In Vronik stieg ein brennendes Heimwehgefühl auf. Sie hatte sich so zu

der fremden, traurigen Frau hingezogen gefühlt, weil sie glauben mußte,

diese stehe ganz allein auf der Welt und weil sie gut wußte, wie es

tut, verlassen zu sein. Und nun sah sie den alten Herrn bei ihr sitzen,

der so väterlich die Hand der traurigen Frau hielt, sah das Kind in

dem Wagen, das ein so feines, zartes Gesichtchen hatte und das doch

wohl Frau Behrens gehören mußte, und das trauliche Zimmer, in dem diese

Leute ungestört beisammensitzen konnten.

»Da wird sie's freilich wohl vergessen haben, daß sie kommen wollte,«

dachte das arme Gottswillenkind.

»Vielleicht bleibt jetzt der alte Herr immer bei ihr und macht sie

wieder ganz fröhlich. Und dann wird sie wohl nichts ausfindig machen

für den Konrad.«

Es wurde spät. Vronik war auf das Bänkchen niedergekniet, hatte den

Kopf auf die Arme gestützt und mit begierigen Augen ins Zimmer gesehen,

bis ihr die Augen zugefallen waren. Es sah so heimatlich aus da drin

und wenn das Kind auch wußte, daß es da nicht hingehöre, so wollte es

doch noch ein kleines Weilchen hineinsehen und ein wenig vergessen, daß

es so allein sei. Und darüber war es eingeschlafen. Jetzt wogten die

weißen Abendnebel um die schlafende Gestalt her und am Himmel glänzten

die Sterne. Und Vronik träumte von einer Heimat, wo sie wirklich

hingehörte, wo man sie lieb hatte und den Bruder auch.

Drinnen im Zimmer saß der alte Herr, der ein Doktor war und ein

väterlicher Freund der Frau Behrens, soweit diese sich zurückerinnern

konnte, noch lange bei ihr auf dem Sofa. Er hatte im Frühjahr den

Ankauf des weißen Häuschens besorgt, weil ihn die junge Frau gebeten

hatte: »Lassen Sie mich fort, Herr Doktor, von allen Menschen weg.

Vielleicht kann ich mich in der Einsamkeit besser zurechtfinden.«

Nun war er gekommen, um wieder einmal nach seiner Schutzbefohlenen zu

sehen. Ursula hatte ihm heimlich geschrieben, weil sie den stummen

Jammer nicht mehr so allein mitansehen konnte und weil sie auch hoffte,

daß der Herr Doktor etwas für die kleine Gertrud zu tun wisse.

Es war kein fröhlicher Tag gewesen für den alten Herrn, der ein so

warmes, mitfühlendes Herz hatte und gern allen Traurigen geholfen

hätte. Denn Frau Behrens sagte auf all seine liebreichen Worte nur:

»Seien Sie mir nicht böse, ich kann nicht anders als traurig sein und

niemand kann mir helfen.«

Nun hatte der Herr Doktor heute abend noch ein Mittel versucht, Frau

Behrens ein wenig aufzurütteln. Er hatte den Wagen mit der kleinen

Gertrud ins Zimmer bringen lassen, und die Mutter selbst hatte ihm

helfen müssen, das Kind ganz eingehend zu untersuchen. Sie hatte die

Kleidchen auf- und zuknöpfen und die leichte Gestalt in den Armen

halten müssen. Und nun sagte der Herr Doktor ernsthaft: »So, nun

hören Sie mir einmal zu. Kein Mensch auf der ganzen Welt darf sich so

hinsetzen und sein Leben mit Klagen zubringen. Der liebe Gott weiß,

was er getan hat. Und er weiß auch, warum er Gertrud am Leben ließ

und nicht eines von den gesunden Kindern, und niemand kann im voraus

sagen, eines sei unnütz auf der Welt. Fangen Sie einmal an, das Kind

lieb zu haben. Singen Sie ihm etwas vor. Nehmen Sie es in die Arme, es

spürt vielleicht gut, wenn man es lieb hat. Es kann auch noch kräftiger

werden, man weiß nie, was unser Herrgott noch im Sinn hat mit so einem

schwachen Kindlein.«

Und als Frau Behrens stumm vor sich hinsah, fuhr der alte Herr fort:

»Wenn Sie es noch nicht recht lieb haben können, so tun Sie es um

Gotteswillen; weil er es will. Es wird ihnen noch ein Trost werden, das

weiß ich.«

Frau Behrens hätte nicht gut sagen können, welche Gedanken ihr an

dem Abend schon durch den Sinn gegangen waren. Es war nicht mehr

ganz so dunkel in ihrem Herzen wie vorher. Seit sie mit dem armen

Gottswillenkind zusammengetroffen war, hatte sich manches in ihr

geregt, was sie lang vergessen hatte. Und Vroniks Trost war ihr oft

eingefallen, wenn sie auch selbst noch nicht recht sagen konnte: »daß

der liebe Gott bei einem ist und einen nie verläßt, wenn man auch sonst

allein ist, das ist ein Trost.« Nun bei den letzten Worten des Doktors

fiel ihr das Gottswillenkind wieder ein. Das hatte man ja auch, samt

seinem Bruder, »um Gotteswillen« aufgenommen und Frau Behrens wußte,

daß es die Beiden nicht gut hatten. Und es kam ihr beschämend in den

Sinn, daß sie ihr eigenes, armes Kind auch nicht liebevoller behandle,

und sie dachte mit Recht, daß es doch Kinder, die man dem lieben Gott

zulieb versorgen will, am besten von allen haben sollten.

Frau Behrens hatte noch gar keine Antwort auf die ermahnenden Worte des

Doktors gegeben. Denn sie kämpfte mit sich selbst und konnte noch nicht

recht mit ihrer Traurigkeit fertig werden.

Da kam Ursula ins Zimmer. Sie war hinausgegangen, um die Läden zu

schließen. Nun trat sie etwas erregt ein und sagte: »Was soll man da

anfangen? Es ist ein schlafendes Kind auf dem Bänkchen vor dem Hause.

Das ist's, das schon einmal hier war. Man kann es doch nicht draußen

lassen.«

Ursula und der Doktor sahen einander erstaunt an, als hier Frau Behrens

lebhaft aufstand und sagte: »Bring's herein, Ursula. Oder nein, ich

will es selbst holen. Es kennt mich; es hat auf mich gewartet, das weiß

ich.«

Der Doktor sah ihr vergnügt nach, denn er dachte: »Man kann nicht

wissen, auf welche Weise ihr der liebe Gott helfen will.«

Eine kleine Weile später trat Frau Behrens ein. Sie trat leise und

sachte auf und trug auf beiden Armen das barfüßige Bauernkind. Sie

legte es aufs Sofa nieder und dann sagte sie flüsternd: »Man darf es

nicht wecken, es schläft so tief und fest. Ursula soll ins Dorf gehen

und sagen, daß man das Kind nicht vergeblich sucht. Und morgen sieht

man weiter.«

Als der Herr Doktor in dieser Nacht zur Ruhe ging, oben in dem

freundlichen Balkonzimmer, stand er noch eine Weile still am Fenster

und sah in die schweigende Gegend hinaus. »Du machst es nicht, wie wir

gedacht, du machst es besser als wir denken,« sagte er vor sich hin.

Denn er hatte schon gemerkt, daß der liebe Gott beiden helfen wollte,

den Kleinen und Großen, da konnte er sich wohl freuen.

* * * * *

Das war am andern Morgen ein erstauntes Gesicht, mit dem sich Vronik

beim Erwachen umsah. Sie glaubte immer noch zu träumen. Die Sonne

schien hell durch die blanken Fenster und blütenweißen Vorhänge,

beschien die weißen Kissen, in denen das arme Gottswillenkind lag,

und das ganze, freundliche Zimmer. An der Wand hing ein großes Bild.

Es war der Heiland, der ein Schäflein auf der Schulter trägt. Das

mußte Vronik unverwandt ansehen. Das Schäflein schmiegte sich so

dicht an den guten Hirten, der es trug, es wurde einem wohl, wenn man

es nur ansah. Und Vronik fiel das Lied ein, das die Mutter so oft

mit ihren Kindern gesungen hatte, die Stelle, wo es hieß: »Und nach

diesen schönen Tagen werd ich endlich heimgetragen in des Hirten Arm

und Schoß, Amen, ja, mein Glück ist groß.« Es war dem Kinde einen

Augenblick zumute, als ob es auch »heimgetragen« wäre. Aber dann

fiel ihm der ganze gestrige Abend wieder ein. Seine Kleider lagen

auf dem Stuhl neben dem Sofa, und dann wußte Vronik plötzlich, daß

sie wieder ins Dorf hinunter müsse, in den Pfleghof, wo jetzt längst

die Gänse und Enten und Hühner auf ihr Futter warteten und wo alles

nach der Vronik rief. Sie konnte nur gar nicht begreifen, wie sie

da hereingekommen war. Sie hatte doch gestern abend nur zum Fenster

hereingesehen. Leise schlüpfte sie in ihr Röckchen, da ging die Tür

zum Nebenzimmer auf und Ursula kam herein. Sie machte heute ein ganz

freundliches Gesicht, denn sie liebte die Kinder und es kam ihr vor,

als ob etwas besonderes mit diesem Kinde sei. Und das war auch wahr.

Denn wenn der liebe Gott ein barfüßiges Waisenkind an der Hand nimmt

und führt es einer traurigen Mutter zu, daß sie einander wieder

fröhlich machen sollen, so ist das schon etwas besonderes. Das wußte

nun zwar Ursula noch nicht, daß ihre Herrin die ganze Nacht wach

gelegen war und viele Gedanken in sich bewegt hatte. Daß sie sich

vorgenommen hatte, nun nicht mehr an einem fort zu klagen und traurig

zu sein, sondern den Trost hereinzulassen, der in ihr Herz hinein

wollte. Ursula half dem Kind ein wenig beim Haarmachen, obgleich

Vronik das sonst immer selbst tun mußte. Dann nahm sie es mit in das

Zimmer, wo die kleine Gertrud lag. »Da sieh,« sagte Ursula, »du hast's

noch lang gut gegen dem armen Tröpflein, das nur immer so daliegen

muß.«

[Illustration]

Vroniks weiches Herzlein war gleich ganz voll Teilnahme. »O, kann es

nichts tun, gar nichts?« sagte sie. »Kann man nicht mit ihm spielen und

lachen und ihm etwas vorsingen, daß es auch eine Freude hat?« Ursula

sah verwundert in das lebhafte Gesichtchen. Zum Spielen und Lachen und

Singen war man in dem weißen Häuschen schon lang nicht mehr aufgelegt

gewesen. Es war alles so geräuschlos als möglich zugegangen. »Ich muß

nun das Wohnzimmer schön machen,« sagte sie. »Du kannst so lang hier

bleiben. Frau Behrens hat gesagt, daß ich dich nicht gehen lassen soll,

ehe sie mit dir gesprochen hat. Angst brauchst du nicht zu haben. Es

geschieht dir nichts im Pfleghof. Ich habe gesagt, daß du nicht so früh

kommst.«

Damit ging sie hinaus und Vronik blieb allein mit dem kranken Kinde. Es

kam ihr alles ganz wunderbar vor, was mit ihr geschah. Am wunderbarsten

aber erschien ihr dieses stille Gesichtchen, das nur so aufmerksame

Augen hatte. Sie hätte so gern einen Versuch gemacht, mit Gertrud zu

sprechen. Aber sie scheute sich davor, es zu probieren. So verfiel

sie auf ihr altes Mittel, mit dem sie immer die Kinder im Pfleghof zu

unterhalten wußte. Sie setzte sich auf das niedrige Stühlchen, das

neben dem Wagen stand, und fing leise an zu singen. Vronik hatte ein

liebliches Stimmchen und sie konnte viele schöne Lieder von der Mutter

her. Jetzt sang sie:

»Breit aus die Flügel beide,

O Jesu, meine Freude,

Und nimm dein Küchlein ein!

Will mich der Feind verschlingen,

So laß die Engel singen:

›Dies Kind soll unverletzet sein!‹«

Vronik war gewöhnt zu singen, deshalb kam es ihr ganz natürlich vor,

daß sie es tat. Aber den anderen Hausbewohnern waren das ganz neue

Töne. Der Herr Doktor kam gerade von oben herunter und blieb auf

seinem Gang nach dem Wohnzimmer horchend stehen, Frau Behrens trat

auf die Schwelle des Zimmers und lauschte leise, und Ursula hörte auf

abzustäuben.

Aber plötzlich hörte der Gesang auf, Vronik stieß einen fröhlichen Ruf

aus. »Es lacht,« rief sie. »Es will noch mehr hören.« Man kann es kaum

sagen, wie schnell die drei Leute von allen Seiten an das Wägelchen

herankamen, um das Wunderbare zu sehen. Ja, es war so. Das bleiche

Köpfchen hatte sich langsam nach der Seite gewendet, wo Vronik saß, und

das Gesichtchen war zu einem Lächeln verzogen. Es war ganz deutlich.

»Sing noch etwas, Kind, hör noch nicht auf,« sagte der Herr Doktor zu

Vronik. Denn er wollte gern recht deutlich sehen, was das für eine

Wirkung habe. Und aufs neue sahen alle drei Großen aufmerksam zu, wie

Gertruds Augen so strahlend an Vronik hingen, als diese sang. Vronik

hatte das kleine Händchen gefaßt und da geschah das weitere Wunder, daß

sich die mageren Fingerlein um das braune Händchen des Bauernkindes

schlossen.

[Illustration]

»Jetzt erleben wir noch viel Schönes,« sagte der Doktor vergnügt. »Das

wird man schon sehen.« Frau Behrens nahm Vronik an der Hand. »Dich

müssen wir bei uns haben so viel wir nur können,« sagte sie liebreich.

»Dich hat mir der liebe Gott zum Trost geschickt.« Vronik schüttelte

leise den Kopf. »Ich habe keine Zeit zum Heraufkommen,« sagte sie. »Und

jetzt muß ich schnell heimgehen, sonst zankt die Bäuerin.«

Der Konrad fiel ihr ein, wie er so traurig in seiner Küche gesessen

hatte, und es fiel ihr schwer aufs Herz, daß sie ihm noch keinen

Bescheid gebracht hatte. Die Leute hier hatten einander, aber der

Konrad hatte nur seine Vronik, sonst niemand. Und Frau Behrens schien

ihn ganz vergessen zu haben.

»Ich will die Bäuerin fragen, ob sie dich nicht manchmal kommen läßt,«

sagte Frau Behrens jetzt. »Ich will selbst mit ihr reden.«

Da platzte Vronik heraus: »Dann rede noch lieber mit dem Lammwirt,

daß der Konrad in die Schule darf und daß er ihn nicht so oft schlägt

und« -- Vronik mußte gewaltig schlucken, sonst hätte sie hier vor den

fremden Leuten angefangen zu weinen.

»Nur heraus mit allem,« ermunterte der Herr Doktor freundlich. Er war

ein großer Kinderfreund und konnte keine traurigen Gesichter sehen,

ohne daß er hätte versuchen müssen, sie fröhlich zu machen. Und in

Vronik sah er überhaupt eine Bundesgenossin. So kam denn alles an

den Tag, was Vroniks Herzlein bedrückte, alles. Frau Behrens hörte

mit gespannter Aufmerksamkeit zu, und Ursula vergaß ganz, wieder

hinauszugehen, und ballte zornig die Faust, als sie hörte, daß niemand

den kranken Fuß des Konrad pflege.

»Da müssen wir abhelfen, soviel ist sicher,« sagte der Herr Doktor

väterlich, als Vronik mit ihrem Bericht zu Ende war.

»Ich gehe mit dir ins Dorf und zu dem Lammwirt. Was meinst du, mir wird

der Hund schon nichts tun? Und dann wollen wir weiter sehen.« Vronik

nickte ganz einverstanden. Sie hatte ja schon lange gewußt, daß der

liebe Gott alles machen könne, da verwunderte sie sich jetzt nicht so

sehr, daß er es nun auch tat. Und sie dachte nur, daß jetzt alles gut

komme, über das Wie machte sie sich keine Gedanken.

Das gab ein großes Staunen im Dorf, als Vronik an der Hand des fremden

alten Herrn durch die Straße ging. Das kümmerte aber die beiden wenig.

Denn sie hatten einander unterwegs so vieles mitzuteilen, daß sie gar

keine Zeit hatten, nach den Leuten zu sehen. Hand in Hand schritten

sie nach dem »goldenen Lamm«. Der Wirt stand unter der Tür. Er sah

verwundert auf das Gottswillenkind, machte aber doch einen tiefen

Bückling vor dem feingekleideten Herrn. »Sie haben einen Kranken im

Haus, höre ich?« sagte der Herr Doktor sogleich. »Führen Sie mich zu

ihm.« »Wenn der Herr den Buben meint, der ist im Keller und spült

Flaschen,« antwortete der Wirt. »Krank ist er nicht, du meine Güte.

Wegen so einem bißchen Geschwulst am Fuß macht man mit so einem Knirps

nicht soviel Aufhebens.« »Ich bitte, daß Sie mir den Konrad in die

Schenkstube bringen,« beharrte der Herr Doktor. »Was zu tun ist, wollen

wir dann schon sehen; ich bin Arzt und gedenke schon zu sehen, was

nötig ist.«

Der Wirt zog brummend ab, nicht ohne daß er vorher noch bemerkt hatte:

»Wer den Doktor bestellt hat, weiß ich nicht. Es wird dann niemand

verlangen, daß ich ihm noch den Weg bezahle für so einen Bettelbuben.«

Vronik nickte dem Konrad ermunternd zu, als er bald darauf

hereinhinkte, bleich und ängstlich. Der Herr Doktor war aber keiner von

denen, die nicht mit schüchternen Kindern fertig werden. Er streckte

dem verlegenen Buben ganz freundlich die Hand hin. »So, das ist ja

ganz geschickt, daß ich gerade hier bin,« sagte er fröhlich, dann

untersuchte er den kranken Fuß, machte aber ein ernsthaftes Gesicht

dazu und schüttelte den Kopf. »Ganz unverantwortlich vernachlässigt ist

die Wunde,« sagte er vor sich hin. Dann nahm er den Lammwirt besonders

in ein Nebenzimmer und sprach dort eine Weile sehr erregt mit ihm.

Als er wieder herauskam, wandte er sich an die Kinder. »So, nun seid

einmal recht vernünftig,« sagte er. »Den Konrad muß ich mit mir nehmen

in meinem Wagen. Drunten in der großen Stadt, in der ich lebe, ist

ein schönes helles Haus, in dem kranke Kinder gepflegt und versorgt

werden, daß sie dann wieder gesund und fröhlich werden können. Da will

ich den Konrad hinbringen. Er hat's auch sonst nötig, denn er ist viel

zu bleich und mager für so einen Buben. Da komme ich dann täglich zu

ihm und sehe nach dem Fuß. Und schöne Bücher gibt's da und Spiele.«

Der Herr Doktor hielt es für nötig, alles so schön auszumalen. Denn er

war gewöhnt, daß sich die Kinder davor fürchteten, ins Krankenhaus zu

kommen. Aber der Konrad saß mit leuchtenden Augen da, und man konnte

ihm wohl ansehen, daß er mit dem freundlichen Herrn hingegangen wäre,

wo dieser ihn hingebracht hätte.

Vronik hatte zwar zu schlucken und zu drücken, daß keine Tränen

heraufkommen konnten, denn sie wußte wohl, daß sie dann gar niemand

mehr habe, wenn der Konrad fort sei. Aber als sie hörte, wie gut er

es bekommen solle, da mußte sie sich so mitfreuen, daß sie fürs erste

ihren eigenen Kummer ganz vergaß. Der Herr Doktor vergaß aber seine

kleine Freundin nicht. Denn sie mußte ihm ja helfen, die traurige Frau

in dem weißen Häuschen wieder fröhlich zu machen. Und er wußte schon

lange, daß der liebe Gott dazu arme und reiche Leute untereinander

auf der Welt sein läßt, daß sie Liebe aneinander üben sollen und alle

reich und glücklich werden. So sagte der Doktor jetzt dem Konrad, daß

er in einer Stunde mit dem Wagen kommen und ihn abholen wolle, und nahm

dann Vronik bei der Hand. »Sag jetzt deinem Bruder Lebewohl,« sagte

er freundlich. »Und laß dich's nicht zu sehr anfechten; ich will dann

schon sorgen, daß du ihn bald wieder siehst. Was meinst du, wenn du

inzwischen ein Kindsmädchen für unsere arme Gertrud würdest? Wenn du

ihr noch öfters etwas singen würdest, daß sie doch auch eine Freude

hat?«

Vronik wurde dunkelrot vor Freude. Sie war im Pfleghof nie am Ohr

gerissen, nie gestoßen und geschlagen worden. Aber daheim sein war

wieder ganz anders, ganz anders. Und in dem weißen Häuschen konnte man

daheim sein, das hatte das Kind diesen Morgen beim Erwachen gefühlt.

Sie klammerte sich einen Augenblick fest an Konrad an und flüsterte

ihm zu: »Jetzt kommt's. Alles kommt. Die Mutter hat's gut gewußt. Freu

dich nur, Konrad, jetzt wird alles noch viel schöner, man weiß noch gar

nicht, wie schön es wird.«

»So, und jetzt behüt dich Gott,« sagte der Herr Doktor liebreich zu

Vronik. »Geh jetzt nur ganz fröhlich auf den Pfleghof. Da hast du ganz

recht, es kommt alles, wie es gut ist, man muß nur ein wenig warten

können. Du wirst dann schon hören, was weiter kommt.«

Und Vronik ging und besann sich wieder nicht lange, wie es weiter

komme. Denn sie wußte ja schon, daß eins ums andere ganz von selber

komme und sie gar nichts dazu zu tun brauche. Im Pfleghof schnatterten

die Enten und die Gänse, als Vronik ankam. Der Daniel und das Regele

spielten vor dem Haus und die Ahne saß bei ihnen und sagte: »Eine

ordentliche Tracht Schläge hättest du schon verdient diesmal. Wenn

man in der Nacht herumläuft und vor anderer Leute Haus schläft anstatt

in seinem Bett.« Vronik machte sich nun schnell an ihre Arbeit und

tat alles, was man ihr auftrug, so willig, daß der Bäuerin und den

Mägden der Ärger bald wieder verging und sie zueinander sagten: »Für

einmal hat sie genug am Fortlaufen, das sieht man deutlich. Man muß

sie nur ein wenig drunten halten, daß sie daran denkt, daß man sie um

Gottswillen im Haus hat. Dann kommen ihr keine hoffärtigen Gelüste

mehr. So eins soll nur froh sein, wenn es überhaupt weiß, wo es

hingehört.«

Es war am Nachmittag des andern Tages. Vronik saß in der Küche und

hatte eine riesige Schüssel voll Kartoffeln vor sich, die sie schälen

sollte. Die Obermagd hatte schon zweimal den Kopf durchs Fenster

hereingestreckt und nachgesehen, ob die Arbeit noch nicht fertig sei.

Denn sie hatte auch noch Wünsche, und dann hatte die Ahne heraussagen

lassen, es sei die höchste Zeit, daß ihr die Vronik ein Weilchen die

Kinder abnehme. Vronik mußte sich tüchtig rühren, um fertig zu werden.

Aber es war heute ganz gut für sie. Denn das Heimweh regte sich immer

stärker in dem Kinde. Der Konrad war fort und der Herr Doktor mit. Und

niemand hatte nach Vronik gefragt. Wie gern wäre sie nur geschwind nach

dem weißen Häuschen gelaufen, nur um zu sehen, daß es noch dastehe und

alles noch gut kommen könne. Aber das war ihr streng untersagt worden.

Darum war es ganz gut, daß Vronik so viel zu tun hatte, daß nur immer

eine Arbeit nach der andern abgetan werden mußte und gar keine Zeit zu

müßigen Gedanken blieb.

Jetzt waren die Kartoffeln fertig, und Vronik kehrte die Schalen

zusammen, um sie den Schweinen zu bringen, da hörte sie plötzlich eine

wohlbekannte Stimme. »Ich möchte mit der Bäuerin selbst reden,« sagte

Frau Behrens, denn sie war es, die im Hof draußen sprach zu der Magd,

die da hantierte. Vronik stand wie angewurzelt. Sie wäre am liebsten in

den Hof geeilt, denn sie fühlte wohl, daß Frau Behrens ihretwegen kam.

Aber man hatte noch nicht nach ihr gefragt, und hier im Hause war sich

Vronik in einemfort bewußt, daß sie nicht zur Familie gehöre. Da wagte

sie sich nicht so hervor. So blieb sie denn am gleichen Fleck stehen,

bis die Fremde in der Wohnstube verschwunden war und die Obermagd

hereinrief: »Was ist denn eigentlich mit dir? Ich glaube, du schläfst

am hellen Tag und mit offenen Augen wie die Hasen.«

Da raffte Vronik ihre Arbeit zusammen und ging in den Stall und von

da in den Keller und auf den Heuboden, wo man sie hinschickte. Aber

ihr Herz klopfte stark, und ihre Gedanken waren immer in der großen

Wohnstube. Was würde man über sie beschließen? Wann würde man sie

hineinrufen? Sonst konnte sie nichts mehr denken. Da rief die Stimme

der Ahne von der Haustüre her über den Hof hin: »Wo steckt nur auch das

Mädchen? Vronik, geh einmal her, man muß etwas mit dir reden.«

Vronik konnte kaum antworten, so stark klopfte ihr Herz. Aber dann

kam sie doch mit eiligen Schritten heran und folgte der Ahne in die

Wohnstube. Die Bäuerin saß mit Frau Behrens auf dem lederbezogenen

Sofa und sah die Vronik nicht eben sehr freundlich an. »Ich meine dann

nicht, daß du es schlecht gehabt hast bei uns,« sagte sie zu ihr.

»Gekocht wird genug alle Tage, und niemand mißt den Leuten das Brot

vor. Und ich denke, so als Gottswillenkind hättest du es schlechter

antreffen können als bei uns.« -- »Das glaube ich gern,« fiel Frau

Behrens rasch ein. »Aber Sie brauchen die Veronika ja nicht, das sagen

Sie selbst. Und mir könnte das Kind ein Trost und eine Freude sein.

Veronika, komm einmal her zu mir,« fuhr sie, zu Vronik gewendet, fort.

»Siehst du, ich könnte dich notwendig brauchen und mein armes Kind

auch. Und wenn dir's recht ist, dann kannst du bei mir daheim sein.«

Vroniks Augen glänzten. Ihr kam es nicht so wunderbar vor, wie der

Bäuerin und der Ahne, daß der liebe Gott es der einsamen, traurigen

Frau ins Herz gegeben hatte, sich das Waisenkind ins Haus zu holen. Sie

legte vertrauensvoll ihr braunes Händchen in die zarte, weiße Hand der

Frau Behrens.

»Ja, das will ich gern,« sagte sie. »Die Mutter hat's schon gewußt, daß

es dann noch einmal gut kommt.«

Frau Behrens hatte das nicht immer gewußt, das wissen wir schon. Aber

das tut nichts. Der liebe Gott weiß es ja besser als wir alle, wie er

uns helfen kann. Er hatte jetzt in ihr verzagtes Herz hinein eine neue

Zuversicht gegeben, jetzt konnte es immer noch besser kommen.

* * * * *

Es war ein halbes Jahr später. Seit Vronik an der Hand ihrer neuen

Beschützerin aus dem Pfleghof nach dem Waldhäuschen gezogen war, hatte

der Schnee Wald und Flur bedeckt, hatte den Pfad nach dem Dorfe und

den grünen Waldweg fast ungangbar gemacht und die kleine Familie dort

draußen ganz nah um den warmen Ofen versammelt. Es waren aber keine

sehnsüchtigen, traurigen Gesichter mehr, die da unter dem schönen

Bild des guten Hirten beisammen waren. Frau Behrens hatte es noch nie

bereut, daß sie das Gottswillenkind in ihr Haus geholt hatte. Wenn

die Hängelampe brannte und die lebensgroßen Bilder von Hellmuth und

Irma fast noch lebendiger als am Tage von der Wand heruntersahen, so

starrte die Mutter jetzt nicht mehr unbeweglich vor sich hin, dazu

hatte sie gar keine Zeit mehr. Sie mußte die kleine Gertrud pflegen

und versorgen, denn das tat sie jetzt immer selbst. Und Gertrud hatte

noch allerlei Neues dazu gelernt, seit sie an jenem Morgen bei Vroniks

Gesang gelächelt hatte. Sie konnte das Köpfchen ein wenig heben, konnte

einen Ton hervorbringen, der wie »Mama« klang, und konnte mit den

Händchen an einer Troddel spielen, die von der Decke herabhing. Die

Mutter und Vronik fanden immer wieder etwas Neues zu bewundern, und

Ursula teilte den Jubel getreulich. Ja, und Vronik! Es tat einem wohl,

sie nur anzusehen, so wohl war es ihr in der neuen Heimat.

Das Singen hatte sie nicht verlernt, denn das übte sie täglich, und

es kam ihr jetzt recht von innen heraus, so fröhlich konnte sie sein.

Und noch viel anderes lernte sie dazu, denn die Mutter wollte ihr eine

rechte Mutter sein, und sie wollte eine geschickte, fleißige Tochter

heranziehen. Sie hatte es immer besser verstanden, was es heißt, wenn

man ein Kind um Gottswillen aufnimmt, und sie wurde immer fröhlicher

und dankbarer dabei.

Röschen, Jaköble und andere kleine Leute · 第 4 / 17 段