und sie läuft eilig dem Hause zu.

Gertrud ist nicht mehr das elende Kindlein, das wir vor zehn Jahren

im Wagen liegen sahen und dessen größtes Kunststück es war, mit den

Händchen zu spielen.

Es ist ein feines, bleiches Gesichtchen immer noch, das von den Kissen

des bequemen Lehnstuhls aufsieht, als Veronika eintritt. Aber es

strahlt ihr zu, wie einst bei dem ersten Gesang des Gottswillenkindes.

Das Lächeln hat Gertrud nicht mehr verlernt, ja, man kann manchmal ein

leises, fröhliches Lachen von ihr hören. Jetzt ist Gertrud dreizehn

Jahre alt. Ihre Glieder sind immer noch schwach, sie kann nicht allein

gehen und stehen. Aber es fällt der Mutter nicht mehr ein, zu sagen,

das Kind sei sich selbst und ihr zum Jammer auf der Welt. Nein, das

blasse, zarte Mägdlein ist so recht der Mittelpunkt des ganzen Hauses

geworden. Wenn sie so still und geduldig daliegt in den Zeiten, wo sie

Schmerzen am Rücken und in den Gliedern hat, und wenn sie an leichten,

guten Tagen sich an jedem Blümlein freut und an jedem Sonnenstrahl,

dann streicht die Mutter oft sachte mit der Hand über das blonde Haar

und sagt: »Mein Trostkind.« Denn dann fällt es ihr wieder ein, wie

an jenem Sonntagabend der alte Herr Doktor gesagt hatte: »Das Kind

kann ihnen noch ein rechter Trost werden.« Und das ist nun auch wahr

geworden. Sie wollen alle beide gern und fröhlich ihre Last tragen, die

Mutter und das Kind, sie haben ja doch einander, und »der liebe Gott

wird wissen, warum er mich so sein läßt und nicht anders,« sagt Gertrud

zuversichtlich, wann es der Mutter doch einmal schwer fallen will,

daß ihr Töchterlein nicht fröhlich herumspielen, nicht stark und groß

werden soll, wie Veronika und all die andern Kinder des Dorfes.

Veronika hat es nie anders gewußt, als daß man dem lieben Gott

ganz fröhlich vertrauen könne, und so hat sie es ganz einfach und

natürlich auch dem Schwesterlein Gertrud wieder gesagt, als es nach

und nach heranwuchs und doch zart blieb. Und Gertrud, die nie schwere

Schulaufgaben lernen konnte, hat doch ihre eigene Lebensaufgabe

gut begriffen, die manchen als das Allerschwerste erscheint, was

man lernen kann, nämlich ohne Fragen und Zagen dem lieben Gott zu

vertrauen, auch wenn er es anders macht, als wir gern möchten. Aber

heute ist Sonnenschein auf der Welt draußen, und Gertrud soll hinaus

und freut sich schon darauf. Sie läßt sich so gern anscheinen und ganz

durchwärmen und sieht so gern den Schwalben nach, die oben an der

Dachrinne nisten, wenn sie hinausfliegen in die schöne Welt und sich

hoch, hoch im Blau verlieren.

Veronika hat heute nicht zum erstenmal das Amt, Gertrud hinauszubetten,

das kann man wohl sehen. So leicht und sachte stützt und hebt sie das

schwache Kind, so bequem legt sie es in den Stuhl, der schon eine

ganze Weile im Sonnenschein steht -- kein Mensch könnte sorglicher und

geschickter damit umgehen. Die Mutter weiß es wohl. Sie hat schon oft

im stillen dem lieben Gott gedankt, daß er ihr das verlassene Kind

zugeführt hat, das ihr nun zur Hilfe und Freude herangewachsen ist.

Ursula ist schon seit Jahren nicht mehr in dem weißen Häuschen. Ihre

alten Eltern riefen sie nach Hause. »Ich ginge ja nicht, ich verließe

meine Gertrud nicht,« sagte sie beim Abschied unter Schluchzen, »aber

Veronika kann sie besser versorgen als ich, das muß man ihr lassen.«

Jetzt hantiert ein junges Mägdlein aus dem Dorfe im Haus und in der

Küche. Und Veronika geht es immer noch manchmal, wie einst im Pfleghof,

daß sie mehr Arme und Füße brauchen könnte, um alles auszuführen, was

getan sein sollte. Denn die Mutter ist oft recht schonungsbedürftig.

Die schweren Zeiten sind doch nicht spurlos an ihr vorübergegangen.

Aber es ist ein fröhliches Schaffen für Veronika, und das haben wir

schon gehört, sie singt immer noch zu ihrer Arbeit.

Der Briefbote, der ist in all den Jahren ihr immer besserer Freund

geworden. Denn er trägt ja immer noch in seiner Tasche die Nachrichten

von dem fernen Bruder zu ihr. Konrad ist kräftig herangewachsen in

der guten heimatlichen Luft, die ihn bei seinem Herrn Doktor umgab.

Er hat auch fleißig gelernt und gute Zeugnisse mitgebracht. Aber als

es dann Zeit war, an einen Beruf zu denken, da stellte es sich doch

heraus, daß er sein Latein am liebsten dazu verwenden wollte, seine

lieben Blumen und seltenen Pflanzen mit gelehrten Namen zu nennen. Er

wollte ein Gärtner werden. »Aber einer aus dem Fundament.« sagte der

Herr Doktor. Und das erste Fundament, die Liebe zu den Pflanzen und das

Verständnis für ihr Wachsen und Gedeihen, das hatte der Herr Doktor

selbst in den Konrad gelegt. Die beiden waren hie und da miteinander

in den Schwarzwald gereist und hatten in dem weißen Häuschen fröhliche

Feiertage erlebt. Jetzt ist Konrad in der Fremde, um da und dort noch

Neues zu seinem schönen Handwerk hinzuzulernen. Und seine Briefe sind

immer die Freude der Schwester und ihr Glück. Sie pflegt inzwischen

die Blumen in den Töpfen am Fenster, sein Vermächtnis. Denn es ist ihr

Stolz, sie recht üppig und gedeihlich zu erhalten, bis Konrad dann

wieder einmal kommt. Wenn die Zeit kommt, daß die Geschwister einmal

ganz zusammenleben, das kann noch niemand sagen. Aber das tut nichts.

Sie wissen beide, daß es kommt, wie es gut ist. Und sie wollen gern ihr

Lebenlang »Gottswillenkinder« bleiben, nämlich solche, die fröhlich in

der guten Zuversicht leben: »Sein Will', der ist der beste.«

7. Zweierlei Reichtum.

Der Bandweber Hartmann wohnte in einem niedrigen Häuschen, das zwischen

zwei hohen Gebäuden so eingeklemmt stand, als ob es jetzt gleich

erdrückt werden sollte. Gerade gegenüber stand ebenfalls ein hohes

Haus, das mit seinen hellen blanken Fenstern, an denen luftige Vorhänge

befestigt waren, vornehm auf das kleine Häuschen heruntersah. Zwar

blanke Fenster hatte das auch, nur waren sie niedrig, wie alles an dem

Häuschen, und statt der eleganten Vorhänge waren nur ganz kleine, kurze

Vorhängchen dran, solche, die man Neidhämmel heißt. Sie waren nur zum

Schutz da, daß nicht alle Leute, die vorbeigingen, durch die Fenster in

die Stube sehen konnten.

Es war Abend und die Familie saß um den Tisch, auf dem schon das

dampfende Essen stand. Die Mutter hatte den kleinsten Buben auf dem

Schoß und hatte nur immerfort den Breilöffel aus dem Teller ins

Mäulchen des Kleinen und von da wieder in den Teller zu führen,

so hungrig war der Dicke. Die größeren Kinder warteten noch, denn

die Mahlzeit sollte, erst beginnen, wann der Vater kam. Man hörte

immer noch den Webstuhl rasseln, an dem er arbeitete, und die Mutter

schüttelte ein wenig den Kopf: »Er macht heute wieder lang keinen

Feierabend.« Dann sagte sie zu Mariele, dem größten Töchterlein: »Geh

einmal hinein und frag den Vater, ob er noch nicht komme!« »Ja und ich

sag auch, daß man gebrannte Suppe hat und Kartoffeln und Butter,« sagte

Mariele noch im Hineingehen, »das ist sein Leibessen!«

Es war eine ziemlich lebhafte Unterhaltung am Tisch. Paul, der

neunjährige Schüler, hatte ein glänzendes Zwanzigpfennigstück in der

Hand und beriet schon seit einer halben Stunde mit dem jüngeren Eugen,

was man damit anfangen könne. Es war ein ziemlich schwieriger Fall,

denn es kam fast nie vor, daß eins der Kinder Geld in der Hand hatte

zur freien Verfügung. Heute aber war Pauls Patin dagewesen und hatte

ihm das Geldstück ausdrücklich mit dem Bemerken gegeben: »Du mußt dir

etwas dafür kaufen, was dir Freude macht.«

[Illustration]

Eugen hatte vorgeschlagen, sieben Laugenbretzeln dafür zu kaufen

oder dann eine große Wurst. Denn das dünkte ihm die beste Verwendung

für das Geld zu sein. »Aber wenn man's gegessen hat, ist's vorbei,«

sagte Paul verständig, und das mußte auch zugegeben werden. »Einen

Gummiball möchte ich auch schon lang und ein rotes Federnbüchschen.

Oder einen Bleistift zum Einschieben mit einem Radiergummi dran.

Oder eine Farbenschachtel, aber zu dem langt das Geld nicht.« Paul

mußte tief aufseufzen. Denn man konnte das Geld nur einmal ausgeben,

und solang man es in der Hand hatte, war noch die Wahl zwischen all

den begehrten Dingen offen. »O wenn ich nur eine große Kiste voll

Zwanzigpfennigstücke hätte,« brach er auf einmal los. »Dann könnte ich

alles kaufen, was ich möchte, und noch vieles andere. Auch für dich,

Mutter, und für den Vater und die Kleinen.«

Die kleinen Geschwister horchten mit glänzenden Augen. Es war sehr

genußreich, sich auszudenken, was man alles um eine Kiste voll

Zwanziger kaufen könnte.

»Gelt, Mutter, das wär' recht, wenn wir das hätten?« wandte sich nun

Paul an die Mutter, die eben anfing, den Kleinen auszuziehen, der

seine Äuglein kaum noch offen halten konnte. Die Mutter sah ein wenig

müde aus. Sie hatte den ganzen Nachmittag gebügelt und dazwischen den

kleinen Laden besorgt. Jetzt sagte sie nur: »Es gäbe noch vieles, was

einem recht wäre, man kann aber auch so vergnügt und zufrieden sein!«

Paul war nicht so ganz zufrieden mit der Antwort. Die Mutter sagte

immer so etwas Ähnliches, wenn man sich manchmal gern gewünscht hätte,

ein wenig reicher zu sein.

»Und wenn wir alles hätten, was wir jetzt gern möchten,« sagte sie oft,

»dann fiele uns auf einmal noch etwas ein, was wir auch noch wollten

und dann noch etwas und dann wären wir erst nicht glücklich, weil wir

ja doch nicht alles haben können.«

»Aber Mutter,« hob Paul noch einmal an, »viel Geld haben ist auch

schön. Die Hofrats drüben haben viel. Der Alfred hat zu seinem

Geburtstag eine Uhr bekommen, die ganz richtig geht, und eine Kette

dazu. Und einen Schlitten haben sie mit einer Eisbärendecke und mit

silbernen Glöckchen.« »Ja,« fiel Eugen ein, »und heute hat der Konditor

eine Schokoladentorte ins Haus hineingetragen. Der Erich ist unter der

Haustüre gestanden und hat noch das Gesicht verzogen und gesagt: ›Das

mag ich erst nicht besonders.‹«

Die Kleinen staunten. Denn das dünkte ihnen der Gipfel des Guthabens zu

sein, wenn man nicht einmal mehr Schokoladentorte möge.

Die Mutter hatte nichts mehr erwidert, sie hatte genug mit dem Kleinen

zu tun, und jetzt kam der Vater herein. Er sah fröhlich aus, denn er

war froh, daß er sein Tagewerk vollendet hatte, und freute sich nun,

die Kinder alle so gesund und rotbackig um den Tisch her sitzen zu

sehen. »Jetzt soll mir's aber schmecken,« sagte er. Dann sprach er das

Tischgebet und die Mahlzeit konnte beginnen.

Eine Weile hörte man nur die Löffel hin- und hergehen. Aber lang

dauerte die Stille nie in dem lebhaften Kinderkreis. »Vater, morgen ist

Examen in der Schule,« fing Mariele an, »die Eltern sollen auch kommen.

Kommst du?«

»Das werde ich wohl lassen müssen,« sagte der Vater, »die Arbeit eilt

gerade und dann, da sind andere Leute genug. Vornehmere und klügere,

die würden schön aufsehen, wenn ich käme.« Mariele war ein fleißiges

und begabtes Kind und die Eltern schickten sie in eine gute Schule,

damit sie etwas Tüchtiges lernen solle. Sie kam auch gut voran, das

Lernen machte ihr Freude, aber da gab es daneben noch etwas zu lernen,

das manchmal sehr bitter war. Denn in der Schule waren so viele Kinder

wohlhabender Eltern, die schönere Kleider und Bücher hatten und in

schöneren Häusern wohnten. Und da kam sich das Mariele manchmal ein

wenig beklagenswert vor, wenn es nicht auch Geburtstagsvisiten halten

und hübsche Geschenke machen und von schönen Ausflügen erzählen konnte,

wie die andern Mädchen.

»Das tut nichts,« sagte die Mutter zwar. »Wir haben so viel Vergnügen

daheim, daß wir sonst gar nichts brauchen. Martha Heinrichs wäre

glücklich, wenn sie ein nettes, kleines Brüderlein zu hüten hätte wie

unser Fritz ist. Und Hofrats Ella, was meinst du, wie die sich freuen

würde, wenn ihre Eltern mit ihr und den Brüdern am Sonntag spazieren

gehen und abends Gesellschaftsspiele machen würden? Du hast soviel

Gutes, daß man gar nicht alles aufzählen kann, wenn man anfängt.«

Mariele gab das aber nicht immer zu. Es ging ihr wie Paul. Viel Geld

haben ist aber auch schön! Und sie dachte sich gern aus, wie herrlich

das wäre, wenn sie des reichen Hofrats Töchterlein wäre und all die

schönen Sachen besitzen könnte, die der Ella gar nicht so viel Freude

zu machen schienen. Natürlich die Eltern müßten mit dabei sein und die

Geschwister.

Daß man nicht alles Gute auf einmal haben kann, sah Mariele noch nicht

recht ein, und was das beste von allem ist, was alle Menschen haben

können, das verstand sie auch noch nicht so recht. Die Mutter verstand

es, aber sie dachte, sie wolle es den Kindern nur immer an sich selber

zeigen, wie man vergnügt und zufrieden sein könne, dann würde ihnen das

so gefallen, daß sie dann von selber auch anfangen würden, darnach zu

streben.

Dem Vater ging es auch so. Er war den ganzen Tag an der Arbeit am

Webstuhl, und wenn dieser recht rasselte, so sang er gern mit seiner

schönen vollen Stimme ein Lied dazu und das machte ihn immer wieder

fröhlich, wenn er auch manchmal ein wenig sorgenvoll war.

Die Mutter besorgte den Hausstand, und so oft das Glöckchen an der

Ladentür bimmelte, ging sie da hinaus und bediente die Kunden. Man

konnte neben den selbstgewobenen Bändern auch noch Knöpfe und Faden und

Nadeln in dem Laden haben. Die Leute kamen gern zu der freundlichen

Frau, und so war immer alles Nötige in dem kleinen Häuschen. Die

Schüsseln waren immer zur rechten Zeit auf dem Tisch und auch genug

darin für die hungrige Kinderschar.

»Ich kann's nicht begreifen, daß der Erich so etwas Gutes nicht gern

ißt,« sagte jetzt Eugen, der völlig satt war und dem nun wieder die

Torte vorschwebte. »Aber ich kann,« sagte der Vater. »Wenn du einmal

ein paar Tage in eine Kammer voll süßer Sachen eingesperrt würdest und

sonst nichts bekämest, als nur Torte und dergleichen, dann hättest du

für lange Zeit genug davon, und ein Stück schwarzes Brot käme dir dann

als der größte Leckerbissen vor.« Die Kinder lachten und hätten gern

einmal die Probe gemacht. Dann wurden die Schulaufgaben vollendet,

die Mutter brachte inzwischen die kleinen Buben und das dreijährige

Lieschen zur Ruhe und dann kam die Reihe des Zubettgehens an die

Großen.

»Mutter, singst du uns noch etwas? gelt, ja?« bettelten die Brüder. Das

war der größte Genuß, den es geben konnte, behaglich zugedeckt im Bett

zu liegen und den schönen Liedern der Mutter zu lauschen, bis man daran

einschlief.

Die Mutter wollte gern. Sie machte den Kindern gern eine Freude, und

ein schönes Lied machte sie selbst immer wieder frisch und munter. So

setzte sie sich zwischen die Betten und fing an:

»Wie herrlich ist's, ein Schäflein Christi werden

Und in der Hut des treusten Hirten stehn!

Kein schönrer Stand ist auf der ganzen Erden,

Als unverrückt dem Lamme nachzugehn.

Was alle Welt nicht geben kann,

Das trifft ein solches Schaf bei seinem Hirten an.«

Bei den ersten Tönen des Liedes hatte der Vater seine Zeitung weggelegt

und andächtig zugehört. Dann griff er nach der Flöte, die an der Wand

hing, und als die Mutter den zweiten Vers anfing, begleitete er sie

mit weichen, lieblichen Tönen. Das Lied hieß weiter:

»Hier findet es die angenehmsten Auen,

Hier wird ihm stets ein frischer Quell entdeckt,

Kein Auge kann die Gnade überschauen,

Die es allhier in reicher Fülle schmeckt,

Hier wird ein Leben mitgeteilt,

Das unaufhörlich ist und nie vorüber eilt!«

Die Mutter horchte nach den Betten hin. Aus denen der Buben drangen

tiefe regelmäßige Atemzüge. Das Lied hatte sie in den Schlaf gewiegt.

Mariele rief halblaut aus ihrem Kämmerlein: »Das war schön! Gute Nacht,

Mutter!« Dann wurde alles still. Der Vater drückte der Mutter die Hand.

»Ich wollte, die Kinder wüßten, wie gut sie es haben,« sagte er. »Sie

werden's schon noch einsehen lernen,« sagte die Mutter freundlich. »Wir

haben's ja auch nur nach und nach gemerkt!«

* * * * *

Aus dem stattlichen Nachbarhause drang auch Musik in die stille Nacht

hinaus. Rauschende, volle Klänge von Geigen und einem prachtvollen

Flügel waren es. Die hohen Fenster warfen trotz der Verhüllung einen

hellen Schein auf die Straße und hinter den Vorhängen schwebten

tanzende Gestalten vorüber. Es war der Geburtstag des Herrn Hofrat

und eine vornehme Gesellschaft war zu der Feier desselben eingeladen.

Als die Nachbarskinder in ihren Bettchen dem Gesang ihrer Mutter

lauschten, wurden die drei Kinder dieses Hauses eben von Fräulein

Weiß, Ellas Erzieherin, in den Empfangssalon geführt, um sich der

Gesellschaft vorzustellen. Sie waren im schönsten Staat und durften

sich, als sie allen Bekannten höfliche Knixe und Diener gemacht hatten,

im Speisezimmer an ein zierlich gedecktes Tischchen mit allerlei guten

Sachen setzen. »So, ihr dürft euch selbst vorlegen,« sagte Fräulein

Weiß. »In einer Viertelstunde hole ich euch zu Bett. Seid artig und

manierlich und laßt's euch schmecken! Ella, mache dir keine Flecken in

das Kleid!« Damit ging sie und die kleine Tafelrunde war sich selbst

überlassen.

Das wäre nun an sich ein seltener Genuß gewesen. Denn die Kinder

speisten sonst nie allein, sondern immer mit Fräulein Weiß oder auch

manchmal mit den Eltern.

[Illustration]

Ella hätte nun das Hausmütterchen machen und die Brüder versorgen

können. Aber sie hatte ein wenig Zahnweh und dann war sie auch böse auf

Erich, der gesagt hatte: »Du benimmst dich wie ein Affe.« Sie hatte

zwar darauf gesagt: »Und du dich wie ein Bär,« aber sie glaubte doch

noch mit Recht zu zürnen, denn Erich war wirklich ein wenig zu plump

und Ella hatte doch schon Tanzstunde und wußte, wie man auftreten

mußte.

Alfred allein horchte auf die Musik und saß ganz ruhig da, denn er

liebte Musik über alles. Er sagte zu den beiden Streitenden nur: »Seid

doch endlich still, daß man auch zuhören kann,« und davon wurden sie

zwar still, aber nicht vergnügt.

Röschen, Jaköble und andere kleine Leute · 第 5 / 17 段